Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle by Bruno Hans Bürgel

Die seltsamen Geschichten
des
Doktor Ulebuhle

Zeichnungen
von
Edmund Fürst

Die seltsamen Geschichten
des
Doktor Ulebuhle

Ein
Jugend- und Volksbuch

von
Bruno H. Bürgel

1920
Verlag Ullstein & Co, Berlin

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1920 by Ullstein & Co
Berlin

Inhalt

Ein Vorwort für die Großen VII
Vom Doktor Ulebuhle 1
Die versunkene Stadt 6
Der Wassertropfen 16
Gespenster-Heinrich 30
Der Diamant und seine Brüder 44
Der alte Baum 56
Johann der Wunderbare 60
Das Zündholz und die Kerze 73
Der Weltuntergang 83
John Dolland, der Taucher 87
Das Herz und die Taschenuhr 110
Ein Tag auf dem Monde 115
Die Schwalbe und der Telegraphenpfahl 135
Der Eisberg 142
Die Busennadel 151
Der Tod in der Flasche 161
Als die Sonne feierte 176
Der gläserne Sarg 184
Gebrüder Sturm 188
Die sonderbare Welt 211

Ein Vorwort für die Großen

Der deutschen Kinderwelt steht eine Fülle von wundervollen Märchendichtungen zur Verfügung. Sie alle sind so gemütvoll, anziehend und phantasiereich, ja zum Teil (insbesondere für den Erwachsenen) so reich an ernsten Gedankengängen, daß sie auch in unserer immer materialistischer werdenden Zeit das Herz des Kindes wie des Erwachsenen, der sich ein Plätzchen für das Stille und Beschauliche bewahrt hat, mit Freude erfüllen werden.

Dennoch entgeht es wohl dem tiefer Blickenden nicht, daß die Jugend des zwanzigsten Jahrhunderts, insbesondere die Großstadtjugend, und auch da wieder vor allem die Buben, sobald der erste Schmelz der Kindlichkeit dahin ist, kein rechtes Verhältnis mehr zu diesen Märchen gewinnt. Es geht dem alten poesievollen Märchen so ähnlich wie dem so reizenden Kasperletheater unserer eigenen Jugendtage: Die oft recht wenig poesievolle und noch weniger zum Kinderherzen sprechende flimmernde Leinwand hat es zum alten Eisen geworfen.

Die Zeiten haben sich geändert! Man kann das bedauern, aber schwer ungeschehen machen. Das Kind des zwanzigsten Jahrhunderts hat einen starken Wirklichkeitssinn und eine große Hinneigung zu technischen Dingen, mit denen es ja auch tagtäglich – zum mindesten in größeren Orten – in engste Berührung kommt. Kein Wunder, daß es mit einer mechanischen Eisenbahn lieber spielt als mit dem hölzernen Harlekin, der einmal unsere Freude war, und kein Wunder auch, wenn es spannend geschriebene Erzählungen, in denen moderne technische Wunder und aufregende Abenteuer eine Rolle spielen, lieber liest als das Märchen vom Wolf und vom Rotkäppchen, das sein Wirklichkeitssinn einfach als „unsinnig“ beiseite schiebt, während wir Großen erst wieder das Symbolische darin zu würdigen wissen.

Aus solchen Erwägungen heraus sind die vorliegenden Geschichten entstanden. Es sind gewissermaßen naturwissenschaftliche Märchen. Märchen nur der Form nach; ihr Kern besteht aus leicht faßlichen naturwissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen und Erfahrungen, und wenn die Kinder dieses Buch mit einigem Interesse (wie ich hoffen darf) gelesen haben werden, so haben sie eine ganze Masse dabei gelernt und sich doch gut unterhalten. Auch der Humor und eine kleine moralische Nutzanwendung kommen da und dort zu ihrem Recht.

Als ich vor nunmehr zwanzig Jahren zum erstenmal den Versuch machte, in der hier vorgetragenen Weise das „Märchen des zwanzigsten Jahrhunderts“ zu schaffen, fanden die wenigen Proben eine so allgemein günstige Aufnahme, daß ich den oft mir geäußerten Wünschen, einen ganzen Band solcher Erzählungen herauszugeben, glaubte nachkommen zu sollen. Wozu mir schöne Friedensjahre nicht Zeit ließen, das entstand dann in langen Kriegsjahren draußen „an französischen Kaminen“. Im Kriege ersonnen, in Revolutionstagen niedergeschrieben, mögen diese Erzählungen, das ist mein Wunsch, den deutschen Kindern, die nicht minder schwer als wir Großen die Härte der Zeit gespürt, ein wenig Freude und ein wenig Sonnenschein bringen.

Bruno H. Bürgel

Neubabelsberg bei Potsdam

Vom Doktor Ulebuhle
Meine lieben jungen Freunde! Ehe ihr nun die Geschichten des Doktor Ulebuhle lest, wollt ihr sicher auch wissen, wie sie denn zustande gekommen sind, und was es mit dem Ulebuhle für eine Bewandtnis hat. Eigentlich hieß er gar nicht so, und wie in Wahrheit sein Name war, das haben die Kinder nie erfahren, oder sie hatten es wieder vergessen, aber so viel weiß ich, daß er ein schnurriger Kerl war, so schnurrig wie der Name, den ihm die Leute gegeben hatten.

Da unten im Harzgebirg mit seinen dunklen Tannenbergen liegt die alte Kaiserstadt Goslar, mit ihren uralten spitzen Türmen, seltsamen Torbogen und engen Gassen mit wunderlichen, jahrhundertealten Häusern am Fuße des Rammelsberges, in dem tief, tief unter der Erde die Bergleute pochen. Vor vielen Jahren lebte da der Doktor Ulebuhle. Er bewohnte ganz allein eines jener etwas windschiefen, mittelalterlichen Häuser, die verwundert aus ihren vom Alter fast erblindeten winzigen Fensterchen in die neue Zeit hineinblinzeln. Oben auf dem Hause war ein Turm, gedeckt mit lauter Schiefertafeln, fast so wie die, mit denen wir Buben zur Schule zogen, und da oben hatte Ulebuhle ein großes Fernrohr stehn, mit dem man den Mond und die Kometen betrachten konnte. Und dann waren da im Hause ein paar ganz einfache Zimmerchen, mit alten Möbeln und seltsamen Uhren und allerlei Schnickschnack, und eines davon war ganz mit Büchern vollgestopft, daß man nicht wußte, wohin man treten und wohin man sich setzen könnte. Nebenan sah es noch viel toller aus! Das wahre Museum. Ausgestopfte Tiere, versteinerte Fische und Schnecken, Tiergeripp und Totenbein, und Schmetterlingssammlungen und seltene Käfer. Erdglobus und Himmelsglobus, Elektrisiermaschinen und Mikroskope, hundert Instrumente und weiß der Teufel was noch für Krimskrams.

Und da hauste der alte Ulebuhle ein Leben lang wie ein Maulwurf in seinem Bau. Er hatte keine Frau und keine Kinder; ein ganz altes Weiblein mit einer großen schwarzen Haube besorgte alles und war der einzige Mensch, mit dem sich Ulebuhle vertrug, denn er war ein rechter alter Knurrhahn.

Und wenn ihr nun fragt, wie er ausgesehen hat, der Doktor Ulebuhle, so muß ich sagen, höchst schnurrig! Er war so groß, daß er kaum durch die niederen Türen des alten Hauses ging, und dürr wie ein Pfeifenrohr. Das Alter hatte sein Gesicht in tausend Runzeln zerrissen, es war bartlos und von vielem Tabakrauch gebräunt wie eine alte Meerschaumpfeife, und eisengraues Haar bedeckte das Haupt. Was aber ganz putzig aussah und uns Kindern als das Sonderbarste vom Sonderbaren erschien, das war das kleine Zöpfchen, das dem guten Ulebuhle hinten über den Rockkragen baumelte. Ein Zöpfchen, nicht länger und kaum dicker als ein Rattenschwanz, eisengrau, und mit einer winzigen schwarzen Schleife nahe der Spitze. Mein Vater sagte mir zwar, und aus alten Büchern könnt ihr das ja auch an den Bildern sehen, früher hätten die Männer alle so kleine Zöpfchen getragen, und der gute alte Ulebuhle, der schon fast siebenzig Jahre alt war, habe es sich nur nicht mehr abgewöhnen wollen, als die neue Mode kam und eines Tages schnipp-schnapp die ganzen Zöpfe von der großen Schere der Zeit weggeputzt wurden, aber das ist egal, es sah doch zu schnurrig aus. Zudem trug er auch noch eine mächtige Hornbrille, mit großen runden Gläsern, und wenn er dann so bedächtig mit den Augendeckeln klappte, dann sah das in Verbindung mit der Brille und der scharfen Hakennase aus wie bei einer Eule oder „Ule“, wie die Leute da unten sagen. So aber war auch sein seltsamer Name entstanden. Eigentlich hieß er nur Doktor Buhle, für uns aber war er nur der Ule-Buhle, und dabei blieb es!

In einem langen grauen zugeknöpften Rock, Sommer und Winter mit buntkarrierten Filzschuhen an den Füßen, saß der Doktor Ulebuhle so, aus der langen Pfeife blaue Rauchwolken von sich stoßend, über seinen Büchern, seinen Instrumenten, und kümmerte sich um keinen Menschen in der weiten Welt.

Aber wenn er auch wunderlich aussah, und wenn die Leute auch verstohlen über ihn lachten, sie zogen doch tief den Hut vor ihm, wenn er mal aus dem Fenster schaute oder in seinem Garten die Bäume beschnitt, denn er war ein Mann, der so viel wußte wie keiner in weiter Runde, die Lehrer und den Pfarrer, die Ärzte und den Bürgermeister mit eingeschlossen, und das will was heißen, denn von denen wollte doch auch einer immer mehr wissen wie der andere. Er hatte viele gelehrte Bücher geschrieben, und aus fernen Ländern schickten berühmte Professoren, die so weise waren, daß sie sich Tonnenbänder um den Kopf legen lassen mußten, damit er nicht vor lauter Wissen auseinandersprang, Briefe an unseren Ulebuhle und baten um seinen Rat.

Wie aber, so werdet ihr fragen, kam nun der Doktor Ulebuhle dazu, diese Geschichten zu erzählen?

Das ging so zu: Da, wo das Haus des Doktor Ulebuhle stand, war ein freier Platz, und ein Brunnenbecken stand darauf. Hier aber versammelten wir Kinder uns am liebsten und lärmten da umher, wie eine Schar Spatzen im Kirschenbaum. Das aber war schrecklich für den Alten! Es störte ihn ganz gräßlich bei seinem gelehrten Tun, und als all sein Schimpfen nichts half, da versuchte er es auf einem anderen Wege. Er ließ uns einst, als wir an einem Sommerabend wieder um den Brunnen jagten, von der alten Dienerin heraufholen, was ihm aber nur bei den Mutigsten zunächst gelang. Mit einem seltsamen Schauder und mit einer noch größeren Neugierde betraten wir das sonst so fest für jedermann verschlossene Haus. Ulebuhle aber hielt uns eine lange Rede. Wir wären zwar allesamt Taugenichtse, die noch einmal ein übles Ende nehmen würden, sagte er in einem seltsam knurrigen Ton, aber er wolle uns alle Sonntagabend bei Kuchen und Tee schöne Geschichten erzählen, durch sein Fernrohr den Mond und die Sterne zeigen und andere Dinge, wenn wir versprächen, künftig nicht mehr um den Brunnen zu tollen und Bälle in den Garten zu werfen.

Und so geschah’s! Erst kamen nur wenige, dann mehr, und schließlich alle. Und die Geschichten waren sehr interessant, der Kuchen voller Rosinen, und um den Brunnen war es still geworden, denn keiner wollte es mit Ulebuhle verderben. Dieser aber war ein kluger Mann! Das waren keine gewöhnlichen Märchen, die er da erzählte, keine von Hexen und Menschenfressern, von Prinzessinnen und verwunschenen Froschkönigen und all solchen Dingen, die es gar nicht gibt, sondern es waren Geschichten, aus denen wir Kinder viel lernen konnten und viel gelernt haben, und nur scheinbar waren es Märchen. So wie der Apotheker eine bittere Pille, die uns kurieren soll, mit einer Zuckerhülle umgibt, damit wir sie bereitwilliger schlucken, umgab der gelehrte Doktor seine Erzählungen von all den wunderbaren Dingen der Natur mit einem Märchenkleid.

Was ich behalten habe von diesen Geschichten, das habe ich hier niedergeschrieben, und wenn ihr sie alle gelesen haben werdet, so habt ihr eine ganze Masse gelernt von Sonne, Mond und Sternen, von Wolken, Regen, Schnee und Wind, von Feuerbergen und Meerestiefen.

Wenn ihr aber etwas nicht verstanden habt oder mehr davon wissen möchtet, dann schreibt mir nur und denkt, ich wäre der Ulebuhle selber, und dann will ich mir die Hornbrille aufsetzen, es sorgfältig lesen und euch antworten, wenn auch nicht so knurrig und brummig wie Doktor Ulebuhle.

Die versunkene Stadt
«Ach, da unten im Süden ist es herrlich! So tiefblau ist der Himmel, wie wir Nordländer ihn gar nicht kennen. Eine warme Luft weht herüber vom Mittelländischen Meere, und wundervolle Blumen blühen. Lorbeerhaine stehen am Ufer, und in sonnigen Gärten leuchten Apfelsinen- und Zitronenbäume. Ja, es ist herrlich da unten im Lande Italien.

Seht, da pflügte an einem schönen Frühlingstage ein Bauer das Feld. Er zog das blanke Eisen durch die dampfende Erde, die ein warmer Regen aufgeweicht, und rauchte vergnüglich seine Tonpfeife. Das war nicht weit von dem spitzen Kegelberge, der da hoch aufragt wie ein mächtiger, umgestülpter Napfkuchen, und den die Leute „Vesuv“ nennen. Und was der Bauer konnte, das konnte der Berg auch! Eine feine Rauchsäule stieg aus seinem Gipfel, denn er ist ein feuerspeiender Berg und ein gefährlicher Bursche. Wenn er seinen Rappel kriegt, rumort er plötzlich los. Mit Blitz und Donner fährt das glühende Teufelszeug aus ihm heraus, heiße Asche und brennende Steine sausen durch die Luft und zerstören alles ringsum. Dann ist der tiefblaue Himmel verschwunden, die Lorbeerhaine verbrennen, die Apfelsinen- und Zitronengärten werden im heißen Schlamm begraben. Ach, dann ist es nicht mehr herrlich da drunten im Süden, im Lande Italien.

Der Berg raucht, aber ganz friedlich nur, und der Bauer raucht unbekümmert um ihn sein Pfeifchen, da fährt sein blankes Pflugeisen gegen ein hartes Ding. Ein Stein, denkt er und bückt sich, ihn aus dem Wege zu räumen. Aber wie er das Ding aufheben will, ist es eine wunderschöne Bronzekanne, ein metallener Krug, wundervoll verziert. Wenn man die Erde und Asche abscheuert, die ihn mit dicker Kruste überzieht, sieht man, daß er uralt ist, so, wie ihn die Menschen heute nicht mehr herstellen.

Der Bauer freut sich wie ein König. Das ist eine gar seltene Erdfrucht, denkt er, und nachdem er den Krug lange genug betrachtet, stellt er ihn behutsam seitwärts. Sein Weib wird sich freuen, ein so feines Ding auf ihrem Schrank zu haben.

Der Bauer pflügt und pflügt, und als der Mittag kommt und er eben aufhören will mit seiner Arbeit, da sitzt das Eisen wieder fest und will sich nicht mehr lösen. Ei, denkt der Bauer, bin ich ein Schatzgräber heute! Er holt seinen Spaten und gräbt das Ding heraus. Was ist es? Ein riesiger Metall-Leuchter mit fünf Armen und Löwenfüßen, und ist wohl einen Meter groß und so schwer, daß man ihn kaum heben kann.

Der Bauer ist ein Pfiffikus. Er schiebt den Strohhut in den Nacken und überlegt. Wo das gesteckt hat, kann noch mehr stecken, sagt er zu sich, und so gräbt er im Schweiße seines Angesichts immer tiefer auf seinem Acker und sieht, daß da unten alles Asche ist, Asche, die der feuerspeiende Berg wohl vor vielen Jahrhunderten ausgeworfen hat. Einen niedlichen Handspiegel findet er noch, und ganz unten stößt er auf Mauerwerk und kann nicht weiter. Tief da unten muß also einmal ein Haus gestanden haben, sagt sich der Bauer, denn wo wollte sonst das Mauerwerk herkommen?

Da lädt er denn Krug und Leuchter und Spiegel auf seinen Wagen und fährt vergnügt nach Hause. Ja, das war mal ein Glückstag für einen armen kleinen Bauersmann da drunten am Fuße des Feuerberges!

Die Bäuerin ist voll Staunen über die schönen Sachen und stellt sie stolz in ihre gute Stube, aber sie sind so schön, daß man merkt, sie gehören gar nicht hin, wo die alten wackligen Tische, die Stühle mit dem Strohgeflecht stehen.

Der Bauer sucht noch morgen und übermorgen, aber er findet nichts mehr. Am Abend sitzt er vor seinem Häuschen, schmaucht seine Pfeife und flickt am Sattelzeug seines Esels. Sieh, da staubt es auf der Landstraße, und eine Kutsche, mit zwei schönen Pferden bespannt, kommt dahergerollt.

Ein vornehmer Mann sitzt darin. Der Bauer grüßt und der Vornehme grüßt freundlich wieder. Er läßt halten.

„Kann man einen guten Schluck Landwein bei Euch haben, guter Mann?“ fragt der Vornehme.

„Ei freilich, Euer Ehren!“ antwortet der Bauer.

Da steigt der Mann aus seinem Wagen und geht in das Haus. Er trinkt sein Gläschen Wein und sieht verwundert Leuchter und Kanne und Spiegel und betrachtet sie von allen Seiten rundum, wieder und immer wieder.

„Freund,“ sagt er endlich zu dem Bauer, „wo habt Ihr diese Dinge her? Das ist uralte wunderbare Arbeit. Vor Jahrhunderten, wenn nicht vor Jahrtausenden muß diese Gegenstände ein Künstler geschaffen haben. Sie sind einen Scheffel Silber wert, und wie kommt es, daß sie in Eurem bescheidenen Hause stehen?“

Ein Wort gibt das andere, der Bauer will erst nichts von seinem Geheimnis erzählen, aber als er merkt, daß der Vornehme ein Mann von der Regierung ist, da berichtet er, wie alles hergegangen.

Der Fremde nickt und hat verstanden, und dann sagt er, daß er wiederkommen werde, und bedeutet dem Bauer, seine Schätze wohl aufzuheben, denn man würde sie ihm zu hohem Preise abkaufen. Dann fährt er davon.

Nach drei Tagen rollen zwei Kutschen vor des Bauern Haus. Der Vornehme ist wieder da, und noch sechs andere Herren in feinen Röcken und mit goldenen Brillen auf der Nase sind bei ihm. Alle betrachten die alten Schätze, und dann fahren sie hinaus auf den Acker und bedeuten dem Bauer, mit einigen Arbeitern, mit Schaufeln und Picken nachzukommen.

Da graben sie denn bis zum Abend und graben da und dort und finden überall unter der viele Meter dicken Aschenschicht Mauerreste, Teile von Dächern, Säulen, auch manches kleine Kunstwerk noch, und endlich, gegen Abend, das Knochengerüst eines Menschen.

Da wissen die gelehrten Männer, hier unter dem Acker liegt eine alte Stadt. Eine Stadt, die vor vielen Jahrhunderten versunken ist, verschüttet wurde durch den Steinregen und Ascheregen, den der feuerspeiende Berg da hinten über die unglückliche Stadt schüttete.

„Freund,“ sagen die gelehrten Männer zu dem Bauern, „Ihr habt einen großen Fund gemacht und sollt dafür reich belohnt werden, so daß Ihr Euch ein schönes Häuschen kaufen könnt, und neue Äcker und wohl gar ein Weingut. Diese Schätze aber und Euren alten Acker, den müßt Ihr freigeben, denn wißt, Ihr pflügt über einer versunkenen Stadt, die hier unterging, bald nachdem Jesus Christus am Kreuze verschieden. Wir wissen es lange aus alten Schriften, daß hier zwei Orte standen, Herculanum und Pompeji geheißen, die der Vesuv verschüttete. Ihr habt endlich ihre erste Spur gefunden, und nun wollen wir sie wieder ausgraben, die alten Städte.“

So sprachen die Männer, und so geschah es. Der Bauer wurde reich belohnt, er zog ein wenig weiter hinunter in die Ebene und wurde bald ein wohlhabender Mann. Auf seinem Acker aber, und weit in der Runde, ging es nun geschäftig her. Hunderte von Arbeitern kamen, die schaufelten und pickten Tag um Tag, Monat um Monat, rollten unablässig die Aschenmassen fort, unter denen die alten Städte versanken, und langsam kamen sie zum Vorschein.

Ja, das war wie ein großes Wunder! Nach Jahr und Tag konnte man wieder durch die Straßen von Herculanum und Pompeji wandern, in die Häuser eintreten, die siebzehn Jahrhunderte früher versanken. Der alte Berg im Hintergrunde, der noch immer ein klein wenig schmauchte, blickte verwundert herüber. Da kamen all seine Schandtaten wieder ans Tageslicht. Der gute Mond aber, der sein bleiches Licht in die öden, toten Gassen der ausgegrabenen Städte warf, machte ein verdutztes Gesicht. Ja, vor siebzehn Jahrhunderten sah es hier anders aus, da liefen fröhliche Menschen in langen weißen Gewändern in den Gassen einher, spielten Kinder, tönte Gesang durch die Straßen, fuhren hohe zweirädrige Wagen mit schönen, kräftigen Männern ratternd hinaus in die Ebene. Nun war die Stadt tot, aber sie war wieder auferstanden, und der alte Mond konnte wieder sein Licht auf die weißen Wände der Häuser werfen, die so lange Zeit unter der Erde verborgen waren, begraben durch den rauchenden Berg.

Die Menschen aber wanderten durch die Ruinen und konnten sich nicht satt daran sehen, wie hier ihre Vorväter gewohnt und gearbeitet, gelebt und gelitten hatten.

Ja, da sah man noch alles so deutlich, als sei es erst gestern geschehen! Die Straßen waren grade und sauber, schöne Tempel standen da und kreisrunde Zirkus-Theater, Säulentore und steinerne Badehäuser, Gärten und Türme. Wundervolle Malereien waren an den Wänden, Tische und Bänke, Leuchter und Spiegel, Kannen und Krüge, Teller und Messer, Betten und Schränke fanden sich noch überall in den Häusern. Da sah man noch allerlei Ankündigungen an den Mauern der Häuser, sah noch allerlei Kritzeleien, die auch damals schon ungezogene Buben eingeritzt, und konnte in Kaufmannsläden und Schenken, Apotheken und Bäckereien eintreten.

 

Noch heute ist das alles zu sehen, und wer hinunterreist nach dem sonnigen Lande Italien, da, wo der Vesuv raucht, der sieht sie noch jetzt so stehen, die versunkenen Städte, kann dahinwandeln in den Gassen und die Bilder beschauen, die vor fast zweitausend Jahren die alten Künstler an die Wände malten.

Aber wenn die Männer, die die Städte ausgruben aus dem Aschenmeer, hineingingen in die Häuser, dann fanden sie zusammengekauert die Skelette der Menschen, die damals gelebt, die der Berg lebendig begraben. Da konnte man sehen, wie die Mutter ihre Kinder an sich preßte, wie sie nahe der Tür kauerten, die nicht mehr aufging, weil der Steinregen sie zusperrte. Da konnte man noch sehen, wie die Männer sich abgemüht hatten, die Hauswände zu durchbrechen, und fand in den Gassen Fliehende, die vom Steinregen erschlagen wurden.

Ach, es war ein trauriges Bild, und es gab wohl Leute, die noch weinen konnten über die Armen, die vor vielen Jahrhunderten hier mitten im friedlichen Glück des Hauses grausam getötet wurden von dem schrecklichen Berge.

Kommt ihr hinunter in den schönen Süden, vergeßt sie nicht aufzusuchen, die Stätte des Schreckens: Herculanum und Pompeji!

 

Seht, da wandeln die kleinen Menschen vergnügt auf der Erdkugel umher, wie die winzig-winzigen Bazillen, die auf einem Apfel leben. Sie bauen ihre Häuser und Städte, sie säen ihr Korn und pflanzen ihre Bäume und tummeln sich in tausenderlei Geschäften. Aber die Schale eines Apfels ist nur ganz dünn, und dann kommt das Fleisch, und die Schale der Erdkugel ist auch nur ganz dünn, und drunten ist alles Glut und Feuer. Die kleinen Menschlein aber spazieren da oben auf der Erdschale herum und denken gar nicht daran, daß unten das Feuermeer brodelt, wie in einer wahrhaftigen Hölle. Die dicke Schale von Stein und Sand wird es schon da unten schön beieinander halten, denken sie. Aber die Schale hat tausend kleine Risse und Löchlein, und da hinein läuft auch dann und wann das Wasser des Meeres. Es rinnt durch allerlei geheimnisvolle Gänge und Schluchten tief hinunter in die Gesteine, und plötzlich kommt es dahin, wo das unterirdische Feuer glüht und sprüht. Da vermischt es sich mit der heißen Höllenglut, und mit einem Male ist der Teufel losgelassen von seiner Kette. Die Höllenglut und das Wasser vertragen sich nicht. Das dampft und zischt und explodiert wie Millionen Granaten, wie hunderttausend Dampfkessel, und schleudert mit wilder Wut gegen die Erdschale. Da reißt sie entzwei, das wilde Feuer bricht aus dem Innern hervor, schleudert Steine und Erde ringsum, und der feuerspeiende Berg ist fertig. Aus dem Loch in der Erdschale aber fließt glühendes Gestein als ein siedeheißer Brei immer weiter hervor, heiße Asche und Millionen Steine schießen aus dem schrecklichen Berge, der sich über dem Höllenloch türmt, tagelang hervor wie aus einer Kanone, und alles ringsum wird verwüstet und vernichtet. Die Menschlein aber kriegen es mit der Angst! Die Erdschale ist zerrissen, das wilde Feuer steigt heraus, sie fliehen entsetzt von der grausigen Stätte.

 

Es war am 23. August des Jahres 79. Ein blauer Himmel lag über dem Meere, und aus Blütengärten zog ein süßer Duft über das Land. Die weißen Häuser der Städte Herculanum und Pompeji glänzten in der Sommersonne, und im Hintergrunde stand der Kegel des Feuerberges, umgeben von grünen Weingärten.

Die Menschen wanderten fröhlich durch die Straßen, saßen bei allerlei Handwerk vor ihren Hütten, und die Kinder spielten zwischen den steinernen Säulen der Torbogen. Am Abend, bei Sonnenuntergang, sollte in dem großen Zirkus ein Wagenrennen sein, und die Frauen saßen in ihren Gemächern und schmückten sich.

Als die Sonne sich hinabsenkte zum Meere, da stand über dem Berge eine dunkle Rauchwolke, und wenn es einen Augenblick still war in den Straßen, hörte man unter der Erde ein dumpfes Brausen und Grollen, aber niemand achtete darauf, denn jahrhundertelang war der brennende Berg friedlich gewesen und die Menschen hatten vergessen, daß er wie ein Panter heimtückisch auf der Lauer lag, sie zu überfallen. Sorglos noch, eilten sie festlich gekleidet zu dem Schauspiel, aber immer dunkler stand über dem Berge die Wolke, immer lauter grollte es in der Tiefe, und ganz leise zitterte der Boden unter den Füßen. Da wandten viele den Blick zu dem Berge, und ein dunkles Ahnen kommenden Schreckens stieg auf in den Herzen der Menschen.

Die Nacht verging noch ruhig, am nächsten Morgen aber stieg die Sonne blutig rot auf, und unheimlich rumorte es in den Schlünden der Erde. Über dem Berge stand eine seltsame schwarze Wolke, riesenhoch. Wie ein Baum erhob sie sich und breitete sich in der Höhe aus gleich einem breiten Blätterdach. Immer weiter und weiter schwebte ihre Masse, sie verdunkelte die Sonne, machte den Tag zur Nacht, und ungeheure Aschenregen senkten sich aus ihr hernieder. Dumpf grollte der Donner vom Berge her, grelle Blitze zuckten durch die zunehmende Finsternis. In der Ferne aber lag im Sonnenschein das Meer und die Küste, und in den Ortschaften dort standen die Menschen und sahen entsetzt nach dem furchtbaren Berge und betrauerten die Menschen, die an seinem Fuße wohnten.

Zur Mittagszeit ringelten sich plötzlich glühende Schlangen aus dem Rachen des Berges hervor, flossen in die Weingärten, verbrannten alles ringsum, zerstörten die Wohnungen der Menschen. Da liefen die Bewohner von Herculanum und Pompeji wehklagend durch die Gassen, eilten mit ihrer Habe fort aus der Stadt, weiter hinaus in die Ebene. Aber ein neues Unheil kam vom Feuerberge! Aus seinem Innern schoß ein unendlicher Hagel von glühenden Steinen, stundenlang, tagelang, der erschlug Hunderte der Fliehenden, und die Landstraßen und Felder waren bedeckt mit Männern, Weibern und Kindern, die in der tiefen Finsternis mitten im hellen Tag untergingen. In Todesangst eilten die andern weiter, umwallt von der sinkenden Asche, umrauscht vom Steinhagel, umzuckt von den Blitzen aus der Höhe. Der Donner rollte. Aus dem Erdboden, der da und dort barst, stiegen giftige Schwefeldämpfe auf, dunkelrot glühend krochen die Schlangen des Feuerbreies, der dem Berge entquoll, immer weiter hinein in die Ebene. Jeder dachte nur an die eigene Rettung. Der Freund verließ den Freund, schreiend wälzte sich der Strom der Fliehenden dahin.

Mit Schiffen wollte man vom Meere her den Bedrohten Rettung bringen, aber der Steinregen vertrieb die Seeleute, und einige, die gelandet, erstickten in den giftigen Dämpfen, die dem Boden entstiegen.

Viele von den Einwohnern der unglücklichen Städte waren in den Häusern zurückgeblieben. Sie fürchteten in dem Steinregen umzukommen und verkrochen sich in ihren Gemächern vor dem dichten Staub, der die Luft erfüllte. Da harrten sie der Stunde der Erlösung von all den Übeln. Aber drei Tage und drei Nächte wütete der schreckliche Berg. Immer dichter fiel der Staub, immer höher türmten sich die Steine. Die Häuser versanken darin, die Menschen wurden begraben in der heißen Asche, und jeder Laut erstarb.

Fern auf den Höhen aber standen die Bewohner glücklicherer Orte und sahen Herculanum und Pompeji untergehen.

Als am vierten Tage der Himmel sich wieder ein wenig geklärt, das unterirdische Rollen nachgelassen, die Sonne wieder ein wenig die noch immer mit Asche gefüllte Luft durchdrang, wagten sich mutige Männer heran an die Stätten des Grauens, aber keine Spur mehr fanden sie von den Ortschaften, die hier gestanden. Bis an den Knien versanken sie in der heißen Asche, Herculanum und Pompeji waren vom Erdboden verschwunden, versunken im Aschenmeer, und in der Ferne ragte der Feuerberg düster und drohend aus der stauberfüllten Luft.

Da wandten sie sich verstört und traurig um und verließen das weite Aschenfeld, auf dem vor wenig Tagen noch zwei reiche Städte gestanden.»

Der Wassertropfen
«Kinder,» sagte der Doktor Ulebuhle, «heut will ich euch die Lebensgeschichte eines winzigen kleinen Tropfens erzählen, den ihr alle kennt und der euch schon überall in der Welt angenehm und unangenehm begegnet ist, und dieser kleine Wicht ist der Wassertropfen!»

«Ulebuhle, das wird aber nur eine kurze Geschichte werden, denn so ein Wassertropfen ist eins, zwei, drei hin und beim Teufel, und dann ist die Geschichte aus!»

«Schnedderengteng, ihr Naseweise und Galgenvögel!» schnob der Alte los und putzte sich mit seinem großen, buntgeblümten Taschentuch die Hornbrille. «Erst einmal abwarten! Und wem’s nicht paßt, der drückt sich. So ein Wassertropfen hat mehr erlebt als ihr, und ist vor allen Dingen nützlicher und alten Leuten weniger ärgerlich.»

Da saßen wir Kinder denn schnell nieder, schluckten unseren Tee und hackten mit dem Sägewerk unserer Zähne gewaltige Stücke aus dem Kuchen der alten Christine, denn der war allemal gut und voller Rosinen.

«Seht,» hub der alte Ulebuhle an, «da saß ein kleines Mädchen im Garten auf der Rasenbank unter dem Holunderbusch, und eine Träne rann ihm über die Wange. Des Mädchens Mutter war zu Grabe getragen worden, und das ist der traurigste Augenblick im Leben eines Menschen, denn Leute gibt es viele auf der Welt, aber nur eine Mutter. – Die Träne funkelte wie ein Diamant auf der Wange des Mädchens, denn die liebe warme Julisonne spiegelte sich in ihr. Das war die Geburtsstunde unseres Wassertröpfchens, denn eine Träne ist ja nichts anderes als ein Wassertropfen edelster Art; der Schmerz ist seine Mutter.

Aber unser Wassertröpfchen selbst war gar nicht traurig. Dem kleinen Wicht gefiel es ganz gut auf der Welt. Er saß da schön weich und warm und liebäugelte mit der Frau Sonne, die hoch oben im Blauen stand, als unentgeltliche Zentralheizung im großen Weltgebäude. Da hinauf zu der hellen Lampe möchte ich auch einmal, dachte das Tröpfchen, und es war, als ob es die Sehnsucht nach der Sonne verzehrte, denn es wurde immer kleiner und kleiner, und schließlich ward es ganz unsichtbar für ein menschliches Auge.

Nun denkt ihr sicher, die Geschichte ist aus, denn der Tropfen ist fort, wie wir es gleich anfangs gesagt haben, und der alte Ulebuhle ist zu Ende mit seinem Latein. Aber da irrt ihr sehr, ihr Grünspechte, denn jetzt fängt meine Geschichte eigentlich erst richtig an. Glaubt nur ja nicht, daß der Wassertropfen nun nicht mehr vorhanden war, weil man ihn nicht mehr sehen konnte. Es geht überhaupt nichts verloren in der Welt, denn das wäre eine schöne Türkenwirtschaft. Alles bleibt bestehen, nur die Form ändert sich.

Unser Tröpfchen hatte sich in der Sonnenwärme in lauter winzige Wasserbläschen aufgelöst, die so ähnlich beschaffen waren wie eine Seifenblase, nur unendlich winziger. Da schwebten sie nun hin in der lauen Luft, und der Wind trieb sie langsam vor sich her. So kamen sie schließlich über eine große Heide, wo dünne Kiefern im heißen Sande standen. Der Sand war so warm, daß er die Luft erhitzte, und wie die heiße Luft im Zimmer emporsteigt, zur Decke, so auch hier. Der Luftstrom strebte aufwärts, immer höher und höher, und nahm die Bläschen unsres Wassertropfens mit sich, hoch hinauf in den blauen Äther. Ein Flieger sauste schnurrend vorüber und hätte beinahe die Teilchen des Tropfens auseinander gewirbelt, und dann wäre es um ihn geschehen gewesen, aber es ging noch einmal gut ab.

Da oben war es empfindlich kalt, und wie die Wärme die Teilchen des Tropfens auseinandergezogen hatte, so verdichtete sie die Kälte wieder, und mit vielen tausend Millionen anderen zusammen bildeten die Wasserteilchen eine Wolke. Weit da drunten lag die Erde, mit winzigen Dörfchen, und das kleine Mädchen, das hinaufsah zu der weißen Wolke, die da in der Höhe wie ein Schiff hinsegelte, dachte gewiß nicht daran, daß in ihr der Wassertropfen schwebte, der als Träne aus ihrem Auge geflossen war. Seht, so geht es oft im Leben, daß wir an einem guten alten Bekannten vorbeigehen und ihn nicht erkennen, weil er alt und grau geworden ist und einen anderen Rock an hat als damals, als wir mit ihm gut Freund waren!

Der Wassertropfen segelte in der Wolke weit über Länder und Meere und dachte ein über das andere Mal: Wie groß ist doch die Welt und wo überall wohnen doch Menschen! – Als der Abend kam, da war die Wolke drunten im Süden, über dem Mittelländischen Meere, und in der Ferne blinkten die Lichter der italienischen Küste. Aus dem Meere aber stieg immer mehr Feuchtigkeit empor zu den Wolken, so daß die Luft das viele Wasser nicht mehr tragen konnte, denn es war nach Sonnenuntergang sehr kühl geworden, und die Wasserteilchen hatten sich immer mehr zusammengeballt, bis es wieder Tropfen wurden. Da beschloß denn die Luft, die ganze Gesellschaft einfach abzuschütteln. Der Wind brauste daher, und mit Millionen anderen fiel unser Wassertropfen aus der Wolke nieder, schneller und schneller. Er war zum Regentropfen geworden!

Drunten rollten die grünlichen Wellen des Meeres. Ein großer Dampfer mit roten, grünen und weißen Lichtern rauschte in voller Fahrt daher und warf mächtige, weißschäumende Strudel mit seiner Schiffsschraube auf. Die Steuerleute standen auf ihrem Posten und spähten scharf hinaus in das Dunkel. Ganz in der Ferne sah man ein helles Licht, das abwechselnd aufblitzte und wieder verschwand; das war der Leuchtturm der Hafeneinfahrt von Neapel. „Wir müßten schon lange im Hafen sein,“ sagten die Steuerleute, „und nun fängt es auch noch an zu regnen!“ Und dann schimpften sie über Wind und Wetter, denn es ist kein Vergnügen für einen Seemann, in Sturm und Regen auf dem Posten zu sein.

Klatsch! Da lag unser Regentropfen plötzlich im Meer und hatte seine Reise von der Wolke zur Erde vollendet. Das ist doch endlich wieder etwas Reelles, dachte er. So als Luftikus in den Wolken zu schweben ist eine gefährliche Sache, denn man kann nie wissen, wo man hinfällt, wenn’s abwärts geht. Aber so im Ozean zu schwimmen, wo man eigentlich hingehört von Rechts wegen, das ist eine sichere Sache. Aber o weh, es kam ganz anders! Er war noch nicht eine Minute im Meer, da brauste mit voller Fahrt der Dampfer daher, und man hörte das taktfeste Stampfen seiner Maschinen. Und so eine große Schiffsdampfmaschine ist ein gefräßiges Ungeheuer, das gierig Kohlen und Wasser verzehrt, um den Dampf zu erzeugen, der die Schiffsschrauben in Bewegung erhält, die den Dampfer vorwärts treiben. Da war eine Saugpumpe seitwärts am Schiff, und die saugte grade in dem Augenblick, als unser Wassertropfen an ihr vorbeiglitt, mit breitem Maul neues Wasser in den Schiffskessel, um das verbrauchte zu ersetzen.

Das Tröpfchen fühlte sich plötzlich ergriffen, in einem rasenden Strudel fortgerissen und langte wenige Sekunden später im Schiffskessel an. Herr Gott, war das eine schreckliche Geschichte! In diesem eisernen Ungetüm war eine Siedehitze, denn gewaltige Feuergluten durchströmten die Kesselröhren, um das Wasser in Dampf zu verwandeln. Dem Tröpfchen wurde weh und übel; es wurde von der Hitze gezwickt und gezwackt und auseinandergezerrt, und schließlich war es wieder in seine Teile aufgelöst, war Wasserdampf geworden, der unter ungeheurem Druck wallend und zischend in ein enges Rohr hineingepreßt wurde. Es geht ans Leben, dachte das Tröpfchen, das eigentlich keines mehr war, jetzt ist es aus mit mir, das kann kein Teufel überstehen, und ich bin ein verlorener Mann! Auf einmal tat sich eine winzige Öffnung vor ihm auf, die führte in den Zylinder der Dampfmaschine. Mit ungeheurer Gewalt schoß der Dampf da hinein und drückte, voll Wut über die schlechte Behandlung, die ihm im Kessel widerfahren, gegen den dickschädligen Kolben, der ihm den Weg versperrte. Dieser wich verblüfft zurück, schob die Kolbenstange vor sich her, und die gab den Stoß wieder weiter an die riesige Kurbel, die die Schiffsschraube drehte und das Schiff vorwärts trieb.

Weiter aber wollte man auch gar nichts von den Wassertropfen, die das vollbracht! Der Dampf entwich durch eine Öffnung, da war es wieder kühl, und die Bläschen schlossen sich wieder eng aneinander und bildeten Tropfen. So kam denn auch unser kleiner Wicht wieder aus der Hölle heraus und rann durch einen Wasserhahn ins Meer.

Seht, Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «so ist das nun in der Welt! Wenn einer arbeiten soll, dann geht das nicht ohne Plackereien ab, und man hat seinen Ärger dabei, aber wenn’s vorüber ist, dann sieht man doch, daß man was Nützliches getan hat, und das ist auch was wert, und der Mann im Arbeitskittel ist allemal mehr wert als der Nichtstuer, und wenn sein Rock noch so verbrämt ist!

Es ist doch nicht zu sagen, was man alles erlebt, dachte das Tröpfchen. Hätte ich wohl je geglaubt, als ich im Sonnenschein auf der Wange des kleinen Mädchens schwebte, daß ich noch einmal helfen würde, einen Dampfer nach Neapel zu treiben?! Es geht schnurrig zu in der Welt.

So schwamm denn das Tröpflein mit den Wellen dahin und erholte sich von den ausgestandenen Schrecken, denn es war ganz vergnüglich, so an den sonnigen Küsten des Südens, mit ihren Orangen- und Olivenhainen, dahinzutrollen und den Italienern und Spaniern beim Singen ihrer Nationallieder zu lauschen. Um die Mittagszeit brannte die Sonne aber derart auf die See nieder, daß viel Wasser verdunstete und als feiner bläulicher Schleier träge über Meer und Küste lag. Die Leute, die draußen auf den Feldern und in den Gärten arbeiteten, bekamen rote Köpfe; fortwährend wischten sie den Schweiß von der Stirne und sagten ein über das andere Mal: „Puh, wie ist es schwül!“

Auch unser Wicht schwebte wieder mit in dem warmen Dunst, und es war recht langweilig, denn auch der Wind schlief, und so blieb die ganze Gesellschaft immer an derselben Stelle, in öder Eintönigkeit. Erst gegen Abend erwachte der Wind, und langsam trieb er den Wasserdampf vom Meere hinweg, hinüber zur afrikanischen Küste. Hier war der weiße Sand von der Sonnenglut erhitzt wie eine Ofenplatte, und die Hitze trieb den blauen Dunst empor wie einen Luftballon, bis er hoch im Blauen schwebte. Hier aber war es eisig kalt, und aus den Wasserteilchen schuf der Frost winzige spitze Eisnadelchen, bis eine ganze Wolke von Eisnadeln entstanden war. Das geschah in sehr großer Höhe, wohl zehntausend Meter über der Erde, und nur die allerhöchsten Wolken schweben so fern vom Erdboden, wo kein Flieger und kein Luftschiff mehr hinaufsteigt. Es waren aber auch ganz besondere Wolken. Die Leute, die sie von der Erde aus sahen, sagten erfreut: „Ei seht, was für seltsame Wolkenfederchen da oben hinziehen. Es sieht aus, als habe der alte Petrus seine Bettdecke ausgeschüttelt!“

Der scharfe Wind trieb die Eisnadelwolken nach Norden, bis sie über hohen, schneebedeckten Bergen standen, und das waren die Alpen. Tief drunten waren wunderschöne grüne Wiesen, auf denen bei den Almhütten Kühe weideten, und noch tiefer niedliche Dörfchen. Droben aber glitzerten die Gipfel von Eis und Schnee, und es war ganz einsam und still.

Langsam senkte sich die Wolke infolge ihrer eigenen Schwere immer tiefer, und die winzigen Eisnadeln drängten sich aneinander und wurden zu wundervollen Sternchen, so schön, wie sie der größte Künstler nicht zierlicher hätte herstellen können, und dann fielen sie langsam, langsam zur Erde nieder: Es schneite!

So war aus unserem Wassertropfen ein kunstvolles Wunderwerkchen geworden, ein Schneesternchen, und das hatte der Künstler Frost geschaffen, ohne alle Werkzeuge, und zu Millionen in einer einzigen Minute! Das Sternchen wirbelte nieder, andere gesellten sich unterwegs zu ihm, legten sich daneben, darauf und darunter, und so entstand eine Schneeflocke, und mitten darinnen hauste unser winziger Wicht.

Die Schneeflocke fiel hoch oben in den Bergen zu Boden, und da lag sie mit Milliarden zusammen, und Milliarden neue kamen hinzu und legten sich darüber. Da lag nun die ganze feuchte Gesellschaft, und es war eine höchst langweilige Geschichte, denn es war da oben öde und kalt, und man war gefangen. Das Wassertröpfchen seufzte sehr und dachte darüber nach, wie schön es doch war, da oben im Blauen umherzusegeln, und wie warm die Sonne da drunten an den Gestaden des Mittelmeeres gewärmt hatte, wo lustige Menschen in bunten Gewändern lustige Lieder sangen, und wie wechselreich doch überhaupt das Leben war.

Aber nichts ist ewig, und alles nimmt einmal ein Ende! Eines Tages, als das zu Eis erstarrte Wichtlein da oben in den Bergen monatelang gelegen hatte, kam der Frühling ins Land gezogen, und vor ihm her zog mit brausenden Liedern sein Herold, der Tauwind. Der kam auch in die Berge und machte die Schneemassen weich und schmiegsam. Sie kamen langsam ins Rutschen und wurden nur noch durch eine schräge Gesteinsplatte notdürftig festgehalten, aber das Tröpfchen sah ein, daß sie da wohl nicht lange würden hängen bleiben, und daß die geringste Kleinigkeit hinreichen würde, sie allesamt hinabzuschleudern in die Tiefe. Das war eine gefährliche Sache, aber unser Wicht konnte nichts daran tun, sie zu ändern, denn er war einfach in der Masse gefangen.

Unten im Tal lag ein Dörfchen mit niedlichen Tiroler Häuschen und freundlichen biederen Leuten darin. Zuweilen, wenn der Frühlingswind so recht übermütig durch die Gassen pfiff, nahmen die Bauern die Pfeife aus dem Munde, guckten bedächtig herauf zu den Berghängen droben, und sagten: „No, jetzt muß ma fein Obacht gebn. Dös is die Zeit, wo die Lähn[1] zu Tal kimmen!“

Eines Tages, als wieder neuer Schnee gefallen war und die Luft besonders still und warm erschien, zog der Schmölzler-Seppl seine langen Stiefel an und stieg hinauf zur kleinen Sennhütte auf den Bergwiesen. Und wie er so dahinstapfte und bald oben war, da sauste es plötzlich hoch droben gar sonderbar, und eh der Seppl noch recht zur Besinnung kam, da brauste eine ungeheure weiße Masse auf ihn zu: eine Lähn oder Lawine! Wäre der Schmölzler-Seppl grade mitten davor gewesen, so war’s um ihn geschehen, so aber war er etwas seitwärts. Die riesigen Schneemassen warfen den guten Seppl um, drehten ihn siebenmal umeinand, so daß seine Arme und Beine wie Windmühlenflügel umherwirbelten, und dann war er plötzlich mitten in der zu Tal sausenden Schneekugel eingebacken wie eine Speckgriebe in einem Kartoffelknödel. Da rollte er denn schneller, als er hinaufgekommen war, mitten in der weichen Masse wieder hinab ins Dorf. Sie prallte gegen einen Heuschober und zerfiel, und die erschreckten Leut, die angsterfüllt aus ihren Häuschen herausgestürzt waren, sahen, wie sich der gute Schmölzler aus dem weichen Grab, das ihn nur wenige Minuten beherbergt hatte, herausarbeitete und humpelnd und fluchend in der Lawinenkugel seine Pfeife suchte.

Die Hauptmasse der Lawine aber hatte Gott sei Dank das Dorf seitwärts liegen lassen. Fauchend und krachend, riesige Bäume wie Zündhölzer abknickend, kam sie angestürmt, und ein heftiger Sturmwind ging ihr voraus. Sie verwüstete einen großen Teil des Waldes, schlug eine große Scheune wie eine Zigarrenkiste zusammen, und dann kamen ihre Massen endlich an einer Berglehne, wo ein Bach floß, zum Halten. Da waren denn die guten Tiroler Leut von Herzen froh, denn vor ein paar Jahren erst hatte eine solche Lawine den ganzen Ort begraben und Menschen und Vieh, Häuser und Scheunen vernichtet.

Aber wie war die Masse dort oben ins Rollen gekommen? O, sehr einfach! Ein Raubvogel hatte sich nur einen Augenblick ganz hoch oben niedergelassen, und als er wieder abstrich, da rollten unter seinen Krallen lose Eisstückchen bergab, um die sich der weiche Schnee herumrollte zu einem Ball, der immer größer und größer wurde, und als der Ball dann die mächtige überhängende Schneeschicht erreichte, in der unser Wassertropfen gefangen lag, da riß er sie mit sich, und nun wuchs und wuchs die Masse ins Ungeheure und stürzte als Lawine donnernd zu Tal.

Unser Wicht hatte natürlich von all dem nichts gesehen, und es dauerte lange, ehe er aus seinem Gefängnis befreit wurde. Erst als die Sonne Tag um Tag immer länger und wärmer schien, taute die Schneemasse hinweg, und endlich kam auch des Wichtes Befreiungsstunde! Da war wieder der blaue Himmel über ihm, und die liebe Sonne streichelte den erfrorenen Gesellen mit ihren Strahlenfingern. Da taute sein Herz auf, er wurde wieder der Wassertropfen und rann in den unter ihm murmelnden Bach, der frisch und klar dahinfloß.

Das war fürwahr ein lustigeres Leben, als so still und gebunden im Eise zu stecken! Das Bächlein hüpfte von Stein zu Stein, durchfloß das Dorf, kam durch saftige Wiesen und dann in einen lieblichen Talgrund. Da war es ganz reizend, und eine Wassermühle klapperte zwischen grünenden Buchen. Der alte Müller hatte eine weiße Mütze auf und nagelte hinter dem Hause an einer Schiebkarre, vorn aber, am Mühlenwehr, stand sein Gesell und seine Tochter, und die beiden hatten sich so viel schöne Dinge zu sagen, daß sie Gott und die Welt und die Mühle drüber vergaßen. Das Wassertröpfchen floß durch die dicke Holzrinne, die zum Mühlrad führte, stürzte rauschend in dessen breite, mit Moos bewachsene Speichen, so daß es sich knarrend drehte und drinnen die Mahlsteine die Weizenkörner knirschend zu Mehl zerrieben, und lief dann unten wieder hurtig im Bach davon. Es konnte grade noch sehen, wie der Müllerbursch die schmucke Dirn fest an seine rotsamtene Weste drückte, und wollte gern zuschauen, wie die Geschichte weiter gehen würde, aber da bekam ihn ein Strudel beim Schopf zu fassen und wirbelte ihn hinweg. – So geht es immer in der Welt! Wenn es anfängt interessant zu werden, müssen wir von dannen, und die Geschichten haben dann keinen Schluß!

Der Tropfen rann noch manchen guten Kilometer im Bach dahin, dann aber wurde der dünner und dünner, denn er lief über brüchiges Gestein hinweg, und das Wasser sickerte durch tausend Ritzen hinab in den Erdboden. Da war es stockdunkle Nacht und wenig interessant. Die Tropfen wanden sich mühsam durch tausend feine Kanäle und Löcher und sanken tiefer und tiefer in die Felsenmassen. Allerlei Gestein durchrieselten sie, kamen an Eisenlagern und Silberadern vorüber und lösten allerlei Salze auf, die da im Schoß der Berge ruhten. Schließlich aber traten all die versickerten Tröpfchen als Quelle wieder ans Tageslicht. Kühl und klar war das Wasser, und es schmeckte ein wenig nach den Salzen, die es gelöst, weshalb die Ärzte meinten, es sei gut für die Leute, die sich ein zu rundes Bäuchlein angemästet hätten.

Da, wo die Quelle aus dem Gebirge austrat, war eine schöne Stadt, und der Magistrat dieser Stadt hatte deshalb die Quelle auffangen lassen und leitete das Wasser durch viele tausend Röhren in alle Häuser. So kam denn auch unser Tropfen, kaum daß er das Tageslicht wieder gesehen hatte, abermals ins Dunkle und durchsauste all die Eisenröhren, bis er schließlich in einem großen Hause vor einem blanken Messinghahn stehen blieb, der hier wie ein Portier auf Posten stand und niemand durchließ. Dieses große Haus war aber eine Universität, und da war es wie in einer Schule. Es waren viele Zimmer darinnen, mit Bänken, und davor stand ein Pult, und bei dem Pult war eine große schwarze Tafel, auf der die Lehrer lauter gelehrte Dinge aufschrieben. Diese Lehrer aber hießen Professoren und mußten ohne Rohrstock lehren, denn ihre Schüler waren junge Herren, von denen manche schon einen stattlichen Schnurrbart hatten. Sie trugen bunte Mützen und hießen Studenten, und darauf waren sie sehr stolz.

In einer dieser Lehrstuben ging es ganz besonders gelehrt zu. Da stand ein berühmter Professor an seinem Pult. Er war so gelehrt, daß die Gedanken, die aus seinem Kopfe gekommen waren, im Laufe der Jahre sämtliche Haare mitgenommen hatten, aber das war für den Professor ein Glück, denn wenn er weniger kahlköpfig gewesen wäre, hätten ihn die Leute für weit weniger gelehrt gehalten. Und dieser Professor hielt eine Rede und sagte:

„Meine Herren! Alle Menschen brauchen vom ersten bis zum letzten Tage ihres Lebens Wasser, aber die wenigsten wissen, woraus das Wasser eigentlich besteht. Vor hundertfünfzig Jahren wußte es überhaupt noch kein Mensch, aber damals haben es ein paar englische Gelehrte herausbekommen. Das Wasser besteht aus zwei unsichtbaren luftigen Körpern, oder wie die Gelehrten sagen, aus zwei Gasen, nämlich aus Wasserstoff und aus Sauerstoff. Beide allein sind so unsichtbar wie die Luft, die wir einatmen, aber wenn man sie miteinander vereinigt, dann entsteht Wasser. Damit Sie mir das auch glauben, will ich hier vor Ihren Augen das Wasser in seine beiden Luftarten auflösen, und nachher will ich aus den beiden Luftarten wieder Wasser machen.“

Der Professor winkte seinem Gehilfen, und der ging an den Hahn der Wasserleitung und ließ das Wasser in ein seltsam geformtes Gefäß hineinlaufen. So kam denn auch unser Wassertröpfchen mit hinein in die gelehrte Versammlung. Es war sehr stolz darauf, denn es ist immer eine Ehre, der Wissenschaft zu dienen, aber bald wurde ihm schlimm und weh zumute, so ähnlich wie damals, als es im Dampfkessel des Schiffes gewaltsam in seine Bestandteile zerrissen wurde. Der Professor steckte nämlich zwei Drähte in das Gefäß und schickte durch diese einen elektrischen Strom, und da wurde die Sache sehr unangenehm. Der elektrische Strom zersetzte das Wasser, so daß an den beiden Drähten unablässig Gasblasen aufstiegen, am einen Draht Wasserstoff und am anderen Sauerstoff. So wurde unser Tröpfchen ein Opfer der Wissenschaft. Es wurde gewissermaßen auf elektrischem Wege hingerichtet, wie die Mörder in Amerika. Es hätte gern geweint, da es aber nur aus einer Träne bestand, so wäre es Selbstmord gewesen. So sehr sich der Wicht auch zu verkriechen suchte, wie die Buben im Wartezimmer des Zahnarztes, endlich war auch die Reihe an ihm, und er verwandelte sich in zwei Gase, die emporstiegen in dem Glasgefäß. Schließlich aber war alles zu Ende. Es war keine Spur Wasser mehr in dem Glase zu sehen, es hatte sich in Wasserstoff und Sauerstoff verwandelt, die unsichtbar da oben schwebten.

Aber was ein richtiger Gelehrter ist, der macht nichts halb, und so ging denn auch unser Professor daran, aus den beiden Gasen wieder Wasser herzustellen. Er ließ die beiden Gase zusammenströmen im Glasgefäß, und dann sandte er mit Hilfe einer Elektrisiermaschine starke elektrische Funken hindurch. Da verbanden sich die Gase wieder zu Wassertropfen und rannen zu Boden.

Die Zuschauer fanden das sehr nett, und sie gaben ihren lebhaften Beifall kund, indem sie gewaltig mit den Füßen trampelten. Der gelehrte Professor aber machte eine kleine Verbeugung und schritt erhobenen Hauptes von dannen.

Das Tröpflein lag nachdenklich im Glase. Es war gestorben und wieder auferstanden, und sein innerstes Wesen war ihm hier enthüllt worden, denn woraus es eigentlich bestand, darüber hatte es bisher noch niemals nachgedacht. Aber lange Zeit zum Überlegen hatte es nicht, denn die Stunde war aus, und alle verließen den Saal. Da kam denn auch der Diener und goß das Wasser in das Leitungsbecken, und da rollte es wieder durch viele Röhren und kam endlich außerhalb der Stadt wieder zum Vorschein, floß in einem breiten Graben dahin, der durch Wiesen ging, und endlich endete ein Teil des Wassers in einem Dorfpfuhl, mitten zwischen Gärten und Feldern und Scheunen.

Hier riecht es wenig vornehm, dachte das Tröpflein, und ein furchtbares Lumpengesindel treibt sich herum. Da schwamm eine leere Medizinflasche einher, ein paar Weinkorke, die sehr aufgeblasen taten, dann trieb ein zerrissener Kinderschuh vorüber, Seiten aus einem Lesebuch, und Strohhalme und dürre Blätter. Ratten liefen am Rande hin, und ein paar Enten schnatterten umher. Am schlimmsten aber waren die vielen winzigen Tierchen, die da im Wasser umherwirbelten und so klein waren, daß Hunderte in einem einzigen Tropfen herumschwimmen konnten. Zwei Buben kamen daher, die waren auf einer Landpartie, und da es heiß war, füllten sie hier ihre Flaschen, und tranken von dem Wasser. Wenn sie gewußt hätten, was alles für Gesindel darin umherwirbelte, hätten sie es wohl gelassen, wie es ihnen ihr Lehrer schon oft geraten. Aber Buben sind allemal Taugenichtse und wissen alles besser!

Das war kein schönes Leben hier für unseren Wicht. „Da sieht man,“ sagte er zu sich selbst, „wie man herunterkommen kann, ohne eigene Schuld! Vor wenig Stunden noch in einer gelehrten Gesellschaft auf der Universität, und nun unter diesem Lumpengesindel, das aus allen schmutzigen Gossen zusammengelaufen ist. Pfui Deubel!“

Aber auch das nahm ein Ende, denn der Reinliche und Anständige kommt doch schließlich immer wieder auf die Beine, wenn er auch mal Unglück haben kann. Da kam eines schönen Morgens der Weinbauer Jochen daher, mit seiner großen Wassertonne, die der Braune mit Hüh und Hott langsam ins Dorf zog. Am Teich machten sie halt, und ein Eimer von dem trüben Wasser nach dem anderen wanderte in die Tonne, bis sie voll war. Und dann trabte Bauer Jochen mit seinem Braunen wieder mit Hüh und Hott von dannen, hinaus zu den Weinpflanzungen. Da goß der Jochen das Wasser zwischen die Weinstöcke, und es sickerte in den Boden zwischen all dem Wurzelwerk, das von der Hitze ganz ausgedörrt war.

Da drang unser Tropfen durch die feinen Poren der Weinstockwurzeln langsam hoch empor in den Stamm, in die feinen Stiele, und endlich in die noch winzigen grünen Weinbeeren, durch die das helle Sonnenlicht hindurchschien. Da drinnen aber war es ganz merkwürdig. Wie in einer chemischen Fabrik. Das Sonnenlicht und die Sonnenwärme zersetzten das Wasser und die Stoffe, die es aus dem Erdboden mit heraufgebracht hatte, und ganz feine Ströme von Säften zogen hin und her und lösten endlich auch unseren Tropfen mit auf, so daß er Weinsaft wurde.

