Nachtgespräche by Auguste Hauschner

Die
Bücherlese

Nachtgespräche

von
A. Hauschner

Verlag Paul List – Leipzig

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1919 by Paul List, Leipzig

Druck von Grimme & Trömel in Leipzig

Nachtgespräche

Ich erlebte es auf einer Reise von Berlin nach Wien. Der graue Tag war vorzeitig in die Nacht hineingeglitten. Die Lampen in den Abteilen waren noch nicht angesteckt. Nur aus den Kronen der verschneiten Bäume, die rechts und links den Zug umsäumten, fiel durch die trüben Scheiben ein unsicheres Licht. Die Menschen saßen wie in Käfige gepfercht, ohne Rücksicht auf die Vorrechte, die sie ihrem Fahrschein dankten. Neben der Dame der Soldat, Körper an Körper Herr und Bauer. Zwischen den Bänken, auf den Gängen drängte sich die Menge in unerwünschter wahlloser Gemeinsamkeit. Keuchend, schnaubend, als schnappe sie nach Atem, schleppte eben die Maschine ihre schwere Fracht über eine kleine Steigung. Oben angelangt, wollte sie die Fahrtgeschwindigkeit erhöhen, als sie sich mit einem Ruck, unter dem die ganze Wagengliederung sich bäumte, aufklirrend nach rückwärts warf. Grell schrie sie auf. Gleich einem Blutstrom spie sie Rauch und Funken. Ein Zittern lief durch ihre Flanken. Sie stand still. Eine gewissermaßen gefrorene Bewegung bekundete sich in der eingekeilten Menschenmasse. Aller Wahrscheinlichkeit entgegen gelang es einigen geschickten Händen, verklemmte Türen aufzureißen. Wer konnte, kletterte hinunter, von oben wurden Fragen in die Dunkelheit geworfen. Die Unruhe hatte ihren Höhepunkt erreicht, als die Beamten kamen, Aufklärung verbreitend: Fahrtunterbrechung. Vor der nächsten Haltestelle ist ein Zug entgleist.

Aufschwirrende Gerüchte von Beschädigung des Bahnkörpers, Aufreißen der Schienen, begegneten dem gleichen Achselzucken wie die Wißbegierde nach der Dauer des unfreiwilligen Aufenthalts. Immerhin mußte die Mitteilung zu denken geben: es stehe jedem frei, auszusteigen und im nächsten Dorf ein Obdach aufzusuchen oder sich in seinem Abteil einzurichten. Der Zug werde auf ein totes Gleis verschoben, wo ihn weder Störung noch Gefahr bedrohte.

Ich schloß mich einer kleinen Anzahl Mitreisender an, die einem schlechten Nachtquartier den Vorzug stundenlanger Gefangenschaft in Mißgeruch und dichter Menschennähe gaben.

Wir standen, ein Häuflein schwarzer Punkte, auf dem hartgefrorenen Bahnsteigboden. Soweit das Auge reichte, keine Anhäufung von Lichtern kräftig genug, um das Dasein eines Dorfes zu verraten. Nur hier und da gegen das Massiv der Nacht ein Aufblinken, als ob ein Glühwürmchen vorüberflöge. Wir schlugen aufs Geratewohl einen nach rechts abbiegenden Feldweg ein. Wortkarg marschierten wir, die erstarrten Finger von der Last des Handgepäcks zerschnitten.

»Haus in Sicht!« meldete die Vorhut. Klein, unscheinbar, der Giebel saß auf dem Erdgeschoß wie eine zu weite Mütze. Das Geräusch herannahender Schritte reizte den im Inneren des Gehöfts frei umherlaufenden Hund zu einer wütenden Begrüßung. Im weiten Umkreis stimmten ihm die Brüder zu. Inmitten eines mißtönigen Bellkonzerts begannen die Verhandlungen mit dem Besitzer, der, unwirsch, eine Bildsäule der Gastfeindschaft, den Eingang mit seinem breiten Rücken sperrte. Er mochte die Zahl der Brotschnitten berechnen, die zu beschaffen wären, um so vielen Eßwerkzeugen zu genügen. Erst die Versicherung, es gehe uns vor allem um ein Feuer, den erstarrten Leichnam aufzutauen, zerbrach den langsam ausgehöhlten Widerstand. Das Fremdenzimmer wurde aufgeschlossen, der Bauch des Kachelofens mit einem Armvoll Holzscheiter gespeist, durch kleine elektrische Laternen, den Taschen einiger der Reisenden entnommen, das Dunkel notdürftig aufgehellt.

Unter dem Bann des einander Fremdseins sprachen wir wenig während unserer emsigen Geschäftigkeit. Erst als der Tisch, in das mittlerweile angewärmte Klima der Ofenbank gerückt und bestellt mit freiwilligen Gaben, einen anheimelnden Anblick bot, bemächtigte sich unserer, die wir uns um ihn gesellten, trotz der Verschiedenheit der Elemente, das Gefühl einer Verbundenheit. Wir vertieften es, indem wir uns gelobten: keiner soll den Namen des anderen befragen. Der Zufallswind hat uns hereingeweht, wir können in diesem Dämmerlicht kaum unsere Züge unterscheiden. Laßt uns auch nicht wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Entfliehen wir für eine Nacht der Wirklichkeit.

So, gleichsam unter Schutz von Masken, kam uns Sicherheit und Wunsch, etwas von uns auszusagen. Selbsterlebtes? Selbsterdachtes? Wer vermochte zu ergründen, ob sich Bekenntnisse verbargen unter den Erzählungen, mit denen wir die Stunden der Gefangenschaft verkürzten?

Für mich war diese Nacht die bunteste, erkenntnisreichste meines Lebens. In der Gesellschaft von Fremdlingen, in einem unbekannten Hause habe ich sie verwacht. Ich konnte zwischen Tagesende und dem Anbruch eines neuen Morgens, wie durch offene Fenster, in die Seelen von Menschen verschiedener Stände, Weltanschauungen und Religionen blicken und sie auf dem Wege einer inneren Erschütterung begleiten. Den Aufzeichnungen, die sich mein Gedächtnis machte, habe ich in den nächsten Wochen aus der Erinnerung, Form und Zusammenhang gegeben. So ist dieses Buch entstanden.

Wir bestimmten, als Pfadfinder gewissermaßen, einen Vierschrötigen mit nachlässiger Haltung. Er sagte lächelnd:

»Ja wissens, ich bin halt ein Deutschböhme, ein Prager. Da hat man sich sein Lebtag mit seinen lieben Mitbürgern von der anderen Nationalität herumgerauft. Da ist beständig Unfrieden gewesen, und es ist immer allerhand passiert. Ich hab’s satt gekriegt und bin davon ins Reich. Aber ich will Ihnen was erzählen, das hab’ ich selbst noch miterlebt, ehe ich auf immer weg bin aus meiner Vaterstadt.«

Er strich den blonden Vollbart behaglich auseinander und schlug ein Blatt aus der Geschichte seines Landes vor uns auf.

Panik

Eine Prager Geschichte

Sie gingen ihrer dreißig aus der Ortschaft Motice heraus, dem Bahnhof zu. Voran die Männer mit dem Vinzenz Zastoupil als Führer. Hinter ihnen, in regellosen Reihen, die Weiber, von denen einige das Brustkind in den Armen trugen. Dann kamen die jungen Mädel, in ihre Liebsten eingehängt. Und ganz zuletzt kam noch die alte Babi Skoupek, die sich auf Stöcken mühsam fortbewegte. Sie gingen durch die winterlichen Felder, unter den beschneiten Bäumen, deren Zweige sich im Nachtwind ächzend hin und her bewegten und ihnen feuchte Flocken in den Nacken warfen. Aus dem bewölkten Himmel fiel kein Licht herab; das Auge sah die Straße nicht. Oft versank der Fuß im Schlamm, stieß an Steine, scheute über Wurzeln. Dann gab es einen Aufschrei, einen Fluch, ein Lachen. Doch ohne anzuhalten wanderten sie weiter.

In kurzen Pausen stieg aus jungen Kehlen mehrstimmiger Gesang. Die schwermütig weichen Töne eines Volksliedes mischten sich in das Gespräch der Alten, die eifrig überlegten, ob sie den Zug auch noch zur Zeit erreichen würden. Und ob das Gerücht vielleicht doch falsch sei. Es war ja auch kaum glaublich: die česka spořitelna, die große, reiche Sparkasse der Deutschböhmen, sollte zugrunde gehen! Freilich: der Vinzenz hatte heute gelesen, wer noch etwas kriegen wolle, der müsse laufen. Und was gedruckt ist, schwarz auf weiß, muß wahr sein. Damals den Krach der Wenzelskasse, den hat auch niemand glauben wollen. Und waren doch da noch andere Sicherheiten – bei der Kirche! – als bei diesen Hunden, den verfluchten Deutschen …

Bei solchen Reden schoß die Angst von neuem in das Blut der Bauern. Ihre Schritte wurden schneller, und ihre Finger betasteten den Schatz, den sie versteckt am Körper trugen. Das dünne Buch, den Ausweis ihrer schwer ersparten Gulden. Dem Anton Zimprich sollten sie ein Schwein verschaffen. Der Marie Lukesch die langersehnte Kuh. Dem Johann und der Rosa Dostal ging es um das kleine Feld, das sie bisher als Pächter pflügten. Der Kathi Jahoda und dem Josef Kratky um Tisch und Stuhl und Bett und eine Wiege für das ungeborene Kind. Die Babi Skoupek wollte sich ein ehrliches Begräbnis sichern und sechs Messen für das Heil der Seele. Die Nanny Zlatka sparte, um ein rotes Kleid zu kaufen und zwei seidene Schürzen. Der Karl Jakesch, um durch einen Halsschmuck von Granaten die Gunst des eiteln Mädels zu gewinnen. Für jeden hatte das Ersparte eine andere Bedeutung und für alle doch dieselbe. Es war das Licht im Dunkel ihres Lebens, das Sandkorn Überfluß in der Wüste ihrer Not.

Als der Zug in den Bahnhof einlief, fanden die aus Motice das Abteil dritter Klasse angefüllt mit Landvolk aus den Nachbardörfern. An allen Stationen strömten noch Leute hinzu. Alle wurden von derselben Not an dasselbe Ziel getrieben. Und jeder wußte neue Unglücksbotschaft. Ein Mann zog einen Brief heraus, den ein Geschwisterkind an ihn geschrieben hatte: »Du mußt Dich tummeln, Menschheit rennt nur so auf Kassen, sind schon beinah’ leer.« Ein anderer erzählte, ein Freund von ihm sei schon zweimal vergeblich um sein Geld gegangen; immer habe man ihn vertröstet. Viele berichteten von der wilden Wirtschaft, die wirklich auf der Sparkasse gewesen war. Keine Aufsicht. Falsche Rechnungslegung. Alle Kontrollbeamten bestochen. Sogar der Statthalter und viele hohe Herren haben Trinkgelder bekommen. Na und überhaupt! Deutsche Schulen hat man unterstützt; mit dem Geld von armen Leuten!

Nein: für den Aufstand in Mazedonien (niemand wußte, wer das war) sind Millionen draufgegangen.

Dumpfe Wut erfüllte die Gemüter. Das Gespräch verstummte. Der Qualm der Pfeifen und der Dunst der Menschenleiber verdüsterte noch das trübe Lampenlicht. Durch die dicke Luft drangen Seufzer und Stoßgebete. Kinder weinten, Männer schnarchten, Mütter sangen leise ihre Säuglinge in Schlaf; nur die Jugend, leichtsinnig, verliebt, kicherte und küßte in den Ecken. Draußen aber schrie die Dampfmaschine, wie um Hilfe, gellend durch die Nacht; die Räder rollten kreischend ihre Fracht von Menschenangst und Menschenelend. Und der Zug ging langsam, hielt an allen Stationen. Unbekümmert um die Ungeduld, die in ihm fieberte und bebte. Bis er endlich, endlich in die Hauptstadt einfährt. Stoßend, fluchend kämpft sich die Menge nach dem Ausgang durch. Jeder will als erster das Haus erreichen, zu dem alle hindrängen.

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Die aus Motice halten sich zusammen. Von der Geldgier angespornt hasten sie durch die breite Vorstadtstraße. Sie ist ausgestorben. In den einförmig gebauten, arm und grämlich blickenden Gebäuden sind alle Fenster dunkel, wie erblindet. Nur selten ist ein Erdgeschoß erleuchtet und mit blutroten Gardinen fest verhangen. Aus der Tiefe seiner Zimmer dringt Gesang von heiseren Frauenstimmen und der Brummton schlechtgestimmter Wirtshausbässe.

Plötzlich wird irgendwo in einer Schenke eine Tür geöffnet, ein wirrer Menschenknäuel windet sich heraus. Man hört Ringen, Rennen, Weiber kreischen und Betrunkene brüllen: »Haltet ihn!« »Schlagt ihn tot!« »Zu Hilfe!« »Patrouille! Patrouille!« Dann folgt wieder Todesstille. Und in der Luft, die fahlfarbig wie Asche ist, in dem Frösteln dieser Dämmerstunde, hängt bleischwer eine hoffnungslose Traurigkeit.

Die Bauern traben vorwärts. Ihre schweren Tritte erwecken weithin einen dumpfen Widerhall. Es ist, als stampfte eine Herde Tiere durch die Gassen.

Jetzt füllt ihre Last die Kettenbrücke, die sich schaukelnd hin und her bewegt. Blasse Nebel steigen aus dem Flußbett und verhüllen die Umgebung. Aber ein verworrenes Rauschen kündet den Wandernden von weitem: sie sind nicht die ersten am Ziel. Spät kommen sie, zu spät vielleicht.

Da laufen sie, als könnten sie verlorene Stunden wieder fangen. Sie stürzen vorwärts, bis sie, am Brückenende angelangt, sich jählings rückwärts werfen. Wie die Woge zurückschlägt, die an den Stein des Schutzwalls brandet. Eine Mauer von Berittenen sperrt den Weg. Als Kette umschließen sie den Platz vor dem Sparkassengebäude, pferchen die Versammelten ein und wehren den Zuströmenden den ungehemmten Einlaß. Wie durch eine schmale Gasse müssen sie sich zwischen Pferdeleibern und Pferdehufen in die Gruppen der zuletzt Gekommenen drängen. Da stehen sie, von Nebeln eingeschlossen, eingekeilt in eine dunkle Menschenmasse, und müssen warten.

Nach und nach erhellt sich die Luft ein wenig. Die fahle Dämmerung gebiert den grauen, regenschweren Tag. Windschauer künden sein Kommen. Sie zerren an den feuchten Kleidern der Harrenden, die frierend auf den nassen Steinen hocken, reißen die Nebel auseinander und entschleiern die Landschaft.

Ein breiter Strom fließt ruhig zwischen den Quadersteinen der Kaieinfassung. An seinem linken Ufer baut sich ein Teil der Stadt auf; das altertümliche Aristokratenviertel, dessen Kirchen und Paläste mit ihren Türmen und Fassaden aus dem Gewühl der Bürgerhäuser ragen. An steilen Höhenzügen steigt es aufwärts und trägt als stolze Krone die alte Königsburg, deren Masse sich wuchtig von dem Dom mit dem feinen Spitzenwerk der Strebebogen abhebt. Ein wundervolles Bild, der Schwere ganz entkleidet in dem Morgendunst, der es in fließenden Luftstoff hüllt.

Nur hundert Schritte weit, nur bis zum Rande das Kaiufers brauchen all die Menschen hinzutreten, um es in sich aufzunehmen. Und den Anblick der vielen kühngeschwungenen Brücken, der Inseln, die im Fluß gebettet liegen, und der Wehren, über die das Wasser tosend schäumt. Doch hätte selbst der Zaun der Wachen sich aufgetan: diese Menschen hätten den Kopf nicht nach links gekehrt. Ihre Augen sind für Natur und Schönheit ganz verschlossen. Sie sehen nichts als das Gebäude, das ihre Hoffnungen einschließt, und die Menge, die sie davon trennt. Sie bohren ihre Blicke in die Mauern, als könnten sie durch ihre Ritzen dringen und entdecken, welches Schicksal sich für sie dahinter vorbereite.

Die Qual ist unerträglich. Da ist das Haus; man braucht nur hineinzugehen. Und muß warten, als wär’s meilenweit entfernt. Drei Stunden muß man noch warten, ehe das Tor sich öffnet. Und wie viele Stunden, ehe die Reihe an einen kommt! So viele Feinde vor sich, so viele Nebenbuhler in dem Kampf um das ersparte Geld. Jeder haßt grimmig seinen Vordermann und seinen Nachbar. Vielleicht ist der gerade der letzte, dem vergönnt ist, seine Habe zu erraffen und seinem Nachbar das bißchen Eigentum zu stehlen.

Der Menschenhaufe wächst noch immer; umritten und geknufft, getreten und gestoßen. Und aus der dunkeln Masse steigen aufreizende Klagen und Gerüchte.

»Hör’ ich, sind die Kassen leer.«

»Wahr ist es. Die Millionen, mit denen die deutschen Zeitungen sich berühmen, stehen nur auf dem Papier.«

»Alles haben sie verspekuliert.«

»Mit den Türkenlosen; die sind so gefallen.«

»Kein Gedanke! Für die deutschen Wahlen sind dreißig Millionen draufgegangen.«

»Was euch nicht einfällt! Den deutschen Fabrikanten hat man aufgeholfen. Deutschen Studenten hat man Geld geschenkt und große Häuser.«

»Mit dem Schweiß von armen Tschechen haben diese Schweinehunde sich gemästet!«

»Stinkende Gemeinheit! Wo das ihnen gar nicht gehört. Wo das ihnen von Kaiser Franz geschenkt ist, daß es armem Volk zugute kommt!«

Ein Brummen, Rollen, Brausen, das sich nach und nach verstärkt, hallt durch die Straßen. Die Stadt ist erwacht und schickt ihre Boten. Allerlei Verkäufer drängen sich heran. Mit Brezeln, warmen Würsten, Bratkartoffeln, Kastanien und gebackenen Fischen. Und durch die Kette der Berittenen kriechen seltsame Gestalten. Männer in verschlissenen Röcken, unrasiert und ungewaschen, manche noch im Schlafrock mit Pantoffeln. Wie Geier, die Beute wittern, umkreisen sie die Wartenden, schieben sich an die Gefolterten, Erschöpften heran, schüren ihre Aufregung und Angst; flüstern ihnen zu, daß die Sachen schlecht stehen; daß sogar die deutschen Einleger schon alle ihr Vermögen behoben haben; daß sämtliche Wertpapiere der Sparkasse versetzt sind; daß sich heute nacht einer von den Direktoren erschossen hat; daß zwei andere in Wien vergeblich von Tür zu Tür laufen und um Hilfe betteln. Sie lassen sich die Büchel zeigen, schütteln bedauernd die Köpfe, weisen nach, daß kein Kreuzer mehr darauf zu kriegen sei, und sind nur aus Mitleid und aus Menschenliebe erbötig, die wertlosen Dokumente für ein Geringes einzulösen.

Häßliche Weiber, die ungekämmten Haare unter wollenen Hauben, um die fetten Hängebrüste buntkarierte Umschlagtücher, machen sich an junge Frauen, an die hübschen Mädel. Sie suchen sie für Stellungen zu werben, deren Vorteile sie lockend schildern. Wenig Arbeit, hoher Lohn, alle Tage Fleisch, Bier und Mehlspeise; und abends Freiheit, um zur Tanzmusik zu gehen und sich zu unterhalten.

Freche, rotgeschminkte Dirnen gehen auf dem Pflaster auf und ab, lauern dem Mannsvolk auf; wenn es, die Taschen voll Geld, die Großstadtfreuden kennenlernen will …

Ein aufgeregtes Meer von Leidenschaften und Gelüsten umwogt das Gebäude, das grau und düster, mit festverschlossenen Fensterläden, dasteht; ein Fels, den der Gischt der Brandung nicht erreicht.

Die aus Motice waren voneinander losgerissen. Nur die Paare, die sich ganz fest verklammert hatten, waren nicht getrennt. Der Karl Jakesch hielt die Nanny Zlatka dicht an sich gepreßt. Er ließ sie nicht erfrieren, und ihm ward die Zeit nicht lang. Den Bankkrach und die Kälte hätte er gesegnet, ohne die eifersüchtige Wut auf die Begehrlichkeit der Burschen, die sich an seine Liebste drängten und sich mit Worten und Gebärden an ihr zu schaffen machten. Nicht weit von diesen beiden saß die Kathi Jahoda auf der Erde. Mitleidige hatten dem armen Weib aus ein paar Bündeln einen Sitz geschaffen. Darauf hockte sie, lehnte sich an ihren Josef und erleichterte ihr schweres Herz von Zeit zu Zeit mit einem Tränenstrom. Die alte Babi Skoupek aber hatte sich, trotz Fußtritten und Rippenstößen, wie eine Katze vorgeschlichen, bis zu dem Prellstein dicht beim Eingangstor der Kasse. Den Rücken an den Stein gelehnt, den müden Körper schwer auf ihren Krücken, murmelte sie ein Ave um das andere. Sie wollte ja die Gulden nicht verjuxen und verfressen. Darum mußte die Jungfrau Maria auch ein Einsehen haben und ihr zu ihrem Geld verhelfen, damit sie nicht verdammt sei, im Fegefeuer gebraten und gespießt zu werden.

Jetzt geht ein Dröhnen durch die Luft. Von allen Türmen schlägt es neunmal. Das langverschlossene Tor dreht sich in seinen Angeln.

Wie ein reißender Gebirgsstrom stürzt sich die Menge in die Öffnung. Sie beachtet die Fäuste nicht, nicht die Pferdehufe und das Kreischen der getretenen Frauen und gequetschten Kinder. Es gibt Wunden wie in einer Schlacht, als die Polizisten, mit der Rücksichtslosigkeit der Notwehr, die schweren Flügel wieder schließen, unbekümmert um die Menschenleiber, die sich dazwischen pressen, klammern und stemmen. Ein ganzer Schwarm ist trotzdem schon in das Haus gedrungen; und auf der Treppe, die in den Lichthof führt, wiederholt sich der Kampf. Die Schwächsten werden in den Hof geworfen, wo sie an den Brunnen stürzen, verschmachtet trinken, sich dann entkleiden und waschen, überhaupt tun, als wären sie in ihrem eigenen Haus. Ihre glücklicheren Gefährten balgen sich inzwischen um die Plätze an den Kassenschaltern. Und die Marter der bangen Nacht- und Morgenstunden steigert sich im Augenblick der äußersten Entscheidung zur fürchterlichen Spannung.

Die ersten, die ihr Geld in Händen halten, stoßen Töne aus wie Tiere, die, den Bissen schon im Maul, noch eines Raubes gewärtig sind. Ihr Aufschrei überreizt die Erregung derer, die schon sehen und noch nicht haben. Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre vom Fieber trockenen Lippen sind weit geöffnet. Sie knittern das Kassenbuch in ihren Fäusten und schieben sich besinnungslos vorwärts. Bis auch sie das Rascheln des Papieres, den Klang des Geldes hören und alle Pein im Freudenrausch vergessen.

Viele hat der jähe Übergang von Verzweiflung zu Entzücken ganz betäubt. Sie wurzeln im Boden und müssen fortgetrieben werden, damit die Menschenwoge, die von neuem zu der Schwelle des Parteiensaales aufsteigt, sie nicht verschütte.

Ein Weib, das eben einen Tausender erhoben hat, hält ihn verkehrt in ihren Fingern und bestarrt verständnislos das Stück Papier. Man muß ihr den Wert erklären. Ihr schwindelt. So reich ist sie? Und solches fürstliche Vermögen steht auf diesem kleinen Wisch? Als sie ihn bergen will, zerreißt sie ihn, so beben ihre Glieder.

Ein zweites Weib verlangt Gold, reißt die Rollen auf und taucht mit hysterischem Gelächter ihre Hände in die blanken Münzen.

Manche brüllen auf vor Glück, sobald sie ihr Vermögen zu Gesicht bekommen. Dann erklären sie sich befriedigt. Ihr Geld ist da; sie haben es gesehen, betastet. Nun soll es die Kasse wiederum behalten. Schwer ist ihnen beizubringen, daß dies nicht ohne weiteres zu machen sei.

Das Mißtrauen anderer ist um so größer. Sie verweigern die Annahme der Summe, um die sich, durch die Zinsen, ihr Sparpfennig vergrößert hat. Sie halten diesen Überschuß für Bestechung und wittern, daß man sie in eine Falle locken wolle.

Inmitten dieses Wirbelwindes von Zweifeln, Wünschen und Bedenken stehen die Beamten ruhig hinter ihren Schranken. Sie sind übermüdet und erschlafft und halten sich nur mühsam aufrecht. Aber unbeirrt und gleichmütig versehen sie den Dienst, und nichts in diesem Ansturm scheint sie zu erschrecken. Ist ihre Zuversicht erheuchelt, ist sie echt? Ist der Goldquell, aus dessen Fülle sie seit Tagen schöpfen, unversiegbar, oder ist er dem Vertrocknen nahe? Ruht das Gebäude des Vertrauens, an dem sie mitgebaut hatten, auf unerschütterlichem Grund, oder wankt es in seinen Pfeilern und droht in der nächsten Stunde einzustürzen und die Wohlfahrt Hunderttausender unter seinen Trümmern zu begraben? Keine Bewegung ihrer überwachten Züge verrät, was sie empfinden. Mit unermüdlicher Geduld halten sie den Fragen Stand, rechnen und zahlen, beruhigen, beraten und erklären und finden noch die Kraft, den Mut der Einleger durch Scherze zu beleben.

Dem trüben Tag ist Dunkelheit gefolgt. Das Glühlicht flammt auf und steigert die Hitze. Aller Sauerstoff ist aus der Luft geatmet; sie ist vom Gluthauch wilder Leidenschaft verbrannt. Schlechte Dünste und Gerüche ballen sich zusammen und durchziehen sie in dicken Streifen. Wie im Nebelwetter auf der Straße ein Strahlenkranz um die Laternen zittert, so schwebt irisierend der Staub um das Glas der Lampenglocken. Dick lagert er auf dem Holz der Schalter, klebt auf der Haut und auf der Kleidung, dringt in alle Ecken, überzieht Banknoten und Dukaten. Aus seinem Grau hebt sich nur der Farbenfleck der Kassenbücher, die sich auf den Pulten türmen und deren Einband verrät, daß sie alle aus tschechischen Bezirken stammen. Rot leuchten sie aus dem Düster. Es ist, als überströmte Blut die Tische. Das Lebensblut des Volkes, das in nationalem Haß sich selbst zerfleischt, um den Gegner zu vernichten.