Und dann kam der Herbst! Da wurden die Blätter bunt, und überall wehten Fahnen, und geputzte Burschen und Mädel zogen in die Weinberge, und die Musikanten spielten einen lustigen Ländler nach dem anderen, denn es war Weinernte, und in ungeheuren Massen wanderten die vollen, süßen, reifen Trauben hinab von den sonnigen Höhen zu den Pressen, wo ihnen der Saft entzogen wurde, um in die Weinbottiche zu wandern, und endlich in die Fässer und später dann in die Flaschen.

So hatte auch unser Tropfen sich unter den Zauberkräften der Sonne in Wein verwandelt, und dann lag er lange Jahre in einer staubigen Flasche tief unten im Keller, wo die Spinnen ihre kunstvollen Netze zogen und die Mäuse wisperten. Dann aber hatte auch das ein Ende, denn der alte Doktor Ulebuhle schrieb an seinen Freund, den Weinhändler drunten am Rhein, er möchte ihm noch so ein Dutzend Flaschen senden von dem guten alten Rheinwein, und da wurde denn auch die Flasche mit herausgenommen, in der unser Tröpfchen so lange gefangen saß. Hier ist sie, ihr Racker, nun seht sie euch an!»

Damit langte der Doktor Ulebuhle hinter sich auf den Tisch und stellte eine verstaubte Weinflasche vor uns hin.

«So,» sagte er, zog schnalzend den Pfropfen aus dem grünen Flaschenhals und goß sein Gläschen voll, «nun habe ich mir die Zunge wund und den Gaumen trocken geredet, über den Wassertropfen und seine Abenteuer, und nun soll er selbst mich wieder laben und meinen Durst stillen, denn hier funkelt er golden im Glase. Wer’s aber nicht glaubt, der läßt es bleiben und trollt von dannen!»

Gespenster-Heinrich
Wenn wir zum alten Ulebuhle wollten, dann mußten wir durch eine stille, dunkle Gasse, und in der lag ein uralter Klosterfriedhof mit windschiefen Kreuzen und hohen alten Bäumen, in denen klagend der Wind harfte. Das war denn am Abend immer so ein bißchen gruselig, wenn wir Größeren auch so taten, als ob wir uns vor Hölle und Teufel nicht fürchteten. Wir gingen dann immer nahe beieinander und auch merklich schneller, denn so ganz behaglich war es uns doch nicht da in der Dunkelheit. Einmal aber war ein kleines Mädchen hinter uns zurückgeblieben. Und wie sie nun so dahintrappte, kam etwas Weißes über die Kirchhofsmauer geflattert. Es war nichts weiter als ein Leinentuch, das der Pförtnerin von der Wäscheleine geflogen war, aber es genügte, um die kleine Urschel in Todesangst zu versetzen, weil sie glaubte, ein Gespenst sei hinter ihr her. Da lief sie denn laut kreischend und weinend nach und kam noch immer weinend bei der alten Christine und dem Doktor Ulebuhle an.

Die alte Christine brachte Tee und Kuchen und tröstete unsere ängstliche Kameradin, aber der Doktor Ulebuhle ging knurrend und brummend auf seinen mächtigen Filzschuhen im Zimmer umher und schimpfte über das unvernünftige „Weiberzeug“ und über die Mägde und Ammen, die den Kindern Gespenstergeschichten erzählen und sie so verängstigen, daß sie in kein dunkles Zimmer zu gehen wagen.

«Kinder,» sagte er, «die Toten kommen nicht wieder heraus aus ihren Gräbern, um kleine Mädchen zu erschrecken. Sie schlafen da unten im Frieden und bewegen kein Zehenspitzchen mehr. Gespenster gibt es nicht, aber es gibt allerlei Angstmeier, die an Gespenster glauben, und von so einem will ich euch jetzt etwas erzählen. Er wohnte auch hier in dieser Stadt und war Kutscher und Diener beim alten Doktor Horn. Mit dem mußte er dann und wann über Land fahren, zu den Kranken, oder er mußte ihnen die Medizin bringen. Aber überall sah er in der Dunkelheit Gespenster, so daß ihn die Leute ‚Gespenster-Heinrich‘ nannten.

Der gute Doktor hatte seine Plage mit dem dummen Heinrich, und so oft er ihm auch zeigte, daß all seine Gespenster ganz harmlose Dinge waren, er fand immer neue Gespenstersorten. Von einigen seiner Schreckbilder aber will ich euch hier erzählen, damit ihr selber nicht so töricht werdet, an solchen Schnickschnack zu glauben!

Einmal, im Winter, war droben auf dem Steinberge der Bergwirt krank geworden, und der Doktor Horn schickte den Heinrich mit einer Flasche Medizin noch spät am Abend hinauf in den Tann. Anfangs war es noch ein wenig schummrig, und der Schnee leuchtete genügend, aber langsam wurde es dunkel. Da steckte denn der Heinrich seine große Stallaterne an und trabte weiter, immer bergan. Das ging eine Weile ganz gut, und nichts konnte dem Burschen beängstigend in den Weg treten. Schließlich aber kam er aus den Tannen heraus auf eine freie Hochfläche, über der dichter Nebel zog.

Es war bitter kalt, und Heinrich stellte einen Augenblick seine Laterne hinter sich in den Schnee, um sich die Handschuhe anzuziehen. Wie er eben damit fertig ist und wieder aufschaut, erschrickt er derart, daß ihm die Haare wie Stricknadeln in die Höhe fahren! Vor ihm, nicht weit fort, steht ein riesenhafter Kerl, ganz schwarz und körperlos, wie aus dunkler Pappe geschnitten. Er ist gut ein Haus hoch und in dem Nebel nur undeutlich zu sehen, aber es ist wahr und wahrhaftig keine Täuschung, er steht leibhaftig da!

„Heiliger Gottseibeiuns!“ sagt der Gespenster-Heinrich und bleibt wie angewurzelt stehen, aus Angst, der Riesenkerl könnte eine harmlose Bewegung als eine Drohung auffassen, und auf ihn losfahren. „Heiliger Gottseibeiuns! Was für ein gottvermaledeiter Türkenteufel ist jetzt das nun wieder! Da wünscht’ ich doch, der Doktor Horn stände zur Stund’ an meiner Stelle, damit er endlich einmal sieht, was für ein unchristliches Lumpenvolk sich nachts in den Wäldern und Bergen herumtreibt, denn wenn ich’s ihm morgen erzähle, dann lacht er mich wieder aus und sagt: Jochen Päsel, wat büst du für’n Esel!“

Verstohlen guckt sich Heinrich den schwarzen Spuk vor ihm an. Der steht vollkommen still und scheint zu warten, was der gute Heinrich beginnen wird. Kaum hebt der aber vorsichtig ein wenig den Arm, da nimmt auch der schwarze Kerl schon zum Angriff den seinen hoch, so daß der Heinrich schleunigst kehrt macht, in seiner Angst gegen die hinter ihm stehende Laterne rennt, so daß sie umfällt und verlischt, und dann saust er wie ein Hase mit seiner Medizinflasche den Berg wieder herunter.

Am Waldrande bleibt er endlich pustend und schnappend stehen und schaut sich um. Der Riese ist ihm nicht nachgekommen; keine Spur ist von ihm zu sehen. – Schwerenot, denkt der Heinrich, wenn ich nur meine Laterne mitgenommen hätte, denn nun so durch den dunklen Tann stapfen, das ist auch wieder nicht das rechte. Ob du noch einmal ganz vorsichtig hinaufgehst und sie wieder aufklaubst? Der Heinrich nimmt seinen gesamten Mut auf einen Haufen zusammen und stapft wieder ganz vorsichtig zu der Hochfläche hinauf. Er findet seine Spur im Schnee leicht wieder, und … da liegt auch wirklich die Laterne noch, der elende Höllenbraten hat sie also nicht mitgenommen, und von ihm selbst ist nichts mehr zu sehen, nur der dicke Nebel zieht noch immer wie eine weiße Wand daher.

Der Gespenster-Heinrich zieht sein Feuerzeug hervor, um die Laterne wieder zu entzünden. Dabei überlegt er, wie sie wieder auf ihn schimpfen werden, wenn er unverrichteter Sache nach Hause kommt und der Bergwirt auf dem Steinberge seine Medizin nicht zu schlucken kriegt. Ob er’s wohl noch einmal versucht? Es ist ja nur eine Viertelstunde Wegs noch, und der Schwarze ist vielleicht inzwischen auf und davon.

Die Laterne brennt nun wieder, und der Heinrich hockt vor ihr am Boden, um noch seine Pfeife anzuzünden. Wie er ein wenig zur Seite blickt: „Kreuzmillionen Türkenteufel, da drüben hockt auch wieder der schwarze Höllenspuk und ist womöglich noch größer geworden!“

Vorsichtig richtet sich unser Heinrich auf, aber der Schwarze erhebt sich ebenfalls und wächst hinauf bis in den Himmel. Nun aber ist kein Halten mehr. Der Gespenster-Heinrich erwischt noch schnell seine Laterne, und dann trabt er talwärts, daß der Schnee wie Puder hinter ihm herstiebt.

Und wie er ein Weilchen gelaufen ist, da kommt auch vor ihm wieder eine schwarze Gestalt, aber die ist Gott sei Dank kleiner. Immerhin, heut ist es mal wieder ganz und gar zum Hinwerden, denkt der Heinrich und bleibt wie angewurzelt stehen. Hinten ein großer Teufel, vorn ein kleiner, das ist doch gegen alle Polizeiverordnung. Da kommt der kleine Teufel näher und ruft: „Heinrich, bist du es, mein alter Rabe?“

Dunnerkiel, denkt Heinrich, das ist ja der Doktor! Na, Gott sei Lob und Preis. Und so ist es wirklich. Der Bergwirt hat dem Doktor sagen lassen, daß es ihm schlechter geht, und der brave alte Arzt hat sich darum selber auf die Beine gemacht, um nach dem Manne zu sehn. Er denkt, der Heinrich kommt schon wieder vom Berge zurück, und ist ganz erstaunt, als er hört, daß er noch gar nicht oben war. Da erzählt denn der Gespenster-Heinrich sein schreckliches Erlebnis.

„Heinrich,“ sagt der Doktor, „es ist wirklich doch zum Haarausraufen mit dir! Du wirst jeden Tag dümmer und furchtsamer. Jetzt kommst du mit mir. Wer weiß, was du wieder gesehen hast! Einen verkrüppelten Baum oder einen Felsen, der dir im Nebel wie ein schwarzer Riese erschienen ist. Pass mal auf, wenn ich bei dir bin, ist der Riese fort.“

So steigen sie denn also aufwärts und kommen bald an die Stelle, wo unser Heinrich den greulichen Spuk gesehen hat. Der Nebel ist noch immer da, aber vom Riesen keine Spur.

„Wie war das nun?“ fragt der Doktor.

„Jä,“ sagt der Heinrich, „das war nu so: Also hier hatte ich meine Lampe hingestellt, un will meine Hannschen anziehn, un wo ich nu hinkucke, da steht der Kerl da!“

Damit stellt der Heinrich seine Laterne wieder so hin, wie sie damals stand, und zeigt dann nach vorn, und dann kreischt er los:

„Dunnerschlag und Hagel, Härr Dukter! Da, da is er wieder, na, Deubel ok, jetzt sinn es zwaa!“

Und wirklich, es ist so! Zwei riesige schwarze Gestalten stehen da vorn im Nebel. Der Doktor putzt seine Brille und schaut noch einmal hin, und dann lacht er aus vollem Halse, daß es nur so hallt und schallt. „Jochen Päsel, wat büst du für’n Esel!“ sagt er zu dem betroffenen Gespenster-Heinrich, „Menschenskind, das ist ja dein eigener Schatten, den die Laterne, die hinter dir steht, auf die Nebelwand vor dir wirft, und du bist also vor deinem eigenen Schatten davongelaufen! Du brauchst ja nur die Arme zu schwenken oder mit den Beinen zu strampeln, dann wirst du sehen, daß der schwarze Teufel da vorn dir all diese Bewegungen nachmacht, denn er ist nichts anderes als dein Schatten, nur daß er nicht auf den Erdboden fällt, wie er es tut, wenn dich die Sonne bescheint, oder der Mond, oder eine Straßenlaterne, sondern daß er auf der Nebelwand vor dir entsteht, weil deine Laterne tief unten am Boden steht!“

Das sah denn auch der gute Heinrich ein, und still ging er mit hängenden Ohren neben dem Doktor her, und nahm sich vor, ein andermal verständiger zu sein.»

Doktor Ulebuhle klopfte seine Pfeife aus und stopfte sie aufs neue. «Ja,» sagte er, «da seht ihr nun, was es mit den Gespenstern für eine windige Sache ist! Die Erscheinung, die der Heinrich da gesehen hatte, ist in den Bergen gar nicht selten, man nennt sie das „Berggespenst“ oder „Brockengespenst“, denn auf dem Brocken, dem höchsten Berge im Harz, ist sie besonders häufig. Da ziehen viele Tage im Jahre dichte Nebelschleier um die Bergkuppe, und wenn die Sonne aufgeht, dann wirft sie unseren Schatten auf die Nebelwand, die zuweilen ein ganzes Endchen von uns entfernt ist, wodurch dann der Schatten riesenhaft vergrößert erscheint. Aber ihr werdet zugeben, daß das ein recht harmloses Gespenst ist, das niemandem etwas zuleide tut und mit dem Nebel in alle Winde zerflattert!»

«Ulebuhle,» fragte das kleine Mädchen, «hat denn der Heinrich später noch andere Gespenster gesehen?»

«Ei freilich, Urschel! Er war ein dummer Tropf und erfand immer neuen Spuk, als wenn er dafür bezahlt bekommen hätte! Einmal mußte er des Abends spät über Land, um seinem Herrn allerlei winzige Instrumente zu bringen, denn ein Kranker hatte ein böses Geschwür, und das mußte aufgeschnitten werden. Drüben sah er das Dorf jenseits der Wiesen liegen, und er beschloß, sich den Weg abzukürzen und quer durch Wiesen und Felder zu wandern. Es waren aber auch große Seen in der Nähe, und an manchen Stellen waren die Wiesen sehr sumpfig. Langsam wurde es dunkel, und nur ganz fern in dem Dörfchen brannten ein paar Lichter, so daß sich der Heinrich immerhin zurechtfinden konnte, wenn er auch aufpassen mußte, nicht in den Sumpf zu geraten. Das ging eine ganze Weile gut, aber plötzlich wurde ihm gar sonderbar zumute! Vor ihm tanzte in der Dunkelheit ein merkwürdiges Lichtlein, es hüpfte auf und nieder, war bald hier, bald dort und kam einmal seiner Hand so nahe, daß er es greifen konnte, und da verlöschte es.

Zugleich merkte unser Heinrich, daß er vom Wege abgekommen war und daß unter ihm der feuchte Moorboden wabberte. Er blickte sich um und sah nun hinter seinem Rücken da und dort einen schwachen Lichtschein. „Aha,“ meinte er, „das sind die Lichter vom Dorf, da wär ich beinahe in der Irre umhergelaufen.“

So ging er denn auf jene Lichter zu. Aber da flackerte wieder vor ihm das seltsame Flämmchen, das frei in der Luft tanzte, nicht weit über dem Boden. „Tanz du nur, Höllenspuk,“ sagte er, „ich gehe meines Weges, und wenn du willst, so komm mit!“

Auf einmal war er ganz dicht bei den Lichtern, von denen er glaubte, sie seien noch weit fort und gehörten zum Dorfe. Er sah, daß auch sie nicht feststanden und immer vor ihm hertanzten, und als er sich nun seitwärts wandte, da flackerten auch dort und ringsum die hüpfenden Flämmchen. Dazu zischelte und wisperte es so seltsam in der Runde, als ob’s im Teekessel siedete, und der Boden wurde immer weicher und wabberte wie Gummi. Mitunter klang es wie verhaltenes Kichern um ihn herum, und wenn er sich in Trab setzte, um dem Spuk zu entgehen, dann wichen die grünlichen Flämmchen vor ihm aus und verschwanden seitwärts, aber neue tauchten vor seinen Füßen auf und schienen aus dem Boden zu kriechen.

Schließlich blieb der arme Heinrich zitternd stehen. Das Wasser ging ihm schon dann und wann oben zu den Stiefelschäften hinein, und der Lichterspuk nahm kein Ende. Da stand der arme Kerl nun und wußte nicht mehr aus und ein. Er war vollkommen vom Wege ab und konnte nicht einmal mehr feststellen, in welcher Richtung das Dorf lag, denn andere Lichter als die hier hin und her hüpfenden grünen Flämmchen waren nirgends zu entdecken.

„Was mag es nur für Teufelszeug sein, das hier umherwimmelt,“ sagte er zu sich selbst, „sicher sind es Geister. Ich glaube, Geister sind immer etwas grünlich, oder es sind die Seelen Verstorbener, vielleicht in diesem Teufelsmoor Ertrunkener. Gespenster sind es auf jeden Fall, denn sie treiben sich hier zur Nachtzeit umher und belästigen mit ihrem Tausendsapperlot-Getänzel und -Geflunker anständige Christenleute und bringen sie vom richtigen Wege ab. Ich möchte wohl wissen, was mein Herr, der Doktor Horn, nun wieder über diese vermaledeite Türkenteufelei für Sprüchlein machen würde!“

So stand der Gespenster-Heinrich eine ganze Weile unschlüssig, denn er wußte wirklich nicht, wie er sich aus der Klemme ziehen sollte. Zuweilen kamen die seltsamen Flämmchen so nahe heran, daß er sie mit der Hand erwischen konnte, und das tat er in seiner Wut auch mehrmals, aber es geschah nichts weiter, als daß sie wie ein wesenloses Nichts zwischen seinen Fingern verlöschten, wobei auch nicht eine Spur von Wärme zu spüren war.

Heinrich mochte wohl eine Viertelstunde da gestanden haben, als er plötzlich freudig die Ohren spitzte. Irgendwo, aber noch fern, klang es, als ob ein Wagen im Sandweg dahinmahle. Gott sei Dank, er kam langsam näher, und nach einer Weile hörte man auch, daß sich zwei Männer auf dem Wagen unterhielten. Schließlich konnte der Gespenster-Heinrich auch in einiger Entfernung das rötliche Licht der Wagenlaterne erkennen, und nun lief er spornstreichs drauf zu, daß das Wasser nur immer so um ihn her spritzte. Bald hatte er das Gefährt erreicht.

„Hallo, hallo!“ schrie er.

„Hallo!“ antworteten die Leute vom Wagen.

„Geht hier der Weg zum Dorf, und fahrt ihr selber hin?“

„Ei freilich! Wenn Ihr mitwollt, so kommt nur herauf!“

Da sprang der Heinrich schnell auf den Wagen und war seelenvergnügt, es so gut getroffen zu haben.

„Ihr kamt ja aus dem Moor heraus,“ sagte der eine der Bauern, „habt Ihr Euch verlaufen? Da ist es nicht geheuer in der Dunkelheit, denn man ersäuft, ehe man’s recht selbst merkt!“

Und nun erzählte Heinrich, wie es ihm ergangen, und wie ihn die hüpfenden Lichter vom Wege abgeführt.

„Ei der Deubel,“ riefen die Bauern, „das waren die Irrwische. Die haben manchen schon betrogen, die Teufelsdinger. Sie lockten ihn vom rechten Pfade ab, führten ihn immer weiter ins Moor, und da ist er lautlos ersoffen. Die Leute sagen, vor vielen hundert Jahren hätten hartherzige Bauern im Dorf gewohnt, und es seien einmal in einer Regennacht hungrige Musikanten gekommen, die hätten um Nahrung und Obdach gebeten, und die Bauern hätten sie davongejagt. Da seien die Musikanten in das Moor geraten und seien ertrunken, und nun tanzten ihre Seelen da des Abends umher, um die Bauern auch ins Moor zu locken und zu verderben. – So sagen die Leute, aber der Pfarrer und der Lehrer meint, das sei dummes Zeug, und mit den Irrwischen ginge das ganz natürlich zu!“

„Tausenddonner, es sind vermaledeite Gespenster und Türkenteufel, sage ich!“ schrie noch immer erbost der Heinrich, „die Polizei muß sich darum kümmern, aber die kommt nur, wenn man mal ein Gläschen über den Durst getrunken hat und des Nachts ein Liedchen singt auf der Gasse!“

„Ja, ja,“ meinten die Bauern, „so is dat!“ Aber dann riefen sie „Hüh“ und „Hott“, und die Pferde setzten sich in Trab und bogen in die Dorfstraße ein. Der Heinrich aber hütete sich, dem Doktor sein Erlebnis mitzuteilen, denn er wußte, daß jener ihn doch nur auslachen würde …»

«Solche Lichter habe ich auch schon gesehen,» sagte eines der Kinder, «aber die flogen im Sommer des Abends draußen zwischen den Bäumen herum und waren sehr spaßig, wie lauter kleine grünliche Laternchen, nicht größer als ein Nadelkopf.»

«Oho, das waren nicht solche Irrwische, wie sie dem Gespenster-Heinrich begegnet sind, das waren sogenannte Glühwürmchen oder Johanniswürmchen,» antwortete Ulebuhle. «Die fliegen in warmen Sommernächten um die Büsche oder liegen im Grase, und jeder freut sich über diese seltsamen leuchtenden Kerle. Aber die Irrwische, die sind von ganz anderer Art, und daß durch sie Leute in Sümpfe und Moore in der Irre umhergeführt worden sind, das kann wohl vorgekommen sein, denn nur an solchen feuchten Stellen, wo im Boden viele Pflanzen verwesen, bilden sich die hüpfenden Flämmchen. Aber das geht alles natürlich zu, und es ist nichts Gespenstisches dabei! Seht! überall da, wo etwas verwest, bilden sich Gase, und die verwesenden Pflanzenmassen der Wiesenmoore erzeugen ebenfalls solche Gase. Wenn man bei ruhigem Wetter in der Abendstille durch ein solches Gelände schreitet, dann hört man es merkwürdig leise wispern und zischeln, ganz so, wie es der Gespenster-Heinrich gehört hat, aber das sind nicht irgendwelche Geister, sondern das Singen und Zerspringen von Millionen winziger Gasbläschen, die aus dem Boden emporsteigen. Diese Gase aber haben zuweilen die Eigentümlichkeit, daß sie sich von selbst entzünden und in Gestalt von kleinen Flämmchen über dem Sumpf- und Moorboden schweben. Das sind die Irrlichter oder Irrwische. – Ihr seht, Gespenster sind es nicht, und doch sind sie geheimnisvoll, denn die gelehrten Herren haben noch nicht ganz sicher herausgebracht, wie sich diese Gase entzünden, denn richtige Flammen, wie die Gasflammen in den Laternen, sind es nicht, sondern sie leuchten nur so ähnlich wie der Phosphor an alten Zündhölzern, in einem kalten, merkwürdigen Schein, der wie ein leichter Nebelbausch beim leisesten Windhauch hin und her treibt, so daß es aussieht, als hüpfe er tanzend über das Moor.

Ja Kinder, es gibt sonderbare Dinge in der Welt, und man darf es den Leuten, die nicht viel haben zur Schule gehen können, nicht verargen, wenn sie bei manchen Dingen an Wunder und Zauberei glauben, aber immer, wenn man die Dinge genau ansieht und erforscht, dann zeigt es sich, daß sie nicht wunderbarer sind als die Wolken, die am Himmel schweben, oder als die Kornähre, die aus einem winzigen Samenkörnchen wächst. – Der Gespenster-Heinrich war aber darin ein schnurriger Kauz! Er blieb bei seinem Gespensterglauben und ließ sich nicht belehren, auch als alter Knabe, und da aller guten Dinge drei sind, so will ich euch noch ein Stücklein von ihm erzählen!

Da ging er einstmals im Spätsommer des Abends durch den dunklen Wald zurück von Hahnenklee nach Goslar. Es war eine schöne laue Nacht, aber es war sehr finster im Tann, und der Himmel dunkel und verhangen. Es knackte überall so seltsam in den Zweigen, und dem guten Heinrich, dem immer das Gruseln nahe war, kamen wieder allerlei dumme Gedanken.

Plötzlich hörte er ein erschrecktes Kreischen und einen schweren Flügelschlag, und da sah er dicht vor sich im Tann ein seltsames Ding stehen.

Es war gut mannshoch und leuchtete in einem seltsam gelbgrünen Licht vom Kopf bis zu den Füßen. Der Kopf war dick und unförmig, man sah in ihm nur ein paar dunkle mächtige Augenflecke und breite Haarbüschel fielen bis in die Stirn. Die wehten ständig hin und her, obgleich kein bißchen Wind im Walde ging. Auch starke Arme waren zu sehen, sie waren kohlschwarz und weit ausgespannt, als ob sie den Heinrich beim Vorbeischreiten festhalten wollten. Dazu miaute das unheimliche Wesen in schrecklichster Weise. Bald wimmerte es wie ein kleines Kind, bald stöhnte und krächzte es gottserbärmlich.

Je länger der Gespenster-Heinrich hinschaute, je stärker sah er den greulichen Spuk leuchten in der tiefen Dunkelheit, und er blieb wie angenagelt stehen, weil er sich nicht vorbeitraute.

Aber innerlich schimpfte er um so mehr auf diese „vermaledeite Türkenteufelei“ und das ganze „polizeiwidrige Gespenster-Lumpengesindel“. Das Ding stand da und rührte kein Glied, nur die Haare auf seinem Kopf sah man auf der hellen Stirn hin und her fliegen. Die Arme aber hielt es noch immer weit ausgespannt.

Plötzlich ließ der zitternde Heinrich seinen Wanderstock fallen. Da kreischte der Spuk vor ihm laut auf, und es rauschte etwas miauzend auf den Gespenster-Heinrich zu. Dieser aber sah und hörte schon nichts mehr! Er drehte kurz um und stürzte laut schreiend durch den Tann, daß ihm die Zweige nur so das Gesicht peitschten. Erst als er weit fort war, hielt er schnaufend inne und ging über den nächsten Holzfällerweg in einem weiten Bogen um das Waldstück herum und kam sehr spät erst, müde und ausgehungert daheim an.

„Diesmal,“ sagte er, „will ich’s aber doch dem Doktor gehörig auseinandersetzen! Ich werde ihm sagen, was da wieder für eine elende Himmelhöllenschwerenot im Tann gewesen ist, und daß ich meinen schönen Krückstock eingebüßt habe, und daß ich überhaupt nicht mehr nachts allein zu solchen Botengängen herhalten will. Da bin ich doch gespannt, was er nun wieder für Ausreden hat für diesen neuen Spuk!“

Das tat der Heinrich denn auch, und der alte Doktor, der ihn schon genügend kannte, und der den sonst so braven Kerl nicht noch mehr verärgern wollte, sagte zu ihm:

„Gut, mein bester Heinrich! Heut abend werden wir zusammen den Weg gehn, denn ich muß sowieso einmal nach dem kranken Lehrer in Hahnenklee schauen. Wenn ich dir die Sache nicht an Ort und Stelle ganz harmlos erklären kann, dann sollst du recht behalten und brauchst nicht wieder nachts Medizin durch die Wälder zu tragen. Wenn du aber wieder ein Hasenfuß gewesen bist, dann kann ich nichts weiter tun als sagen: Jochen Päsel, wat bist du für’n Esel!“

Am Abend gingen sie denn richtig los, und sie kamen auch bald an die Stelle, wo unser Freund gestern solche Angst ausgestanden. Da lag auch noch unberührt auf dem Waldwege der Krückstock, und zehn Schritt davon stand ein abgebrochener, ganz vermorschter hoher Baumstumpf, von dem nur noch die Hälfte übrig war. Hinter ihm stand eine kleine Fichte, die seitwärts ihre Arme hinter dem faulenden Stumpf hervorstreckte, und oben auf dem morschen Stumpf wuchsen Farnkräuter, die weit herniederhingen. An allerlei Unrat und Federn sah aber der Doktor, daß oben auf diesem Stumpf wohl dann und wann ein Käuzchen[2] zu rasten pflegte.

Aha! sagte der Doktor bei sich, das ist das Gespenst. Zum Heinrich aber bemerkte er lachend: „Da schau’ her, mein Lieber, das ist der greuliche Spuk, der dich genarrt. Faules Holz leuchtet sehr häufig stark im Dunkeln, und wenn wir heute nacht, wenn es ganz finster sein wird, zurückkehren, dann wirst du den Stamm auch wieder leuchten sehen. Die Augen waren nichts als diese beiden Moosbüschel, die da wachsen, und die Haare waren die Farnkräuter. Was du für Arme gehalten hast, sind die beiden großen Zweige der Fichte da hinter dem Stumpf, und das Miauze und Gewimmer kam von einem Käuzchen, das oben auf dem Stumpfe saß, und auch die Farnkräuter, die Haare deines Gespenstes, bewegte. – Als du deinen Stock fallen ließest, hat sich der Vogel erschreckt, und flog kreischend davon! – So, das ist die ganze Geschichte!“

Der Heinrich war halb schon überzeugt, aber ein wenig mußte er sein Gespenst doch noch verteidigen. „Es leuchtete gar zu gruselig,“ bemerkte er, „aber wenn es heute nacht wirklich ebenso flimmert an dem alten Wurzen da, so will ich es wohl glauben, daß ich mich geirrt!“

Als der Doktor seine Geschäfte erledigt und sie zu später Stunde wieder beim Heimweg an den morschen Stamm kamen, da schimmerte und flimmerte er wirklich so stark, wie es auch der Doktor noch selten erlebt. „Siehst du es nun, ungläubiger Thomas, daß ich recht hatte!“ sagte er. „Brich ein wenig ab und nimm es mit nach Hause, es leuchtet so stark, daß du nachts die Taschenuhr bei dem Lichte ablesen kannst. – Ich will dir auch sagen, wie das Leuchten zustande kommt! Es gibt eine ganze Anzahl leuchtender Bazillen und Pilze. Faulende Fische und faulendes Fleisch leuchten in dunklen Räumen sehr stark, besonders wenn es warm ist, denn auf ihnen haben sich Millionen solcher leuchtenden Bazillen angesiedelt. In den Wäldern Südamerikas trifft man Pilze, die leuchten gar gespenstisch aus dem Walddunkel hervor. Dieser alte Baumstamm aber ist durchwachsen von unendlich vielen ganz winzigen Pilzsträngen, die das Faulen des Holzes hervorrufen und die verwesende Masse zum Leuchten bringen. – Nicht wahr, das ist nicht so schwer zu begreifen, alter Knabe, aber es wird alles nichts helfen, und du wirst immer wieder neue Gespenster sehen. Darum aber bleibe ich dabei und sage: Jochen Päsel, wat bist du für’n Esel!“»

Der Diamant und seine Brüder
Eines Tages, als wir Kinder uns vor dem Hause unseres alten Freundes versammelt hatten, um zu ihm hinaufzugehen, entstand plötzlich ein Zank. Da hatte sich auch der kleine Junge des Flickschusters eingefunden, der auch einmal Märchen hören und Kuchen essen wollte. Aber seine Holzpantoffeln und sein fadenscheiniges, geflicktes Röcklein paßten nicht so recht zu dem Putz der anderen. Der Sohn des reichen Bergrats wollte den kleinen armen Teufel nicht mit hinauf lassen.

«Man kann nicht wie ein Haderlump zum Doktor Ulebuhle!» rief er ein über das andere Mal. Andere aber meinten, er solle ruhig mitkommen, und der Kleine stand unglücklich und zögernd dabei.

Der alte Ulebuhle aber hatte oben leise ein Fenster geöffnet und den Zank mit angehört, und plötzlich fauchte er los, so böse, wie wir ihn selten gehört hatten.

«Ihr vermaledeiten Nichtsnutze,» krächzte er wütend, «fangt ihr auch schon an, wie die Großen, den Menschen nach dem Preise seines Rockes zu achten!? Samt und sonders soll euch der Teufel holen, wenn ihr das noch einmal tut. Zu mir wenigstens kommt ihr nicht mehr ins Haus, wenn ich wieder etwas davon erfahre. Jetzt aber kommt herauf, alle wie ihr da seid, und des Schusters Hannes zuerst! Ich will euch ein Stücklein aufgeigen, aus dem ihr ersehen könnt, daß der Mann im Arbeitskittel mehr wert ist als der Stutzer und Nichtstuer im samtnen Wams. Und dann könnt ihr nach Hause gehen und den Eurigen sagen, der alte Ulebuhle habe euch das gelehrt, dieweil sie es offenbar versäumt hätten!»

Und dann kam die alte Christine, brachte Kuchen und Tee, und der kleine Hannes saß dicht beim warmen Ofen und war seelenvergnügt, daß sich der gefürchtete Alte seiner so angenommen. Der aber stopfte zunächst seine lange Pfeife, brummte noch allerlei Unwirsches und begann schließlich also:

«Auf dem Schreibtische eines sehr reichen Mannes, dem viele Bergwerke und Schiffe und Fabriken gehörten, lag ein wundervoller Diamantring. Der Stein, so groß wie eine Bohne, funkelte in tausend Farben, und es war, als ob Feuer aus ihm hervorbräche. Er hatte viele Tausende gekostet, und sein Kleid war von Gold.

Neben ihm lag ein einfacher Bleistift in einem braunen Röcklein aus Tannenholz und ruhte von der Arbeit, denn sein Herr hatte den ganzen Vormittag Pläne und Zahlen mit ihm auf das Papier geworfen. Es war sehr still in dem Zimmer, nur die hohe Pendeluhr sagte in vornehmer Ruhe ganz langsam und gleichmäßig „Tick … tack … Tick … tack!“

Plötzlich hörte der Bleistift, der ein wenig eingenickt war, neben sich eine feine Stimme. Es war der Diamant.

„Es ist höchst langweilig hier,“ sagte er, „unsereiner, der an glänzende Gesellschaften und rauschende Feste gewöhnt ist, wo man so allerlei amüsante Histörchen hört, ist hier nicht in seinem Element.“

Der einfache Mann im hölzernen Röckchen schwieg. Er war noch müde und hätte lieber weiter geschlafen, als sich zu unterhalten.

Der Diamant ärgerte sich. Ein unhöflicher Kerl, dachte er. Ich glaube, er weiß gar nicht, mit wem er es zu tun hat. Und dann strahlte er um so heller und sagte geziert:

„Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Baron Diamant. Ich stamme aus Südafrika. Meine Frau ist eine geborene Gräfin Perle. Uralter Adel. Sie ist nahe verwandt mit dem Herrscher des Weltmeeres Neptun.“

„Ich heiße Bleistift,“ sagte der andere, „ich bin hier nur einfacher Angestellter im Hause, mache meine Arbeit und kümmere mich sonst nicht viel um die Leute.“

„Das muß doch furchtbar langweilig sein, so nur immer arbeiten für andere Leute. Mein Fall wäre das nicht!“

„Langweilig ist das gar nicht!“ entgegnete der Bleistift. „Meine Tätigkeit ist sehr interessant, denn alle neuen Pläne, die mein Herr hat, erfahre ich zuerst, und das sind Sachen, die nachher in der ganzen Welt besprochen werden. Die Geldleute und die Zeitungsmänner warten schon darauf, was wir wieder Neues vorhaben, und hundert Ingenieure und Tausende von Arbeitern werden zu tun bekommen, wenn das erst alles bekannt wird, was ich heute morgen geschrieben habe. – Sehen Sie, da drüben liegt mein ärgster Feind, der Herr Federhalter. Der wütet sich, daß er diese Arbeiten nicht machen durfte, denn bei uns ist eben die Arbeit die Hauptsache, und bei Ihnen das Vergnügen.“

„Jeder nach seinem Stande,“ meinte hochnäsig der Baron von Diamant. „Ich habe auch einen Feind und Neider, das ist der Herr von Rubin. Manchmal steckt ihn mein Herr auch an den Finger, aber er ist lange nicht so elegant wie ich, und in die ganz vornehmen Kreise wird er nicht eingeführt, denn er funkelt nur wie ein Blutstropfen, ich aber brilliere in allen Farben des Regenbogenlichtes, und jeder sieht auf den ersten Blick meine hohe Herkunft und meinen enormen Wert!“

„Ja, ja, das haben Sie schon einmal gesagt,“ meinte der Bleistift, „aber eigentlich sind Sie doch zu nichts nütze, und unser Herr hätte Sie nicht kaufen können, wenn wir hier alle nicht tüchtig gearbeitet und viel Geld verdient hätten.“

„Gott ja, es muß auch Arbeiter geben, und wir können nicht alle vornehme Herren sein,“ entgegnete der Diamant, „aber Arbeit ist nun mal nicht für mich. Das ist eintönig. Sie machen hier nur immer dasselbe und erleben nichts. Ich aber bin in der großen Welt gewesen und habe das Leben kennengelernt und weiß, wie es zugeht!“

„Erzählen Sie mal, wie es da draußen ist,“ sagte der Bleistift, „so etwas höre ich ganz gern, denn ich bin vor lauter Arbeit nicht dazu gekommen, die Welt zu sehen!“

„Es ist eine lange Geschichte,“ sagte der Baron von Diamant, „aber wenn es Sie interessiert, dann will ich Ihnen davon berichten. Man muß auch mal etwas für die Armen tun, wenn man ein vornehmer Herr ist. Also passen Sie auf! – Ich und viele meiner Brüder wurden da drunten in Südafrika geboren. Wir lagen tief unten im Gestein verborgen, im dunklen Schoß der Erde. Sehen Sie, was die Menschen jeden Tag finden können, das schätzen sie nicht, aber wenn man sich rar macht, dann wird man eben als vornehmer Mann behandelt.

Eines Tages kamen lauter schwarze Arbeiter, die hackten und schaufelten und gruben unablässig, denn sie suchten uns. Es waren arme Neger, und sie wurden für das Suchen bezahlt, aber behalten durften sie uns nicht, und damit sie uns nicht heimlich in ihren Taschen verschwinden ließen, mußten sie nackend arbeiten. Auch in Indien und in Brasilien suchen die Menschen nach Diamanten, aber nirgends haben sie so große und prächtige gefunden wie da unten in meiner Heimat Südafrika. Manche meiner Brüder sind noch viel vornehmer als ich. Den größten, der überhaupt aus der Erde herausgeholt wurde, besitzt der König von England. Er heißt „Cullinan“-Diamant, ist so groß wie eine Kinderfaust und wiegt mehr als ein Pfund. Sechzehn Millionen kostet er, und ein ganzes Heer von Polizisten hat ihn nach London gebracht, damit er unterwegs nicht gestohlen werden konnte. Der arme Neger, der ihn fand, bekam tausend Mark und ein gesatteltes Pferd für den schönen Fund. Auch der „Exzelsior“-Diamant ist aus dieser Gegend. Er ist halb so groß wie der Cullinan und hat einen Wert von zwölf Millionen Mark, aber der berühmte Koh-i-nor, was soviel heißt wie „Berg des Lichtes“, mein in der ganzen Welt bekannter Verwandter, der ebenfalls dem König von England gehört, stammt aus Indien. Er kostet wohl acht Millionen Mark, aber die Engländer haben ihn den Indern, die sie besiegten, abgenommen und nichts für bezahlt. Früher war er als Auge in das Bildnis eines Götzen eingesetzt, der in einem berühmten indischen Tempel stand, und da wurde er geraubt, und viele Morde und Untaten sind begangen worden, um ihn in Besitz zu bekommen. Ja, so sind die Menschen in ihrer Habgier!“

„Meinetwegen begeht man keine Bluttaten,“ sagte der Bleistift. „Ich bin doch froh, daß ich nur ein einfacher Mann bin, der seine Arbeit tut und in Frieden leben kann. – Aber bitte, erzählen Sie weiter!“

„Ja, es geht schnurrig zu in der großen Welt! Passen Sie auf, wie es mir nun erging. Also eines Tages hackte neben mir eine Picke in den Boden, und dann kam eine Schaufel, und ich wurde mit allen möglichen Gesteinbrocken auf eine Schiebkarre geworfen. In einer großen Halle wurde dann das Gestein genau untersucht, und da ich zufällig in einem Eckchen der Schiebkarre liegen geblieben war, ganz unansehnlich und mit einer dicken Schmutzkruste bedeckt, so fand man mich nicht. Ganz nebenher bemerkte mich dann der Neger, der die Karre wieder hinausschob. Er verbarg mich in der Achselhöhle und wollte mich behalten. Aber ein Kamerad von ihm hatte es doch gesehen. Er sagte es jenem, und die beiden beschlossen, zusammen zu fliehen und mich später in Kapstadt, oder gar in Europa, zu verkaufen.

Wirklich entflohen sie bei Nacht und Nebel durch den öden südafrikanischen Busch und durch dichte Wälder. Aber die Habgier brachte beide ins Verderben. Als der eine schlief, erstach ihn der andere, nahm mich an sich und floh weiter. – Die Polizei der Diamantengruben war aber schon hinter den beiden her, denn jedermann konnte sich denken, daß sie nur entwichen waren, weil sie einen Diamanten von großem Wert gestohlen hatten. So mußte denn der Mörder und Dieb auf einsamen Waldwegen weiterziehen, um nicht gefangen zu werden und am nächsten Baum zu enden. Schließlich verlief er sich in der wilden Einöde. Er hatte nichts mehr zu essen, brach zusammen und verhungerte elend. Erst nach Wochen fand man seine von der Sonne verdörrte Leiche, und in seiner schwarzen Hand hielt er noch immer mich, seinen Raub.“

„Da können Sie aber sehen, wie wenig man doch am Ende mit Ihrer Vornehmheit anfangen kann,“ so unterbrach hier der Bleistift den Erzähler. „Ich glaube, der Verhungernde hätte Sie in seinen letzten Stunden gern für ein Stückchen trockenen Brotes fortgegeben!“

„Das mag wohl sein, mein Lieber!“ entgegnete etwas von oben herunter der Diamant. „Etwas so Vornehmes, wie ich es bin, ist eben nichts für einen schmutzigen Nigger. Er hätte seine Hände davon lassen sollen. – Aber hören Sie weiter! Ich kam nun zu meinen rechtmäßigen Besitzern zurück, und dann nach Amsterdam, der Hauptstadt von Holland, wo die größten und berühmtesten Diamantenhändler und Diamantenschleifer wohnen, und da erst wurde ich richtig zum Licht erweckt, denn jeder Diamant ist, wenn er aus der Erde kommt, unansehnlich wie ein gewöhnlicher Stein. Erst wenn er geschliffen wird, kann das Licht in ihn hineindringen und er kann es dann tausendfach funkelnd zurückwerfen. – Ich kam dann zu einem Goldarbeiter, der mich mit einem goldenen Gürtel umgab, und dann lag ich in Paris im Schaufenster des berühmtesten Juweliers im Strahl der elektrischen Lampen auf einem Kissen von blauem Samt, und alle Vorübergehenden blieben stehen und riefen aus: „Oh, was für ein wundervoller Edelstein!“ Die Damen aber blieben lange stehen und schauten mich mit ihren dunklen Augen sehnsüchtig an, und dann gingen sie schließlich seufzend weiter.

Eines Nachts geschah etwas Schreckliches. Über die einsame Straße kam ein Mann daher, der blitzschnell mit einem Hammer die Scheibe einhieb und mich ergriff. Dann eilte er durch viele Gassen und Straßen, immer kreuz und quer mit mir dahin, aber es half ihm alles nichts, die Wächter hatten das Klirren des Glases gehört und waren ihm nachgeeilt. In einer dunklen Hausnische wurde er ertappt und verhaftet. Ich wurde zu einer Berühmtheit, die ganze Sache kam in die Zeitungen und kam vor die Richter, und der Dieb wurde viele Jahre eingesperrt. Ich aber war aus seinen schmutzigen Händen befreit und lag wieder auf meinem Samtkissen, und die Leute, die vorbeigingen, sagten: „Das ist der große Diamant, den jener Dieb entwendet hatte.“

Dann aber kam ein vornehmer Mann zu dem Juwelier, und an seinem Arm ging eine reizende junge Dame von großer Schönheit. Das war die berühmte Tänzerin der Großen Oper in Paris, und jener bleiche ernste Mann liebte sie mehr als sein Leben und seine Ehre. Sie hatte sich in mich verliebt und ihren Freund immer und immer wieder gebeten, daß er mich erwerben möchte, als Halsschmuck für sie. – Der ernste Mann hatte lange gezögert, aber dann gab er nach, und so kam ich in den Besitz jener gefeierten Künstlerin. Welch ein Tag des Triumphes für mich, als ich zum erstenmal abends an ihrem blütenweißen Halse an einem feinen Goldkettchen hing und im Licht von tausend Lampen funkelnd mit ihr die Bühne betrat! Welch eine wundervolle Musik, welch eine Farbenpracht ringsumher! Tausende von Menschen schauten mit ihren Opernguckern zu mir hin. Die Herren schmunzelten, und die Damen wurden grün vor Neid, am meisten aber die alten und häßlichen, und sie sagten, es sei ein Skandal. Aber das verstand ich nicht!

Aber dann kam etwas Trauriges. Während hier die Musik rauschend den weiten Saal mit seinen goldschimmernden Säulen und rotsamtnen Logen füllte und um mich herum die zierlichsten Damen in Gewändern, zart wie Engelwölkchen, tanzten, saß der ernste bleiche Mann daheim an seinem Schreibtisch und rechnete. Und dann schrieb er mehrere Briefe an das große Bankhaus, dessen Direktor er war, und sagte darin, daß er Geld, das ihm nicht gehörte, verwendet hätte und darum sterben müsse, und dann zog er ein glänzendes Ding aus seiner Schublade hervor, es gab einen Knall, und dann war er tot.“ –

Dem Bleistift war es ordentlich unheimlich geworden neben dem „vornehmen“ Kerl da in seiner Nähe, und er wäre gern etwas seitwärts gerückt, wenn ihm das möglich gewesen wäre. „Mein Gott,“ sagte er, „Sie haben aber doch nichts weiter als Unglück angerichtet mit Ihrer Schönheit und Vornehmheit. Ich bin jedenfalls froh, daß ich nicht so vornehm bin wie Sie!“

„Je nun,“ entgegnete mit feinem Lächeln der Baron von Diamant, „was kann ich für die Torheit der Menschen! Es gab einen Mordsskandal, die ganze Geschichte kam wieder in die Zeitungen, und ich wurde noch berühmter als vorher. Die schöne Tänzerin aber kam auch ins Unglück durch den Tod ihres Freundes; sie mußte fort von dem herrlichen Theater, mußte mich verkaufen, kam in Not und ging außer Landes, wo sie ganz verarmt gestorben ist. – Schließlich aber kam ich zu meinem jetzigen Herrn, der mich in einen Ring fassen ließ, und da hat denn meine Geschichte ein Ende. Aber Sie sehen, die Welt hat mich geliebt und bewundert, und ich bin eine berühmte Person geworden und gehöre zu dem Vornehmsten, was es gibt.“

Der Bleistift antwortete nicht, er wußte nicht recht, was er sagen sollte, aber so recht ehrenhaft und wirklich vornehm kam ihm der Baron von Diamant, dessen Frau eine geborene Gräfin Perle war, nicht vor. Plötzlich aber wurde er aus seinem Sinnen aufgeschreckt, und auch der Herr von Diamant horchte erschrocken auf. Eine ziemlich grobe und harte Stimme sagte plötzlich aus der einen Ecke des Zimmers heraus:

„Lieber Herr, blasen Sie sich nicht auf, sonst zerspringen Sie noch! Das wäre zwar kein Unglück nach all dem Unheil, das Sie angerichtet haben, aber unser guter Herr würde sich vielleicht drüber ärgern!“

In der Ecke des Zimmers stand ein schöner Kamin mit blanken grünen Kacheln und vernickelten Türen, hinter denen man durch Marienglasscheiben die Kohlen glühen sah. Neben dem Kamin aber stand ein schönes Gefäß, in dem Steinkohlen lagen, und eine kleine Schaufel mit vernickeltem Griff lag dabei. Da merkten der Diamant und der Bleistift, daß es eine große, spiegelblanke Steinkohle war, die da gesprochen hatte. Und die fuhr fort:

„Drei Menschen sind Ihretwegen ums Leben gekommen, zwei andere ins Gefängnis und Unglück, und das alles wegen eines Nichtstuers und Tagediebes, denn das sind Sie, und wenn Sie noch so schön funkeln!“

„Mein Lieber, aus Ihnen spricht der Neid, daß ich einer vornehmen Familie entstamme und Sie ein Arbeiter sind, der Stuben heizen muß und einen schmierigen Rock anhat, so daß ihn selbst der Diener nur mit der Schaufel anfaßt!“

Die Steinkohle lachte im tiefsten Baß: „Hahaha! Sie eitler Wicht! Ich stamme aus derselben Familie wie Sie und wie mein Freund da, der Bleistift, und wir drei sind leibliche Brüder. Aber wir beide sind ehrliche Arbeiter geworden und Sie ein Müßiggänger, der die Eitelkeit der Menschen ausnützt!“

„Brüder? Wieso Brüder?“ sagte unwillig der Diamant. „Wie kann ein Diamant der Bruder einer Kohle und eines Bleistiftes sein?“

„Ja, das ist aber so,“ meinte der Brummbaß der Steinkohle, „wenn’s Ihnen auch unangenehm ist. Wir alle drei stammen aus derselben Familie, unser aller Vater ist der Kohlenstoff. Sie sind nichts weiter als kristallisierter Kohlenstoff, und der Bleistift, der ja eigentlich Graphit heißt, ist ebenfalls Kohlenstoff, genau so wie ich, nur daß in meinem Körper noch mancherlei andere Stoffe enthalten sind.“

„Das verstehe ich nicht,“ sagte der Diamant.

„Das ist aber ganz einfach,“ antwortete die Kohle. „Sehen Sie, da vor Ihnen auf dem Tisch stehen Blumen im Wasser, und da an der Fensterscheibe sitzt Eis, und da draußen fährt eben eine Lokomotive vorbei, aus der weiße Wasserdampfwolken aufsteigen. Nun, das sind auch drei Brüder wie wir. Da im Glase ist flüssiges Wasser, am Fenster ist zu Eis kristallisiertes Wasser, und die weiße Lokomotivwolke ist verdampftes Wasser. Aber aus Wasser bestehen sie alle drei, und genau so bestehen wir drei hier aus Kohlenstoff und sind also Brüder!“

„So, so,“ meinte der vornehme Mann schon recht kleinlaut, aber doch noch immer von oben herab, „dann müßte ich doch aber genau so im Feuer verbrennen wie Sie, und dann müßte man doch aus Kohlen Diamanten herstellen können!“

„Ei freilich, Sie vornehmer Bruder, das kann man auch, und die Menschen haben es auch schon getan! In einer sehr heißen Flamme verbrennen Sie genau so wie ich, mein Lieber, und man hat auch schon aus Kohle kleine künstliche Diamanten hergestellt, wenn das auch sehr schwierig ist, denn die Menschen haben das Küchenkochbuch der Natur, die uns alle drei gebraut hat, noch nicht gefunden. – Ja sehn Sie, so ist es mit Ihrer Vornehmheit. Wenn man genau hinsieht, ist sie eine windige Sache, und auf alle Fälle sind Sie höchst unnütz. Nur einer aus Ihrer Sippe ist ein braver und fleißiger Mann, das ist der Diamant, mit dem der Glaser seine Scheiben zerschneidet, und der ist eine ganz biedere gemütliche Seele. Er riecht zwar immer ein bißchen nach Fensterkitt, und Sie würden ihn sicher nicht als Ihren Bruder anerkennen, aber mir ist er lieber als Sie!“

„Nun,“ entgegnete der schwerbeleidigte Baron von Diamant, „Sie mögen ja über die Verwandtschaftsverhältnisse in meiner Familie besser unterrichtet sein als ich, aber wenn wir selbst so ganz weitläufig miteinander eine Stammesgenossenschaft bilden sollten, eins können Sie doch nicht bestreiten, nämlich daß ich eben der Vornehmste unserer Familie bin und bleibe!“

„Bester Herr,“ meinte gutmütig brummend der schwarze Arbeiter da vom Kamin her, „glauben Sie ja nicht, daß es ein Vergnügen ist, mit Ihnen verwandt zu sein. Schöner sind Sie gewiß als ich und mein Bruder, der Bleistift, aber Sie sind eine höchst anrüchige Person, die in üble Mord- und Raubtaten verwickelt worden ist, und ich lege keinen Wert darauf, mit Ihnen verwandt zu sein. Ob ich aber trotz meines schwarzen Rockes nicht in Wahrheit doch vornehmer bin als Sie, das ist noch sehr die Frage, denn ohne uns Steinkohlen ginge bei den Menschen alles zum Teufel, und wenn wir auch nur einen Tag streiken würden, verlöre unser Herr zehnmal mehr, als Sie samt Ihrer Frau, der geborenen Gräfin Perle, wert sind. Wir treiben mit unserer Kraft die tausend Fabriken, beleuchten und heizen die Riesenstädte der Menschen, wir ziehen die unablässig ein- und ausfahrenden Eisenbahnzüge von Land zu Land, wir sind es, die die Schiffe durch die Wasserwüste des Ozeans treiben. Kaiser und Könige, Herren und Knechte, Millionäre und Bettler sind auf unsere Kraft angewiesen, alles stände still, wenn wir feiern würden. – Wenn man aber heute alle Diamanten der Welt ins Wasser werfen würde, nun, dann wäre auch weiter nichts, und kein Rädchen in der Welt drehte sich deshalb schneller oder langsamer. – Aber still jetzt, ich höre unsern Herrn kommen, und der liebt das Schwätzen nicht. Leben Sie wohl, Sie eitler Fratz, und grüßen Sie Ihre Frau von mir, die geborene Gräfin Perle!“

Die Steinkohle lachte im tiefen Baß ‚Hahaha‘, der spitzige Bleistift kicherte schadenfroh ‚Hihihi‘, und der Baron von Diamant konnte vor Wut kein Wort herausbringen. Dann war er mäuschenstill. Die Gebrüder Kohlenstoff schwiegen.

Da ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat ins Zimmer. Er rief seinen Diener. „Legen Sie noch Kohlen auf,“ sagte er, „es ist kalt, und ich habe noch lange zu arbeiten!“ Und dann setzte er sich an den Schreibtisch, nahm den Bleistift und fing an emsig zu schreiben.

Den Diamantring aber schob er achtlos beiseite. Den brauchte er nicht!

Seht Kinder,» meinte der alte Ulebuhle, «so ist es in der Welt, und darum merkt euch den Spruch: Es kommt nicht auf das Röcklein an, man frage stets: Was kann der Mann?»

Der alte Baum
«Höret nun die Geschichte von dem alten Baum, ihr Kinder, der da wohl ein Jahrhundert im stillen Walde stand und ein merkwürdiges Ende nahm.

Kerzengerade war er gewachsen, denn das ist für eine rechtschaffene Fichte eine Ehrensache. Sein dunkelgrünes Nadelkleid war dicht und voll, und wenn der Wind durch den Wald fuhr, dann rauschte er durch das Geäst des alten Baumes und klapperte mit dürren Zweigen wie ein Storch mit seinem Schnabel. Die kleinen Vögel saßen auf den breiten Fächern von Nadeln, die so schön nach Harz dufteten, und sangen ihre Lieder. Der Specht hämmerte, daß ihm der Kopf brummte, und die Eichkätzchen jagten auf und nieder und spielten Verstecken in dem Dunkel des dichten Geästes.

Im Winter lagen mächtige Schneewuchten auf den breiten Armen der Fichte, und im Frost knackten ihre mit tausend Diamanten behangenen Zweige, daß man es weithin schallen hörte. Dann kamen Hirsche und Rehe und schnoberten an der Rinde, denn sie litten Hunger. Reineke, der Fuchs, schnürte mit gespitzten Ohren vorüber, wartete hinter dem breiten Stamm auf Lampe, den Hasen, und nachts saß zuweilen eine Eule auf dem Wipfel und schrie und miauzte wie ein Wickelkind.

Aber am schönsten war es doch im Sommer, wenn die Sonne so warm schien und die Vögel sangen. Einmal kam ein alter Mann und ein altes Mütterchen. Sie gingen Hand in Hand. Sie blieben vor dem alten Baum stehen.

„Dieser war es,“ sagte der alte Mann und putzte seine Brille.

Und dann suchte er ringsum am Stamm und betastete die rissige Rinde.

„Ja,“ rief er plötzlich fröhlich, „da ist es! Oh, wie lange ist es her, und wie jung waren wir damals!“

Richtig, da war ein Herz in die Rinde des alten Baumes eingeschnitten, und zwei Buchstaben standen darunter, aber man konnte sie kaum noch lesen, denn die Zeit hatte sie zernagt und verwischt. Ja, vierzig Jahre sind eine lange Zeit, und so lange war es her, daß der alte Mann, der damals ein ganz junger war, die Zeichen hier eingegraben in die Rinde. – Lange standen die beiden Alten vor dem Baum und redeten kein Wort, und dann gingen sie Hand in Hand weiter.

Ja, so ein alter Baum ist wie ein treuer Freund, und der junge Jäger, der oft in seinem Schatten ruhte, wenn die Mittagshitze über der Welt lag, liebte ihn wie einen Menschen.

Aber eines Tages nahm das alles ein Ende. Da kamen die Holzfäller mit blanker Säge und scharfer Axt, und viele Bäume mußten sterben. Der Förster kam und machte mit Kreide drei Kreuze an den Stamm der alten Fichte, und das war ihr Todesurteil.

„Es tut mir leid, alter Bursche,“ sagte der Grünrock, „aber es ist nicht zu ändern, die Welt braucht Holz!“

Ach, es war nicht zu ändern! Da kamen die Männer und sägten den Stamm durch. Die Vögel hörten den alten Baum ächzen und stöhnen, erschreckt flogen sie weit fort. Der Star, der da oben im Wipfel eine Dachkammer bewohnt hatte, mußte schleunigst ausziehen. Er setzte sich auf den nächsten Baum und schnatterte und schimpfte stundenlang auf die Störer des Waldfriedens.

Dann legten die Männer ein Seil um den Baum, riefen ziehend „Hoh-Ruck … Hoh-Ruck“, und krachend stürzte die Fichte nieder auf den moosigen Waldboden.

Äste und Zweige wurden abgeschlagen, die dicke braune Rinde abgelöst, und der lange, kahle Stamm lag wie ein Leichnam im Walde. Nach ein paar Tagen aber kam ein riesiger Wagen mit vier Pferden daher, und der Stamm wurde davongefahren, fort aus der grünen Heimat, herunter in die Stadt, zum Sägewerk.

Da kreischten die Sägen von früh bis spät, schnitten den Stamm in lauter kleine Scheiben, und dann hackte die Hackmaschine das alles in tausend Trümmer. Ja, das Sägewerk war schrecklich. Ganze Wälder hatte es schon gefressen, und die Leute, die den grünen Wald liebten, mochten die blanken Sägen mit ihren tausend Raubtierzähnen nicht leiden.

Als die beiden alten Leute nach Monaten, im Frühlingssonnenschein wieder durch den Wald schritten, da fanden sie den alten Baum nicht mehr. Nur ein breiter Stumpf ragte noch aus dem Boden. Lange standen sie da, und als sie fortgingen, glänzten Tränen im Auge des alten Mütterchens.

Der junge Jäger aber schimpfte und wetterte, als er seinen Liebling nicht mehr fand, und mißmutig warf er die Flinte über die Schulter und ging heimwärts.

Die Trümmer des Baumes waren inzwischen weiter gewandert. Sie kamen in eine große Fabrik, da machte man Papier. Man warf sie in mächtige Kessel, in denen kochte ein scharfer Teufelssaft, und schließlich wurde ein dicker Brei aus dem Holz der alten Fichte. Der Brei wurde weiß gefärbt, kam auf mächtige Siebe, das Wasser wurde verdampft, und da war ein dünner feuchter Filz aus dem Holzbrei geworden. Der ging dann durch viele Walzen und Pressen, wurde immer dünner und dünner, und endlich wurden schöne glatte Papierbogen daraus.

Ja, es ist eine tolle Geschichte, was die Menschen alles aus so einem alten Baume machen können! Aber was nutzt das ganze schöne Papier, wenn es nicht beschrieben oder bedruckt wird, sagten sich die Leute. Das sagte auch der langgelockte Dichtersmann, der da drinnen in der großen Stadt hauste, und so nahm er ein paar von den schönen weißen Bogen, tauchte die Feder in die Tinte und schrieb lauter Reime und Gedichte auf das Papier. Ja, da besang er den Wald mit seinen grünen Bäumen, und die Vögel, die da in den Zweigen wohnen, und sagte, daß es nichts Schöneres gebe in Gottes weiter Welt als den stillen Wald mit den rauschenden Wipfeln. – Ach, er dachte nicht daran, daß der alte Baum sterben mußte, damit der Dichter auf dem Papier seine Lieder über den Wald niederschreiben konnte.

Aber das meiste Papier, das aus dem Fichtenstamm entstanden, kam in eine große Druckerei, und da wurden die Gedichte über den Wald zehntausendmal abgedruckt, und aus dem Baum waren zehntausend Bücher geworden, die hinaus wanderten in alle Welt.

Eines kam auch hinauf in das Forsthaus im Walde, wo der junge Jäger wohnte. Der nahm es mit sich in die grüne Einsamkeit der Tannen und Buchen. Er lagerte sich unter einem hohen Baum und las darin.

„Schnedderengteng!“ sagte er ärgerlich. „Da hauen die Städter die Bäume um und machen Papier daraus, und aus dem Papier machen sie Bücher, und in den Büchern schreiben sie, daß man in den grünen Wald gehen soll, und ihn heilig halten muß. – Es ist ein verrücktes Zeug, und es ist schade um den Baum, der deswegen sterben mußte!“

Da nahm er das Buch und warf es weit fort in das grüne Walddunkel.

Lange lag es da! Die Ameisen krochen zwischen den Seiten. Reineke, der Fuchs, beschnoberte es mißtrauisch und konnte über das seltsame Ding nicht klug werden, und der Starmatz pfiff darauf und benahm sich noch weiterhin unanständig, denn er verstand nichts von Gedichten. Die Sonne vergilbte das Papier, dörrte es aus; der Regen durchweichte es, der Frost zerriß es, die Mäuse knabberten daran, der Schnee des Winters löste es auf in einen Brei. Der Brei sickerte langsam in den Erdboden hinein, gerade da, wo ein ganz winziges Fichtenzweiglein wuchs. Seine feinen Wurzeln saugten die Nahrung ein, und das zerstörte Buch gab der jungen Fichte wieder, was es dem alten Baum genommen hatte.»

Johann der Wunderbare
«Zu Basel,» so erzählte eines Abends der alte Ulebuhle, «lebte vor Jahren ein berühmter Uhrmacher, der war ein Meister in seiner Kunst, wie ihn die Welt noch nicht gesehen. Er baute wundervolle Uhren mit allerlei beweglichen Figuren, die zu jeder Stunde aus dem Gehäuse herauskamen, ihre Verbeugung machten und mit einem Stab die Stunde wiesen. Dann drehten sie sich um, schlugen mit einem kleinen Hämmerchen auf silbernen Glocken die Zeit, und dann verbeugten sie sich wieder und verschwanden.

Von weit und breit kamen die Leute herbei, um die Kunstuhren des Meisters zu sehen, und Fürsten und hohe Herren ließen sich für teures Geld da prunkvolle Werke bauen. Aber der Meister schuf immer wunderbarere Sachen. Da war ein Reiter aus purem Golde, der alle Mittag um zwölf eine Trompete zum Munde führte, ein lustiges Stücklein blies und dann eine Pistole abfeuerte. Das Pferd aber konnte wiehern und mit dem rechten Vorderhuf scharren. Schließlich baute er eine künstliche Ente, die auf dem Wasser schwimmen konnte und so natürlich schnatterte, daß alle Welt voll Staunen war. Setzte man sie aufs Trockene, so watschelte sie dahin und schlug auch zuweilen mit den Flügeln. Man ließ sie in der ganzen Welt sehen, als einen Beweis menschlicher Kunstfertigkeit, und endlich kaufte sie ein reicher Mann für viele tausend Gulden.

Aber der Meister, verwöhnt durch die Gunst hoher Herren, wollte immer höher hinaus. Er wollte etwas schaffen, das seinen Namen bis in die fernsten Zeiten berühmt machte, und darüber grübelte er Tag und Nacht. Endlich hatte er den richtigen Gedanken gefunden. Er beschloß einen künstlichen Menschen zu bauen, einen Mann aus Eisen, in Lebensgröße, der täuschend Menschenart und Menschentun nachahmen sollte.

Er schloß sich in seine Werkstatt ein, rechnete und zeichnete und ließ niemand vor. Als er endlich das große Werk auf dem Papier fertig vor sich hatte, ging er daran, es wirklich auszuführen. Alles machte er selber, denn mit niemand wollte er seinen Ruhm teilen. Er goß die Form in Eisen und Bronze, er schmiedete und hämmerte, feilte und bohrte, schuf tausend Räder und Hebel, Gelenke und Lager, Wellen und Kurbeln, Federn und Gewichte. Aber nur langsam ging das schwierige Werk vonstatten, und da er keinerlei andere Arbeit annahm, so verbrauchte sich schnell das früher erworbene Geld, und seine Familie kam in Not.

„Mann,“ sagte seine Frau, „es ist bald kein Pfennig mehr im Hause. Seit Jahr und Tag sitzt du bei deiner geheimnisvollen Arbeit in deiner Werkstatt, niemand, nicht einmal ich weiß, was du da für ein Kunstwerk baust, und da du alle alten Kunden mit ihren Aufträgen abweisest, so wird bald niemand mehr kommen, und wir wissen nicht mehr, wovon wir leben sollen.“

„Geht zum Teufel mit eurem Plunderzeug,“ sagte wütend der Meister. „Für die nichtige Schusterarbeit sind genug andere Uhrmacher da, die nichts weiter verstehen, aber ich will etwas bauen, daß alle Gelehrten und Künstler der Welt vor Neid erblassen sollen, etwas, das Fürsten und Könige aus aller Welt nach Basel locken wird. Dann werde ich berühmt werden auf der ganzen Erde, man wird mich zum Ober-Hofmechanikus ernennen, und es wird Gulden regnen.“

„Es wird aber noch lange dauern,“ entgegnete die Frau, „und inzwischen ergeht es uns elender als dem kleinsten Uhrmacher, der die Schwarzwälder Uhren repariert. Es ist kein Brot mehr im Hause und kein Fleisch für dich und die Kinder.“

„So nimm die Tauben, mit denen Jung-Heinrich spielt,“ sagte der Mann, „das hilft einen Tag weiter!“

„Das bringe ich nicht über das Herz, Mann, sie sind seine liebsten Gefährten, sie sitzen auf seinen Schultern und picken ihm die Erbsen aus dem Munde, sie schmiegen sich an seine Wangen, er hängt mit ganzem Herzen an ihnen, und es wäre grausam, dem Knaben die beiden weißen Täubchen zu nehmen. Was hülfe es auch, nur einen Tag Rat zu schaffen!“

„So laß mich in Ruh! Geh borgen und warte die Zeit ab. Ich schaffe ein Kunstwerk, das Scheffel Goldes bringt, und man wird mich feiern wie einen Großen!“

„Mann, sieh dich vor! Dich hat der Hochmutsteufel beim Kragen! Versuche Gott nicht!“

„Hol euch alle der Fuchs!“ schrie wütend der Meister und stürzte davon in seine Werkstatt, die Tür donnernd hinter sich zuschlagend. Er schloß sich ein, Frau und Kinder sahen ihn kaum mehr, denn er schlief auch dort in seiner verborgenen Klause, und selbst die Mahlzeiten nahm er da ein.

So verging noch ein Jahr und noch ein halbes. Die Frau borgte sich überall den Lebensunterhalt zusammen, verkaufte, was in der Wirtschaft entbehrlich, und bald stak des Künstlers Familie so tief in Schulden, daß niemand mehr eine Semmel leihen wollte. Die Frau des Künstlers und seine Kinder wurden blaß und mager, und es flossen viel Tränen im Hause. Aber der Mann sah das alles nicht. Eine unstete Hoffart, eine unbezwingliche Ruhmsucht flackerte aus seinen Augen. Er sah zuweilen aus, als sei sein Geist verwirrt.

Aber eines Tages war er mit dem Werk fertig. Mitten in der Nacht, als alles schlief, beschloß er, es zu probieren. Er stand auf und machte Licht, und dann nahm er die schwarzen Decken, die das Kunstwerk verhüllten, ab.

Es war wirklich ein Kunstwerk! Da stand ein leibhaftiger Mensch, ein hochgewachsener, kräftiger Mann. Er hatte eine dunkelblaue Livree an, mit blanken Knöpfen, wie ein vornehmer Bedienter. Das Gesicht war, da die äußere Hülle aus feinster Emaille bestand, so natürlich, daß man auf den ersten Blick einen wirklichen lebenden Menschen vor sich zu haben glaubte. Ein schwarzer Vollbart floß vom Kinn lang hernieder, die Augen, obwohl von Glas, blickten durchaus nicht starr, die Hände waren wohlgeformt, nur die Füße, die in hohen Stiefeln mit flachen Sohlen steckten, sahen ein wenig plump aus, aber das mußte so sein, denn der Mann war ganz aus Eisen, und er mußte auf diesen mit Blei beschwerten Füßen sicher stehen.

Der Künstler knöpfte die Livree auf und öffnete die eiserne Tür, die die Brust des künstlichen Menschen verschloß. Himmel, wie sah es darin aus! Ein Gewirr von Hebeln und Rädern und Drähten und Magneten und Drahtspulen, es konnte einem schwindlig werden, und kein Mechaniker der Welt hätte diesen verwickelten Apparat auseinandernehmen und wieder zusammensetzen können. Nicht anders sah es in den Armen und Beinen aus. Da waren Laufwerke und Gewichte und elektrische Batterien, Zugfedern und kunstvolle Gelenke, und alles bewegte sich wie am Schnürchen.

Am großartigsten aber war es im Kopfe des eisernen Mannes bestellt! Der Uhrmacher nahm ihm die Perücke ab und öffnete den Schädel, um noch einmal nachzusehen, ob alle Schrauben am rechten Fleck. Die Glasaugen konnten wirklich sehen. Ein photographischer Apparat war an ihnen angebracht. Ein Uhrwerk bewegte langsam den Film weiter, auf dem die Aufnahmen entstanden, und was die Glasaugen sahen, das wurde so auf dem abrollenden Photographenfilm festgehalten und abgebildet. Auch hören konnte dieser eiserne Mensch. In den Ohren steckten Schallkapseln, wie bei einer Sprechmaschine, und der eingebaute Phonograph grub in eine Wachswalze ein, was die Ohren hörten. Drückte man auf einen verborgenen Knopf, dann wiederholte die Figur, was sie gehört hatte, denn dann fing die Sprechmaschine an zu schnurren, und aus dem Munde kamen deutlich alle Worte wieder. Dabei bewegten sich die Lippen so naturgetreu, daß man einen lebenden Menschen vor sich zu haben glaubte. Da war außerdem noch eine besondere Walze, die mancherlei alltägliche Redensarten enthielt, wie „Guten Tag“, „Gute Nacht“, „Schlafen Sie wohl!“, „Wie geht es Ihnen?“, „Ich danke, mir geht es gut!“, „Ich heiße Johann der Wunderbare und stamme aus Basel. Mein Vater ist der Uhrmacher Cornelius!“, „Hatschi, es zieht, schließen Sie das Fenster!“ Dies und ähnliches konnte das Kunstwerk sprechen.

Die Figur drehte den Kopf, nickte, hob Arme und Beine, grüßte wie ein Soldat, und vor allem konnte sie auch gehen. Freilich, sie ging ein wenig schwerfällig, und der Gang war langsam, aber im ganzen sah es doch recht natürlich aus, denn es gibt ja auch Menschen, die sich ein wenig langsam und unbeholfen fortbewegen. Durch ein Uhrwerk und einige einstellbare Hebel konnte man erreichen, daß der Mann soundso viele Schritte geradeaus ging, dann links oder rechtsum machte, wieder eine bestimmte Zahl Schritte tat und dann stehen blieb.

Aber er konnte auch ein treuer Wächter sein. Trat ein unberufener Eindringling auf einen elektrischen Draht, der von ihm ausging, so schoß er eine Pistole auf jenen Platz hin ab. Diese Pistole mußte man ihm natürlich zuvor in die Hand schrauben.

Ja, es war wirklich ein Kunstwerk.

Es kam der große Tag, an dem der eiserne Mann öffentlich gezeigt werden sollte. An allen Straßenecken war das Wunder in großen Plakaten angekündigt, alle Zeitungen hatten davon berichtet. Der Meister Cornelius wolle ein nie dagewesenes Kunstwerk zeigen, einen künstlichen Menschen: „Johann den Wunderbaren.“ Tausende und Abertausende liefen herzu. Die armen Leute gingen, die Vornehmeren fuhren im Wagen, und die ganz Hochgeborenen saßen zu Pferde. Es war ein Geschiebe und Gedränge vor dem Hause des Meisters, daß es beängstigend wurde, und die Polizisten liefen mit blauroten Köpfen umher, ihre Schnurrbärte waren gesträubt, und sie fuchtelten mit weißbehandschuhten Händen gewaltig in der Luft herum.

Es war angekündigt, daß Johann der Wunderbare ganz allein von seinem Geburtshause bis zu der großen Ausstellungshalle laufen sollte, in der er sich der Menge und den hohen Herrschaften vorstellen würde. Das war ein schöner glatter Weg bis dahin und ging zweimal um eine Ecke.

Die Frau des Künstlers und seine Kinder hatten Johann den Wunderbaren schon einen Tag vorher zu sehen bekommen. Da stand nun die Figur, wegen der sie zwei Jahre lang so viel hatten leiden und dulden müssen. Johann der Wunderbare hatte einen bösen Zug um den Mund, und auf der Stirn hatte er eine düstere Falte. Dazu sein langer dunkler Bart … ja, so kunstvoll er war, die Frau konnte keine Freude empfinden. Er kam ihr vor wie ein böser Dämon. Auch die Kinder fürchteten sich fast vor diesem künstlichen Menschen; am meisten aber Heinrich, des Meisters Jüngster. Er haßte diesen eisernen kalten Mann, wegen dessen die Mutter so viel geweint. „Er sieht so böse aus,“ sagte Heinrich zur Mutter, „so wie ein Mensch, der kein Herz hat.“ – „Da hast du recht, mein Junge,“ meinte die Mutter, „aber er hat ja auch kein Herz, und deshalb ist er auch kein richtiger Mensch. Aber wir dürfen dem Vater seinen Stolz und seine Freude über sein Werk nicht verderben. Gebe Gott, daß er uns wieder besseren Zeiten zuführe und Geld bringe und wieder Frieden im Hause.“

Da ging Jung-Heinrich wieder hinweg, um mit seinen beiden weißen Täubchen zu spielen, denn das war sein größtes Vergnügen auf der Welt, und er liebte nichts so wie diese Täubchen.

Die Menge vor dem Hause wuchs immer mehr. Endlich aber kamen in Begleitung des Bürgermeisters und der gelehrten Herren der Stadt die hohen fürstlichen Gäste an, und man benachrichtigte den Meister Cornelius, daß es an der Zeit sei.

Da tat sich die Tür auf, Meister Cornelius erschien, und hinter ihm kam langsam und bedächtig, sorgsam die Beine hebend und senkend, Johann der Wunderbare. Hurra, schrie die Menge, als sie seiner ansichtig wurde. Er legte ein paarmal die Hand an die Mütze, und dann lief er kerzengerade die glatte Straße hinunter. Vor ihm her ging sein Verfertiger. Weiter hinten folgten des Meisters Frau und die Kinder.

Im Winde wehte der dunkle Bart Johanns. Hin und wieder drehte er den Kopf nach rechts und nach links, und zuweilen hob er die Hand und grüßte.

Die Leute staunten und schrien durcheinander, und alle rühmten laut, wie er daherkam. Das Erstaunen wuchs aber, als Johann der Wunderbare im richtigen Augenblick linksum machte und um die Ecke bog, in die Seitenstraße, und der Jubel und das Verwundern nahm zu, als er richtig an der nächsten Ecke wieder einschwenkte und dann geradenwegs auf die große Halle zulief.

„Bei Gott, er ist wie ein lebendiger Mensch,“ sagten die Leute, „hoffentlich betrügt uns der Meister Cornelius nicht, und es ist nicht wirklich ein Mensch, der nur eine Figur vortäuscht!“

Die vornehmen Leute aber sagten, es wäre „pyramidal“, und die Gelehrten meinten, es wäre „ein exorbitantes Phänomen“. Die kleinen Bürger, die das hörten, wußten zwar nicht, was das zu bedeuten hätte, aber sie bekamen noch mehr Respekt vor Johann dem Wunderbaren, über den die hohen Herren so seltene Worte sagten.

Mitten in der weiten Halle lag ein Teppich, und als der eiserne Mann diesen Platz erreicht hatte, machte er Halt. Nun setzten sich die Vornehmen auf Sesseln ringsum, und alles Volk füllte die weite Halle bis auf den letzten Platz.

Meister Cornelius hob die Hand, und alles wurde mäuschenstill.

„Meine hohen Herrschaften, hochgelehrte Herren, verehrtes Publikum,“ sagte er und machte eine tiefe Verbeugung, „hier stelle ich Ihnen mein neuestes Kunstwerk vor, an dem ich zwei und ein halbes Jahr gearbeitet habe. Es ist etwas noch nie Dagewesenes, ein künstlicher Mensch. Ich darf mich rühmen, der erste Mensch auf Erden zu sein, dem es gelang, ein solches fast vollkommenes Wesen herzustellen. Der von mir geschaffene Johann der Wunderbare handelt so natürlich, daß vielleicht manche glauben, es sei ein wirklicher Mensch, und sie würden betrogen. Ich werde daher meinem Kunstwerk den Kopf abnehmen, werde seinen Körper öffnen, damit sich jeder überzeugen kann, daß es eine Maschine ist.“

Das tat der Meister dann, und alle sahen, es ist wirklich ein Kunstwerk. Dann brachte der Künstler sein Werk wieder in Ordnung, und als er abermals die Hand hob und Schweigen gebot, begann die Figur ihre Vorstellung. Sie machte eine kleine Verbeugung, legte die Hand an die Mütze und sagte mit deutlicher Stimme: „Guten Tag! Ich heiße Johann der Wunderbare und stamme aus Basel. Mein Vater ist der Uhrmacher Cornelius! Hatschi!! Es zieht, schließen Sie das Fenster!“

Erstaunen ging durch die Menge. Die Leute lachten vergnügt über den spaßigen Kerl, und einige schlossen wirklich das Fenster. Ja, das ist ein großes Kunstwerk, sagten die Leute. Die Vornehmen aber meinten, es wäre wirklich pyramidal, und die gelehrten Herren schüttelten die Köpfe und sagten einmal über das andere Mal: „In der Tat, ein exorbitantes Phänomen!“

Dann sang Johann der Wunderbare ein kleines Lied, und als die Leute klatschten, verbeugte er sich und sagte: „Ich danke, mir geht es sehr gut!“

„Jetzt,“ meinte der Meister, „wird der künstliche Mann zeigen, daß er auch hören und verstehen kann. Einer von den Herrschaften wird ihm mit lauter Stimme etwas zurufen, und er wird es wiederholen.“

Einer der gelehrten Herren, der berühmte Professor Konfusemathesius, trat heran und sagte laut zu dem wunderbaren Johann: „Kannst du mir sagen, wer Amerika entdeckt hat?“

Der Meister, der neben der Figur stand, drückte auf den Knopf, der den Phonographen in Tätigkeit setzte, und so nahm er die Worte auf. „Johann,“ sagte er dann, „was sagte der berühmte Professor Konfusemathesius zu dir?“ Da schnurrte die Walze wieder ab, und die Figur sprach deutlich: „Kannst du mir sagen, wer Amerika entdeckt hat?“

Die Leute klatschten und waren ganz aus dem Häuschen. Inzwischen aber rief der Meister in das andere Ohrhinein: „Christoph Kolumbus.“ Und als die Figur nun den Namen des Entdeckers Amerikas aussprach, da war alles des Lobes voll.

„Jetzt,“ rief Meister Cornelius, „wird der künstliche Mann zeigen, daß er auch sehen kann. Er wird an das Fenster treten, Sie werden ihm irgend etwas zeigen, und nachher werde ich Ihnen sagen, was Sie ihm gezeigt haben. Ich aber werde hier ruhig stehen bleiben, Sie sollen mir die Augen verbinden, damit ich es selbst nicht sehen kann, was meiner Figur vorgeführt wird.“

Man verband dem Künstler fest die Augen und führte ihn in eine dunkle Ecke. Johann stand am Fenster. Draußen auf dem Platz standen zwei Schimmel. Man setzte auf jeden einen Knaben und führte die Pferde vor das Fenster. Dann führte man sie wieder weit fort und nahm dem Meister die Binden ab. Er brachte sein Kunstwerk wieder auf den Teppich zurück, griff hinein in das Hinterhaupt, zog den photographischen Film hervor, ging in eine dunkle Ecke, goß eine Flüssigkeit darüber, die das Bild sichtbar machte, und kam wieder zurück.

„Man hat Johann dem Wunderbaren zwei Schimmel vorgeführt. Knaben saßen darauf. Einer hatte eine Fahne in der Hand. Ja, er hat das alles deutlich gesehen und mir verraten.“

Eine Bewegung ging durch die Menge. Viele sagten, daß es eine tolle Sache sei, eine Art Hexerei, und ein paar Frauen meinten, es sei unheimlich, und man könnte sich fürchten vor dem eisernen Kerl mit dem schwarzen Bart.

Aber den Meister Cornelius, den das Staunen über sein Werk immer hoffärtiger machte, plagte der Teufel. Er wollte immer mehr und mehr von ihm zeigen.

„Geben Sie Obacht,“ rief er, und sein Gesicht war vor Eifer feuerrot, „jetzt wird sich Johann der Wunderbare als Kunstschütze produzieren. Dort vor dem Fenster ist ein Pfahl aufgestellt, und auf ihm ist eine Taube angebunden, die wird er herabschießen. Er ist ein treffsicherer Schütze.“

Damit schraubte er seinem Mann eine Pistole in die Hand und drehte ihn dem Fenster zu. Richtig, da draußen war ein Pfahl, und auf dem Pfahl saß, an einem Band befestigt, das ihr Davonfliegen verhinderte, eine niedliche weiße Taube. Die machte Gurr-Gurr und langweilte sich, denn sie war gewöhnt, mit ihrer Schwester zu spielen und auf der Schulter des kleinen Knaben zu sitzen, der Erbsen in der Tasche hatte und auch kleine süße Kuchen. Sie liebte den kleinen Knaben, und er liebte sie. Sie pickte mit ihrem rosa Schnäbelchen vorsichtig Erbsen von seinen Lippen, sie saß oft mit ihrer Schwester stundenlang auf seiner Schulter, wenn er in seinen Märchenbüchern las.

Heut aber war er nicht gekommen, sie aus ihrem Wohnkäfig zu befreien. Ein harter Mann kam, der fest zufaßte und sie in einen Sack steckte. Nun saß sie hier auf der Stange, sagte unablässig Gurr-Gurr, denn sie hatte Sehnsucht nach der Schwester, nach dem kleinen Jungen und nach Erbsen und Wasser.

Johann der Wunderbare stand mit finsterem Gesicht und starren Augen da. Sein schwarzer Bart stand weit ab vom Kinn, sein Mund schien zu lächeln, es war, als läge ein böser Zug auf seinem Antlitz. Er hatte den Arm erhoben und zielte auf das Täubchen.

Es entstand ein Murmeln in der Menge. Einige Kinder und Frauen sagten, es sei schade um das niedliche Täubchen, und es sei nicht recht, es von dem Eisernen töten zu lassen. Plötzlich drängte sich ein kleiner Knabe vor. Jung-Heinrich war es. Er hatte ganz hinten mit der Mutter und den Geschwistern gestanden, und nun drangen die Worte vom Schießen und von dem Täubchen an sein Ohr. Da packte ihn ein düsteres Ahnen. Sollte es gar sein Täubchen sein? Er zwängte sich durch die Menschen hindurch, um das Fenster und den Pfahl sehen zu können und erblickte seinen Liebling mit dem blauen Band um den weißen Hals. Ein heftiger Zorn faßte ihn. Er sprang vor, geradewegs auf den eisernen Menschen zu, der ihm so großen Schmerz antun wollte. Er sah den Vater kaum, er stand plötzlich neben Johann dem Wunderbaren auf dem Teppich, und viele tausend Menschen blickten erstaunt auf ihn.

„Was willst du tun, eiserner Mann?“ schrie er. „Warum willst du mein Täubchen töten? Du bist ein böser Mensch, du hast kein Herz, du bist ein grausamer Mensch, ein herzloser Mensch!“

Aber schon hatte der Vater auf den Mechanismus gedrückt, der den Schuß auslöste, und als der Knall verhallt war, sah man das Täubchen an der Schnur niederfallen. Johann hatte gut getroffen, oh, er war ein trefflicher Schütze, ja er war wirklich ein Kunstwerk.

Es ging ein Murren durch die Menge.

Der kleine Knabe aber brach in Tränen aus. Er war außer sich. Wütend sprang er auf den Verhaßten zu. „Herzloser, böser Mensch! Mörder, Mörder!“ schrie er ihm zu, und dann stieß er mit der ganzen Kraft seines Körpers nach ihm. Die Figur, die den einen Arm weit vorgestreckt hielt und auf einer Kante des Teppichs stand, war nicht im Gleichgewicht. So wankte sie, drehte sich und es war, als ob sie den Knaben erschlagen wollte. Sie neigte sich vornüber, ihm zu, stürzte mit ihm, über ihn zu Boden.

Das ging alles so schnell, daß der Künstler, der verblüfft daneben stand, gar nicht Zeit hatte, einzugreifen.

Erschreckt drängten sich die Menschen hinzu, zogen den Knaben unter der eisernen Figur hervor. Es war ihm weiter nichts geschehen, nur eine blutige Schramme ging quer über die Stirn. Aber das Murmeln der Menge wuchs drohend an, es wurde zu wildem Schreien, zu brausendem Rufen.

„Er hat kein Herz, nein, er hat kein Herz,“ so schrie es von allen Seiten. „Er kann Tiere und Menschen töten, er würde auch uns ohne Erbarmen töten, wenn es ihm befohlen wird. Er ist ein Bösewicht, ein Mörder!“

„Mörder, Mörder, herzloses Ungeheuer,“ tobte die Menge. Man nahm den Knaben auf den Arm, führte ihn der Mutter zu, man versprach ihm neue Täubchen. Empört und wütend, schreiend und tobend schob und drängte sich die Menge aus der Halle.

„Ja,“ sagten die Vornehmen, „er ist ein pyramidales Kunstwerk, aber ein Herz, nein, ein Herz hat er nicht!“ – „In der Tat, ein exorbitantes Phänomen,“ sagten die Gelehrten und wiegten die Köpfe, „aber cum venia zu sagen, gewissermaßen herzlos!“ Darauf verschwanden auch sie.

„Er kann alles,“ brüllten die erregten Massen, „er kann sich bewegen wie wir, er kann sehen und hören, sprechen und singen, aber er tötet, denn er hat kein Herz, kein Herz, kein Herz!“

In der Ferne verlor sich das Toben und Schreien, schließlich war es nur noch ein fernes Brausen, und dann wurde es ganz stille.

Einsam stand in der weiten Halle Cornelius der Künstler. Er war leichenblaß. Unheimlich funkelten seine Augen. Neben ihm lag sein Werk. Da faßte ihn eine namenlose Wut. Er ergriff eine schwere eiserne Stange, die in der Ecke der. Halle lehnte, er hieb wie ein Rasender mit wuchtigen Schlägen auf den wunderbaren Johann ein, der ihn mit starren Augen und offenem Munde höhnisch anblickte. Er zerschmetterte ihn mit wahnsinnigem Eifer, er trat mit den Füßen in das kunstvolle Gewirr von Rädern und Hebeln, Walzen und Gelenken, Drähten und Federn, bis alles ein wüster Trümmerhaufen war.

Dann hüllte er sich in seinen Mantel, und als der Abend hereinbrach, eilte er aus der Stadt, wanderte ohne Ruh und Rast durch Wälder und Felder in die unbekannte Ferne.

Man hat ihn nie wieder gesehen.»

Das Zündholz und die Kerze
Einmal ging eine böse Krankheit durch die Stadt. Auf leisen Sohlen schlich sie heimtückisch in alle Häuser, zu den Armen und zu den Reichen, und der Wagen des alten Doktor Horn klapperte von früh bis spät durch die winkligen Gassen mit den schnurrig-schiefen Häuschen; aber weder die bittere Medizin noch die lustigen Scherze des Alten vom Theresienhof wollten diesmal helfen. Der Tod, der überall im Lande reiche Ernte hielt, wollte auch aus der Bergstadt Goslar seinen Zehnten haben, und war kein Kraut gegen ihn gewachsen.

Eines Tages starben zu gleicher Stunde der alte Bergmann Klaus, der achtzig Sommer gehen und kommen sah, und sein Enkelchen Friedel, das mit uns auf der Schulbank saß und mit zum Märchenkreis des alten Ulebuhle gehörte.

Am Abend, als sie zu Grabe getragen wurden, das uralte Menschenkind und das ganz junge, saßen wir betrübt beim Doktor Ulebuhle, und da erzählte er die Geschichte vom Zündholz und der Kerze, vom kurzen und vom langen Leben.

«Kinder,» sagte er, «kurz und lang, das ist Menschenwitz. Für den Herrn der Welt ist es eins. Ihm lebt der Maikäfer so lange wie der Elefant, obgleich der ein paar hundert Jahre alt werden kann, denn für die Ewigkeit ist die Minute so lang wie das Jahrhundert. Seht, da stand eine Kerze auf dem Tisch eines jungen Mannes und ein Zündholz lag dabei. Die Kerze war schön weiß und hatte noch nie geleuchtet, denn die Magd hatte sie erst am Morgen vom Krämer gekauft. Das Zündholz hatte einen ganz roten Kopf. Es war ein Bullerjahn, wie alle aus seiner Familie, und immer gleich Feuer und Flamme und immer auf dem Sprunge, sich an allem und jedem zu reiben. Die Kerze tat sehr steif und vornehm und war von ihrem Beruf ungemein eingenommen. Oben hatte sie einen kleinen Zopf und unten ein Spitzenkleid aus Papier; ihr Fuß steckte in einem Porzellanschuh, und dicht daneben lag das Zündhölzchen in einer kleinen hölzernen Bettlade ganz allein, denn es war das letzte Glied einer kinderreichen Familie.

Ein Sonnenstrahl drang durch die Fensterladen und fiel auf die beiden. Das Zündhölzchen erwachte, besah sich eine Weile die Kerze und sagte plötzlich:

„Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Zündholz ist mein Name. Ich stamme aus Schweden. Meine Mutter war eine geborene Tanne, die erst mit einem Herrn Schwefel und nachher mit Herrn Phosphor verheiratet war. Entschuldigen Sie, daß ich im Liegen spreche. Wenn man ein Holzbein hat –, Sie begreifen! Ich bin der Letzte meines Stammes. Wir sind ein kurzlebiges Geschlecht.“

Die Kerze schwieg eine Weile und überlegte, ob sie dem kleinen rotköpfigen Wicht überhaupt antworten sollte. Endlich aber sagte sie mit fettiger Stimme:

„Ich heiße Kerze. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß ich nicht auf vertraulichem Fuße mit Ihnen verkehren kann, denn Sie sind als mein Diener hier angestellt. Mein Vater war der Baron von Rindertalg, und meine Mutter stammt aus der reichen Kaufmannsfamilie Baumwolle. Ein Verwandter von mir ist ein hervorragendes Kirchenlicht, und einer meiner Brüder stand an der Spitze des Christbaumes, dicht neben dem Weihnachtsengel. Sie unterhielten so enge Beziehungen, und der wundervolle Engel verliebte sich derart in meinen Bruder, daß er vor Sehnsucht zerfloß, denn er war eine wachsweiche Natur.“

„Das ist alles sehr interessant,“ meinte das Zündholz, „aber Ihr Diener bin ich denn doch nicht!“

„Aber freilich, Verehrtester, Sie sind ja nur meinetwegen hierher gelegt und werden mich heut abend entzünden! Was meinen Sie wohl, welche Rolle ich hier im Hause spiele! Ich bringe Licht in die ganze Geschichte. Ich ersetze die Sonne, bin ihr Stellvertreter auf Erden. Ohne mich könnte der junge Herr gar nicht seine schönen Gedichte zu Papier bringen, denn das tut er nur des Nachts, und dann seufzt er, denn er liebt eine schöne Dame.“

„Sehr interessant,“ meinte der kleine Mann mit dem Holzbein wieder, „aber wenn ich nicht wäre, dann könnten Sie gar nicht leuchten, denn ich muß durch mein Feuer Sie erst entzünden. Seien Sie nicht so hochmütig! Wenn ich auch nur klein bin und nur ein Holzbein habe, bin ich doch ein tüchtiger Kerl, denn ich habe es im Kopfe.“

„Nur keinen Streit, mein Bester! Ich darf mich nicht erhitzen, das schadet meiner Figur, und ich habe noch ein langes Leben vor mir. Sie freilich, mit Ihrem Holzbein, sind schnell in Asche zerfallen, aber ich zehre von meinem Fett und überlebe Sie und alle Ihre Brüder.“

Der alte Tisch mit den seltsam verschnörkelten krummen Beinen, der schon länger als ein Jahrhundert in diesem Hause diente, knackte plötzlich laut, so daß die beiden erschraken und der Holzwurm, der in dem alten Möbel hauste, zu bohren aufhörte. Es war, als ob der Tisch irgend etwas knurrte, aber man konnte den alten Burschen nicht verstehen.

„Sie sind schrecklich aufgeblasen und hochmütig wie alle reichen Leute, die von ihrem Fett zehren,“ meinte das Zündholz, „aber wenn Sie auch ein wenig länger leben als ich, sterben müssen Sie auch einmal, und ob Sie das in Ihrem letzten Stündlein so mutig tun werden wie ich, das ist noch die Frage, denn ich verschieße im letzten Moment mutig mein Pulver, wie ein alter Soldat, daß es zischt und pufft, und dann hat die liebe Seele Ruhe, ich habe meine Schuldigkeit getan, und damit Gott befohlen! Denn darauf kommt es im Leben allein an, daß man seine Schuldigkeit tut. Wir waren sechzig Schweden in einer Schachtel; alle taten ihre Pflicht; sie gaben Feuer und starben. Nur zwei waren Drückeberger; sie brachen zusammen, und der Herr schleuderte sie wütend ins Wasser und sagte: „Lumpenzeug!“

„Nun,“ sagte die Kerze, „es wird sich alles finden. Wenn Sie mich nur heut abend nicht im Stich lassen und kräftig Feuer geben, denn dazu sind Sie hierher gelegt. Mein Zopf ist schön gedreht und gefettet. Noch ist er weiß, aber je älter ich werde, je länger ich leuchte, um so dunkler wird er. Es ist umgekehrt wie bei den Menschen. Die haben in der Jugend einen schwarzen Zopf und im Alter einen weißen! Schade, daß Sie mich nicht strahlen sehen können. Aber zu Herzen wird es mir doch gehen, und dann weine ich große Tropfen, die an meinem Kleide niederrollen. Ja, das Leben ist schwer!“

Der kleine hölzerne Gesell schwieg. Die Kerze war ihm zu hochnäsig und selbstgefällig. Da lag er in seiner winzigen hölzernen Bettlade und träumte vor sich hin.

Und dann ging die Sonne unter und die Nacht kam, und es war dunkel ringsum. Die Finken, die in den hohen Bäumen vor dem Hause gelärmt hatten, waren schlafen gegangen, und hinter dem mächtigen alten Kachelofen wisperten die Mäuse. Dann schlug die alte brummige Turmuhr neun, und da ging die Tür auf, und der junge Mann trat ins Zimmer.

Jetzt, dachte die Kerze und war so aufgeregt, daß sie an Herzschlag gestorben wäre, hätte sie eines besessen. Die Sonne ist schlafen gegangen, der Mond ist all diese Tage an Amerika verborgt, nun komme ich dran. Mein Licht allein leuchtet durch die Finsternis.

Da ergriff der junge Mann die hölzerne Lade mit dem Zündhölzchen. „Eines nur,“ meinte er, „hoffentlich tut es seine Schuldigkeit!“

Der Mann mit dem Holzbein aber stand kerzengerade zu Befehl, wie ein braver, guter Soldat von anno dazumal, und mutig ließ er sein Leben für die Pflicht.

„Leben Sie wohl!“ schrie er, als er mit seinem dicken Pulverkopf gegen die Reibfläche stieß, und dann puffte und zischte er und gab Feuer, denn das war sein Beruf. Schnell verkohlte er und zerfiel in Asche, aber die Kerze konnte das alles gar nicht beobachten, denn nun kam sie an die Reihe. Der junge Mann setzte ihr weißes Zöpfchen mit dem Zündholz in Brand, und das war der feierlichste Augenblick in ihrem Leben, denn nun strahlte sie ihr helles Licht aus und meinte, sie könne es mit der Sonne aufnehmen.

Der junge Mann, der die schöne Dame liebte, saß bis tief in die Nacht hinein und schrieb Gedichte, und dann seufzte er. Die Kerze aber wollte immer heller leuchten; ihr Zöpfchen wurde immer länger, und ihre Flamme flackerte. Da kam aber die große eiserne Lichtputzschere, sperrte ihren Rachen auf und sagte: „Nur keine Aufregung, Jungfer!“ Dann biß sie ein Stück von dem Zopf ab, und die Kerze fand das so empörend, daß sie dicke Tränen weinte. Aber die Lichtputzschere kümmerte sich nicht darum. Sie hatte ein Gemüt wie ein Fleischerhund. Sie lag breitbeinig und mit offenem Rachen zu Füßen der Kerze und wartete auf den nächsten Biß.

„Sie sind äußerst unliebenswürdig und verstehen nicht, mit Damen umzugehen,“ sagte die Kerze weinend, „hier zu meinen Füßen lag vorher ein alter Soldat; der ging für mich durchs Feuer und ließ sein Leben für mich. Aber Sie sind kein Kavalier.“

„Schnedderengteng! Hier herrscht Ordnung!“ meinte die Schere und klappte das Maul auf. „Ich tue hier meine Pflicht und damit basta! Damen mit langen Zöpfen werden hier nicht geduldet. Ich liebe die langen Flammen nicht; mein Herr auch nicht. Damen dürfen nicht rauchen. Sie haben aber eben geraucht, gequalmt sogar, Verehrteste. Und nun hören Sie auf zu weinen, sonst kriegen Sie die Abzehrung und sterben bald.“

„Meine Verwandte war ein hohes Kirchenlicht, mein Bruder der …“

„Hat den Weihnachtsengel geschmolzen! Haben Sie ja vorhin schon alles erzählt, Madame! Geben Sie Obacht auf Ihren Spitzenrock, den haben Sie mit Ihren dicken Tränen schon ganz betropft. Je mehr Sie heulen, je schneller geht es mit Ihnen zu Ende.“

„Ich lebe noch lange,“ meinte die Kerze, „das Leben ist sehr interessant, und man lernt immer wieder etwas Neues.“

„Schnedderengteng! Es ist immer wieder dasselbe. Ich liege hier schon an die hundert Jahre und putze den Kerzen die langen Zöpfe, damit sie nicht die Bude vollqualmen, aber es ist immer dasselbe. Die jungen Damen denken immer, sie leben ewig und bleiben ewig strahlend schön und voll Wärme, und dann sind sie übermütig und wollen hoch hinaus und denken, es muß ein Prinz kommen, der sich in sie verliebt. Aber langsam werden sie alle klein und häßlich, weinen immer mehr und kriegen ganz absonderliche Figuren und dicke Füße. Lange Krokodilstränen hängen auf dem weißen Kleide, der Zopf fasert aus, sie gewöhnen sich das Rauchen an, und es fehlt nicht viel, so fangen sie noch an zu schnupfen wie der alte Gustav, der hier morgens immer alles ins reine bringt. Endlich aber sind sie so zusammengedörrt wie eine Backpflaume, klein und unansehnlich, und dann will sie keiner mehr, und die Geschichte hat ein Ende. Ich mag das ganze Weibsvolk nicht leiden. Ich war fünfundzwanzig Jahre mit einer gewissen Kette verheiratet. Ich hing an ihr mit all meiner Kraft. Wir standen in enger Verbindung mit einem sehr hohen Herrn, einem gewissen Messingleuchter. Was soll ich Ihnen sagen, eines Tages riß sie sich von mir los und ging mit dem Kerl auf und davon. Darum sage ich: Weg mit dem Weibervolk, mit der Liebe und den langen Zöpfen! Alles Schnedderengteng!“ Sprach’s und biß wieder ein Stück vom Zopf der Kerze ab, denn die war so empört von der Rede des alten Bullenbeißers, daß sie in hellem Zorn aufloderte.

„Wenn Sie mit der Kette auch so umgegangen sind wie mit mir, dann kann ich es ihr nicht verdenken, daß sie mit dem Messingleuchter durchging, denn Sie sind ein roher Patron. Aber für mich fängt das Leben erst an, und ich glaube, es wird ganz interessant werden. Ich mache Furore und sicher einmal eine gute Partie, eine glänzende Partie, wie es mir zukommt. Freilich, den ersten besten würde ich nicht nehmen.“

Schrumm! sagte es plötzlich. Ein dicker Käfer, angelockt durch das Licht der Kerze, war zum Fenster hereingeflogen und lag nun zu ihren Füßen. Er hatte große Bürsten an den Beinen, und damit strich er über seinen Schnurrbart und seine Frackflügel, denn er wußte, was sich schickt, wenn man einer Dame seinen Besuch macht. Er machte eine gar possierliche Figur, denn er war sehr dick, hatte einen kugelrunden Kopf und ganz kurze Beinchen. Er kribbelte langsam an dem Leuchter herum, machte ein paarmal seine Verbeugung und schien zu warten.

„Da kommt der erste Freier,“ sagte die Lichtputzschere, „halten Sie sich zu, sonst schwirrt er wieder ab.“

„Pee,“ meinte schnippisch die Kerze, „er ist mir zu dick und zu klein. Es wird noch ein anderer kommen. Ich habe Zeit, das Leben fängt ja erst an!“

Der Käfer kletterte inzwischen an der Kerze hoch, und als er dicht bei ihrem Flammengesicht war, knisterte sie so böse, daß er vor Schreck auf den Tisch herunterfiel und auf seinen runden Rücken zu liegen kam. Da lag er nun, strampelte unbeholfen mit den Beinen und konnte nicht wieder aufkommen, bis ihm die Schere einen Arm entgegenstreckte und ihm wieder auf die Beine half.

„Sehen Sie, Verehrtester, so geht es, wenn man auf Abenteuer ausgeht. Suchen Sie sich eine andere Flamme, denn diese hier will hoch hinaus, und man wird am besten mit ihr fertig, wenn man ihr den Zopf abbeißt.“

Der Käfer war ganz verstört. Schnurr, schnurr, sagte er, und dann flog er in die Gardinen.

Aber schon kam ein neuer Freier daher! Das war eine Pferdemücke. Entsetzlich dünn und langbeinig, eng geschnürt wie ein Gardeleutnant und mit roten Stielaugen im Kopfe. Sie schnurrte immer rundum um die Kerze und tat sehr verliebt.

„Herrgott,“ sagte die, „was für ein dünner Schneider! Ein gräßlicher Kerl! Ich mag ihn nicht um einen Wald voll Affen! Da muß ein ganz anderer kommen!“

Die Pferdemücke war, geblendet durch die Flamme, in das Tintenfaß geraten, hatte sich die Flügel gefärbt und kroch nun über das Schreibpapier des Dichters, einen langen Strich mit Tinte hinter sich ziehend. Da wurde er ärgerlich und warf sie in weitem Bogen zum Fenster hinaus.

„Nun werden Sie eine alte Jungfer,“ schnauzte die Schere. „Der eine ist Ihnen zu dick, der andere zu dünn. Ja, denken Sie vielleicht, es kommt ein Prinz?“

Aber wirklich, da kam ein Prinz! Ein niedlicher bunter Falter mit einem blauen Seidenmantel und schwarzem Samtkragen. Er hatte zarte Fühlhörnchen, umtanzte die Kerze und wisperte so fein, daß man es kaum hören konnte. Zudem war es eine fremde Sprache, die keines im Zimmer verstand. Der bunte Fremdling machte der strahlenden Kerze seine tiefsten Verbeugungen. Vielleicht hielt er sie wirklich für die Sonne. Ihr Licht und ihre Wärme lockten ihn, er war geblendet von ihrem Glanz und umschmeichelte sie mit seinen surrenden bunten Flügeln.

Die Kerze fühlte sich äußerst gehoben. Stolz stand sie da. Endlich ein eleganter junger Herr, dachte sie, und strahlte noch einmal so hell.

„Junger Mann,“ brummte die Lichtputzschere, „hören Sie auf einen alten Knasterbart, der das Leben kennt, und machen Sie, daß Sie fortkommen, sonst gibt’s ein Unglück! Ich sah schon manchen Ihresgleichen ein Ende nehmen. Er verbrannte sich die Frackflügel an der Flamme und mußte zu Fuß nach Hause gehen, oder es ging ihm wie jenem dicken Nachtschwärmer, der an der Kerze hängen blieb und elend mit ihr versengte.“

Der kleine bunte Fremdling aber hörte nicht. Er taumelte um die Kerze, und sie lockte ihn mit ihrem Strahlenlächeln.

„Das Leben ist doch schön!“ sagte sie. „Nun liebt mich auch jemand so, wie der junge Mann, der dort sitzt und Gedichte schreibt, das Fräulein liebt.“

Da zuckte sie plötzlich erschreckt zusammen. Es gab einen kleinen Puff, und der bunte Schmetterling fiel auf den Tisch nieder, gerade neben die Lichtputzschere. Er hatte die Kerze küssen wollen, und richtig verbrannte er sich dabei die Flügel. Da lag er nun und schnurrte unbeholfen, und das schöne Spiel war aus.

„Sehen Sie, junger Mann! Was habe ich Ihnen prophezeit!“ schnarrte die Schere. „Übermut tut selten gut. Wer nicht hört, muß fühlen, und Jugend hat keine Tugend!“

„Es ist schade,“ meinte die Flamme, „aber vielleicht kommt ein anderer.“

„Sie sind ein herzloses Frauenzimmer, und außerdem rauchen Sie schon wieder!“ Mit diesen Worten sprang die Lichtputzschere empor, klappte das Maul auf und biß herzhaft ein Stück von dem brennenden Zopf ab. Sie konnte das tun, denn sie war von Eisen.

Die alte Uhr sagte zehn, und dann elf, und endlich zwölf. Die Kerze wurde kleiner und kleiner und die Schatten im Zimmer immer länger und länger. Alles tauchte immer mehr in Finsternis, und die Welt wurde so beängstigend stille. Der Bohrwurm in der Tischplatte schlief, und der kleine Schmetterling hatte sich traurig hinter den Büchern verkrochen. Auch die Schere war eingenickt. Als die alte Uhr zwölf gesagt hatte, brummte sie noch lange ganz leise vor sich hin, denn das war ihre größte Arbeit, und nun mußte sie wieder mit eins anfangen, aber dann schliefen die Leute schon, und keiner hörte zu.

Da erhob sich endlich der junge Mann, der das schöne Mädchen liebte. Er seufzte noch einmal, und dann ging er ganz leise hinaus, hinüber in sein Schlafzimmer. Aber der alte Gustav, sein Kammerdiener, hatte ihn doch gehört. Er stellte die Pantoffeln zurecht und den Stiefelknecht, und dann ging er hinüber in das Studierzimmer seines Herrn, um nach Ordnung zu sehen. Da stand die Kerze noch auf dem Tisch und brannte noch. Aber wie sah sie aus! Alt und häßlich! Ganz winzig klein war sie geworden und flackerte ängstlich hin und her. Ihr Spitzenkleid war angesengt. Sie weinte dicke, dicke Tränen und sagte einmal über das andere Mal: „Nun ist es aus! Wie ist das Leben so kurz!“

Der alte Gustav nahm den winzigen Kerzenstumpf mit der Schere aus dem Leuchter heraus. Aber seine alten zittrigen Finger zerdrückten ihn.

„Autsch!“ sagte die Kerze, und dann verlöschte sie, und es war rabenschwarze Nacht. Das winzige Wachsstümpfchen rollte in die Ofenecke, und als der alte Gustav mit seinen Filzschuhen davongeschlurft war, kamen die kleinen Mäuse hinter dem Ofen vor, strichen ihre Schnurrbärte, schnupperten umher und verzehrten das Wachs. Nur den kleinen Zopf ließen sie liegen.

Die Lichtputzschere erwachte, riß das Maul auf und gähnte. Alles schon dunkel, dachte sie, die Jungfer Kerze ist inzwischen gestorben, wie es scheint. Ja, das Leben ist kurz. Schnedderengteng, die Welt ist eng! – Einmal werde auch ich in die Grube fahren, ich spüre es doch schon in den Gelenken, daß ich hundert Jahre alt bin. Es ist das Zipperlein.

Der alte Tisch knackte, und da schwieg die Schere, denn sie wußte, er war ein alter Brummbär und liebte das Reden nicht.

Seht, Kinder,» sagte der alte Doktor Ulebuhle und stopfte noch eine Pfeife, «das war die Geschichte vom Zündholz und der Kerze. Die Kerze glaubte wunder wie langlebig sie sei, aber die Schere und der Tisch, die schon ein Jahrhundert lang im Dienste des Hauses waren, für die war die Kerze so vergänglich wie das Zündhölzchen. Die Hauptsache ist, daß man sich schlecht und recht durchs Leben schlägt und seine Pflicht tut, damit einem die Lichtputzschere nicht fortwährend in den Zopf beißt.»

So sagte der schnurrige Alte, und dann nieste er, daß sein eigenes Puderzöpfchen mit der kleinen Schleife entsetzt einen Seitensprung tat, und schlurfte mit der Kerze uns voran, die alte steile Stiege hinab.

Der Weltuntergang
«Hier,» sagte der alte Ulebuhle und putzte seine mächtige Hornbrille, «ist das Allerwelts-Vergrößerungsglas, das die Leute ein Mikroskop nennen. Jetzt stellt euch alle um mich herum, und dann wollen wir hineinsehen. Seht, da steht ein Gläschen mit trübem Wasser, das hat die alte Christine aus dem kleinen Teich im Garten heraufgeholt, und nun wollen wir einen Tropfen von diesem Wasser unter das Vergrößerungsglas bringen und ihn viele hundert Male vergrößern.

Schaut her, das ist getan, und jetzt guckt hinein.

Oh, welch eine schnurrige Welt ist doch so ein Wassertropfen. Hui, wie es da wibbelt und kribbelt. Tausend winzige Tierchen schießen hin und her, tauchen auf und nieder, jagen sich und plagen sich, wirbeln durcheinander wie die Menschen in einer großen Stadt. Seht, da sind die winzigen Schiffchen, glasdurchsichtig sind sie alle. Mit ihren feinen Wimperhärchen rudern sie pfeilschnell dahin, als ob sie wer weiß was für wichtige Geschäfte zu vollführen hätten. Sie jagen nach Beute, sie hetzen einander, sie gebärden sich so närrisch wie die Menschen und sind für ihre kleine Welt vielleicht doch eben so gescheit wie die.

Da kommen andere, das sind die Rädertierchen. Sie haben am Kopfe so einen drolligen Kranz von winzigen Fingerchen, die sind in ständiger Bewegung, und es sieht aus, als ob es ein feines kleines Zahnrad wäre aus einer ganz kleinen Uhr. Wenn sie es drehen, so entsteht ein kleiner Wirbel im Wasser, und allerlei winziges Zeug wirbelt heran, gerade hinein in ihr aufgesperrtes Maul. Ja, so ist es, und die Rädchen müssen immer fleißig kreisen, sonst bleibt der Magen leer.

Seht, da ist mitten in der Wasserkugel eine Insel. Ein ganz kleines Teilchen eines verwesenden Blattes ist es, mit dem freien Auge kann man es gar nicht sehen, aber für diese kleine Welt ist es eine große Insel, und all die Wasserwichte, die so klein sind, daß ein paar Hundert von ihnen in einem Nähnadelöhr wohnen könnten, eilen aus allen Richtungen des Wassertropfens herbei, denn hier gibt es Nahrung für viele Tausende dieser schnurrigen Kerle. Seht ihr sie eilen, sich stoßen und drängen? Seht, da tanzen welche in einem wilden Knäuel umeinander herum, wie die Menschen auf einem Jahrmarkt, und es ist ein Gedränge bei der Nahrung spendenden Insel wie bei der Würstelbude auf dem Schützenfeste. Ha, welch eine wilde Jagd kommt daher! Seht, sie verfolgen einander, sie fliehen und jagen nach wie Räuber und Polizeisoldaten, quer durch die ganze Weltkugel von Wasser, vom Nordpol zum Südpol. Jetzt sind sie verschwunden am Rande des Glases, vielleicht untergetaucht in dem weiten Weltmeer des Wassertropfens.

Ja, wer hätte das gedacht, daß so ein winziger Wassertropfen, nicht größer als eine halbe Erbse, eine ganz richtige Weltkugel ist, voll von Bewohnern, die ein Leben führen wie wir. Hätten wir nicht unser Vergrößerungsglas, wir wüßten gar nichts von ihrem Vorhandensein. Seht, Kinder, wenn die Leute, die auf den fernen Sternen leben, nicht ganz mächtige Vergrößerungsgläser haben, dann wissen sie gar nichts von der Erdkugel, und daß wir Menschen darauf leben. Ja, die kleine Erde ist unter den vielen Millionen Sternen auch nur so eine Art Wassertropfen.

Die kleinen Kerle in dem Wassertropfen wissen gar nicht, daß sie in unserer Hand sind, daß wir über ihnen thronen wie der liebe Gott über der ganzen Welt. Wenn wir mit dem Finger über das Glas wischen, dann, Schrumm! ist die ganze Herrlichkeit in dem Wassertropfen zu Ende, und er ist weggewischt und verschwunden. Ja, wenn die Bewohner des Tropfens uns sehen könnten und wüßten, daß sie von unserer Gnade abhängen, so glaubten sie wohl, wir wären der Herrgott selber.

Aber schaut her, es ist eine Veränderung mit der kleinen Welt vor sich gegangen! Ja, seht, sie ist kleiner geworden. Die Wärme des Zimmers hat langsam ein wenig von dem Wasser des Tropfens verdunstet. Es ist eine schlimme Geschichte. Nun müssen sich die Bewohner der Wasserwelt auf einen immer kleineren Raum zusammendrängen, die Welt ist für sie zu eng geworden, und es gibt Mord und Totschlag da unten. Ja, es würde auf Erden mit den Menschen nicht anders sein, wenn der Erdball plötzlich auf die Hälfte zusammenschrumpfte. Nun drängen sich die armen Teufel alle bei der kleinen Insel zusammen. Seht, wie sie kämpfen, wie sie einander verjagen. Alles strömt der Mitte des Tropfens zu, denn keiner will aufs Trockne geraten und sterben. Ja, es ist eine schlimme Geschichte, Krieg und Revolution ist in der Wasserwelt ausgebrochen.

Aber die Natur kümmert sich nicht um das Elend im Wassertropfen. Die Wärme trocknet den Tropfen immer mehr zusammen. Jetzt ist er nur noch ganz winzig. In einem wilden Knäuel wirbeln die Bewohner durcheinander, immer mehr sieht man eingetrocknet und bewegungslos als winzige Stäubchen am Rande im Trockenen liegen, indes die andern noch immer um ihr Leben ringen. Es hilft ihnen doch nichts, und wenn sie auch noch eine Minute länger im letzten Tümpelchen sich halten. Der Gevatter Tod hat auch hier in dem kleinen Wassertropfen Allmacht und erwischt sie alle, die flinken Schiffchen und die zierlichen Rädertiere.

Schluß und aus! Seht, das ist das Ende. Nun ist der Tropfen eingetrocknet. Nur ein graues Staubfleckchen sieht man noch im Allerwelts-Vergrößerungsglas. All die munteren Burschen, die da hausten, sind nur noch Stäubchen. Kein Schiffchen schießt mehr durch den Ozean des Wassertropfens, kein Rädchen kreist mehr und wirbelt Nahrung herbei. Es war ein kurzes Vergnügen.

Ja, da sahen wir nun einen Weltuntergang!

Freilich, es war nur eine kleine Welt, nur ein Wassertropfen, aber für seine Bewohner war er doch die ganze Welt. Kein Hahn kräht danach, daß die Geschichte dieser Welt ein Ende genommen hat, aber wenn morgen die Erdkugel untergehen würde, dann würden sich die Menschen auf den anderen Sternen auch weiter nicht darum kümmern, denn die Erde ist auch nur eine kleine Welt, die Sonne ist viele millionenmal größer, und des Abends seht ihr viel hunderttausend Sterne und Erden da oben am Himmel blinken, mindestens soviele, wie es Wassertropfen gibt im Gartenteich. Der liebe Gott taucht einen Finger ein und spritzt einen neuen Erdenstern in den Himmelsraum, und wenn der alte Ulebuhle will, taucht er seinen Finger in das Kribbel-Krabbelwasser und tupft eine neue Wasserwelt unter das Vergrößerungsglas, aber das tut er nicht, denn ein Weltuntergang am Tage ist genug!»

John Dolland, der Taucher
Das Haus des alten Ulebuhle am Frankenberger Plan zu Goslar, das so putzig aussah mit seinem Jahrhunderte alten, spitzen Schieferdach, dem bunten Holzwerk und den kleinen Fensterchen, war wie ein Museum. Bücher und Instrumente und Sammlungen aller Art füllten es vom Keller bis zum hohen Giebel. Überall standen uralte Truhen mit eisernen Bändern und Messingschlössern, und sie waren angefüllt „mit tausend Schnurrpfeifereien“, wie die alte Christine sagte, aber die verstand nichts davon. Da gab es Kästen mit seltsamen Muscheln und Käfern, mit versteinerten Tieren, mit Totengebein und ausgestopften Vögeln. Alte Uhren und Seefahrerinstrumente, Vergrößerungsgläser, seltsame Münzen und Briefmarken, Eier von indischen Vögeln, Bogen, Pfeile und Messer wilder Völker füllten Kisten und Kasten.

Und noch ein ganz besonderer Schrank stand im Studierzimmer des seltsamen Alten. Hinter den Scheiben war eine grüne Gardine; man konnte die Dinge, die da lagen und standen, nicht sehen, aber zuweilen – wenn wir Kinder kamen – kramte der gelehrte Mann zwischen diesen Raritäten herum, und da sahen wir denn allerlei krauses Zeug. Ein paar ganz merkwürdige Tabakspfeifen, riesige Schlüssel, einen rostigen Säbel, eine zerbrochene bunte Tasse, eine reichverzierte Schnupftabaksdose, einen alten Gänsekiel, der früher als Schreibfeder gedient hatte, eine grüne Weste, eine leere braune Bouteille, Knochen, Metallteile von einem Sargdeckel, vergilbte Briefe, Lorbeerkränzlein und vieles andere.

«Das ist des Doktor Ulebuhle Erinnerungsschrein,» sagte die alte Christine, wenn wir sie fragten. «Ihr dürft ihn nicht stören, wenn er in dieser Raritätenkiste herumkramt, denn jedes Stück ist irgend ein Zeuge seltsamer Erlebnisse oder stammt von berühmten Männern, die längst im Grabe ruhen.»

Als wir eines Tages wieder bei ihm erschienen, stand er vor dem alten Schrein und betrachtete mit seiner mächtigen Hornbrille einen eisernen, rostigen Riegel. Wir standen still daneben, um ihn nicht zu erzürnen, und begriffen nicht, was es an dem alten Eisenstück zu sehen gäbe. Da drehte sich der Alte plötzlich um und sagte:

«Seht her, ihr Racker! Dieses Eisenstück ist weit her. Einst lag es auf dem Grunde des Meeres. Da hat es einem Menschen das Leben gerettet. Dieser Mensch war meines Vaters Freund. Er hieß John Dolland und war ein Taucher. Und weil ihr mir so brav von den Bergwiesen Kräuter gesammelt habt, will ich euch heute die Geschichte, die mit dem alten rostigen Riegel zusammenhängt, erzählen, so wie sie John Dolland uns selbst erzählte.»