Es ist Nacht geworden. Bleiern lähmt Müdigkeit die Tatkraft der Beamten. Schweigend, mit automatischen Gebärden, von Staub und Rauch in Schleier eingehüllt, bewegen sie sich hin und her wie Schatten. Doch die Wut des Ansturms tobt unvermindert. Wie dem Sagentier für jedes abgeschlagene Haupt ein neues wuchs, so kommt der Menge vor dem Tor für jeden Trupp, der abzog, neuer Zuwachs aus den Straßen. Und der Anblick der Beglückten, die ihre Habe geborgen mit sich führen, schürt, statt sie zu dämpfen, ihre fieberhafte Angst.

Unmöglich scheint, daß der Vorrat noch immer reichen könne. Vielleicht werden in diesem Augenblick die letzten Summen ausgeteilt, vielleicht erbeutet der Vordermann, der eben ins Haus gedrungen war, das letzte Goldstück. Sie aber würden nur die leeren Kassen finden, den Bankerott, das Elend.

Als sich um Mitternacht die Tore zum letztenmal in ihren Angeln drehen und sich dann erneutem Eingang kreischend schließen, ohne Rücksicht auf die Verzweifelten, die sich zwischen die Flügel werfen, klammern und stemmen, da geht ein Wehruf durch die Reihen der Enttäuschten, die wieder eine lange bange Nacht von der Erfüllung trennt. In den Häusern, die den Platz begrenzen, fahren die Schläfer auf. Sie recken sich hoch in ihren Betten und lauschen zitternd. Und sie ahnen, daß zu ihren Füßen ein Raubtier wacht, das seiner Kräfte nur bewußt zu werden braucht, um mit den starken Pranken Käfig und Bändiger zu zerbrechen.

In der kahlen Bahnhofshalle saßen die aus Motice und erwarteten den Zug, der sie in ihre Heimat bringen sollte. Niemand fehlte als die Nanny Zlatka und der Karl Jakesch. Sie waren fahl und schmutzig wie Soldaten, die von einer langen Übung kommen, und ein säuerlicher Branntweinduft umströmte sie. Mit Geräusch und lebhaften Gebärden besprachen sie die Abenteuer dieser vierundzwanzig Stunden, in denen sie mehr Aufregung gekostet hatten als während ihres ganzen Lebens. Der Franz Zastoupil war der beredtste. Er nahm den Mund sehr voll, hielt alle seine Beschuldigungen aufrecht, prophezeite nahen Untergang der Spořitelna und wußte viel zu schimpfen über die Grobheit der Bankbeamten und die Roheit der Polizisten. Doch er verschwieg, daß er verstanden hatte, ein paar Verängstigten ihre Sparbücher für den halben Wert herauszulisten, und daß er unter seinem schmierigen Gewand eine Summe trug, die ihm die Schenke, die er nur gemietet hatte, als Eigentum erwerben sollte.

In einer Ecke kauerte die Maria Jahoda und stützte ihren Josef, der, lang ausgestreckt, sich auf den Steinen wälzte. Weinend klagte sie: als sie endlich zu ihrem Geld gekommen waren, sei der Josef beinahe närrisch vor Freude geworden. Er habe sie ins Wirtshaus mitgeschleppt, dort Bier und Fleisch bestellt und, schon halb betrunken, mit einem Frauenzimmer, das ihn umstrich, zu scharmieren angefangen. Plötzlich sei er aufgesprungen, habe das Mädel um den Leib gefaßt und sei mit ihr auf und davon gerannt. Sie hatte seine Zeche zahlen müssen und war dann ausgegangen, ihn zu suchen. Erst nach vielen Stunden hatte sie ihn an einer Straßenecke wieder aufgefunden. Er war sinnlos berauscht; aus seiner Tasche fehlten hundert Gulden. Für ihre Vorwürfe bekam sie Schläge, und mit Mühe schleppte sie den Taumelnden hierher. Die Tränen flossen in Strömen über ihre hohlen Wangen. Das Schluchzen stieß sie krampfhaft. Der Mann an ihrer Seite, der in der Trunkenheit die Schuldigen vertauschte, lallte stumpfsinnig dazwischen: »Sie muß Prügel haben! Das Weibsmensch hat mich bestohlen! Wenn sie nach Haus kommt, kriegt sie ihre Prügel.«

Der Johann und die Rosa Dostal dagegen waren sehr zufrieden. Sie hatten einen Menschenfreund gefunden, der sich ihrer Not erbarmte. Einen furchtbar reichen Herrn; das große Zinshaus nahe bei dem Sparkassengebäude gehörte ihm; sie wußten es aus seinem eigenen Munde. Er hatte sich bereit erklärt, ihr Erspartes in seinem Bankhaus anzulegen. Zu hohen Zinsen. Acht Prozent pro Jahr. Die erste Rate hatte er gleich ausbezahlt. In der Seligkeit des neuen Reichtums hatten sie viel eingekauft. Kaffee, Zucker, Tabak, Kleiderstoffe für die Kinder und einen Teppich, den sich die Frau schon lange wünschte. Lächelnd hörte ihnen die Babi Skoupek zu. Von Zeit zu Zeit befühlte sie den Brustlatz, unter dem sie, in ein Taschentuch geknotet, ihr Gold geborgen hatte. Sie dachte nicht daran, sich noch einmal davon zu trennen. Unter ihren Strohsack wollte sie es schieben oder in ihrem Gärtchen in die Erde graben. Da konnte es ihr nicht verlorengehen.

Die Türen zum Bahnsteig wurden geöffnet, und der Schaffner rief zum Zug ab. Und immer noch fehlten die Nanny Zlatka und der Karl Jakesch.

Man lachte. Manche meinten: das gemeinsame Warten hat dem Pärchen so gefallen, daß es auch diese Nacht zusammen verbringen wird. Vor dem Sparkassengebäude – oder anderswo.

Schon waren die aus Motice in ihr Abteil eingestiegen, kaum eine Minute fehlte noch bis zur Abgangszeit, da stürzte Karl Jakesch in den Wagen und schrie: »Ist die Nanny hier?« Die Haare hingen wild um seine Schläfe; in seine Augen war das Blut getreten. »Ist die Nanny hier?« Obgleich ihm sein Auge Antwort gab, durchsuchte er die Winkel. Dann, in der Sekunde, wo der Zug sich in Bewegung setzte, riß er die Tür auf und sprang wieder hinunter auf die Steine. Er stürzte, stand wieder auf, lief auf den Schienen hin und her. Die Fahrenden hörten noch sein wildes Brüllen: »Ich schlag’ sie tot! Wenn ich das Luder antreff’, schlag’ ich’s tot!«

Ein dürftig aussehender, engbrüstiger Jüngling war mir durch die Aufmerksamkeit aufgefallen, mit der er die Rede des Deutschböhmen verfolgte. Nun fiel er schnell in dessen letzte Silbe ein:

»Was für fremdartige Bilder. Was für sonderbare Leute. Wie waren Sie doch zu beneiden, mit einem Volk zu leben, das noch so jung ist. Unangekränkelt von Bildung und Kultur. Voll von Eigenart und Farbigkeit und Rasse. Sie lachen?« Er warf mit einer wie es schien gewohnheitsmäßigen Bewegung die glatten schwarzen Haare aus dem Gesicht zurück. »Sie wissen vielleicht nicht, was es heißt, am grauen Einerlei zugrunde gehen. Immer nur von Fertigem umgeben. Keine Freude, als die Sehnsucht. Und die Hoffnung, daß vielleicht irgend einmal sich ein Wunsch erfüllt. So ist es,« er zögerte, »einem Freund von mir ergangen. Wenn ich wagen darf, möchte ich Ihnen von ihm sprechen.«

Er sah sich um, als fürchte er, es könne ihm die Zustimmung verweigert werden. Ich dachte: er ist gewiß ein heimlicher Poet. Noch in Keuschheit zugeschlossen und doch schon glücklich, etwas von seinem inneren Empfinden preiszugeben. Ich hörte seine Stimme zittern bei den ersten Worten.

Die Reise nach Indien

Sebastian Schierke war von Geburt an ein Träumer. Er lag stundenlang in seinem Korb und starrte in die Hängelampe, unter der der Vater auf seinem Schusterschemel saß und nähte. Seine ersten Wahrnehmungen erwachten in ihrem Lichte. Sie blieb ihm die Sonne, als er schon reif genug war, auf allen Vieren zu kriechen. Der Kreis, den ihre Strahlen erhellten, schien ihm unermeßlich. Und die Ecken, in die sie nicht hineinleuchtete, waren für ihn unheimliche, von schrecklichen Dingen erfüllte Höhlen. Das empfand er, ehe er es verstand. Ehe er noch seinem Spielzeug, den zerrissenen Stiefeln, den Holzleisten und Handwerksgeräten Namen und Gefühle verlieh. Ehe er noch für das Gemisch von Pech-, Leder- und Petroleumgeruch einen Ausdruck erfunden hatte. Das Wort »Buhaha«, in das er eine Fülle von Bedeutung hineingeheimnißte.

Dann, als er zum erstenmal die Kellertreppe hinaufkletterte, sah er, wie groß die Welt war. Wochenlang dauerte seine Reise durch alle Gänge, Nischen, Höfe und Bodenräume des altmodischen, winkeligen Hinterhauses. Die Straße mied er, sie war ihm zu hell und schnurgerade. Auch scheute er die anderen Kinder und ihre geräuschvollen Spiele.

Am liebsten saß er im Holzkeller zwischen den Stößen, während die Mutter die gefüllten Körbe in die Wohnung des Hausherrn schleppte. Da war er in dem großen, finsteren Märchenwald, von dem ihm der Vater zuweilen erzählte. Von ganz hinten kam ein matter Lichtschein (es war Mutters Laterne, die an der Erde stand) aus einem einsamen Haus. Darin hielt die böse Hexe das Königskind gefangen. Er selbst hockte zwischen riesigen Bäumen, roch die Tannen und welkenden Blätter und lauschte auf ein entferntes Rauschen und Murmeln. Und gleich mußte die Tür aufgehen und die Prinzessin eintreten, im weißen Kleid, die goldene Krone auf dem Kopf, und zu ihm sagen: »Bitte, lieber Prinz …«

Gewöhnlich kam im schönsten Augenblick die Mutter und schalt, wenn sie ihn antraf. Müßig, mit verschlafenen Augen. Der Vater aber nahm ihn immer in Schutz. Der blasse Mann, an dem eine tückische Krankheit langsam zehrte, verstand seinen Knaben. Auch ihm waren die Gedanken die liebsten Gefährten. Aber hatte er es nur bis zum Flickschuster gebracht, der Sebastian war zu etwas Höherem geboren. Dafür hatte er, schwarz auf weiß, die sicheren Beweise.

Auf der Kommode in der Hinterstube lag, zwischen einem Porzellanhund und einem Glaspokal, eine schwarze, goldbetreßte Mappe. Darin ruhten, nach dem Datum geordnet, Sebastians gesammelte Gedichte.

Das erste, das er in seinem siebenten Jahre mit ungelenken Buchstaben hingemalt hatte:

»Nachtz mich der Schluhmer fliht,
Gott in mein Hertze siht,
Nichtz is alz Lihbe drein,
Lihb für mein Feterlein.«

Das gereiftere, beiden Eltern gewidmete:

»Und eh wangt Fels und Stein,
Eh fellt des Himmels Welbung ein,
Eh ich vergehs was ich euch dank
Was ihr mir tuth mein Leben lank.«

Das Lied, zu dem ihn drei Jahre später ein Ausflug nach Wilmersdorf begeistert hatte:

»Mein Herz gleicht der wandernden Welle
Es gleicht dem schimmernden See
Es mischt in die Freude die helle
Sich leise ein flüchtiges Weh.«

Und viele andere. – Vater Schierke kannte sie alle auswendig, er summte sie bei der Arbeit halblaut vor sich hin. Und für die Kunden, die sie zu hören verlangten, suchte er das haltbarste Leder aus.

Der Gemeindeschullehrer war weniger zufrieden mit dem jungen Sebastian.

Rechnen und Rechtschreiben waren dem Knaben unsympathisch. In der Geographie interessierten ihn nur die entferntesten Erdteile, und dem deutschen Aufsatz war seine lebhafte Phantasie mehr störend als förderlich.

Daß ihm im Grunewald eine Hyäne begegnet sei, wollte ihm der Lehrer durchaus nicht glauben. Und ein Gedicht, das er in die Schilderung der Ferienfreuden einflocht:

»Rings im Schlummer lag die Welt,
Niemand wach als sie und ich,
Und im gelben Ährenfeld
Küßt’ ich sie und küßt’ sie mich«

wurde als »völlig anstößig« mit einer schweren Rüge bestraft.

Den Vater bekümmerte das nicht. Sein Junge war eben ein Genie. Und »Genies brauchen keine Bildung, sie nimmt ihnen nur die Kraft und die Naivität,« versicherte ihm der junge Schriftsteller, der Jahr um Jahr seine Stiefeln schuldig blieb.

Bis zur dritten Klasse war Jungschierke mühsam geklettert. Da legte sich der Alte zum Sterben.

Nach acht Wochen schweren Siechtums trug man ihn, unter der brennenden Lampe hinweg, in das ewige Dunkel. Er freute sich nicht mehr an den Versen, die ihm sein Dichter auf den Grabstein schrieb:

»Schatten des Todes, du schreckest uns nicht,
Die wir vertrau’n auf das göttliche Licht.
Will uns vor Schmerz auch das Herz fast vergeh’n,
Bleibt uns der Trost doch, Dich wiederzuseh’n.«

Er litt nicht mehr an dem Kummer, den sein Tod seinem Liebling brachte.

Krankheit und Begräbnis hatten alle Ersparnisse aufgezehrt und zu Schulden gezwungen. Frau Schierke verkaufte Handwerkszeug, Vorräte und die besten Möbel. Sie vermietete die Vorder- und Hinterstube an eine Plättanstalt und sich selbst als Gehilfin. Für sich und den Jungen behielt sie nur die Küche und eine kleine Kammer.

Mit der Kommode, dem Porzellanhund und dem Glaspokal verschwand auch die Mappe mit Sebastians gesammelten Gedichten. Bis Ostern durfte er die Schule noch besuchen, dann wurde er eingesegnet und ausgeschickt, einen Erwerb zu suchen. Zu einem Handwerker natürlich. Denn »jelernt haste nischt, und vor det olle Jequassel und Jeschmiere jiebt dir keen Mensch keenen Dreier nich« meinte die Mutter.

Sebastian widersprach nicht. Sein Kindersinn war schwer verdüstert durch den Verlust des gütigen Vaters. War er früher still gewesen, jetzt wurde er stumm.

Sein Abgangszeugnis war schlecht. Seine schwächliche, engbrüstige Gestalt, die zögernde Sprache nahmen gegen ihn ein. Von Stelle zu Stelle wurde er abgewiesen. Bis sich ein früherer Kunde des alten Schusters, für den Frau Schierke jetzt die Hemden plättete, seiner annahm. Der alte Justizrat Korn setzte den jungen Schierke als Schreiber in seine Kanzlei.

Da saß er nun Tag um Tag und Jahr um Jahr an einem gelben Holztisch, den überschlanken Körper weit vorgebeugt, um die kurzsichtigen Augen den schreibenden Fingern zu nähern, und malte verständnislos, aber gewissenhaft die Buchstaben auf das Papier. Tag um Tag freute er sich auf den Augenblick, in dem er die Feder ausspritzen, den grauen Kattunärmel abstreifen und die Tür des Bureaus hinter sich schließen durfte. Dann regten sich die heimlichen Gedanken, die Tags über an der Kette lagen. Dann schlüpften sie aus ihrem Versteck und flatterten und sangen um ihn her wie freigewordene Vögel.

Zu Hause mußte er noch der Mutter helfen. Einholen, Feuerung tragen, fegen und bürsten. Nachts aber, allein in der kalten Kammer, schrieb er beim Kerzenlicht auf, was in ihm klang und weinte. Seine schwerersparten Groschen wandte er an Papier, Tinte und Porto. Einmal mußte doch der Erfolg kommen, die Anerkennung – die Freiheit.

Ach! Sie kamen alle wieder, die Reime, die er in die Welt hinausschickte. Diejenigen ausgenommen, deren Rücksendung man ganz vergaß.

Da starben ihm langsam Mut, Hoffnung und der Glauben an sich selbst. Nur die Phantasie blieb leben und hungerte. Er suchte ihr fremde Nahrung. Er machte Jagd auf alles Gedruckte. Auf die billige Zeitung seiner Wirtin, der Plättstubenbesitzerin Frau Ruhnau. Auf die Kolportagehefte ihrer Gehilfinnen, auf ihre Käse- und Stullenpapiere. Seine Spargroschen trug er jetzt zum Trödler, bei dem er in alten, zerrissenen Büchern wühlte. Was ihn entzückte, waren Ritter- und Schauerromane, Kriminal- und Jagdgeschichten. Außergewöhnliche, aufregende Ereignisse. Der Gegensatz zu seinem armseligen, eintönigen Leben.

Eines Tages fand er im Bureau unter einem Stoß alter, dem Einstampfen geweihter Akten ein paar rote Bände. Verjährte Baedeker von Oberitalien und der Schweiz, zum Wegwerfen bestimmt. Er nahm sie an sich. Des Einbandes halber, und weil ihn jedes Buch reizte. Zu Hause erst entdeckte er, was für einen Schatz er sich erbeutet hatte. Was waren alle erfundenen Geschichten gegen diese fesselnde Wirklichkeit! Was für Herrlichkeiten gab es draußen in der Welt! Wie leicht waren sie zu erreichen! Man brauchte nur Geld in seine Börse zu tun, in den ersten besten Eisenbahnzug zu steigen und dann dem roten Wegweiser getreulich zu folgen.

Er tat das alles – im Geiste.

Er überschritt die höchsten Pässe, bestieg die gefahrvollsten Gipfel, durchlief die herrlichsten Kirchen und Galerien. Jeden Weg und Steg lernte er auswendig, bemaß alle Entfernungen, kannte alle Aussichtspanoramen und hätte mit verbundenen Augen die schwierigsten Bergübergänge gefunden. Er war ein vornehmer Reisender. Fuhr nur mit Schnellzug und Extrapost, bewohnte die teuersten Hotels, speiste in den feinsten Restaurants, kaufte ab und zu kostbare Kunstgegenstände und sparte nicht mit Trinkgeld. Und mußte nur täglich seine Reise für vierzehn Stunden unterbrechen, um in der Kanzlei und Plättstube zu arbeiten.

An einem Freitag Abend war er mit zwei der besten Führer aufgebrochen, um den Montblanc zu besteigen. Er wählte den schwierigsten Aufstieg über den Brouillardgletscher und wurde eben angeseilt, um eine kaminartige Schlucht zu erklimmen. Da holte ihn Frau Ruhnau. Vorn im Laden lag die Mutter. Mitten in der Arbeit hatte ein Herzschlag sie umgeworfen.

Sebastian hatte der Mutter innerlich nicht nahe gestanden. Was er, der Weltfremde, an ihr verlor, machte er sich nicht klar. Um so weniger, als Frau Ruhnau, eine kinderlose Witwe, sich anbot, ihn für ein geringes Entgelt weiter zu versorgen. So bedeutete ihm dieser Tod fast eine Befreiung.

Fortan gehörten seine Mußestunden ihm. Er konnte erleben, was er bisher geträumt, er konnte reisen. Nur in den Tiergarten zwar und Sonntags allenfalls in den Grunewald. Aber eine Bank unter Bäumen, am Rande eines Sees wurde ihm zum Zauberroß, das ihn in weite Fernen trug.

Er schloß die Augen und hörte das Rauschen des Wasserfalles, roch den Duft der Matten. Die Glocken der Pferdebahn wurden ihm zum Kuhgeläute, das Pfeifen der Stadtbahnzüge zum Signal des Dampfschiffes. Fremdartige Vögel sangen ihm zu Häupten, in fremden Zungen redeten die Menschen, die ihn umgaben.

Und das schönste blonde Mädchen, das bei ihm vorbeiging, war sein heimliches Liebchen. Zwar tat sie fremd und erhob nicht die Blicke. Aber er wußte, seine Träume wußten, wie süß und zärtlich sie ihn liebte.

Zuweilen gelang es ihm, sich zu verirren.

Dann überliefen ihn alle Schauer des Geheimnisvollen. Der Kiefernforst wurde zum Urwald. Hinter dem undurchdringlichen Dickicht lag eine unbekannte Welt. In den Zweigen und Blättern knackten und raschelten die Tritte wilder Tiere, er schwebte in lauernden Gefahren. Bis zum Herzklopfen wußte er sich die unheimliche Stimmung zu steigern.

Trat er dann auf eine Lichtung hinaus und sah im Frieden des stillen Sommerabends ein Rudel Rehe äsen, sah das letzte Licht der Sonne, das die Stämme rötlich streifte und den See durchglühte, dann füllte ein übermächtiges Gefühl Herz und Seele. Er warf sich in das Heidegras und weinte vor trauriger, sehnsuchtsvoller Seligkeit.

Von diesen Ausflügen kam er ermattet heim. Mit fiebernden Wangen, in den Augen einen trunkenen Glanz, die Lippen glühend wie vom Kuß der Geliebten. Nachts schlief er schlecht, hustete, wälzte sich ruhelos und schlich am anderen Morgen lustlos zu seiner Arbeit.

Frau Ruhnau sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich den Verkehr mit ihm ganz anders gedacht. Eine Mischung von mütterlicher und weiblicher Liebe fesselte sie an ihren jungen Mieter. Seine Hilflosigkeit dauerte sie, zugleich war sie berührt von seiner stillen Eigenart. Wenn er der Versuchung, seine alten Gedichte wieder einmal zu hören, nicht widerstehen konnte und ihr abends daraus vorlas, wenn seine Gestalt sich aufrichtete, wenn ihm die Haare in das blasse Gesicht fielen und seine Züge sich verklärten, schien er ihr fast schön. Längst machte sie sich allerlei Gedanken.

Er war zwar neun Jahre jünger als sie, aber darauf kam es bei so einem nicht an. Eine Junge, Leichtsinnige würde schlecht zu ihm passen. Er brauchte eine Alte, Erfahrene. Hausfrau und Mutter zugleich, die seine zarte Gesundheit schonte und pflegte. So eine wie sie. Dafür konnte er die dumme Schreiberei an den Nagel hängen, ihre Bücher führen, ihre Rechnungen schreiben, es konnte ein prachtvolles Leben geben.

Nie hatte sie bemerkt, daß er nach den Mädchen sah; nun verdächtigte sie ihn zum erstenmal einer heimlichen Liebschaft.

Ganz glücklich war sie, als er im Herbst seine Spaziergänge aufgab und zu seinen Büchern zurückkehrte. Häuslicher denn je, denn der Zufall hatte ihm einen neuen Schatz in den Schoß geworfen. Ein kostbares Werk – Reisebilder aus Indien – aus dem Englischen übersetzt. Drei dicke Bände mit Illustrationen. Durch einen Zimmerbrand beschädigt und geschwärzt, waren sie zum Altbücherhändler und in Sebastians Hände geraten.

Aus ihren verstümmelten, versengten Blättern erwuchs ihm eine Fülle neuer Freuden. Schweiz- und italienmüde wie er war, überdrüssig des bequemen Führers auf geebneten, betretenen Wegen, fand er in diesen Blättern ungeahnte Sensationen.

Da waren Abenteuer und Seefahrten, tollkühne Ritte, wilde Jagden, da war Glanz und Pracht, Blumenduft, Blut und Grausamkeit. Alle Märchen der Jugend wurden lebendig: die unheimlichen Höhlen in der Schusterstube, die Prinzessin im Holzkeller, das »Buhaha« der Kindheit, dieser Inbegriff alles Geheimnisvollen.

Sein körperlicher Zustand, ein leichtes Fieber, das unbeachtet in ihm brannte, steigerte die Feinfühligkeit seiner Nerven, überhitzte seine krankhaft erregte Phantasie.

Zum erstenmal wurde es ihm schwer, die Arbeit des Tages von den Träumen der Muße zu trennen. Zwischen die trockenen Aktensätze schoben sich die Elefantenrüssel, die Götzenbilder und Palmenhaine Indiens. Buntschillernde Insekten umsummten ihn, die heiligen Affen wiegten sich auf schaukelnden Zweigen. Seine Blicke hingen an dem Zeiger der Uhr, seine Wünsche ersehnten den Moment der Erlösung. Heim stürzte er, vergrub sich in seine Bücher und war blind und taub für alles, was um ihn herum vorging.

Da fand es Frau Ruhnau an der Zeit, deutlicher zu werden. Sie nahm seine angegriffene Gesundheit als Vorwand, brachte ihm allerlei Leckerbissen und lud ihn zu sich in die Vorderstube. Da könnte er ebensogut lesen. Oder noch besser, ihr vorlesen. So wäre ihnen beiden geholfen.

Die gute Frau Ruhnau. Sie ahnte nichts von den Erlebnissen ihres Mieters.

Bisher war er ein mächtiger Maharadscha gewesen, der Herrscher in Bhurtpur. Vor kurzem erst hatte er einem englischen Herzog zu Ehren glänzende Feste gegeben. Er hatte eine Dschungel abbrennen lassen und die flüchtenden Tiere des Waldes zu Tausenden getötet. Er hatte Tiger und Elefanten gejagt, Büffelkämpfe veranstaltet, er hatte Gold und Edelsteine unter die Menge geworfen.

Seit einigen Tagen aber hatte er sich in einen Brahmanen verwandelt und diente dem vielarmigen Gott Siva in dem herrlichen Tempel von Rameswaram. Die schlanke Sidla, die schönste aller Bajaderen, war seine Freundin. Allnächtlich besuchte er sie in ihrer Zelle. Perlen und Opale rieselten an ihr hernieder, seidene Gewänder umrauschten sie. Doch heller als alle Gesteine glänzten ihre Augen, weicher als alle Seide flossen ihre Haare. Aus silbernen Schleiern blühten ihre Brüste, die Gazellenzartheit ihrer weißen Glieder. Sie liebkoste ihn mit sanften Händen, sie umtanzte ihn mit leichten Füßen. Und wenn sie müde war, sank sie neben ihm nieder, unter die Punka, die zwölf ihrer holden Gespielinnen leise bewegten. Von solcher Huld begnadet, wie hätte er Sinne behalten für die derben Reize seiner Wirtin.