Der Alte schlurfte zu seinem hochlehnigen Sorgenstuhl, nahm umständlich eine Prise, nieste zweimal, wie es bei ihm alter Brauch, und dann begann er seine Geschichte.

«Damals, als John Dolland der Taucher zu uns kam, war ich selbst noch ein Bub. Mein Vater hatte ihn auf einer langen Seereise, die ihn als Arzt bis herunter nach Südafrika geführt, kennengelernt. Zu jener Zeit gab es noch keine Eisenbahnen und kein Dampfschiff und all das andere Teufelszeug, mit dem sich der moderne Mensch herumärgern muß, und allein die großen Segelschiffe fuhren nach fernen Ländern. – John Dolland war ein echter rechter Seemann nach altem Schlag. Groß und breit und wetterhart. Blaue Augen saßen in dem braunen Gesicht, und im linken Ohrläppchen trug er einen Goldring. Das war ein alter Brauch.

Drei Tage und Nächte wohnte er in unserem Hause und erzählte mit meinem Vater von alten Seefahrten. Und eines Abends, als der Regen rauschte und der Wind durch die Schlüssellöcher winselte, als die gute Mutter bei uns saß und strickte, die Männer einen heißen Grog tranken, zog der Taucher den alten Eisenriegel hervor und wickelte sein Garn ab, wie die Seeleute sagen, wenn sie eine Geschichte erzählen.

„Herr Doktor,“ sagte er, „ich habe Ihnen gestern versprochen, mein Erlebnis mit der ‚Isabella‘ zu erzählen. Heut, so kalkuliere ich, ist der rechte Augenblick dazu, und so will ich das Ding abrollen. Also das war im Jahr 1822, und ich trieb damals so zwischen Gibraltar und den Kap-Verdeschen Inseln mein Handwerk. Das war eine vielbefahrene Wasserstraße, und manches gute Schiff kam bei den Azoren, bei Madeira, den Kanarischen Inseln oder den Kap-Verden auf Grund, und ein guter Taucher konnte da immer einen Beutel Silberlinge verdienen. Eines Abends, ich arbeitete gerade im Hafen von Funchal auf der schönen Insel Madeira, wo unter Wasser an den Hafenanlagen große Ausbesserungen nötig waren, kam ein Bote zu mir, den der alte berühmte Tauchermeister Cook gesandt hatte. – Ein großer Segler, der von Lissabon, der Hauptstadt Portugals, nach hier unterwegs war, sei draußen auf See, nordöstlich von Porto Santo in der Nacht untergegangen, und der alte Cook wolle mit mir über die Sache sprechen.

Ich saß mit meinen Kameraden bei einem guten Schluck Portwein in der uralten verräucherten Taverne ‚La Paloma‘; wir spielten Karten und rauchten, daß die alte Ölfunzel an der Decke kaum noch durchdringen konnte. „Kinder,“ sagte ich zu meinen Kumpanen, „der Mensch kann nicht mehr als ein ehrliches Stück Arbeit tun, und dann hat er seinen Schluck Wein und seine Pfeife Tabak verdient; Wenn der alte Wassermolch glaubt, daß ich zu dem weggesackten Kasten vor Porto Santo heruntersteige, dann hat er falsche Segel gesetzt. – Sagt ihm das, Jüngling, und laßt Euch auf meine Kosten eine Pinte Roten vom Wirte geben.“

Der Bote tat so, und ging wieder mit starker Schlagseite unter Segel.

Als wir noch so ein Stündchen gespielt hatten, ging plötzlich die Tür auf, und aus dem dichten Tabakrauch tauchte Oll Cook auf, rund wie ein Oxhoft Wein.

„Jungens,“ sagte er, „ich denke, wenn der Berg nicht zu Sankt Peter kommt, dann kommt Sankt Peter zum Berg.“ Und damit ließ er sich schnaufend an dem breiten Eichentisch nieder.

„Wirt,“ schrie ich, „einen großen Humpen, einen ganz großen Humpen vom Allerbesten für Seine Eminenz Oll Cook, die bravste Teerjacke zwischen den Wendekreisen.“

Da saßen wir denn und pokulierten und schmokten, daß einer den andern nicht mehr sah, aber so gegen Mitternacht meinte der alte Wassermolch plötzlich ganz ruhig: „So, und morgen früh fahren wir mit dem Taucherschiff raus und John Dolland sieht nach der gesunkenen ‚Isabella‘. Sie liegt bei dreißig Faden[3] tief, und wenn John Dolland nicht heruntergeht, ein anderer kann’s schon gar nicht; höchstens Nils Nielsen, aber der fühlt sich seit Tagen nicht so recht wohl, sein Magen, sagt er, muß kalfatert[4] werden.“

„Dreißig Faden,“ sagte ich, „das ist ein hübsches Ende. Da kann einem die Puste bei wegbleiben. Da hab ich aber auch kein Quentchen Lust zu! Was ist es denn mit diesem Kasten von ‚Isabella‘? Hatte er Goldbarren geladen?“

„Jung,“ antwortete die alte Wasserratte, „hast du je erlebt, daß der alte Cook einem ehrlichen Christenmenschen ein Stück schwierige Arbeit andreht, wenn nicht auch eine anständige Seemannsmütze voll Zechinen dabei zu verdienen ist? Aber es kömmt noch was anderes bei in Betracht, und eine Extra-Belohnung von der portugiesischen Regierung!“

„Dunner Hagel, Oll Cook, dat ist ja eine ganz Handvoll!“

„Tja, dat is es auch. Und nun seid man still und hört genau zu, wie die Sache liegt. Also die ‚Isabella‘ kam von Lissabon, und an Bord war ein ganz hohes Tier von der Regierung, ein Gesandter oder so was, und er hatte wichtige Papiere bei sich, an den Gouverneur dieser Insel. Auch Waffen und Pulver für die Hafenkanonen waren an Bord. Es muß irgend ein Unglück damit geschehen sein, eine Explosion, denn sonst hätte das gute Schiff in der ruhigen und windstillen Nacht nicht plötzlich und schnell sinken können. Der Leuchtturmwächter bei Porto Santo hat auch draußen im Meer in der Nacht einen grellen Lichtschein und einen starken Knall wahrgenommen. Das hängt wohl mit dem Unglück zusammen. Die portugiesische Regierung zahlt einen hohen Preis für die Papiere. Ihr Vertreter war heut bei mir und hat mich gebeten, für einen zuverlässigen Taucher zu sorgen, und ich sagte ihm, daß dreißig Faden für einen Christenmenschen mit einem gewöhnlichen Herzen und Lungen, die nicht aus Büffelleder sind, zu viel wären. Ich kenne nur einen, der es versuchen könnte, und das ist John Dolland, aus dem der Herrgott eigentlich einen Zugochsen machen wollte und sich im Teig und in den Knochen vergriffen hat!“

„Einen Schluck zu Ehren Oll Cooks,“ sagten lachend meine Freunde, „das ist ein wahres Wort!“

Ich war immer noch im Zweifel, ob ich das schwierige Stück Arbeit übernehmen sollte, aber da rückte der schlaue Fuchs noch mit einer neuen Geschichte heraus.

„Früher, als ich noch ein junger Kerl war, Maate, habe ich manches ähnliche Stück vollführt, und da waren die Taucheranzüge und die Luftpumpen noch nicht so gut wie heut, aber jetzt kann ich das nicht mehr. Indessen, beinahe würde ich es dennoch wagen, denn es befand sich an Bord der ‚Isabella‘ auch noch eine junge Frau, die ihre beiden Kinder von hier nach Spanien herüberholen wollte, in die Heimat. Ihr Gatte, ein Offizier, bei dem die Kinder hier lebten, starb vor kurzem. Nun ist auch sie mit dem Schiff zugrunde gegangen, und die armen Waisen standen den ganzen Tag am Leuchtturm und starrten weinend hinaus auf die See, die ihnen die Mutter nahm. Wahrscheinlich hat die Frau ihr Barvermögen bei sich. Auch das könnte man retten, und es wäre eine gute Tat, denn welcher Seemann hülfe Kindern nicht, die das nasse Element so schwer geschlagen!“

„Oll Cook,“ sagte ich, „Ihr sprecht wie ein Advokat und würdet eine verlorene Seele aus dem Fegefeuer herausreden. Also gut! Die Kinder sollen sehen, daß ein Seemann noch mehr kann als Grog und Portwein trinken. So will ich also herunter zur ‚Isabella‘, aber nur unter einer Bedingung, nämlich daß Ihr selbst auf dem Taucherschiff alle Arbeiten leitet, denn wenn nicht alles bis aufs I-Tüpfelchen seine Ordnung hat, riskiert man Kopf und Kragen bei dem Geschäft!“

„Selbstverständlich, Maat!“ rief der Alte freudig und hieb mir mit seiner noch immer eisenfesten Pranke kräftig auf die Schulter. „Und nun, Jungens, schnell noch ein paar Augen voll Schlaf, denn morgen früh bei Sonnenaufgang geht’s hinaus auf die See.“

Da trollten wir denn von dannen. Draußen war es dunkel und etwas neblig, aber die Kupfernase des alten Cook leuchtete wie eine Backbordlaterne durch die Finsternis.»

Doktor Ulebuhle unterbrach hier seine Erzählung, um sich eine frische Pfeife zu stopfen, und die alte Christine brachte Tee für uns Kinder und einen guten Abendtrunk für ihren Herrn. Dann stocherte sie noch ein wenig im Kamin herum und schlurfte wieder davon.

«So ein Taucher hat ein gefahrvolles Handwerk, Kinder,» hub der Alte wieder an. «Es ist keine Kleinigkeit, auf den Boden des Meeres hinabzusteigen, und das ist überhaupt nur für eine ganz geringe Tiefe möglich, so etwa bis auf rund sechzig bis siebzig Meter. Damals, als John Dolland tauchte, war das noch ein großes Wagnis, und man begreift, daß er keine Lust verspürte, das dreißig Faden, also fünfundfünfzig Meter tief liegende Schiff aufzusuchen.

Was aber ist es, das die Arbeit unter Wasser so schwierig macht? Nun, es ist der Druck der Wassermassen auf den menschlichen Körper! Seht, wir alle leben ja eigentlich auf dem Grunde eines Meeres, nämlich des Luftmeeres, und da die Luft viele Kilometer hoch emporreicht, so drückt sie auch auf uns, und wir könnten uns viel leichter bewegen, wenn der Raum um uns luftleer wäre, wie es auf dem Monde der Fall ist.

Das Wasser aber ist fast achthundertmal schwerer als die Luft, was ihr ja alle merkt, wenn ihr mit dem leeren Eimer, in dem nur Luft ist, nach dem Brunnen geht, und mit dem gefüllten Eimer zurückkommt. Steigt der Taucher nun ins Meer hinab, so drückt die Wassermasse mit immer größerer Wucht auf ihn, je tiefer er geht. Dieser Druck aber wirkt auf den menschlichen Körper, der eben nicht für das Meer, sondern für die Erdoberfläche gebaut ist, schädlich ein. Herz und Lungen werden in ihrer Tätigkeit sehr gestört. Bei alten Tauchern findet man zudem häufig Blindheit, fast immer aber Taubheit und allerlei Herzkrankheiten.

Läßt man eine leere Blechbüchse tief herab auf den Meeresgrund und zieht sie dann wieder herauf, so ist sie zusammengedrückt, und eine Kugel aus Kork wird fast so flach wie ein Taler. Aber das ist freilich erst in mehreren tausend Metern Tiefe möglich. Ja, ihr Buben, so tief ist das Meer. An manchen Stellen, bei den Japanischen Inseln, ist es neuntausend Meter tief, und wenn man da den höchsten Berg der Erde hineinstellen würde, der in Asien liegt und Gaurisankar heißt, dann guckte er nicht einmal mehr mit der Nasenspitze heraus, denn er ist nur achttausendachthundertvierzig Meter hoch.

Nun denkt einmal an, daß die Taucher noch nicht einmal hundert Meter tief heruntersteigen können. Wie wenige Schiffe, die gesunken sind, liegen in so flachem Wasser! Auf ewig bleiben also die versunkenen Menschen und Schätze in diesen Tiefen unseren Augen verborgen. Sie liegen in der grausigen Finsternis da unten, wo ewiges Schweigen herrscht, denn weder das Sonnenlicht noch der Wellenschlag dringen hinab auf den Grund des Ozeans.

Aber nun will ich euch weiter berichten, was John Dolland der Taucher erzählte!

„Am andern Morgen, bei Sonnenaufgang,“ so sagte er, „waren wir alle auf dem Taucherschiff versammelt. Der alte Cook, mein Kamerad Nils Nielsen, der Beamte der portugiesischen Regierung, der sogar ein Bild von dem ertrunkenen Gesandten mitgebracht hatte und alle Leute, die dienstlich bei der Taucharbeit zu tun hatten. Als wir eben nach Porto Santo hinausfahren wollten, kam noch eine fromme Schwester mit den beiden Kindern, deren Mutter mit der ‚Isabella‘ in die Tiefe ging, denn da nirgendwo ein Rettungsboot angekommen war, mußte man annehmen, daß das Unglück nächtlicherweile und urplötzlich erfolgt sei und niemand ihm entgangen war.

„Hier, ihr Kinder,“ rief der alte Cook, „seht ihr den Mann, der hinabsteigen will zu eurer ertrunkenen Mutter! Er wird euch mit heraufbringen, was sie an Gütern bei sich trug. Wünscht ihm Glück und Gottes Schutz. Er ist ein tapferer Mann, und hauptsächlich um euch zu nützen, wird er tauchen!“

Die weinenden Kleinen flüsterten kaum hörbar ihre Bitten. Die fromme Schwester schlug ein Kreuz und betete für gutes Gelingen, und dann gingen wir unter Segel und verließen die Bucht von Funchal.

Wir wendeten nach Norden. Noch war es frisch; ein leichter Dunst lag auf dem Wasser, aus dem in der Ferne da und dort, wie weiße Schmetterlinge, ein paar Segler auftauchten. Ein schwacher Wind nur strich über das blaue, fast glatte Meer; zum Tauchen ein vortreffliches Wetter.

Bei Porto Santo kam der Leuchtturmwärter zu uns an Bord, um die Stelle zu zeigen, bei der etwa die ‚Isabella‘ gesunken sein mußte. Bald hatten wir diese dem Lande nahe Gegend erreicht. Wir ließen einen Anker bis fast zum Meeresgrunde herab und fuhren nun ganz langsam kreuz und quer, bis nach etwa einstündigem Suchen der Anker faßte. Wir zogen ihn empor und umfuhren das Hindernis von allen Seiten, immer wieder mit dem Anker seine Lage prüfend. Kein Zweifel, hier lag ein gesunkenes Schiff. Einmal saß der Anker fest, und als wir ihn losrissen und emporwanden, hing Takelwerk zwischen seinen Klauen. So hatten wir also die ‚Isabella‘ aufgefunden, schneller als wir erwartet hatten. Das Taucherschiff wurde nun mit mehreren Ankern festgelegt, und jetzt begannen die Vorbereitungen, die Oll Cook, der erprobte Tauchermeister, mit gewissenhafter Sorgfalt leitete.

Wir Taucher da drunten auf dem Meeresgrund sind ja mit Leib und Leben abhängig von der Luft, die uns von oben her durch den Schlauch zugepumpt wird. Geht der Schlauch entzwei oder die Luftpumpe, dann ist es mit der Herrlichkeit vorbei, wenn man nicht selber schnell nach oben kommt, was nicht immer möglich ist. Aber gottlob passiert es selten, daß die Apparate versagen. Die Druckpumpe, die mir die Luft zuführen sollte, wurde genau untersucht, zuverlässige Leute zu ihrer Bedienung wurden ausgewählt, und dann zog ich mir in aller Ruhe meinen Taucheranzug an, von Oll Cook unterstützt. Der Anzug war fast neu und vollkommen wasserdicht. Gummimanschetten schlossen ihn an den Hand- und Fußgelenken ab. Dann zog man mir die schweren Taucherstiefel an, mit den dicken Bleisohlen, die dafür sorgen, daß man im Wasser einen festen Stand hat und nicht umkippt wie ein leichtes Holzmännchen. Endlich kam die runde Kupferkugel des Helmes an die Reihe, die den Kopf umschließt. Sie wurde am kupfernen Halsring des Taucheranzuges festgeschraubt. Ein Gummistreifen schützte auch hier gegen das Eindringen des Wassers. Nun den Gürtel um, mit dem Dolchmesser, das gegen Haifische und andere gefährliche Burschen schützen kann, und wir sind soweit.

Oll Cook schraubte bereits den Luftschlauch, der von der Luftpumpe kommt, an meinem Helm fest, und Nielsen hatte schon das Verschlußstück des Helmes, mit dem dicken Glasfenster, in der Hand, um mich ganz von der Außenwelt abzuschließen, aber ich nahm noch einmal schnell meine geliebte alte Tabakspfeife, um einige Züge zu tun. „Nils,“ sagte ich, „alter Bursche, man kann nie wissen, was der Teufel mit einem vorhat, und ob man noch einmal einen Gipskopf voll Kanaster in die Luft paffen kann, und darum soll man’s beizeiten tun!“

„Richtig,“ sagte der alte Cook. „Das habe ich auch immer so gehalten, Maate. Und noch eins, mein Junge! Für die Schiffskasse und die Schiffspapiere bekommen wir einen ganz hübschen Batzen extra, der für jeden mindestens ein Stückfaß vom besten Rum und eine Klafterkiste voll Holländer Tabak ausmacht! Sieh zu, daß du den Krempel heraufbringst.“

Da trat auch der Portugiese heran, der bisher neugierig zugeschaut hatte, wie ich in meinen Wasseranzug schlüpfte. Er hatte ein viereckiges Glasstück, mit einer seidenen Schnur daran, in das eine Auge geklemmt und trug einen hohen Zylinderhut, der uns Teerjacken ringsum sehr komisch vorkam. „Seht noch einmal das Bild des Senor Cabrella an, Meister Dolland. Tausend Peseten in Gold zahlt meine Regierung für die Papiere, die er bei sich trug. Geht ans Werk und die heilige Jungfrau sei mit Euch!“

Ich nickte und versprach zu tun, was sich ermöglichen ließ. Tausend Peseten – hörte ich Oll Cook brummen. Und sicher berechnete er im Kopfe, wieviel Stückfässer Rum man dafür kaufen könne, denn sein roter Riechhaken schnupperte verdächtig in der Luft herum.

„Fertig!“ rief ich.

Man schraubte das Helmfenster zu. Die Männer an der Luftpumpe traten in Tätigkeit, Cook befestigte die Signalleine, mit der der Taucher durch ein- oder mehrmaliges Ziehen von unten sein Zeichen gibt, an meinem Gürtel, und dann schlurfte ich mit meinen schweren Bleischuhen der Strickleiter zu, die über Bord hing.

Das Letzte, was ich sah, war der Zylinderhut des Mannes mit dem Glasscherben im Auge, dann war ich unter Wasser, und Kühle drang zu mir. Am Ende der Strickleiter ergriff ich das Seil und zog kräftig daran. Da ließ man mich an ihm langsam und vorsichtig hinab, tiefer und tiefer. – Um mich war die grünliche, klare Flut. Über mir, der dunkle Schatten, war der Boden des Taucherschiffes.

Ganz langsam glitt ich tiefer und tiefer, hin und wieder hing ich mal eine Weile unbeweglich am gleichen Ort, denn es ist von großer Wichtigkeit, daß der Taucher seinem Herzen und seinen Lungen Zeit gibt, sich an den veränderten Wasserdruck zu gewöhnen, ehe er in immer größere Tiefen hinuntertaucht. Das Wasser war von gläserner Durchsichtigkeit, und weithin konnte ich kleine, zierliche Fischchen blinken sehen. Unter mir gewahrte ich nach einiger Zeit auf gelblichem Grunde undeutlich eine verschwommene dunkle Masse; offenbar war es das gesunkene Schiff, doch war ich noch nicht tief genug, um Einzelheiten zu erkennen.

Ich glitt, immer wieder meine Fahrt unterbrechend, tiefer und tiefer hinab, und langsam wurde es dunkler um mich her. Selbst in sehr klarem Wasser ist es in dreißig Metern Tiefe am hellen Mittag schon schummrig, wie droben auf dem festen Lande zur Zeit der Abenddämmerung, und nun gar dreißig Faden oder fünfundfünfzig Meter tief kann man nicht mehr viel sehen, denn soweit dringt das Sonnenlicht nur in günstigsten Fällen. Hier aber lag heller Sand am Grunde, und er war bedeckt mit Millionen silbrig schimmernden Muscheln und Muschelsplittern, und so ging es einigermaßen. Außerdem sind wir Taucher an das Arbeiten bei dieser Beleuchtung gewöhnt und sehen, wie die Maulwürfe, fast noch im Dunkeln.

Nicht überall ist der Meeresgrund so günstig. Ich tauchte an Stellen, wo er mit einem zähen Schlamm bedeckt war, in dem man leicht versank. Das war freilich an der englischen Küste, in der Nähe der Einmündung eines großen Flusses, der viel Sand und Schlamm am Grunde ablagert. An anderen Orten wieder sah der Boden wie ein wilder Wald aus, bedeckt mit einem Gewirr von Schlingpflanzen, worin man sich fortwährend verhedderte und aller paar Minuten auf der Nase lag. Dann aber gibt es auch Stellen, da ist es bergig. Es geht auf und ab, Schluchten und Felswände stehen da, oder Korallenriffe steigen aus der finsteren Tiefe auf.

Der alte Cook machte seine Sache wirklich vorsichtig! Nach acht Minuten berührte mein Fuß den Grund. Ich gab durch Ziehen an der Leine Nachricht, daß ich drunten angekommen.

Zwanzig Schritt von mir entfernt hob sich vom Grunde die dunkle Masse der ‚Isabella‘ ab. Sie lag schräg gegen eine Sandwelle, ihre Masten ragten gespenstisch aufwärts, und Segel und Tauwerk hingen in abenteuerlichen Formen hernieder. – Unten bist du nun, alter Knabe, sagte ich zu mir, jetzt nimm dich zusammen, daß du auch wieder gut nach oben kommst. Eile mit Weile. Abrackern darf man sich in solcher Tiefe nicht, sonst ist man in fünf Minuten so erschöpft, daß man schleunigst das Aufzugsignal geben muß, wenn man nicht ein schlimmes Ende nehmen will. Langsam und bedächtig kletterte ich an über Bord hängendem Tauwerk hinauf auf Deck. An zwei Stellen sah ich Seeleute liegen, aber ich hielt mich nicht auf, denn zu helfen war den armen Teufeln ja nicht mehr, und hier unten sind die Minuten kostbar. Eine Viertelstunde konnte ich es wohl aushalten, aber was sollte in dieser Zeit alles geschehen!

Hier oben war weder etwas vom Kapitän noch von dem Gesandten noch von der Mutter jener Waisen zu sehen. Sicher befanden sie sich unter Deck. Vorsichtig, immer meinen Luftschlauch und meine Signalleine vor Verwicklungen mit dem Segelwerk schützend, wandte ich mich zu der Treppe, die hinabführt zum Schiffsinnern, zu den Kajüten. Aber da war nicht durchzukommen. Die ‚Isabella‘ war ein alter, unmoderner Kasten. Die Tür am Ende der Treppe war durch einige Fässer und Balken, die im Augenblick des Sinkens ins Rollen gekommen waren und sich vor die Tür gelegt hatten, gesperrt. Bald entdeckte ich aber einen zweiten Eingang, eine einfache Öffnung, die mit einer Falltür zu verschließen war. Eine steile Stiege führte hinunter, und ich kroch vorsichtig hinein.

Es war stockdunkel da unten. Ganz allmählich gewöhnte sich mein Auge an das schwache Licht, das durch die mit dicken Glasplatten bedeckten Bullaugen, den Oberlichtfenstern und Seitenfenstern, hineindrang. Gleich am Ende des schmalen Ganges lag die Kajüte des Kapitäns. Er selbst war nirgends zu sehen. Aber der eiserne Kasten unter dem Kartentisch enthielt sicher Schiffspapiere und Schiffskasse. Ich beschloß, erst einmal dieses eiserne Ungetüm nach oben zu bringen. Droben auf dem festen Lande hätten zwei starke Männer ihre ganze Kraft nötig gehabt, das schwere Ding zu bewegen, aber unter Wasser sind alle Gegenstände viel leichter. Es ist, als ob das Wasser den eingedrungenen Fremdling wieder nach oben drücken will, und dieser Druck bewirkt, daß wir ihn weitaus leichter halten und emporheben können. – So schleifte ich denn den großen Kasten bis zur Luke und bugsierte ihn die steile Stiege hinauf. Endlich stand er oben, und ich gab das Signal, ein Seil herabzulassen. Nach einer Minute schwebte es, mit Eisenstücken beschwert, nahe bei mir. Die Kiste wurde befestigt, ein Zug am Tau, und langsam wurde die kostbare Last von den Kameraden droben emporgewunden. Sie entschwand meinen Augen im grünlichen Schimmer über mir.

Ich hatte mich inzwischen derart an das geringe Licht gewöhnt, daß ich deutlich das Leben des Meeres um mich her wahrnahm. In allerlei wunderlichen Formen schwammen seltsame Geschöpfe an mir vorüber. Manche standen wie lauschend still zwischen dem Takelwerk des gesunkenen Schiffes. Da zog lautlos ein Pelikan-Weitmaul heran, ein mißgestalteter Geselle, wohl einen halben Meter lang und nicht unähnlich einem großen Schöpflöffel, denn der ganze Bursche besteht fast nur aus einem Riesenmaul. Er war schwarz wie eine Katze und blickte blöde meinen kupfernen Helm an, bis er, sicherlich verwundert über das seltsame Wesen, das er hier traf, langsam in der Ferne verschwand. Liebliche, in allen Farben schillernde Seerosen und Medusen kamen angeschwommen, fast durchsichtig war ihr zarter Leib, und mit ihren zarten Armen flatterten sie hin und her, griffen nach unsichtbaren Dingen. Wie Spielzeuge aus Glas waren sie anzuschauen, bunt und zerbrechlich. Riesige Seesterne, mit fünf langen Armen glitten lautlos vorüber, gräßliche Tiefseekrebse mit starren Stielaugen, mit einem Gewirr von Beinen, Hörnchen, Fühlern folgten ihnen. Eine Seespinne stelzte unbeholfen auf hohen Beinen neben mir vorüber, ein Schwarm kleiner, silbern blinkender Fischlein spielte um mich her, wie Mücken um die Weide am Bach. Und wieder ein gräulicher Bursche! Ein Melancetus, ein Schlammbewohner, wie ein unförmiger Beutel anzuschauen. Vorn am Kopf trug er einen langen dünnen Fühler, wie der Zirkusklown eine Pfauenfeder balanziert. Das riesige Maul war angefüllt mit spitzen Zähnen. Er jagte einer Schar winziger Krebschen nach, die vor dem gefräßigen Beutel, der sie schlucken wollte, zu entkommen suchten. Auch leuchtende Tiefseebewohner, die in mattem, gelbgrünem Licht schimmerten wie alte Phosphorzündhölzer, sah man dann und wann. Es kribbelte und krabbelte um mich herum in seltsam abenteuerlichen Formen und Farben. Zerrbilder der Natur glitten vorüber und wundervolle Gebilde, die wie bunte Blumen anzuschauen waren.

Aber einen Augenblick nur wandte ich meine Aufmerksamkeit auf das Schauspiel, meine Zeit war knapp. Ich stieg wieder zur Luke hinein, glitt aber plötzlich auf der steilen Hühnerleiter aus und riß ein wenig an dem Seil. Da gab es plötzlich über mir einen dumpfen Ton, es wurde noch etwas dunkler, und erschreckt nach oben blickend sehe ich, wie die Falltür zugeschlagen ist. – Mein Herz pocht gewaltig, eine Hitzewelle und ein Kältestrom schießt durch meinen Körper, jeden Augenblick glaube ich, daß die Luftzufuhr unterbrochen wird, denn offenbar hat die zugefallene Klappe den Schlauch zugeklemmt. Ich haste die Treppe wieder hinauf, stemme mich mit aller Kraft gegen die Klappe, immer und immer wieder, aber sie wankt nicht. Es ist, als säße der Teufel oben drauf. Indessen, nach wie vor funktioniert die Luftzufuhr. Wie ich näher hinschaue, sehe ich, daß ein eiserner Riegel das vollkommene Zuschlagen der Falltür verhindert hat. Es ist noch eine daumendicke Spalte offen, und so ist der Luftschlauch vor dem Zusammendrücken bewahrt geblieben. Wäre es anders, ich müßte elend ersticken, aber so lebe ich in meinem unterseeischen Gefängnis und kann auf Rettung hoffen. Freilich, die Signalleine sitzt fest. Sie muß bei meinem Ausgleiten die Tür niedergerissen haben. Zeichen nach oben kann ich nun nicht mehr geben und bin ganz abhängig von der Aufmerksamkeit der Kameraden droben. Eine verteufelte und sehr ungemütliche Geschichte, denn lange kann ich es nicht mehr aushalten unter Wasser. Ein Pochen in den Schläfen, ein Summen im Ohr zeigt bereits an, daß der Körper dem Wasserdruck nicht gewachsen ist. – – – –

Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «in Erinnerung an diese gefahrvolle Lage fand es der Taucher für nötig, sich ein neues Glas Grog zu mischen. Er machte ihn sehr nördlich, will sagen mit wenig Zucker und Wasser und viel Rum. Ich aber war damals noch ein kleiner Tunichtgut wie jetzt ihr und saß dabei und sperrte vor Erwartung den Mund so weit auf wie der Hannes da drüben, der aussieht, als wollte er sich die Ohren abbeißen. Der Taucher stopfte umständlich eine frische Pfeife, und hätte, in Gedanken versunken, beinahe in die Stube gespuckt, besann sich aber noch rechtzeitig, daß er nicht an Bord war, und erzählte weiter:

„Manches Gefährliche habe ich vorher erlebt und auch manches nachher, aber das war doch der bitterste Augenblick meines Lebens. Ich starrte lange den Eisenriegel an, meinen Lebensretter, und beschloß, ihn – wenn ich wieder herauskommen sollte aus der üblen Lage – abzuschlagen und mitzunehmen. Es konnte lange dauern, bis die Leute oben merkten, daß etwas nicht in Ordnung war, und schließlich war es fraglich, ob Nils Nielsen, der einzige, der es wagen durfte so tief zu tauchen, mich befreien konnte. Allerlei traurige Bilder stiegen vor meiner Phantasie auf. Ich erinnerte mich verschiedener Kollegen, die elend durch ähnliche Begebenheiten umgekommen waren. Da hatte sich der eine mit dem Kopf in eine Tauschlinge verwickelt, und als seine Kameraden ihn hochzogen, schnürten sie ihm die Luft ab, so daß er erstickte. Viel später erst merkte man oben, daß der Mann da drunten offenbar nicht mehr am Leben war, und ein zweiter Taucher brachte ihn tot nach oben.

Indessen, langsam fand ich mich in meine Lage. Wie Gott will, sagte ich mir. Und um die Zeit wenigstens nützlich auszufüllen, ging ich wieder an die Arbeit. Ich schnitt das Signalseil, das mich an der Falltür festband, durch und eilte in die Kajüten. In der dritten bereits fand ich die Mutter, die ihre Kinder zu sich holen wollte. Angekleidet lag sie, von den hereinbrechenden Wassern überrascht, an der Tür, eine Tasche, offenbar mit ihren wichtigsten Habseligkeiten, fest an sich drückend. Auch im Tode noch war ihr Gesicht freundlich, aber ein Zug von unendlicher Traurigkeit lag darauf, die Trauer um ihre Kinder. Auf dem Tisch fand ich ein Tagebuch. Reiseeindrücke und Betrachtungen über ihre Kinder hatte die Mutter da niedergeschrieben. Auf der letzten, aufgeschlagenen Seite aber stand; wenige Stunden vor ihrem Tode, angesichts des nahen Landes niedergeschrieben, ein kleines Gedicht:

Verglüht ist nun im Westen der Sonne letztes Gold,

Horch, wie an ferner Küste der Schlag der Wogen grollt!

Es schmiegt sich in die Segel ein warmer, sanfter Süd,

Und stiller Abendfrieden hin durch den Dämmer zieht.

Wenn nun der junge Morgen umspielet unsren Kiel,

Vor uns im Schmuck der Wälder liegt unsrer Sehnsucht Ziel;

Laßt flattern dann im Winde der Segel blankes Weiß,

Der Anker falle nieder, dem Herrn sei Lob und Preis!

Es wurde mir beim Anblick der Zeilen weh ums Herz, und meine eigene trübe Lage kam mir doppelt zum Bewußtsein. Die Mutter hatte den so nahen Hafen nicht erreicht. Wer wußte, ob auch ich ihn wiedersehen würde!

Plötzlich wurde ich aufgeschreckt! Was war das?! Laute Glockenschläge tönten an mein Ohr, und dann schnarrte etwas, und dröhnende Musik erfüllte den Raum. Ich war so entsetzt, daß ich alles um mich her vergaß und wie besessen hinausstürzte in den Gang, der Treppe zu. Allmählich kam ich wieder zum Bewußtsein. Eine lustige Tanzweise schallte noch immer laut zu mir herüber. Plötzlich schnarrte es wieder, und die Totenstille im versunkenen Schiff, die dem Lärm folgte, war nicht minder unheimlich. Ich lief zurück. Alter Junge, sagte ich mir, alles in der Welt geht natürlich zu. Es lebt hier außer dir niemand mehr, und ein Geisterkonzert kann es nicht gewesen sein. Ich blickte mich in der Damenkajüte um und entdeckte schnell über der Tür den Grund meines Schreckens. Da hing eine große Spieluhr, die noch ging und alle Stunden ein Stücklein zum Besten gab. Nun muß man wissen, daß das Wasser den Schall vielmals kräftiger und besser weiterleitet als die Luft. Da das ganze Schiff mit Wasser angefüllt war, so war die Schallwirkung inmitten der lautlosen Stille derart gewaltig, um so mehr, als kein Mensch hier Musik erwarten konnte, daß mich vor Schreck fast der Schlag getroffen hätte. Heute lache ich über die verrückte Geschichte, aber damals dachte ich, die Hölle wäre hinter mir her! Als ich mich wieder etwas gesammelt hatte, ergriff ich das Tagebuch der Ertrunkenen, nahm ihre Reisetasche an mich und begab mich zur Treppe zurück, denn mir war fürchterlich elend zumute. Ich spürte es deutlich, meine Zeit hier unten war abgelaufen. Mein Schädel brummte wie eine Baßgeige, Blut sickerte mir aus der Nase, die Glieder wurden schwer. Ich ließ mich auf der Stiege nieder, nahe daran ohnmächtig zu werden. Alles um mich herum erschien in verschwimmendem, grünlichem Licht, es wallte und wogte wie ein Meer von wogenden grünen Halmen und Büscheln, und dazu summte eine sonderbare, klagende Melodie eintönig an mein Ohr. Es war nichts weiter als die verbrauchte Luft, die in Bläschen zischend am Ablaßhahn meines Kupferhelmes austrat, aber mein Denken war so verwirrt, daß ich das alles nicht mehr richtig auseinanderzuhalten wußte.

Plötzlich war es mir, als erwache ich aus einem bleiernen Schlafe. Es pochte in dumpfen Schlägen über mir, und dann gab es einen ohrenbetäubenden Lärm, ein Krachen, als stürze ein Haus ein. Erst später begriff ich, was es war. Nils Nielsen war zu meiner Hilfe heruntergekommen. Er sah Luftschlauch und Signalleine in der Luke enden, sah die zugefallene schwere Klappe, über die sich beim Fallen noch ein schweres Eisenstück geschoben hatte, und begriff nun, weshalb ich gar keine Zeichen mehr nach oben gegeben hatte. Mit Mühe wälzte er die Hindernisse beiseite, warf im Wege liegendes Gerümpel fort, steckte eine Brechstange durch die Luke und vermochte sie so endlich zu öffnen. All diese Geräusche, durch die große Schallstärke unter Wasser hundertfach gesteigert, waren mir in halber Ohnmacht wie wildes Krachen erschienen.

Der gute Kamerad zog mich empor, befestigte das Aufzugtau an meinem Gürtel und gab das Signal, mich emporzuwinden. Die Tasche mit dem Eigentum der Kinder hielt ich mit starren Händen fest, als wollte sie mir jemand entreißen. Ich tat es unbewußt, aber es war in meinem müden Hirn wohl noch dieser letzte Gedanke, daß ich sie auf alle Fälle den Kindern bewahren müßte. – So wurde ich langsam, ganz langsam höher gezogen, im Wasser auf dem Rücken treibend, wie ein gefühlloser Sack.

Diese Langsamkeit des Emporwindens war wieder eine verständige Maßnahme des alten Meisters Cook, denn ebensowenig wie man zu schnell in die Tiefe gehen darf, immer stärkerem Wasserdruck entgegen, darf man das Gebiet des Druckes, auf den sich inzwischen die Organe des Körpers eingestellt haben, schnell verlassen. So mancher Tiefseetaucher hat solche Unbedachtheit schwer gebüßt! Es treten dann Lähmungen aller Organe ein, ja es dringen Luftbläschen in Herz und Adern ein und führen den Tod herbei.

Endlich aber war ich doch oben, man zog mich über Bord, schraubte den Helm ab, legte mich lang in der Sonne auf die Planken des Schiffes, und schnell wie die Schwäche über mich gekommen, verschwand sie wieder. Da schien die liebe Sonne wieder, ein warmer Wind strich daher, köstliche, reine Luft strömte in die Lungen und Seevögel umschwirrten kreischend das Schiff. Neben mir hockte Oll Cook, und der Mann mit dem Zylinderhut und der Fensterscheibe vor dem Auge stand dabei und schien darüber nachzudenken, daß das Tauchen im Meer doch keine ganz einfache Sache sein müsse.

„Jung!“ schrie Oll Cook und spuckte kunstvoll eine halbe Handvoll Kautabak über das Ankerspill hinweg, „wat in aller drei Deibel Namen machst du für verzwickte Geschichten. Dachten wir doch alle, der Haifisch habe John Dolland zum zweiten Frühstück auf der Speisekarte gehabt!“

„Habt Ihr die Papiere, Meister?“ fragte zögernd der Portugiese.

Ich schüttelte den Kopf und erzählte dann in kurzen Worten, was sich zugetragen. Die Schiffskasse war oben, die Habseligkeiten der Mutter waren gerettet, nur die vertrackten Papiere waren noch drunten. Da ließ der alte Tauchermeister schleunigst eine Schiefertafel hinab zum Grund, auf der die Worte standen: „Nielsen, sucht die Papiere des Portugiesen.“

Ein Zug an der Signalleine von unten gab Kunde, daß der Kamerad, der jetzt in dem versunkenen Kasten umherstöberte, die Weisung richtig empfangen.

Ich hockte noch immer in meinem Taucherkleide am Boden und ließ mich von der Sonne bescheinen. Ja, schon hatte ich wieder Appetit auf meine Tabakspfeife.

„Es war ein schweres Stück Arbeit, Jung,“ sagte der Alte, „und Ihr habt es zum größten Teil geleistet. Wäre die verdammte Klappe nicht zugefallen, sicher wären die Papiere jetzt in unseren Händen, aber der Deibel hält seine Krallen drauf, wie es scheint, und wenn der Eisenriegel nicht gewesen wäre, so wäret Ihr ein toter Mann und rauchtet jetzt Eure Gipspfeife droben bei den Engeln, kalkulier ich. Der alte Cook aber könnte gar nicht genug Rum auftreiben, um auf Eure ewige Seligkeit zu trinken.“ So schwatzte Oll Cook noch eine Weile in seiner lustigen Art, ich aber fing an ein wenig einzunicken bei dem dumpfen, eintönigen Geräusch der Luftpumpe, die unserem Nils Nielsen den Lebensodem auf dem Meeresgrunde in Gang erhielt.

Ich mochte etwa ein Viertelstündchen geträumt haben, als ich durch hastiges Laufen und erregte Stimmen aufgeweckt wurde. Ich hörte die Stimme des Tauchermeisters. „Der vermaledeite Dreideibel muß heut sein Spiel haben,“ schrie er, „ich wundere mich schon lange, daß Nielsen es da unten so tapfer aushält, aber da er gar keine Signale gibt, zieh ich endlich selbst dreimal am Seil, und nichts antwortet. Ich zieh noch einmal und noch einmal, doch kein Antwortzeichen kommt. Es muß Nielsen nicht gut gehen in dem vertrackten Kasten da unten, Maate! Ist es zu glauben, die beiden besten Taucher zwischen den Wendekreisen holt der Geier bei dieser Geschichte. Aber der alte Cook läßt seine Jungens nicht stecken, er wird seine alten Knochen selbst noch einmal in den Wasserfrack stecken, und wenn er dabei das Atmen vergißt. Reicht mir schleunigst den dritten und letzten Taucheranzug, Maate, schnell, schnell, sonst hat es keinen Zweck mehr!“

Aber schon sprang ich empor. „Cook,“ sagte ich, „laßt den Unfug sein. Ihr seid ein altes Uhrwerk und Eure Räder stehen still, ehe Ihr noch halb unten seid. Muß noch einer hinunter, so bin ich der Mann, denn Nils Nielsen sprang mir bei, und so ist es Seemannspflicht, ihm gleiches mit gleichem zu vergelten. Nur gut, daß ich das Gelump noch am Leibe habe. Den Helm her, und in einer Minute bin ich im Wasser.“

Die anderen stimmten mir bei. Oll Cook gefährde nur zwecklos sein Leben. Es sei sein sicherer Tod, und wenn John Dolland fühle, daß er wieder bei Kräften sei, so mag er’s wohl ein zweites Mal auf einige Minuten nur wagen. – Schon brachte man mir den Helm, ich nahm all meine Energie zusammen. Zwei Minuten später war ich bereits im Wasser und glitt, noch langsamer als das erstemal, in die Tiefe. Ich kam gut unten an, stieg an Bord, kletterte durch die Luke und fand Nils Nielsen zusammengesunken in einer Ecke des Ganges zu den Kabinen. Ich schüttelte ihn, er rührte sich nicht. Ob er ohnmächtig sei oder gar bereits ein toter Mann, konnte ich nicht erkennen. Mit großer Anstrengung schleppte ich ihn nach oben, ließ ihn emporziehen, wie er es mit mir vor kaum einer halben Stunde getan, denn nur droben in der frischen Luft konnte ihm Hilfe werden, wenn dem alten Kameraden solche noch nützen mochte. Sollte Nils Nielsen, der herabgestiegen war, um mir beizustehen, wirklich sein Leben verloren haben? Der Gedanke ließ mich nicht los und stimmte mich natürlich so traurig, daß ich kaum fähig war, noch das letzte Werk hier unten zu tun. Dennoch durchschritt ich eilig die Kajüten, denn ich gedachte nicht länger als zehn Minuten auf Grund zu verweilen, selbst wenn ich die Staatspapiere der Herren in Lissabon nicht nach oben bringen konnte. Und ich fand jenen Senor Cabrella in der Tat in der vornehmsten Kabine. Er lag zwischen Sessel und Stühlen, alles war umgestürzt in dem wilden Wirrwarr, da der Mann in der Dunkelheit von den hereinbrechenden Wassermassen aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich erkannte ihn nach dem Bilde, das man mir gezeigt. Auch trug er einen Ordensstern auf der Brust. – Nach längerem Suchen fand ich endlich eine dicke, versiegelte, schweinslederne Tasche in seinen Kleidern, die wohl jene Papiere enthielt. In der Tat hat man sie dann darin gefunden.

Ich hielt mich keine Minute länger auf, denn schon brauste es wieder in meinen Ohren. Ich stieg zur Luke hinaus, ergriff ein schweres Eisenstück, schlug damit den Riegel an der Falltür, der mir das Leben gerettet, los, und gab das Aufstiegsignal. – Langsam schwebte ich höher und höher, bis mein blanker Kupferhelm im Sonnenlicht der Meeresoberfläche glänzte.

Ich kletterte an Bord, man befreite mich von meiner Kleidung. Da lag der arme Nielsen als ein toter Mann in der Morgensonne auf den nassen Planken, von den Kameraden umgeben, die sich vergeblich abgemüht hatten, ihn wieder zum Leben zu erwecken. Ein Herzschlag hatte ihn im dunklen Kajütengang des gesunkenen Seglers schnell und schmerzlos von allen Sorgen und Freuden der Zeitlichkeit befreit.

Was war zu tun! Der Seemann sieht den Tod oft an sich vorbeischreiten, und trifft seine Sense einen Kameraden, so zieht er seinen Ölhut, betet für das Seelenheil des Entschlafenen und gedenkt seiner noch lange, wenn er bei seiner Pfeife Tabak und seinem Grog von Wind und Wellen spricht und von alten Freunden, mit denen er so manches Mal gewirkt und fröhlich gezecht.

Das Meer ist grausam. Einmal fallen wir ihm alle zum Opfer, wenn wir nicht beizeiten unsere Gebeine auf dem Lande verstauen. Wir alle trauerten ehrlich um unsern Freund. Reiche Belohnung ward uns allen zuteil, und ich verwendete ein hübsches Sümmchen, um Nils Nielsen einen würdigen Grabstein zu setzen. Auf dem Friedhof zu Funchal, wo hohe Zypressen zum Wellenschlag des Meeres rauschen und die weißen Grabsteine weithin in der blendenden Sonne leuchten, schläft Nils Nielsen den langen Schlaf. Jene beiden Kinder, denen ich damals ihr Erbe aus dem gesunkenen Schiff heraufholte, und die noch einen guten Teil meiner Belohnung durch die portugiesische Regierung abbekamen, sind inzwischen große und verständige Menschen geworden. Noch heute schmücken sie am Jahrestage des Unterganges der ‚Isabella‘ das Grab des Tauchers, und auch mir haben sie ein treues Andenken bewahrt. Dann und wann kommt von da unten, wo die Sonne heißer ist und der Wein feuriger, eine Kiste herüber in die kalte, neblige Seestadt da oben an der deutschen Küste, wo ich nun hause, und allemal ist sie gefüllt mit einem Wein, der des alten John Dolland Herz wieder erwärmt. Dann fülle ich zwei Gläser, rücke zwei Sessel an den Tisch in meiner kleinen Stube und trinke und plaudere mit dem alten Nielsen, als ob er mir gegenüber säße!“

Damit schloß der Taucher seine Erzählung, und mein Vater stieß mit ihm an, und sie sprachen noch lange von Jugendtagen. Der eiserne Riegel aber blieb in unserem Hause. Nun habt ihr seine Geschichte gehört und wißt, warum ihn der alte Ulebuhle in seinem Raritätenkasten aufbewahrt. Menschenschicksale hängen daran. Ja, so ist es zuweilen mit den toten Dingen, Sie greifen ein in das Leben der Menschen, bringen Glück und Unglück, wie dieses rostige Eisenstück, für das der Lumpenmatz keinen Dreier zahlen würde!»

Das Herz und die Taschenuhr
«Seht,» sagte der alte Ulebuhle, «da lag ein reicher Mann auf seinem Sofa und hielt sein Mittagsschläfchen. Er hatte den Mund weit geöffnet und scharrte und rasselte wie ein Sägewerk. Sonst aber war es so still im Zimmer, daß man die Fliegen summen hören konnte. Sie tranken mit ihren kleinen Rüsseln von dem Weinrest, der im Glase stand, und machten sich über die Kuchenkrümchen her, die auf dem zarten Porzellantellerchen lagen. Ja, hier war es gut sein, aber deshalb tanzten sie dem Manne, bei dem sie ungeladen zu Gaste waren, dennoch auf der Nase herum, denn Undank ist der Welt Lohn.

Aber in der Brust und auf der Brust des Schläfers war es lebendig. Wenn man genau hinhörte, so hörte man es leise und geschwätzig wispern: „Ticktickticktick-Ticktickticktick,“ und von drinnen antwortete es dumpf und taktfest: „Poch-Poch-Poch-Poch!“ Die Taschenuhr war es und das Herz. Sie lagen dicht beieinander, und jedes tat seine Arbeit.

„Unser Herr schläft,“ sagte das Herz, „ich darf nicht schlafen, ich schlafe niemals, dann wenn ich einschlafen wollte, würde mein Herr nie wieder aufwachen!“

„Was machen Sie eigentlich da drinnen?“ fragte die Taschenuhr.

„Ich halte den ganzen Krempel in Schwung. Ich bin ein großes Pumpwerk und pumpe das Blut durch die Adern meines Herrn. Ja, das ist keine Kleinigkeit. Wenn ich auch nur eine Minute aussetzen wollte, dann könnte sich mein Herr begraben lassen. Seit fünfzig Jahren arbeite ich nun ununterbrochen, aber Dank hat man nicht davon. Sehen Sie, fünfzig Jahre, das sind achtzehntausendundzweihundertsechzig Tage oder mehr als vierhundertachtunddreißigtausend Stunden. Es sind also über sechsundzwanzig Millionen Minuten vergangen, seit mein Herr geboren wurde, und seitdem ich unablässig das Blut durch seinen Körper pumpe. Wenn Sie nun aufpassen, so werden Sie leicht zählen können, daß ich in jeder Minute siebzig Schläge mache, ich habe also in den fünfzig Jahren achtzehnhundertvierzigmillionenmal geschlagen, ohne auch nur einmal auszuruhen!“

„Ja, das ist wirklich ein Stück Arbeit, das sich sehen lassen kann,“ meinte die Uhr. „Das sind treue Dienste, und Ihr Herr müßte Sie fürstlich belohnen.“

„Ach du lieber Gott,“ brummte das Herz, „er ist noch unzufrieden obendrein! Neulich ist er in der größten Hitze mit mir auf einen hohen Berg hinaufgerannt. Es war eine schreckliche Geschichte, und ich habe mich abgerackert, daß ich glaubte, es gehe mit mir zu Ende. Schließlich ging es aber nicht mehr, und als er immer schneller lief und immer mehr von mir verlangte, da setzte ich einen einzigen Schlag aus. Da wurde mein Herr ganz furchtbar aufgeregt und schimpfte immerfort, daß er ein so schlechtes Herz habe. Da sehen Sie, daß es ein undankbarer Herr ist.“

„Sind Sie auch aus Metall?“ fragte die Uhr.

„Nein,“ entgegnete das Herz, „und es ist ein Glück, denn da wäre ich schon lange hin. Ich bin aus lauter Muskeln und Häuten zusammengesetzt, die halten besser wie Stahl und Eisen!“

„Aber wenn Sie nun einmal repariert werden müssen!“ meinte die Taschenuhr. „Wenn Sie zum Uhrmacher müssen, der Ihre Räder ausbürstet und eine neue Feder einsetzt, was macht Ihr Herr dann?“

„Alles nicht nötig,“ brummte das Herz, „Räder und Federn habe ich nicht, und ich repariere mich ganz allein. Einmal aber war mein Herr mit mir bei einem Manne, der Menschen reparieren kann. Er hatte eine große Brille auf der Nase und sagte meinem Herrn auf lateinisch, was ihm fehle. Dann horchte er mit einem Rohr auf meinen Schlag, und mein Herr mußte eine große Flasche voll bitterer Tropfen trinken. Der Magen war sehr ärgerlich darüber, denn er sagte, ihn gehe die ganze Geschichte gar nichts an.“

„Seien Sie froh,“ sagte die Uhr, „daß der Uhrmacher nichts mit Ihnen zu tun hat. Es ist eine schreckliche Geschichte. Alle Glieder werden einem da auseinandergerissen, man kommt unter die Bürste, sie stochern mit eisernen Haken in den Eingeweiden herum, zwicken und zwacken, und ein scharfes Ding kratzt an einem herum, daß die Späne fliegen. Der Herr bezahlte drei harte Taler und schimpfte, und der Doktor sagte, ich sei eine alte Knarre und hätte einen verbeulten Zylinder.“

„Pumpen Sie auch Blut?“ sagte das Herz.

„Gott soll mich bewahren,“ wisperte erschreckt die Uhr. „Ich bin aus purem Golde, aber das ist nicht die Hauptsache, das ist nur eine Äußerlichkeit. Ich habe ein reiches Innenleben. In mir geht es zu wie in einer Mühle. Da dreht ein Rad das andere, und die Hauptsache ist, daß ich pünktlich bin. Pünktlichkeit ist die beste Höflichkeit, sagt mein Herr, und er wird fuchsteufelswütend, wenn ich mich mal verspätet habe. Ich bin aber so gewissenhaft und laufe dafür am nächsten Tage wieder etwas schneller, aber das ist ihm auch wieder nicht recht. Die Menschen sind undankbar und wissen nicht, was sie wollen.“

„Was mahlen Sie denn in Ihrer Mühle?“ fragte das Herz.

„Gar nichts mahle ich, ich mache Zeit!“

„Zeit? Zeit?“ fragte verwundert das Pumpwerk in der Brust, „was ist das für ein Ding?“

„Ja,“ wisperte die Uhr, „genau weiß ich es auch nicht, aber es ist eine kostbare Sache, denn mein Herr sagt, Zeit ist Geld und Geld regiert die Welt. – Ich spiele eine wichtige Rolle im Leben. Kaiser und Könige richten sich nach mir, und bei allen wichtigen Geschäften werde ich zu Rate gezogen. Dennoch sind die Menschen zu mir nicht dankbarer als zu Ihnen. Sehn Sie, ich bin nun schon zwanzig Jahre im Dienste meines Herrn, und das will etwas heißen. In einer Sekunde ticke ich fünfmal, also achtzehntausendmal in der Stunde und vierhundertzweiunddreißigtausendmal am Tage. Einhundertachtundfünfzigmillionenmal im Jahr. Tag und Nacht arbeite ich ununterbrochen. Mein Schwungrädchen ist nicht größer als ein Fingernagel meines Herrn, es dreht sich blitzschnell seit Jahren und Tagen hin und her, so schnell, daß man es kaum sehen kann. Würde es immer geradeaus rollen, so legte es in einem Tage sechsunddreißig Kilometer zurück, und in drei Jahren hätte es einmal die ganze Erdkugel umwandert. Dabei ist alles an mir zart und fein, ich habe Achsen so dünn wie ein Haar und eine winzige kleine Feder. Ich esse nichts und trinke nichts, brauche nur alle paar Jahre ein kleines Tröpfchen Öl, aber die Menschen sind trotzdem undankbar, und man kann es ihnen nicht recht machen. Wenn ich könnte, so ginge ich weit fort in die Welt, aber ich liege hier an der Kette wie ein Bullenbeißer.“

„Jeder hat seinen Ärger,“ meinte das Herz. „Ich muß aufpassen, daß die ganze Geschichte hier drinnen in Schwung bleibt. Mein Herr hat vierzehn Liter Blut in seinen Adern, und die pumpe ich in einem Tage sechshundertmal rundum. Ja, es ist ein schönes Stück Arbeit, und anstatt mir die zu erleichtern, macht mich mein Herr fast krank mit seinem ewigen Weintrinken und Zigarrenrauchen. Dazu der Ärger mit den einzelnen Gliedern! Bald ist zuviel Blut im Kopf, und der hat Schmerzen, bald setzt sich mein Herr so ungeschickt, daß er die Adern zudrückt und ihm die Beine einschlafen, weil das Blut nicht durch die Leitungsröhren hindurch kann, und ein anderes Mal wieder beschweren sich die Hände, daß sie zu wenig Blut bekommen und frieren. Immer hab ich die Schuld!“

„Ich,“ meinte die Taschenuhr, „lebe in einem langjährigen Kriege mit den Gebrüdern Zeiger. Sie denken, sie wären das Wichtigste, weil der Herr nur auf sie schaut, aber wenn das Räderwerk sie nicht dreht, so sind sie zu nichts nütze. Ewig leben sie miteinander in Hader. Der kleine dicke ärgert sich, daß der lange dünne ihn immer überholt, und so hängt er sich zuweilen an seine Frackschöße und geht mit ihm, so daß die ganze Zeigerei beim Teufel ist. Am übelsten aber ist der ganz kleine, der sich nur immer in einem engen Kreise herumschwingt wie ein Zirkuspferd. Er möchte so gern auch weit herum, wo all die großen dicken Zahlen stehen, und so klammert er sich fortwährend an den langen dünnen oder schleift vor Ärger auf dem Zifferblatt, bis die ganze Geschichte stillsteht. Dann nimmt mich der Herr wutschnaubend und klopft mich hart gegen die Tischkante, daß mir die Eingeweide durcheinanderzufallen drohen, und dann schimpft er greuliche Worte, behauptet, ich wäre eine niederträchtige Zwiebel, und wenn ich nicht von Gold wäre, würde er mich zum Fenster hinauswerfen.“

„Pssst!“ machte das Herz, „er erwacht!“

Richtig, er erwachte, machte laut „Uäh! – Aah! Huaaaa!“ und dann sprang er mit beiden Beinen herab von seinem Ruhebett. Er zog die Uhr. „Halb fünf!“ sagte er. „Hoffentlich geht die alte Pfeffermühle richtig!“

„Ja, ja,“ seufzte die Uhr, „Undank ist der Welt Lohn!“»

Ein Tag auf dem Monde
«Kinder» – sagte der Doktor Ulebuhle an einem schönen Sommerabend, als der Mond wie ein Wächterhorn über den hohen Tannen stand – «ihr seid allesamt große Rüpel und Taugenichtse und werdet eines Tages ein übles Ende nehmen, aber ich habe es euch versprochen, und was man verspricht, das muß man halten, und so will ich euch denn den Mond durch mein großes Fernrohr zeigen!»

«Au fein, Ulebuhle! Wenn Ihr das tut, dann sammeln wir auch wieder Kräuter für Euch im Bergwald und Moos für Eure Käfer!»

«Nun gut, das läßt sich hören!» brummte der Alte, löste einen mächtigen Schlüssel von seinem Bund und trat mit uns hinaus auf den Vorflur, wo die Treppe hinaufführte zum schiefergedeckten Turm, in dem das große Fernrohr stand.

Es war gruselig und dunkel auf der Stiege, aber dann zündete Ulebuhle sein Öllämpchen an, der Schlüssel drehte sich kreischend im Schloß, und knarrend öffnete sich die Turmtür, um uns einzulassen in den geheimnisvollen Raum. – Da stand in der Mitte auf einer Säule ein großes Ding, wie eine Kanone, und so dick, daß die dünnsten von uns wohl hätten durch das Rohr hindurchkriechen können. Es blinkte daran von allerlei Schrauben und Griffen, von Stahl und Messing. Oben war ein großes Glas im Rohr, wohl wie ein Teller, und unten ein ganz winziges, durch das man hindurchschauen mußte. Und dann tickte da noch eine große Uhr in einem Glasgehäuse, mit einem langen Perpendikel, der mächtig vornehm und langsam hin und her schwang und unablässig ganz bedächtig sein „Tick-Tack … Tick-Tack“ sagte. – Da waren auch noch allerlei Apparate in den Ecken und an den Wänden, und Bilder hingen da von Mond und Sternen, und dicke Bücher lagen in den Fächern. Aber wenn wir Ulebuhle nach all dem fragten, dann sagte er nur in seiner knurrigen Weise: «Schnickschnack und Finger davon! Das versteht ihr nicht!»

Im Dach des Turmes waren große Klappen, die konnte man öffnen, und dann schauten die Sterne hinein, so daß man sie im Fernrohr betrachten konnte. Ganz dunkel war es im Turm, nicht einmal die Lampen auf den Straßen drangen mit ihrem Licht hinein, aber dann schob Ulebuhle die Riegel von den Klappen zurück, öffnete sie, und das bleiche Licht des Mondes blinkerte auf den Instrumenten und warf unsere Schatten lang über den Boden.

Jetzt aber richtete der alte Gelehrte das große Rohr auf das silbern glänzende Gestirn der Nacht. Er drehte viele Schrauben und Hebel, schaute selbst hinein in die Himmelskanone, und dann durften wir eins nach dem anderen herzutreten und sahen vor uns viel hundertmal vergrößert die stille, ferne Welt des Mondes, mit allen ihren merkwürdigen Ländern und Bergen.

Wie war das seltsam, als man hindurchschaute! Man sah nur einen Teil des Mondes, ganz riesenhaft groß. Wie eine mächtige Gipsplatte erschien zunächst, was man bemerkte; eine Gipsplatte, die ganz grell beleuchtet ist. Da sah man große graue Flecke, von denen Ulebuhle sagte, daß es große Ebenen auf dem Monde wären, ungeheure Wüsten, die wahrscheinlich früher einmal vom Mondmeer bedeckt waren. Was aber besonders interessant war, das waren die Berge. Man sah da allerlei blinkende Berggipfel, und Ulebuhle erklärte uns, daß sie so hell im Sonnenlicht strahlten, denn der Mond wird genau so von der Sonne erleuchtet wie die Erde und ist eigentlich genau so dunkel wie sie. Die Berge warfen lange, spitze Schatten weithin über die Ebenen, und in den Tälern, wo das Sonnenlicht nicht hindringen konnte, lag tiefschwarze Nacht. Viel tausend kreisrunde Krater waren da zu sehen, und dann wieder lange Gebirgszüge, und alles war so wild zerrissen und zerklüftet, daß es im Glase aussah, als sei es ein großer Kuchen, in den die Mäuse Loch an Loch geknabbert.

So standen wir und schauten, und der alte Ulebuhle erzählte uns mancherlei über das, was wir sahen. Als wir aber immer wieder fragten, da wurde er wieder grimmig, schnaufte in sein großes buntes Taschentuch, rückte die Hornbrille zurecht und knurrte in seiner alten Weise:

«Still jetzt, ihr Racker! Und nicht alle durcheinander geschrien! Ihr habt den Mond gesehen und erfahren, daß er eine Weltkugel ist wie die Erde, aber eine erstorbene, auf der kein Mensch mehr lebt. Wollt ihr aber noch mehr wissen, dann will ich euch die Geschichte von dem kleinen Jungen erzählen, der einen Tag auf dem Monde zubrachte. Setzt euch hier ringsum und öffnet weit eure Lauscher!»

Und dann nahm Ulebuhle eine mächtige Prise aus der buntbemalten Dose, nieste zweimal gewaltig, so daß sein Zöpfchen erschrocken einen Satz über den Rockkragen tat, und dann erzählte er:

«Seht, da war ein kleiner Junge, der lag des Abends spät in seinem Bett und konnte nicht einschlafen. Der Mond schien ihm voll ins Gesicht; er stand, ein einsamer Nachtwandler, drüben hinter den Bergen, und seine Strahlen spielten mit all den kristallenen Sternchen der hartgefrorenen Schneedecke, die auf der Erde ruhte. Und der kleine Junge schaute hinauf zu der silbern glänzenden Scheibe, die mit ihren grauen Flecken wie ein gutmütig lächelndes Gesicht aussah, und überdachte, was er an diesem Abend alles gehört hatte. Seine Eltern hatten Besuch bekommen; ein Freund des Vaters, ein sehr gelehrter Professor, der sein ganzes Leben nichts getan als Sonne, Mond und Sterne zu erforschen, war angekommen, und beim Abendbrot hatte er allerlei vom Himmel erzählt. Da hatte der kleine Franz auch nach dem Monde gefragt, der eben aufgegangen war und durch das Fenster schaute. Und der alte Professor mit der goldenen Brille hatte ihm gesagt, daß es alles ganz anders wäre, wie die Kinder sich das immer erzählten, vom ‚Mann im Monde‘, der dort ewig sein Reisigbündel tragen muß, und was sonst für Märchen. Der Mond sei eine ferne Weltkugel, sagte er, voll von Bergen und Tälern, weiten Ebenen und tiefen Kratern, aber still und tot, und kein lebendes Wesen sei darauf anzutreffen, ebensowenig wie je eines Menschen Fuß diese seltsame Welt betreten hätte.

„Wenn man doch da einmal hinauf könnte,“ hatte die Mutter gesagt, und der Vater meinte, die Menschen hätten schon viel schnurrige Dinge erfunden, sie würden es auch noch einmal fertig bekommen, nach dem Monde zu fliegen. Da hatte der alte Professor seltsam durch die goldene Brille gelächelt und zum kleinen Franz gesagt: „Nun, mein Junge, dann machen wir die erste Reise nach dem Monde miteinander!“

Dann aber war die Mutter gekommen und hatte den kleinen Jungen ins Bett gebracht, denn es war spät, und Kinder müssen viel schlafen, wenn sie gesund bleiben wollen. – Aber des Professors Erzählen von der Weltkugel, die da oben so ruhig in weiter Ferne ihre Bahn zog, hatte den Buben gewaltig erregt. Nun lag er da und grübelte darüber nach, wie es sein müßte, da hinaufzufliegen und zu wandern auf einem fernen Gestirn. Langsam aber fielen ihm die Augen zu, über die des Mondes Strahl, durch die weißen Gardinen gedämpft, wie streichelnd hinwegglitt. Er wurde müder und müder und glitt hinüber ins Land der Träume.

Und plötzlich sah unser Franz die Tür aufklinken. Des Professors Kopf wurde sichtbar. Er nickte dem Schläfer freundlich zu, aber er sah viel älter aus, und sein Haar war schneeweiß. Viele Jahre mußten vergangen sein. „Junge,“ rief er, „kennst du mich noch? Ich bin doch dein Freund, der Sterngucker! Weißt du noch, was ich dir damals versprochen, als du zum Monde hinauf wolltest? Nun, inzwischen habe ich lange gearbeitet an der großen Himmelsflugmaschine, und nun ist sie fertig. Ich habe versprochen, dich mitzunehmen auf die Mondreise. Was man verspricht, muß man halten! Jetzt komm! Der Vater steht schon draußen und wartet.“

Da fuhr unser kleiner Freund wie ein Wiesel aus dem Bett und hinein in die Kleider. Die Mutter kam und hüllte ihn noch warm ein in Tüchern und Pelzen, und dann traten sie vor das Haus.

Da stand auf dem großen Platz eine gar wunderliche Maschine, halb wie ein Flugzeug, halb wie ein Zeppelin gebaut, mit Flügeln und Luftschrauben und einer großen Gondel mit dicken gläsernen Wänden. Und viele Leute standen drum herum und staunten, und Nachbars Philipp, der immer alles besser wußte als andere Leute, schrie weit über den Platz: „Da kommt der Präsident rinn. Er fahrt nach dem Nordpol. Da streiken die Schneeschipper, und er will ihn’ jut zureden!“ Polizeisergeant Lemke aber hatte einen ganz roten Kopf und rannte mit gesträubtem Schnauzbart umher und schrie: „Jehn Sie weiter, jehn Sie weiter, meine Herrschaften!“

Jetzt aber kam der Vater mit dem Professor durch die Menge hindurch. Sie waren beide in dicke Pelze gehüllt und winkten ihm zu. Auch die Mutter war da, reichte allen noch einmal die Hand, umarmte den kleinen Jungen und blickte recht bekümmert und mit rotgeweinten Augen auf die Himmelsflugmaschine, denn Mütter halten nun mal nicht viel von Reisen nach dem Monde! Dem Franz wurde zwar auch etwas bänglich zumute, aber der Professor war kreuzvergnügt und sagte, es wäre gar nichts dabei. So stieg man denn hurtig in die große gläserne Gondel ein, der Professor drehte an allerlei Hebeln und Schrauben, und schnurrend erhob sich der große Vogel vom Boden und stieg kerzengerade in die Luft.

Unten schrien die Leute: „Hoch“ und „Hurra“ und winkten mit den Taschentüchern und Hüten, so daß man sehen konnte, wer keine Haare mehr auf dem Kopfe hatte, und die Mutter stand abseits und weinte. –

Immer kleiner wurde die Stadt. Die Häuser sahen wie Spielzeug aus und die Gärten wie Moosstückchen, und schließlich war sie nur noch ein bunter Farbenfleck. Dann sah man das weite Land. Aber wie verändert war es! Die Wälder waren große dunkelgrüne Tücher geworden, die Berge waren kaum noch von der Ebene unterschieden, und die Flüsse glichen dünnen, glänzenden Staniolstreifen. Auf einmal aber war alles wie weggeblasen! Eine undurchdringliche weiße Masse wogte ringsum, wie ein Ozean von Milch, und an den Scheiben der Gondel lief das Wasser nieder, als würden sie mit einer Gießkanne besprengt. Der kleine Junge lief ängstlich zu den beiden Männern, aber sie beruhigten ihn lachend.

„Nur Mut, mein Sohn,“ sagte der Professor, „was dich schreckt, ist nichts anderes als eine Wolke, durch die wir hindurchfahren, eine Wolke, die etwa siebentausend Meter über der Erde schwebt. Paß auf, gleich werden wir hindurch sein!“

Und so war es. Da war wieder der blaue Himmel mit der Sonne, und unten zog wie ein mächtiges Gebirge aus Schlagsahne die Wolke, die wohl mehr als tausend Meter lang war, schnell seitwärts hinweg, vom Winde getrieben. Durch Löcher in ihrer fortwährend die Gestalt ändernden Masse sah man dann und wann die Erde tief unten hindurchschimmern. – „Wie aber kommt es, daß alles so naß geworden ist?“ fragte der schon wieder beruhigte Franz.

„Ei, das ist ganz einfach,“ antwortete der Professor. „Eine Wolke ist ja nichts anderes als Wasserdampf, genau so wie die weiße Wolke, die aus der Lokomotive steigt. Das ist wie in einer Waschküche! Wenn der Wasserdampf gegen die kalten Scheiben schlägt, dann fließt er zu lauter Wassertröpfchen zusammen, und die Scheiben beschlagen, und das Wasser rinnt an ihnen hernieder.“

„Es ist doch schnurrig, so durch eine Wolke hindurchzureisen, das haben meine Kameraden drunten noch nie erlebt wie ich nun!“

„Da bist du in einem Irrtum, mein Junge! Auch sie waren, genau so wie du, schon oft mitten in einer Wolke, nämlich im Nebel, und das ist ja nichts anderes als eine Wolke, die sich tief unten auf der Erdoberfläche befindet.“

Aber schon gab es wieder etwas Interessantes zu sehen! Die Erde lag jetzt als eine ungeheure Scheibe tief unter den Reisenden. Man sah auf ihr nur noch helle und dunkle, leicht gefärbte Flächen von Ländern und Meeren. Selbst die Wolken lagen jetzt so tief unten, daß es aussah, als wären es Schneeflächen auf der Erde selbst. Mit riesiger Geschwindigkeit sauste die Flugmaschine aufwärts. Europa sah aus, so ähnlich wie auf der Landkarte. Man bemerkte den Stiefel von Italien, der sich in einen langgestreckten, dunklen Fleck, das Mittelländische Meer, hineinschob, man sah im Norden wie einen springenden Löwen die große Halbinsel der Schweden und Norweger und noch weiter nördlich eine blendend helle weiße Fläche, die Eis- und Schneegefilde rings um den Nordpol. Nach Westen zu aber wuchs eine tiefdunkelgraue Ebene ins Endlose, und das war der Atlantische Ozean. Von Menschen und Menschenwerk war auch nicht die Spur mehr zu entdecken, und man erkannte hier so recht, wie winzig doch in Wahrheit die menschliche Welt ist und wie töricht die Bewohner der Erde, wenn sie sich gegenseitig in schrecklichen Kriegen zerfleischen, um einen Landzipfel mehr zu haben als die andern.

Nun aber geschah etwas ganz Eigenartiges! Bisher war das Flugschiff immer senkrecht von der Erde emporgeflogen, der Sonne zu. Da die Reise aber zum Monde gehen sollte, der der Sonne fast gegenüberstand, denn es war gerade Vollmond, so mußte man jetzt seitwärts steuern, hinüber zur anderen Hälfte der Erdkugel, wo es Nacht war und der Mond am Himmel stand. Der alte Professor lenkte seine wunderbare Maschine nach dort hinüber, und da sah denn der kleine Franz etwas ganz Merkwürdiges. Die Erde, die bis dahin als mächtige hellbeleuchtete, kreisrunde Scheibe unter den Reisenden gelegen hatte, wurde plötzlich an dem einen Rande immer mehr und mehr abgefressen, und schließlich sah sie nur noch wie der Halbmond aus; die andre Hälfte war verschwunden. Auch der Vater stand ganz erstaunt und betrachtete das sonderbare Schauspiel. Ihre erstaunten Ausrufe weckten den gelehrten Professor aus seinem Grübeln. „Ja,“ sagte er, „das nimmt euch wunder, aber es ist ganz einfach zu erklären. Die Erde ist ja nichts als eine große dunkle Kugel, die auf der einen Seite von der Sonne erleuchtet wird, genau so wie ein Tennisball, den man in ein dunkles Zimmer bringt und von einer Seite mit einer Kerze beleuchtet. Die andere Seite ist ganz dunkel, da ist es Nacht. Bisher waren wir über der beleuchteten Tagseite der Erde, und jetzt fahren wir zur Nachtseite hinüber. Wir stehen jetzt grade in der Mitte. Links ist noch die Hälfte der Tagseite zu sehen, und rechts ist es eben Nacht. Die Sonnenstrahlen kommen da nicht hin, und so sehen wir diesen Teil der Erde nicht! Das ist doch ganz einfach, nicht wahr, und selbst der kleine Franz wird das begreifen!“

Ja, das begriff denn auch der kleine Mondreisende. Er hatte schon in der Schule etwas davon gehört, aber jetzt sah er es mit eigenen Augen, und es sah doch recht sonderbar aus. Es kam aber noch viel schnurriger! Plötzlich, mit einem Schlage, waren sie in ihrem Fahrzeug in tiefste Dunkelheit gehüllt. Die Sonne war wie auf Zauberwort verschwunden, verschwunden hinter der Erdkugel. Hoch über ihnen standen die blinkenden Sterne, und etwas seitwärts der volle Mond, an dessen schwaches Licht sich die Augen erst langsam gewöhnen mußten.

„Seht,“ sagte der alte Sterngucker, „jetzt steht die Erde zwischen uns und der Sonne, und ihre Strahlen können uns daher nicht treffen. Wir stehen im Schatten, den die Erde, von der Sonne beschienen, hinter sich wirft. Es geht uns jetzt genau so wie dem Monde bei einer Mondfinsternis. Da steht er auch im Schatten der Erde und wird also verdunkelt. Das ist alles ganz einfach, und es ist keine Hexerei dabei!“

„Was man doch bei so einer Reise alles lernt,“ meinte der Vater, „langsam werden wir selber noch Astronomen[5], mein Junge!“.

Die Erde war jetzt kaum noch zu sehen. Man war ganz über ihrer unbeleuchteten Nachtseite, die nur vom Monde sanft erhellt wurde. Als eine mattgraue Scheibe verschwand sie mehr und mehr in der Ferne, rings umgeben von den noch viel ferneren Sternen. Vor allem aber war es außerordentlich kalt geworden, so daß die Reisenden trotz der elektrischen Heizung in der Luftschiffgondel erbärmlich froren in ihren dicken Pelzen. Der Vater erkundigte sich nach dem Grunde dieser Kälte, und der Professor gab bereitwillig Auskunft. „Im Weltenraum“, erklärte er, „herrscht eine Temperatur von etwa zweihundert Grad Kälte. Genau kann man sie natürlich nicht angeben, aber man weiß bestimmt, daß es annähernd so ist. Näheres darüber kann ich hier nicht sagen, denn der kleine Franz würde es nicht verstehen, aber wenn er bedenkt, daß überall da auf Erden, wo die Sonne monatelang nicht scheint, also am Nordpol und am Südpol, alles in Eis erstarrt und von den Polarforschern schon fünfundsechzig Grad Kälte gemessen worden sind, obgleich das doch noch auf der Erde ist, wo durch Luftströmungen, die aus wärmeren Ländern kommen, immer noch Wärme zugeführt wird, so wird er mir wohl glauben. Wie sollte es auch im Weltenraum warm sein? Warm ist es nur da, wo irgend etwas ist, das die Sonne oder ein anderer heißer Körper erwärmen kann. Der Weltenraum aber ist leer. Nicht einmal Luft ist in ihm, und …“ Der gelehrte Mann wurde plötzlich unterbrochen. Alle schrien ängstlich auf. Ein gewaltiges Rauschen war vernehmbar, und dann knatterte und polterte es gegen die Wände der Flugmaschine, daß man fürchten mußte, sie gingen in Splitter. Der kleine Franz wich entsetzt zurück vom Fenster. Faustgroße Steine kamen vorbeigeflogen und prallten da und dort an, und einige zerbarsten funkensprühend.

„Die Mondmenschen, die Mondmenschen,“ schrie der kleine Junge auf, „sie haben uns entdeckt, sie schießen auf uns!“

Auch der Vater war entsetzt zurückgewichen, und der Astronom stand bleich im Hintergrunde und trippelte ratlos hin und her.

Es dauerte nur einen Augenblick, dann war die gefährliche Erscheinung vorüber, aber der Professor war sehr erregt, antwortete nicht auf die stürmischen Fragen seiner Begleiter. Er untersuchte sorgfältig jeden Teil der Maschine, und erst als er sich überzeugt, daß sie keinen Schaden gelitten, atmete er erleichtert auf.

„Alle Teufel,“ sagte er, sich die weißen Haare krauend, „das war eine schlimme Geschichte! Eigentlich hätte ich darauf vorbereitet sein müssen, aber etwas vergißt man halt immer!“

„Und was war es?“ fragte der Vater.

„Es waren Meteorsteine, wie sie zu Millionen durch den Weltenraum ziehen. Die kleineren von ihnen sieht man häufig am Himmel der Erde als schnelle Fünkchen dahinfliegen. Wir nennen sie ‚Sternschnuppen‘, die großen aber sehen wir selten, sie leuchten wie Raketen auf, und sprühend fallen sie als Stein- und Eisenmassen zur Erde. In jedem Museum kann man solche Meteorsteine liegen sehen. Hätten sie die Fenster unsrer Gondel zerschlagen, so wäre es um uns geschehen gewesen, denn wir wären erstickt.“

„Erstickt? Weshalb das?“

„Ja nun, der Weltenraum ist vollkommen luftleer. In großen Stahlflaschen, die im Boden der Gondel liegen, habe ich den Sauerstoff, die Lebensluft, von der Erde für unsere Reise mitgenommen, und sie strömt langsam hier aus und erhält uns am Leben. Wäre aber die Gondel zerschmettert worden von den Meteoren, so wären wir im luftleeren Sternenraum erstickt!“

Da merkten die beiden Mitreisenden erst, daß es doch gar keine so ungefährliche Vergnügungsreise war, die sie unternommen, und ein bißchen bänglich wurde ihnen nun doch, wenn auch die Gefahr glücklich vorüber war.

Inzwischen waren sie dem Monde bedeutend näher gekommen. Als mächtige Scheibe, auf der man schon allerlei Einzelheiten sah, schwebte das bleiche Nachtgestirn über ihnen, und sie fuhren mit märchenhafter Geschwindigkeit darauf zu.

„Wie weit ist denn eigentlich der Mond von der Erde entfernt, und wie lange haben wir zu reisen?“ fragte der Vater.

„Von der Erde bis zum Mond sind es dreihundertvierundachtzigtausend Kilometer, meine Freunde,“ antwortete der Astronom. „Das ist so schlimm nicht, denn es ist nur dreißigmal so weit wie eine Reise von Berlin nach New York und wieder zurück, und viele Kapitäne haben schon längere Reisen unternommen. Eine Kanonenkugel würde in zehn Tagen von der Erde zum Monde fliegen können, wenn ihr unterwegs nicht die Kraft ausginge, und ein Schnellzug müßte ununterbrochen sechs Monate fahren, wenn es einen Schienenweg zum Monde gäbe. Wir aber fahren so rasend schnell mit meiner Erfindung, daß wir bald da sein werden. Seht, wie nahe uns der gute alte Freund schon gerückt ist; es ist die höchste Zeit, daß wir die Vorbereitungen zur Landung treffen. Das wichtigste ist, daß jeder zunächst seinen Lufthelm und Lufttornister aufsetzt, denn es ist auf dem Monde keine Spur von Luft anzutreffen, weshalb ja auch keine Menschen dort leben können. – Dann aber muß ich vor allem meine großartige Bremsmaschine in Bewegung setzen, denn sonst fliegen wir mit solcher Gewalt auf die Mondoberfläche nieder, daß wir mitsamt unsrer Himmelsdroschke zerpulvert werden!“

Und nun begannen alle drei sich lebhaft zu tummeln. Bald sahen sie aus wie Meerestaucher mit ihren kupfernen Helmen, die den ganzen Kopf von der Außenwelt absperrten, und durch Gummiringe am Halse luftdicht schlossen. Auf dem Rücken waren Luftzylinder befestigt, und durch Schläuche kam von dort die Atemluft zu den Helmen. Durch vergitterte Fenster in den Helmkugeln konnte man draußen alles bequem überblicken, aber ob man durch sie auch würde hören können, was draußen zu hören war, und was die anderen sagten, das war dem kleinen Franz doch etwas fraglich.

Eine gewaltige Helligkeit war nun wieder ringsum, sie kam von der schon ganz nahe über ihnen liegenden, blendend erleuchteten Mondoberfläche. Der Professor arbeitete an allerlei Hebeln und Schrauben, drehte an vielen Hähnen und Rädern, und der Vater half ihm dabei. Der Alte war so eifrig, daß seine weißen Haare und seine Frackflügel hin und her flatterten, aber endlich war alles bereit.

„So,“ sagte er, „jetzt ist der feierliche Augenblick da! Nun werden sofort die ersten Menschen den Mond betreten, infolge meiner großartigen Erfindung. Nun aber Achtung, denn wenn auch die Bremsmaschinen tadellos funktionieren, einen gehörigen Stoß wird es doch geben und vielleicht auch ein paar blaue Flecke. Darum schleunigst in die Schaukeln, die an der Decke hängen, sie sind aus Gummi und Federn und wohl auswattiert, damit die Knochen ganz bleiben.“

Da schlug denn doch den Reisenden das Herz, und der kleine Junge bibberte nicht schlecht bei dem Gedanken, all seine Knöchelchen wie in einem Würfelbecher auf dem Monde herumzustreuen, aber es war keine lange Zeit mehr zum Überlegen. Kaum saßen sie in den Gummischaukeln, da ging es auch schon los! „Festhalten! Festhalten!!“ schrie der Professor. Dann gab es einen enormen Krach, es splitterte alles mögliche ringsum, und dann brauste es dem kleinen Franz jämmerlich in den Ohren, er fühlte nur noch, wie ihm fast jedes Knöchlein im Leibe weh tat, und dann war es mit einem Male Nacht und alles aus.»

Hier unterbrach der alte Ulebuhle seine Erzählung und nahm eine neue mächtige Prise, während wir Kinder ganz gespannt und mäuschenstill mit offenem Munde über das weitere Schicksal der Mondreisenden nachdachten. «Jungens,» sagte Ulebuhle, «macht um Gottes willen den Mund zu, sonst fliegen euch die Fledermäuse hinein! Ihr müßt mich erst einmal ausschnaufen lassen, ich bin ein alter Mann, und die Zungenmühle geht bei mir nicht mehr so wie bei euch unklugen Schreihälsen!» Hierauf nieste er wieder zweimal, daß der Turm dröhnte und das Zöpfchen entsetzt in die Höhe fuhr, und dann fuhr er also fort:

«Die Reisenden lagen mit arg zugerichtetem Flugschiff auf dem Monde, und wenn sie jemand gesehen hätte, er hätte angenommen, sie seien tot. Aber sie hatten von dem Sturz nur die Besinnung verloren, und der Vater, als der kräftigste von den dreien, war zuerst wieder auf den Beinen. Gott sei Dank, er hatte nichts gebrochen und erkannte auch schnell, daß die anderen noch lebten. So richtete er sie auf, und einer nach dem anderen kam zu sich. Außer einigen Beulen und Schrammen war nichts vorgefallen, und die Reiseapotheke des Professors kurierte diese kleinen Schäden schnell. Ein ganz klein wenig heulte unser Franz zwar dennoch, aber im ganzen hatte er sich doch recht tapfer benommen.

„Sind wir nun auf dem Monde?“ fragte er, noch immer etwas verängstigt, „aber das sind ja hier genau solche Steine wie bei uns auf der Erde und ebensolcher Sand. Und was ist denn das? Nein, das ist aber ganz schnurrig, da steht die Sonne am Himmel, und zugleich sind auch alle Sterne zu sehen wie mitten in der Nacht, und der Himmel ist auch ganz schwarz, trotzdem es doch heller Tag ist!“

So fragte der kleine Junge unablässig, aber niemand antwortete ihm, es war, als hörte ihn keiner, und nun merkte er erst, daß er selbst nur ganz undeutlich seine eigene Stimme vernahm. Ei, sagte er zu sich selbst, das liegt sicher an dem dicken Kupferhelm, der unsere Köpfe umschließt, daß wir uns nicht hören. Da berührte der Professor seinen Arm und bedeutete auch dem Vater aufzupassen. Dann zog er eine Pistole hervor und feuerte sie zwei-, dreimal ab. Man sah zwar den Feuerschein und den Pulverdampf, aber man hörte kein bißchen von dem Krachen des Schusses. Man sah, wie der gelehrte Herr über die Verwunderung seiner Mitreisenden lächelte, dann zog er einen Notizblock hervor und schrieb darauf:

„Da es auf dem Monde keine Luft gibt, die den Schall zum Ohr trägt, so kann man hier auch nichts hören. Wenn wir auf Erden eine elektrische Klingel in einen Glaskasten bringen, aus dem wir mit einer Luftpumpe die Luft heraussaugen, dann hören wir sie auch nicht mehr klingeln. Hier auf dem Monde könnte jemand neben uns eine Kanone abschießen, wir hörten es nicht. Alles was ihr wissen wollt, müßt ihr jetzt aufschreiben, und ich kann es euch auch nur schriftlich beantworten.“

Sie gaben durch Nicken zu verstehen, daß sie das begriffen hätten, und dann zeigte auch der Vater auf den seltsam aussehenden Himmel. Da stand wirklich als hellstrahlende Feuerskugel die Sonne, genau so wie am Himmel der Erde, aber dieser Himmel war tiefschwarz wie bei uns in der Nacht, und alle Sterne waren sichtbar.

Der Professor nickte, setzte sich auf einen Felsblock und schrieb: „Auch das kommt daher, daß der Mond ohne Lufthülle ist! Der blaue Himmel auf Erden entsteht nur, weil das Sonnenlicht die Luftschichten erhellt, und so werden die Sterne unsichtbar. Hier, wo die Luft fehlt, sind sie auch am Tage zu beobachten.“

Das ist doch eine schnurrige Welt! dachte Franz. Hier kann niemand Lärm machen, keine Musik und kein Gesang ertönt, und wenn ein ganzes Heer von Soldaten und Wagen entlangzöge, man hörte nichts davon. In der Schule würde es hier nur schriftliche Arbeiten geben, und die Leute könnten sich nur brieflich zanken.

Der Professor stand auf und bedeutete seinen Gefährten, ihm zu folgen. Ein hoher Berggipfel lag vor ihnen; er stand am Rande einer weiten Ebene, und der Astronom hatte die Absicht, ihn zu besteigen, um einen Blick weit ins Land zu tun. Alles ringsum war kahl und öde. Nicht ein grünes Fleckchen weit und breit, kein Baum, kein Strauch, kein Vogel, kein Insekt war zu sehen. Nichts als zerrissene Felsen ringsum, so weit das Auge reichte, tiefe dunkle Schluchten und breite Risse im Gestein. Dann wieder noch trostlosere Ebenen, gefüllt mit ausgedörrtem, glühend heißem Sand. Dazu die Grabesstille und der schwarze Himmel, es war wirklich schauerlich und beängstigend. Wie schön war doch dagegen die Erde, mit ihrem blauen Himmel, ihren Wiesen und Wäldern, ihren Flüssen und Meeren, dem tausendfachen Getier, den ziehenden Wolken, dem Flüstern des Windes, dem Sang und Klang und munteren Leben allüberall.

Sie standen nun nach kurzer Wanderung auf dem Gipfel des Berges, und jetzt erst konnte man die Formen der Berge so recht erkennen. Vor ihnen lag eine mächtige Ebene. Der Professor sagte, mit den großen Fernrohren sehe man das alles auch deutlich von der Erde aus, und die Mondforscher hätten vom Monde selber sehr genaue Photographien und Karten hergestellt und alle Berge und Ebenen auf dem Monde genau so mit Namen bezeichnet, wie es die Geographen mit den irdischen Landschaften gemacht haben.

„Diese große Ebene,“ so bedeutete er seinen Freunden, „nennen die Astronomen ‚Mare Imbrium‘. Früher war das wohl ein großes Meer, aber nun liegt es ausgetrocknet da, denn wie es keine Luft gibt, so gibt es auch kein Wasser auf dieser toten Welt. Der große Gebirgszug mit seinen wie Silber glänzenden Spitzen, den ihr da in weiter Ferne am Rande der Ebene erkennt, das ist eine Kette von großen Berggipfeln, und die Astronomen haben sie ‚Mond-Apenninen‘ getauft. Hier mitten drin in der Ebene seht ihr aber nun die ganz sonderbaren Mondkrater, von denen es auf dieser seltsamen Welt Zehntausende gibt. Seht, es sind alles mächtige, kreisrunde Gesteinsringe, und manchmal steht noch ein kleiner Bergkegel im Mittelpunkt des Ringes.“

Der kleine Franz nahm den Notizblock und schrieb darauf: „Diese Kraterberge des Mondes sehen alle aus wie hohle Backenzähne!“ Da lachte der Professor und schrieb darunter: „Ja, da hast du recht, mein Junge, nur daß diese Backenzähne oft fünfzig Kilometer breit sind.“

Die Reisenden schritten nun weiter, nach der anderen Seite zu, wo das Land in Dunkelheit gehüllt war, denn dort schien die Sonne nicht mehr hin, und es begann an dieser Stelle die von der Sonne abgewendete Nachtseite des Mondes. Franz hatte sich schon lange gewundert, wie merkwürdig schnell und leicht er auf dem Monde laufen konnte. Als er nun zum Spiel einen Stein aufnahm und ihn in die Luft warf, da blieb er überrascht stehen! Der Stein flog so hoch, daß er ihn kaum noch sehen konnte, und kam erst in großer Entfernung zu Boden. Der alte Professor aber hatte seinem Spiel und seinem Erstaunen zugesehen und bedeutete ihm, einmal aufzupassen. Der alte Herr nahm einen kleinen Anlauf, und dann sprang er vor einem kleinen Hügel vom Boden ab, hoch in die Luft, über den haushohen Hügel hinweg, und schwebte sanft jenseits wieder herunter. Es sah so komisch aus, wie der gute alte Professor da plötzlich mit wehenden Frackschößen und flatternden Haaren, mit schlenkernden Armen und seltsam herumrudernden Beinen in der Höhe hinsauste, daß Vater und Sohn zunächst nicht aus dem Lachen herauskamen. Aber dann faßte sie doch das Erstaunen über das Gesehene, und so probierten sie denn auch diese Luftsprünge (wenn man so sagen kann, da es auf dem Monde keine Luft gibt!). Die des Vaters fielen noch viel höher aus als die des Gelehrten. Der Vater schleuderte auch Steine, die so weit fort flogen, daß man sie aus dem Auge verlor. Dann aber traten sie zu dem Professor, um sich erklären zu lassen, weshalb ihre Kraft hier auf dem Monde zu Leistungen hinreichte, die auf Erden der stärkste Mann nicht zu vollbringen vermöchte. Hob der kleine Junge doch Felsblöcke empor, die auf der Erde sein starker Vater nicht hätte heben können. Aber der Astronom wußte auch dafür eine einfache Erklärung.

Er setzte sich nieder und schrieb: „Der Mond ist viel kleiner als die Erde. Man könnte aus der Erde neunundvierzig Monde machen. Der viel kleinere Mond zieht auch alle Gegenstände, die sich auf ihm befinden, nicht so stark an wie die große Erde, daher kommen uns also alle Steine und so weiter auch auf dem Monde viel leichter vor, wir brauchen viel weniger Kraft, um sie zu heben, oder können mit unserer Kraft viel schwerere Steine hier aufheben und viel weiter werfen als auf Erden. Da wir selbst auf dem Monde nur etwa sechsmal weniger wiegen als auf der Erde, so können wir uns mit unserer Kraft auch sechsmal leichter bewegen und über sechsmal höhere Hügel hinwegspringen als auf der Erde! Seht, das ist alles ganz einfach, und nirgends in der Welt gibt es Hexerei. Alles geht natürlich zu, und wenn man viel gelernt hat, kann man auch viel erklären!“

Es ist wirklich eine schnurrige Welt hier, dachte der kleine Junge. Wenn ich mir von der Erde ein Pfund Schokolade mitgebracht hätte und würde es hier nachwiegen, so wäre es nur noch ein sechstel Pfund, selbst wenn ich gar nichts davon genascht hätte!

Die Reisenden schritten rüstig weiter, immer weiter nach dorthin, wo es Nacht auf dem Monde war und die geringe Schwere ihres Körpers bewirkte, daß sie äußerst schnell vorwärts kamen und nicht müde wurden. Die Sonne sank tiefer und tiefer zum Horizont herunter, und ganz plötzlich waren sie mitten in der tiefsten Finsternis, denn so eine allmähliche Lichtabnahme zwischen Tag und Nacht wie auf der Erde gibt es auf dem Monde nicht, weil eben keine Luft vorhanden ist, die noch lange nach Sonnenuntergang von den Sonnenstrahlen erhellt wird. Nur einige Berggipfel, zu denen die Sonnenstrahlen noch hinaufdrangen, glänzten wie aus blankem Eise geformt, als aber auch diese durch andere Berge verdeckt wurden, war es rabendunkel ringsum, und man sah nicht die Hand vor Augen. Der Vater wollte ein Zündhölzchen entflammen, aber es blitzte nur auf und verlosch wieder; er hatte vergessen, daß in einem luftleeren Raum ja nichts brennen kann. Aber auch dafür hatte der Professor gesorgt, denn an seinem Gürtel hing eine große elektrische Handlampe, die genügend Licht auf den Weg warf. Sie gingen noch ein gutes Stück, da zeigte sich plötzlich tief unten am Horizont ein heller Schein. Eine runde, leuchtende Kuppe wurde sichtbar, die immer mehr wuchs, je weiter sie wanderten. Es war genau so, als wenn auf Erden der Mond aufgeht. Immer mehr rundete sich diese Lichtscheibe, die da am Horizont des Mondes emporstieg, und endlich stand sie leuchtend unter all den Sternen schon ziemlich hoch droben über den Berggipfeln, und zwar so hell, daß man ringsum alles klar erkennen konnte und der Professor seine Lampe löschte.

Die Mondreisenden standen und blickten voll Staunen zu dem seltsamen Monde empor, der da am Himmel des Mondes aufging, aber diese leuchtende Scheibe war wohl zwölfmal größer, als auf Erden der Mond erscheint. Und auf ihrer Oberfläche sahen der Vater und Franz helle und dunkle Flecke, die ihnen merkwürdig bekannt vorkamen, grade so, als hätten sie sie schon früher wo gesehen. Da zog der Astronom seine Notiztafel hervor und schrieb ein paar Worte, die unsere Freunde in großes Erstaunen versetzten:

„Jene Scheibe dort droben am Mondhimmel ist die Erde!“ Und wirklich, es war so. Deutlich sah Franz die ihm vom Schulglobus bekannten Umrisse der Länder und Meere auf der Erde, das große Dreieck von Südamerika, den Atlantischen Ozean und am Südpol die weiße Kuppe der Eis- und Schneefelder. So war den Reisenden nun der Mond zur Erde geworden und die Erde zum Monde, und der gelehrte Professor erklärte ihnen, daß das alles ganz selbstverständlich sei, denn genau so, wie von der Erde aus gesehen der Mond als ein Gestirn am Himmel schwebt, muß vom Monde aus gesehen die Erde als Gestirn erscheinen, nur daß sie größer ist.

Da wandelten denn die Reisenden im Licht der Erde auf dem Monde spazieren, wie die guten Leute da auf Erden im Mondenschein promenieren. Aber der Anblick der so fernen Erde, die doch so schön war mit ihren Wäldern und Feldern, ihren Blumen und Vögeln, ihren Meeren und Flüssen und geschäftigen Menschen, hatte dem Vater und dem kleinen Franz plötzlich die Sehnsucht ins Herz gesenkt, wieder dahin zurückzukehren, zu ihrem kleinen Hause mit dem Gärtchen und zu der Mutter, die gewiß schon in tausend Ängsten sehnsüchtig nach dem Himmelsschiff ausschaute. Der kleine Junge trat an den Vater heran, ergriff seine Hand und deutete nach der Erde hinüber. Und der Vater verstand ihn. Er ging auf den gelehrten Mann zu, legte seine Hand auf seine Schulter und machte ihm begreiflich, daß man nun umkehren müßte, zurück zu dem Luftschiff, um die Rückreise anzutreten.

Aber der schüttelte den Kopf. „Das Flugschiff ist zerschellt,“ so schrieb er nieder, „wir müssen hier bleiben!“

„So werden wir es ausbessern,“ entgegnete der Vater.

„Nein! Hierbleiben, hier ist es interessant, und ich muß noch viel untersuchen hier oben, denn ich werde ein ganz dickes Buch über den Mond schreiben.“ Das war die Antwort des Astronomen.

Der Vater redete heftig auf ihn ein und machte dem eigensinnigen Professor schwere Vorwürfe, daß er sie hierher gelockt, ohne ihnen die Rückreise zu ermöglichen, und der Alte stampfte mit dem Fuße auf und entgegnete nur immer das eine: „Wir bleiben hier!“

Es war plötzlich, als ob der alte Gelehrte zu einem teuflischen Dämon geworden wäre. Seine Augen blitzten höhnisch hinter den Brillengläsern hervor, und er fuchtelte wild und drohend mit den Händen in der Luft herum, so daß der kleine Junge in Angst und Schrecken geriet.

Und da mit einem Male waren die beiden Männer zusammengeraten. Sie rangen miteinander und suchten sich zu umfassen. Immer weiter schoben und zerrten sie sich, und nun standen sie ganz nahe an einer tiefen Felsenspalte, die rabenschwarz ins Unbekannte ging. Da lief der weinende kleine Junge hinzu, packte den Vater am Rock, um ihn hinwegzuzerren von dem dunklen Abgrund, aber schon war es zu spät. Sie stürzten, sie fielen immer tiefer, immer weiter ins bodenlose, undurchdringliche Dunkel …

Und plötzlich fühlte der kleine Junge, wie eine Hand ihn erfaßte, es wurde Licht … da stand die Mutter vor seinem Bett und sagte lächelnd:

„Ei guten Morgen, Herr Langschläfer! Wach auf! Die Sonne steht schon hoch droben. Ich hörte dich schreien im Schlaf, du hast geträumt, ja ja, das kommt davon, wenn man noch spät abends vom Monde plaudert!“»

Die Schwalbe und der Telegraphenpfahl
«Heute», sagte der Doktor, «kommt die Geschichte von der Schwalbe und dem Telegraphenpfahl. Die ist nicht lustig und ist auch nicht traurig, und wer sie nicht hören will, der läßt es bleiben. Basta!

Ja, da wandern die blanken Telegraphendrähte von der großen Stadt weithin weg durch Felder und Wälder. Längs der Eisenbahn ziehen sie dahin, und wenn die Vögel darauf sitzen, sehen sie aus wie Notenlinien mit dickköpfigen Noten. Das geht durch stille Dörfer, immer auf hohen Stangen, und die Kinder halten die Ohren an die dicken Pfähle, denn sie summen eine sonderbare Melodie, aber die machen sie nicht selbst, sondern es ist der Wind, der auf den Drähten spielt wie auf einer Harfe.

Und dann geht es über Land, wo das Getreide gelb in der Sonne steht, und geht durch stille Buchenwälder mit frischem Grün, immer weiter und weiter, bis wieder eine neue Stadt kommt, mit Rauch und Staub und lärmenden Menschen.

Da, wo die Felder jenseits des Dorfes aufhörten und eben der grüne Wald anfing, stand ein Telegraphenpfahl, der hielt mit starken Armen die Drähte beieinander droben, dicht unter den grünen Zweigen der Bäume. Eine Schwalbe mit blauschwarzem Frack und weißer Weste kam dahergeflogen. Sie setzte sich auf den Telegraphenpfahl, wippte mit dem Schwänzchen und pickte dem alten, ewig brummenden Burschen auf seinen dicken Holzschädel.

„Pitt, komm mit,“ sagte sie, wippte zierlich und hackte mit ihrem kleinen Schnabel dem Alten vertraulich aufs neue auf den Holzkopf.

„Reisende Musikanten sind lockere Vögel,“ brummte der. Aber er war nicht böse, denn er liebte die kleinen munteren Sänger, die von weit her kamen und ihm guten Tag sagten.

„Pitt, komm mit,“ sagte die Schwalbe, das hatte sie sich so angewöhnt, denn ihre Mutter hatte es schon gesagt und ihre Großmutter, und es ist Schwalbenart.

„Ich stehe hier schon zwanzig Jahre,“ sagte der Telegraphenpfahl, „und ich komme hier nicht weg. Ich bin ein alter getreuer Beamter. Es wäre eine schöne Geschichte, wenn die Telegraphenstangen auch so in der Luft herumfliegen wollten wie ihr Federvolk.“

„Ich komme von weit her,“ sagte die Schwalbe, „von dort, wo die Sonne wärmer scheint und der Himmel so tief blau ist wie die Kornblumen. Da liegen sonnige Küsten am Meer, Lorbeerhaine stehen am Ufer, goldgelbe Zitronen und Orangen hängen im dunklen Laub, und die Menschen sind fröhlich und singen lustige Lieder zur Laute. Ja, da ist es schön. Pitt, komm mit.“

„Ja,“ sagte der alte Pfahl, „das muß wohl schön sein. Unsereiner sieht von all dem nichts und tut hier oben seinen Dienst als alter Beamter. Wenn ich nicht Obacht gäbe auf die Drähte und ihnen den Willen ließe, dann gäbe es eine schöne Verwirrung in der Welt. Sie sind widerspenstig und zerren wie ein Fleischerhund, der an der Kette liegt, aber ich halte sie in Ordnung, denn Ordnung muß sein bei einem alten Beamten, der treu ist und pensionsberechtigt!“

„Aber es ist langweilig,“ zwitscherte das Schwälbchen und zupfte an seiner weißen Weste. „Ich komme durch die ganze Welt und höre viel Neuigkeiten. Wenn du willst, erzähle ich dir welche.“

„Ach Gott,“ meinte der Telegraphenpfahl, „Neuigkeiten kannst du mir nicht erzählen, die kommen hier alle durch meine Drähte, und da höre ich sie zuerst.“

„Aber die Dinge, die ich heute auf meiner Reise sah, die sind dir noch unbekannt, denn ich komme in eilendem Fluge herauf aus dem Süden, und was da geschah, das kannst du nicht wissen, alter Holzkopf!“

„So schnell kannst du gar nicht fliegen wie die Gedanken der Menschen hier in den Drähten, windiger Federball. Mit Blitzesschnelle sausen die Begebenheiten aus aller Welt hier an mir vorüber. Wenn man nicht aufpaßt wie ein Jagdhund, sind sie schon wieder hundert Meilen fort, ehe man noch recht verstanden hat, um was es sich handelt. Ja, die Menschen sind kluge Leute und haben es weit gebracht. Da braucht man nicht vom Ort, braucht keine weiten Reisen zu machen und hört doch alles, was in der Ferne, weit über Länder und Meere vor sich geht. Das kommt hier alles durch diese dünnen Drähte hindurch. Telegramme nennen es die Menschen. Ganz da in der Ferne, in der großen Stadt sitzen die Männer, die die ganze Geschichte machen. Da haben die Drähte in einem großen Hause ein Ende, und dieses Haus ist das Telegraphenamt. Da stellen sie in sonderbaren Gefäßen eine ganz schnurrige Sache her, eine unsichtbare Kraft, noch zarter wie der feinste Windhauch und doch mächtig und stark. Kommt man mit dem Finger an diese Geräte, dann gibt es einen Schlag und es ist, als bisse es einem in die Hand. Diese seltsame Kraft nennen die Menschen Elektrizität. Was aber das tollste ist, sie läuft schneller davon als der wildeste Sturmwind, schneller als die schnellsten Vögel fliegen, so schnell wie der Blitz, der ja auch von der Elektrizität fabriziert wird. Und mit dieser sonderbaren Kraft schicken die Menschen ihre Worte und Gedanken durch diese Drähte, so daß man sie am anderen Ende genau verstehen kann. Ja, so ist es, die Gedanken der Menschen schwirren auf elektrischen Flügeln durch diese Drähte. – Aber nun mußt du erzählen, was du auf deiner Reise erlebt hast.“

„Ich war da unten im Süden in den sonnigen Gärten. Schöne seltene Blumen dufteten. In einem Hain von alten Bäumen stand ein Schloß. Es war alles von Gold und Silber darin, und hohe Spiegel von Kristall deckten die Wände. Ein kranker König wohnte dort. Er saß im Hain bleich und elend in einem Sorgenstuhl. Seine Diener standen um ihn herum, viel Herren und Damen in kostbaren Gewändern. Alles war stumm. Die Sonne schien so warm, die Blumen dufteten so süß, die kleinen Vögel sangen so lieblich in den Zweigen, aber eine Träne rann dem König über die fahlen Wangen, denn er wußte, daß er sehr krank sei und sterben müsse. – Es war zu traurig, ich strich dicht über ihn hin und sagte: Pitt, komm mit. Er hörte es, denn er lächelte ein wenig und hob den Blick … aber dann flog ich fort und weiß nicht, wie die Geschichte zu Ende gegangen ist.“

„Aber ich weiß es,“ sagte der alte hölzerne Wächter. „Es kam hier durch die Drähte durch. In wenigen Sekunden waren die elektrischen Boten aus dem fernen Süden bis hier heraufgeeilt in den kalten Norden, wo des Königs Reich liegt, und Trauer geht durch das Land, denn der gute König ist am nämlichen Abend, als die Sonne hinter den Bäumen des schönen Gartens ins Meer sank, gestorben.“

„Es ist schnurrig,“ sagte die Schwalbe, „ich komme im schnellsten Fluge von dort unten her, und doch weißt du besser über die Dinge, die sich da zugetragen haben, Bescheid als ich selbst.“

„Ja, das ist alles die Elektrizität und die Telegraphie,“ meinte der Hölzerne, und man sah es ihm an, daß er stolz darauf war, ein Telegraphenbeamter zu sein.

„Ich flog über die Alpen hinweg,“ sagte die Schwalbe, „o wie glänzten die vereisten Gipfel, die mächtigen Schneefelder im Sonnenlicht. Die Felszinnen ragten hoch in den Himmel hinein. Ich sah einen Eisenbahnzug drunten am Fuße der Bergwände dahinkriechen, und dann kam etwas Seltsames! Aus der Höhe rollten mächtige Schneemassen zu Tal, wahre Berge von Schnee ballten sich zusammen und fuhren abwärts. Sie rissen Felstrümmer und Geröll mit sich und knickten die hohen Tannen unten in den Bergwäldern. Es war eine gefährliche Geschichte, und man hörte den Eisenbahnzug drunten ängstlich kreischen, und dann kamen die Schneemassen über die glitzernden Schienen des Bahnstranges, ja weicher Pulverschnee hüllte selbst den Zug ein, und da saß er nun fest im weißen Meer mit allen seinen Menschen, eingegraben im Schnee zwischen den hohen Felswänden. Ich hätte gern gesehen, wie sie die Sache nun wieder in Ordnung gebracht haben. Aber ich mußte weiter und flog nordwärts.“

„Siehst du,“ sagte der Telegraphenpfahl, „ich wußte schon alles, was du berichtest. Die ganze Geschichte ist schon längst hier durch die blanken Drähte geschnurrt, und heut abend lesen es die Leute in der großen Stadt, wenn sie in Schlafrock und Filzpantoffeln gemütlich auf dem Sofa sitzen und ihren Tee trinken, in der Zeitung, denn der Telegraph hat es gemeldet. Es war eine große Schneelawine, die du da in den Bergen niedergehen sahst, und eben kam die Nachricht durch, daß es noch viele Stunden dauern wird, bis der Schienenweg wieder frei ist und der Zug weiterfahren kann. Von allen Dörfern kommen die Menschen mit Schaufeln und Picken herbei, den Schnee fortzuräumen, ein ganzes Bataillon Soldaten kämpft gegen den Racker Schnee, aber nicht mit der Flinte, sondern mit der Schippe.“

„Ja, ja,“ zwitscherte das Schwälbchen, „seit die blanken Drähte durch die Welt gehen, können wir fliegenden Boten keine Neuigkeit mehr erzählen. Wir müssen nach den Urwäldern auswandern, denn da gibt es noch keine Telegraphendrähte, aber da sieht man auch nicht so viel Interessantes wie in der großen Welt, wo die Menschen wohnen.“

„Höre,“ sagte der alte Pfahl, „was alles mit Blitzesgeschwindigkeit hier hin und her schnurrt. Gutes und Böses, Lustiges und Trauriges. Da ist ein berühmter Mann gestorben, sagen die Drähte. Eine Minute später erzählen sie, daß irgend wo eine Mutter ein Kind geboren hat. Ein Schiff ist auf dem Meere untergegangen, schnurrt es. Ein armer Mann, der für seine Kinder kaum das Brot kaufen kann, hat plötzlich das große Los gewonnen. Trauer und Freude schnurrt hier entlang, und der Wanderer, der durch die stille Waldstraße zieht, sieht nur blanke Drähte und weiß nicht, was für wichtige Dinge sie über seinem Kopf hinweg erzählen. – Aber nun mußt du weiter berichten, vielleicht weißt du eine Neuigkeit, von der die Drähte nichts berichten.“

„Ich flog durch einen dunklen Wald. Ein einsames Haus stand darin. Ich ruhte einen Augenblick auf dem Giebel. Ein schlechter Mensch kam aus dem Walddunkel herangeschlichen, er sah unheimlich aus und trug eine Flinte unter dem Mantel verborgen. Er stieg durch ein Fenster. Nur eine Frau war in der kleinen Stube, die saß am Bette ihres Kindes und wartete, daß ihr Mann, der Waldhüter, heimkehre. Ich hörte sie ängstlich schreien, hörte, wie der Bösewicht sein Gewehr abschoß, und dann war es stille.

Nach einer Weile stieg er mit einem Bündel geraubten Gutes wieder aus dem Fenster heraus. Er sah sich scheu um, niemand hatte ihn gesehn, und er verschwand schnellen Schrittes im Dunkel der Tannen. Ich allein habe den Räuber gesehen, ich flog über ihn dahin und schrie unablässig: Pitt, komm mit, Pitt, komm mit, aber er entschwand im dichten Gehölz meinen Blicken und ist entkommen.“

„Nein, er ist nicht entkommen,“ sagte der alte Stamm, „aber er wäre entkommen, wenn die blanken Drähte des Telegraphen nicht durch die Welt zögen. Der Waldhüter war nicht mehr weit, er hatte den Schuß gehört. Sein Weib lebte noch und wird wieder genesen. Mit schwacher Stimme konnte sie erzählen, wie alles gewesen und wie der Räuber ausgesehen. Sie beschrieb sein wildes Gesicht und seine Kleidung. Auf seinem blinkenden Rade fuhr der Waldhüter wie ein Sturmwind nach dem nächsten Marktflecken und berichtete alles. Und nun kam der Telegraphist an die Reihe. Er schickte durch die Drähte Zeichen und Worte, erzählte die ganze Geschichte, beschrieb genau den Täter und was er entwendet, und die Drähte trugen die Nachricht mit Blitzesschnelle von einer Bahnstation zur anderen, von einer Stadt zur anderen, so daß bald jeder Landgendarm wußte, was sich zugetragen.

Ganz spät in der Nacht wollte der Räuber, der auf dichten Waldwegen weit hinweg geeilt war, auf einer kleinen Bahnstation in den Zug steigen, um in die große Stadt zu fahren, wo niemand ihn kannte. Aber da stand ein Mann mit einer Pickelhaube und einem mächtigen Schnauzbart. Seine scharfen Augen besahen sich jeden, der daherkam, und dann verglich er sein Aussehen mit der Beschreibung, die die Drähte von dem Bösewicht gegeben. Sieh, da kommt der Vogel geflogen, sagte er plötzlich, denn der Flüchtling hatte den kleinen Bahnhof betreten. Und ehe er sich nur zur Wehr setzen konnte, hatte man ihn gepackt, mit Ketten gefesselt, und als ein Gefangener fuhr er nun der großen Stadt zu, in der er seinen Raub verbergen wollte. Wären die Drähte nicht gewesen, er wäre entwischt, denn wer kann ohne sie überallhin so schnelle Nachricht geben!“

„Alter,“ sagte die Schwalbe, „mit dir kann man sich keine Neuigkeiten erzählen, denn du weißt sie alle am besten. Ich bin aber doch froh, daß sie den Bösewicht erwischten. Lebe wohl, alter Holzkopf, künftig werde ich mich in die Wipfel der alten Tanne setzen, sie weiß nichts von den blanken Drähten, und alles, was ich ihr berichte, ist neu und interessant.“

Damit flog der kleine Vogel zwitschernd davon, und noch von weitem hörte man ihn rufen: „Pitt, komm mit!“

Die Telegraphenstange brummte laut vor sich hin. Ein Wanderbursch, der da unten vorbeizog auf der Straße, einen grünen Zweig am Hute und ein Ränzel auf dem Rücken, hörte es, aber er wußte nicht, was sie sagte.»

Der Eisberg
An einem Frühlingstage saß der alte Ulebuhle tief in seinem Sorgenstuhl vergraben. Sein Zöpfchen baumelte über die hohe Lehne, die große Hornbrille schwebte wie ein Fahrrad auf seiner Nase, und mächtige Rauchwolken stiegen aus seiner langen Pfeife auf.

So saß er, als wir eintraten, in seiner verräucherten Studierstube und las die Zeitung.

«Kinder,» sagte er, «ihr habt gehört, daß draußen auf dem Weltmeere ein Amerikafahrer mit Mann und Maus gesunken ist. Viele hundert Menschen sind mit ihm in die finstere Tiefe gegangen. Da steht es haarklein in der Zeitung. Ein Berg von Eis hat das Unheil angerichtet, und wenn ihr Lust habt, so sollt ihr nun eine solche Eisberggeschichte hören. Sie trug sich vor langen Jahren zu und war so ähnlich wie das, was hier die Zeitung berichtet. Es ist eine kalte Angelegenheit, und dazu trinkt sich allemal eine warme Tasse Tee gut. Ruft die alte Christine, damit sie uns nicht vergißt, und dann setzt euch um den warmen Ofen, denn es geht weit herauf nach Norden, wo das kalte Grönland liegt.

Ja, das ist ein unwirtliches Stück Erde. Eskimos leben da und Robben- und Walfischfänger, und das Renntier scharrt sich unter dem Schnee seine Nahrung, das graugrüne Moos, hervor. Seht, da oben ist die Heimat des Eisberges, dessen Geschichte ich euch heute erzählen will. Wochenlang geht da im Winter die Sonne nicht auf, ein eisiger Nordsturm fegt durch das Land der Kälte und der Dunkelheit, und bis auf fünfzig Grad unter den Gefrierpunkt sinkt das Thermometer. Da ist das Vorzimmer des Nordpoles. Immer höher und höher türmen sich Eis und Schnee. Eine fast zweitausend Meter hohe Eisschicht bedeckt das Land, aus der nur die Bergeshäupter wie Inseln hervorschauen. Aber immer neues Eis kommt hinzu, das Land kann es nicht fassen, und so schiebt es langsam, ganz langsam gewaltige Eisströme der Küste zu, wo es etwas wärmer ist und das Meer rauscht. Diese ungeheuren Eisströme sind viele tausend Meter breit, und man nennt sie Gletscher. Ein solcher Gletscher war die Mutter jenes Eisberges. Langsam schob sich der kalte kristallene Strom dem Meere zu. Es war seit Wochen Nacht. Die Sonne stand tief unter dem Horizont, nur die Sterne blinkten wider an den glitzernden Eiswänden, und in wunderbaren, grünlichen Lichtern spielte des Nordlichtes geheimnisvoller Schein über der kalten, einsamen Welt des Nordens.

Als der Eisstrom die Meeresküste erreicht hatte, die steil abfiel in das tief drunten rauschende Wasser, da schwebten plötzlich ungeheure Eismassen frei in der Luft, dort, wo das Land ein Ende hatte und das Meer begann. Es knisterte und knasterte im Eis, es dröhnte und bullerte und gab breite Risse, und plötzlich brach die schwebende Masse ab. Ein Eisblock, aus dem man wohl zehn Großstadthäuser hätte bauen können, brach vom Gletscher, seiner Mutter, los und stürzte mit Donnergepolter in das wild brausende und schäumende Meer, so daß es in mächtigen Wellen und Strudeln wild sich empörte und bis zum Himmel weißliche Wassersäulen emporsandte.

So ward unser Eisberg geboren!

Wie eine schwimmende Burg lag er da im eisigen Wasser, mit Türmen und Wällen und Spitzen, und langsam trieb ihn die Meeresströmung fort von der Küste, immer weiter nach Süden, am Baffinsland vorüber, entlang der Küste von Labrador, hoch oben im Norden Amerikas, und schließlich hinein in den Atlantischen Ozean.

Und siehe da, je weiter der Eisberg nach Süden abtrieb, fort von seiner nordischen Heimat, je lichter und wärmer wurde es. Endlich kam auch die Sonne wieder hervor. Als ein tiefroter Ball zog sie dicht über dem Horizont dahin, wie ein feuriges Rad, das auf dem Wasser rollte. Aber wie sah unser Eisberg aus! Welch ein wundervoller Anblick! Er war zu einem Zauberschloß geworden. Von fern sah er aus wie eine brennende Festung. Die rotglühende Sonne spiegelte sich in den glitzernden Eiswänden, flammende Garben schienen aus dem Innern hervorzudringen, denn mächtige Sprünge durchzogen die kristallene Burg, in denen das Licht sich brach und in allen Farben funkelte wie im Demantstein.

Die Sonne stieg, je tiefer der Eisberg nach Süden kam, immer höher empor, und immer wärmer wurden ihre Strahlen. Sie schmolz langsam tiefe Höhlen hinein in die schwimmende Burg. Das Wasser tropfte an allen Ecken und Kanten unablässig, und Tausende von mächtigen Eiszapfen, dick wie Eichen und lang wie Telegraphenstangen hingen an den Seiten nieder. Große Tore schmolz die Sonnenwärme hinein in den kristallenen Bau, den die Kälte gezimmert, Säulen und Balkone entstanden darin, Türme und Giebel. Blendendweiß lag das Feenschloß des hohen Nordens zur Mittagszeit auf den blauen Wogen des Ozeans, rotglühend funkelte es, wenn des Abends die Sonne im Meer versank, grünlich flimmerte das Mondlicht zur Nachtzeit in seinen Eisgalerien.

Hoch wie eine Kirche ragte der Berg von Eis über dem Wasserspiegel empor, aber zehnmal tiefer und mächtiger dehnte er sich noch unter dem Wasser, dem Auge unsichtbar, denn seine Schwere brachte es mit sich, daß sein größter Teil eingetaucht blieb im Wasser.

Eines Tages aber, als ein heftiger Wind über das Wasser fuhr, gab es eine Katastrophe! Die Sonne hatte auf der Mittagsseite so viel Eis abgeschmolzen, warme Strömungen im Wasser hatten dieselbe Seite so stark benagt, daß der Eisberg aus dem Gleichgewicht gekommen war. Immer schräger stellten sich seine Wände, immer mehr hob sich der Eisfuß auf der einen Seite aus den Wellen heraus, und als ein heftiger Windstoß gegen die Eiswände anprallte, da stürzte die ganze riesige Burg um, und was unten lag, kam nach oben.