Höflich dankte er ihr und verriegelte hinter ihr die Tür.

Sie kam wieder, sie pochte und fragte und wollte sich den Eingang erzwingen. Zu einer Stunde, da die liebliche Sidla, von Tanz und Liebe ermüdet, auf weichen Teppichen soeben in Schlummer gesunken war.

Sebastians Zorn erwachte. Er wies die Störerin hinaus, verlangte sein Hausrecht und den Frieden seiner Stube, die er ehrlich bezahlte.

Da brach es wild hervor, was an Enttäuschung und Groll in Frau Ruhnaus Innerem kochte. Von erwiesenen Wohltaten sprach sie, von Undank und Bettelstolz. Sie fragte, ob er wirklich glaube, für die lumpigen paar Groschen solche Kost und Pflege beanspruchen zu können. Sie sagte viel Böses. Und der arme Träumer erwachte.

Er sah ein, daß er nur Gnaden genossen, wo er geglaubt hatte, Rechte zu besitzen.

Es war ein böses Erwachen.

Wie ein Schlaftrunkener stand er verwirrt vor der Scheltenden. Dann griff er nach Hut und Mantel und lief hinaus. Seinen einzigen Bekannten, den Bureaudiener Franz, um ein Obdach für die Nacht zu bitten.

Am anderen Morgen mietete er die erste schlechteste Wohnung. Eine kleine Kammer im vierten Stockwerk eines düsteren Hinterhauses. In sein altes Heim kehrte er nur zurück, um seine Siebensachen zu packen.

Frau Ruhnau, verängstigt und reuevoll, versuchte eine tränenreiche Versöhnung. Mit der eigensinnigen Festigkeit der Schwäche wies Sebastian sie ab. Aus den Räumen, die ihm vierundzwanzig Jahre die Heimat bedeuteten, ging er grollend in die unbekannte Welt.

Nun war er ganz frei. Wenn er abends nach Hause kam, war sein Zimmer nicht geheizt, sein Bett nicht geordnet, sein Mahl nicht bereitet. Aber er konnte ungestört lesen und träumen, niemand belästigte, niemand befragte ihn.

Als der Frühling kam, hätte er ganze Nächte im Freien umherlaufen können, ohne jemanden zu betrüben. Nur daß seine Kräfte nicht reichten. Eine bleierne Müdigkeit hing ihm im Körper. Der Husten, der ihm den Schlaf störte, quälte ihn auch bei Tage, stechende Schmerzen benahmen ihm Atem und Sprache, mühsam nur trugen ihn die Füße von der Wohnung zur Arbeit.

In der Kanzlei war man immer freundlich zu ihm gewesen. Man hatte sich an seine stille, bescheidene Art gewöhnt und ihm manche Nachlässigkeit verziehen. Jetzt verlangte die Menschlichkeit, seinen Zustand nicht zu übersehen.

»Es geht nicht länger mit dem Schierke, Herr Justizrat« sagte der Bureauchef, während er die Akten zur Unterschrift vorlegte. »Er macht nichts als Dummheiten.«

»Verliebt?«

»Krank, schwer krank, wie ich fürchte. Sieht aus wie der Tod.«

Der Justizrat war gutmütig, wenn seine Zeit es ihm erlaubte.

»Dann kann man ihn doch nicht ohne weiteres auf die Straße setzen! Schicken Sie ihn zum Arzt, gleich heute. Und er soll sich morgen bei mir melden, zwischen neun bis zehn Uhr, ehe ich aufs Gericht gehe!«

Es bedurfte keiner langen Untersuchung.

»Essen und trinken Sie so gut wie möglich« verordnete der Arzt. »Kleiden Sie sich warm, und wenn Sie vielleicht Verwandte auf dem Lande haben, um für ein paar Wochen zu verreisen …«

Nur dies eine Wort blieb in Sebastians Hirn haften:

Reisen – reisen – weit weg – nach Indien!

Der Maitag war warm und lockend, im Bureau erwartete man ihn nicht. So lange hatte er nicht unter Bäumen gesessen, am Rande eines Sees.

Trotz Müdigkeit und Schmerzen wanderte er hinaus. Doch die Seligkeit von früher wollte nicht über ihn kommen. Er fror im hellsten Sonnenschein, seine Phantasien verdichteten sich zu bösen Träumen.

Die wilden Weddahs, Teufeln gleich in ihrer braunen Nacktheit, schlichen aus dem Gebüsch, umtanzten ihn und stachen ihn mit ihren Wurfspießen. Die gelbe Kobra, Indiens Riesenschlange, zischte ihn an, blähte den giftgefüllten Schlund, umschnürte mit kalten Ringen die erstickende Brust.

Von plötzlicher Angst gejagt, lief er heim. Auf der Treppe sank er zusammen, ein Strom von Blut brach aus seinen Lungen.

Er lag in seinem Bett allein und verlassen. Ab und zu sah die Nachbarin nach ihm. Aber sie hatte selbst sechs Kinder und reichliche Arbeit.

»Er muß ins Krankenhaus« sagte sie zu Franz, der täglich kam und zuweilen Erfrischungen brachte, die der Justizrat schickte. »Das muß doch sein Dienstherr bezahlen. Lange macht er’s doch nicht« setzte sie leiser hinzu.

Franz stimmte bei, auch der Arzt teilte ihre Ansicht.

Aber wie ein eigensinniges Kind widersetzte sich Sebastian. Nur nicht ins Krankenhaus. Er bat und weinte. Dann kam das Fieber, der Husten und das rote Blut …

Der alte Diener war in Verzweiflung. Da fiel ihm Frau Ruhnau ein. Eine tüchtige Frau war sie gewesen, trotz alledem. Vielleicht wußte sie Rat.

Dampfend und zischend blieb das Oberhemd, an dem die Plättfrau mit rotglühendem Bolzen arbeitete, auf dem Brett liegen.

Barhäuptig, ein Tuch um die Schultern, lief sie zu dem Kranken.

Der arme Junge. Wie er dalag. Das weiße Gesicht zusammengefallen, die schmale Nase wachshell, schwarze Schatten unter den Augen, schweißfeuchte Haarsträhnen tief in der blaugeäderten Stirn. Er erkannte sie nicht. Unruhig warf er die Arme umher, stöhnte leise oder murmelte vor sich hin.

Armer Junge, armer, armer Junge!

»Kann man gar nichts für ihn tun?« fragte sie den Arzt.

Der zuckte die Achseln.

»Ihn wenigstens hier herausbringen?«

»Er will ja nicht ins Krankenhaus. Nach Italien werden Sie ihn wohl nicht schicken können, würde ihm auch kaum mehr was nützen.«

Die Frau zuckte zusammen. »Wenn man ihn wenigstens hier herausbringen könnte« wiederholte sie.

Sie sah sich um.

Die Kammer, das Bett, die Wäsche, alles klebte voll Staub und Schmutz. Die Luft selbst roch nach Unsauberkeit und Armut.

Und draußen war es Sommer. Selbst in dieser traurigen Straße.

Eben war es einem Sonnenstrahl gelungen, die hohe Mauer zu erklettern. Aber gleich war er wieder weg, als sei er erschrocken zurückgefahren.

»Herr Doktor.« Frau Ruhnau sprach langsam und überlegend, »mein Schwager, er hat’n Fuhrgeschäft in der Möckernstraße, der hat so’n kleines Häuschen zwischen Treptow und Eierhäuschen. Am Sonntag fährt er mit der Familie ‘raus, und an warmen Sommerabenden vergnügt er sich da mit’s Angeln. ‘S is man ‘ne Kabuse, ‘n bißken feucht mag’s auch sein –. Aber immer noch besser wie hier. Wat meinen Sie, wenn man den Jungen da ‘rausbrächte, könnt’ er sich da erholen?«

Der Arzt schwieg.

»Könnt’ er’s wenigstens – aushalten?«

»Das kann ich Ihnen nicht garantieren. Die Natur ist unberechenbar. Aber er kann doch nicht draußen ganz allein –«

»Dafür lassen Sie mich sorgen. Ich hab’ ihn von klein auf gekannt, er ist wie mein eigener!« sagte sie noch rasch. Ganz rot wurde sie dabei. Wenn der Doktor wüßte.

»Dann habe ich nichts dagegen.« Es wird ihm das Sterben erleichtern, dachte er bei sich.

Am nächsten Nachmittag, es war etwas spät geworden der Pferde halber, die nicht früher frei waren, trugen Frau Ruhnau und ihr Schwager den kranken Sebastian die Treppen hinunter. Sie betteten ihn sorgsam in den offenen Wagen, der Mann sprang auf den Kutschbock, die Frau saß auf dem Rücksitz und hielt des Kranken Hände.

Er war sehr schwach und nicht bei vollem Bewußtsein. Er fühlte kaum die Stöße und Rucke auf dem schlechten Pflaster. Frau Ruhnau aber zuckte jedesmal zusammen. »Wären wir erst da! Wären wir erst da.«

Endlich hatten sie die Köpenicker Straße hinter sich, sie fuhren auf der Treptower Chaussee. Der Wagen bog in den Wald ein, fuhr an den Fluß und blieb vor einem kleinen Häuschen stehen. Ebenerdig, ohne Unterbau, aus grün angestrichenen Brettern zusammengebaut, glich es einer Sommerlaube. Hinter ihm lag die Spree im Abendsonnenschein.

Purpurrot lohte der Himmel, Purpur fiel auf Ufer und Fluß. Zartgrüne Weiden, lichte Gewänder, weißliche Boote, von halbnackten Gestalten pfeilschnell getrieben, schwellende Segel, schwärzliche Flöße, alles schwamm und schwebte in rosigem Schein. Jede Schwere war behoben, jede Härte aufgelöst, Flimmern und Leuchten in Wasser und Luft.

Frau Ruhnau beugte sich über den Kranken.

»Wir sind da, Sebastian, Sebastian!«

Er hob ein wenig den Kopf und starrte träumend in das lebendige Licht.

In seine erlöschenden Augen trat ein unirdischer Glanz.

»Indien – das ist Indien!«

Frau Ruhnau schüttelte den Kopf.

»Nee, mein Jungechen, das is Treptow. Und das Häuschen, das is mein Schwager seine Sommerbude.«

Er hörte sie nicht mehr. Aber als sie leise seine Wangen streichelte, mit harten Fingern und doch sanft und zärtlich, huschte ein seliges Lächeln über seine Züge.

»Wie schön bist du, Sidla – zauberhaft schön!«

Einmal noch seufzte er tief – streckte sich – und fiel in die Kissen.

So war er doch in Indien gestorben.

Aus dem Hintergrund hatten sich schon wiederholte Laute der Ungeduld gemeldet. Jetzt trat der Störenfried erkennbar in den Bereich der Lampe. Wie ein Arbeiter gekleidet, hektisches Rot auf den vorspringenden Backenknochen, den Stempel des Intellekts auf der tief durchfurchten Stirn. »Faxen,« rief er. »Ist halt ein schwindsüchtiger Junge umgestanden. Was ist daran schon gelegen.«

Verständnislos pflanzte er sich vor dem Jüngling auf, der, noch warm von seiner Beichte, die Schultern hochzog wie unter einem kalten Wassersturz. »Ihr seid, scheint’s mir, auch so einer, der das Volk beschnüffelt, ohne von seinem Wesen das Geringste zu verstehen. Seid’s Ihr schon einmal ein tschechischer Textilarbeiter gewesen? Habt’s Ihr schon einmal, um einen Schandlohn, bei Frost und Hitze einen Webstuhl zehn, elf Stunden lang bedient? Wißt’s Ihr, was, ehe wir gekommen sind, um ihm zu helfen, so einem armen Webermädel die Dampfpfeife bedeutet hat? Ihr Großstadtherrchen, also darüber sollt Ihr jetzt von mir etwas erfahren.«

Auf die Tischtafel gestützt, die Blicke herausfordernd auf den Deutschböhmen gerichtet, fing er an. Der geübte Redner war ihm anzumerken.

Die Dampfpfeife

Oh … oh … oh … oh …

Oh … oh … oh … oh … oh … jeeeh …!

Ein Pfiff, ein langgedehntes, grelles, aufheulendes Brüllen, gleich einem Aufschrei der gequälten Kreatur.

Das Weib richtet den Oberkörper etwas auf.

»Es pfeift, Vaclav,« stöhnt sie aus ihren Schmerzen, »lauf’, du versäumst!«

Vaclav erhebt sich langsam. Er sucht beim trüben Schein der Lampe in der Lade nach dem Brotlaib, schneidet einen Fetzen davon ab und steckt ihn in die Jacke zu der Branntweinflasche. Noch einmal tritt er an das Bett und streichelt seines Weibes feuchte Stirn.

»Sorgt Euch nicht, Stejskal, um die Božena,« sagt die alte Babi, die beschäftigt ist, Wasser in ein kleines Holzgefäß zu gießen, »gut wird’s gehn. Wenn Ihr nach Haus kommt, ist ein Bub’ da.«

Ob Bub’, ob Mädel, ihm ist’s gleich. Ein Esser mehr zu den dreien, die schlafend in Kisten an der Erde liegen. Und die Frau erwerbslos für die nächsten Wochen.

Was ist zu tun? Wenn Gott es so bestimmt hat.

Er läuft, um nicht in Strafe zu verfallen. So hastig rennt er durch die unerhellte, nebeldicke Morgenluft, daß er die Kälte, die sein Gesicht zerschneidet, nicht empfindet.

Schon steht er zwischen seinen beiden Stühlen.

Oh … oh … oh … oh …

Oh … oh … oh … oh … oh … jeeeh heult zum zweitenmal die Pfeife.

Sssss zischt die Dampfmaschine, bewegt die Arme, bringt den Betrieb in Gang; die Schützen fliegen durch die Kettenfäden.

Und Vaclav weiß nicht, daß sich in das Ausklingen des zweiten Pfiffs daheim in seiner Hütte ein leiser Wehlaut mischt. Das erste Wimmern seines vierten Kindes.

Piska – es pfeift – wird sie genannt. Die Dampfpfeife, die sie zur Welt gerufen hat, wird ihre Patin.

* * * * *

Kind und Mutter. Alles Reiche, Starke, Zwingende ursprünglichster Instinkte … Fünf Wochen lang kriecht das Tierchen Piska an die Mutterbrust. Mit seinem Hunger, seinem Frost, mit jedem Zittern seines leiblichen Verlangens.

Plötzlich liegt es in Verlassenheit. Lange Stunden, Ewigkeiten. Die Händchen tasten in das Leere, die Lippen stoßen klagend etwas Mißschmeckendes zurück, schließen sich, lustlos saugend, um etwas Kaltes, Nahrungsloses; bis sie der Lebensquell aufs neue füllt; bis Mutterzärtlichkeit mit Brust und Arm und Mund den kleinen Körper wärmend einhüllt.

In diesen Augenblicken tierischen Entzückens huscht durch das Dämmern des kindlichen Bewußtseins ein Geräusch, ein Laut …

Oh … oh … oh … oh …

Oh … oh … oh … oh … oooh … jeeeh …

Die Lust verschwindet. Piska ist allein. Großmutter schüttelt sie.

»Psch, psch, Pisenka, raunz’ nicht. Maminka kommt wieder, abends, wenn sie pfeifen.«

* * * * *

Das Band zwischen Natur und ihr ist durchgeschnitten. Piska ist kein Säugling mehr.

Doch von der Großmutter noch immer vor den anderen bevorzugt. Sie nimmt die Kleine mit, wenn sie, die schwarze Tasche auf dem Arme, zur Mittagszeit davonschlürft. Langsam, doch noch viel zu schnell für schwache, kurze Beinchen. Den Waldweg abwärts, über die Brücke, vor das große Haus.

Sie warten lange, bis sein Tor sich öffnet. Viele Menschen gibt es her. Männer, Frauen, Burschen, Mädel.

Božena und Vaclav sind darunter. Bleich und verdrossen. Er unzufrieden mit dem Zugebrachten. Keine fünfzig Deka Fleisch die ganze Woche. Sie oft zu kraftlos, um zu essen.

Sie sitzen zur Sommerszeit auf einer grünen Wiese. Im Winter in einem großen, kahlen Zimmer mit vielen anderen. Manch einer hätschelt Piska, schiebt ihr einen Bissen in den Mund, läßt Branntwein oder Bier in ihre Kehle laufen.

Die Hand der Mutter liebkost sie nicht mehr. Müde ruht sie auf dem Schoß, in dem sich wieder neues Leben regt. Schon ruft es abermals zur Mühsal. Seufzend stehen alle auf, folgen der Mahnerin, der Unerbittlichen …

Oh … oh … oh … oh …

Oh … oh … oh … oh … oooh … jeeeh …

* * * * *

Was sich die kleine Piska alles denkt, wenn sie die Pfeife hört. »Ein großer Mann, ein Riese, noch höher als ihr Häuschen, der so schreit.«

Sie ahmt ihm nach, wenn sie mit den Kindern spielt. Auf der offenen Heerstraße, die ihr Spielplatz ist. Sie pfeift, die anderen müssen in den Winkel rennen, »in die Fabrik«. Im Winter dringt ihnen der Schnee in die zerlumpten Stiefel. Im Sommer wühlen ihre nackten Sohlen den Staub auf, daß er in Wolken aufsteigt und ihnen fressend in die Lungen dringt.

Viel später, Piska geht schon in die Schule und weiß: es ist der Dampf, der mit so tobendem Gekreisch entweicht, verbindet sie geheimnisvolle Vorstellungen mit dem grellen Schrei.

Er ist ihr der Direktor, vor dem die Mutter zittert, der die gut und schlecht bezahlte Arbeit zu vergeben und die Strafen anzusetzen hat. Auf den der Vater schimpft: »Lump, verfluchter, tritt den Arbeitsmann, kriecht dem Herrn in den H…..n!«

Oder gar der Herr Besitzer selbst, der furchtbar reiche, der die Tasche voll mit Sechserln hat, alle Tage zweimal Fleisch kriegt und drei Liter Pilsener Bier dazu.

Oder sonst ein Übermächtiger, ein Zauberer.

Alles richtet sich nach ihm. Daß die Eltern weggehen und daß sie wiederkommen. Daß es Samstag eine halbe Stunde früher die Suppe und die aufgewärmten Knödel gibt. Daß die Mutter dann das Zimmer aufreibt und die Kinder badet. Daß der Vater erst um Mitternacht nach Hause kommt und die Mutter prügelt, die ihm weinend vorwirft, daß er wieder den halben Wochenlohn vertrunken hat.

* * * * *

Nun ist sie selber in des Zauberers Bann geraten.

Bei der Mutter, die die Fäden durch die Zeuge zieht und sie an eine neue Kette andreht, hockt die Kleine. Garnabfälle hängen ihr am Arm, und die Finger lernen Weberknoten.

Eine blasse, magere Vierzehnjährige, der der Pfiff kein Spiel mehr bedeutet.

Bald rückt sie auf, sitzt an der Spulmaschine. Wie beim Instrument die Tasten reihen sich dem samtnen Kissen Stifte an, auf denen die Bobinen stecken. Und dahinter trägt der große schräge Rahmen Spulen.

Aufgepaßt. Nicht geprudelt, nicht gefaulenzt. Geld verdienen. Aufgepaßt, daß keine Fäden reißen, daß, wenn die Bobine abgespult ist, kunstgerechte Knoten zu der neuen führen. Und daß ja der Baumwollflug nicht auf dem Kissen bleibe und den Faden schädigt.

Schwere Arbeit für die schwachen Kräfte. Aber Jugend, goldene Jugend. Über deine Brücke geht aus jedem Dunkel der Weg zu hellen Fröhlichkeiten.

Neckereien, Gelächter, Püffe rechts und links. Rasch und heimlich. Wenn ein Unberufener naht, gleich die Augen wieder ehrbar auf die Bank gerichtet. Eine Hetz’!

Und endlich pfeift sie doch, die Stunde der Erlösung. Wie dann mittags im Winter der aufgewärmte Kaffee schmeckt. Im Sommer die Handvoll Birnen und die saure Gurke.

Manche freilich essen besser. Streichen Schmalz aufs Brot und kaufen einen halben Liter Bier in der Kantine. Zu so etwas reicht Piskas Lohn noch nicht. Sechzig Heller täglich; dreißig davon an die Mutter. Was bleibt da für den Putz? Mag auch jeder arbeitsfreie Augenblick beim Sticheln aufgehen, beim Waschen, Stärken, Bügeln. Dem Johann Tronezek zuliebe.

Der Johann Tronezek steht schon am Webstuhl. Er webt Kattune. Schlecht bezahlte Ware. Leichte Ware, wie er selber ist. Kein hübscher Junge. Dürr und käsig. Sohn eines Säufers und mit Branntwein aufgezogen. Aber flink und frühreif wie die Piska selber.

Sie passen gut zusammen, wenn sie am Sonntag miteinander tanzen. Stundenlang. Die Arme eng verschränkt, die Hände gegenseitig auf den Schultern, die Köpfe einander zugeneigt, daß die Stirnen sich berühren. Brust und Leib dem anderen angeschmiegt, schieben, drehen und drängen sie sich durch den Knäuel der Paare. Sie sprechen nicht. Das Mädchen schließt die Augen, öffnet ihre Lippen. Gibt sich in sinnlicher Verzückung der Wonne hin. Dem Tanz, der schwindelnden Bewegung, der dichten Nähe ihres Burschen.

Die Luft wird schwül und dick. Aus Bierneigen, Speiseresten, Menschenschweiß ballt sich Gestank zusammen. Die Fiedel quietscht, der Baß ist brummig und verstimmt, mißtönig kreischt der Chor der halb Betrunkenen dazwischen. Das Mädchen sieht, hört und riecht es nicht. Die Augen zu, die Lippen offen, dreht sie sich inbrünstig im Kreise.

An ihres Liebsten Körper angepreßt, genießt sie dumpf und unbewußt, wonach des Menschen tiefste Notdurft schreit – das Glück.

Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst, Natur.

Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt ihres Lebens drängt sich in diese Stunden. Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres Denkens, die Freude, die sie gierig einschlürft, mit all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer Seele in ihrem Körper aufpeitscht.

Tanz und Liebe … Bis zur Neige leert sie den Becher, sinnlos, zügellos. Dem allzu schnell enteilten Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen Morgen. Noch eine Runde … eine noch …

Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden Minuten halten.

Oh … oh … oh … oh …

Oh … oh … oh … oooh … jeeeh … schreit die Pfeife.

Der Arbeitstag ist da, rennt, Leute, eilt, daß ihr der Strafe nicht verfallt!

In ihren Sonntagskleidern, ungesäubert, ungestärkt, stürzen sie den Berg hinunter, den Fluß entlang, über die Brücke, an das große Tor …

Gerade sitzen, Piska, die Lider offen halten! Aufpassen, nichts verpatzen, Geld verdienen!

* * * * *

Piska tanzt noch immer. Aber lange Pausen legt sie zwischen jede Runde. Ihre blauen Augen liegen tief und schwarzumrändert in den Höhlen, ihre jungen Züge sind verfallen, lässig schleppt sie ihre Glieder. Sie ist krank. Doch diese Krankheit gilt nicht bei der Krankenkasse. Auch zu Hause muß sie sie verschweigen. Aus Angst vor Prügel und vor hartem Zanken.

Zwar die Mutter wurde auch erst kurz vor Piskas Ankunft Vaters Frau. Doch der Eltern eigene Verfehlung strafen sie bei ihren Kindern. Anständig soll die Tochter bleiben, Geld nach Hause bringen. Überhaupt die Piska, so ein Fratz, noch keine sechzehn. Und die Mutter selbst noch alle Jahre in der Hoffnung.

Auch der Johann ist verdrossen. Nicht wie sonst macht er sich häufig in dem Spulmaschinenraum zu schaffen. Sie ist es nun, die einen Vorwand sucht, den Websaal durchzulaufen. Aber das Getöse übertönt die Stimme. Sie zieht ihn mit sich in den Seilgang.

Nur ein Wort.

Na also – was? Wie wenn er nicht schon wüßte. Also ja, wie oft soll er es sagen. Er wird sie nehmen. Wahrscheinlich. Später, wenn sie beide mehr verdienen. Aber gleich das Haus voll Kinder. Dafür dankt er. Sucht sich lieber eine andere, die nicht so ungeschickt ist. Na – nicht gleich. Sie braucht nicht so zu weinen.

Sie drängt sich angstvoll an ihn an. Eine kurze, heftige Umarmung vereint die beiden, die Strafe und Entdeckung nicht bedenken.

* * * * *

Hochsommer. Glühend brennt die Sonne auf die ungeschützten Scheiben. In schrägen Streifen tanzt der Staub und Baumwollflug im Saale. Piska sieht weiß aus. Ihre Finger zittern, wenn sie den Knoten knüpfen sollen. Bei jeder Lohnauszahlung trifft sie seit Wochen eine Strafe, und der Direktor droht mit der Entlassung.

Jetzt nimmt sich eine Mitleidige ihrer an.

»Geh’ bissel auf die Luft, ich gib’ dir Obacht.«

Die Kleine wankt hinaus; sie schleppt sich aufwärts in den Wald. Ein Tier, das in das Dickicht kriecht, dort zu verenden.

Ist ihr schlecht. Jeschisch Margotte … was für Schmerzen. Sie schreit und jammert. Stromweise stürzen ihr die Tränen aus den Augen, die Hände krallen in die glatten Tannennadeln, die den Boden decken.

Die Pfeife hört sie noch und denkt verworren: Wenn man nur nicht gemerkt hat, daß ich eher weg bin. Dann überwältigen die Qualen die Gedanken.

*

Ein grelles, langgedehntes, aufheulendes Brüllen weckt sie auf. Sie möchte aufstehen, an die Spulbank eilen.

Sie kann nicht. Entkräftet, sterbend sinkt sie nieder. Und in das Ausklingen der Pfeife mischt sich ein leiser Wehlaut. Das erste Wimmern ihres Kindes.

Der Kreislauf ist vollendet. Ein Leben geht zugrunde und gibt der Arbeit einen neuen Sklaven.

Oh … oh … oh … oh …

Oh … oh … oh … oh … oooh … jeeeh …

Wir saßen mit gesenkten Köpfen. Von der Trostlosigkeit dieser Zustandsschilderung bedrückt und aufgereizt, uns zu verachten. Nur ein grauhaariger Herr, wie schlafend an die Kachelwand gelehnt und in die Spiralen seiner kunstgerechten Rauchringe gewickelt, schlug die Augen auf und sagte: »Ja, so seid Ihr. Immer Weiß und Schwarz. Der Proletarier ist edel, der Bürger ist ein elendes Subjekt. Ein Ausbeuter. Und ohne ein paarmal hunderttausend Guldenrente tut Ihr’s bei ihm nicht. Meiner Erfahrung nach taugen wir Menschen auf beiden Seiten nichts. Wer die Macht hat, übt Gewalt und unterdrückt das Recht. So ist’s von Weltanfang gewesen. Wenn Ihr am Ruder seid, werdet Ihr’s nicht anders machen.« Er bewegte die Feder seines Benzinfeuerbüchschens, entzündete bedächtig eine frische Zigarette und führte ein Beispiel für seine Weltanschauung an.