Das Meer wurde bis in seine Tiefen aufgerührt durch den umkippenden Berg. Eine halbe Stunde weit ins Meer hinaus wanderten die mächtigen Wellen, die der Sturz verursacht, weißschäumender Gischt sprühte hoch hinauf in die klare Luft, und rauschend gurgelte das Wasser um den kristallenen Riesen. Aber dann zog er wieder, von der Meeresströmung fortgetragen, langsam und ruhig seines Weges weiter, immer entlang an der Küste von Neufundland.

Scharen von Seevögeln ließen sich auf seinem Dache nieder, flogen kreischend, mit silberglänzenden Flügeln, weithinweg und kamen wieder, gefangene Fische in den scharfen Schnäbeln.

Der Eisberg aber trieb und trieb, und langsam kam er auf die große Fahrstraße der Schiffe, die von Neufundland herüberfahren nach den englischen Inseln.

Ein großer Dampfer, der „Nordstern“, fuhr langsam durch die dunkle Nacht. Droben glitzerten die ewigen Sterne, und drunten schäumten die Wellen. Ebenhard, der Steuermann, stand, den Südwester auf dem Kopfe, die Öljacke über der wollenen Strickjacke, auf seinem Posten und blickte scharf durch die Dunkelheit. Er schob sich ein mächtiges Stück Kautabak zwischen die Zähne und stapfte in seinen dicken Schmierstiefeln von einem Fuß auf den anderen.

Der Kapitän, die kurze Stummelpfeife im Munde, trat herzu. Sein langer grauer Bart flatterte im Winde. „Ebenhard,“ sagte er, „wir sind bei den miserablen Straßen, wo die verdammten Eisberge von Norden her südwärts treiben. Jetzt heißt es Maul zu und Augen auf, sonst haben wir plötzlich einen solchen Burschen in den Rippen sitzen! Ich habe noch zwei Mann nach vorn geschickt, mit Augen wie Habichte, und auch der Mann im Ausguck ist angewiesen, Löcher in die vermaledeite Dunkelheit zu gucken, aber man kann nicht genug auf der Hut sein!“

„Ich habe eine feine Nase für die eisigen Biester, Kapitän,“ sagte der alte Steuermann und spuckte nach Seemannsart kunstgerecht ein handliches Stück Priem vier Meter weit über die Planken, „ich bin ihnen oft hier herum begegnet, den niederträchtigen Burschen, und ich hab’s im Gefühl, wenn sie sich so in der Dunkelheit heranschleichen. Aber die Hauptsache sind die Thermometer!“

Ja, die Thermometer waren die Hauptsache. Da hingen zwei links und rechts am Schiff im Wasser, und zwei andere hingen beim Steuerhause in der Luft. So konnte man genau verfolgen, ob die Temperatur im Wasser und in der Luft fiel, denn die mächtigen Eisberge strahlen so viel Kälte aus, daß es schon auf weite Entfernung an den Wärmemessern zu spüren ist, wenn sie in der Nähe eines Schiffes dahintreiben.

„Ich werde die Wasserthermometer im Auge behalten, Ebenhard, seht Ihr nach den Luftthermometern,“ sagte der Kapitän, und dann ging er mit wiegendem Seemannsgang davon.

Die Wellen rauschten leise, die roten und grünen Signallichter und die weißen Positionslaternen spiegelten sich im Meer, am Horizont tauchte das Sternbild des Orion auf, und die Milchstraße zog als leuchtendes Band über den Himmel hinweg. Viele Augen starrten durch das Dunkel nach schimmernden Wänden, die plötzlich und verderbenbringend haushoch neben dem Schiff auftauchen konnten.

Aber langsam verschleierten sich die Gestirne, die Positionslaternen warfen wie ein Scheinwerfer kleine Strahlenbündel voraus, denn dünner Nebel kam auf. Erst war er nur gering, aber er nahm schnell an Dicke zu, und nach einer Stunde war man mitten in einem weißlichen Schwaden. Da konnte kein Auge durchdringen.

Des Nebelhornes schauriger, langgezogener Ton hallte weit durch die Einöde des Meeres, um entgegenkommende Schiffe, die die Lichter des „Nordsterns“ nicht mehr zu sehen vermochten, zu warnen, und auch die Ohren der Seeleute lauschten nun angestrengt hinaus, ob aus der Ferne der gleiche Ton zu ihnen herüberdrang.

Oll Ebenhard wetterte allerlei zwischen den Zähnen hindurch und verbrauchte mehr Priem, als es christlich war. In dicken Tropfen rann der Nebel an seiner Öljacke nieder, und sein Bart war naß. Da kam auch der Kapitän wieder.

„Das ist eine schöne Teufelei, Ebenhard,“ schimpfte er. „Nebel ist hier immer verdächtig, denn die vermaledeiten Eisbiester können ihn durch ihre Abkühlung der Luft hervorrufen. Ich wette, es sind welche in der Nähe, aber wie soll ein ehrlicher Christenmensch durch diese Waschküchenluft hindurchblicken? Jetzt können wir uns nur noch auf den alten Herrgott und die Thermometer verlassen.“

„Tjä,“ meinte der Steuermann, „es is die schwere Not in dieser gottverlassenen Gegend bei den Neufundlandbänken. Da soll der Deubel zur See fahren. Aber ich habe einen Riecher für die Biester, und noch wittert mein Dufthorn nüscht!“

„Wenn wir nur erst diese Nacht hinter uns haben, Alter,“ sagte der Kapitän, „morgen früh sind wir aus der Zone der Gefahren heraus, und bei Tage sind alle Deibel halb so schlimm. Aber jetzt gehe ich an die Thermometer!“

Er verschwand im Nebel.

Nach einer halben Stunde tönte plötzlich die Stimme Oll Ebenhards durch das grauliche Dunkel: „Kapitän, es riecht sengrich. Es kommt so eine gewisse Luft über Backbord, dat is Eis.“

„Um Himmels willen,“ sagte der Kapitän, „es wird doch nicht! Es kommt mir freilich so vor, als ob das Wasserthermometer um einen halben Strich gefallen sei, aber es ist so wenig, daß man nichts drauf geben kann!“

„Aber es riecht sengrich, Kapitän, da bin ich gut vor, und dat is Eis!“

Der Kapitän ging wieder zu seinen Instrumenten. Kurz darauf kam er eiligen Schrittes zurück. „Ebenhard, weiß Gott, die Thermometer fallen!“

„Tjä, das Luftthermometer auch. Deubel nochmal, jetzt sind wir richtig dran an so ein infamigtes Biest!“

„Ja, und wo mag er liegen, von wo mag er uns zutreiben?! Ist er vor uns, hinter uns, kommt er von Backbord? Sind wir vorüber, kommen wir ihm näher, ist er fern, ist er nah? Man weiß nicht aus noch ein!“

Tiefe Sorgenfalten standen im Gesicht des Mannes, dem das Schiff mit seiner Ladung, seinen Passagieren und seiner Besatzung anvertraut war. Ein gefährlicher Feind war in der Nähe des „Nordsterns“, und keine Seemannskunst der Welt konnte vor ihm schützen, denn da man den Ort des Eisberges nicht kannte, so war jedes Manöver überflüssig. Was man auch tat, immer konnte man gegen den kristallenen Riesen anrennen.

„Kapitän,“ sagte der Steuermann, „wir müssen es nehmen, wie es kömmt, denn wir können nicht gegen an. Vielleicht, daß wir im letzten Augenblick, wenn der Berg uns zu Gesicht kömmt, noch das Unheil abwenden. Alles andere ist Gott befohlen!“

Der Kapitän eilte fort. Er rief die Mannschaft zusammen, gab Anweisungen zur Rettung bei einem Zusammenstoß mit dem schwimmenden Feind und ließ die Maschinen langsamer laufen, um die Gewalt eines Zusammenstoßes zu mildern. Mehr aber konnte er auch nicht tun. Alle Augen spähten hinaus in das Dunkel.

Es war unheimlich still. Ganz in der Ferne, kaum hörbar, dröhnte dumpf ein Nebelhorn. Die Wellen gurgelten leise an den Seiten des Schiffes, das nur langsam noch dahintrieb, auf der Hut vor seinem eisigen Gegner. Noch war er unsichtbar, verborgen im Unbekannten.

Und mit einem Male wuchs undeutlich eine graue Wand voraus empor. Schwach beleuchtet von den Lichtern des Schiffes. Wie ein Gespenst stand sie plötzlich in abenteuerlichen Formen da, mit hängenden Girlanden von Eis, mit ragenden, verschnörkelten Türmen, ein Ungetüm, das sich riesenhoch im Nebelwallen verlor. Der Eisberg!

– Kalt wehte es herüber. Die Männer erschauerten.

Aber das alles dauerte nur einen Augenblick, dann war jeder am Werk. Das Steuerruder drehte vom Eisberg ab, die Schiffsschraube arbeitete mit voller Kraft rückwärts, alles wurde getan, um dem drohenden Zusammenstoß zu entgehen. Nur langsam hemmte das nun einmal in Bewegung nach vorn begriffene Schiff seinen Lauf. Schiff und Eisberg schienen wie zwei bissige Hunde drohend um einander herumzugehen. Da knisterte und knasterte es am Schiffsboden, kreischte und schleifte. Der Kiel des „Nordsterns“ hatte den unter Wasser liegenden Eisfuß des Berges erreicht, aber schon war seine Bewegung so verlangsamt, daß eine starke Beschädigung des Fahrzeuges verhindert wurde. So nah waren jetzt die glitzernden Wände des Eisberges, daß sich die rote Backbordlaterne an ihnen widerspiegelte. Flämmchen schienen in den Sprüngen und Brüchen des Eises zu tanzen. Der „Nordstern“ erzitterte bei der Berührung mit dem kristallenen Sockel des Riesen, er legte sich ein wenig seitwärts, das Ruder wurde verstellt, die Maschine manövrierte hin und her, kreischend glitt der Kiel wieder von dem splitternden Eise ab. Langsam, ganz langsam zunächst, dann aber mit wachsender Geschwindigkeit trieb das Schiff rückwärts, vom Eisberge ab.

Vom Schein der Positionslaternen beleuchtet, zog die glitzernde Burg lautlos und gespenstisch dicht vor dem „Nordstern“ vorüber, jetzt glänzte eine spiegelnde Fläche grünlich im Schein der Steuerbordlampe, dann entschwand der Gefährliche, südwärts treibend, wie ein blasser Schemen im dichten Nebel.

„Himmel und Hölle,“ sagte Steuermann Ebenhard, „das war eine ganz unchristliche Geschichte, und nicht für einen Wald voll Affen möcht’ ich sie noch mal erleben!“

Dann entdeckte er, daß er keinen Priem mehr zwischen den Zähnen hatte, und schüttelte bedenklich den grauen Kopf, denn das war ihm noch kaum passiert seit zwanzig Jahren, und er ersah daraus, daß es eine aufregende Sache gewesen mit diesem Burschen, den sein Dufthorn richtig erschnuppert hatte, ehe noch ein Auge ihn sah.

„Ja, Oll Ebenhard,“ meinte der Kapitän, „da sind wir nochmal mit Gottes Hilfe so drum herum gekommen, aber um ein Zimmermannshaar breit, und der verdeubelte Nordländer hätte uns den ‚Nordstern‘ zusammengeknickt wie eine alte Hutschachtel! Jungens,“ rief er dann, „ich denke, daraufhin geziemt uns ein gutes Glas Grog, und dafür will ich sorgen!“

Er stapfte davon, und aufs neue nahm der „Nordstern“ seinen Kurs auf, ostwärts, dem Lande Europa zu.

 

Der Eisberg aber trieb langsam weiter und weiter, immer wärmeren Gegenden zu. Die Sonne fraß mit immer zunehmender Glut an ihm herum, das immer wärmer werdende Meer umschmeichelte ihn, unterhöhlte ihn, so daß er mehr und mehr zusammenschmolz. Er verlor alle Augenblicke das Gleichgewicht, überschlug sich, seine ragenden Türme zerflossen, die Säulen zerfielen, die hängenden Zapfengalerien tropften ab wie Wachsfäden von der brennenden Kerze, er wurde klein und unansehnlich.

So trieb der eisige Sohn des hohen Nordens bis nahe an die afrikanische Küste, und als in der Ferne die Palmenhaine Marokkos sich im Meer spiegelten, zerfloß die letzte dünne Scheibe von Eis in den warmen Wellen und der Eisberg hatte aufgehört zu sein.»

Die Busennadel
Der alte Ulebuhle trug Sommer und Winter ein kleines buntes Seidentüchlein um seinen dürren Hals, das durch eine große Busennadel zusammengehalten wurde. Es war eine merkwürdige Nadel. Sie war nicht von Gold und nicht von Silber, kein Edelstein und keine Perle bildete ihren Kopf, und doch mußte sie sehr wertvoll sein, denn einmal suchte sie der merkwürdige Alte und war sehr ängstlich, daß sie verloren sein könnte. Ein unansehnlicher, roher schwarzer Stein, so groß wie ein Kirschkern, bildete den Kopf der Busennadel, und wir Kinder schauten sie oft an, weil wir vermuteten, daß es irgend eine besondere Bewandtnis mit ihr haben müsse. Irgend eine schnurrige Geschichte steckt dahinter, sagten wir, und einmal muß der gute Alte damit herausrücken!

Und als wir eines Tages wiederkamen, da brachten wir auch die verlorene Busennadel wieder mit. «Ulebuhle,» schrien alle zugleich, «da ist sie! Sie lag drunten vor Eurem Gartenfenster. Wäre nicht ein Frosch vorübergehuppt, wir hätten sie nicht gesehen. Aber nun müßt Ihr auch erzählen, warum Euch das eiserne Ding mit dem unansehnlichen Stein so wertvoll ist. Bestimmt ist es eine spannende Geschichte!»

Der Alte lächelte verschmitzt und nahm eine riesige Prise aus seiner Schnupftabaksdose. «Spitzbuben,» sagte er, «fast möchte ich glauben, ihr habt die Nadel versteckt, um beim Wiederbringen die Geschichte zu hören. Aber da die alte liebe Nadel wieder da ist, so sollt ihr auch belohnt werden, denn der Stein am Kopf, der euch so unscheinbar vorkommt, hat in der Tat eine Geschichte, die interessanter ist als manche Räuberpistole, denn der Stein in der Busennadel ist von weit her. Er stammt nicht aus den Tiefen der Erde noch vom Grunde des Meeres, er ist nicht auf Bergeshöhen gewachsen, noch schufen ihn die Menschen, ja, er wurde überhaupt nicht auf der Erde erzeugt. Ferner als der Mond und manche Sterne war er einst unserer Erde. Aus dem Weltenraum kam er nach vieltausendjähriger Wanderung zu uns. Seht, das habt ihr ihm nicht angesehen, dem Unscheinbaren, und nun merkt auf, denn jetzt kommt seine Geschichte und alles was mit ihr zusammenhängt.»

Der Alte setzte sich in seinem Stuhl zurecht, zündete seine lange Pfeife an und begann:

«Das war im Jahre 1690. Die kleine Stadt lag friedlich noch im Schlafe, nur der Turmwächter, der hoch oben im Turm der uralten Kirche saß und auf Feuer und anderes Ungemach aufpaßte, war wach und spähte hinaus in die Winternacht. Die Sterne standen glitzernd zu vielen Tausenden am weiten Himmelsbogen, und der Alte im Turm kannte sie fast alle, denn viele Jahre saß er schon einsam in der Höhe und machte sich über Welt und Menschen seine Gedanken.

Da sah er droben ein schwaches, lichtes Wölkchen stehen, das er bislang noch nicht gesehen. Am anderen Tage war das Wölkchen wieder da, und nach einer Woche war es immer heller und größer geworden und hatte seine Gestalt verändert. Da sah der alte Turmwächter, daß es ein Komet war, der langsam der Erde näher zog.

Ein wundervoller, heller Stern, heller als alle anderen, weithin strahlend, entstand aus der lichten Wolke, und ein wundervoller, schimmernder Schweif zog hinter dem Stern her. Der Komet wuchs und wuchs; immer näher kam er der Erde. Blendender Glanz ging von ihm aus, sein Schweif war so gewachsen, daß er den ganzen Himmel überspannte; wie eine mächtige Rute hing die seltsame Lichtgestalt droben am Firmament.

Wenn es dunkel wurde, dann standen die Menschen zu vielen Tausenden auf den Gassen oder wanderten ins Freie, vor die Tore der Stadt, um den wunderbaren Stern zu sehen. Kein Mensch hatte je am Sternenzelt so Seltsames erschaut. Der König der Sterne schien gekommen, denn alle anderen verschwanden in seinem Glanz und Schein, alle anderen wurden verdeckt, und der riesige Komet nahm den ganzen Himmel ein.

Da wisperten und flüsterten die Menschen geheimnisvoll in allen Ecken und Gassen, und ihre Gesichter wurden besorgt. Was hatte es zu bedeuten, daß der Vater im Himmel ein so seltsames, nie gesehenes Zeichen, eine so feurige Rute über die Erde hinstreckte?

Und immer glänzender wurde der schreckliche Komet, immer strahlender sein Stern, immer größer sein schimmernder Schweif. Die Menschen standen ängstlich in den Gassen und zitterten vor dem Zorn des Herrn der Welt.

Da kam ein fremder Mönch von weither in die Stadt gezogen. Er hatte ein blasses, strenges Gesicht, in dem zwei dunkle Augen düster brannten. Eine graue Kutte trug er, mit einem hänfenen Strick darum, und barhäuptig wandelte er durch die Gassen. – Als es Abend wurde und die Menschen wieder hinaus liefen, den wunderbaren Stern zu sehen, da stand der Mönch am Toreingang auf dem Steinblock und hatte die Hände erhoben zum Himmel, an dem der Komet in magischem Glanze leuchtete.

„Männer und Frauen dieser Stadt,“ sagte er, „seht ihr den vom Himmelsvater gesandten Stern droben erschrecklich leuchten? Seht ihr die feurige Rute, die der zürnende Gott drohend über euch erhebt? Euch droht die gerechte Strafe für alle Missetat, die ihr begangen. Habt ihr nicht einer den anderen bestohlen, wo es ging? Hat nicht der Kaufmann betrogen und gefälscht, hat nicht selbst Mord und Aufruhr durch die stillen Gassen der Stadt getobt? Wer hat dem Nächsten in seinen Nöten geholfen, wie Gottes Sohn am Kreuz geboten, und wer hat Vater und Mutter Ehrfurcht erwiesen, wie das Gesetz es befahl? Immer weiter habt ihr euch vom Wege des Heils entfernt. Die Kirchen sind verödet, ihr habt den alten Gott in frevelhaftem Übermut abgesetzt, nun wird er euch mit dem himmlischen Feuer kommen, da ihr seine Güte nicht verstanden. Er sendet den schrecklichsten Kometen, den die Welt gesehen, über die Erde hin, Pest und Hungersnot, Krieg und Mord, Feuersbrunst und Weltuntergang wird er euch bringen, die ihr des Heilands vergessen, die ihr den Herrn geschmäht und verraten. Der letzte Tag ist gekommen, der Tag der Rache und der Vergeltung für alles, was verharrt in Unglauben und Sünde. Macht euch bereit, vor den Richterstuhl des Herrn der Welt zu treten. Wenige Tage noch, und der Komet wird sich niedersenken zur Erde, mit Feuer und Tod!“

So sprach der Mönch. Er stand mit bleichem Gesicht wie ein Rächer, der unbekannt aus fernen Landen kam. Der Schein des Kometen leuchtete auf seinem Antlitz gespenstisch, seine Arme reckte er drohend in den Himmel, das Kruzifix in seiner Rechten funkelte, sein graues Büßergewand wehte im Winde. Die Menge sank nieder auf die Knie und betete. – Der Mönch aber verschwand still wie er gekommen, doch lange noch stand seine ernste Gestalt, sein bleiches Gesicht mit dem strafenden Blick im Gedächtnis der Menschen, und seine Worte vergaßen viele nach Jahrzehnten nicht.

In feierlichen Prozessionen bewegten sich in den nächsten Tagen die Massen zur Kirche, um den Himmelsvater zu bitten, den schrecklichen Kometen, der den Untergang der Welt bringen sollte, wieder fortzunehmen vom Sternenzelt. Die Glocken läuteten noch nie so oft zum Kirchgang wie jetzt, und frommer Gesang und Orgelspiel tönten allenthalben aus den Gotteshäusern.

Aber ein noch größerer Teil der Menschen hatte nun ganz den Kopf verloren. „Das Ende der Welt ist gekommen, der jüngste Tag,“ sagten sie, „nun ist es zu spät, Buße zu tun, nun müssen wir doch sterben und verderben, was wollen wir uns da noch plagen! Der Komet wird uns alle hinwegraffen, die Guten und die Bösen, laßt uns die letzten paar Tage noch fröhlich sein. Was sollen wir noch arbeiten und schaffen? Das Ende der Welt ist da!“

Sie warfen Hammer und Kelle, Nadel und Elle, Axt und Spaten hin und schmausten und pokulierten Tag und Nacht. Überall quiekte die Flöte, brummte der Dudelsack, zirpten die Geigen, und die Menschen tanzten, bis sie umfielen. Die Frommen wollten ihnen wehren, da gab es blutige Kämpfe in den engen Gassen. Die Stadtwache hieb mit der Waffe dazwischen, durch die nächtliche Stille tönte Tanzmusik und Orgelklang, Beten und Fluchen und das Geschrei der Kämpfenden, und über alldem leuchtete der Komet mit wunderbarem Glanze.

Ja, es war eine tolle Zeit, und niemand wußte mehr, wie es enden solle. Da trat der hohe Rat des Kurfürsten zusammen und besprach den tollen Wirrwarr des Landes und die Not und Angst und Unordnung seiner Bürger. Der Kurfürst ließ die weisen Magister und Professoren zusammenkommen und trug ihnen auf, Mittel zu finden, Unheil abzuwenden, das Volk zu beruhigen.

Die berühmtesten Sterngucker des Landes wurden herbeigeholt, damit sie ihre Meinung über den Kometen sagen möchten, und ob er wirklich sich niedersenken werde auf die Erde, alles zu vernichten.

„Nein,“ sagten die Sterngelehrten, „das wird er nicht tun, und der Mönch hat den sündigen Leuten nur Angst machen und sie zurückführen wollen auf den Weg der Tugend und der Gottesfurcht, wie es Rechtens ist.“

„Aber morgen schon kann der Komet mit der Erde zusammenstoßen und alles in Trümmer schlagen und verbrennen,“ sagten manche.

„Nein,“ riefen die Sterngelehrten, „er steht zehnmal weiter als der Mond von der Erde und zieht nun langsam fort. Bald wird er verblassen und ganz klein werden, ferner und ferner wird er wandern und im Sternenraum verschwinden.“

„Aber wo kommt der wunderbare Fremdling des Himmels her und wo geht er hin?“ forschten die kurfürstlichen Räte.

„Seht,“ antworteten die Sternkundigen, „der Komet läuft schon viele Jahrhunderte lang immer rundum einen mächtig weiten Weg um die Sonne. Alle hundertfünfzig Jahre kommt er wieder und besucht sie, und dann muß er auch an der Erde vorbei. Vor hundertfünfzig Jahren war er schon einmal da, und auch damals haben die Menschen geglaubt, daß die Welt untergehen wird, aber sie steht heute noch. Seht nur in den alten Geschichtsbüchern nach, da werdet ihr es finden.“

Der Kurfürst ließ alle alten Chroniken und Historienbücher kommen und erkannte, daß die Sternkundigen recht hatten. „Aber so erzählt uns,“ befahl er, „was so ein Komet für ein sonderbarer Stern ist, und ob er uns schaden kann!“

„Großmächtiger Herr Kurfürst,“ sagten die Gelehrten, „der Kometstern ist nichts weiter als eine viele tausend Meter dicke Wolke von Steinen. Die meisten Steine sind nicht größer als eine Erbse, aber es sind auch welche darunter, so groß wie ein Wagenrad. Wenn die Wolke der Sonne nahe kommt, wo es erschrecklich heiß ist, dann fängt sie an zu glühen, und leuchtende Gase bilden sich aus den Steinen, die hinter der Wolke als ein wundervoller, schimmernder Schweif herziehen, wie der Rauch hinter dem Kohlenfeuer. Wenn aber der Komet wieder von der Sonne fortzieht, dann wird er wieder kalt und leuchtet nicht mehr, und der schöne Schweif nimmt ein Ende!“

„Das läßt sich hören,“ sagte der Kurfürst. „Jetzt aber geht und beruhigt unser Volk. Es wird sich ja bald zeigen, ob ihr recht gesprochen habt, denn dazu seid ihr da, und ich bezahle euch Jahr und Tag euer Gehalt, daß ihr die Sterne studiert. Habt ihr aber falsch gesprochen, so wird ein peinliches Gericht über euch gehalten werden. Und nun geht!“

Da verbeugten sich die Sterngelehrten tief und verließen den kurfürstlichen Hof. Der Kurfürst aber ließ in allen Städten anschlagen, was die Sternkundigen von dem Kometen berichtet, und befahl jedermann, wieder in Ordnung zu leben und fleißig zu arbeiten, und wo noch ein Tänzer und Dudelsackpfeifer, ein Tagedieb und Prasser sich blicken ließe, dem solle der Stadtvogt mit einem nicht zu dünnen spanischen Rohr das Sitzleder gerben, daß es eine Art habe. Ja, solches befahl der hohe Herr bei strenger Strafe!

Da bekam denn so mancher wegen des leuchtenden Kometen ein christlich gemessenes Schock spanischen Pfeffers, aber das war auch das einzige Unglück, das der Schweifstern fürder anrichtete. Langsam wurde er immer kleiner und blasser, und endlich sah man ihn nur noch als ein winziges Wölkchen am Sternenhimmel verschwinden, genau so, wie ihn der Turmwächter hatte kommen sehen.

Da erkannten der Kurfürst, seine Räte und alles Volk, daß die Sternkundigen wahr gesprochen hatten. „Gut,“ sagte der Fürst, „so will ich euch zur Belohnung noch ein größeres Fernrohr bauen lassen, damit ihr die Sterne so deutlich betrachten könnt wie nie zuvor.“

Und das tat er, denn er war ein strenger und gerechter Herr.

 

Der Komet aber zog in seiner Bahn wieder unbekümmert dahin. Er ahnte nicht, daß die Menschen solche Angst seinetwegen ausgestanden. Im bitter kalten Weltenraum schwirrte er, tausendmal schneller als die schnellsten Vögel, von der Sonne und von der Erde fort. Selbst in ihren großen Fernrohren konnten ihn die Sternforscher auf der Erde nicht mehr erkennen, denn er war endlich viele tausendmal weiter von ihr entfernt als der Mond.

Viele Jahre waren vergangen, da kam der Komet in großer Ferne an einer anderen Erde vorbei, die war wohl ein paar hundertmal größer als unsere Weltkugel, auf der die Menschen wohnen. Ja, wer mit so einem Kometen mitfliegen könnte durch die Sternenräume! Was sieht er nicht alles, was wir Menschen nie zu sehen kriegen! Da wandert er dicht am Monde vorbei und schaut hinein in die tiefen Krater und späht wohl umher, ob er nicht irgendwo etwas Lebendiges sieht, aber nichts regt sich auf der ausgestorbenen Mondwelt, und nur die Sonne glitzert an den hohen Felsenwänden. – Dann huscht der himmlische Wandersmann wieder dicht an der Sonne entlang und blickt hinein in das brodelnde Glutmeer, aus dem in hunderttausend Meter hohen Springbrunnen das wilde Flammenfeuer emporschießt, und dann späht er neugierig auf die Erde, sieht die Eisbären auf den Schneewüsten des Nordpols, sieht die Beduinen in weißen Mänteln durch die heiße afrikanische Wüste reiten. Sieht, wie sich die Erde dreht im Wechsel von Tag und Nacht und Länder und Meere im Sonnenschein glänzen. – Dann aber trifft er auf seinem Wege andere Erden in weiter Ferne, die alle rund wie Tennisbälle um die feurige Sonne wandern. Große trifft er und kleine, und auf allen ist es wieder anders. Auf manchen leben andere Menschen von sonderbarer Gestalt, und auf manchen sind sie schon ausgestorben, oder sie sind noch nicht erschienen, weil es noch so heiß auf dem Stern ist, daß man da verbrennen würde, wie der Fisch, der in kochendem Wasser leben sollte.

Ja, was sieht so ein Komet alles, der dahinbummelt durch die Sternenräume!

Eines Tages also kam unser Komet ganz dicht an einer anderen Erde vorbei, die ein paar hundertmal größer war als unsere. Ein mächtiger Ball war es. Wolken umzogen ihn, und viele Monde tanzten rings um die Weltkugel.

Der Komet war ein fürwitziger Bursche, er rückte dem Riesen so nahe auf den Leib, daß er fast seinen Wolkenring berührte. Aber es bekam ihm schlecht!

„Schönen guten Tag,“ schrie der Komet und rauschte auf den großen Burschen los.

„Bleiben Sie mir vom Leibe, Luftikus, oder es gibt ein Unglück!“ brüllte der andere.

Aber schon war es zu spät! Krach, rannten sie aneinander, daß die Funken stoben. Der Erdenstern aber hatte einen härteren Schädel, und so erging es dem Kometen erbärmlich. Er wurde in mehrere Stücke auseinandergerissen, in einzelne Wolken von Staub- und Steinmassen, die nun hintereinander her durch den Weltenraum zogen. Da war es nun aus mit der schönen Herrlichkeit des Schweifsternes. Nie wieder konnte er nun als ein schimmernder, alle Welt in Bewunderung und Staunen, in Angst und Schrecken setzender Prinz bei der Erde erscheinen, und trübselig wandelte er dahin.

Und als die Zeit erfüllt war, als er nun wieder seine große Reise vollendet und nach hundertfünfzig Jahren zur Sonne zurückkehrte, da guckten sich die Sternkundigen die Augen nach ihm aus. Sie schraubten immer stärkere Linsen in ihre großen Operngucker, aber sie konnten nichts von dem Fremdling sehen. Es ist schnurrig, sagten sie, damals war er so groß, daß alle Menschen in Todesangst kamen und glaubten, er würde die Erde zertrümmern, und nun bleibt er ganz unsichtbar. Sie wußten nicht, daß den alten Bummler auf seinem Wege ein schwerer Unglücksfall betroffen, und daß er krank und siech, gewissermaßen auf Filzschuhen durch den Sternenraum dahinzog.

„Er ist tatsächlich verschwunden,“ sagten die Sterngucker, die mit blaugefrorenen Nasen eine kalte Winternacht nach der anderen am Fernrohr saßen. „Übermorgen müßte er der Erde am nächsten stehen und sie fast berühren, aber er scheint nicht wiederzukommen!“

Seht, Kinder, als diese Zeit gekommen war, da war euer alter Ulebuhle ein junger Mann, der auch nach dem Himmel guckte, um den berühmten Kometen zu sehen. Und als nun der Tag kam, an dem der Schweifstern ganz dicht bei der Erde stehen sollte, da wanderte er hinaus ins Freie, um die Sterne zu betrachten. Es war ein kalter Winterabend, und die Sternlein blitzten wie lauter Diamantsplitter in der klaren Höhe. Auf einmal, gegen Mitternacht, kamen viele Sternschnuppen geflogen. Erst wenige, dann mehr, und dann Hunderte und Tausende, Stunden um Stunden! Halt, halt, sagten die Sterngucker, da ist endlich der Komet! Himmel, wie hat er sich verändert. Er hat sich aufgelöst in lauter kleine Teile, und nun wandert die Erdkugel mitten durch den ganzen Krempel. All die einzelnen Steinchen und Staubmassen, aus denen der Kometenkopf bestand, schwirrten nun einzeln durch die Lufthülle der Erde, entzündeten sich da und glühten und sprühten. Ja, es war ein wundervolles Feuerwerk und kostete nicht einen Pfennig; der alte Petrus gab es ganz umsonst!

Manchmal kamen größere Steine, und dann glühten sie grün und rot auf hoch droben und krachten wie Raketen. Auf einmal, siehe da, kam ein ganz großes. Es puffte und zischte und knallte und zerbarst in tausend schimmernde Funken, und die fielen zur Erde nieder. Huiii! ging es plötzlich, als wenn eine Flintenkugel daherpfiffe, und dann sagte es Ratsch und knatterte gegen einen alten Baum, der am Wege stand. Wir liefen hinzu, und da lagen ein paar kleine Steinchen auf der harten Schneedecke unter dem Baum, Steinchen, die von der Sternschnuppe abgesplittert waren, Steinchen, die zu dem Kometen gehörten. So hoben wir sie auf und brachten sie als Andenken mit nach Hause.

Den meinen aber ließ ich einsetzen in die Busennadel. Seht her, da ist er! Hat er nicht eine ganz absonderliche Geschichte? Er ist ein Stück von dem schrecklichen Kometen, der vor Jahrhunderten die Menschen geängstigt, er wanderte weithin durch die Sternenräume, besuchte den Mond und die Sonne, sah, wie es auf anderen Sternen aussieht, und fiel endlich aus Himmelshöhen nieder zur Erde. Ja, er hat eine absonderliche Geschichte wie kein Stein sonst in der Welt!»

 

«Ulebuhle,» sagten die Kinder, «flunkert Ihr uns auch nichts vor, und bestehen die Kometen wirklich nur aus solchen Steinen?»

«Galgenvögel!» sagte der Alte grimmig, «wenn der Ulebuhle etwas sagt, dann ist es so. Geht hin in das Museum, da könnt ihr solche vom Himmel gefallenen Steine von Kometen aufbewahrt finden, und wenn ihr des Abends die Nase hinaufreckt zum Himmel, so werdet ihr dann und wann so ein Steinchen als Sternschnuppe fliegen sehen, das sich verspätet hat und nun einsam hinter der aufgelösten Kometenwolke daherzieht wie ein Schulbub, der die Zeit verschlafen. Jetzt aber trollt euch von dannen, denn die Geschichte von der Busennadel ist zu Ende!»

Der Tod in der Flasche
Der alte Ulebuhle saß vor seinem Raritätenschrein und kramte in alten Erinnerungen. Längst schon hatte die treue Christine die Studierlampe mit dem grünen Schirm gebracht, leise waren die Kinder in das Zimmer getreten, aber der seltsame Alte saß noch immer schweigend und in Gedanken versunken vor seinem Schrein.

Eine merkwürdig geformte Glasflasche hielt er in der Hand. Sie war mit einem Holzkorken geschlossen, über dem ein dicker Wattebausch lag, und eine dicke Schicht schwarzen Siegellackes saß wie eine Haube oben darauf. Ein Papierstreifen, mit Tinte beschrieben, voll lateinischer Worte, überzog den kugelrunden Bauch der Flasche, die in einen langen dünnen Hals auslief. Eine verdickte gelbliche Flüssigkeit, gleich festgewordenem Leim füllte das Gefäß, ein Totenkopf, weiß auf schwarzem Papier gemalt, umgeben von drei Kreuzen, saß wie ein Siegel oben am Halse. Die Flasche paßte in einen dick mit Watte ausgefütterten eisernen Kasten, den ein kunstvolles Schloß vor unberufener Öffnung schützte, und auf diesem Kasten klebte ein vergilbter Zettel mit der kaum noch lesbaren Aufschrift: Bangalore, in den Tagen des Schreckens. Doktor Gravesgrave.

«Ulebuhle,» sagten die Kinder nach langem geduldigen Schweigen, «was ist in der sonderbaren Flasche, die Ihr so lange betrachtet?»

Da erwachte der Alte wie aus einem Traum. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und sagte: «Kinder, ich war mit meinen Gedanken weit fort und habe euch nicht eintreten hören. Laßt mich erst die Flasche wieder verschließen und bleibt davon!»

Da tat er den gläsernen Kolben wieder behutsam in den eisernen Kasten und verschloß ihn dreimal sorgfältig. Dann verschloß er den Schrein und langte nach seiner Pfeife.

«Was war in der Flasche?» fragten die Kinder.

Da sah sie der alte Ulebuhle lange eigentümlich an und sagte ernst: «Der Tod!»

Das klang so schön gruselig und geheimnisvoll, und die Kinder witterten eine schöne Geschichte hinter der ganzen Sache. So bestürmten sie den gelehrten Alten mit tausend Fragen, bis er knurrig Ruhe gebot und – tief in seinem Lehnstuhl vergraben – sich anschickte, die Geschichte vom Tod in der Flasche zu erzählen.

«Schweigt,» sagte er, «denn es ist eine lange Geschichte, und wenn man nicht gut aufpaßt, kann man sie nicht verstehen, denn es handelt sich um eine gelehrte Sache und um ein großes Unglück.»

Da setzten wir uns still rings um den Alten herum, und er begann:

«Ich hatte einen Jugendfreund, der hieß Gravesgrave. Er war klüger als wir alle zusammen und studierte später auf allen möglichen Universitäten die schwere Kunst, die Krankheiten der Menschen zu erkennen und zu heilen. Aber ganz besonders wollte er herausbekommen, wie man die Pest, die Cholera, die schwarzen Pocken und andere böse Krankheiten bekämpfen könne, die mit einem Male über die Erde hereinbrechen wie der furchtbare Würgeengel selbst und ganze Städte, ganze Provinzen, ganze Länder aussterben machen.

Eines Tages, als er sich in England befand, hatte er gehört, daß im fernen Indien eine furchtbare Pest wüte, an der Hunderttausende starben. Kein Mensch wußte, woher sie kam, wie sie zu heilen sei. Sie griff um sich wie ein Feuer, das zur Hochsommerzeit einen ausgedörrten Kiefernwald befällt, von Baum zu Baum springt und erst erlischt, wenn der ganze Wald verkohlt am Boden liegt. So auch erlosch die Krankheit an manchem Ort erst, wenn nichts mehr zu töten war.

Machtlos standen die berühmtesten Ärzte, die aus Europa hingeschickt wurden nach dem fernen Indien, ja sie mußten trachten, sich selbst zu retten im großen Sterben. Die Inder aber taten gar nichts. Sie beteten zu ihrem Gott und sagten, es sei sein Wille. Der Mensch könnte dagegen nichts tun.

Der rätselhafte Tod aber wütete weiter.

Da hörte der Doktor Gravesgrave von den Dingen, und er erkannte, daß grade dort für ihn der rechte Platz sei, denn Seuchen zu studieren und zu vertreiben, das war sein Wunsch und Wille. So schiffte er sich denn ein zu der weiten Reise und landete endlich nach glücklicher Fahrt an Indiens Küste. Furchtlos durchstreifte er die Stätten des Schreckens, ausgestorbene Städte und Landstriche. Er studierte unablässig, wie gesunde Leute in wenigen Stunden erkrankten und starben, wie der geheimnisvolle Tod sie wie der Räuber hinterm Busch anfiel und zu Boden schlug, ohne daß sie selbst wußten, wie es kam und warum es kam.

Doktor Gravesgrave grübelte Tag und Nacht, Woche um Woche, er untersuchte Lebende und Tote, Gesunde und Kranke und konnte das Rätsel der Krankheit nicht entdecken. Er wurde aber nicht mutlos. Wie ein tapferer Soldat stürzte er sich immer aufs neue in den Kampf gegen den geheimnisvollen Würger, und wie durch ein Wunder entging er selbst der Krankheit und dem Tode. Eines Tages, als er wieder in seinem Studierzimmer saß und bei einer Pfeife darüber nachdachte, daß all seine Arbeit bisher erfolglos gewesen sei und die armen Menschen im Lande noch immer zu vielen Tausenden starben, kam er auf den Gedanken, daß man vielleicht den unsichtbaren Feind im Blute der kranken Menschen entdecken könne. Da ging er hin und nahm das allerstärkste Vergrößerungsglas, das er unter all seinen vielen Instrumenten hatte, ein mächtiges Mikroskop, mit dem man die Dinge dreitausendmal vergrößern konnte. Dann rief er seinen jungen Diener, der kerngesund war, stach ihn mit einer kleinen Nadel ganz wenig in den Arm, so daß ein kleines Tröpfchen Blut hervortrat, und brachte den kleinen Blutstropfen unter sein mächtiges Vergrößerungsglas.

Habt ihr schon einmal einen Tropfen Blut unter dem Mikroskop gesehen? Das sieht gar sonderbar aus. Da sieht man eine helle Flüssigkeit und in der schwimmen Millionen gelbliche runde Blättchen, wie kleine Tellerchen. Das sind die roten Blutkörperchen. In einem winzigen Blutstropfen sind an die zwanzig Millionen dieser kleinen Scheiben enthalten, und an die fünfzigtausend Milliarden kreisen unablässig durch eure Adern, wie in der großen Stadt das Wasser in den Wasserleitungen durch tausend Kanäle und Röhren strömt. Und dann sind da noch andere kleine Scheiben, die sind weiß, und es sind ihrer viel weniger. Das sind die Polizeisoldaten in den Adern. Dringt irgend ein böser Feind, der die roten Blutkörperchen zerstören will, in das Blut ein, so stürzen die weißen Blutkörper über ihn her und suchen ihn zu töten. Ja, es ist ein wunderbares Leben in den Adern unseres Körpers, ein Gewimmel wie in einer großen Stadt. Sobald aber die Millionen und Abermillionen Blutkörperchen krank werden oder gar absterben, dann ist es um uns geschehen, dann erstirbt das Leben in den Straßen unseres Leibes, dann sterben wir selbst.

Der gelehrte Doktor Gravesgrave schaute durch sein wundervolles Glas hinein in den Tropfen Blut seines Dieners, er sah die roten und die weißen Blutkörperchen, aber sie waren frisch und lebendig, und es war alles in Ordnung.

Am anderen Morgen jedoch lag der arme braune Teufel bereits auf seiner Matte und murmelte, schwerkrank, Gebete. Der geheimnisvolle Tod hatte ihn in der Nacht überfallen. Sein Herr stand dabei und konnte ihm nicht helfen. Aber er hatte einen guten Gedanken. Er nahm wieder eine Nadel und stach ein Tröpfchen Blut aus dem Arm des Burschen hervor, und wieder besah er ihn unter dem mächtigen Glase. Ja, das war ein guter Gedanke, denn nun machte er eine wichtige Entdeckung! Da sah er, wie winzig winzige Lebewesen in dem Tröpfchen Blut hin und her schossen, die gestern noch nicht darin gewesen. Deutlich konnte man sehen, wie sie die roten Blutkörperchen anfielen und verzehrten. Er sah, wie die weißen Blutkörper, die Polizisten der Adern, sich den gefräßigen Räubern entgegenwarfen, viele von ihnen töteten, aber ihre Zahl war so groß, daß die Weißen mit ihnen nicht fertig werden konnten und immer mehr rote Scheibchen zerfressen und vernichtet wurden. Es war ein wilder Kampf in diesem Tröpfchen Blut, und ein viel wilderer Kampf mußte im Körper, in den Adern des kranken jungen Inders vor sich gehen.

Da sprang der gelehrte Doktor fröhlich auf. „Ha,“ rief er, „nun habe ich den geheimnisvollen Tod entdeckt. Mit eigenen Augen habe ich ihn gesehen. Im Blut der Kranken schwimmt er, ein gefräßiger Räuber, den Lebenssaft vernichtend und zerstörend. In den Adern der kranken Menschen kämpft ein ungeheures Heer von Räubern gegen die Schutzgarde der weißen Blutkörper. Er überwindet sie, tötet die roten Träger des Lebens, und der Mensch muß sterben!“

Aber dann wurde Doktor Gravesgrave wieder still und traurig. „Ach,“ klagte er, „was nützt es mir, und was kann es den Kranken nützen, daß ich nun weiß, weshalb sie sterben müssen, helfen, helfen kann ich ihnen auch damit nicht, und darauf allein kommt es an. Ja, wenn ich wüßte, wie dieses Heer von Räubern, wie diese seltsamen winzig winzigen Geschöpfe in das Blut, in die Adern der Menschen hineingelangen, dann vielleicht könnte ich helfen. Aber, ach, ich werde es niemals erfahren!“

Da ging er wieder hinab zu dem jungen Inder, der sterbend auf seiner Matte lag. Er legte nasse Tücher um seine heiße Stirn und gab ihm kühle Getränke, aber jener fühlte all das kaum noch. In seinen Adern ging der Kampf zu Ende.

Doktor Gravesgrave betrachtete ihn traurig. Eine kleine grünliche Fliege saß auf des Kranken brauner Brust. Nun flog sie fort und schwirrte um des Doktors Hand, um sich dort niederzulassen. Dem Doktor war sie widrig. Eine Fliege, die eben auf dem Körper eines Sterbenden gesessen, mochte er nicht dulden, und er verjagte sie. – Aber wie er das tat, da zuckte plötzlich ein Gedanke durch seinen Kopf. Wenn nun diese Stechfliege, die ihren kleinen Rüssel hineinsenkt in das Blut der Menschen, von einem Kranken zu einem Gesunden fliegt, erst dort sticht, das kranke Blut hineinsaugt, und dann ihren Rüssel wieder in das Blut des Gesunden senkt? Konnte sie nicht auf diese Weise die winzigen Lebewesen, die gefährlichen Räuber in die Adern der Gesunden hineintragen?“

Der Doktor sprang plötzlich wie ein Besessener im Zimmer herum, er jagte mit seinem Hut hinter der grünen Stechfliege her, und endlich fing er sie. Dann stürzte er in sein Studierzimmer, zerlegte mit feinen Zänglein, winzigen Nadeln und Messerchen den Rüssel und den Körper der Fliege und brachte alle Teile nacheinander unter sein Mikroskop. Da sah er denn hinein in die ungeheuer vergrößerte Stachelröhre, die unter dem Glase wie ein Rohr aus einem Pumpwerk aussah, besetzt mit Tausenden von spitzen Härchen. Er sah, wie in diesem Stachel der Fliege winzige Spuren von dem Blut des Kranken hingen, mit zertrümmerten roten Blutkörperchen und mit vielen jener winzigen Wesen, jener Räuber der Adern. Er sah, daß sie noch immer lebten, und wenn jene kleine grüne Stechfliege ihren Stachel in seine Hand gesenkt, dann hätte auch ihn die Krankheit befallen, dann wären jene winzigen Räuber, die die Fliege aus dem Blut des Kranken mit sich geführt, in seine Adern eingedrungen, hätten sich millionenfach vermehrt, hätten ihn in wenigen Tagen getötet. Die grüne Fliege war der Verbündete jener unsichtbaren Heerscharen der Pest, und wenn man sich vor dem Stich der Fliege schützte, so blieb man gesund.

Das war die große Entdeckung des Doktor Gravesgrave. Er reiste so schnell es ging nach der Hauptstadt des Landes, erzählte den Fürsten und Herren, den Männern, die das Land regierten, alles, was er wußte, von den Räubern im Blut und von der grünen Fliege, und zeigte ihnen durch sein Vergrößerungsglas, was er selbst gesehen. Und in alle Welt drang der Ruhm des gelehrten Doktors, der endlich ein Mittel gefunden hatte, die indische Pest zu verjagen, Millionen Menschen vom Tode zu retten. Und nun begann ein furchtbarer Kampf gegen die grüne Fliege. Sie wurde verfolgt mit Feuer und Gift, ihre Brutstätten in den sumpfigen Niederungen der Flüsse, wo sie im hohen Schilf lebte, wurden abgemäht und ausgeräuchert, vom kleinsten Hindububen bis zum ältesten indischen Weisen jagte alles auf die grüne Fliege, und wenn wirklich noch jemand wo erkrankte, so brachte man ihn in einen Raum mit Fenstern, die durch dichte Drahtnetze verschlossen waren, so daß keine Ameise, viel weniger eine Fliege hineingelangen konnte. Da starb die Pest langsam aus, der besiegte Würgeengel zog sich grollend zurück in die Einöden der Sümpfe, wo allein noch an wenigen Stellen die grüne Fliege hauste und selten ein armer Fischer seinem Geschäft nachging.

Doktor Gravesgrave aber wurde fürstlich belohnt. Die Kaiserin von Indien ernannte ihn zu ihrem Oberhofarzt und ließ ihm ein Mikroskop bauen, noch größer und wertvoller als sein eigenes, und die Großen des Landes kamen mit kostbaren Geschenken, reich besetzt mit Edelsteinen.

Das war eine glückliche Zeit für den braven Doktor, aber auf gute Tage folgen schlimme, und sie treffen oft schuldlos den Guten wie den Bösen. Der Doktor zog sich nun in die große indische Stadt Bangalore zurück. Da mietete er draußen vor den Toren, inmitten eines großen Gartens, ein kleines Landhaus, und hier, wo es so friedlich war, so seltsame Bäume grünten, so farbenprächtige Blumen blühten, so fremdartige Vögel pfiffen, rächte sich der unerbittliche Tod, dem er so viele Opfer abgejagt, an dem gelehrten Doktor Gravesgrave.

Und das ging so zu! Ihr wißt, daß der allgewaltige Tod zuweilen der Kleinarbeit müde wird und durch Krieg, durch Erdbeben und verheerende Seuchen in kurzer Zeit so viele Menschen fortrafft wie sonst in Jahren. Eine solche Krankheit ist die Cholera, die in früheren Zeiten ganze Länder verödet hat, vor allem aber das ferne Indien seit Jahrtausenden plagt. Tausend und abertausend Millionen winziger Lebewesen, die Bazillen, dringen in den Körper ein und sie bringen die Cholera, vernichten das Leben.

„Ich werde ein Mittel finden,“ sagte Doktor Gravesgrave, „ein Mittel, das die gewaltigen Heere der kleinen Räuber im Körper zerstreut und tötet. Hier will ich unablässig sitzen und arbeiten, bis ich es gefunden habe, denn ich bin der Doktor Gravesgrave, der gegen den Tod kämpft.“

Da reiste er an einen fernen Ort, wo ein paar Menschen an der furchtbaren Krankheit daniederlagen. Weit draußen hinter hohen Zäunen, in niederen Häusern eingepfercht, fern von allen Menschen gehalten, damit sie nicht alle anderen mit in den Tod jagten, fand er sie. Er hatte zwei solche Flaschen mitgebracht wie die, welche hier in meinem Schrank steht, und in ihnen eine Flüssigkeit, in der die winzigen Teufelchen weiterzuleben vermochten. Mit größter Vorsicht brachte er auf der Spitze einer Nadel eine kleine Menge hinein in die Flaschen, mit größter Vorsicht verschloß er sie und brachte sie wohlverwahrt in eisernen Kästen, die er nie aus seinen Händen ließ, nach Bangalore in seine stille Studierstube. Mit rasender Schnelligkeit vermehrten sich die gefährlichen Teufel von Bazillen in den Flaschen. Aus Hunderttausenden wurden Millionen, Milliarden, tausendmal tausend Milliarden, und wenn er nur eine Nadelspitze von der Flüssigkeit unter sein wundervolles Vergrößerungsglas brachte, so sah er sie als winzige Pünktchen, wie ein Komma geformt, in unzähliger Menge darin herumwimmeln.

Da versuchte er denn alle möglichen Mittel, die man den Menschen als Medizin eingeben konnte, versuchte, ob die argen Feinde starben, wenn er einen Tropfen davon hineinwarf in das Gewimmel. Ganz vorsichtig mußte er das alles machen, denn wehe, wenn er auch nur die Nadel, mit der er aus seinen Flaschen ein winziges Tröpfchen der Todesflüssigkeit herausnahm, unachtsam fortgeworfen. Ein Mensch konnte sie ergreifen, die winzigen Kobolde hafteten an seinen Händen, kamen in seinen Mund, vermehrten sich rasend schnell in seinem Körper, er mußte sterben und steckte alle um sich her an, und immer weiter und weiter zog dann der schwarze Tod. Stets waren die Flaschen, in denen der Tod millionenfach hockte, in den eisernen Kästen verborgen, und die Schlüssel trug Doktor Gravesgrave um den Hals.

Der Doktor hatte einen eingeborenen Diener, der hieß Shingar. Er war lang und mager, die Backenknochen standen weit hervor in dem dürren Gesicht. Dunkle Augen glühten darin, und ein eisgrauer kurzer Kinnbart stand mit stachlichten Haaren weit vor. Er trug einen Turban auf dem Kopfe, und eine braune Kutte schlotterte um seine dürren Glieder. Ein wilder Haß glühte in dem Inder gegen die Fremden, die aus dem fernen Europa hierher gekommen waren, das Land seiner Väter zu beherrschen, jene Fremden, die an einen anderen Gott glaubten und den Inder verachteten. Ja, er haßte sie und gehörte einem über das ganze Land verbreiteten Geheimbunde an, der einstens aufzustehen hoffte, die Fremden zu verjagen.

Da er nun schon ein alter Mann und gezwungen war, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, so blieb ihm nichts anderes übrig, als dem fremden Herrn, der so seltsame Arbeiten machte mit geheimnisvollen Instrumenten und Gläsern, zu dienen. Dieser Herr war gut, und man konnte mit ihm leben, aber dennoch mußten sie eines Tages fort, die fremden Eindringlinge, die das heilige Land der Väter beherrschten.

„Shingar,“ hatte eines Tages der Fremde gesagt, „rühre nie diese Flaschen an, und sollte ich einmal plötzlich sterben, so nimm die eisernen Kästen, grabe ein tiefes Loch in die Erde und verscharre sie, daß kein Mensch sie findet. Der Tod sitzt in diesen Flaschen. Ein paar Tropfen davon in das Trinkwasser, und viele Menschen können sterben.“

Shingar hatte es schweigend gehört. Leise nur nickte er mit dem Kopfe, aber ein dämonischer Gedanke zog durch sein haßerfülltes Herz. Wenn man mit diesem rätselhaften Tod in der Flasche doch all die Fremden vernichten könnte, die Fremden dieser Stadt und die des Landes!

Hätte Doktor Gravesgrave geahnt, welche Gedanken der Inder in seinem Hirn bewegte, er hätte ein großes Unheil verhüten können!

Eines Tages aber kam das Unglück über Bangalore. Der europäische Stadtteil hatte sich immer weiter ausgedehnt und man baute eine neue Straße. Da stand ein alter indischer Tempel im Wege, und da er schon ein halber Trümmerhaufen war und nur wenig besucht wurde, so zerstörte man ihn ganz, um Platz zu schaffen. Die Inder aber waren voll Zorn über die Tat und glaubten, die Fremden wollten ihnen damit ihre Mißachtung beweisen, ihre heiligen Stätten hohnvoll vom Boden tilgen, ihre Religion schmähen. Aufs neue flammte ihr Haß auf, der Wunsch, die Eindringlinge zu züchtigen, zu verjagen, ein Blutbad unter ihnen anzurichten wie damals, als vor Jahrzehnten Nena Sahibs und Tantia Topis Scharen die verhaßten Engländer niedergemetzelt.

Da schien dem fanatischen Shingar die Zeit gekommen, die Europäer in Bangalore zu vernichten. Sein Haß war stärker als alle Überlegung, und als der Zufall auch noch zu Hilfe kam und den gelehrten Doktor, seinen Herrn, zu einer kleinen Reise nötigte, da stand sein Entschluß fest.

Am späten Abend, als alles ringsum still und einsam und nur aus der Fremdenstadt leise von einem Fest Musik herübertönte, erbrach er die Tür zum Studierzimmer des Doktors, erbrach er den Schrank, der die eisernen Kästen mit den Flaschen, die immer warm stehen mußten, enthielt. Lange arbeitete er an den Schlössern, doch widerstanden sie all seinen Bemühungen. Endlich meißelte er die ganze Rückwand des einen Kastens ab, und nun hatte er die gefährliche Flasche, die Flasche des Todes, in der Hand.

Da stand er, von einer Kerze nur matt beleuchtet, schwarz fiel sein riesiger Schatten auf Wand und Decke. Sein braunes Gesicht verzog sich zu einem wilden und teuflischen Grinsen, das Weiße in seinen Augen flimmerte wie Perlmutter, sein eisengrauer Bart sträubte sich am dürren, spitzen Kinn weit vor, triumphierend schwenkte er in der knochigen Hand die bauchige Kolbenflasche mit dem langen Hals, den ein großer Wattepfropfen verschloß, und auf dem das Totenkopfsiegel zur größten Vorsicht warnte.

Seltsame indische Sprüche murmelte er vor sich hin, und dann flüsterte er: „Wenige Tropfen in das Trinkwasser und viele Menschen können sterben, sagte der gelehrte Mann, der mit den Flaschen so ängstlich ist wie die Mutter mit dem Kind im Schlangenbusch. O weiser Mann, du gabst uns selbst das Mittel, euch alle zu vernichten. Nicht Pulver haben wir, Flinten und Kanonen wie ihr. Ihr fühlt euch sicher im Schutz der Feuerrohre, dies aber ist eine Waffe, die schnell und lautlos eine ganze Stadt vernichtet!“

Er verbarg die Flasche des Todes sorgfältig unter der braunen Kutte, verließ rasch das Haus und verschwand im Walde. Langsam stieg der Weg an, und nach einer halben Stunde hatte er den kleinen Hügel hinter der Stadt erreicht, wo sich die Wasserleitung befand, die das europäische Viertel versorgte. Das große Bassin lag in einer niederen Halle aus Mauerwerk. Leise schlich Shingar herzu. Es war dunkel ringsum, nur das Blattwerk der Bäume hob sich vom gestirnten Himmel ab. Schwach hörte man das Wasser in dem großen Rohr rauschen, das zur Stadt niederführte. Nur wenig Licht war in der Halle. Durch das niedere Fenster sah man den Wärter in einer Ecke sitzen. Er rauchte seine Pfeife und las in den letzten Zeitungen, die die Post aus dem fernen England herübergebracht in das indische Wunderland. Neben ihm hingen an einem Brett große eiserne Schlüssel und Hebel zum Öffnen des Wasserbassins, zum Abdrehen der Leitung.

Shingar kauerte sich nieder und wartete, überlegte, wie er unbemerkt an das Wasserbassin gelangen könne. Die Nacht war schwül und drückend. Es war heiß in der niederen Halle, und die Luft war dumpf. Schon war es spät. Da sah Shingar, wie dem Wärter der Kopf tiefer sank, wie die Zeitung seinen Händen entglitt. Ein Lächeln ging über das Gesicht des Inders. Alles ging ihm gut an diesem Tage. Er wartete noch ein Weilchen, dann eilte er auf leisen Sohlen zu der Tür. Aber sie war von innen verschlossen. So mußte er den Weg durch das Fenster nehmen. Das war gefährlich, denn es konnte Geräusch machen, aber es mußte geschehen. Sein oberer Flügel war ein wenig geöffnet, um frische Luft hereinzulassen; da hindurch mußte der Weg gehen. Der Inder zog seine Sandalen aus. Jede Bewegung überlegend, langsam, ganz langsam erkletterte er den Sims, das Auge fest auf den Schlummernden gerichtet, jeden Moment bereit, wieder herabzuspringen, wenn der erwachte. Aber die schwüle Luft, die späte Stunde hielt den Wärter weiter in traumlosem Schlaf.

Die dürre Gestalt des Inders zwängte sich durch das schmale Fenster. Zentimeter um Zentimeter drückte er es vorsichtig weiter auf, immer spähend, ob sein leises Knarren den Schläfer störte. Er trug das gefährliche indische Messer bei sich, es wäre ihm ein Leichtes gewesen, den Mann stumm zu machen, aber vielleicht hätte man die Tat zu früh entdeckt, Verdacht geschöpft, das Wasserwerk abgestellt.

Endlich stand er mit beiden Beinen auf dem inneren Fensterbrett. Nun glitt er geräuschlos nieder, trat auf leisen Sohlen an den Tisch, löschte die Lampe. Er tastete sich an das Wasserbassin, steckte die Flasche des Todes tief hinein in die Flüssigkeit, schlug vorsichtig mit dem Griff seines langen Messers dagegen. Nur ein leises Klingen hörte man unter Wasser, dann fielen die Scherben lautlos nieder zum Boden des Kessels.

Ein wildes Triumphieren ging über die eingefallenen Wangen des Fanatikers. Er lauschte einen Augenblick, dann glitt er wie eine Katze zum Fenster zurück, schwang sich lautlos empor und stand nach wenigen Minuten wieder draußen im Freien. Durch den dichten Busch eilte er heimwärts. Nicht eine Spur von seinem Tun war zurückgeblieben, und nie hat man erfahren, wie das grausige Werk geschah.

 

Wenige Tage nach dem nächtlichen Rachewerk Shingars brach in dem Europäerviertel von Bangalore eine Krankheit aus. Nur wenige wurden zunächst befallen, aber ihre Zahl wuchs von Tag zu Tage, aus Hunderten wurden Tausende. Voll Grauen erkannten die Ärzte, daß es die Cholera sei. Niemand wußte, woher sie kam, und weshalb sie gerade in dem reinlichen Europäerviertel ausbrach, nur mitten im Lande, in dieser einen Stadt hauste, statt wie früher die schmutzigen, engen, ungesunden Stätten der Hindus zu befallen. Ganze Familien starben aus, ganze Häuser, ganze Straßenzüge. Der Tod raste mit mähender Sense durch die Europäerstadt. Der Vater verließ die Seinen, der Bruder den Bruder, alles floh, was noch fliehen konnte, aber der Tod eilte ihnen nach, erschlug sie auf der Flucht. Niemand konnte helfen, niemand wußte Rat. Ein böses Ahnen zog durch das Herz der wenigen Ärzte, die noch am Leben waren. Sollte die schreckliche Seuche aus dem Hause des Doktor Gravesgrave kommen? Er war verschwunden, verreist, sagte man. Sie eilten hinaus zu seinem Hause. Es war verschlossen. Man erbrach es. Im Vorflur lag zusammengekrümmt mit schrecklich verzerrtem Gesicht der Leichnam seines Dieners Shingar. Ihn hatte als einen der ersten der Tod aus der Flasche erreicht, er hatte ihn mit eigenen Händen nach Hause gebracht. An seinen Fingern hafteten genug der tödlichen Keime, zwei Tage nach seiner Tat schon verendete er hilflos in dem einsamen Hause. Zur selben Stunde auch erlag der Mann im Wasserwerk dem Feinde, der von hier aus seinen Weg nahm in die unglückliche Stadt.

Aber seine Tat zog immer weitere Kreise, wie der Raubvogel, der in den Höhen sein Reich umzirkelt. Der Sensenmann machte nicht Halt im Viertel der Fremden, er sprang hinüber in die dicht gedrängten Vorstädte der Eingeborenen, raste durch ihre engen Gassen, machte sie zu stillen, ausgestorbenen Stätten. Der Schrecken lief mit Sturmeseile durch das Land, ergriff Nachbarstädte, wanderte mit den Kleidern der Entflohenen von Ort zu Ort, saß verborgen in den Frachten der Güter, die mit Bahn und Wagen von Bangalore zu anderen Handelsplätzen wanderten. Die Sense des Todes mähte und mähte.

Längst war Doktor Gravesgrave zurück. Die Stadt war wie ausgestorben. Er eilte in sein Haus, Schreckliches ahnte ihm. Er fand den toten Diener noch an der alten Stelle. Er fand in seinem Schrank den zertrümmerten Eisenkasten. Die eine der Flaschen war fort. Er sah die Werkzeuge Shingars umherliegen, er ahnte alles. Es war zu spät, er konnte nicht mehr helfen, niemand konnte es. Da packte er seine Sachen in eine große Kiste, auch den anderen Kasten mit der zweiten Flasche. Längst waren die Keime darin während seiner langen Abwesenheit abgestorben und unschädlich. Aber auch er sollte dem Ort des Schreckens nicht mehr entfliehen, dem sein Tun, das nur Gutes schaffen wollte, so schweres Unglück gebracht. Auch ihn ergriff die Krankheit, einsam starb er in dem totenstillen Hause, und er starb gern, denn es schien ihm eine Sühne für die grausige Tat, die doch nicht seine Schuld war. Der Tod aber stand triumphierend an seinem Sterbelager. Er hatte seinen Feind besiegt.

Langsam erlosch die furchtbare Seuche, die die winzigen Kobolde in der Flasche hervorgerufen. Der Tod lehnte die Sense in die Ecke und ruhte von seiner Arbeit. Langsam auch kam wieder Hoffnung und Freude über die Stadt. Die Entflohenen kehrten zurück, die Arbeit begann wieder, das Leben ging seinen alten Gang.

Ein Freund des Doktor Gravesgrave zog in das ausgestorbene Haus. Er fand die Kiste mit den prächtigen Vergrößerungsgläsern, mit gelehrten Büchern und einem Bericht über das Unglück von Bangalore. Er fand auch einen Brief an den Doktor Buhle, fern in Deutschland, und sandte Brief und Kiste her. So kam der alte Ulebuhle in den Besitz der Flasche des Todes und der genauen Nachrichten über das Unheil, das sie oder ihre Gefährtin angerichtet. Seht, da steht sie im Schrank, und man sieht es ihr nicht an, daß sie eine große Vergangenheit hat, gelehrte Sachen, ein großes Unglück und weite Reisen erlebte.»

Der Alte schwieg.

«Ulebuhle,» sagten die Kinder, «sitzt der Tod noch immer in der Flasche?»

«Nein, er ist längst gestorben, aber mit gefährlichen Dingen muß man auch dann noch vorsichtig umgehen, wenn sie schlummern. Auch dem toten Löwen nähern wir uns mit Scheu und Vorsicht, und wir sprechen leise am Orte, wo die Sense des Knochenmannes durch die Halme ging!»

Als die Sonne feierte
«Die Menschen,» so erzählte eines Abends der alte Ulebuhle, «waren einmal wieder mit sich, mit Gott und der Welt unzufrieden. „Ach,“ sagten sie, „es ist ein Kreuz. Das Leben ist viel Arbeit und wenig Vergnügen. Es müßte umgekehrt sein, und kurz und gut, wir wollen nun endlich einmal eine schöne Weile ausruhen!“

Da ließen sie alles stehen und liegen und sagten Feierabend! Alle Räder standen still, und keine Esse rauchte mehr. Die Häuser ragten halbfertig mit großen Gerüsten in den Himmel hinein, die Schneider rührten keine Nadel mehr an, die Schuster drehten keinen Pechdraht mehr und klopften kein Leder, die Kaufleute schlossen ihre Läden, die Bergleute fuhren nicht mehr zur Grube, und kein Fischer warf mehr Netze aus. Am meisten freuten sich die Ochsen und die Kälber. Sie brummten und blökten vergnügt in die Welt hinein, denn niemand wollte ihnen mehr das Fell über die Ohren ziehen.

Die Bauern draußen auf dem Lande, Hinz und Kunz und Jochen Päsel, kamen im Kruge zusammen, rückten ihre Zipfelmützen von einem Ohr auf das andere und sagten: „Ja, wenn die Lüt in de Stadt nischt mehr duhn, wat wulln wie da noch dat Feld bestelln, da duhn wie ook nischt mehr!“ Und so ruhten Pflug und Egge, Sense und Dreschflegel. „Macht wie ihr wollt,“ meinten die Städter. „Wir haben noch alle Speicher bis an die Decke voll Korn und alle Keller voll Kartoffeln, wir brauchen vorläufig eure Feldfrüchte nicht!“

Die Sonne stand droben im Blauen und machte verwunderte Augen ob all der sonderbaren Geschehnisse auf Erden.

„Ja,“ sagte der alte Mond zu ihr und rauchte noch eine Wolkenpfeife an, „der Teufel ist in die Menschen gefahren. Ich habe schon manches Jahrhundert lang den Erdball umwandert, ich habe schon viele verrückte Geschichten auf Erden mit angesehen, aber so toll waren sie bisher noch nicht. Ich glaube, es nimmt ein schlechtes Ende mit den Menschen, denn die Arbeit hält doch alles in Ordnung beieinander, aber wenn sie nun nicht eine Hand mehr rühren wollen, werden sie bald ganz zugrunde gehen. Mir soll es recht sein. Ich mache nach wie vor meine Nachtbeleuchtung und führe die goldenen Sternenschafe auf die Weide und damit basta!“

Als nun aber auch die Bauern die Felder nicht mehr bestellten, Hinz und Kunz und Jochen Päsel den ganzen Tag im Kruge saßen, Karten spielten und Kümmel mit Rum tranken, da wurde es Frau Sonne zu viel. „Ja, wozu scheine ich denn noch,“ rief sie eines Tages unwillig aus. „Wenn ich keine Saaten mehr zu reifen habe und euch nicht mehr bei der Arbeit leuchten brauche, so hat es keinen Zweck, denn faulenzen könnt ihr auch im Dunkeln, und wenn die Sonne auf die faule Bärenhaut scheint, dann ist das nur ungemütlich. Also besinnt euch und arbeitet wieder, sonst mache ich selbst Feiertag!“

„Laß uns in Ruhe, Frau Sonne,“ brummten die Menschen, „mach, was du willst, wir machen es auch!“

Da ging die Sonne am Abend mit zornrotem Gesicht unter und kam am nächsten Morgen nicht wieder. Sie feierte!

„Die Sonne ist wirklich fortgeblieben,“ meinten die Menschen, und manche machten doch bedenkliche Gesichter. „Nun wird es kalt werden,“ sagten sie, „und rabenschwarze Nacht wird es auch am Tage sein.“ „Nachts wird es helle,“ schrien die anderen, „da scheint der gute alte Mond!“

Aber als es Nacht war, blieb es stockdunkel, und auch der Mond schien zu feiern. Da gingen die Menschen zu den berühmtesten und gelehrtesten Sternkundigen und fragten, was sie von der Sache hielten, und warum der Mond nicht scheine.

„Ja,“ meinten die, „er kann nicht, denn wenn die Sonne nicht mehr ihr Licht aussendet, so bleibt auch der Mond im Dunkeln, denn er wird ja erst von der Sonne erleuchtet und strahlt nur das geliehene Sonnenlicht wieder.“

„Gut,“ schimpften die Menschen, „so soll er es lassen. Dann beleuchten wir die Städte mit unseren elektrischen Lampen und heizen mit Elektrizität.“ Da heizten sie ihre Kessel mit Steinkohlen, setzten ihre mächtigen Dampfmaschinen in Gang und machten elektrischen Strom, der durch hunderttausend Lampen ging und Haus und Stadt erhellte. Aus den Steinkohlen machten sie auch Gas. Sie erhitzten sie in großen Kesseln, so daß das Gas aus ihnen entwich, leiteten es durch Röhren in alle Häuser und brannten es an. Da konnten sie sich an Gasöfen wärmen und auf Gasöfen kochen, und sie lachten über die Sonne.

Eines Tages aber waren die Steinkohlen aufgebraucht, und da die Bergleute nicht für die anderen arbeiten wollten, sondern auch ihren Feiertag zu machen wünschten, hörte das Wasser in den Kesseln auf zu kochen und die Maschinen standen still. Da gab es auch kein Gas, kein Licht und keine Wärme mehr, und die Leute murrten.

Die anderen aber sagten: „Nur nicht verzagt, wir werden auch ohne die Sonne fertig! Haben wir keine Steinkohlen mehr, um unsere Maschinen zu treiben, so nehmen wir die Kräfte des Wassers zu Hilfe. Das Wasser strömt in tausenden Wasserfällen von den Höhen herab, da bauen wir mächtige Wasserräder und Turbinen, die dreht das herabstürzende Wasser, und sie drehen uns unsere elektrischen Maschinen. Da haben wir wieder Licht und elektrische Wärme!“

Als die Menschen aber zu den Wasserfällen kamen, da floß kein Tropfen mehr hernieder. Nicht als ob das Wasser eingefroren war, nein, es war überhaupt keines mehr in den Wasserfällen. Da gingen sie zu den Gelehrten und sagten: „Erklärt uns, wie es kommt, daß die Wasserfälle versiegt sind.“

„Ja,“ sagten die weisen Räte, „das ist ganz einfach! Die Wasserfälle kommen von den Bergen herab, weil die Sonne hoch droben den Schnee und das Eis schmilzt und wieder zu Wasser macht. Da die Sonne nicht mehr scheint, so schmilzt auch das Eis und der Schnee nicht mehr, und so kann es auch keine Wasserfälle geben. Auch der Regen, der in den Bergen niedergeht, rauscht in den Wasserfällen zu Tal. Da aber die Sonne kein Wasser mehr aus Flüssen und Meeren verdunstet, so steigt auch kein Wasserdunst mehr empor zu den Wolken, es entstehen keine Regenwolken mehr, und so gibt es auch keinen Regen und keine Wasserfälle! Das alles hat die Sonne durch ihre Wärme in Gang gebracht, aber nun, wo sie feiert, ist es aus damit.“

„Es sollte doch mit dem Teufel zugehen,“ meinten die Menschen, „wenn wir uns von der Sonne unterkriegen lassen würden! Wißt ihr, was wir jetzt machen? Wir benutzen den Wind. Der Wind treibt uns große Windmühlen, und mit ihrer Kraft drehen wir unsere Räder und elektrischen Maschinen. Auf, laßt uns große Windmühlen bauen.“

„Ach du lieber Gott,“ meinten ärgerlich die Zimmerleute und die Schmiede, „da geht ja die Arbeiterei schon wieder los!“

Aber die anderen entgegneten, das müßte nun mal auf kurze Zeit so sein, und wenn die Windmühlen erst fertig wären, könnten wieder alle feiern.

Da bauten sie denn bei Tag und Nacht mächtige Windmühlenflügel und große Triebwerke und froren jämmerlich dabei, denn es wurde immer kälter auf Erden. Endlich aber war auch dieses Werk getan, und nun brauchte nur noch Wind zu wehen, dann drehten sich die großen Flügel, drehten sich mit ihnen die mächtigen Räder und elektrischen Maschinen, und dann gab es wieder elektrische Kraft und Licht und Wärme. Aber sie warteten und warteten, doch es kam kein Wind. Kein Blättchen regte sich, kein Staubkörnchen wirbelte auf.

Da gingen die Menschen wieder zu den Gelehrten und sagten: „Nun erklärt uns, wann endlich einmal Wind wehen wird!“

Die Weisen aber seufzten schwer und rückten an ihren großen Brillen, und endlich sagten sie: „Es wird überhaupt kein Wind mehr wehen, solange die Sonne nicht scheint, denn die Sonne ist es, die den Wind und den Sturm macht. Sie erwärmt an manchen Gegenden die Luft mehr als an anderen. Da steigt die warme Luft empor, fließt von einem Erdort zum anderen, und dieses Strömen der Luft, das ist der Wind. Wenn die Luftmassen schnell dahinströmen, dann ist es Sturm, und wenn sie langsam ziehen, dann säuselt es nur so ein wenig in den Zweigen. Da nun die Sonne die Luft nicht mehr erwärmt, so strömt sie auch nicht mehr, und ihr habt eure Windmühlenwerke umsonst gebaut.“

Da schimpften die Menschen von früh bis abend und fuhren sich gegenseitig in ihrer Wut in die Haare, aber davon wollten die Windmühlen sich auch nicht drehen. „Ihr müßt wieder hinabsteigen in die Gruben und neue Kohlen aus dem Gestein herausschlagen,“ riefen die Leute den Bergarbeitern zu, aber diese weigerten sich, denn sie wollten nicht schaffen, wenn die anderen feierten. „Wir aber wollen nicht erfrieren!“ brüllten die Menschen, und so gab es überall Aufruhr und Streit und blutige Köpfe. Die Leute holzten alle Wälder ab, um das Holz zu verbrennen und sich eine warme Suppe und eine warme Stube zu machen, aber viele erfroren bei dieser Arbeit im Freien.

Es wurde immer kälter und kälter auf Erden, und es war ein Leben wie am Nordpol. Das Meer war hundert Meter dick in die Tiefe gefroren, so daß kein Schiff nach fernen Ländern fahren konnte, Getreide und andere Dinge zu holen. Kein Fischer konnte ein Netz auswerfen. Die Tiere des Waldes verendeten vor Kälte, die Vögel fielen erfroren aus der Luft herunter, ihr Blut war zu Eis erstarrt. Der Erdboden war bis in die Tiefen hinein gefroren und fest wie ein Felsen, kein Pflug konnte ihn durchdringen. Tiefe, schaurige Dunkelheit lag über der Welt, nur die fernen Sterne glitzerten aus der eiskalten Höhe auf die unglückliche, von der Sonne verlassene Erde.

Es wurde immer jammervoller mit den Menschen. „Wir wollen wieder arbeiten,“ schrien sie, „wir wollen wieder Licht und Wärme, Wolken und Wind, grüne Wälder und wogende Kornfelder, Vogelsang und Blumenduft, wir wollen die Sonne wieder droben haben im Blauen, ja die Sonne, die Sonne, die die Menschen so froh macht und glücklich und reich!“

Die Anführer aber, die all das Unglück angezettelt, die alle Maschinen angehalten, alle Arme gelähmt hatten, die sich gegen die Sonne verschworen, widersetzten sich der Menge, denn sie hatten noch Kohlen und viele gute Dinge für sich heimlich in Sicherheit gebracht und lebten herrlich und in Freuden in einer verborgenen Klause, fern im Walde.

Eines Tages aber ertrugen es die Menschen nicht länger. In ungeheuren Scharen zogen sie durch die tiefe Finsternis hinaus zu den Verschwörern, griffen sie und erschlugen sie auf der Stelle.

„Arbeiten wollen wir wieder, und die Sonne soll wieder scheinen,“ so tönte ihr Rufen mächtig durch das Land.

Als die Sonne das hörte, da erkannte sie, daß die Menschen wieder vernünftig geworden waren, und mit heiterem Strahlenlächeln stieg sie in blendender Helle über dem Horizont empor und hüllte die Welt in ihren wärmenden Mantel.

Die Menschen standen, geblendet von der Helle, unzählbar an Masse draußen und erwärmten die zitternden Glieder. Neues Leben huschte über die bleichen Gesichter. Und tausend Wunder vollbrachten die Sonnenstrahlen, Wunder, auf die die Menschen früher gar nicht geachtet hatten. Sie lösten alle Quellen aus den Banden des Eises, so daß sie murmelnd dahinsprangen, sie tauten Seen und Flüsse auf, ließen die Wellen des Meeres wieder ungehindert dahinrauschen, und Schiffer und Fischer gingen ans Werk. Die Sonne erwärmte die Luftschichten, trieb sie durcheinander, der Wind wehte wieder, die Mühlenflügel drehten sich wieder lustig im Kreise. Da wachten die Wasserfälle auf, denn hoch von den Bergen kamen die Schmelzwasser nieder. Windmüller und Wassermüller rauchten wieder ihre Pfeifen und mahlten fröhlich ihr Mehl, und Hinz und Kunz zogen tiefe Furchen mit dem Pflug in die erwärmte, dampfende Ackerscholle. Die Bäume setzten neue Knospen an, die Vögel, die die schwere Zeit überlebt hatten, kamen aus ihren Verstecken hervor und jubilierten in der Luft, und droben, zwischen den Wolken, zog der Mond, der alte Kunde, mit pfiffigem Gesicht.

Frau Sonne aber lächelte mit runden Backen herab wie eine gute, sorgende Mutter.

Da fielen die Leute nieder auf die Knie und sangen der Sonne ein Loblied, denn ihr Trotz war verflogen.»

Der gläserne Sarg
«Heute, ihr Kinder, kommt die Geschichte von dem Glassarg an die Reihe!»

«Ulebuhle, die kennen wir schon, das ist die Geschichte von Schneewittchen, die von den Zwergen in einen gläsernen Sarg gelegt wurde!»

«Und ich sage euch, ihr kennt sie nicht, denn in meinem Glassarg liegt gar kein Schneewittchen oder sonst eine niedliche Jungfer. Ihr könnt euch nachher ansehen, was in meinem gläsernen Sarge zur Ruhe bestattet ist, denn der Sarg liegt da in dem großen Schrank. Aber erst sollt ihr die Geschichte hören, denn man muß nicht vorher die Rosinen aus dem Kuchen herauspicken!»

Da setzten sich die Kinder und waren gespannt, was der Alte heut wieder ersonnen hatte.

«Ach, es ist lange her, als meine Geschichte begann. Viele Jahrtausende! Ein schöner Sommertag war es, und die Sonne schien warm vom blauen Himmel nieder. In der Ferne rauschte das Meer, und nahebei rauschten die Wipfel der Bäume, denn da stand ein großer Wald.

Eine niedliche kleine Fliege mit zarten Flügeln schwirrte vergnügt in der Sonne daher, zwischen Gräsern und Blumen, und endlich spannte sie die Flügel und schwebte mit leisem Summen hinüber in den Wald. Da standen große Nadelbäume und reckten sich hoch in den Himmel, und es duftete ganz wundervoll harzig, denn die Sonne schien heiß hernieder.

Unsere kleine Fliege setzte sich an einen der mächtigen Stämme, um auszuruhen. Sie putzte mit ihren Beinbürsten die Flügel und den runden Kopf mit den roten Augen, denn alles war verstaubt, wie es bei einem rechtschaffenen Wandersmann eben so ist.

Seht, da kroch langsam mit dünnen Beinen ein vermaledeiter Spinnerich daher und dachte in seinem Sinn, daß die kleine Fliege justament ein artiger Braten zu Mittag wäre. Er setzte vorsichtig ein Bein vor das andere, was keine Kleinigkeit ist, wenn man acht Beine hat, und krabbelte langsam am Baumstamm näher an das kleine Flugtier heran.

Der Spinnerich überlegte sich die ganze Geschichte sehr sorgfältig. Du lieber Himmel, dachte er, viel ist nicht dran an der kleinen Mademoiselle! Da gehen die grünen Flügel ab und die langen Fühlerhörnchen, und es bleibt nicht viel, aber man muß Gott auch für das wenige dankbar sein. Wenn ich nicht ganz vorsichtig bin, erspäht sie mich mit ihren runden Kugelaugen und schwirrt ab, dann ist der Braten dahin, und ich muß vielleicht hungrig schlafen gehen.

Die kleine Fliege war eitel wie alle Frauenzimmer. Sie bürstete unablässig ihre grünseidenen Schleierflügel und zupfte vorn und hinten, beleckte und beschleckte sich wie ein Kätzchen und sah den bösen Feind nicht, der mit List und Tücke näherzog.

Schon war er dicht heran – da geschah etwas ganz Greuliches!

Die Mittagshitze lag drückend über dem Walde, und die alten Bäume schwitzten in dicken Tropfen das Harz aus. Auf einmal fiel von droben ein dicker Harztropfen, goldgelb in der Sonne funkelnd, nieder, klatschte gegen den Stamm und begrub unter sich die Fliege und Spinne.

Da war es nun aus mit dem Putzen und mit dem Schmausen, Freund und Feind waren eingeschlossen in der zähen gelben Träne des Baumes, zappelten noch ein wenig hin und her, und dann waren sie tot.

Aber neues Harz tropfte von oben hernieder und auf das alte darauf, und schließlich war es ein ganz dicker Batzen geworden, in dessen Innern die beiden Tiere lagen wie in einem durchsichtigen Sarge.

Aber die Weltgeschichte geht ihren Gang ruhig weiter, und alles kommt, wie es kommen muß. Jahrhunderte gingen hin und Jahrtausende. Viele neue Sommer waren gekommen und viele Millionen neue Fliegen mit grünen Flügeln und Spinneriche mit acht Beinen, und niemand dachte mehr an die beiden, die vor langer Zeit da in dem Harztropfen begraben wurden, der unansehnlich und dick an dem Stamm des alten Baumes hing, der längst vermodert im Waldboden ruhte.

Da geschah wieder einmal etwas Neues! Langsam hatte sich das Land gesenkt, und die Wassermassen des Meeres da oben, wo heut die Ostsee rauscht, kamen immer dichter an den alten Wald heran. Eines Tages hatten sie ihn erreicht, und nun spülten die Wellen zwischen den Stämmen, entwurzelten sie, und der Wald mußte sterben. Ein Baum nach dem anderen sank in das nasse Wellengrab, in den Kronen des sterbenden Waldes rauschte der Seewind wilde Gesänge, und die alten Stämme ächzten und stöhnten, wenn sie niederstürzten in das Meer, das ihre Heimat überspülte.

So kam es, daß da, wo früher der Wald rauschte, nun die Ostsee rauscht. Auch der alte vermoderte Baumstamm mit der dicken Harzperle versank in den Fluten, das Meer wälzte Sand darüber, und langsam verweste der Stamm vollkommen. Nur die Harzperle blieb übrig und war im Sande der See begraben.

Und wieder gingen tausend Jahre hin. Da schnob ein mächtiger Sturm über die See, und die Wellen warfen Sand und Schlamm in wilder Wut an den Strand. Seht, da ging ein armer Fischer mit seinem Jungen am Ufer hin und her, der suchte das Harz, das hier vor Jahrtausenden die alten Bäume in dicken Tropfen in der Mittagshitze geweint hatten. Bernstein nannten die Menschen dieses Harz, und sie machten allerlei Perlenketten und Ohrhängerchen aus den gelben Tropfen, die das Alter zu Stein verhärtet hatte.

Der kleine Junge stieß mit seinen nackten Füßen gegen ein dickes Ding im Sande, hob es auf.

„Sieh, Vater!“ rief er fröhlich, „da habe ich ein großes Stück gefunden, das bringt wohl einen halben Taler.“

Der Vater nahm das Bernsteinstück und reinigte es vom Sande, dann hielt er es gegen das Licht.

„Potztausend, Junge!“ rief er vergnügt. „Das nenne ich ein Glück am frühen Morgen! Zwei Tierchen sind drin eingeschlossen in dem gläsernen Sarg, eine Fliege und eine Spinne. Das Stück kaufen die gelehrten Herren drinnen in Greifswald wohl um ein Goldstück, denn zwei Tiere in einem Bernsteintropfen, das ist eine Seltenheit.“

Ja, die gelehrten Herren in Greifswald kauften den gläsernen Sarg, und endlich kam er an den alten Ulebuhle, und nun wollen wir ihn gemeinsam betrachten. Seht, da liegen die beiden Tierchen noch so, wie sie der Tod vor vielen Jahren überraschte. Die Jungfer Fliege, die da im hellen Sonnenschein auf dem Stamm saß und ihr Röcklein putzte, der arge Spinnerich, der auf der Jagd nach dem Mittagsbraten war. Man sieht noch jedes Härchen an ihnen und sieht noch, wie sie im Sterben die Beine streckten. Man sieht, wie sie vergeblich in dem zähen Harzbrei umherruderten, denn rings um die Beine sind lauter trübe kleine Ringel und Kringel. Ja, da kann man die ganze Geschichte, die sich vor zehntausend Jahren zugetragen hat, in allen Einzelheiten anschauen, als ob man damals dabei gewesen, und sieht, daß es damals schon niedliche Fliegen und böse Spinneriche gab. Ja, die Welt ist uralt!»

Gebrüder Sturm
Das war ein böses Ungewitter! Der Sturmwind hatte sein ganzes Orchester aufgeboten; er sauste und brauste, heulte und winselte, pfiff und klirrte durch Stadt und Land und über die Bergwälder. Auf den Schornsteinröhren pfiff er wie auf Klarinetten, er harfte in den Telegraphendrähten, rasselte mit den blanken Barbierbecken wie mit Schellenbäumen, klirrte mit den Fensterflügeln, die er auf und zu warf, winselte an den Ritzen und Schlüssellöchern der Türen, raufte brausend den Bäumen den dichten Haarschopf des Blätterwerks und heulte um die Dachgiebel und kreischenden Wetterfahnen. Er balgte sich mit großen Papierfetzen, die er bald hoch emporwirbelte, bald am Boden dahinschleifte, er kollerte den runden Hut des alten dicken Gerichtsrates einen Kilometer weit fort, hielt ihn an und blies ihn hohnlachend weiter, sobald sich der Herr Rat schnaufend bückte, bis er ihn endlich mit einem kühnen Wuppdich ins Wasser warf. Er drehte Tante Juliens Regenschirm vollkommen um, so daß es aussah, als wollte die gute Tante zum Himmel hinauffliegen, und dem Registrator, der am Fenster stand und darüber lachte, warf er plötzlich einen Blumentopf durch die Scheiben, und da lachte er nicht mehr.

Ja, so war es, und dazu kam der Regen, der den wilden Sausewind in all seinen Schandtaten kräftig unterstützte, und die beiden hatten es fertiggebracht, daß die Straßen der Stadt wie ausgestorben waren und die Kinder die Nasen gegen die Fensterscheiben drückten, um zu sehen, ob denn der graue Himmel sich nicht endlich lichten wolle, denn mit dem Herumtollen draußen war es nichts. – Am Abend aber trippelten sie doch mit flatternden Mänteln und wehenden Halstüchern hinüber zum alten Hause des Doktor Ulebuhle, denn das war just das rechte Wetter, um eine gute Geschichte zu hören, besonders wenn man eine Tasse süßen Tee dazu trinken konnte.

Der alte Ulebuhle hockte in Schlafrock und Filzschuhen in seinem noch älteren Lehnstuhl, rauchte wie ein Postdampfer aus seiner langen Pfeife und knurrte dann und wann, denn das Zipperlein plagte ihn bei solchem Wetter und zwickte und zwackte in seinen alten Knochen.

«Kinder,» sagte er knurrig, «das ist ein Tausend-Teufel-Wetter, und der Sturm wirft mit Dachziegeln und Blumentöpfen nach anständigen Leuten. Da sitzt es sich gut in der warmen Stube bei einem gemütlichen Schnickschnack. Aber draußen in der weiten Welt geht es noch ganz anders her mit dem Unwetter, und was ein richtiger Seemann und Wandergesell ist, der ferne Länder und Meere gesehen hat, der lacht über die Mütze voll Wind, vor der wir Stadtmenschen uns in unseren Höhlen verkriechen, denn was so ein echter Sturm ist, das wissen wir gar nicht. Seht, Kinder, es geht den Menschen so ähnlich wie den Fischen in der Meerestiefe. Die haben um sich und über sich den Wasserozean, und wir haben über uns den Luftozean und leben auf seinem Grunde. Und wie der Fisch auf dem Trockenen ersticken muß, so wir, wenn man uns aus dem lufterfüllten Raum herausnehmen würde. Und wie im Meere gewaltige Strömungen sind, so im Luftmeer. Die Sonne aber ist es, die diese Luftströmungen macht. Sind sie gering, so nennen wir sie Wind, und sind sie stark, so heißen sie Sturm. Die Sonne erhitzt die Luft in heißen Ländern, und dann wird sie leicht und steigt empor, und von allen Seiten strömt dann die schwerere kalte Luft herbei, und so entstehen Wind und Sturm. Wenn man in einem ganz schnell fahrenden Eisenbahnzug sitzt, dann saust man in jeder Sekunde fünfundzwanzig Meter dahin, die Stürme aber rasen mitunter fünf- und sechsmal schneller über die Erde, und dann zerstören sie alles, was Menschen geschaffen haben, und sind gefährliche Bösewichter. Davon aber will ich euch heute etwas erzählen. Rückt näher herzu und spannt eure Lauscher weit auf, denn jetzt kommt die Geschichte von den Stürmen!

Die wilden Brüder Sturm sahen sich das ganze Jahr nicht. In allen fünf Weltteilen wirbelten sie umher und plagten die Menschen, aber an einem ganz bestimmten Tage kamen sie zu einer Familiensitzung zusammen, und dann war es ruhig in der Luft, kein Blättchen regte sich, und die Matrosen auf den großen Segelschiffen, die weit herüber fahren nach Westindien, brannten sich behaglich die Tonpfeifen an und freuten sich, daß sie nicht viel zu tun hatten. Immer an diesem Tage im Jahre kamen die Winde zusammen. Sie trafen sich auf dem Berge Demawend, tief unten in Persien, der über viertausend Meter hoch in den Himmel strebt. Da war eine gewaltige Höhle tief in den Felsen eingegraben, um den die Wolken zogen wie Vögel um den Kirchturm. Am frühen Morgen schon war der erste der Gebrüder Sturm erschienen. Es war der Samum oder Sandsturm. Der hatte es nicht weit. Er kam geradenwegs aus der heißen Wüste Afrikas, der Sahara, und war quer über das Mittelländische Meer geflogen. Die Perser, die da drunten umherwanderten mit ihren großen Lammfellmützen, wunderten sich, wie warm es plötzlich wurde, denn der Samum brachte einen ganzen Strom Sonnenglut aus seiner heißen Heimat mit und schüttelte gelben Wüstensand aus seinen mächtigen Schwingen, so daß die ganze Luft davon erfüllt war und ihn die Perser zwischen den Zähnen knirschen fühlten.

Wie der leibhaftige Teufel fuhrwerkte er in die Höhle des Demawend hinein. „Bei Allah!“ schrie er, „welch eine Hundekälte ist hier oben. Nicht zum Aushalten. Da lob’ ich mir meine Wüstensonne und den schönen heißen Sand, in dem sich Löwen und Schakale sonnen und die Schlangen ihre Eier ausbrüten. Welch ein elendes Loch das ist! Außerdem bin ich wieder der Erste am Platze. Eh die anderen Kerle kommen, werde ich einen schönen Schnupfen weg haben.“

Darauf schlug er seine breiten Schwingen wie einen Mantel um sich, kauerte verdrießlich in der äußersten Ecke nieder und träumte vor sich hin.

Gegen Mittag rauschte und brauste es in der Höhe, als seien tausend Teufel losgelassen. Die Wolken jagten Sturmvögeln gleich von dannen, der Regen prasselte wie ein Trommelwirbel, der Donner rollte wie Geschützfeuer von hundert Kanonen durch die Berge, und der flammende Strahl des Blitzes zuckte blendend von den Wolken zur Erde. Inmitten eines grauslichen Hagelschauers kam der zweite der Brüder angefegt, der Orkan oder Gewittersturm.

Lachend und Regen und Hagel wie einen Gießbach von seinen bleigrauen Flügeln schüttelnd, tobte er in die Höhle hinein. „Pfui Teufel,“ schnauzte er, „was für eine vermaledeite staubige Luft ist hier drinnen. Beim Vater aller Meere, da wird einem ja die Kehle trocken!“

Da erkannte er endlich den Samum in seiner dunklen Ecke. Er stürmte auf ihn zu. „Bruderherz,“ schrie er mit donnerndem Lachen, „da bist du ja, altes Wüstensandfaß! Zum Millionen-Donnerwetter, daher die Stickluft! Aber es macht nichts, sei mir gegrüßt, Sohn der Sonne!“

„Bei Allah und den Propheten, bleib’ mir vom Leibe,“ zischte der Samum, „welch ein Betragen! Dieses Gepauke und Geblitze, diese Flut von Wasser. Es ist gräßlich. Du riechst nach Fischen und Teer! Bleib’ mir vom Leibe, du weißt, ich kann die Nässe nicht vertragen. Das nächste Mal werden wir uns bei mir im Lande treffen, damit du erst einmal trocken wirst.“

Der Orkan lachte gutmütig. „Du bist noch immer der alte Ofenhocker, mein Junge,“ sagte er, „die ganze Bude hier ist voll Wüstensand, und man sieht nachher wieder aus wie ein Mehlsack, wenn man ins Freie kommt!“

So nörgelten sie noch eine ganze Weile miteinander, bis ein immer stärker werdendes Geräusch ihnen die Ankunft des dritten Bruders anzeigte. Der kam näher und näher, und erschreckt flohen die Menschen drunten in ihre Häuser. Es brüllte in der Luft und rauschte, als wälze sich ein ganzer Ozean heran. Der Himmel war nach Osten zu schwefelgelb, und von Westen her kam eine ungeheure schwarze Wand herangebraust, aus der ein Wolkentrichter bis auf die Erde reichte. Dieser Trichter drehte sich mit rasender Geschwindigkeit, und er saugte alles in sich hinein, über das er hinwegzog, Sand und Kräuter, Dachziegel und Wasserpfützen, und was nicht mitging, das brach er krachend ab, so daß die Bäume unter ihm zusammenknickten wie Zündhölzer. Der Tornado oder Wirbelsturm war es, der verheerend daherkam. Nun aber hatte er die Höhle erreicht, und wie aus der Kanone geschossen, fuhrwerkte er hinein.

Sein Ungestüm war derart, daß der Samum aus seiner Ecke fortgeweht wurde und heulend bis an die Decke der Höhle flog. Den Orkan aber drehte es wie einen Kreisel rundum und kollerte ihn in einen Winkel.

„Himmelhund!“ fluchte er, „das sind wohl amerikanische Ringkämpfermanieren! Laß das, zum Teufel!“

Der Samum heulte wie ein Schakal vor Wut und spie eine wahre Flut arabischer Schimpfworte gegen den groben Bruder. Der aber lachte in tiefem Baß wie ein Bär aus vollem Halse und schrie ein über das andere Mal:

„Good day, my dear brothers!“[6] Denn er war ein echter Amerikaner und kam eben aus Kalifornien herüber.

Seine Brüder aber schimpften noch lange mit ihm herum, und es war ein Höllenspektakel in der Höhle. Der Tornado aber machte sich nicht viel daraus, rauchte sich eine kurze Stummelpfeife an und schnitzte zum Zeitvertreib mit seinem Taschenmesser aus einem Eichenstamm, der sich zwischen seinen Flügeln festgeklemmt hatte, Zahnstocher.

Gegen Mittag, wo es sonst schön warm war im Perserlande, kühlte es sich plötzlich stark ab. Es wurde kälter und kälter, die Sonne verschwand, und hoch droben bildeten sich niedliche Federwölkchen, die aus lauter Eisnadeln bestehen. Dann aber fing es in der Höhe an zu schneien, erst langsam, dann immer stärker, und endlich kam mit einem eisigen Winde, der das Blut in den Adern gefrieren machte, ein undurchdringliches Schneetreiben, so daß man keine fünf Schritte weit sehen konnte. Aus weiter Ferne kam der vierte Bruder daher, der Blizzard oder Schneesturm.

Er war der älteste der Gebrüder Sturm. Weiß waren Haar und Bart, lange Eiszapfen hingen daran herunter, flimmernde Schneemassen bedeckten seine Flügel, und Eisklumpen hingen an den Füßen. Wo sein Atem hinkam, erstarrte alles Leben. Gemächlich trat er schnaufend in die Höhle.

„Seid mir gegrüßt, Brüder, in der Höhle des Demawend!“ sagte er und schüttelte den Schnee von seinem Körper.

Die Höhle war urplötzlich mit eisiger Kälte gefüllt, und sofort jammerte der Samum wieder los: „Beim Barte des Propheten, du hast hier noch gefehlt! Welch eine entsetzliche Kälte. Ich komme um!“ Damit kroch er in eine Felsspalte, um sich nach Möglichkeit vor dem erstarrenden Hauch seines Bruders zu schützen. Auch der Orkan brummte über den Eisbären, denn sofort gefror das Regenwasser, das noch von seinen Flügeln tropfte.

„Meine Brüder,“ sagte der Blizzard, „laßt uns nicht miteinander hadern! Wir sehen uns das ganze Jahr nur einmal und müssen unsere Eigenheiten ertragen. Die trockene Hitze und den Sand des Samum, das Donnerwetter und die Regengüsse des Orkan, das alles zerbrechende Ungestüm des Tornado und meine Kälte- und Schneemassen, das alles ist den anderen Brüdern unangenehm, aber wir haben eben jeder ein anderes Handwerk und leben in verschiedenen Ländern, und so müssen wir aufeinander Rücksicht nehmen. Laßt also den Streit. Wir haben wichtigeres vor. Ihr wißt, daß ich als der Älteste von uns Vieren am Neujahrstage dem alten Wettergott über unser Tun und Lassen Bericht erstatten muß. Es sind wieder bittere Klagen über uns eingelaufen. Die Menschen haben sich bei Petrus über alle möglichen Zerstörungen beschwert; Neptun, der Beherrscher der Meere, war sehr wütend auf uns, und Flora und Fauna, die Beschützerinnen der Pflanzen- und Tierwelt, klagen über Verwüstungen der Gebrüder Sturm in allen Zonen. Ich sehe schon, es wird ein ganzer Sack voll Anschuldigungen gegen uns einlaufen, und wir müssen sehen, wie wir’s am besten wieder ins reine bringen. Vor allem aber berichtet nun über eure schlimmen Taten, denn es ist besser, ich weiß Bescheid und kann gleich meine Entschuldigungen vorbringen!“

„Den Menschen kann man es nie recht machen,“ brummte der Orkan. „Schläft man oder bläst man zu wenig, so klagen sie, daß das Korn nicht wächst und die Bäume keine Früchte tragen und die Segelschiffe nicht vorwärts kommen und die Windmühlen stillstehen. Tut man mal einen ordentlichen Schnaufer, so ist es ihnen auch nicht recht. Da sollen sie sich halt das Wetter selber machen!“

„Ja, so ist es,“ sagte der Tornado. „Die Menschen sind undankbar, und Flora ist eine zimperliche Jungfer, die über jedes abgeknickte Bäumchen anfängt zu greinen!“

„Macht euch nicht besser als ihr seid, ihr wilden Burschen,“ entgegnete der Blizzard. „Mir macht ihr nichts vor! Als ich noch jung war, trieb ich’s ebenso. Aber nun wollen wir nicht unnötig Zeit verlieren! Berichtet eure Schandtaten!“

Da hockten die vier Winde in der Mitte der Höhle des Demawend nieder, und der Jüngste von ihnen, der Samum, hub an zu erzählen:

„Eines Tages ging nicht alles wie es sollte, und die Menschen hatten da wohl recht, über mich zu klagen, aber es geschah nicht mit Absicht. Ich lag auf dem Berge Mogodom, in der Oase Kauar, und schlief. Unter mir dehnte sich weit in die Ferne das mächtige Sandmeer der Wüste Sahara. Die Sonne brannte unbarmherzig nieder. Die Steine waren so heiß, daß sie die Gräser versengten. Schlangen und Krokodile lagen träge und mit offenen Mäulern da, und ein alter Löwe, den die Hitze aus dem heißen Sande vertrieben, träumte neben mir im Schatten eines dürren Dattelbaumes. Der stinkende grüne Tümpel der Oase, in dem die Krokodile faulenzten, dampfte vor Hitze. Es war totenstill ringsum.

Am Nachmittag, als die Sonne sich senkte, wachte ich auf. Der Löwe neben mir, die Schlangen im Sande, die Krokodile im Tümpel schliefen noch immer, und es war furchtbar langweilig. Da sah ich weit in der Ferne eine Kette dunkler Punkte ganz langsam im heißen Wüstensande dahinschleichen, und die Neugierde trieb mich, zu sehen, was es sei. Zudem war es auch Zeit, an die Arbeit zu gehen. Es war seit Wochen glühheiß und trocken, alles verdorrte. Ich mußte ein wenig mit dem großen Quirl im Luftmeer herumrühren, vom Meere her Feuchtigkeit herzutragen, vielleicht daß es mir gelang, einen Regen zusammenzubrauen. Da erhob ich mich denn gegen Abend, breitete die Flügel aus und schwirrte davon, der Kette von Punkten zu, die noch immer in der Ferne langsam dahinkroch.

Gewaltige Massen glühendheißen Staubes und Sandes rissen meine Schwingen mit. Die ganze Luft war davon erfüllt, so daß der Himmel tiefgelb erschien und die Sonne einen rostroten Schein annahm. Alle Tiere krochen in ihre Höhlen, und als ich nun jener Punktreihe näher kam, sah ich, daß es eine Karawane von Kaufleuten war; zehn Kamele führten sie mit sich, und nebenher ritten Beduinen in weißen Mänteln. Als sie mich in der Ferne in meinem rotgelben Staubschleier dahinstürmen sahen, warfen sie sich nieder in den Wüstensand, der unabsehbar, in lauter Wellen sich türmte, bis fern am Horizont. Die Kamele drängten aneinander und ließen sich nieder auf die Knie, und zwischen ihnen lagen die Menschen, das Gesicht zum Erdboden gewendet. Ich aber brauste über sie dahin wohl drei Stunden lang, dem Meere zu, und achtete ihrer nicht. Hätte ich gewußt, daß der glühendheiße Atem sie ausdörrte, daß der unaufhörlich auf sie niederrieselnde feine Sand sie begrub, ich hätte einen anderen Weg genommen. Wer kann wissen, daß die Menschen so empfindlich sind, und weshalb wagen sie sich in das Sandmeer, wenn sie so leicht darin zugrunde gehen!

Ich aber schwirrte weiter und weiter, über die tripolitanischen Berge, über Tunis und die immergrüne Oase Biskra, über die weißen Häuserreihen der Stadt Constantine, und überall, wo die Menschen mich kommen sahen, wo mein Staubmantel die Sonne rostbraun färbte, das Klingen und Singen der Milliarden wirbelnder Sandkörnchen in der Luft Botschaft brachte vom Wüstensohne Samum, da eilten sie erschreckt in die Hütten und Häuser.

Bei Sonnenuntergang stand ich am Ufer des Mittelländischen Meeres. Der Staub war meinen Flügeln entglitten, und ich war müde. Ich war an der Grenze meines Reiches und meiner Macht. Ich verschnaufte ein wenig und kehrte um. Der Mond stand schon am Himmel, und bleich lag das Sandmeer der Wüste vor mir, als ich wieder jene Stelle kreuzte, an der ich der Karawane begegnet war. Ein verwehter Hügel nur war erkennbar, aus dem die Gebeine der schwer beladenen Kamele herausschauten und da und dort das Gesicht eines Menschen starr und grünlich im Mondenschimmer leuchtete.“

Der Samum schwieg.

„Da hast du etwas Schönes angerichtet, Lausbub,“ sagte der alte Blizzard und strich den vereisten Bart. „Man hört selten etwas Gutes von dir. Überall in der Sandwüste bleichen die Gebeine von Menschen und Tieren, die dein heißer Atem erstickt hat, die du lebend im heißen Sande begrubst. Am besten wäre es, der Wettergott gerbte dir tüchtig das Fell!“

Da zog sich der Samum gekränkt in eine Felsenspalte zurück und murmelte unverständliche arabische Flüche vor sich hin. Dann aber nahm sein Bruder, der Orkan, das Wort.

„Ich,“ sagte er, „habe das ganze Jahr hindurch meine Plage. Bruder Samum haust in wenig bewohnten Gegenden, und bei ihm geht es das ganze Jahr gleichmäßig zu. Er ist ein Faulenzer. Ich aber habe alle Hände voll zu tun, und in meinem Reich sind große Wälder und Felder und Städte und Meere mit vielen Schiffen. Blas’ ich zu wenig, laß ich’s nicht genug regnen, dann ist die Ernte schlecht. Dreh’ ich den Wasserhahn mal ordentlich auf und schnaufe mal so recht aus voller Brust und blitze und donnere, dann geht wieder alles zum Teufel auf den Feldern, und die Bauern laufen gleich in die Kirche und beschweren sich beim Himmelsvater. Am schlimmsten aber sind die Schiffer! Da fahren sie mit ihren Nußschalen auf dem großen Weltenmeer herum, und wenn man sie mal mit dem Frackschoß streift, gleich ist das Unglück fertig! Das tollste ist mir im Frühjahr passiert. Ich saß gemächlich ein paar Wochen im Riesengebirge und spielte mit dem alten Rübezahl Karten. Auf einmal kommen ganze Stöße Beschwerdebriefe, wo denn der Wind bliebe, und der Regen. Die Baumblüte sei in ganz Europa, aber der Wind fehle, der den feinen Blütenstaub von Blume zu Blume trage und sie befruchte, damit der Herbst auch Äpfel und Birnen und Kirschen bringe. Zudem sei es staubtrocken in Gärten und Ackern.

Herrgott, sage ich zum alten Rübezahl, ich muß schleunigst fort. Er schimpft wie ein Starmatz, denn er hat gerade alle vier Asse in der Hand, ich aber werfe die Karten hin und huiii hinaus, über die Berge, und hinein ins Land.

Anfangs ließ ich mir noch etwas Zeit, ich fuhr fünfzig Kilometer in der Stunde; als ich dann aber unten einen Schnellzug sah, der mich überholte, da breitete ich die Schwingen und legte gewaltig zu, so daß der Schnellzug bald weit hinter mir zurückblieb. Und als ich so über Deutschland dahinschwebte, da sah ich denn, daß die Frau Sonne mal wieder eine Seite im Kalender überblättert und viel zu stark eingeheizt hatte für die Jahreszeit. Die jungen Bäumchen ließen in ihrem Durst die Ohren hängen, und die Blumen sahen blaß und kränklich aus. Da trieb ich mir dann den Wasserdunst, der reichlich aus Meeren, Seen und Flüssen aufstieg, zusammen, trieb ihn empor, kühlte ihn ab und schuf die schönste, graublau und weiß gemusterte Wolkendecke, so daß die Sonne ihre Strahlenpfeile nicht mehr herniedersenden konnte auf die verschmachtende Erde. Und dann ließ ich es so ganz langsam und bedächtig trippeln und tröpfeln.

Unten, in den Dörfern, standen Bauer Jochen und Krischan Päsel, nahmen die Piepe aus dem Munde, nickten bedächtig mit dem Kopfe und sagten: „Man tau! Dat is höchste Tid!“ In der Stadt schimpften natürlich wieder ein paar vornehme Damen, daß ich die Spitzenkleider und die neuen Sommerhüte ruiniere. Auch eine Schar Kinder, die mit Lehrer Meier einen Schulausflug machte, erhub ein zorniges Geschrei. Sie streckten die Zungen heraus, zu den Wolken empor und sagten: „Sechs Wochen war Sonnenschein; heut natürlich gießt es Feuereimer!“

Bauer Jochen und Krischan Päsel aber standen noch immer da unten, pafften ihren Kanaster, spuckten links und spuckten rechts und sagten: „Dat is vör de Katz! Man en beten döller!“

Kann man’s den Menschen recht machen? Da wurde ich ärgerlich, drehte alle Schleusen auf und ließ es gießen wie am Sintfluttage. Und dann kramte ich die alte Donnerbüchse raus und die Hageltrommel und musizierte ein Gewitter, daß es eine Lust war. Die Menschen in den Städten rannten wie besessen, als ich so daherpfiff. Tante Jules falscher Zopf, Lehrer Meiers neuer Hut und die zum Fenster herausgeflogenen Gardinen der Frau Wirklichen Geheimen Staatsrätin wirbelten mitten auf dem Schillerplatz einen steirischen Dreher, und alle Regenschirme schnappten über vor Vergnügen. Der Volksgartenwirt, der so dick war wie ein Weinfaß, war puterrot vor Zorn. „Herr des Himmels,“ schrie er, „wer wird nun heut’ abend kommen, mein schon etwas saures Bier und die schon nicht mehr frischen Hammelbraten essen? Ich bin ein geschlagener Mann!“ Die Droschkenkutscher und Schirmflicker aber jubelten: „Immer feste! Das gibt Geld in den Beutel!“

Wem kann man’s recht machen?

Während ich so über das Festland dahinzog, über Oder und Elbe, über Weser und Rhein und die Wälder erfrischte, die Saaten tränkte, die heiße Stickluft aus den Städten jagte, hatte ich aber nicht genug acht auf die See. Kann man seine Augen überall haben, gleichzeitig Obacht geben auf den falschen Zopf der Tante Jule, die Birnbäume in Jochens Garten und den Frachtdampfer ‚Nordstern‘, der da von Schweden nach England unterwegs ist und sich den Klippen nähert? – Ich brauste dahin mit Blitz und Donner, die Sonne war schon untergegangen, die blaugrauen Wolkenmassen hingen tief hernieder, man sah keine tausend Meter weit. Den Menschen auf ihrem Schifflein wurde es unheimlich. Meine grellen Blitze schienen Himmel und Erde in Brand zu setzen, der Donner rollte und grollte zwischen den Wolkenwänden wie die zürnende Stimme des Herrn der Welt. Ich peitschte die graugrünschillernden, sich überschlagenden Wogen, die mit wildem Trotz, mit weißen Häuptern gegen mich ankämpften, und brauste über die weite Wasserfläche, doppelt so schnell als die schnellsten Kriegsschiffe der Menschen. Ich pfiff und heulte mein Kampflied gegen das alte, widerspenstige Meer und brachte es in Wut und Aufruhr, und zu spät erst entdeckte ich plötzlich in der Ferne die roten und grünen Signallaternen des ‚Nordstern‘. Der arbeitete mit aller Macht seiner Maschinen gegen mich an. Aus seinen Schornsteinen quoll wie Schafwolle der dicke schwarzbraune Qualm. Zuweilen hob eine Riesenwelle das Hinterteil des Schiffes weit aus dem Wasser, und die Flügel der blanken Schiffsschrauben rasselten dann in der Luft, daß man glauben konnte, das ganze niedliche Spielzeug würde zerbersten wie die Spieluhr eines Knaben, die von hoher Felsenwand in eine wilde Felsschlucht stürzt.

Die kleinen Menschlein waren wacker und mutig und arbeiteten aus Leibeskräften, und man mußte alle Hochachtung vor ihnen haben. Gern wäre ich ihnen zu Hilfe gekommen, aber es war zu spät! Das Schiff wurde mit voller Wucht gegen eine Felsenklippe geworfen, nahe der englischen Küste. Es zersplitterte, lief voll Wasser, kippte auf die Seite. Die Menschlein wurden fortgespült wie Zündhölzchen. Einige wurden auf die Klippen geworfen und kamen wohl mit dem Leben davon, die meisten aber versanken lautlos im tiefen Meer. – Ich bemitleidete sie, aber ich konnte ihnen nicht helfen. Es ist das Unglück der kleinen, schwachen Geschöpfe, daß sie sich mit ihren niedlichen Spielsachen mitten hineinwagen in den Kampf der Elemente!“

Der Orkan schwieg, und sein alter Bruder, der Blizzard, wiegte nachdenklich das Haupt.

„Es sind in jener Sturmnacht noch sehr viele Schiffe und Fischerboote untergegangen, und auch Flora betrauert schweren Schaden, den dein Ungestüm, vor allem die Hagelwetter in Feld und Garten angerichtet haben. Du wolltest es sicher gut machen und hast auch Dürre und Hitze vortrefflich bekämpft, aber dein wildes Balgen mit dem Meer, mit Neptun, unserem alten Widersacher, hat dich verführt, Rücksichten gegen die Menschen fallen zu lassen, und das war unrecht. Aber wir sind alle Sünder, und so ziemt es mir nicht, zu richten.“

„Zu spät erst,“ verteidigte sich der Orkan, „bemerkte ich sie, denn mein Auge hing über halb Europa und dem ganzen Nordmeer. Aber ebensowenig wie die Menschen ihre Eisenbahnzüge noch eine Minute vor dem Zusammenstoß aus voller Fahrt zum Stillstand bringen können, kann ich der ungeheuren Kraft gebieten, im Augenblick zu verwehen wie ein Nichts. Auch der Mensch muß vorsichtiger sein!“

Plötzlich sprang der Amerikaner auf, der Tornado oder Wirbelsturm. Er lachte aus vollem Halse, daß es dröhnte, und tanzte einen richtigen Niggertanz. Dann pflanzte er sich breitspurig vor dem Orkan auf und sagte: „Old boy, du bist der richtige europäische Kleinstädter. Ihr fangt an zu weinen wie eine zimperliche Jungfer, wenn ihr irgendwo ein paar Fensterscheiben eingeschlagen habt oder ein alter Frachtkahn ersoffen ist. By Jove! Wenn die Ameisen sich ausgerechnet da anbauen, wo die Elefanten spazieren zu gehen pflegen, so dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie da eines Tages ums Leben kommen! Wo geholzt wird, da fallen Späne! Wir in Amerika denken anders darüber, und wenn ich einmal meinen wilden Tag habe, so kümmere ich mich den Teufel um die Menschlein und ihre Werke!“

„Du bist allenthalben als ein übler Bursche bekannt und bringst uns alle in Verruf, alter Freund,“ sagte mißbilligend der Blizzard. „Es nimmt noch einmal ein schlimmes Ende mit dir!“

„Nur nicht so selbstgerecht, alter Grislybär! Wo du hausest, da haben die Menschen auch keinen Grund Halleluja zu singen!“

„Macht, daß ihr zu Ende kommt,“ schimpfte der Samum, „ich habe Sehnsucht nach der Sonne Afrikas!“

„Hört mich an, old boys! – Die Menschen sind ein widerspenstiges und freches Gezücht, besonders da drüben bei mir in den Staaten! Da rühmen sie sich, die Naturkräfte besiegt zu haben, Meister der Welt zu sein, diese Knirpse mit ihren Kartenhäusern, ihren blinkeblanken Spielsachen, die auf dem Meere fahren, auf eisernen dünnen Bändern bis hoch in die Berge hineinklettern mit ihren piepsenden und pfauchenden Wasserkochern. Da spannen sie ihre kupfernen Spinnfäden hinaus in alle Lande, und in letzter Zeit werden sie immer dreister und fahren hoch oben in den Wolken mit mächtigen aufgeblasenen Würsten und schnurrenden Spindeln umher. Zudem schießen sie mit künstlichem Blitz und Donner Eisenstücke in die Luft. Sollen wir uns all das von diesen Ameisen gefallen lassen und gar noch Rücksicht darauf nehmen? Sie sind unsere Feinde, unsere Sklaven, und dabei wollen sie uns, die Riesen, zu Sklaven machen. Tut, was ihr wollt! Ich für mein Teil werde diese Zwerge bekämpfen, wenn sie meine Kreise stören!“

„Alter Bursche, du hast ihnen neulich nicht schlecht zugesetzt, als du durch ganz Mittelamerika fuhrwerktest. Alle Zeitungen, selbst in Europa, waren voll von den Verheerungen des Wirbelsturmes! Nun beichte, wie das war!“

„Gut, Bruder Orkan, das will ich tun, und dann wirst du nicht mehr weinen wegen der paar Blumentöpfe, die du hier in deinem alten gemütlichen Europa auf die Straße geworfen hast. – Ihr wißt, ich mache es nicht wie ihr, ich blase nicht, sondern da, wo ich am stärksten wirken will, da sauge ich! Wie ein ungeheurer Elefantenrüssel hängt mein saugender, ständig wirbelnder Wolkentrichter aus der Höhe nieder, und alles, was ihm in den Weg kommt, das saugt er schlürfend ein, reißt er hoch empor, um es irgendwo wieder krachend niederzuwerfen. Was aber nicht gutwillig mitgeht, das zerbricht meine eiserne Gewalt. Nur schmal ist das Gebiet meiner Macht, aber dort bin ich auch ein unerbittlicher Herrscher, der Menschenwerk nicht schont. Die Spur meines Weges ist sichtbar wie die einer Sense, die eine tiefe, kahle Furche durch das Kornfeld zog.

Von den Höhen des Felsengebirges, im gesegneten Lande Colorado brach ich auf. Von Gipfeln, die im ewigen Schnee wie Silber glänzen, stieg ich an einem heißen Maitage nieder. Langsam zunächst schraubte ich mich durch die Felsentäler. Hinter mir war der Himmel wie eine Mauer, blauschwarz und drohend. Die wilden Bergmassen des Felsengebirges boten mir trotzig die Stirne, suchten meine Wucht zu brechen. Aber meine Kraft wuchs von Minute zu Minute. Mit der vierfachen Geschwindigkeit eines Schnellzuges rannte ich gegen die steinernen Wände. Jahrhunderte alte Bäume, dick wie Tempelsäulen, zersplitterte mein Zorn. Ein Eisenbahnzug, aus der Kansasebene emporkeuchend zu den Felsen, kam mir in den Weg. Er fauchte an steiler Wand mit seinen zwei Riesenlokomotiven immer weiter bergan, unter sich Abgründe mit rauschenden Bergwassern, die über gefallene Riesenbäume hinwegtobten, die schon zu Zeiten hier lagen, als die Menschen noch keine Eisenbahnen kannten. Ich rannte gegen das rollende Spielzeug an, so daß es zu stürzen drohte. Es kreischte wild auf. Die Bergmassen warfen seinen Schrei tausendfach wieder, aber er ging unter in dem Dröhnen und Brausen der Luftmassen, die ich durch die Felsenschluchten schleuderte. Ich duckte mich nieder zu neuem Sprunge, rannte aufs neue gegen die rollende Schlange. Die Fenster der Wagen zersplitterten. Da und dort flog ein Wagendach ab und segelte wie ein Fetzen Papier zur Tiefe. Dann trat der Zug in einen Tunnel ein. Er hielt! Er gab den Kampf mit mir auf. Nur die letzten Wagen der Schlange schauten noch aus dem dunklen Felsenloch hervor. Ich hatte nicht Zeit, ich mußte weiter, aber noch einmal sprang ich ihn an. Fünfmal schneller als ein Schnellzug warf ich meine breiten Flügel gegen das Menschenspielwerk. Meine Kraft war so stark, daß ich auf jeden Quadratmeter mit einer Wucht von fünfzehn Zentnern drückte. – Rasselnd wankten die beiden letzten Wagen des Zuges, vollgefüllt mit Gepäck und Post. Sie stürzten, die eisernen Verbindungen rissen, sie kollerten von dem glänzenden Schienenstrang herunter, über die Felsenwand hinweg in die finstere Schlucht. Wie Zündholzschachteln sah ich sie tief unten verschwinden.