Die Erziehung zur Bosheit

Denkt euch einen braunen Wollknäuel, dem man vier Pfötchen und ein Schwänzchen angebunden hat. Oder noch besser, stellt euch eine Kugel vor, mit einem braunen Fellchen überzogen. Daran ein Köpfchen mit zwei blanken Augenpunkten, einem schwarzen Näschen und einer sammetweichen Schnauze. Oder ein lächerliches, winzig kleines Löwenjunges …

Aber vielleicht glich Bello, als ihn der Gärtner in der Rocktasche vom Markte mit nach Hause brachte, am meisten einem jener Spielzeugshunde, die schreien, wenn man sie etwas auf den Magen drückt. Nur daß man Bello dazu nicht zu drücken brauchte. Denn er klagte unaufhörlich um die Mutter, der man ihn zu früh entrissen hatte. Selbst, als er sich bereits darein ergeben hatte, tags die leere, kalte Luft und nachts eine lieblose Filzdecke über sich zu fühlen (an Stelle des weichen, gastfreundlichen Leibs, in dessen tierisch temperierter Wärme er mit den Geschwistern gekuschelt war), suchte sein Mäulchen sehnsüchtig im Halbschlaf die stets bereite Nahrungsquelle. Und er weinte schmerzlich, wenn noch niemand wach war, um ihm das gewohnte Dämmerfrühstück zu kredenzen.

Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung an die Großmut der Natur. Er paßte sich der rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit der Vertrauensseligkeit der ersten Jugend blickte er ins Leben. Wenn er des Morgens über die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher in sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum. Die kiesbestreuten, glattgeharkten Wege, die Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der Rosenflor. Und die Himmelsglocke, die über dem Garten blaute, und die Sonnenflecken, die den grünen Rasen rötlich sprenkelten.

Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch die Villa ihm gehöre, die Freitreppe, die zu der Eingangshalle führte, die Korbmöbel und Lorbeerkübel. Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum tief herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes Spiel zu bieten. Wenn ihn ein unmutiges Wort verscheuchte, hielt er’s für einen Scherz und antwortete in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt und die anzuwenden ihm offenbar eine richtige Erfinderfreude gab; antwortete mit einem Bellen, das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte.

Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte in allen Winkeln, schleckte alle Schüsseln aus und verschaffte sich Genüsse, die ihm sein zweites Vaterhaus nicht bot.

Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich. Wehrte sich nicht, wenn die Küchenmagd ihn auf die Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß der umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden Busen überragt, in den Dunstkreis seiner Kinderstube. Allem Beweglichen und Raschen sprang er entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen ging, auch nur ein Schatten war, ein Blatt, das eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise drehte.

Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen Jungen, die allmorgendlich die Zeitungsblätter brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie, daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt ein Individuum ergebe. Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen Kleider waren mehr zerrissen als geflickt, und in den abgemagerten Gesichtern standen die dunkeln Augen unnatürlich groß.

Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang. Schon von weitem lief er ihnen zu, umhüpfte sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen Kapriolen, daß sie zum Schluß mit ihm auf einem Haufen gemeinsam an der Erde lagen.

Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar nicht einverstanden. Er mißbilligte schon Bellos Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht zutunlich zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden, mißtrauisch und scharf, sonst taugt er sein Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis zu der Köchin. Die Freundschaft mit den Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider. Zum Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte Kleider trugen, sollte der Hund ja gerade aufgezogen werden.

Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung zu begreifen. Zu den ersten Kläpsen hatte er, wie ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge schmecken.

Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu der Menschengüte. Und mit dem Kinderglauben auch die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen. Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht betrachtet hatte. Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen (sonst der Vergnügungsanzeiger des kleinen Körpers) zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in die Halle, vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den Berührungen der Dienstboten wich er ängstlich aus und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden war.

Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den zerlumpten Kameraden. Immer wieder wurde er im Spiel mit ihnen angetroffen.

Da band der Gärtner ihn zur Strafe eines Nachts zum erstenmal in der großen Hundehütte fest. Verlassen, frierend, von Furcht und Sehnsucht fast von Sinnen, bat er unaufhörlich: »Verzeiht mir doch! Ich will ja brav sein! Kommt denn niemand? Laßt mich nicht allein!« Und unterbrach sein Winseln nur, um hämmernden Herzens, mit aufflammender und immer neu enttäuschter Hoffnung aufzuhorchen, ob die Erlösung sich nicht nahe … Und in der nächsten Nacht derselbe Jammer …

In den Stunden der Verzweiflung reifte langsam die Ahnung von dem Weltzusammenhang in ihm. Von der Macht des Starken. Daß der Schwache rechtlos sei und daß ihm nur eine Waffe zu Gebote stehe – die Bosheit. Er veränderte sein Wesen. Das Fellgekräusel wurde glatt, die Blicke kehrten sich nach innen, die Schnauze streckte sich und gab ihm das Aussehen eines Fuchses.

Neun Monate war er alt, als er nach dem jüngeren der Zeitungsträger schnappte.

Das Bübchen hatte sich, in dem Verlangen nach dem langentbehrten Spielgefährten, bis zum Gartenhäuschen vorgewagt. Es hielt das Knurren Bellos, dem man streng aufgetragen hatte, niemanden in die Wohnung einzulassen, für eine der beliebten Narrenpossen seines Freundes, und überschritt die Schwelle. Da biß der Hund nach ihm … über das magere Beinchen rieselte das Blut in Tropfen …

Der Gärtner lobte seinen treuen Wächter und belohnte ihn mit einer halben Wurst.

Bellos Erziehung war vollendet.

Unweit von mir trocknete eine junge Dame im Verborgenen eine Träne ab. »Das war eine traurige Geschichte. Armer Bello.«

Die Männer lachten. Einige im Ärger, andere belustigt.

»Meine Freundin Isabella liebt die Tiere über alle Maßen,« entschuldigte Isabellas Nachbarin.

»Und du meinst, Franziska, daß ich mich dessen schämen sollte?« Isabellas Stimme, zuerst wie von Müdigkeit verschleiert, wurde klarer.

Ich dachte, sie hat den D-Moll-Klang des »Immer leiser wird mein Schlummer«-Lieds von Brahms.

»Ja, ich liebe sie, die Tiere,« fuhr sie fort, »sie sind so hilflos wie die kleinen Kinder, sie sind so ganz auf unsere Güte angewiesen und haben zu uns so ein rührendes Vertrauen. Wir aber täuschen sie beständig und mißhandeln sie zum Lohn für ihre Liebe.« Sie hob sich etwas aus dem weiten Mantel, in den sie, fröstelnd, eingesunken war. »Nur wir Frauen sind ihnen überlegen in der Fähigkeit, stumme Martern zu ertragen.« Sie hatte ihren Platz verlassen und stand sehr schlank in einem hochgegürteten Gewand von weicher schwarzer Seide, ein dünnes Perlenschnürchen um die weiße Kehle. »Ach, was wißt ihr Männer, wie wir Frauen um die Liebe leiden können. Wir haben einen sechsten Sinn dafür.«

Ich dachte: Was tut sie? Wie weit wird sie sich vergessen?

»Wir liegen auf der Erde und zerschlagen unsere Brüste, wir hassen euch und möchten euch verwünschen. Aber wenn ihr kommt, findet ihr uns schmeichlerisch und zärtlich. Wir wissen, ihr wollt von uns die Wahrheit nicht. Und nur durch die Sinne halten wir euch fest.« Ich hätte zu ihr treten und sie verhindern mögen, sich weiter vor fremder Neugier zu entkleiden, aber sie schien schon rettungslos dem Zauber dieser Nacht verfallen, der die Schlösser an den Herzen sprengte und die Seelen zwang, schamlos zu sein. Nur tiefer in das Zimmer zog Isabella sich zurück. Wie auf einer Geigensaite sang der Mollton ihrer Stimme aus der Ferne.

Vision

Noch einmal liebte er. Noch einmal hüllte ihn die Leidenschaft in ihren Purpurschleier, noch einmal träumte er das holde Märchen vom Sichverlieren und in einer anderen wiederfinden. Doch sein Schlummer war nicht tief. Im Traume wußte er von seinen Träumen, und daß ein lauter Anruf ihn erwecken würde. Und der Schleier, der ihn hüllte, war nicht unversehrt. Ein Riß nur, und das Licht des Alltags drang durch seine Maschen. Das wußte er, und er zäumte Dunkelheit und Stille um sein letztes Glück.

Sie liebte ihn. Ihr ging zum erstenmal des Weibes Lebenssonne auf. Kein Zweifel war in ihr. Mit demütiger Wonne gab sie ihr Ich an ihn verloren. Um Anbeginn und Ausgang ihrer Liebe standen Ewigkeiten. Ein Reichtum war in ihr, ein Jubeln und ein Singen. Und ein Drang, sich zu entdecken, zu bekennen. Jede Erinnerung holte sie aus den Verborgenheiten des Empfindens, um sie mit dem Geliebten nochmals zu durchkosten. Und sie verlangte ihren Anteil an jeder Regung seines Wesens.

Er lächelte und schwieg. Er schloß die Augen, legte ihr die Finger auf die Lippen, zog sie in seine Arme, riß sie mit sich in das Meer der Seligkeiten. Und über ihren Häuptern schlug die Flut zusammen.

Doch wenn ihr die Besinnung wiederkehrte, hörte sie, wie ihre Seele klagte: du schwelgst und läßt mich darben. Du glühst, und ich erfriere. Fühlst du denn nicht? Er ist nicht dein Freund. Was er dir gibt, ist nichts als sein Begehren.

Dann weinte sie und forderte vom Schicksal: erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren, gib mir dafür seine Freundschaft.

Die Blüten ihrer Freude fingen an zu welken. Ein Mißton gellte durch ihr innerliches Jauchzen. In die festen Wurzeln ihres Glaubens drang ein Fäulnistropfen, und dem zerstörten Erdreich entwuchs der Schmerz wie eine kranke Blume.

Er ahnte nichts von ihren Qualen. Dankbar genoß er ihr Verstummen und schlürfte ihre wehe Zärtlichkeit wie eine neue Würze. Er ahnte nicht, daß ihre Lippen, auf denen eben noch die seinen brannten, in sich den Schrei erstickten: Schicksal, erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren. Gib mir dafür seine Freundschaft.

Einmal aber kam es, daß ihre Zweifel durch ihr Schweigen brachen. Wie ein lang zurückgedämmter Strom stürzten ihre Klagen über ihn hinweg: »Du liebst mich nicht, an deiner Seele hab’ ich keinen Anteil, du gibst mir nichts als deine Sinne.«

Er blieb die Antwort schuldig. Er nahm sie sanft in seine Arme, wiegte sie hin und her und sagte nur mit einem müden Lächeln: »Du Kind.«

Am nächsten Tage fehlte er um die gewohnte Stunde.

Sie stand und wartete auf ihn, in Unruhe zuerst, dann in Erstarrung. Sie stand ganz nahe bei der Tür, weit vorgebeugt, um das Nahen seiner Schritte eher zu erlauschen. Es wurde finster, und sie wartete noch immer. Sie zündete kein Licht an. Ihr war, als bringe ihn das Dunkel ihrer Sehnsucht näher.

Plötzlich streifte sie sein Atem. – Sie fuhr empor und sah ihn in der Tiefe eines Sessels lehnen.

Sie fragte nicht: wie ist er eingetreten? Sie fragte nicht: wer hat die Lampe angesteckt, die rot verschleiert aus der Ecke leuchtet? Ein Nebel lag auf ihrem Denken, sie fröstelte. Das kam daher – er hatte sie beim Kommen nicht geküßt.

Er lehnte in der Tiefe eines Sessels, ihr gegenüber. Er erzählte von Erlebnissen und Plänen, forschte, wie sie sich tagsüber beschäftigt habe.

Sie dachte: ist das seine Stimme? dieser gleichmäßige Klang, der niemals jäh erstickt und im Geflüster abbricht?

Er zog ein Buch aus seiner Tasche, empfahl es ihr und bot sich an, ihr daraus vorzulesen.

Sie wollte rufen: du – du – kommst du nicht zu mir?

Der Laut erstickte in der Kehle.

Er plauderte inzwischen weiter. Er wurde witzig, zuweilen wurde er sogar bedeutend.

Sie dachte: ist er es denn wirklich?

Sie fand ihr Bild nicht mehr in seinen Augen, aus seinen Zügen war jede Heimlichkeit gelöscht. Sie sagte gleichgültige Dinge. Es wurde eine angeregte Unterhaltung.

Sie wollte aufstehen, sich in seine Arme stürzen. Etwas Unüberwindliches hielt sie zurück. Die kurzen Schritte, die sie von ihm trennten, waren nicht zu überschreiten.

Sie dachte: wenn er es wirklich ist, dann hab’ ich meine Liebe nur geträumt, den Mann mir gegenüber kenn’ ich nicht.

Jemand sagte: »Was euch vereint hat, ist zerrissen. Sein Leben ist erstorben. Du aber lebst. Und keine Brücke führt vom Lebenden zum Toten.«

Ein mörderischer Griff preßte ihr Herz zusammen. Aus schwerster Not stöhnte sie auf …

Sie lag im Dunkeln an der Erde. Ihre Wangen waren naß von Tränen. Und schnell, ehe die betäubte Seele sich von ihrer Angst befreien konnte, stammelte der Mund, mit blassen Lippen: »Schicksal, erhöre mich – nimm mir, wenn es sein muß, seine Freundschaft, aber laß, o laß mir sein Begehren.«

Isabella, jetzt auf einem niederen Schemel unterhalb des Fenstertritts gekauert, hätte die Wiederkehr in unsere Gemeinsamkeit nicht scheuen brauchen. Mit Ausnahme einer faunischen Bemerkung des grauhaarigen Zigarettenrauchers entheiligte kein Männerwort den Nachhall der ausgeströmten Klage. Nur in Franziska, mir entging es nicht, rang ein Kampf. Ein Widerspruch, ein Stolz? Mit einem Hochmut, der ihr wohl helfen mußte, ihre Abneigung gegen diese öffentliche Kundgebung zu überwinden, erkannte sie die Tyrannei der Sinnlichkeit nicht an. Mehr als den Geliebten suche die Frau jetzt in dem Manne den Vater ihrer Kinder, den gleichberechtigten Gefährten.

Wieder war es eine Frau, die sich ihr entgegenstellte. Am wenigsten hätte ich es dieser zugetraut. Sie war mir jenseits jedes passionellen Sturms erschienen. Ich entdeckte bald den Einfluß, unter dem mein Urteil stand. Entgegen den heutigen Gebräuchen war ihre Kleidung der Anzahl ihrer Jahre angepaßt. Das gab ihr vorzeitig den Anschein der Matrone. Es gelang mir, ihr früheres Ich bildhaft vor mir wiederherzustellen. Die feine Linie des jetzt zur Fülle neigenden Ovals, den schönen Schnitt der großen schwarzen Augen, jetzt von sanfter Traurigkeit verschattet, die Lockungen der Lippen, ehe die Zeit ihnen die Frische nahm.

Fühlte sie von mir etwas zu sich herübertasten? Sie wendete sich nur an mich, als sie ruhig sagte, sie habe keine Vorstellung von einer Weltordnung, die es den Frauen möglich machen werde, vom Mittelpunkt ihrer Natur sich zu entfernen. Was für Geschöpfe würden sie dann sein? Vom Fluch des Triebes befreit, von der Versklavung durch das Blut, das seine Forderungen am gebieterischsten stellt, wenn es die Grenzen seiner Macht erreicht. Ruhigere sicher. Ob aber glücklichere? Ohne die Glorie ihrer tödlichsten, unentbehrlichsten, aus der Wurzel ihres Weibseins aufsteigenden Schmerzen. Ganz schlicht, die Farbe ihrer Wangen kaum erhöht, erzählte sie; es mochte ihr Erlebnis, es mochte das Tausender ihrer Mitschwestern gewesen sein.

Herbst

Noch ein Tücherschwenken. Glück auf den Weg! Liebe! Liebste! Dann bog der Wagen um die Ecke, allmählich verkräuselte der aufgewühlte Staub.

Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor. Mit feuchten Augen sah sie in die Herbstlandschaft hinaus.

Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein Ton verhaltenen Gefühls. Wehmütig entflatterte das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im Abschiednehmen schon dem Wiedersehen zu. Und die grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten Herbstzeitlosen, gaben sich der auslöschenden Abendröte mit solcher Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her, erglühten.

Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen und ein Lachen. Unter einer sanften Traurigkeit sammelte sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins schläft.

Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche Anweisung zu holen. Das riß die Sinnende aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die schwere Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu, den mit gelbem Kies bestreuten Weg entlang, zwischen den Rabatten, an denen noch ein paar späte Rosen blühten.

Sie mied den Eingang durch die Halle, in der die Dienerschaft beschäftigt war, die gewohnte Ordnung wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher Geruch schlug ihr entgegen. Er strömte aus den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel schlangen.

Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß der elektrischen Beleuchtung auf, das Zimmer befand sich noch in demselben Zustand, in dem die Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten, wie eine elegante Frau sie zu ihrer Kleidung braucht, lagen durcheinander. Auf dem Teppich Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit den Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als seien sie eben von den Füßen abgestreift. Über die Sofalehne floß das Brautkleid wie ein Lebendiges hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter Mädchenhaftigkeit.

Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche Seide, innige Segenswünsche im Gemüt. Dann bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden herabgeglitten war.

Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie Kranz und Spitze aus dem Haar der Braut gelöst. Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena, Liebling, beeile dich ein wenig, bitte. Wir haben eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech, daß wir gerade heute das Auto nicht benutzen können …«

Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das kostbare Gespinst, ein Erbstück, das von ihres Mannes Mutter stammte, und das auch sie an ihrem Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war es her.

Wie das lebendig vor ihr aufstand – den ganzen Tag über hatte es sie schon verfolgt. In einer anderen Stimmung als die Lenas war sie damals vor den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil nicht so begehrt. Mit der Unruhe im Herzen: werde ich Robert genügen? In demütigem Staunen: warum wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm, dem so viel Älteren, Gereiften. So klug, so fein, so reich. Und sie hatte nichts als die frische Unberührtheit ihrer Jugend.

Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise dann zu ihr gewesen, hatte sie vor den Kunstwerken Italiens und Griechenlands nicht fühlen lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch dieses Ungreifbare zwischen ihnen, diese Sehnsucht, ihm einmal aus verborgenster Empfindung »Du« zu sagen.

»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich getröstet, »nicht mehr fremden Blicken ausgesetzt. Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen und ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe zu ihm ist.«

Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der sie ihm ihr Geheimnis hatte anvertrauen müssen.

Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit aus den Zügen eines Menschen brechen sehen? Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er wäre vor ihr auf die Knie gesunken.

Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von ihm behandelt worden, jedes Unbehagen, das sie traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht so verhätschelt worden. Was peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein künftiges Idol.

Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach Lenas Bild und strich liebkosend darüber hin. Wie in nachträglicher Abbitte für allen Groll und alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen Liebe.

Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens. Ihm zuliebe hatte sich die Frau allsommerlich auf Monate von ihrem Manne trennen müssen. Ihm zuliebe, um es nicht so lange zu missen, wurde dann das Landgut angekauft. Und damit das eigene Geschick besiegelt.

Vor drei Monaten war Lena einer Einladung Barons von Norden, des neuen Gutsnachbarn, gefolgt. Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert sie zu holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt. Endlich – das Signal der Hupe. Heiß und aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals geflogen.

»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.«

Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine Liebe auf den ersten Blick, seit Wochen brannte sie in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen.

Und nun wartete er draußen.

»Darf er herein?«

»Nein!«

»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen war ganz fassungslos geworden. »Du verweigerst deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber ich lasse nicht von ihm …«

Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken. Seit jener Zeit teilte Frau Beate Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen war. Die schlimme Brautzeit, auch für die Mutter, die den Vater trauernd leiden sah.

Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten hatte (nur bei dem Trinkspruch auf das junge Paar war seine Selbstbeherrschung sekundenlang bedroht gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich erboten hatte, den Hochzeitswagen auf dem Weg zum Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was für einer Stimmung würde er ihr wiederkehren?

Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas geblickt, ohne sich darin wahrzunehmen. Wie kam es, daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem Gedächtnis die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute unbeachtet an ihrem Geist vorbeigegangen waren? Ein freches Wort dabei, nicht für ihr Ohr bestimmt: Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter wär’ mir lieber.

Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte Haare, Haut, Gestalt. Wie ein Schauer überlief sie ein Verständnis, das schon vorhin leise aus der Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen ein heftigerer Reiz entströmen könne als dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt. Und jäh und heiß schoß ihr eine Vorstellung ins Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein. Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen uns.

Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen großen Sprung, sie mußte sich am Tischrand halten.

Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen, lief sie an einen Schrank, suchte, wühlte. Das Kleid, das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte, war dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus blaßblauer Seide. Es paßte noch. Die Haare rasch gelöst, zu der Frisur von einst geordnet. Den Mantel umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht, die spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten Rosen in Roberts Junggesellennest getragen, daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des Lagers streuen.

Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine, spähte sie in die Nacht hinaus. Mit hämmerndem Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung und der Sehnsucht der gereiften Frau.

… Männerschritte unten in dem Garten. Und oben in ihr eine fast mädchenhafte Scham, ihm hier zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen. Zu spät, er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu ihrem Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird er die Schwelle dieses Zimmers übertreten …

Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht Licht, er soll sie sehen, wie sie sich für ihn geschmückt. Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes. Seine Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten Sohlen, die Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt, schleicht sie hinaus, lugt durch die Spalte der angelehnten Tür.

Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das Gesicht im seidenen Pfühl begraben. Wie vom Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er weint …

Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In Lenas Stube reißt sie schamüberflammt die blaue Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten Morgenrock bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück, zöpft sie zu einer matronenhaften Flechte.

Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen, sich zu besinnen.

»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert. Bitte komm in das Rauchzimmer hinunter. Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst du sicher hungrig sein.«

Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet. In ihrer Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung und Entsagung schien sie mir die Verkörperung der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich, daß sie das Interesse der anderen Hörer nicht in gleichem Maße erregte. Hier und da war einer aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom Fenster her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute auf der Straße wahr, die mit dringenden Gebärden Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten, den Bittenden die Unterkunft versagen. So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die Eingelassenen gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen. Nachträglich hatten sie den Zug verlassen und nirgends Aufnahme gefunden. Ich dachte, als sie sich aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen macht die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken an den Schläfen, ein zweiter, bartlos, abgezehrt, die Augen glanzlos, wie nach innen blickend, den schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch fehlte ihm nur die Kutte. Eine Frau zuletzt, robust, den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich zuzugreifen.

Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum gelacht. Als einer der Anwesenden sich auf die Weißlichblonde stürzte und sie sich beide vor Heiterkeit die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel’, im selben Zug gesessen, und eins hat nix vom anderen gemerkt. Sie machten kein Hehl aus ihren Wie’s und Wo’s. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der Südtiroler Aloys und die Holländerin Katje in Scheveningen in dem nämlichen Hotel bedienstet waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie die Lücken ihres Nicht-voneinander-Wissens aus. Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn hatte England interniert, sie war in Flandern Pflegerin gewesen.

»Und bist epper wieder in an Gasthaus angestellt?«

Sie machte eine unzweideutige Bewegung der Zurückweisung. Einen Kriegsbeschädigten hatte sie zum Mann genommen, sie fingen einen kleinen Handel an. Um den Tod niet wollte sie wieder den reichen Janhagel bedienen und für ein paar dubbeltje Trinkgeld »Dank je well« zu jedem Lümmel sagen. Sie stieß Aloys in die Rippen: »Nicht Aloys? Was hat man da in die großen Hotels für ein Aasen mit die Guldens anschaun müssen und ein Schlingen und Champagnersaufen, und ein paar Gassen weiter sind die armen Fischersleut’ verreckt, bei Erdäpfel und Heringsschwänzen.«

Die meisten schienen sich an ihrem derben Wesen zu ergötzen. Man ermunterte sie zu weiterer Gesprächigkeit. Sie glich einer Künstlerin, die Beifall findet, gab Berufsgeheimnisse zum besten, malte die Volkssitten an ihrer Heimatküste. Bunte Farbenflecken warf sie auf eine roh gezimmerte Palette. Ich habe sie vereint zum Bilde.

Altersfrieden

Es ging ihnen gut, den Häuslersleuten im »Haus für arme Fischer«.

In Armut waren sie geboren, in Entbehrung aufgewachsen. In Sorgen hatten sie gelebt, waren in schwerer Arbeit grau geworden. Nun aber litten sie nicht Not.

Ein Dach zu Häupten und ein Lager, um den müden Leib zu betten. Ein Raum für jedes. Hoch genug, um aufrecht drin zu stehen, und breit genug, um, beide Arme ausgestreckt, die Mauern kaum zu streifen.

An der weißgetünchten Wand ein Binsenstuhl, ein kleiner Tisch. Ein halbes Dutzend Nägel ob der alten buntbemalten Truhe. Und wem das nicht genügte konnte Bretter in den Bettschrank nageln und seine Habe darin bergen.

Für ihren Magen war gesorgt.

Kaffee des Morgens, Kaffee vormittags, mittags, nachmittags und abends.

Und Sonntags Speck. Drei volle Pfunde. Wer seine Knochen noch bewegen konnte, dem stand es frei, sich seinen Tabak zu verdienen. Nur Branntwein war verpönt. Der schädigte den Körper und die Seele.

Zwölf waren sie. Verwaiste Eltern alle und keiner unter siebzig.

Der Tod war durch ihr Haus gegangen und hatte sie verschmäht. Wegmüde Wanderer. Entzweigte Bäume, kronenlos, ins Lebensmark getroffen.

Nicht alle waren Heringsfischer.

Gwij Louw hat Zwiebel und Kartoffel eingesetzt und ausgegraben Jahr um Jahr. Vom vielen Bücken war sein Rücken krummgebogen.

Joost Bluijs gab seine Kraft den Kähnen. Das Seil um seine Schultern ging er uferlängs mit schweren Schritten, zog die schwerbeladenen, flachen Kähne durch die Kanäle. Durch die stillen, grünumsäumten Wasserstraßen, der Landschaft Zierde und die Freude aller schönheitsfrohen Blicke.

Frucht und Gemüse hatte Arrie Paap durch das Land geschoben. Winter und Sommer. Durch Schneesturm und durch Sonnenglut, durch Schlamm und Flugsand. Dem Karren unter, zwischen Räderkreischen, die beiden Helfer. Kleine Hunde, zottig, mager, unter ihrer Bürde aus atemlosen Lefzen keuchend. An hundert Tiere mordete die Straße.

Huip van Spaart war Muschelsammler. Alltäglich, nach der Flut, war er ins Meer gegangen, das Netz vor sich, quer durch die Wellen. Neben ihm, bis an den Bauch im Wasser, zog das alte Pferd den hohen Wagen. »Ho–i,« schrie Huip. Das Pferd stand still, der Fang fiel prasselnd in die Wagenhöhlung. Und weiter ging’s, quer durch die Wellen, Mann und Pferd bis an den Bauch im Wasser.

Huip lebte noch die Frau, wie auch dem Gwij. Joost Bluijs war Witwer. Erst seit kurzer Zeit. Nun durfte er das Doppelbett allein benutzen.

Da war noch Aagje Kruit, die Armenmutter vor Eef Waas gewesen war. Und Tietje Boon, die nicht ganz richtig war im Kopf.

Seit ihrer Jugend, meinten manche.

Andere sagten, seit jenem Tag, an dem sie Mann und Kind verloren hatte.

An einem Wintersonntag auf der Heimfahrt aus der Kirche.

Im Treibeis kenterte das Boot. Der Vater hielt das Kind, bis die erstarrten Hände Hilfe fanden. Dann sank er kraftlos. Tietje, am Bugspriet angeklammert, bewußtlos, halb ertrunken, blieb am Leben. Sie lag in hohem Fieber, als man das Kind begrub.

Sie saß meist und stierte in die Luft. Nur wenn das Essen kam und man ihr das Verlangte nicht gleich reichte, erwachte sie und heulte wie ein Tier, das Schmerzen hat.

* * * * *

Novemberabend.

Heulend rast der Sturm. Aus seinem Brüllen schreit der Tod.

Draußen – weit draußen – zwischen Gischt und Wirbel unter schwarzverhangenem Himmel. Bergehoch, tälertief wirft er das Fahrzeug, faßt es mit der Eisenfaust, zerbricht es – begräbt sein Leben in dem tollen Strudel. Jauchzend rennt er vorwärts, türmt die Wasser, rüttelt an den Dämmen.

Auf das Armenhaus wirft er sich wütend. Dreihundert Jahre schon berennt er es, kämpft er mit der buntbemalten Puppe, dem alten Fischer, die den Giebel krönt.

»Ich will dich zwingen, Popanz – heut’ zertrümmere ich dich.«

Drinnen in der Halle hocken die Alten um den runden Tisch. Auf die weißen Köpfe fällt das bleiche Licht der Hängelampe.

Aber in den tiefen Ecken, wo die schwarzen Schränke stehen, ballen sich die Dunkelheiten, rücken drohend näher, fressen an dem blassen Lichtkreis. Lärmend tost der Wind.

Hui – ein Stoß – und wieder einer.

Die rote Balkendecke zittert, zuckend tanzt die Lampenflamme, und die Mauern schwanken. Klirrend reißt es an den Fenstern. Eisig pfeift es durch die Ritzen, fegt mit Ungestüm quer durch den Saal.

In den greisen Körpern friert das Leben. Zögernd schleicht das kalte Blut durch die welken Adern, und der Herzschlag stockt.

Sie fordern murrend »Mutters Zimmer« in der bösen Nacht. Es ist kleiner und die Mauern dicker, man kann Feuer machen im Kamin.

Mutter Eef hat nichts verstanden. Sie geht in dem blauen Wollkleid (Rock und Jacke, sommers, winters stets das gleiche), auf dem grauen Haar die weiße Haube, hin und wieder, räumt und ordnet. Noch ganz jung, kaum fünfzig Jahre.

Ihr nettes Stübchen. Heute hat sie erst die roten Ziegelsteine reingescheuert.

Nicht einmal die Katze, die ihr Liebstes ist, durfte auf die hohen Binsenstühle springen.

Diese Horde Schweine, die nach Schmutz und Branntwein stinken, Tabak qualmen und in alle Ecken spucken.

Nützen nichts, die tauben Ohren. Immer lauter wird das Murren.

Und jetzt humpelt Aagje Kruit aus ihrem Stübchen. Einundneunzig, eingeschrumpft und eingetrocknet, schon der Erde nahe, in die sie bald gesenkt wird.

»Hör’, Eef, in solchem Wetter haben sie ein Recht, bei dir zu sitzen. Mach’ das Feuer an in deiner Kammer.«

Mageres Feuer. Ein paar Stücke Torf, ein Korb voll Dünengras. Doch es flackert, mischt sein sanftes Lied ins Sturmesheulen.

Eng umdrängen es die Häusler. Dicht beisammen. Als ob Wärme aus den alten Körpern strömen könnte.

Schweigend rauchen sie, schon halb entschlafen. Manchmal weckt ein Windstoß das Gedenken an Gefahren, die sie einst bestanden haben.

Aagje Kruit fängt plötzlich an zu reden.

Sie war Hebamme. Tausenden von Kindern hat sie auf die Welt geholfen, tausende verderben sehen.

Sie erzählt von großen Kriegen. Von Napoleon. Von dem Brand in Moskau. Einer ihrer Brüder war dabei gewesen. Fahnenflüchtig war er heimgekommen, mit der Kunde von dem großen Brand und schwerem Elend.

Mutter Eef, die Augen scharf auf Joost, schreit plötzlich auf.

»Du Kerl, du Schwein, besoffenes Untier, hab’ ich dir nicht streng verboten, auf die reine Diele auszuspucken? Siehst du nicht den Speinapf?«

Sie faßt mit ihrer starken Hand den Alten und stößt ihn in die dunkle Halle.

Alle anderen folgen, tappen in die Kojen, kriechen in die Kasten unter ihre Lumpen.

Gwij und Huip und ihre Frauen schmiegen sich zusammen.

Wieviel Nächte noch?

Joost zieht heimlich seine Branntweinflasche aus dem Polster, heizt den alten Leib.

Lautlos liegt das Haus, der Wind umheult es. Rüttelt an dem Giebel, an den Türen.

Ab und zu erwacht ein Schläfer.

War das nicht ein Schrei? Das Rufen eines Kindes, das vor vielen Jahren in solcher Sturmnacht auf der See ertrunken ist?

* * * * *

Schweineschlachten. Fest im Armenhaus. Im November kauft die Mutter das Ferkel ein, zieht es unter aller Augen auf. Aller Hände haben es betastet. Tag um Tag. Wie es zunimmt. Ob am Fett mehr, ob am Fleisch? Heut, im Februar, wird es geschlachtet. Dick van Keer, der alte Heringsfischer, der so oft den Todesschnitt geübt hat, darf es stechen.

Seine dürre Hand, die zögernd zittert, wird noch einmal fest. Er stößt mit scharfem Messer in das Herz des Tieres, dessen Blut hervorschießt. In den Bottich, den Joost Bluijs ihm vorhält.

Gwij und Arrie holen Pech herbei, bestreuen den Leichnam. Während Eef das Feuer auf dem Herd entzündet und den Kessel aufstellt.

Siedend wird das Wasser auf das Schwein gegossen, daß die Borsten, aufgeweicht, sich schaben lassen.

Alle Männer, ihre Kraft vereinend, ziehen und schleppen nun den schweren Körper in die Halle. Dort wird er gehängt und abgewogen.

Juchhei! Zweihundertundzwanzig Pfund. Fast um zwanzig mehr als im vergangenen Jahr.

Um das Tier geschart, besprechen sich die Alten, achten auf die Teilung, sehen den Frauen zu, die die Eingeweide waschen, umdrehen, salzen und zerkleinern, um sie in den langen Darm zu stopfen.

Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre Zungen lecken lüstern ihre Lippen. Ganz beseligt tasten sie die Seiten. Dieser Speck – so weiß und fest. Und die Schinken.

Nein, sie werden dieses Mal nicht dulden, daß Eef irgend etwas von dem Schwein verkauft. Sie verlangen ihren Anteil an den Würsten, an dem Räucherfleisch.

Es ist Geld genug im Armenfonds. Muß denn Zins auf Zins gelegt sein? Ihrer ist die Gegenwart, das Schwein. Was bekümmert sie die Zukunft? Ihre Tage sind gezählt.

Mutter Eef hält Wacht mit scharfen Augen, daß kein Frecher sich an ihrem Gut vergreift. Jetzt faucht sie wie eine Katze auf. Ihre Faust in Arries Tasche, zerrt sie wütend, zieht das Stück, das er vom Schweinemagen heimlich abgeschnitten hat, heraus.

»Halunke, Lump, gemeiner Dieb!«

Arrie schweigt. Er ist zufrieden, daß der Eindringling die Flasche nicht gefunden hat. Seine liebe Branntweinflasche.

In der Ecke, wie beleidigt, tut er einen tiefen Schluck daraus und reicht sie heimlich weiter.

»Prosit! Unser totes Schwein soll leben.«

Und sie lachen wie die Kinder, hundert Runzeln in den alten Zügen.

Aus der großen Halle schrillt ein Wehruf. Lautes Weinen, wilder Jammer. Es ist Tietje Boon.

Des Schweines Todeskampf, das blutig-rote Fleisch, der Blutgeruch haben sie erregt. Irgend etwas ringt sich dämmernd aus dem zerstörten Denken. Aus der Tiefe ihres Unbewußtseins tritt ein langvergessener Schmerz.

Sie liegt auf dem Boden, heult, schreit, rauft sich die Haare.

»Tietje Boon ist wieder mal nicht richtig,« sagt Gwij Louw zu Arrie. »Sicher ist es so.«

Und den Umstand nutzend, daß die Mutter in die Halle geht, Tietje auszuschelten, leert er seine Branntweinflasche bis zur Neige.

* * * * *

Konzert und Ball im Badhotel.

»Für die Armen, liebe Leute, es sind ihrer viel im Dorf.«

Mildtätigkeit rauscht aus den Seidenröcken, Mildtätigkeit blitzt aus den edeln Steinen.

Mildtätigkeit entblößt die Büsten, schmückt die künstlichen Frisuren mit Band und Blumen, läßt Champagnerpfropfen knallen.

Händedrücken – Augenschmachten – Hüftenwiegen. Die Verlockung wird zur Pflicht.

Zweimal schon, zu je zehn Gulden einen Kuß, hat der blonde Hauptmann Frau von Reuß die weißen Arme küssen dürfen.

Für die Armen, liebe Leute, muß man Opfer bringen.

Mutter Eef in ihrem blauen Kleid, stets das gleiche, auf dem grauen Haar die Spitzenhaube, deckt die Tafel, bringt die Teller, Gläser und Bestecke. Heute gibt es warmes Abendessen. Braten, süße Speisen, Wein und Bier und für jeden Mann ein Päckchen Tabak.

Eben treten schon die Spender in die Halle. Ihre Wohltat zu vollenden, wollen sie die Armen selbst bedienen.

Die Alten stehen sehr verlegen in den Türen ihrer Kojen.

In ihrem Herzen kämpft die Sehnsucht nach den feinen Speisen mit der Scheu vor diesen Herrenleuten.

Mynheer van der Werft, der reiche Reeder, tritt jetzt vor, hält eine Rede.

Von der Güte Gottes, »denn der Herr ist auf dem Grunde jedes Tuns und Lassens. Täglich müßt ihr ihn lobpreisen, daß er euch so schön geführt hat. In dies Haus, wo euer Lebensabend hinfließt wie ein Bächlein, still und rein und ohne Sorgen.«

Von der Menschengüte, die den alten Leuten dieses schöne Fest bereitet habe. Von der Pflicht der Dankbarkeit für diese Wohltat, von der Pflicht der Demut und Zufriedenheit.

»Ist er nicht bald fertig?« denken sich die Häusler. »Erdäpfel und Braten werden kalt.« Unter den gesenkten Lidern fliegen ihre Blicke nach der Tafel.

Endlich!

Um den runden Tisch sitzen jetzt die Alten. Das blasse Licht der Hängelampe fällt auf ihre weißen Köpfe. Anfangs zögernd, immer dreister greifen alle zu.

Schmatzend essen sie und trinken glucksend. Das Geräusch des Kauens und des Schluckens mischt sich mit dem Rauschen der Gewänder. Wenn die Damen, die zum Volk heruntersteigen, Schüsseln reichen, Gläser füllen. Da fällt ein Teller klirrend auf die Diele und zerbricht. Er ist Frau von Reuß entfallen.

Einer Ohnmacht nahe, starrt sie nach den Alten. Nach dem Lichtkreis über ihnen, den die Finsternisse, in den Ecken dicht geballt, umdrängen und ihn drohend fressen. Daß er matt und ungewiß die welken Körper und die dürren Glieder und die bleichen Wangen fahl beleuchtet.

Ihr ist plötzlich: lauter Leichen sitzen um die Tafel. Fleischlose Gerippe, deren Kiefern zahnlos malmen. In den Dunst von Wein und Speisen steigen ihre Verwesungsdüfte. Ihrer selbst nicht mächtig, stürzt sie durch die Tür ins Freie. Auch die anderen Herrenleute, schnell erkaltet in dem Eifer sich zu opfern, suchen einen Vorwand, sich zu flüchten.

Unbekümmert, ohne aufzusehen, füllen sich die Alten Schlund und Magen. Sie vertilgen bis zum Rest die Braten, und sie leeren Wein und Bier zur Neige.

Dann, des Übermaßes ungewohnt, sitzen sie betäubt. Ein Gefühl des Unbehagens überfällt sie, eine Lust zu streiten und zu raufen.

Arrie Paap fängt plötzlich an zu winseln: hätten sie ihn doch gefragt. Hätten sie ihm, statt des Nachtmahls, doch lieber seinen höchsten Wunsch erfüllt, den letzten seines Lebens. Einmal noch nach Amsterdam zur Kirmeß. Auf den Straßen singen hören, tanzen sehen, in den Waffelbuden sitzen und das Karussell besuchen. Einmal noch in diesen großen Kutschen fahren. In den wunderbaren weißen Kutschen, ganz vergoldet und mit goldenen Pferden, die sich nach dem Klang des großen Spielwerks langsam drehen.

An den Fingern zählt er sich die Kosten ab. Für Wein und Bier, und für den Braten, für die süße Speise. »Das hat mehr gekostet als die Fahrt zur Kirmeß, meint Ihr nicht auch, Mutter Eef.«

Eef ist sehr verdrießlich.

Das Gesindel, diese feinen Damen. Erst sind sie so freundlich, bieten ihre Dienste an, wollen helfen und bedienen. Und dann rennen sie davon, lassen ihr die Plackerei und Arbeit.

Keine einzige hat ihr etwas gegeben, keinen Cent, ihre Hand ist leer.

Gerade nur, daß sie sich die beiden Flaschen Wein hat beiseite bringen können, und die halbe Torte und die Wurst.

Arrie winselt immer noch in seiner Ecke. »Hätten sie mich doch nach meinem Wunsch gefragt.«

»Du bist ganz besoffen, Kerl, leg’ dich schlafen,« sagte die Mutter.

Wütend schichtet sie die leeren Teller, packt sie auf den Arm und trägt sie weg. Auf dem Weg zur Küche murmelt sie verächtlich: »Diese reichen Leute.«

Katjes Erfolg war unbestritten; sie hatte der Frauen Mitleid angerührt, dem jungen Dichter eine neue Welt erschlossen, die geräuschvolle Zustimmung des tschechischen Genossen eingeheimst. So offensichtlich platzte nun auch Aloys aus allen Nöten vor Erzählerlust, daß ich lächeln mußte, wenn ich den Ton als höchst geschmacklos auch verdammte, als der grauhaarige Herr dem Südtiroler seine Zigarettendose reichte und ruhig sagte:

»Na, Herr Oberkellner, und was haben Sie gegen ihre frühere Kundschaft auf dem Herzen? Heraus damit. Es kitzelt Sie ja schon in der Kehle.«

Wie gekränkt in seiner Manneswürde hielt Aloys sich zuerst zurück. Dann siegte wohl die »Bitte sehr, bitte gleich«-Natur in ihm. Er verbeugte sich, und eingedenk vielleicht seiner Gewohnheit, die Zahl nach oben abzurunden, nahm er an Stelle eines Tabakstengels ihrer sechs aus dem Behälter.

»Na natürli,« sagte er begütigend, »es is halt alles unterschiedlich auf der Welt. Es hat ihrer unter die Herrschaften viel noblichte und anständige a. Aber sell muß wahr sein: a fremds Brot is a sauers Brot. Und die Armen und die Reichen, das paßt halt z’samm’ als wie, mit Verlaub, an Schweinshaxel in an Judenmagen. Und um so mehr als wie sich Müh’ geben, sich gemein mit unsereins zu machen, um so talketer stellens sich halt an. Auf d’ letzt noch,« er rückte seinem Ziele näher, »acht Täg bevor i hab’ weg müssen zu die Soldaten, is oben in unserm Alpenwirtshaus was passiert. Wenn die Herrschaften erlauben, werd’ i so frei sein und’s erzählen. Ein ganz a lustigs Stückl. Kurz is’s a.«

Er erbat sich Feuer von dem grauhaarigen Herrn, setzte sich an Katjes Seite und begann.

Volksbeglückung

Es war die zweite Stunde eines heißen Julinachmittags. Um diese Zeit kam keine Kundschaft in die Schwemme des großen Alpengasthofes »Zum Latemar«, der auf einem Hochplateau erbaut war, von den Dolomiten wie von einem Kranz umgeben. Vefi Rifeser, die Kellnerin, konnte ungestört die Platte ihres Schenktisches seifen. Sie rieb und bürstete mit Eifer, wie jemand, dessen Gedanken nicht bei seiner Arbeit sind. Von Zeit zu Zeit fuhr sie mit der Schürze über die erhitzten Wangen und trocknete zugleich die nassen Augen.

Die Vefi war ein mittelgroßes, schlankes Mädchen, mit brauner Haut, feurigen Augen und starken schwarzen Haaren. Sie war im Grödnertal geboren, von welschen Eltern, ihr Sinn war ungestüm, und ihr Geblüt war heiß. An schwülen Tagen wie dem heutigen machte es ihr viel zu schaffen und begehrte heim zu allem, was sie, dem Broterwerb zuliebe, dort zurückgelassen hatte.

In solchen Augenblicken war es geraten, ihr aus dem Weg zu gehen, das Wort saß ihr dann lose auf der Zunge und die Hand lose im Handgelenk. Zwar, sie war auch sonst nicht maulfaul und verkniff sich keinen derben Ausdruck. Mit den Bauern war sie grob aus Hochmut, weil sie sich ihrer Armut halber nicht von ihnen ducken lassen wollte, und mit den Städtern aus Schlauheit. Sie merkte wohl, daß ihre Art die Herrenleute in die Schwemme lockte, die Männer reizte und die Frauen unterhielt, und daß die Trinkgelder mit ihrer Keckheit wuchsen. Sie sah und merkte überhaupt so manches und lachte heimlich über die verrückten Leute, die sich vom Wirt und den Kellnern das Geld aus den Taschen ziehen ließen. Die, anstatt bis Mittag im bequemen Bett zu schlafen, vor Sonnenaufgang aufstanden und in die Berge liefen. Die voreinander den ganzen Tag Komödie spielten und sich in einem fort verkleideten; in der Früh’ als Tiroler, in geflickten Lodenjacken, Lederbuxen und Dirndlgwand’ln, zu Mittag wie die Kunstreiter in Sportanzug und in Radelröcken, und auf die Nacht wie die Affen; die Mannsbilder in schwarzen Schniepeln und glänzenden Stiefletten, die Weibsleute obenher halbnackt, daß man sich schämte sie anzuschauen, untenher mit langen Seiden- und Spitzenfahnen, die sie auf dem roten Bergsand schleifen ließen. Und die sich alle auf die Gebildeten und Feinen spielten und doch grad’ so nixnutzig waren, so verlogen und verliebt wie die gemeinen Leute auch.

Vefi hatte Gelegenheit genug, das alles aus der Nähe zu beobachten; denn zum Verdruß des Landvolks und zum Ärger des feinen Oberkellners hielten sich viele Fremde lieber in der Schwemme auf als in der eleganten Halle des Hotels. Neugierig waren manche, konnten sich nicht genug tun mit Fragen nach bäuerlichen Sitten und Gebräuchen, als ob Tirol im Mond gelegen wäre. Andere kamen ihr mit Ratschlägen und Anerbietungen, mit unverschämten und auch gutgemeinten.

Da war besonders ein Fräulein aus Berlin, Klarisse Müller hieß es, und wohnte schon seit einem Monat im Hotel, das hatte die Grödnerin in ihr Herz geschlossen und war ganz erpicht darauf, sie zu unterrichten. Dafür verlangte sie nicht nur keine Bezahlung, sondern sie beschenkte ihre Schülerin noch, um sie anzueifern. Aus diesem Grund ließ sich’s die Vefi auch gefallen; aber sie war doch herzlich froh, wie das Fräulein auf ein paar Tage fortmachte, auf eine Bergtour.

Heute namentlich, da ihr die Traurigkeit beinahe das Herz zersprengte, hätte sie sich lieber in ihrem Dorf um geringsten Taglohn schwer geplagt, als hier in der Fremde in ihrem Sonntagsstaat die Bauern zu bedienen und den Herrenleuten einen Hanswurst vorzumachen. Wie sie das grad’ so bei sich dachte und ihr dabei die Tränen wieder in die Augen stiegen, tat sich die Tür auf, Fräulein Klarisse trat herein; sie trug ein Päckchen in der Hand.

»Grüß Gott, Vefi!« sagte sie mit norddeutscher Betonung.

»Grüß Gott, Freilen,« erwiderte die Kellnerin nicht eben freundlich.

Dabei bückte sie sich hinter die Kredenz, so daß sie die ausgestreckte Hand des Fräuleins nicht zu schütteln brauchte.

Fräulein Klarisse nahm ihr das nicht übel. Sie hatte feste Theorien in bezug auf den Verkehr mit Frauen unterer Stände. Die wollten ihrer Ansicht nach gewonnen und umworben werden, man mußte sie behandeln wie die Kinder, und ihnen wider ihren Willen helfen.

Vertraulich setzte sie sich an einen Holztisch und erbat sich ein Glas Milch.

»Nun, und wie ist es Ihnen denn ergangen, Vefi, während ich nicht hier war? Ist Ihnen bang’ nach mir gewesen?« Sie erhob die Stimme, als könnte sie ihr Hochdeutsch dadurch besser verständlich machen. »Ich hab’ an Sie gedacht, sehen Sie, ich hab’ Ihnen was mitgebracht.«

Sie löste die Hülle des Paketchens und überreichte Vefi ein geschnitztes Kästchen, dessen Deckel ein buntbemaltes Bildchen zierte. Das Dorf St. Ulrich, überragt vom Langkofel und der Sellagruppe.

Vefi starrte auf das Geschenk. Sie wußte mit dem Kästchen nichts Rechtes anzufangen, aber die wohlbekannten Formen der Berge, die seit Jugend an ihren täglichen Horizont gebildet hatten, weckten eine wilde Sehnsucht in ihr auf.

»I dank Enk, Freilen.«

Sie war nicht dankbar. Wütend war sie, daß sie hier stehen und schwatzen mußte und nicht ihr Bündel nehmen und nach Hause laufen durfte.

»Denken Sie, ich hab’ den Langkofel bestiegen,« plauderte indes das Fräulein weiter, »bis zur Hütte. Herrlich war es oben, diese wundervolle Aussicht. Na, Sie sind den Weg gewiß schon oft gegangen.«

Vefi wußte nicht, was Nerven sind, sie fühlte nur, daß sie an sich halten mußte, um den Gast nicht vor die Tür zu werfen.

»I,« erwiderte sie mürrisch, »baleib net, zu so was hab’ i net Zeit.«

»Aber am Sonntag doch? Zieht es Sie denn da nicht hinaus in die schöne Natur?«

»Meinen S’ die Berg? Die siech i akrat a so von unten. Und am Sunntig will i decht a mei Ruh’ hab’n.«

»Wie doch die Dumpfheit des Geistes dem Volk die schönsten Freuden raubt,« dachte Klarisse und erzählte, nicht ohne erzieherische Absicht, daß einer von den Führern, ein furchtbar netter Kerl, womöglich noch begeisterter vom Sonnenaufgang war als die Städter. »Er war aus Ihrer Gegend, vielleicht ist er Ihnen bekannt, Peter Purtscheider war sein Name.«

Vefi lachte verächtlich auf. »Ui jegerl der Peter, sell is der recht’, der lugt mit ‘m Maul, bal er betet. Um a guat’s Trinkgeld plauscht der die Frischleut’ sakrisch an.«

Was hatte nur die Vefi? So üble Laune hatte sie noch nie gezeigt. Fräulein Müller lenkte daher das Gespräch in andere Bahnen.

»Haben Sie denn für mich gearbeitet, liebe Vefi?«

Das Mädchen brummte etwas Widerwilliges, doch ging sie an den Schenktisch und kramte in der Lade nach Tintenfaß und Schreibheft. Das Fräulein hatte es doch gut gemeint mit ihrem Kästchen, auch für die Milch wieder zehn Heller Trinkgeld hergegeben.

Klarisse sah das dünne blaue Heft mit dem zerrissenen beschmutzten Deckel kopfschüttelnd an.

»Aber Vefi, wie sieht das wieder aus. Und was haben Sie da obenan geschrieben?«

»’S is die Zech’ vom Patscherjörgl, ‘s hat ihm gar so arg g’schleunt und i kunt koa Kreid’n finden.«

Das Fräulein überflog die Rechnung.

»Wie haben Sie das nur wieder buchstabiert? Wein mit eu und Rührei mit ai.«

Das Blut stieg Vefi in die Schläfen. Sie faßte nach dem Buch, um es an sich zu reißen!

Klarisse hielt es fest.

»Ich darf nicht die Geduld verlieren,« mahnte sie sich selber, sagte: »Lassen Sie mich nur erst Ihre Arbeit sehen!« und öffnete die Blätter.