Felsblöcke schleuderte ich hinterher und haushohe Tannen. Dann hatte ich den Rand des Gebirges erreicht und stieg nieder in die Ebene. Düster und drohend stand mein blauschwarzes Wolkenheer ringsum und machte den Tag zur Nacht. Wie einen Elefantenrüssel steckte ich meinen dunklen, alles zerbrechenden, alles aufsaugenden, sich ständig in wildem Wirbel drehenden Lufttrichter nieder zur Erde. Vor mir lagen die großen Viehweiden von Texas. Büffelherden flohen vor meinem alles ergreifenden Arm, verwegene Reiter auf schnellen Pferden jagten über die Grassteppen, um mir zu entkommen. Hier aber konnte ich mit voller Kraft, ungehindert durch Felsenwände, dahinschwirren. Ein Wäldchen stellte sich mir entgegen, ich knickte es wie ein Elefant die Gräser, die seinen Lauf hemmen wollen. Ich schraubte mit meinem Rüssel hundertjährige Bäume hoch in die Luft, trug sie mit mir, warf sie wie Besen mitten in die enteilenden Viehherden hinein. Ein Rancho stand da drunten, ein hölzernes, einstöckiges Landhaus mit Garten darum. In ihm wohnten die Besitzer der Viehherden und ihre Leute. Ich nahm eine Tanne, warf sie wie einen Speer durch die Bretterwand. Die kleinen Menschlein, die sich immer rühmen, daß sie die Naturkräfte beherrschen, lagen blaß und zitternd am Boden. Da wandelte mich die Lust an, ihnen zu zeigen, daß die Naturkräfte noch immer Selbstherrscher sind auf Erden. Ich rüttelte und schüttelte ihr Wohnkästchen wie eine Maikäferschachtel, riß es mit einem ganzen Stück Gartenboden ab, mein saugender Rüssel faßte es, hob es empor und setzte es einige hundert Meter weiter in einem Wäldchen wieder nieder, wobei allerdings die ganze Sache ein wenig durcheinander kam[7]. Ich tat es so sanft wie möglich, denn es lag mir nicht daran, die Menschlein in der Holzkiste zu töten, sondern ihnen eine Lehre zu geben. Ich glaube, sie haben sich doch etwas gewundert, die klugen Ameisen!“

„Allah ist groß, und seine Werke rühmen Himmel und Erde!“ sagte der Samum. „Der Bruder aus Amerika kann Märchen erzählen wie ein Derwisch! Ein ganzes Haus durch die Luft tragen, das ist mehr, als die Propheten verkünden!“

„Tausend Donner!“ schrie der Tornado, „was sagt diese vertrocknete Wüstenmumie? Er hält meinen Bericht für Humbug!! By Jove, da soll doch gleich …“

„Nur Ruhe!“ beschwichtigte der Blizzard, „was uns der verwegene Bursche hier erzählt, ist leider alles richtig! Alle Zeitungen der Menschen haben alles Unheil, was er damals anrichtete, genau notiert, und die Gelehrten haben dicke Bücher darüber geschrieben. Sie nennen jene Taten den Wirbelsturm von Galveston.“

„Ja, old boys! Galveston! Das war es! Das ist die große Stadt am Ufer der mexikanischen Seen, über die ich hinfuhr, als die Wälder und Weiden von Texas hinter mir lagen. Ein Wagen mit einem Ochsengespann kam mir entgegen. Ich hob die ganze zappelnde Gesellschaft empor und trug sie von dannen. Gleich am Eingang der Stadt stand wieder so ein niedliches Spielzeug der Menschen, ein Haus mit vielen schnurrenden Rädern drin, die alle getrieben wurden durch einen Kessel, in dem Wasser kochte. Unter dem Kessel war Feuer, und ein hoher steinerner Turm stand draußen, der qualmte wie eine Pfeife. Ich gab ihm einen Rippenstoß, da fiel er um, brach das Genick. Dann riß ich den Wasserkessel aus der Wand und legte ihn draußen auf die Wiese. Dann erst ging ich in die Stadt und habe da noch manchen kleinen Scherz vollführt. Ein großer Platz war da inmitten der Häuser, und auf dem Platz stand ein mächtiges eisernes Ding mit hellen Lichtern daran, die den Platz beleuchteten. Ich habe mir redliche Mühe gegeben, dem alten eisernen Burschen zu einer Luftfahrt zu verhelfen, aber sie hatten ihn an schweren Steinplatten tief in den Boden eingeschraubt. Da er absolut nicht mitwollte, ergriff ich seine eiserne Säule mit meinem Rüssel und drehte sie sechsmal um und um, so daß ein Korkenzieher daraus wurde. Er steht noch so da. Die Menschen bewahren ihn als Andenken an meinen Einzug in die Stadt. Kandelaber heißt der verdrehte eiserne Kerl! – – Ich hob Türen und Fenster aus, deckte Dächer ab, zerriß tausend kupferne Spinnfäden, die die Leute überall auf den Dächern ausgespannt hatten, und spielte im Hafen, wo viele Schiffe lagen, zum Tanz auf, bis sie der Teufel geholt hatte.

Weit draußen auf See kam ich erst wieder etwas zur Ruhe, und gegen Abend schlief ich ein! Tausend Donner, es war ein arbeitsreicher Tag!“

Die Brüder Sturm schwiegen! Die Heldentaten des Amerikaners waren doch etwas zu stark. Sie erkannten, daß es ein gefährlicher Bursche war, und hüteten sich, mit ihm in Streit zu kommen. Nur der alte Blizzard ergänzte seine Erzählung und sagte: „Du hast vergessen zu sagen, daß deine Heldentaten bei Galveston fünftausend Menschen das Leben kosteten.“

„By Jove, war es so? Ich habe sie nicht gezählt! Aber in ihren Kriegen bringen sie sich ja selbst zu Millionen um. Mit Absicht tat ich es nicht. Ich blies einmal die Erde rein von allen faulenden Düften und tötete ungezählte Mengen von schädlichen Insekten und Bazillen, und das war für die Menschen auch etwas wert, denn es schützte sie vor Krankheiten und gab ihnen eine gute Ernte. – Nun aber erzähle du, alter Eisbart, der du immer nur andere auszankst, damit auch wir dir die Wahrheit geigen können!“

Der Blizzard strich seinen langen, vereisten Bart, räusperte sich und begann: „Ich bin alt und grämlich geworden. Mir fehlt die Glut des Samums, die Frische des Orkans, die Kraft des Tornados. Ich trage ein Totenkleid und breite es, wo ich wandle, über die Erde. In blendendes Weiß hülle ich die Welt, und über Nacht verwandle ich die bunten Bilder, die der Maler Herbst mit vieler Mühe hinzaubert, in Schwarz-Weiß-Kunst. Ich bin friedlich, und doch muß auch ich Menschen und Tieren und Pflanzen weh tun! ‚Der weiße Tod‘ nennen sie mich.

An einem Novembertage zog ich, als es mir auf den Höhen zu kalt wurde, schwer bepackt mit ungeheuren Schneewuchten durch Britisch-Kolumbien nieder zur Ebene. Als ich meine Schwingen ausbreitete, war der Himmel den Menschen verfinstert in eintönigem Grau, und am hellen Tage konnte man keine hundert Schritte weit sehen. Überall brannten die Menschen ihre Lichter an. Ich schüttelte meinen grauen Wolkenmantel, und ein Flockengestiebe begann, wie es die ältesten Leute der Gegend sich nicht zu erinnern wußten. In wenigen Minuten war die weite Welt in meine glitzernden Schleier von kristallenen Sternen eingehüllt. Der Schnee fiel so dicht, so schnell und schwer, daß niemand mehr Weg und Steg fand, meterhoch alles verweht war. Er fiel so dicht, daß es schien, als hüllte sich die Erde in eine weiße Dampfwolke. Niemand sah mehr etwas! Er sah den Baum nicht, der dicht vor seinen Augen stand, das Haus nicht, gegen das er im nächsten Augenblick anrannte.

Ein Viertelstündchen nur, und die Welt war nicht mehr wieder zu erkennen; kein Mensch konnte mehr laufen, kein Wagen mehr fahren. Unübersteigbare Schneemauern wehte ich zusammen. In den Straßen der Städte stockte alles Leben. Eiskalt pfiff ich daher und warf meine spitzen Eisnadelgeschosse zu Millionen dem Wanderer ins Gesicht. Die Straßen verödeten. Die Häuser schneiten ein. Die schwere Last der Schneewuchten zerriß das Spinnennetz, mit dem die Menschen von Haus zu Haus sprechen; Dächer brachen ein, und von den schiefen Flächen und Gesimsen stürzten Schneeberge gewuchtig in die Tiefe.

Die Dörfer waren eingeschneit; bis zu den Dachsparren lagen die niederen Hütten im weißen Pulverschnee. Die Menschlein versuchten sich herauszuschaufeln, aber mein eisiger Atem, der Anprall meiner spitzen Nadeln trieb sie zurück.

Eisenbahnzüge tobten mit heißer Wut, mit wildem Kreischen und Rädergerassel gegen mich an. Sie keuchten und schossen heiße Dampfstrahlen gegen mich. Ruhig drückte meine Hand die Spielwerke fest im glitzernden, weißen Meer. Da kreischten sie ihre Hilferufe in die Ferne, und andere Spielzeuge kamen, sie zu befreien! Es waren schnurrige Dinger. Sie sausten auf den Schienen dahin, stürzten sich mutig vorwärts. Ihr Dampf trieb große Flügelräder, die den Schnee in weitem Bogen seitwärts warfen. Sie pusteten und stöhnten, erlahmten, fuhren aufs neue wütend an. Ich ließ sie gewähren, bis sie ermattet und keuchend stillstanden und im weichen Schnee eingegraben waren, den sie vom Schienenweg räumen wollten, um den langen Zügen da draußen den Weg zu ebnen.

Alles stockte, alles erlahmte, nichts kam mehr vorwärts in dem wimmelnden Ameisengetriebe der Städte, und die Menschen waren verzweifelt über ihre Ohnmacht. Niemand kam in die Dörfer hinein, niemand heraus. Unablässig warf ich meine Schneewuchten nieder. Die Eisenbahnzüge staken ringsum fest in dem weißen Meer. Die Postwagen mit den Reisenden, die mitten in den stillen Bergtälern von mir überrascht wurden, versanken bis über die Achsen in den alles hemmenden Massen, und in ihnen saßen die Leute frosterstarrt als meine Gefangenen. Draußen auf der See verwandelte ich die Schiffe in abenteuerliche Gestalten. Ich bedeckte alle ihre Segel, ihre Masten und Rahen, ihre Geschütze und Winden, ihre Kommandobrücken, ihr Seilwerk mit ungeheuren Schneemassen, die langsam vereisten. Hilflos trieben sie einher, wie Schmetterlinge, die in ein Honigglas gefallen sind.

Die Hochwälder ächzten unter der Last der Schneewuchten, die die Wipfel trugen. Die Äste waren im scharfen Frost glasiert mit dicken Schneekrusten. Sie verloren ihre Biegsamkeit, und wenn ich durch die Forsten sauste, zerbrachen Riesenbäume, gebeugt von der Last, wie Glasstangen. Ganze Bergwälder zerstörte der Schnee- und Windbruch, und es ging ein Klagen und Wimmern durch Tann und Eichforst.

Aber ich bin ein alter Mann! Nicht lange währt meine Kraft. Nach wenigen Stunden lag ich selbst ermattet am Rande der Hudson-Bay. Die Welt hatte ich in blendendes Weiß verwandelt, mein Leichentuch deckte die Erde, doch die Sonne brach durch das Gewölk, und schon zerfraß sie die kunstvollen Eis- und Schneebauten, löste das Leben aus der Erstarrung.“

Der Alte schwieg.

„Brüder,“ sagte der Orkan, „wir haben uns nichts vorzuwerfen! Jeder von uns tat, was er mußte. Die Taube kann nichts für ihre Sanftmut, der Tiger nichts für seine Wildheit. Der Herr der Welt hat uns so erschaffen wie wir sind!“

Der Samum und der Tornado stimmten ihm bei. „Die Sitzung der Stürme in der Höhle des Demawend ist beendet,“ sagte der alte Blizzard. „Laßt uns nun von hinnen ziehen, jeder zu seinem Werk. Ich werde dem alten Wettergott alles getreulich berichten! Und nun laßt uns scheiden bis zum Wiedersehen am nächsten Familientage übers Jahr!“

Die Stürme erhoben sich. Sie breiteten ihre Schwingen und machten sich reisefertig.

„Allah sei Preis, daß ich aus eurer kalten Gegenwart erlöst werde!“ sagte der Samum. Er kroch hinaus ins Freie und verschwand, Wärme um sich breitend, gen Süden.

„Lebe wohl, Wüstensandfaß!“ schrie ihm der Orkan nach und brauste mit rollendem Donner und Regengüssen nach Westen zu, dem Lande Europa entgegen.

„Wir haben ein gutes Stück Weges gemeinsam, Eisbart,“ brüllte der Tornado. „Auf zum Dollarlande!“

„Du gehst mir zu schnell,“ winkte der Blizzard ab, „und außerdem ginge es den Menschen übel, wenn wir beide gleichzeitig über ihr Reich hinwegzögen. Geh’ nur voran, wilder Bursche!“

Da heulte der Amerikaner mit Getöse davon, und noch von weitem hörte man ihn brüllen: „Lebe wohl, alter Griesgram und Nußknacker!“

Dieser jedoch zögerte noch ein Weilchen, dann aber flog er in großen Höhen bedächtig seiner fernen Heimat zu, und Schneesternchen rieselten nieder auf die wilden Felsengipfel des Kaukasus.

Die Menschen drunten hörten stundenlang ein wunderliches Brausen hoch droben, wo die Adler kreisen: das Wanderlied der Stürme.

Seht, Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «das war die Geschichte von den Stürmen! Hört ihr, wie der Orkan auf den Schornsteinorgeln spielt? Zieht die Mützen über die Ohren und knöpft die Mäntel zu, und dann trabt heim. Liegt ihr dann im warmen Federbett und hört den Wind an den Fensterladen winseln, so gedenkt im Herzen jener, die da draußen in der weiten Welt, im Ozean, in Felsenbergen, im Sandmeer der Wüste ankämpfen gegen die wilden Burschen aus der Höhle von Demawend.»

Die sonderbare Welt
Das war einmal ein wirklich schöner Abend. Die Linden blühten in Ulebuhles Garten, und es war warm und still.

«Seht, wie klar die Sterne leuchten!» sagte der Alte. «Laßt uns das große Fernrohr aufbauen und sie betrachten.»

Da bauten wir den Himmels-Operngucker unter den Bäumen auf, und der alte Ulebuhle zeigte uns den Mond und die Gestirne.

O, was gibt es doch so viele Welten draußen im Sternenraum! Sonnen und Erden und Kometen die Menge. Ja, wer hätte es gedacht, daß die Erde nur wie ein Apfel an einem mächtigen Baum ist, und daß ringsum noch viele tausend Äpfel hängen. Aber mit dem Fernrohr sieht man es ganz genau, Berge und Täler, Wolken und Länder und Meere auf anderen Sternen.

«Da schaut einmal schnell hinein in das Glas,» rief der Alte. «Seht ihr die kleine mattschimmernde Kugel schweben? Das ist eine ganz, ganz ferne Erde. Uranus nennt man sie. Ach sie ist so fern, man kann sie kaum noch sehen, und bitter kalt ist es da, denn die Sonne kann kaum noch mit ihren Strahlen hinlangen, so fern ist das alles. Ja, das ist eine sonderbare Welt, und es läßt sich eine schnurrige Geschichte von ihr erzählen. Kommt in die grünumwachsene Laube, wo das Mondlicht so eigen flimmert, da läßt es sich gut plaudern von der sonderbaren Welt des Uranus, die eine ferne Erde ist.

Seht, da saß ein alter Professor und Sterngucker an seinem mächtigen Fernrohr und schaute hinein in das Sterngewimmel. Sonnen sah er schweben und Kometen in weiter Ferne. Aber das Schönste waren doch die Erdensterne, die Planeten, denn da sah man Länder und Meere und Schnee und Wolken.

„Ach ja,“ seufzte der alte Professor, „wenn man doch einmal wirklich da hinauf spazieren könnte, denn mit dem Fernrohr sieht man noch immer nicht genug. Eines weiß ich! Komme ich wirklich einmal in den Himmel, dann bitte ich den Herrn der Welt, zunächst einmal eine Reise nach den fernen Erden machen zu dürfen.“

Ja, so dachte der alte Sterngucker und grübelte so lange, bis er in seinem tiefen Lederstuhl einschlief, denn es war Mitternacht vorbei, und der Holunder blühte und duftete so stark, daß man ganz betäubt wurde.

Auf einmal ging die Tür des Sternwartenturmes auf, und der Tod trat herein. Er trug einen dunklen Mantel um sein bleiches Klappergebein, und auf seinem Schädel saß ein breiter schwarzer Schlapphut. Er trat auf den Sterngucker zu und sagte: „Lieber Herr Professor, Ihre Uhr ist abgelaufen. Wenn es Ihnen weiter keine Unbequemlichkeiten macht, so verlassen wir jetzt diese Welt und beziehen eine andere. Sie haben sich die Sterne siebzig Jahre von unten angesehen, nun werden Sie die Geschichte droben viel besser betrachten können, und die Erde dazu, denn die sieht man droben im Himmel auch als fernen Stern dahinschweben!“

Der alte Christian, des Professors Diener, der schon dreißig Jahre bei ihm war, erwachte plötzlich, denn er war in seinem Sessel ein wenig eingenickt. Er rieb sich verwundert die Augen. Sapperment, da stand der Tod bei seinem Herrn und holte ihn ab zur letzten Reise.

„Christian,“ sagte der Professor, „was willst du hier allein ohne mich auf der Erde? Wir gehören zusammen, also komm mit!“

„Ja,“ meinte der alte Diener, „das ist wohl das Beste, denn was wollen der Herr Professor ohne mich im Himmel anfangen? Herr Professor haben ein schlechtes Gedächtnis, verlegen fortwährend Brille und Schnupftabaksdose und Taschentuch und Schirm, vergessen Hut und Mantel beim Spazierengehen, da ist es besser, ich komme mit. Und was tue ich auch allein auf der Welt!“

„Mir ist es recht!“ meinte der Tod. „Die Uhr des alten Christian tickt auch nur noch schwach. Da ist es ein Abmachen!“

„Gut,“ sagte der Professor, erhob sich aus seinem tiefen Stuhle, nahm noch schnell eine Prise und schritt zur Tür.

„Halt!“ rief Christian, „vergessen Sie Ihren Schirm nicht, denn nun kriegen wir keinen wieder.“

Da schritten sie denn mit dem Tode davon, und in Sturmessausen ging es hinauf zum Himmel. Es dauerte gar nicht lange, so standen sie droben am Himmelstor, und Petrus kam, sie zu begrüßen. Der Tod aber machte seine Verbeugung und ging davon, denn er hatte alle Hände voll zu tun.

„Ah, Sie sind der berühmte Professor Quadratwurzel,“ sagte Petrus und strich seinen weißen Bart.

„Nein, nein,“ entgegnete der Professor, „so heiße ich nicht, ich habe nur ein dickes Buch über Quadratwurzeln geschrieben!“

„So, so!“ meinte Petrus, „das habe ich verwechselt! Aber nun kommen Sie, ich werde Ihnen einen guten Platz am Himmelsfenster aussuchen, da können Sie den ganzen Tag die Sterne sehen. Zu den anderen Professoren dürfen Sie nicht; jeder von ihnen sitzt allein, denn sonst streiten sie sich von früh bis spät, und Streit darf nicht sein im Himmel. Hier gleich links, Zimmer Nr. 3, gibt es die Flügel, denn Flügel müssen Sie haben im Himmel, sonst sind Sie nur ein halber Engel.“

„Ach,“ seufzte der Professor, „ich möchte noch gar nicht in den Himmel! Kann ich den lieben Gott nicht persönlich sprechen? Ich wollte ihm eine Bitte vortragen!“

„Um Himmels willen,“ rief Petrus, „das geht nicht! Erstens hat Gott Vater alle Hände voll zu tun, und dann ist er auf die Professoren nicht gut zu sprechen, weil sie beinahe alles besser wissen wollen als er selber! Aber tragen Sie mir nur Ihre Bitte vor; vielleicht kann ich sie erfüllen.“

„Ja,“ sagte der Professor, „mein ganzes Leben lang habe ich auf der Erde gesessen und habe mit dem Fernrohr nach anderen Erden geschaut, nun möchte ich doch gar zu gern einmal so eine ferne Erde besuchen. Und darum wollte ich den Herrgott bitten!“

„Und welche Erde soll das sein?“

„Nun, da ich auf der Erde gelebt habe, die dicht bei der Sonne schwebt, so möchte ich mal auf einem von der Sonne fernen Erdenstern Umschau halten. Vielleicht auf dem Uranus!“

„Na,“ meinte Petrus, „eine schöne Gegend ist das nicht, und Sie werden schön frieren, aber mir soll es recht sein, denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich! – Eins aber sage ich Ihnen: Länger als vier Wochen dürfen Sie nicht bleiben, denn Ihre Uhr ist nun mal abgelaufen, und Menschen mit abgelaufenen Uhren gehören in den Himmel oder in die Hölle. Das hat der liebe Gott so angeordnet, und es läßt sich nicht ändern! Und dieser Mann? Will er auch nach dem Uranus?“

„Ich ginge viel lieber in den warmen Himmel und sähe mir den ganzen Krempel aus der Ferne an,“ sagte der alte Christian, „aber mein Herr hat es anders bestimmt, und da kann der Christian nicht fortlaufen!“

„Gut, so wartet draußen vor dem Tor. Gleich wird ein Sternenbote euch von hinnen tragen, nach jener Welt, die ihr erwählt. In vier Wochen holt er euch wieder ab! – Auf Wiedersehen! – Halt! – Vergessen Sie Ihren Schirm nicht!“

Petrus verschwand.

Plötzlich fühlte sich der Professor von unsichtbaren Händen emporgehoben. Es rauschte wie schwerer Flügelschlag, und fort ging es wie Sturmessausen. Dem Professor vergingen die Sinne, er sah und hörte nichts, und als er wieder zu sich kam, fühlte er Boden unter den Füßen, und eine gewaltige, mit Posaunenton rufende Stimme sagte: „Sie sind auf dem Uranus, wie es Ihr Wille war. Hier ist Ihr Schirm. Leben Sie wohl!“

Da rauschte es wieder in der Luft, und der Unsichtbare enteilte.

 

Das erste, was der Professor spürte, war eine entsetzliche Kälte. Sie war so stark, daß im Augenblick der Hauch am Munde zu dicken Eiszapfen gefror und das Blut in den Adern zu erstarren drohte. Es blieb dem Sterngucker nichts anderes übrig, als schnell zu laufen, um sich warm zu machen. Aber er kam kaum vorwärts. Als ob er plötzlich aus Blei geworden wäre, so schwer war sein Körper, und trotz aller Anstrengung kam er nur ganz langsam weiter.

Der alte Christian trottete mühsam mit dem blaugrauen Riesenschirm hinterher.

„Ach du lieber Himmel, Herr Professor,“ seufzte er endlich und blieb stehen, „das ist ja eine jammervolle Welt! Diese Kälte, diese Schwere in den Gliedern, da haben wir richtig den Himmel mit der Hölle vertauscht!“

„Christian, maule nicht schon gleich zu Anfang! Der Uranus ist neunzehnmal weiter von der Sonne entfernt, und da muß es natürlich viel kälter sein als auf der Erde. Das habe ich vorher gewußt. Außerdem ist diese Weltkugel beinahe hundertmal größer als die Erde und zieht alle Gegenstände darum viel, viel kräftiger an. Das ist ganz ähnlich wie bei einem großen und einem kleinen Magneten. Darum sind wir hier so schwer. Das ist doch ganz in der Ordnung!“

„Schöne Ordnung,“ brummte Christian, „wenn einem die Nase abfriert und die Beine am Boden kleben!“

Ringsum war pechschwarze Nacht, und die Sterne flimmerten droben am Himmel. Nirgends sah man Baum und Strauch, keine Spur einer menschlichen Niederlassung, auch keinen Lichtschimmer in der Ferne, der sie verraten hätte. Die Welt des Uranus schien ausgestorben, unbewohnt. Rings türmte sich in gewaltigen Massen blankes Eis. Der eigentliche Boden war gar nicht zu sehen. Bei der furchtbaren, immer auf dieser Welt herrschenden Kälte konnte ja Wasser überhaupt nicht in flüssiger Form existieren.

Plötzlich wurde es unten am Horizont heller, und es dauerte nicht lange, so sah man einen sehr bleichen, nur ganz schwach leuchtenden Mond emporsteigen.

„Du lieber Gott,“ schimpfte Christian, „auf dieser elenden Erde taugt selbst der Mond nichts. Er ist so schwach wie eine Ölfunzel.“

„Sieh,“ rief der Professor, „da kommt noch ein zweiter Mond herauf.“

„Ja, und da ein dritter, noch kleinerer. Hier scheinen die Monde im Dutzend billiger zu sein!“

„Vier Monde hat der Uranus. Man kann sie von der Erde aus in einem großen Fernrohr deutlich sehen.“

„Aber sie taugen alle miteinander nichts,“ schimpfte der alte Diener.

„Sei still, Dummkopf!“ schrie erbost der gelehrte Mann. „Erstens sind sie viel kleiner als der Mond der Erde, und zweitens erleuchtet sie die ferne Sonne so wenig, daß sie nur ein schwaches Licht widerstrahlen. Es kann doch nicht alles hier so sein wie auf der Erde, Nörgelpeter. Sei froh, daß du anschaun kannst, was vordem nie ein Mensch gesehen!“

„Endlich ist es ein wenig heller geworden, im Licht der drei Tranlampen da oben, aber man sieht nichts als Eis und keine Spur von Menschen. Es ist Zeit, daß wir ins Warme kommen.“

Der Professor schwieg. Er war mit seinen Gedanken beschäftigt. Ja, der Uranus schien unbewohnt. – Sie wanderten noch ein gutes Stück, mühsam und ganz ermattet, da hielt der Gelehrte plötzlich inne. Nicht weit entfernt schimmerte aus dem Boden ein Lichtstrahl hervor. Sicher, da war eine Lampe unter der Erde, oder vielmehr unter dem Eise.

Auch der alte Diener sah es, und mit letzter Kraft humpelten die beiden Wanderer darauf zu. Richtig, da war eine Öffnung im Boden, so groß wie ein Brunnenschacht, und ein Gitterwerk verschloß sie. Man sah eine Treppe aus glänzendem Metall, die in die Tiefe führte, und Lampen beleuchteten den Weg hinunter in das Innere des Schachtes.

„Gott sei Dank!“ rief Christian. „Wo Lampen sind und eiserne Treppen, da sind auch vernünftige Leute; vielleicht vernünftiger als auf Erden,“ fügte er mit einem Blick auf seinen Herrn hinzu, aber der untersuchte schon das Gitter, um hineinzugelangen.

„Es läßt sich nur von innen öffnen,“ sagte er, „es muß hochgeklappt werden, denn es soll wohl das Hineinfallen von Steinen oder von Eis in den Schacht verhindern. Aber ich wette drei Jahre von deinem Leben, daß irgendein Signal vorhanden ist, das drunten in der Tiefe anzeigt, daß jemand hinein will, denn die Uranusmenschen werden doch wohl mal aus ihren unterirdischen Löchern hervorkriechen!“

„Ganz meine Meinung,“ sagte Christian. „Aber wenn wir nicht bald hineinkommen, sind wir erfroren. Ich kann kein Glied mehr rühren. Indessen schnuppert meine Nase warme Luft, die aus dem Schacht herausdringt. Himmel, was ist es kalt auf diesem vermaledeiten Urian!“

„Halt!“ schrie plötzlich der Professor, „ich hab’s. Da, diese Metallplatte; ich glaube, man muß mit dem Fuß darauftreten. Das wird das Signal sein, die Gitter zu öffnen.“

„Die Platte hat eine schnurrige Form. Wenn die Menschen hier solche Füße haben, dann müssen es Elefanten sein, mit Entenbeinen!“

Aber schon hatte der Professor die Fußplatte mit großer Anstrengung niedergedrückt. Freilich, er mußte das ganze Gewicht seines Körpers wirken lassen, ehe sie sich bewegte. Da gab es drunten irgendwo in der Tiefe ein merkwürdiges Signal. Es klang wie ein Nebelhorn. Bald darauf ertönte dasselbe Signal nahe dem Schachteingang.

„Ich bin gespannt wie ein Trommelfell und wie der Hahn einer Reiterpistole,“ sagte Christian und kraute sich hinter die Ohren. „Wenn es man gut abgeht! Wir haben keine Waffe als Ihren Regenschirm, Herr Professor, und damit kann man keine Schlacht gewinnen. Am besten ist es, wir rufen schleunigst den Flügel-Heinrich wieder, der uns hierher gebracht hat. Ich wollte, ich säße bei Herrn Abraham im Himmel, oder wenigstens auf unserer Sternwarte. Eben fällt mir ein, daß ich vergessen habe, die Blumentöpfe vor dem Fenster zu begießen!“

„Ruhig, alter Maulwurf!“ wisperte der Professor, „da kommt einer heraufgekrochen!“

Ja, man sah eine dunkle Gestalt aus der Tiefe aufsteigen, aber noch war nichts Näheres zu erkennen. Je weiter sie indessen nach oben kam, ins helle Licht, um so länger wurden die Gesichter der beiden Erdensöhne, und Christian zitterte wie ein Pappelzweig im Winde.

„Heiliger Chinchinchindra von Kalkutta,“ flüsterte er, und seine Haare standen wie Zündhölzer einzeln kerzengrade in die Höhe, „welch ein Monstrum kommt da angekrochen. Es ist eine ganze Menagerie zu einem einzigen Schnedderengteng zusammengekocht. Ich wollte, ich läge zwölf Klafter tief unter der Erde!“

„Ei, ei, ei,“ wisperte auch der Professor, „ein erschröcklich Exemplar von Menschenbruder im Sternenraum!“

Der Uranusbewohner war oben angelangt. Man sah ihn jetzt in voller Deutlichkeit.

Er war kleiner als ein Mensch. Kaum dreiviertel so groß. Sein Körper glich einer Kugel mit Armen und Beinen. Gewaltige Fettmassen polsterten das ganze Wesen aus. Die Beine waren dick wie Elefantenbeine, die Füße klumpig und unförmig, unten platt wie Teller oder Bleiplatten. Auf ihnen saß wie eine Kugel der ungegliederte Körper. Seitwärts ragten unförmig dick zwei Arme hervor. Die Hände hatten acht Finger, durch Schwimmhäute verbunden, und vorn hatten sie kleine Tellerchen, wie man sie bei manchen Fröschen findet.

Auf dem Rumpf saß – ohne Hals – ein merkwürdiger Kopf. Er war fast so groß wie der Leib. Seine Farbe war schwärzlich-grau, wie die eines Seehundes. Vor allem fielen die riesenhaften Augen auf. Sie waren so groß wie Obsttellerchen und tiefdunkel. Ohren waren nicht zu sehen am Kopfe, wohl aber ein rüsselartiger Mund. Kein Haar sproßte auf dem Kopfe oder im Gesicht. Die Haut glänzte wie die eines Seehundes.

Entsetzt traten die beiden Erdmenschen zurück, aber auch der Uranusbewohner schien erschreckt, und seltsame Laute, wie dumpfe Klarinettentöne, kamen aus seinem Rüsselmunde.

So blickten sich die Bewohner zweier verschiedener Erden lange erstaunt und furchtsam an. Dem Uranusmann erschienen die Fremden genau so häßlich und mißgestaltet wie er ihnen. Er trat fortwährend kräftig auf die Signalplatte, und hastig kamen von unten immer neue Gestalten gleicher Art herauf, bis der ganze Gitterraum von ihnen erfüllt war. Alle standen starr und aufs höchste verwundert.

Da trat aus dem Kreise einer hervor. Auf seiner Stirn glänzte ein blanker Stein wie ein Diamant. Er beleuchtete die Fremdlinge mit einer hellen Lampe und sprach mit eigenartiger, melodischer Stimme auf sie ein. Natürlich verstanden sie nicht, was er sagte.

Aber der Professor griff mit den Händen das Eis an, schüttelte sich vor Kälte und zeigte abwärts, in die Tiefe des warmen Schachtes. Und die Uranusmänner, die selbst unter der Kälte hier oben litten, verstanden sein Begehren. Ihr Führer öffnete das Gitter, und die ganze Gesellschaft, die Erdbewohner mit sich führend, stieg abwärts, hinein in die Eingeweide der Uranus-Welt. Und je mehr man in die Tiefe kam, um so wärmer wurde es. Mit Staunen sahen die Reisenden, daß sich hier eine ungeheure unterirdische Welt auftat. Es sah aus wie in einem großen Dachsbau, in dessen einzelnen Gängen Bienenwaben stehen. In mehreren Etagen übereinander zog sich ein Netz von unterirdischen Straßen hin durch das Gestein, und die Häuser oder vielmehr die Wohnungen waren zu beiden Seiten in die Felswände eingegraben. Es wimmelte überall von Uranusmenschen wie in einem Bienenstock von Bienen, und die in die Felswände gehauenen Wohnungen glichen wirklich Bienenstöcken mit Hunderttausenden von Zellen.

Ein merkwürdiges künstliches Licht beleuchtete die Straßen, die freilich nur eng und niedrig waren. Es gab aber auch solche, in denen unablässig kleine flinke Bahnen fast geräuschlos dahinglitten. Die Luft war gut hier unten und alles äußerst reinlich gehalten.

All diese Beobachtungen konnten die beiden Fremden freilich erst nach und nach machen. Zunächst brachte man sie durch den nur engen und selten benutzten Schacht bis zur nächsten Straßenetage und schob sie sofort in einen der flinken Bahnwagen. Freilich, sie mußten sich an die Erde setzen, denn für so große Wesen war die Uranuswelt nicht eingerichtet: keinen sah der Professor, der größer war als auf Erden ein sechsjähriges Kind, aber ihre Kraft übertraf ganz sicher die des kräftigsten Menschen.

Der Wagen glitt schnell durch die lange Gasse, blieb an ihrem Ende stehen und senkte sich langsam, wie ein Fahrstuhl, in die Tiefe. Man fuhr an verschiedenen Straßenetagen vorbei, und in einigen hundert Metern Tiefe bog die Bahn auf Befehl des Mannes mit dem glänzenden Stein auf der Stirn in eine Straße ein. Sie war breiter als die anderen und die Felswände reich verziert und mit seltsamen Zeichen bedeckt. Vor einem besonders prächtig geschmückten, hell beleuchteten Teil der Felsstraße hielt der Wagen. Viele Uranusmenschen liefen herbei, und als der Professor und sein Diener dem Gefährt entstiegen, erhob sich ein allgemeines Staunen und ein seltsames Durcheinanderschnattern von Klarinettentönen. Da sahen die Reisenden auch die ersten Frauen. Sie waren noch kleiner als die Männer, noch runder, und in seltsam glitzernde Gewänder gehüllt, die den Eindruck machten, als seien sie aus bunten Glasfäden gewebt. Sie fuhren entsetzt und schnurrige Laute aus ihren Rüsseln hervorstoßend zurück, als sie die schrecklichen Mißgestalten der Menschen sahen.

„Ach du lieber Gott,“ sagte Christian, „hübsch sind sie wirklich nicht, und nicht für einen Wald voll Affen möchte ich eine von ihnen heiraten!“

Die Menge machte gehorsam sofort Platz, als der Mann mit dem Stein dazu aufforderte, und dann betrat man den Eingang des Regierungsgebäudes. Man schritt durch beleuchtete, schön verzierte Felsengänge, und endlich wurden unsere beiden Freunde in ein Zimmer geführt, in dem auf dicken weichen Matten reichgekleidete Uranusmenschen saßen. Alle hatten mehrere glänzende Steine auf der Stirn, denn es waren hohe Beamte. Der in der Mitte aber trug ein funkelndes Diadem auf dem Kopfe, denn er war der Präsident dieses Teiles des Uranus-Reiches.

Staunen und Kopfschütteln auch hier. Erregtes Schnattern der Rüssel. – Dann hielt der Gitterwächter, der die Fremden zuerst gesehen, einen Vortrag über alles Geschehene. Der Präsident winkte, näher zu treten, und nun kam endlich der Professor dazu, eine Verständigung zu versuchen.

„Christian,“ hatte er schon unterwegs gesagt, „Leute, die solche Bahnen und Straßen, Kleider und Lampen haben, wissen sicher auch etwas von den Sternen, und sicher gibt es auch hier Sterngucker, und mit denen werde ich mich schon verständigen!“

Der Professor griff in die Tasche, zog Papier und Bleifeder hervor und malte Sterne hin, und schließlich eine ganze Anzahl Sternbilder, den großen Bären, den Orion und andere, die man am Himmel des Uranus genau so sieht wie am Himmel der Erde. Die Uranusmenschen sahen mit ihren großen Telleraugen andächtig zu, und plötzlich tuteten sie mit ihren Rüsseln erstaunte Töne. Ja, sie hatten begriffen. Sie zeigten nach oben, zur Decke, zum Himmel, und schleunigst sandte der Mann mit dem Diadem auf der Stirne einen Diener mit einem Auftrage fort.

„Ich wette, Christian, daß man einen Sternkundigen herbeiholen läßt,“ sagte der Professor, „und daß in den Leuten der Gedanke aufgeblitzt ist, daß wir Menschen von anderen Sternen sind!“

„Es ist das reine Klarinettenkonzert,“ meinte Christian, der alte Diener. „Wie wäre es, wenn ich dem Gevatter Urian mit den Kompott-Telleraugen mal ein Stücklein vorpfiffe, ‚Ach du lieber Augustin‘ oder so dergleichen. Sie würden es für unsere Sprache halten.“

Aber schon öffnete sich der Vorhang des Raumes wieder, und der Diener trat mit dem Manne ein, der hierher befohlen war. Es war ein ganz alter Uranusbewohner, das sah man auf den ersten Blick. Sein Seehundskopf zeigte tausend Falten, und vor seinen trüben Augen saß ein Ding, das sicher eine Art Brille war. Er ging gebeugt und stützte sich auf einen dicken Metallstock.

„Himmel,“ sagte der alte Christian, „das ist sicher ein Urian-Professor und Sterngucker. Ja, ich glaube, die sind auf allen Sternen gleich. Nun, seine Brille kann er so leicht nicht verlegen wie mein Herr, der sie bald in die Zuckerdose hineinlegt und bald in den Briefkasten steckt und dafür die Briefe in der Rocktasche herumträgt, denn diese Brille ist so groß, daß man darüber stolpern kann!“

Der Ankömmling hatte inzwischen mit Ehrerbietung den Präsidenten begrüßt. Sicher hatte er schon die neue Nachricht von dem Eintreffen seltsam fremdartiger Wesen vernommen und betrachtete sie jetzt durch seine Brille wie wir einen seltenen Käfer. Dabei schwibbte sein Rüssel, schnurrige Grunztöne ausstoßend, auf und nieder.

Der Professor jedoch hielt ihm plötzlich das Blatt mit den Sternen vor Augen, und der gelehrte Uranussterngucker, denn ein solcher war er wirklich, erkannte sie sofort und sprach erstaunt auf seine Landsleute ein. Der Professor deutete auf die Sterne und auf sich, und machte durch allerlei Zeichen klar, daß er und sein Begleiter aus dem Sternenraum zum Planeten Uranus heruntergekommen wären.

Da verschwand der Uranussterngucker und kam nach kurzer Zeit mit einem großen Metallkasten wieder. Er enthielt feine Metallblätter, die mit rot gefärbten Zeichnungen bedeckt waren. Es war so etwas Ähnliches wie ein Himmelsatlas. Da nahm er ein Blatt hervor, auf dem war die Sonne abgebildet und alle Erdkugeln, die sie umkreisen. Der Professor deutete mit dem Finger auf den Uranus und dann auf die Leute ringsum. Sie machten Zeichen der Zustimmung. Ja, man befand sich auf dem fernen Erdenstern Uranus. Dann aber deutete der Professor auf sich und Christian und legte den Finger auf den Punkt der Karte, wo nahe der Sonne die Erde abgebildet war.

Der fremde Astronom hatte ihn begriffen. Er gab Laute höchsten Erstaunens von sich und erklärte seinen Gefährten, daß jene seltsamen Geschöpfe aus den warmen, sonnennahen Räumen stammten, von jenem fernen Sternlein, das man nur schwer selbst in den besten Fernrohren auf dem Uranus zu sehen vermochte.

Lange versuchte man noch, sich zu verständigen, bis endlich Christian, der es vor Hunger nicht mehr aushalten konnte, mehrfach sehr deutlich gegen seinen Bauch klopfte und mit den Fingern in den weit geöffneten Mund fuhr. Er hatte die Freude, daß man ihn begriff.

„Mein Herr, der Professor, ist so zerstreut, daß er seelenruhig verhungert, ohne es zu bemerken,“ sagte er knurrig.

Alle erhoben sich. Offenbar war es auch Ruhezeit geworden, denn in den Straßen wurde es still. Man führte die Erdensöhne in ein schön durchwärmtes Gemach, mit eigenartigen Möbeln und Lagerstätten, die aus gepolsterten Säcken oder Häuten bestanden. Auf warmen Metallschalen brachte man Speisen verschiedenster Art. Sie schmeckten nicht schlecht, aber es schien nichts dabei zu sein, das aus dem Pflanzenreich stammte, und vor allem waren sie unseren Freunden zu fett.

Endlich waren sie allein, und auf ihren Lagern ausgestreckt, besprachen sie noch lange die seltsamen Erlebnisse.

„Wollen mir der Herr Professor nur mal erklären, weshalb unsere Urianbrüder so gräßliche Kerle sind?“ sagte endlich Christian und machte sich aus seinem Sacktuch eine Nachtmütze zurecht, denn ohne diese konnte er nicht schlafen. „Ich werde die ganze Nacht von ihnen träumen, wie damals, als Herr Professor mit mir in Afrika waren, wo wir den vermaledeiten Tausendteufelsbraten von Riesen-Seespinnerich sahen!“

„Ach, Christian!“ rief kopfschüttelnd der Professor, „du bleibst doch immer der alte Holzkopf, trotzdem du nun schon dreißig Jahre bei einem gelehrten Herrn Dienste tust! Wir erscheinen ihnen ebenso häßlich wie sie uns. Du mußt doch bedenken, daß jedes Geschöpf von der Natur so ausgestattet wird, wie es für seine Welt zweckmäßig ist. Darum hat der Fisch Flossen und atmet durch Kiemen, und darum hat der Vogel Flügel und haben die Raubtiere eine feine Nase, zum Wittern ihrer Beute. – Nun sieh mal, mein guter Christian: Der Uranus ist eine kalte und dunkle Welt, die ganz wenig Wärme und Licht von der Sonne erhält. So haben die Leute hier möglichst große Augen, um recht viel Licht damit einfangen zu können. Die Luft ist sehr dicht und leitet den Schall sehr kräftig. Du merktest selbst, wie mächtig unsere Stimmen droben erklangen. Die Uranusleute brauchen also keine Ohrmuscheln am Kopfe wie wir, zur Verstärkung des Schalls, und darum hat ihnen die Natur auch keine gegeben!“

„Und wie ist es mit ihren Rüsselnasen, Herr Professor? Sie könnten beinahe einen Fünfer mit vom Boden aufheben, wie der Elefant Jumbo in der Menagerie, der Herrn Professor damals die Regenschirmkrücke abriß!“

„Nun, Geschöpfen, die nicht gut sehen können, gibt die Natur dafür meist eine gute Nase. Alle Rüsseltiere sind Nasentiere, können dafür aber schlecht sehen. Wegen der Dunkelheit auf dem Uranus können die Leute hier trotz ihrer großen Augen nicht besonders viel sehen, daher brauchen sie die große Rüsselnase.

Du siehst außerdem, daß sie dick und rund sind, eine dicke Fettschicht ihren Körper bedeckt. Bedenkst du aber, daß magere Leute, wie wir beide, leicht frieren, und daß die Eskimos, die am Nordpol der Erde leben, ebenfalls fett sind und auch viel Fett essen, weil es die Kälte besser ertragen läßt, so siehst du wohl, daß alles seine Ursache hat. Die Leute sind hier ferner sehr kräftig und plump gebaut. Es hängt damit zusammen, daß auf dieser mächtigen Weltkugel alle Dinge schwerer sind und die Menschen mehr Kraft brauchen, um Steine zu heben, sich fortzubewegen und dergleichen. Da hat ihnen die Mutter Natur eben kräftigere Muskeln und Knochen gegeben!

Du siehst, alles läßt sich erklären, und wenn wir länger hier sind, werden wir alles verstehen. Eins ist wohl sicher. Auf der Oberfläche dieser Welt leben keine Menschen, denn sie ist dunkel und vereist. Sie bauten sich ihre Städte tief unten, wo es warm ist. Auch die Erdkugel ist ja im Innern noch heiß, und je tiefer man hinabsteigt in die Bergwerke, je wärmer wird es. Ebenso scheint es hier zu sein. Morgen will ich versuchen, mehr darüber zu erfahren!“

„Vielleicht steigen wir morgen hinauf, wenn es Tag ist, die Sonne scheint und wärmt, Herr Professor!“

„Da kannst du lange warten, Christian, einige zwanzig Jahre vergehen, bis es hier wieder Tag wird, wenn man dieses trübe Sonnenlicht hier Tag nennen kann. Diese Gegend auf dem Uranus hat ungefähr vierzig Jahre Tag und Sommer, und dann wieder vierzig Jahre Nacht und Winter!“

„Um des Himmels willen, was für ein verrückter Stern ist das!“ rief Christian. „Vierzig Jahre lang sieht man die Sonne nicht und lebt wie ein Schlamm-Molch in tiefster Finsternis, und dann wird es wieder vierzig Jahre nicht dunkel? Nein, das ist keine Welt für mich! Wenn nun hier jemand während der langen Nacht geboren wird, da kann er, wenn er mit vierzig Jahren stirbt, niemals in seinem Leben die Sonne sehen. Und die lange Nacht, das ist etwas für Riesenfaulpelze!“

„Nun, Christian, die Leute wohnen ja hier unterirdisch bei künstlichem Licht und werden schon durch eine ihnen angenehme Einteilung des Tages Arbeit und Schlaf trennen. Aber hier, nahe dem Südpol des Uranus, ist es tatsächlich so, wie ich dir sagte. Der Uranus braucht vierundachtzig Jahre, um einmal die Sonne zu umwandern. Zweiundvierzig Jahre lang ist der Südpol dieses Erdenballes der Sonne zugekehrt, und dann kommt wieder zweiundvierzig Jahre lang der Nordpol an die Reihe. Wir sind hier, wie mir mein Uranuskollege klarmachte, nahe dem Südpol und befinden uns in der zweiundvierzigjährigen Nacht. Wollen wir also die Sonne sehen und die dicht bei ihr dahinziehende Erde, so müssen wir zur anderen Halbkugel hinüber reisen. Und das wollen wir morgen in Begleitung des Astronomen und eines hohen Staatsbeamten auch tun. – Jetzt aber wollen wir schlafen, mein Freund, denn ich bin todmüde.“

Sie drehten sich jeder auf die andere Seite, und als sie die Köpfe auf die Polster legten, erlosch auch das Licht an der Decke.

Die beiden Erdensöhne erwachten durch ein wohl drei Minuten währendes, melodisches Summen, das die ganze Uranuswelt durchtönte. Es war das Signal, das den Beginn des neuen Tages verkündete. Sie erhoben sich von ihren Lagern, und alsbald flammte auch das Licht wieder auf. Christian machte nun erst eine „Entdeckungsreise“ durch die Räumlichkeiten, wie er sagte. Und man war hocherfreut, alles vorzufinden, was man brauchte. Da floß in einem Nebenzimmer unablässig warmes Wasser in eine in den Felsen gehauene Wanne, und in einem Nachbarraum war auf Matten am Boden die Tafel gedeckt. Da die Uranusbewohner sehr klein waren, zudem die Anlegung der Gänge, Wohnungen, Straßen in den Felsen eine gewaltige Arbeit machte, weshalb man sie so niedrig wie möglich baute, konnten unsere Freunde nur gebückt gehen, was recht unbequem war. Die Uranier pflegten auf Matten am Boden zu sitzen, und die Erdensöhne mußten es ihnen schon des Raummangels wegen nachtun. Da saßen sie nun vor ihrem Frühstück und fanden, daß es sich hier ganz gut leben ließ. In Heißwasserbädern standen Krüge mit einer nach Fleischbrühe schmeckenden Flüssigkeit. Kleine warme Pasteten lagen in einem ebenfalls im heißen Wasser stehenden Metallkasten, und Christian fand, daß sie recht wohlschmeckend waren.

„Das heiße Wasser scheint in dieser Welt eine große Rolle zu spielen,“ sagte der Professor und nahm eine Prise. „Hätte ich nur meine Tabakspfeife bei mir,“ klagte der alte Diener, „dann wollte ich mit Herrn Professors Erlaubnis ein paar Züge tun, denn das Rauchen ist nun mal meine Leidenschaft.“

„Es scheint,“ sagte sein Herr, „als rauche man hier nicht. Wahrscheinlich, um die Luft reiner zu erhalten, denn natürlich ist es keine Kleinigkeit, in diesen unterirdischen Städten gute Luft zu schaffen. Sieh, das Ding, das da oben in der großen Deckenöffnung schnurrt, ist sicher ein Ventilator. Der Schacht, durch den wir hinabstiegen in diese Unterwelt, scheint ein Luftkanal gewesen zu sein.“

Über der Tür leuchtete plötzlich eine rote Lampe auf. Gleich darauf betrat der Uranus-Astronom mit einem anderen Manne, der drei Steine an der Stirn trug, die Hoheitszeichen der Uranier, den Raum. Sie begrüßten ihre Gäste, indem sie sich mehrmals mit den Fingern auf den glänzenden Kopf klopften und einen hellen Ton ausstießen, der wie ein kurzes Trompetensignal klang. Unsre Freunde versuchten das, so gut es ging, zu erwidern, wobei der Professor mit seinem ebenfalls glänzend-kahlen Schädel im Vorteil war. Nach einigen Andeutungen, ob die Fremden gut geschlafen und gespeist hätten, machte man ihnen klar, daß die Reise zur Nordhalbkugel beginnen könne. Erst suchte der Professor noch seine Brille, die Christian endlich im Schlafsack fand – „wahrscheinlich hat er sie nachts auf den Hühneraugen gehabt!“ brummte der alte Diener – und dann ging es fort.

Man bestieg einen kleinen, besonders bereitgestellten Bahnwagen, der für eine längere Reise eingerichtet war, und in schneller Fahrt sauste man dahin, bald geradeaus, bald senkrecht tiefer hinein in die unterirdische Welt, auf schnellstem Wege dem Ziele zu. Durch Zeichen und durch Zeichnungen auf Metallplatten gaben die Uranier nun alle möglichen Erklärungen und Schilderungen ihrer seltsamen Welt. Da erfuhr der Professor dann folgendes:

Zur Zeit lebten keine Menschen mehr auf der Oberfläche des Sternes; die Kälte war zu stark, und die langen Zeiten der Finsternis verhinderten höheres Leben. Aus Spuren, die man am Äquator, da, wo es noch am wärmsten und hellsten war, gefunden hatte, ging hervor, daß vor grauen Zeiten wilde Menschen da gehaust, als die Oberfläche dieser Welt noch wärmer war, weil das innere Feuermeer noch bis dicht unter die Erdkruste flammte, sie wie eine Ofenplatte erwärmte. – Jetzt hausten am Äquator nur noch wenige Tiere mit mächtigen Zottelpelzen, die sich von Flechten und Moosen ernährten, die da spärlich wuchsen.

Seit vielen Jahrtausenden lebten die Uranier unterirdisch. Die Städte lagen in Etagen übereinander. Je tiefer sie lagen, je wärmer waren sie. Luft wurde durch große Pumpwerke in Schächten herabgeführt, die verbrauchte Luft oben abgesaugt.

Es führten Schächte aus den tiefen Städten hinunter bis zu Stellen, wo es siedeheiß war. Dahin leitete man auch das Wasser unterirdischer Quellen und Seen und verdampfte es. So erhielt man die Kraft zum Treiben von Maschinen. Im Gestein fand man überall Metalle, aus denen alle möglichen Gebrauchsgegenstände hergestellt wurden. In mächtigen unterirdischen Höhlen wuchsen filzige Flechten, aus denen man Stoffe für Kleider webte. Auch Tiere seltsamer Art, zumeist mit dichtem Haarkleid, hausten da und wurden gezüchtet. In warmen Seen gab es Fische und Muscheltiere, große eßbare Würmer und dergleichen. So ließ es sich ganz gut da unten leben, und niemand kam auf den Gedanken, daß es anders sein könnte, denn die Gewohnheit schafft des Menschen Glück.

Der Professor notierte sich das alles sorgfältig. „Wenn ich im Himmel bin, werde ich ein großes Buch darüber schreiben. Vielleicht kann es zur Erde gebracht werden, und dann ärgert sich mein Kollege Sauerbrot, daß er es nicht schreiben konnte!“ sagte er fröhlich.

Dann erzählte der Professor, ebenfalls durch Zeichen und Zeichnungen, von der Erde, und so verging die Zeit. Der Bahnwagen rollte durch Orte und kam an Bergwerken vorbei, er fuhr durch mächtige Höhlen, in denen Seen lagen, und kam einmal so tief hinein in die Unterwelt, daß der Professor und sein Diener sich vor Hitze nicht zu lassen wußten. „Am Gottes willen,“ sagte der, „hier kommt man auf seine alten Tage noch an den Bratspieß wie eine Ente!“

Endlich aber, nach vielen Tagen, hatte die Fahrt ein Ende, und man entstieg dem Gefährt. Jetzt, deutete der Uranusbeamte an, geht es durch die Oberwelt. Wir sind auf der südlichen Halbkugel und werden die Sonne sehen. Alle hüllten sich in mächtige Pelze, und man stieg durch einen Luftschacht hinauf. Es wurde kälter und kälter, und schließlich war man am Gitter angelangt, trat hinaus.

Ja, da war es Tag und Sommer! Aber was für ein „Tag“, und was für ein „Sommer“! Ein trübes Dämmerlicht, gegen das eine mondhelle Nacht auf Erden blendende Lichtfülle gewesen wäre, lag über der vollkommen vereisten Landschaft. Am Himmel standen die Sterne, und nahe dem Horizont glänzte ein blendend heller Stern von mächtigem Glanze: die Sonne!

„Da ist die Sonne, die liebe Sonne!“ rief der Professor und deutete mit dem Regenschirm auf den wundervollen Stern. „Dicht dabei muß auch unsere Heimatserde schweben!“

„Was, dieser Stern ist unsere mächtige Sonne? Oh, wie hat sie sich verändert!“ rief Christian. „Und wo ist die Erde?“

„Sie steht von hier aus gesehen ganz dicht bei der Sonne, verschwindet in ihren Strahlenflügeln. Nur ein großes Fernrohr kann sie uns sichtbar machen!“

Der Uranus-Astronom winkte. Man begab sich etwas abseits, wo schon für die Erdengäste ein Fernrohr aufgebaut war, das freilich ganz anders aussah wie irdische Ferngläser und aus großen Metallspiegeln bestand. Es wurde auf die Sonne gerichtet, und dann wurde das Erdensternlein gesucht.

Der Alte zog den Professor näher. Er schaute hinein in den Spiegel. Ja, da schwebte ein zitterndes Lichtpünktchen: die Erde!

„Ach, du lieber Gott!“ rief der enttäuschte Christian, „dieses Fünkchen, das aussieht, als sei es aus meiner Tabakspfeife geflogen, ist unsere Erde? Nun, ich glaubte wenigstens, unser Haus mit der Sternwarte zu sehen und die Blumenstöcke vor dem Fenster, die nun wohl schon ganz vertrocknet sind! Himmlische Güte, das ist die Erde!“

„Ja, das ist sie,“ sagte der Professor.

„Nun, ich wollte, wir wären wieder dort, ich könnte Herrn Professor wieder die Pantoffeln hinter dem Ofen wärmen, meine Pfeife im Garten rauchen und aufpassen, daß die jungen Studenten nicht der Katze eine alte Bratpfanne an den Schwanz binden!“

Auf einmal rauschte und brauste es in der Höhe, und eine Posaunenstimme rief nieder aus den Wolken. Die beiden Uranier bekamen einen Todesschreck. Ihre Augen rollten wie Kegelkugeln, und ihre Rüssel schnoberten entsetzt in der Luft herum. Dann aber liefen sie schleunigst zum Schacht und verschwanden in der Tiefe.

Die Stimme aus der Höhe rief abermals:

„Wo seid ihr, Erdensöhne? Eure Zeit ist abgelaufen!“

„Heiliger Chinchinchindra von Kalkutta,“ raunte Christian dem Professor zu, „es ist der Flügel-Heinrich, der uns in den Himmel zurückbringen will.“

„Ich will aber nicht in den Himmel!“ schrie wütend der Professor.

Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter, er ließ vor Schreck den Schirm fallen, denn blendende Helligkeit war mit einem Male um ihn. Dann riß er weit und erstaunt die Augen auf.

„Ich will nicht in den Himmel!“ schrie er noch einmal.

„Ja, wollen Herr Professor denn in die Hölle, um Gottes willen!“ sagte die Stimme seines alten Dieners neben ihm.

„Ich will auf dem Uranus bleiben, zum Geier!“

„Auf dem Uranus??? – Wie kommen Herr Professor denn auf den Uranus?“

„Christian, du schrecklicher Holzkopf, bist du denn ganz und gar übergeschnappt? Wir sind doch auf dem Uranus.“

„Erlauben der Herr Professor, ich bin auf der Erde.“

„Ja, wie kommst du denn auf die Erde?“

„Genau so wie der Herr Professor! Ich wurde eines Tages da geboren, ohne meine Einwilligung! Aber Herr Professor machen mich ganz ängstlich! Herr Professor sind doch nicht krank und fiebern? Ich lag drinnen auf meinem Ruhebett, auf einmal höre ich Herrn Professor laut schreien. Ich eile herbei, da finde ich Herrn Professor am Fernrohr im Stuhl eingeschlafen. Es ist ja schon gegen Morgen, und die Sonne muß bald aufgehen. Herr Professor scheinen lebhaft geträumt zu haben.“

„Geträumt? Nur geträumt? Ja, ist denn nicht mein Regenschirm auf dem Uranus liegengeblieben?“

„Er steht noch immer da bei der Tür in der Ecke, Herr Professor!“

„Ja,“ sagte der alte gelehrte Herr und erhob sich mühsam und mit steifen Gliedern aus seinem tiefen Stuhl, „ja, dann war das alles ein Traum!“

Er rieb sich die Augen und schlurfte kopfschüttelnd hinweg.»

Fußnoten
[1] „Lähn“ nennen die Tiroler die Schneelawinen.

[2] Das Käuzchen gehört zu den Eulen, und sein eigenartiges Geschrei vermag im nächtlichen Walde furchtsame Leute zu erschrecken.

[3] 30 Faden = 55 Meter.

[4] Kalfatern nennen die Seeleute das Dichtmachen eines Fahrzeuges durch Werg und Pech.

[5] Die Wissenschaft von den Sternen heißt „Astronomie“, und die Sternkundigen nennt man „Astronomen“.

[6] Guten Tag, meine teuren Brüder!

[7] Diese sowie andere hier erzählte Sturmwirkungen sind in der Tat so geschehen.