Sie hatte ihrer Schülerin, der die großen Buchstaben nicht ganz geläufig waren, die Aufgabe gestellt, zu jedem Zeichen des Alphabets einen Rufnamen zu finden. Nun las sie, ohne zu verstehen, eine Anzahl Worte.

»Was soll denn das hier heißen, Durl, Hias, Lipp, Neas?«

Die Kellnerin lehnte, auf die Ellbogen gestützt, neben der Lesenden.

»So heißt mer bei mir dahoam die Dorothee, den Matthias, den Philipp und die Agnes,« erklärte sie.

»Ja, warum haben Sie denn dann die Namen nicht an die richtige Stelle gesetzt?« lächelte die Lehrerin. »Und ein paar Buchstaben haben Sie ganz ausgelassen, das G zum Beispiel.«

»Auf G hab’ i koa einzig’s Wörtl finden kunnt.«

»Aber Vefi! Ihr eigener Name – Genoveva!«

Vefi schlug sich vor die Stirn.

»I Dalk, i Tepp, daß i dadrauf net denkt hab’.«

Sie griff nach den Blättern, riß die beschriebene Seite aus und zerfetzte sie in viele Stücke.

»Lassen S’ mi aus, Freilen,« rief sie, »i sag’s Enk alm; von Hundsschweifeln g’winnts koa Unschlitt. I bring’ dös Zeig nimmer in mei’ dalketen Schädel eini.«

Das Fräulein suchte sie zu besänftigen.

»Wie können Sie so sprechen? Sie wollen nur nicht.«

Da warf die Kellnerin trotzig den Kopf zurück.

»Von z’wegen was a?«

»Um im Leben vorwärts zu kommen und auch um Ihrer selbst willen, Bildung macht die Menschen frei.«

»Ui jegerl,« kreischte die Vefi auf, »was sollet i mit a Büldung? Für mei’ Arbeit bin i g’bild’t gnua.«

»Sie könnten aber leichtere bekommen, hier ist sie doch oft recht schwer für Sie.«

»Sell is wahr,« bestätigte die Vefi.

»Und bringt wenig ein, und hört im Winter auf. Ein anstelliges, fleißiges Mädchen wie Sie könnte aber in der Stadt, in Bozen oder in München, einen guten Dienst finden für das ganze Jahr und viel mehr Geld verdienen.«

Geld verdienen, das war das erste, das der Vefi von allen Reden einleuchtete.

»Sell könnt’ i scho brauchen.« Sie sah nachdenklich vor sich hin. Nach einer kleinen Weile schüttelte sie den Kopf.

»’s ganget decht net, i tät’ mi decht zu arg nar mei’ Heimoatl blangen.«

Diese sentimentale Regung überraschte die Berlinerin.

»Ich denke, Sie hängen gar nicht an den Bergen?«

»Hiaz z’wegen dene Berg.«

Das Gespräch hatte das Heimweh, das ihr am Herzen fraß, gesteigert, sie kämpfte mit dem Verlangen, jemandem ihr Leid zu klagen. Und da Klarisse in ihrem Beglückungseifer sie noch mehr bedrängte:

»Was hält Sie denn zu Hause fest? Ich weiß, Sie haben keine Eltern mehr,« kam es zögernd über ihre Lippen.

»Da is halt dös Haserl.«

Klarisse sah sie fragend an.

»Mei’ Biabl.«

»Ein Kind?«

Vefi nickte.

Das Fräulein wurde rot, worüber sie sich ärgerte. Sie wußte doch, mit Prüderie kam man im Verkehr mit den niederen Ständen nicht weiter. Sie nahm sich sehr zusammen und sagte tapfer:

»Sie haben ein Kind? Aber Sie haben mir doch erzählt, Sie sind nicht verlobt.«

Die Vefi zupfte an ihrer Schürze; sie war etwas verlegen.

»Just versprochen bin i a net, mir hab’n si holt gern. Der Meine kunnt mi lei net heiraten, net ender manka*), aft sei Eltern g’storben sind.«

*) eher wenigstens.

»Und darauf wartet Ihr?« fragte Klarisse innerlich entrüstet.

»Ender kriegt er’s Häusel net,« belehrte sie die Vefi eifrig, »und sei Vatter möcht’ a, daß er a Reiche nehmet. Die Trafoierzenz, wo dreitausend Gulden mitkriegt, die ginget ihm glei zu.« Der Stolz auf ihres Liebsten Anwert sprach aus ihrer Stimme.

Zu solchen moralischen Verirrungen konnte das Fräulein Müller doch nicht schweigen.

»Aber Vefi, mit einem Menschen, der auf den Tod seiner Eltern wartet und inzwischen mit einer Reichen liebäugelt, haben Sie sich eingelassen? Ich fürchte, Sie rennen in Ihr Unglück.« Sie zögerte ein Weilchen, ehe sie sich entschloß, zu fragen: »Sehen Sie ihn denn noch immer?«

»Freili, im Winter wann i hoam kimm.« Vefis Augen glänzten bei dieser Vorstellung.

»In was für Abgründe man hineinblickt, wenn man mit dem Volk in Berührung kommt,« dachte die Städterin. Aber ihr Prinzip, daß alle Frauen solidarisch sind dem gemeinsamen Feind, dem Mann, gegenüber, ließ es ihr als Pflicht erscheinen, Vefis Stumpfheit aufzurütteln. Sie legte ihr Gesicht in ernste Falten und salbte ihr Organ mit dem Öl der Menschenfreundlichkeit.

»Haben Sie denn nie daran gedacht, was für ein Unrecht Sie begehen?«

In Vefis Mienen zog ein Gewitter auf.

»Ös sprechts akrat a so wie der Kurat, wo am a a jed’s Bußl as’n Sünd’ anrait.«

»Von der Moral will ich ja gar nicht sprechen.« Klarisse tat sich viel zugut auf ihr Verständnis der Volksseele. »Aber so ein armes Kind in die Welt zu setzen, um das sein Vater sich nicht kümmert …«

»Sell müßts net denken,« unterbrach sie Vefi heftig; »a Klemmer is der meine net, er zahlt vierzig Gulden ‘s Jahr fürs Muckerle.«

Nun wurde auch das Fräulein ungeduldig.

»Sie verstehen mich nicht; ich meine, wenn er nun eine andere nimmt und läßt Sie sitzen. Ich sage Ihnen,« sie war von ihrer Güte ganz hingerissen, »Sie sollten sich nicht so wegwerfen, so ein Mensch ist nicht wert, daß Sie so an ihm hängen. Folgen Sie meinem Rat, schreiben Sie ihm, oder wenn Sie wollen, schreibe ich für Sie –«

»Unterstehts Enk,« fauchte Vefi auf, ohne zu bedenken, daß die Fremde des Burschen Aufenthalt nicht kannte, »daß mir mei’ Schatz die Liab aufsagt.«

Von so viel Natur fühlte sich das Fräulein angewidert.

»Das ist doch keine Liebe, das ist – das ist gehandelt wie das liebe Vieh.«

Da sprang die Vefi wütend auf sie zu.

»Sell geht Enk an Dreck an. Ös Drach’! Ös Bisgurn! Ös Bosnickl! Ös –« der Atem ging ihr aus, sie mußte sich verpusten. »Freili,« fuhr sie fort, und ihre Augen blitzten die Erschrockene ganz in der Nähe an, »Ös habts Enk leicht, habts a Geld, a kommods Leben, alle Tag’ a Mehlspeis’ und an Wein und a g’brat’nes Fleisch. Aber i bin an arm’s Luder, muß mi von der Früh’ bis auf d’ Nacht rackern und schinden, hab’ nie koa Gaudi net auf dera miserabligte Welt. Nix hab’ i als dös bissel Liab von mei’ Buabn, daß er mi auf ‘n Sunntig mei’ Bier zoahlt und an Tanz, und auf d’ Nacht mit mi hoamgeht und mi halst und busselt, daß i siech, i bin decht a a Mensch. Wann er mi dann sagt: so viel gut bin i di, und nicht aufhört, mi zu bitten, soll i dann eppaer die G’spreizte spülln und sag’n: Tu erst beim Pfarrer die Schlüssel holen?« Sie zitterte vor Aufregung, die Tränen brannten ihr im Hals.

Klarisse war aus ihrem Gleichgewicht geworfen. Sie fürchtete, der Lärm von Vefis Stimme könne auf die Straße dringen, und suchte nur nach dem rechten Wort zu einem würdevollen Abgang.

»Sie sind so leichtsinnig und unvernünftig, daß Sie mir leid tun. Wenn Sie sich’s aber noch einmal überlegen sollten …«

Die Bäuerin ließ sie nicht zu Ende kommen.

»Da kunnts warten bis af’n Nimmermehrstag.«

Und, da das Fräulein unentschlossen dastand:

»Hiaz will i endli mei’ Ruh’ hab’n.«

Sie rannte zur Tür, riß sie auf: »Schauts, daß aussikimmts!« Sie machte eine deutliche Bewegung.

Mit einem verächtlichen Achselzucken verließ Klarisse den Raum. Da flog ihr raschelnd etwas um den Kopf. Es war das blaue Schreibheft, das ihr die Vefi nachgeworfen hatte.

»Nehmt dös a mit!« schrie sie höhnisch.

Dann ging sie in die Wirtsstube zurück, ergriff die Bürste und begann den Schenktisch wütend zu bearbeiten.

Plötzlich ließ sie die Hände sinken, warf den Körper auf die feuchte Platte, barg das Gesicht in beide Arme und heulte laut vor Zorn, Heimweh und jäh erwachter Angst um ihre Zukunft.

›A lustigs Stückl‹ hatte der Aloys uns versprochen. Mich verfolgte, während ich ihm zuhörte, das Dichterwort: In jeder Trennung steckt ein Keim von Wahnsinn. Ungeweckte Seelen, dachte ich. Ihre Einfalt ist noch unzerspalten. Ja ist Ja und Nein ist Nein. Redlichkeit und Treue sind die Frucht ihrer Instinkte. Sie sind wie Pflanzen, die nur gedeihen im Mutterboden. Herausgerissen, in fremde Erdreiche geworfen, entarten sie. Sie welken. Ich gedachte Iwans Abenteuer auf dem Gut der ostpreußischen Freunde. Ich fragte: Darf ich? Man erteilte mir das Wort.

Wirkung in die Ferne

Gegen Abend fing es an zu schneien. Ganz langsam und bedächtig. Die großen Flocken schienen zuweilen stehenzubleiben in der regungslosen Luft, ehe sie sich niedersenkten und die Erde sanft berührten. Binnen kurzem war das Landschaftsbild verändert. Der Schnee warf auf die kahlen Wiesen und entblößten Wälder einen fleckenlosen weißen Mantel, unter dessen schimmernden Falten das Auf und Ab der Hügel sich verflachte, so daß die welligen Bewegungen des Bodens zu einer Ebene geglättet schienen, die sich geheimnisvoll in die Unendlichkeit verlor.

Iwan Michailow war auf die Landstraße getreten und starrte in die weiße helle Fläche. Im Sommer in Gefangenschaft geraten und dem ostpreußischen Besitzer als Landarbeiter zugewiesen, erlebte er den ersten Schneefall auf dem ermländischen Gut. Er dachte: Nun werden sie zu Hause auch schon Winter haben.

Zu Hause! Rechts die Anhöhe hinauf, immer der Richtung zu, in der sich allmorgendlich die Sonne zeigte. Wer doch Flügel hätte!

Vier seiner Gefährten hatten im Juli den Versuch gemacht, zu Fuß die Grenze zu erreichen. Heilige Mutter Gottes, in was für einem Zustand hatte man sie wieder hergebracht. Zu Gerippen abgemagert, verprügelt und verhungert. Wie die Wölfe waren sie über die bereitgestellte Mahlzeit hergefallen, sie, der Nahrung wochenlang entwöhnt. Jammervoll, wie sie erkrankten.

Von dieser Erinnerung verfolgt, kehrte Iwan in das kleine Haus zurück, in dem er mit seinen Kameraden wohnte. In einem viereckigen Raum, dessen Decke tief herunterreichte, saßen neun Männer auf Holzbänken um einen schmalen Tisch beim Abendessen. Sie schoben eben ihre Blechnäpfe beiseite, in manchen war die Grützsuppe nicht bis zur letzten Neige ausgelöffelt. Nicht daß die Leute übersatt gewesen wären; doch ihr Magen hatte ein standhaftes Gedächtnis, er verschmähte immer noch die fremde Kost und malte ihnen, mit der Übertreibung eines Dichters, die Tafelfreuden der Vergangenheit. Sie standen auf; einige von ihnen schütteten ihre Schwermut in die Klänge einer Ziehharmonika, der lange Jakow blies die Glut im Ofen an und fütterte sie mit einer Hand voll Reisig. Wie anders prasselten daheim die Scheiter in dem Bauch des Kachelofens, wie schmorte man, auf die Ofenbank gestreckt, in seiner ausströmenden Hitze. Die Augen gingen ihnen über, seufzend streckten sie sich auf die Diele, unausgekleidet, in ihre Decke eingewickelt.

Iwan hatte die Schüsseln aufgestapelt, um sie in das Herrenhaus zu tragen. Er war bevorzugt, dort zu der Hintertür ein- und auszugehen und Hilfedienste zu verrichten. Der Himmel stäubte noch, er hatte den entlaubten Obstbäumen im Garten mächtige Perücken aufgesetzt und überpuderte auch Iwans Schädel, als er im Vorübergehen durch den dünnen Vorhang in das Herrschaftszimmer lugte. Der junge Gutsherr saß darin mit seiner hübschen jungen Frau unter der Hängelampe, die mit einem gelben Seidenschirm verschleiert war, sie hielten sich umschlungen und lasen aus demselben Buche.

Iwan verzehrte diesen Anblick wie ein süßes Gift, das, genossen, die Eingeweide auseinanderschneidet. O Katinka! ein Tränenkloß erstickte ihm die Kehle, seit einem Jahr von dir getrennt. Dich so in meinen Armen halten, ich wüßte etwas Gescheiteres als Lesen mit dir anzufangen. Er hatte Mühe, nicht herauszuheulen.

In der Küche war noch Lärm und Bewegung. Die Köchin rührte irgend etwas auf der heißen Platte, das Lehrmädchen knetete den Teig zum Sonntagskuchen, ein Weib, das in der Ecke hockte, vermehrte den Vorrat der enthäuteten Kartoffeln, die sie in einen mit kaltem Wasser angefüllten Kübel warf, das Stubenmädchen putzte Silber, die Küchenmagd scheuerte an Holzgefäßen; und über diesem Klappern, Kratzen, Schlurren erhob sich die schrille Vielstimmigkeit des polnisch sprechenden Gesindes mit einem Tonfall, der dem harmlosen Gespräch den Anschein eines ausbrechenden Streites gab.

Franziska Wechsel, die Mamsell, hatte sich in den Flur zurückgezogen. Sie packte Äpfel, die versendet werden sollten, in zwei hohe Kisten ein, jedes Stück wickelte sie sorgsam in Papier, um es vor Schaden zu bewahren. Sie wehrte Iwan nicht, daß er sich einen Schemel hole, um ihr beizustehen.

Franziska hatte erst vor acht Wochen ihre Stellung angetreten. Ihr, der Königsbergerin, des Polnischen unkundig, der einzigen, der Verständigung mit ihm unmöglich war, gesellte Iwan sich am liebsten zu. Er meinte, daß sie seiner Katja gleiche; nicht so rundlich wie sein Schatz, aber auch so blond, dieselben treuherzigen braunen Augen, und der Mund … Iwan konnte ihn nicht ansehen, ohne den Geschmack von Katjas Lippen auf den seinigen zu fühlen.

Auch sie wurde durch den Russen lebhaft an den Bräutigam gemahnt, der vor Ypern in die Hand der Engländer geraten war. Anton war wohl dunkler, untersetzter, auch viel selbstbewußter als der schlanke Bursche mit dem wehmütigen traurigen Gesicht, aber in Gang und in Gebärden dünkte ihr die Übereinstimmung so groß zu sein, daß sie zuweilen beim Eintreten von Iwan glaubte, die Schritte ihres Liebsten zu begrüßen. Sie vermochten nicht, sich mitzuteilen, daß sie ineinander die Verkörperung ihres beherrschenden Gedankens fanden, die Zahl der Worte, die sie tauschen konnten, war überhaupt eine beschränkte; aber sie hatten einander ihre Lieder abgelauscht. Ob sie von Scheiden, Vergißnichtmein und kühler Mühle sang, ob er vom Ringlein und der Saronrose, stets fiel der andere mit der zweiten Stimme ein. Warum auch nicht? Waren denn die Melodien nicht alle auf der gleichen Unterlage aufgebaut? Auf der ewigen Verurteilung der Menschen, welchem Volksstamm sie auch angehörten, zur Unerbittlichkeit der Liebe, zu den Stürmen der Geschlechtlichkeit?

Auch jetzt summten die beiden, während ihre Finger schafften. Es war schummrig in ihrem Arbeitswinkel, der nur aus der Küche Helligkeit empfing; das Papier, das sie zerrissen, raschelte, der Duft der Äpfel drang ihnen berauschend in die Nase, er mischte sich mit dem tierischen Geruch ihrer jungen Körper, die sich tagsüber in Staub und Luft getummelt hatten. »Anton,« sehnte sich Franziska. In Iwan schrie es »Katinka«. Ihr Verlangen, das sie gemeinsam zu verschiedenen Zielen schickten, sonderte sie von den anderen ab wie eine Mauer.

Die Leute in der Küche machten Feierabend. Iwan wurde ausgesperrt. Er machte wieder einen Umweg durch den Garten; das Haus war dunkel, nur aus dem Schlafzimmer der Herrschaft blinzelte ein Licht. Iwan stöhnte auf; im Drang, irgend etwas zu umarmen, umklammerte er einen Baum und preßte sich an dessen eisigkalte Rinde. Dumpf knallte ein Klumpen Schnee hinunter. Iwan erschrak, er ergriff die Flucht. Die Ausdünstung neun Schnarchender schlug ihm in der Russenschlafstelle entgegen, auch war sein Platz am Fenster so geschmälert, daß er um seine Rückeroberung hätte kämpfen müssen. Er zog es vor, wie er schon bisweilen unentdeckt getan, im Pferdestall zu übernachten. Unter der braunen Stute kroch er in das Stroh, sie beschnupperte ihn zutraulich; er war gut Freund mit allen Tieren.

Wie im Vaterhaus lag er gebettet, über sich das Pferdeschnauben, links ein gedämpftes Grunzen aus den Schweinekoben, rechts hier und da das Muhen einer unruhigen Kuh. Dieses heimische Behagen machte ihm die kalte Fremde um so qualvoller bewußt. Von bitterlichem Schluchzen hart gestoßen, verzweifelte er, den nächsten Tag in dieser trostlosen Vereinsamung zu überleben; wie von einem Berg war sein Herz von Traurigkeit verschüttet, seine Sehnsucht flüchtete zu seiner Liebsten, nannte sie mit allen Kosenamen, bis sie ihm der Schlummer an die Seite legte.

Auch Franziska hatte keine Ruhe finden können. Der Vielbeschäftigten gebrach es meist an Muße, um Empfindsamkeiten nachzuhängen. Es waren seltene Augenblicke, in denen sie das Gleichgewicht verlor und eine Unruhe zu ihrem Liebsten ihr das Blut verbrannte, eine Auflehnung gegen die Grausamkeit, ihre Jugend ohne seine Zärtlichkeiten zu verwarten. Eine solche Stimmung hatte ihr heute die Müdigkeit verscheucht. Sie holte Antons Karten, die aus dem Westen in großen Zwischenräumen an sie gelangten, doch an den kargen, eingezäumten Worten kühlte sich ihr Fieber nicht.

Ein gedämpfter Laut des Kummers, der vom Wirtschaftshof her zu ihr drang, brachte sie der Wirklichkeit zurück. Die braune Kuh, Franziskas Liebling, hatte vorgestern gekalbt, und das Kälbchen war ihr sofort weggenommen worden, weil es, laut Kriegsgesetz, auf die mütterliche Vollmilch keine Berechtigung besaß. Darum jammerte die Mutter und rief das Menschenmitleid an. Franziska, der vierbeinigen Kreatur stets sorglich zugetan, fühlte sich ihren Nöten eben mehr denn je verbunden. Sie schlüpfte in die Schuhe, warf den Mantel über und tappte bei der Führung der Laterne durch den Schnee. Nach einem kurzen Zuspruch an die Wöchnerin besann sie sich nicht lange, die militärische Verordnung zu umgehen; sie hob das Neugeborene aus dem Verschlag, in dem es zitternd und klagend nach der Erfüllung der betrogenen Instinkte suchte, und legte es der Mutter an den vollen Euter. Als sie das Sattgetrunkene, Eingedöste aufnahm, um es wieder auf seiner Streu zu bergen, kuschelte es sich, seinen Aufenthalt verkennend, in die Weichheit ihres Schoßes ein, zog ihren Finger in sein zartes Mäulchen und begann, wohl in dem Wahne, seine Mahlzeit fortzusetzen, daran zu lutschen.

Es war nur ein Tier, doch seine Hilfsbedürftigkeit, die Wärme, die aus seinem Körper in den ihren strömte, das sanfte Saugen, als Ausdruck seines kindhaften Vertrauens in die gütigen Zusammenhänge der Natur, rührten das Urgründigste in Franziskas Weibeswesen auf. Die Tränen, die das Fell des Kälbchens überschwemmten, flossen aus den Quellen ihrer ursprünglichsten Bedürftigkeit, und die Forderungen ihrer Sinne, die zugleich ein Umweg zu ihrer Mutternotwendigkeit waren, stürzten in Gedanken zu dem einzigen, durch den sie sich erfüllen wollten.

* * * * *

»Katja, Täubchen,« sagte Iwan im Traum zu seinem Mädchen, »ich muß weg von dir, es ist schon Tag. Nebenan haben sie schon die Stalltür aufgemacht.« Dabei schmiegte er sich ihr wieder an, unfähig, ihre Nähe aufzugeben.

Hatte er sich dann doch ermuntert, war in die ungestirnte Nacht hinausgetreten und hatte in den Nachbarstall gelauscht? Aber wie kam denn Katinka, die er eben erst verlassen hatte, dazu, schon dazusitzen und zu melken? ihm den Rücken zugewendet und von der Finsternis kaum zu unterscheiden. Nur wenn ihr Kopf in den Bereich der Stallaterne tauchte, blitzte der Goldschein ihrer langherabhängenden blonden Zöpfe auf und das Weiß des Hemdes, das ein wenig von der vollen Schulter rutschte. Wie oft hatte er sie im Morgengrauen so überrascht? Sie so beschlichen, ihren Nacken so ungestüm geküßt?

* * * * *

Wunderkräfte wirken in der Liebe. Auf ihrem Zauberwagen flog Iwan, über Hunderte von Meilen weg, zu seinem Russenmädchen. Mit Antons Schritten lief sie auf Franziska zu.

Das Laternchen war umgefallen. Im Dunkel vollzog sich das Geheimnis der Verwandlung. In festerer Treue wurde Untreue noch nie geübt.

»Weh’ mir, weh’ mir!«

Der Mann im Kaftan hatte schon den Heimwehkrampf der Grödner-Vefi mit sonderbaren Ausrufen begleitet. Mir war es, während ich sprach, beunruhigend gewesen, daß er sich mit leisem Stöhnen hin und her bog wie in Schmerzen. Ich ging zu ihm, um ihn zu fragen, was ihm fehle. Er hob den Kopf, ich blickte in Verzweiflung. Er preßte meine Hände. Seine Kehllaute, verständlich, wenn die Rede ruhig floß, verschwammen oft, wenn er in äußerster Erregung in sein Jiddisch-Deutsch verfiel. Was der Auslegung aber nicht bedurfte war der Ton, der aus ihm schrie, wie aus den finstersten Verließen menschlicher Unbarmherzigkeit, das Leid, das aus ihm brach wie Eiter aus Jahrtausend alten Wunden, die von Haß vergiftet, ewig am Leib der Menschheit schwärend, sich niemals schließen können.

Heimat

In dem tschechischen Fabrikort Zlatnik kündete der grelle Schrei der Pfeife die Mittagspause an. Die Arbeiter entströmten den Gebäuden, verteilten sich in das Dorf und die Kantine, und viele streckten sich, um das zugebrachte Essen zu verzehren, gemäß ihrer Gewohnheit, am Waldesrand im Schatten aus. Der und jener zog eine Zeitung aus der Tasche, er las vor, seine Umgebung lauschte; heute aber entspann sich nicht wie sonst eine aufgeregte Unterhaltung zwischen ihnen: es lag ein Dämpfer auf den Worten und Gebärden, und nur die ausgelassensten der Weberinnen waren zum Schäkern mit ihren Schätzen aufgelegt. Auch sie verstummten, als ein Zug vorbeimarschierte, Kameraden, die, zum Kriegsdienst einberufen, auf den Bahnhof zur Versammlungsstelle zogen. Sie trugen Ränzel auf dem Rücken oder eine Schachtel in der Hand, die Schirme ihrer Mützen verschwanden unter Laubgewinden, und große Sträuße schmückten ihre Brust. Die Burschen johlten, die Familienväter aber, umkreist von ihrer tiefbetrübten Sippe, schritten schweigend und tauschten ernste Grüße mit den vom Wald her Zuwinkenden aus. Ortsansässige waren darunter, die neben ihrem Häuschen ein Stückchen Feld besaßen und einen Streifen Wiese. Diese stockten an der Gabelung des Weges, um ihr Heim noch einmal zu begrüßen. Dürr war das Leben ihnen hingelaufen; aber da sie es verließen, blühte es in ihrer Schätzung auf. Waren sie auch karg genährt gewesen, eng behaust und knapp bezahlt, sie hatten doch besessen, was innerhalb der engen Wände stand; und ein paar Rabatten Sommerblumen an der Hecke und das bißchen Ackerland dabei; dort hatte man sich nach dem Arbeitsschluß getummelt und die mit Flachs und Baumwollfasern verfilzte Lunge wieder ausgespült. Krautköpfe hatte man gebaut, Erdäpfel, Rüben; Gras geschnitten für die Ziege und ein paar Löcher in den vielen Mägen damit zugestopft.

So friedlich lag es da, im Kranz der baumbewachsenen Hügel, das kleine Dorf, in dem man du sagte zu jedem Ziegelstein, zu jeder Staude. Wer weiß, ob man es jemals wiedersah? Die Abziehenden lüfteten die Mützen und sangen ihm das wehmütige Lied zum Preis der Heimat zu. Es klang den Hörern im Walde wie eine Mahnung: Machet euch auch bereit!

Die stärkste Wirkung des Gesanges drückte sich in dem Benehmen einer Gruppe von Arbeitern aus, an Zahl etwa ein Dutzend, die sich ein wenig abseits der Genossen hielten. Es waren Südtiroler aus vom Krieg bedrohten Grenzgebieten, den Tschechen durch die Gemeinsamkeit des Vaterlandes verbunden, doch durch alle Merkmale des Wesens von ihnen getrennt. Von einem Tag zum anderen waren sie aus ihrem Land verwiesen und der Gemeinde Zlatnik zugeteilt worden; hier hatten sie das Arbeitsangebot des böhmischen Fabrikherrn wie ein Geschenk der Vorsehung begrüßt; sie waren anstellig und fleißig und Meister der Bedürfnislosigkeit. Doch etwas nicht Gegenwärtiges haftete an ihrer Haltung, etwas Aufgescheuchtes, als hätten sie den Atem noch nicht wieder, der ihnen bei Einbruch einer Naturgewalt weggeblieben war. Man möchte sie wohl befragen, da sie jetzt schweigend beieinander hockten: »Du grauhaariger Mann, du junger Knabe, ihr schlanken, braunäugigen Weiber, was bekümmert euch so sehr?« Sie müßten sich vielleicht besinnen, um ihr Weh in seine Elemente aufzulösen. Da war die Sorge um die Zukunft, der Gram um den Verlust von schwer erworbener Habe, jetzt den Diebstrieben ihrer Nachbarn belassen. Und die Unrast in dem Blut der Mädchen, deren Jugend nach dem Freunde schrie. Vor zwei Wochen noch ihr Liebster; heute galt er als ihr Feind; heute hob er die Waffen gegen ihre Brüder.

»Uns ist bange nach der Heimat«: in diese Formel würden sie wahrscheinlich ihre Stimmung fassen; und gedrängt, ihr tiefer nachzuforschen, vielleicht hinzufügen: »Eure Häuser halten dicht und stehen gerade, unsere klaffen, und der Regen dringt in sie hinein; aber auch der Sonnenschein, der blaue Himmel und der Duft der Blumen. Und wir halten uns in unseren Stuben wenig auf. Ach, wenn ihr doch nur unsere Berge kenntet, wie schroff sie ragen; auf halber Höhe, dicht am Abgrund, klebt ihnen, mit seinem steilen Gäßchen, irgend ein verwegenes Raubnest an, aus der Zeit der Sarazenen; auf manchen liegt in Ewigkeit der Schnee; über andere laufen die silbergrauen Wellen der Oliven; von ihren Gipfeln kann man in das andere Tal hinunterspähen, der See blinkt wie ein Spiegel, an seinen Ufern, die im Zickzack lustig in das Wasser schießen, reihen sich die weißen Sommerhäuser, festtäglich anzuschauen in ihren Schleiern von Rosen und Glyzinen.« Und ihrer Ständchen würden sie gedenken, des nächtlichen Lautenspieles; denn Musik bewegt sie sehr. Die innige getragene Weise, mit der die Tschechen Abschied nehmen, fällt ihre Fassung; die Frauen weinen, den Männern steigt ein Schluchzen würgend in die Brust.

Ihr Gebaren fällt den Tschechen auf; sie vermuten die Kenntnis ungünstiger Kriegsberichte bei den Zugereisten und beschließen eben, einen Dolmetsch an sie abzusenden, als sich ihr Interesse einem anderen Schauspiel zuwendet. Ein Mann, mit einem achtjährigen Jungen an der Seite, kommt von der Höhe der Landstraße herab. Wie mit der Schere ausgeschnitten, steht er im Rahmen der betannten Forste, vor dem hellen Hintergrund der Luft. Seine hageren Glieder sind in die Röhre eines fettglänzenden Kaftans eingepreßt, ein Filzhut deckt die ungepflegten langen Haare, die sich mit enggerollten Schläfenlöckchen an den roten Bartwuchs schließen; des Sohnes Gestalt ist dieser wunderlichen Leib- und Haartracht lächerlich getreues Widerspiel. Die Tschechen lachen auch; mit der Grausamkeit des Kindes, das dem Schwächeren achtlos weh tut, meckern sie den beiden ein »Handelevuh« entgegen; die Südtiroler, ganz mit sich beschäftigt, achten der Vorbeigehenden nicht. Der Jude aber läßt die sanften, schwermütigen Augen lange auf den Fremden ruhen. Er denkt: »So habt ihr freien Christen jetzt auch an euch erfahren, was es heißt, entrechtet und verjagt zu sein.« Die Vorstellung der selbst erduldeten Mißhandlung ist ihm noch ganz nahe, sie knebelt seine Seele, sie zwingt ihn, sich in ein Gespräch mit seinem unmündigen Sohn zu flüchten. »Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Kann das Hirn des Kindes je vergessen, wie sie sich im engen Raum verängstigt einander drückten: er und die Großmutter, der Onkel, die Eltern, die Schwestern, die Bruderfrau mit ihrem Säugling, den sein Vater, weil er im Felde steht, noch nicht kennt? Mit Geratter und Geknatter jagt ihnen der Donner der Geschütze näher zu. Sie wagen nicht, die Lampe anzuzünden. Die Frauen stöhnen, die Männer, in die Gebetriemen gewickelt, murmeln Todespsalmen. Horch! Klingt es jetzt nicht, als sei der Fluß aus seinem Bett getreten und wälze sich heran? Ein verkneultes Brüllen, Trampeln, Splittern, Stürzen. Jemand trommelt an die Scheiben. »Sie kommen, die Russen ziehen sich hierher zurück. Flieht, flieht, daß sie euch nicht finden und erschlagen!« Die Grenze von Galizien ist nicht weit; in drei Stunden kann ein Rüstiger die Strecke überwinden. Welche qualvoll lange Nacht vergeht der kraftlosen Familie, ehe sie ihr Ziel erreicht! »Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Der Knabe nickt. Hat er doch den Säugling tragen müssen, als dessen Mutter niederbrach. Die Schwestern stützten ihren Onkel, der Vater buckelte bald die Ahnin auf und bald die Ehefrau, manchmal faßten seine Arme beide. Sie kommen eben im Galizischen zurecht, um in den Sturmwind zu geraten, der alle Juden aus der Gegend fegt. »Was meinst du, Jakobleben,« fragt der russische Pole, »ob man die Südtiroler auch in offene Viehwagen verladen hat wie uns, durch Sonnenglut und Unwetter gefahren, dann wieder ausgeladen und hinter Bahnhofsschranken, eingepfercht wie Schafe, den langen kalten Nächten schutzlos preisgegeben?« Und doch, sie sagen es einander, sind sie Bevorzugte des Glückes. Das Ungestüm der Fliehenden in jener Nacht war wie ein Keil in die Masse der gehetzten Wanderer gestoßen; da mochte mancher am Wege gestrauchelt und verkommen sein. Sie aber hielten sich umschlungen, halbnackt, beschmutzt, verhungert, doch vereint. Und das Reich, zu dem sie nicht gehörten, forschte nicht; sie waren eben mitgeschwommen in dem Meer von Elend, das sich von Osten her ergoß.

Aus der Sicherheit des Hafens blickt der vertriebene Jude die verjagten Südtiroler an: »Beneidenswert seid ihr trotzdem. Ihr dürft Gebete schicken eurem Gott, daß er euern Waffen Sieg verleihe. Was aber sollen wir, wenn wir vor ihm im Staube liegen, aufschreien zu Jehova aus unserer großen Not? Können wir ihn anflehen: Führe uns zurück in unser Vaterland, wo doch steht auf seiner Schwelle der Henker mit dem Messer, das uns sticht?«

Den Weg entlang, den sich die Übung bahnte, durch die tiefen Furchen seitlich der gekrümmten Nase, rinnen dem Juden schwer und langsam die Tränen über das verkümmerte Gesicht. Und wie um sich vor seinem Sohn zu erklären, sagt er leise: »Die Heimat ist für jeden eine Mutter. Fragt einer, ob die Mutter häßlich ist, ob schön? Man hat sie lieb, man ist aus ihr geboren, in ihren Schoß will man sich niederlegen, wenn man müde ist. Kein Kraut ist so gering, es verlangt nach mütterlicher Erde. Uns hat sie ausgestoßen, wir haben keine Ruhestätte in der weiten Welt.«

So unheimlich nahe hatte uns in dieser Nacht der Flügelschlag der Zeit noch nicht gestreift. Unsere eigenen kleinen Nöte hielten ein paar Sekunden lang den Atem an.

Unser aller?

Ein Mann trat in den Vordergrund. Nichts Merkwürdiges an ihm als die Augen, die wie Zangen nach uns faßten und unsere Erscheinung, so undeutlich sie hervortrat in dem kargen Licht, in sich einzusaugen schienen. Er schalt mit uns. Da habe er nun stundenlang gesessen und unserer Unterhaltung zugehorcht. Nichts, mit einer Ausnahme (er nickte zu dem heimlichen Poeten), als Brotsorgen, Liebesgram, Heimweh, Nationalitätenstreitigkeiten. Immer habe er gelauert: brüllt denn nicht endlich einer auf: die größte Marter ist die Kunst.

»Ihr alle, scheint es, wißt nichts von der Kunst, sie ist euch kein Bedürfnis. Ich bedauere euch. Erdenwürmer, ohne Flügel, euch ins Licht zu retten. Ich beneide euch. Ihr kennt die Folter nicht, von der Idee verfolgt zu werden wie von einem Raubtier, das uns hetzt. Wie ein Besessener ringt man mit dem Werk, das man nicht fassen kann, das einen äfft. Ja, ich bin so ein armer Schächer.« Er schnippte mit dem Finger in die Luft. »Habt keine Angst. Es gibt keine Tragödie. Nur eine Anekdote. ›A lustigs Stückl‹ würde Aloys sagen.« Er saß nieder und kreuzte seine langen Beine. »Also die Geschichte von Mark Crystoll und der Sonnenblume.« Er unterbrach sich. »Das heißt, der Mark Crystoll, das bin natürlich ich.« Als ob er sagen wollte: ich mach’ euch keine Flausen vor. Aber es paßt mir besser, von mir zu sprechen, wie von einem Dritten.

Die Sonnenblume

»Nun hab’ ich’s aber satt.« Hubert Bach schleuderte das Ei, das er in Händen hielt, so heftig auf den Frühstückstisch, daß seine Schale weithin splitterte, »vier Tage lang setzt man uns dieselben Eier vor.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe sie bezeichnet, siehst du hier das Kreuz? Und das sogenannte Rauchfleisch ist auch schon dürr wie Holz.«

Er warf ein paar von den papierdünnen Schnitten auf den Fußboden und zertrat sie.

»Staub werde, was aus Staub geboren ist.«

Mark Crystoll war erschreckt. Er bückte sich, um die Fleischatome einzusammeln. Als er sah, daß sich Scott, Huberts langhaariger Pintscher, bereits damit befaßte, steckte er das aufgeplatzte Ei ängstlich in die Tasche.

»Wir sind doch nicht des Essens halber hier.«

»Des Verhungerns halber auch nicht. Das Land ist anderswo auch schön, man muß nicht gerade im allerschmutzigsten Wirtshaus Hollands sitzen.«

Er stand auf und reckte sich.

»Komm, Scott, wir wollen uns in Leyden beim ›Löwen‹ den Magen wieder auskurieren. Ja, sieh mich nur verächtlich an, Mark, ich bin außer Maler auch noch Mensch und kann nicht bloß von schönen Motiven leben. Apropos Motiv, ich habe ein wundervolles Nachmittagsmotiv gefunden. Sieh’s dir heute mal mit mir an.«

Da die Antwort ausblieb, pfiff er seinem Hund und ging.

Mark Crystoll atmete erleichtert auf, als er sich allein sah.

Was für ein Rohling, dieser Hubert. Das Geheimnis der Arbeit preiszugeben, es zu pöbelhafter Gemeinsamkeit anzubieten. Als ob das, was eines anderen Augen gesehen haben, noch den geringsten Wert besitzen könnte. Er nahm sein Handwerkszeug und ging den Weg, der ihm zum Leidensweg geworden war.

Auf seinen Wanderwegen war ihm vor kurzer Zeit ein vereinzelt liegendes Häuschen aufgefallen, dessen Alter eine eigenartige Innenbauart vermuten ließ.

Der Eingang war verschlossen, und im Hintergarten, dessen Zaun an eine grünversumpfte Wasserstraße grenzte, fand er keinen Menschen. Leer war auch die Sommerlaube, das Taubenhaus und der Schweinekoben. Nichts lebte in der Einsamkeit als die mächtige, vollerblühte Sonnenblume. Hoch aufgereckt, daß ihr Stern das schwarze Schindeldach erreichte.

Das satte Gelb inmitten dieser dumpfen, fahlen Farben fesselte des Malers Auge. Nach einer Stunde kehrte er zurück und war beglückt, die Insassin des Häuschens daheim zu finden.

Doch die alte Frau, die mürrisch in der kleinen Küche herumhantierte, hatte auf alle seine Worte nur ein steinernes »Nee, das tu’ ich nicht«.

Er bat. Fünf Sitzungen – nur vier – nur drei, er verdoppelte die Zahlung.

Sie blieb bei ihrem »Nee, das tu’ ich nicht«.

Als er, vom Eifer fortgerissen, näher an sie drängte, wies sie ihm die Tür.

»Und daß Sie mir nicht wiederkommen, sonst hol’ ich die Polizei, Fie Verheest läßt nicht mit sich spaßen.«

Seitdem umkreiste er den kleinen Garten. Das Verbot hatte das Verlangen aufgereizt. Was nur ein Wunsch gewesen, wurde zur Begierde.

Auch heute war das Haus verschlossen. Doch die Alte war daheim, er hörte das Klappen ihrer Holzschuhe.

Der Gedanke kam ihm: ein Fußtritt in das morsche Holz. Und so ein altes Weib ist leicht überwältigt. Erschreckt von seiner Leidenschaft lief er davon.

Noch nie hatte ihn das Wesen Huberts so abgestoßen. Das Lärmen mit dem Hund, das Fluchen über das zähe Kuhfleisch, den petroleumdurchdufteten Rosinenreis.

Als er abends heimkam und mit behaglicher Zufriedenheit seine Arbeit zeigte, einen Allerweltskanal, mit Allerweltsgeschicklichkeit breit hinuntergestrichen, fühlte Mark etwas wie Haß gegen seinen Freund.

Er selbst hatte die Stunden müßig vor sich hingebrütet. Alle seine Skizzen hatte er hervorgeholt, sie in selbstquälerischer Stimmung mißlungen und geheimnislos gefunden und an sich verzweifelt.

Sehnsucht nach dem kleinen Garten bohrte sich in seine Seele. Die Sonnenblume, zu der ihn anfangs nur Form und Farbe lockte, war ihm ein Symbol geworden. Ein Symbol der hellen Lebensfreude im grauen Einton der Alltäglichkeit.

Er sah das Leuchten ihres glühenden Gesichts, das Wiegen ihres schlanken Stengels. Ihm war, als könnte er mit diesem ungestillten Wunsch im Herzen nie mehr etwas leisten.

Es ließ ihn nicht mehr los, verfolgte ihn, während er mit Hubert den gewohnten Abendgang nach der nächsten Schenke machte; quälte ihn, während er rauchend und schweigend zwischen den rauchenden, schweigenden Bauern saß. Und auf dem Heimweg durch die stillen Wiesenstraßen besiegte es den Willen und trat als Klage auf die Lippen. Daß Mefrouw Verheests Eigensinn ihm die Arbeit töte.

»Fie Verheest, die verrückte Fie?«

»Du kennst sie?«

»Die kennt jeder hier im Dorf. Sie ist durch Unglück menschenscheu geworden und furchtbar fromm. Über die hat nur der Pfaff Gewalt. Soll ich mit ihm sprechen? Er hat mir neulich lange beim Malen zugesehen. Bei der Gelegenheit hab’ ich ihm seinen Jungen photographiert. Nun sind wir gute Freunde. Na, zerdrück’ mir nur die Finger nicht.«

Noch ein Vormittag unruhiger Erwartung, dann kam die Botschaft.

»Die Kirche hat gesiegt. Fie öffnet dir ihr Gitter.«

»Und Hubert, höre – du besuchst mich nicht, nicht wahr?«

»Fällt mir nicht ein.«

So war das Ziel erreicht. Doch trübte Crystolls Glück noch manche Wolke.

Fie nörgelte an der Erlaubnis. Länger als zwei Stunden dürfe er nicht bleiben, dann müsse sie aufs Feld und dulde keinen Fremden in ihrem Besitztum.

Und Hubert, als wollte er seinen Freundschaftsdienst wieder ungeschehen machen, war doppelt unausstehlich. Bei Tisch vergaß er sich so weit, das Fleischstück einem Jungen durch das Fenster zuzuwerfen.

»Daß ihm’s nur kein Loch in den Magen reißt.«

Crystoll entsetzte sich. Wenn die Wirtin von dieser neuen Schmach für ihre Küche erfuhr, war keine Stunde Bleibens mehr für beide Künstler.

So, bedrängt von allen Seiten, arbeitete er so hastig, als es ihm seine aufmerksame Art erlaubte. Die Zeichnung war bereits in Kohle aufgerissen, nun legte er die Farbe an.

Wieder fühlte er in allen Nerven den Reiz des Vorwurfs. Den äußerlichen; was für Töne saßen in dem alten Holzwerk, in den Mauerrissen, in dem Sumpfkraut. Und den innerlichen, unaussprechbaren. Den lachenden Triumph des Lebens in dem schwarzen Flecken Erde, durch die strahlend helle Sonne der erblühten Blume.

Die Minuten flogen. Fie mochte ihr Verbot vergessen haben über der Beschäftigung, ihr Haus zu säubern für den Sonntag. Crystoll hörte sie umhergehen, bürsten, plätschern und reiben.

Plötzlich unterbrach sie sich mit einem Aufschrei, dem ein Hundebellen folgte und der Ton von Huberts Stimme.

Übles ahnend, eilte Mark hinzu. Und sah Scott aus allen Zottelhaaren triefend, auf der reingeseiften hellen Matte stehen, Fie mit einem Besen hinter ihm. Während Hubert lachend sich bemühte, ihr zu wehren.

»Na, gebt Euch, Mutter Fie. Es tut mir selber leid. Hier habt Ihr einen Gulden, kauft Euch Seife zu einer neuen Wäsche.«

Zu Crystoll sagte er:

»Das Tier hat gerade ein Bad genommen im Kanal und hat dich im Vorbeigehen aufgespürt.«

Mark war keines Wortes mächtig. Schnell ging er in den Garten, zitternd vor der Strafe, die ihn für Scotts Verbrechen treffen würde.

Fie aber war ganz still. Von neuem fing sie an, zu waschen und zu bürsten und sah nicht auf, als Mark beim Weggehen noch zwei Gulden Schmerzensgeld auf ihre Lade legte.

Eine schwüle Stimmung lastete auf den zwei Freunden an dem arbeitslosen Sonntag. Zum erstenmal in all den Wochen ging Crystoll nicht des Abends mit zum Bier. Und als er sich am nächsten Morgen Fies Häuschen nahte, schlug ihm das Herz, als wartete verbotene Liebe hinter jenem Gitter.

Gottlob, das Haus war offen und Fies Gruß sogar vergnügter als gewöhnlich.

Der Maler lief nach hinten. Stutzte, rieb sich die Augen. Er war wohl falsch gegangen. Das war doch nicht sein Garten, dieser wüste, leere Winkel.

Auf einmal wußte er’s.

Er stürzte in die Stube.

»Wo ist die Sonnenblume?«

»Ich hab’ sie abgeschnitten. Jetzt werden mir die fremden Hunde nicht mehr das Haus versauen.«

* * * * *

Als Hubert von der Arbeit heimkam, fand er den Tisch für sich allein gedeckt.

»Mijnheer Mark Crystoll ist abgereist. Dort hat er einen Zettel hingelegt.«

Hubert las.

»Ich hatte nur die Wahl, den Hund zu töten oder unsere Freundschaft. Ich ließ den Hund am Leben.«

»Oh du!«

Ein Seltsamer stieß diese beiden Silben aus. Er hatte, auch als das Zimmer wärmer wurde, nicht seinen abgeschabten Lodenmantel abgelegt. Ich hatte denken müssen: vielleicht um die Armut zu verdecken, die er darunter birgt. »Oh du!« Er sprang Mark Crystoll an, bohrte in ihn seine Blicke. »Du Mittelmaß, du Kleinheit. Du bist noch lange nicht in den Kern der Verdammnis eingedrungen. Auf der Oberfläche krabbelst du herum. Du wirst noch lange vegetieren und Bilderbogen pinseln.« Er zog eine Rolle aus der Tasche. »Willst du den letzten Willen hören von einem, den sie zur Strecke gebracht haben, der entschlossen ist zum Tod. Hier liegt er. Wohl bekomm’s.« Er schleuderte die Blätter auf den Boden. Hinter ihm krachte die Tür ins Schloß. Ich hob die Rolle auf. »Soll ich lesen?« Sie umdrängten mich.

Die Anderen

Personen:
 Broß
 Kyll
 Broß
 Truck
 Ein Mädchen
 Ein Kellner.

Zwei Uhr morgens. Der mit kaltem Rauch gefüllte Raum eines Kaffees. Alle Tische verlassen. Der Kellner ist hinter dem Büfett halb vom Stuhl gesunken und schläft. Die elektrischen Flammen sind ausgedreht. Nur an dem Tisch, an dem Kyll und Broß sitzen, brennt Licht. Auf dem Tisch stehen leere Kaffeetassen, eine Flasche Kognak und zwei Gläser, eine Aschenschale mit Zigarren- und Zigarettenstummeln gefüllt. Kyll, 26 Jahre, schmächtige Gestalt, nachlässige dunkle Kleidung. Sehr blaß. Tiefliegende schwärmerische Augen, wirre schwarze Haare, nervös zuckende Lippen. Broß, 27 Jahre, blond, etwas aufgeschwemmt, wasserblaue Augen, Habyschnurrbart. Kleidung und Bewegungen eines Commis voyageur.

Broß (legt die ausgebrannte Zigarre auf den Aschenbecher): Also gute Nacht, Herr … (Er sucht den Namen.)

Kyll (der vor sich hingebrütet hat, fährt auf): Sie wollen schon fort?

Broß: Schon? Es geht auf zwei. Wir sind ohnehin die einzigen.

Kyll: Gottlob – ich atme auf. Endlich sind sie weg – die Feinde.

Broß (erstaunt): Feinde? Sie haben ja gesagt, Sie kennen hier keinen einzigen.

Kyll (nervös): Ja, haben Sie denn niemals das Gefühl, daß sie alle unsere Feinde sind, die anderen, die außer uns noch auf der Welt sind?

Broß (auflachend): Nein, wirklich. So was ist mir noch nie eingefallen.

Kyll (auf den Tisch gestützt, mit der Hand in den Haaren wühlend, düster): Auf mir lastet der Gedanke wie ein Alp. Er vergällt mir jede Freude. Selbst im Schlaf werde ich ihn nicht los.

Broß (innerlich belustigt, aber aus Höflichkeit ganz ernst): Aber wieso denn? Was können Ihnen denn ganz wildfremde Leute tun?

Kyll (heftig): Daß sie da sind, daß man von ihnen weiß. Daß sie auf uns drücken mit ihrer Freude und mit ihren Sorgen. (Wie zu sich selbst.) Tage gibt es, da muß ich immer daran denken, was die anderen leiden. Auf der Straße sehe ich nichts als Schmerz und Kummer. Jede traurige Gestalt, jede ausgestreckte Hand trifft mich wie ein Vorwurf.

Broß: Sind Sie denn nicht Mitglied des Vereins gegen Verarmung und Bettelei?

Kyll (ohne auf ihn zu hören, leidenschaftlich erregt): Die Vorstellung von allem Grausamen, was in demselben Augenblick geschieht, verfolgt mich. Ich höre die Kinder, die man prügelt, um Erbarmen flehen, ich höre die Tiere winseln, die man peinigt. Ich fühle die Bangigkeit von verlassenen Kranken und wie Hunger, Angst und Kälte Verzweifelte zum Selbstmord treibt. (Immer erregter.) Ich ahne alles Unglück, alles Elend, das in all den Tausenden von Häusern verkommt und zittert. Ich bin wie ohne Haut, alles verwundet mich. Das Mitleid bohrt sich mir wie mit Stacheln in das wehe Fleisch. Das Herz schnürt sich mir zusammen, ich kann nicht sprechen, ohne laut zu weinen. (Er hält inne, um nicht in Schluchzen auszubrechen.)

Broß: Sie sind sehr nervös, Herr … Sie sollten Brom nehmen.

Kyll (den Kopf in den Händen, leise vor sich hin): Dann kommen wieder Stunden – im Frühling – die Sonne scheint – verhalten, wie wenn die Natur ganz still vor sich hinlacht. Ich gehe durch den Wald – es riecht so untereinander – nach alten Blättern und jungem Gras; ein bißchen schon nach frischen Tannensprossen. Und ich komme auf eine Lichtung, der See liegt vor mir, ganz still, wie eingeschlafen. Nur manchmal schüttelt er sich, wie im Traum. Ich werfe mich hin, sehe in den Himmel, breite die Arme auseinander – mir wird so weit, so groß. Szenen, Bilder stehen vor mir auf – ich hab’ es gefunden – endlich – das Erhabene, das noch niemals Dagewesene. Ich schreie vor Jubel los, ich brülle vor mich hin, Worte, Sätze, ganze Verse. Auf einmal fällt mir ein: Das hat schon in Goethe gestanden, das in Heine, das habe ich von Ibsen, das von Maeterlink – von all den anderen, die vor mir gelebt und gedichtet haben – die verfluchten anderen. (Er wirft sich mit dem Gesicht auf die Hände.)

Broß (überlegen wie mit einem Kind): Wie wollen Sie das ändern? Es muß doch noch Menschen auf der Welt gegeben haben außer Ihnen.

Kyll (auffahrend): Weiß ich das nicht? Natürlich muß es. Das ist notwendig wie – Schmerzen – Krankheit – wie das Leben selbst. Aber man könnte doch auch nicht durch die Wüste reisen, wenn nicht Oasen wären. Das müßte sein – Oasen müßten sein. Jeder Mensch müßte noch einen haben, der kein anderer ist.

Broß (ihn verständnislos ansehend): Sie meinen?

Kyll (ganz unpersönlich): Sie haben sich gewiß gewundert, daß ich mich an Ihren Tisch gesetzt habe und Sie angesprochen. Wir passen doch gar nicht zueinander. Ich (auflachend), der verrückte Dichter, und Sie, der Krämer.

Broß (verletzt): Erlauben Sie –

Kyll (in demselben Ton): Es sieht Ihnen aus dem Gesicht, daß Sie nichts im Sinn haben als Geschäftemachen – Geldverdienen.

Broß (auffahrend): Herr, wollen Sie mich beleidigen!

Kyll (ganz unbekümmert): Wie ich hereingekommen bin, sind Sie mir deshalb aufgefallen. Ich habe mir gesagt: das ist vielleicht ein Mann, der nicht anders ist, als wie er scheint.

Broß (wieder mit mitleidiger Überlegenheit): Legen Sie darauf solchen Wert?

Kyll (ohne auf die Unterbrechung zu achten): Wie ich noch jung war, habe ich gemeint: einen Menschen, der eins mit mir ist, müßt’ ich leicht für mein ganzes Leben finden. Dann bin ich bescheidener geworden. Nur für Jahre habe ich mir’s verlangt – nur für Monate – für Wochen – Stunden. Jetzt habe ich auch das aufgegeben. Ich suche nach einem Menschen, der nicht doppelgesichtig ist, vieläugig, hundertzüngig. Und ich such’ – ich suche. –

Broß (trivial): Sie haben sicher schlechte Erfahrungen mit Weibern gemacht, daß Sie so mißtrauisch geworden sind.

Kyll (heftig): Reden Sie mir nicht vom Weib, von diesem Trugbild unserer Phantasie.

Broß (ordinär): Da haben Sie recht. Was Frauenzimmer heißt, lügt und betrügt.

Kyll: Doch nicht mehr als der Mann. Es ist nur sein tragisches Verhängnis, daß es der Gipfelpunkt der Mannesillusionen ist. Immer wieder – immer wieder glaubt er in fiebernder Erregung an die Erfüllung seiner höchsten Sehnsucht, an das Zu-eins-verschmelzen mit einem zweiten Wesen. Und weiß doch – müßte es doch wissen – daß es in wenigen Sekunden für ihn ein anderes sein wird – ein fremdes, das ihn belästigt.

Broß (mit gemeinem Auflachen): Also – was das betrifft …

Kyll (ohne die Unterbrechung zu beachten, schwärmerisch, mit Tränen in den Augen): Zwei Menschen, die füreinander keine anderen waren. Das war das Paradies. Die Schlange war die andere. Das erste Wort, das Eva mit ihr gesprochen hat, war der Sündenfall. Seitdem sind wir zu Lug und Heuchelei verdammt.

Broß: Einfälle haben Sie, Herr … (Er sucht nach dem Namen.)

Kyll (immer erregter): Bei jedem neuen Menschen fängt der Paradieseszustand wieder an. Mutter und Kind sind zuerst ganz dasselbe. Und lange noch sind sie kristallklar füreinander, bis sich das fürchterliche Anderssein dazwischen drängt.

Broß (gelangweilt): Das ist nun mal der Lauf der Welt.

Kyll (schlägt erregt mit der Faust auf die Tischplatte): Es ist ihr Fluch. Und es ist gegen die Natur. Woher käme sonst dieses Entsetzen, dieser Schmerz, wie es keinen furchtbareren gibt – wenn man an einen Freund in vertrauter Zweiheit voll geglaubt hat und man sieht ihn plötzlich unter anderen, verwandelt, unecht, ein ganz anderer. (Verzweifelt.) Gott! Einen Menschen finden, den ich achten kann! Eine Seele, deren ganze Nacktheit ich entblößen dürfte, ohne eine Täuschung zu entschleiern.

Broß (steht auf und will nach seinem Paletot langen): Sie nehmen das zu tragisch, Herr … (Er sucht den Namen.) Die Menschen sind eben keine Engel.

Kyll (steht auf, tritt vor ihn hin, aufgeregt): Meinetwegen Teufel, Tiere. Aber sie – sie selbst. Ihr Charakter ist ihr Schicksal. Sie entgehen ihm nicht; warum verbergen sie ihn also?

Broß (der nur daran denkt, das Gespräch abzubrechen, ablenkend): Die wenigsten Menschen denken so wie Sie.

Kyll (immer wilder): Warum? Warum? Alles verfault in ihnen, alles ist vergiftet. Selbst mit sich selber sind sie nicht mehr eins. Sie reden, woran sie nicht denken, tun, wobei nicht ihr Interesse ist. Sich selbst belügen sie.

Broß (über Kyll hinweg nach seinem Paletot langend, ungeduldig): Gott, Sie werden das nicht ändern.

Kyll (Broß am Arm fassend, schreiend): Aber ich ertrag’s nicht länger. Ich kann nicht länger unter Masken leben. Ich wage nicht mehr, mich nach einem Abschied umzudrehen. Ich sehe des anderen heuchlerisches Lächeln sich zu Spott verzerren. Ich fühle ihn den Dolch seiner verleumderischen Rede mir meuchlings in den Rücken stoßen. (Tritt ganz hart an Broß heran, mit wild flackernden Blicken.) Das Hirn möchte ich dem Kerl auseinanderreißen, der mir gegenüber sitzt, das Herz möchte ich ihm zerfleischen, um zu wissen, was er denkt und fühlt.

(Broß macht erschreckt einen Schritt gegen das Büfett, hinter dem der Kellner schläft.)

Kyll (faßt ihn beim Arm): Wo wollen Sie hin?

Broß (mit einem Versuch, seine Angst zu verheimlichen): Ich wollte nur den Kellner – ich möchte noch einen Kognak.

Kyll (mit wildem Blick): Sie lügen – Sie fürchten sich vor mir.

Broß (gezwungen auflachend): Aber, lieber Herr … (Er sucht den Namen.) Wie können Sie nur glauben – Sie sind so unterhaltend – ich könnte noch bis Tagesanbruch mit Ihnen zusammensitzen.

(Truck tritt ein mit einem Mädchen.)

Truck (zu Broß): Nu frag’ ich einen Menschen. Broß, Menschenkind, trifft man Sie in nachtschlafender Zeit noch im Kaffee?

Broß (erlöst aufatmend, faßt Trucks Hand, leise): Sie schickt mir der Himmel. Ich bin da an einen Wahnsinnigen geraten.

Kyll (der angestrengt hinübergehorcht hat): Was haben Sie dem Mann von mir gesagt? (Zu Truck.) Eben hat er mir versichert, ich sei so unterhaltend, die ganze Nacht möchte er mit mir zusammensitzen. (Zieht einen Revolver aus der Tasche.) Warum hast du gelogen – Kerl!

BroßTruck, das Mädchen: Zu Hilfe! Zu Hilfe!

Kyll (mit vor Erregung erstickter Stimme): Ihr Feiglinge! Ihr Lumpenpack! Ihr – anderen – (Er erschießt sich.)

Wir hatten alle den nämlichen Gedanken. Der grauhaarige Herr am Ofen hielt uns zurück.

»Wenn er Ernst gemacht hat, kommt ihr doch zu spät.«

Mark Crystoll sagte trübe: »Er hat seine Todesleidenschaft gestaltet. Das kühlt sie ab.«

»Der Unberatene. Meint, er kann ein Ende machen. Und kann doch nichts als zu einem Tor hinausgehen, um durch ein anderes wieder zu erscheinen.«

Wir waren sparsam mit den elektrischen Laternen umgegangen. Trotzdem hatten sie sich allmählich verzehrt, bis auf eine, die auch eben im Begriff war auszulöschen. Die unbekannte Stimme war mit der Dunkelheit verschmolzen. Es war nicht zu unterscheiden, wem sie angehörte.

»Auch ihr,« sprach es aus dem Unbekannten weiter. »Kurzsichtige. Mit eurem Klagen und Verneinen. ›Ja‹ müßt ihr zu eurem Leben sagen. Und ›So will ich dich‹. Denn ihr wißt, mit allem seinem Schmutz und Elend kommt es immer wieder zu euch zurück.« Dann wieder, mühsam, stockend, wie aus innerem Grauen aufgestiegen:

»Oder kennt ihr es noch nicht, das schreckhafte, das apokalyptische Geheimnis? Ach,« es ächzte wie aus einer Pein, die sich doch an ihrer Einzigkeit berauscht, »daß ich verurteilt sein muß, seine Siegel vor euch zu zerbrechen.«

Ich weiß nicht, wie es den übrigen erging. Mich steigerte die in Schleier eingehüllte Herkunft dieses feierlichen Anrufs in eine erwartungsvolle Stimmung. Es wäre mir Verletzung meines Feingefühls gewesen, hätte der Unsichtbare das Pathos, mit dem er, wie aus einem tiefen Schacht, letzte Dinge seines Fühlens aus der Seele holte, in hellem Lampenscheine vor uns ausgebreitet. Die Verkündigung der abgeklärten Buddhalehre, von Nietzsche unter Qualen umgewertet in Übermenschlichkeit.

Von ewiger Wiederkunft

Er liegt am Rande des sanft zum See gesenkten Ufers, von hochgewachsenen Farren überdacht. Zu seiner Rechten, auf dem Hügel, um den die Großstadtleute sich geschwätzig und geputzt ergehen, weiß er die Tafel mit den wie vom Schicksal in den Stein gegrabenen Zeichen:

»Die Welt ist tief
Und tiefer als der Tag gedacht
. . . . . . . . .
Weh spricht: Vergeh’!
Doch alle Lust will Ewigkeit –
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

Er glaubt, ein Echo dieser Worte in dem Murmeln der anschlagenden Wellen zu vernehmen. Wenn er die Augen schließt. Wenn er sie öffnet, ist der schwere Klang verweht, und er sieht in ein Meer von Glanz und Duft. Die Wasser jauchzen, und der See blüht. Wie ein Garten, wie ein Beet von blauen Enzianen, über die ein Heer von weißen Schmetterlingen fliegt. Die hinscheidende Sonne wirft aus dem Westen Purpurrosen auf die blaue Pracht, sie durchglutet die Segel, die sich wie große Möwenflügel spreizen, und das Gebäude, das vom jenseitigen Ufer grüßt, verklärt sich durch ihren goldenen Abendschein zum Märchenschloß.

Den Ruhenden unter dem Farrendickicht schmerzt diese Pracht und Fröhlichkeit. Die Augen zu. Dunkelheit um sich geschaffen. Und dem dumpfen Laut gelauscht, mit dem die Brandung zu den Kieseln spricht:

»O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Ich schlief, ich schlief …«

Als er erwacht, findet er die Welt um sich vertauscht. Wie ein guter Hausverwalter, wenn der letzte Gast gegangen ist, die Lampen abdreht und Tücher auf die Seidenmöbel und die festlichen Geräte wirft, so hat der späte Nachmittag hinter den letzten Sonnenstrahlen alle Farben ausgeblasen und über Tanz und Spiel der Wellen einen mißtönigen Flor gebreitet. Fahl und flach liegt der weite Spiegel; vor dem Märchenschloß, das ihn begrenzt, ist ein grauer Vorhang zugezogen.

Der Ruhende springt auf. Ihn fröstelt. Und er schreitet kräftig aus, um den steif gewordenen Gliedern die Geschmeidigkeit zurückzugeben. Die Halbinsel gehört ihm nun allein. Die Spaziergänger sind vor der einbrechenden Dämmerung geflüchtet, und bereden den Alltag jetzt in aufgehellten Räumen.

Ihn, der gekommen ist, um in den Spuren eines Einsamen zu wandeln, graut vor der Gemeinschaft mit den Vielzuvielen. Er läßt die Wohnstätten der Menschen hinter sich und sucht sich den schmalen Weg, der, der Wagenstraße gegenüber, sich an die Windungen des Wassers schmiegt.

Immer dichter sind inzwischen die Dünste hochgestiegen, haben sich geballt und rechts und links zur Mauer aufgerichtet. Alle Wirklichkeit ist abgetrennt. Nichts gegenwärtig als das Angedenken dessen, der seine kränksten Nöte und seine lachendsten Genesungen hier auf und ab getragen haben mochte. In der großen Stille scheint der Boden wie entsühnt von der Berührung mit den Massen, die seitdem durch ihren Tritt die Fußspur eines Ungewöhnlichen entweihten. Und auf leisen Sohlen schleichen die Schatten der Vergangenheit herbei.

Vielleicht an dieser Stelle war vor dem Dichter das helle Mittagsstundenwunder aufgetaucht. Hier hatte er vielleicht gesessen, »ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. Da plötzlich, Freundin, wurde eins zu zwei und Zarathustra ging an mir vorbei«. Und hier vielleicht, ein andermal, in einer Finsternis wie dieser, wie im Urchaotischen gefangen, mochte er mit dem Doppelgänger Brust an Brust gerungen haben. Ihm die feindliche, die mörderische Waffe zu entreißen.

Der Wanderer stöhnt auf.

Wie er jetzt körperlich den Wegen des Verkünders folgt, so war er ihm auch geistig nachgegangen. Und war an der Schwelle einer letzten Ausgangspforte einem Gespenst begegnet. Qual und Marter, ihm ins Gesicht zu sehen! Glich es nur dem Meister? Trug es nicht die eigenen Züge? Hatte es nicht längst im eigenen Leben tückisch lauernd dagelegen, um in bangen Stunden den Gefolterten zu überfallen?

Ewige Wiederkunft? Kein Entrinnen aus dem Kreis des Ekels und des Überdrusses!

Mag sein Fuß die schmale Grenze überspringen, die das feste Land vom Wasser scheidet: es behält ihn nicht, es bringt ihn wieder.

Immer wieder auf das Rad geflochten … »Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.«

Nein! Seine Schultern tragen die Last dieses Gedankens nicht. Ihm fehlt die Kraft, den Kopf der Natter abzubeißen, um ihn lachend auszuspeien. »Ist das das Leben? Wohlan denn: noch einmal!« Er ist nicht brünstig nach dem hochzeitlichen Ring der Wiederkunft.

Ihm wird zumut, als wachten alle Peinen auf, die hier jahrelang versteinert im Gebüsch gelegen haben, und stürzten sich auf ihn, um ihn zu schrecken und zu würgen. Der Wahnsinn krallt sich in ihn ein, Verlassenheit, das verzerrte Abbild der königlichen Einsamkeit, greift nach ihm mit kalten Knochenarmen. Er läuft und läuft … Er fühlt, was zu sehen ihm der Nebel wehrt, daß der Waldweg sich verbreitert, daß seine Sohlen Wiesenboden treten.

Von irgendwoher wehen abgerissene Laute zu ihm hin. Menschenstimmen. Er saugt sie gierig ein. Tastet sich zu ihnen hin. Etwas Lichtes durchzittert den feuchten Brodem. Der Fuß stößt an ein Hindernis, wagt sich behutsam ein paar Stufen aufwärts. Die ausgestreckte Hand rührt an eine Holzwand, faßt eine Messingklinke, drückt sie herab: ein Tor geht auf …

Ein Glashaus, in dem zwischen hohen Palmen leichte, aus Stroh geflochtene Möbel stehen. Dahinter der weite Saal. Grellweiß mit zopfiger Vergoldung. Von der Decke, an metallenen Ketten, geschliffene Kristalle, in denen Glühkörper wie Blumen blühen. Unter ihrem strahlend grellen Schein ein Mischmasch von surrenden und summenden Geräuschen. Gespräch, Gelächter, das Rascheln weicher Seiden, das Schleifen kostbarer Brokate. Frauennacken, die tief entblößt aus Tüll und Spitzen steigen, mächtige Frisuren, von Reihern bekrönt und mit diamantenen Kämmen festgehalten. Aus dem bunten Durcheinander sticht das dumpfe Schwarz der Herrentracht hervor und die einförmige Blankheit der steifgestärkten Hemdenbrüste.

Inmitten dieses Wirrwarrs von Schattierungen und Tönen ein grün-roter Farbenfleck, wie aus einer Riesentube hingeschleudert. Die roten, grün besetzten Wämser und Barette der Italiener, die eben ihr Konzert beginnen. Mit einem Ritornell zum Lobe Neapels. Sie stehen aufrecht, wie von ihrem Enthusiasmus aufgeschnellt, und schmettern mit begeisterten Gebärden gemeinsam den Refrain heraus:

Dolce Napoli
O suol beato
Ove sorridere
Volle il creato.

Den Mann, der aus dem dunkeln Grauen in den hellen Leichtsinn tritt, erfaßt ein Schwindel. Er flüchtet in eine der Nischen, um deren Rundung ein silbergrauer Diwan läuft. Er läßt sich in das Polster sinken und winkt einem der Diener, die, im blauen Frack mit messinggelben Knöpfen, durch die Menge laufen. Der beäugelt mißtrauisch den Gast, der wagt, im Sportdreß, den Nachttau in den verwühlten Haaren, in diese festliche Versammlung einzutreten. Doch die Gebärde, von der der Befehl, eine Flasche Sekt zu bringen, begleitet wird, ist so gebieterisch, daß sich die Lakaienseele duckt.

Auch der übrigen Gesellschaft ist der Fremde aufgefallen, der so rücksichtslos der hergebrachten Sitte trotzt. Man einigt sich: so kann nur ein Deutscher sich vergessen. Und er ist auch wirklich blond, blauäugig und, trotz seinen langen geraden Gliedern, ein bißchen unbeholfen. Nur seltsam, daß der junge Kopf schon an den Schläfen graue Fäden zeigt. Und was für ein Kontrast zwischen den breiten, festen Flächen des oberen Gesichts und dem zurückfliehenden Unterkiefer. Die Musternden sind geneigt, ihn für einen Skandinaven zu halten. Man gibt zu: gegen Stoff und Schnitt des beanstandeten Knickerbocker sei kein Einwand zu erheben. Und das Gebaren dieses Außenseiters habe einen Zug von Vornehmheit. Manches Mädchen denkt: holt er mich heute wohl zum Tanz?

Er, blind für Beobachtung oder Kritik, ist ganz erfüllt von dem beglückenden Bewußtsein: ich bin geborgen. Über die Schwelle dieser billigen Karawanserei wagt sich der Spuk der Nachtgesichte nicht. Zweimal schon hat er den hohen Kelch geleert. Eine wohltuende Wärme legt sich besänftigend auf seine Brust.

Da kommt ihm von irgendwoher eine Hemmung seines Wohlbehagens. Was ist es, das an seinen Nerven zerrt? Er sucht die störende Empfindung wegzustreichen. Vergebens. Sie umschwirrt ihn wie ein lästiges Insekt. Er hebt den Kopf und begegnet einem Augenpaar, das sich fest und unbekümmert in das seine bohrt. Den Augen eines Weibes.

Schön? Bizarr. Wie eine fremdländische Tropenblume. Wie ein kostbares Geschmeide, in einer uralten Kultur entdeckt.

Rostbraunfarbige starre Haare umschließen in schweren Wellen eng die schmalen Schläfen. Der vorgewölbte Mund schneidet brennendrot durch die gelblich blasse Haut der Wangen. Die Augen, mit grünlichen Pupillen, stehen etwas schräg gegen die kleine, gerade Nase. Ein weißes Pannekleid, rosig angehaucht wie das Innere einer Muschel und in jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt, steigt hoch hinauf bis zu den kleinen Ohren. Und sie ist juwelenlos. Nur auf der Stirn liegt, von einem dünnen Kettchen festgehalten, ein schimmernder Opal. Sehr jung ist sie dabei; und so mädchenzart, daß man den feisten, kahlköpfigen Herrn, der neben ihr hinter seiner Zeitung fast verschwindet, für ihren Vater halten könnte, wenn nicht die Besitzermiene, mit der er, den Arm um sie gelegt, von Zeit zu Zeit ihr etwas zuflüstert, verriete, daß er ihr Gatte ist. Sie achtet weder seines Redens noch seines Verstummens. In dem Armstuhl, der für ihre schmale Gestalt viel zu weit ist, lehnt sie sich ein wenig vor, ein Lächeln teilt ihre Lippen, die Augen haften fest an ihrem Gegenüber.

Er wendet sich beinahe ungezogen ab. Aber das Fluidum, das von ihr zu ihm hinüberströmt, dringt ihm in alle Poren. Sie zwingt ihn zu sich, wie durch Zauber. Er sieht das Blut in ihren Adern kochen, er sieht, wie die Wünsche in ihr auf und nieder steigen. Das Idiom der Zungen würde sie wahrscheinlich trennen. Ohne Worte verstehen sie einander gleich.

»Du,« sagt sie zu ihm; »du!«

Es trifft ihn wie ein Kuß.

Und ohne seine Antwort abzuwarten, fährt sie fort: »Mir ist, als kenne ich dich lange. Du gefällst mir. Sehr gefällst du mir.«

Von ihrer Liebkosung entzündet, wehrt er sich gegen ihre buhlerische Zärtlichkeit. »Was sprichst du so zu mir, dem Fremden, und sitzest doch an der Seite deines Ehemannes?«

Sie hebt verächtlich ihre Achseln. »Ehemann? Richtig; das ist wohl einer seiner Namen. Er hat noch andere. Phil und John und Will. Ich mußte ihm alle geben, als ich mich ihm verkaufte. Mich frei von Elend und von Schande kaufte, frei für Luxus, Glanz und Liebe.« Wie ein Schlänglein läuft ihre rote Zungenspitze über die weißen, spitzen Zähne. »O wie ich hungere nach Liebe!«

Die Musikanten stimmen nach kurzer Unterbrechung wieder ihre Instrumente. Über abgerissene Akkorde, die nur auf Tonika und Dominante stehen, hebt sich die sentimentalisch süße Melodie. Der Tenor, ein tiefbrauner Bursche von quecksilberner Beweglichkeit, beklagt die Launenhaftigkeit seiner Geliebten.

»Dimmi, dimmi nenella mia bella  
pechè staje affaciate? pechè?«

Er bettelt um ein gutes Wort:

»Quanno me dice che me vuó bene 
tutte le pene me faie scordà.«

Die Arme zu einer Huldigung gerundet, die allen Damen dieses Kreises gilt, lockt er sein Mädchen zum verliebten Stelldichein. Und seine ungeschulte aber weiche Stimme tremuliert heftig in der Übertreibung seines feurigen Gefühls.

»Si tu nenella mia viene comme
Uh! quanta cose t’aggio a di cantanno
Jo! quanta cose t’aggio a fai sapè.«

Ein Hauch von Lust fächelt die Gesellschaft, die, von der Höhenluft erregt, sich nach reichem Mahl zu müßiggängerischem Tändeln hier zusammenfindet. Schultern drängen sich näher aneinander, heiße Finger streifen sich, Fußspitzen begrüßen sich in heimlicher Begegnung.

Den Einsamen in seinem Winkel überkommt die weiche Stimmung, von der er sich doch sagt, daß sie eine Täuschung seiner müden Sinne ist; die Sehnsucht nach einem zweiten, dem er sein Ich verschmilzt, um es reiner und erhöhter wieder zu empfangen.

Von drüben fliegt der Spott wie scharfe Pfeile auf ihn zu. »Du Tor spekulierst und grübelst: und das heiße Leben rauscht an dir vorbei. Greif’ zu! Genieße!«

»Und meine Seele?«

Rasch läuft das Schlänglein ihrer roten Zunge über den vorgewölbten Mund. »Sorgst du um deine Seele? Armer Narr! So hast du das Weib der großen Seligkeit noch nie besessen. Wie? Das Wunder, daß zwei Menschen miteinander in dem Nichts vergehen, aus dem sie einmal herausgekommen sind, wäre nichts als ein Gefühl der Haut? Und wo bliebe denn die Seele in dem rätselhaften Augenblick, in dem die Körper außer sich, über sich hinaus geraten? Ins Uferlose, Unbegrenzte, außer Zeit und Raum, ohne Anfang, ohne Ende, nur Wonne und geniale Ahnung, wie sie Gott durchschauert haben mögen, da er die Welt erschuf.«

Er, innerlich gefangen, wehrt sich in den Maschen ihres Netzes. »Schlange! Kluge! Listige! Was versuchst du mich zu lügender Erkenntnis?«

Um die rotgrüne Musikanteninsel kräuselt eine lärmende Bewegung. Kastagnetten begleiten den Klang von Geige, Cello, Tamburin und Mandoline. Und indem die Italiener ihre Instrumente streichen, schütteln, zupfen, singen sie zu gleicher Zeit und drehen sich in kecken Sprüngen. Eine wilde Tarantella, wie sie das Volk an seinen Festen tanzt.

»Jammo a bedere nterra a l’arena,
mento che spanfia la luna, li
pescatore de Merglina.«

Der Rhythmus der jagenden Triolen reißt das Blut der Hörer mit. Die Leiber und die Beine zucken, verlangend kehrt die Jugend sich zu der Tür des Tanzsaals, der eben aufgeschlossen wird. Und die Tarantella rast noch immer, und die Musikanten jubeln, schreien.

Durch den Wirbel der Atome geht der Strom magnetisch von dem Weib mit den rostbraunfarbigen Haaren zu dem Mann, der einsam in seinem Winkel sitzt. Er ist wie eingehüllt in die Glut ihres Begehrens. Er erschauert unter dem liebkosenden Getaste ihrer Finger, ihre weißen Zähne graben sich in seinen Hals, er fühlt die Knospen ihrer jungen Brüste an den seinen, ihre Flechten, aus ihrem Zwang gelöst und von ausspringenden Löckchen wie von kleinen Flämmchen überflattert, begraben seinen Atem unter ihrem schweren Duft. Sie gibt ihm die Wollust tausender im heißen Spiel der Liebe erträumter Nächte in einem kurzen Augenblick. Die ganze Weibheit hält er mit ihrem schlanken Leib in seinem Arm.

Betäubt, entfestet, ohnmächtig gegen die Naturgewalt zu kämpfen, gibt er sich ihr widerstandslos hin.

Erobererhochmut tritt in ihre Züge, da sie seine Unterjochung fühlt. Sie erhebt sich und entbietet ihm noch einmal ihren Willen, daß er ihn in die Gefolgschaft ihres Kleidersaumes zwingt.

Er zögert, beschwert von trauriger Ermattung. Der Kontakt ist unterbrochen. Der Funke sprüht nicht zwischen den konträren Polen auf.

In einer Sekunde des Besinnens richtet sich das unbegrabene Skelett des gespenstischen Gedankens vor ihm auf. Die ganze Weibheit hat er in ihrem schlanken Leib genossen. Tausende heißer Nächte haben sich ihm in einen kurzen Augenblick gepreßt. Weil sein Gedächtnis tausend zugefallene Pforten der Erinnerung aufgebrochen hat, um ihm vertausendfacht sein Ich zu zeigen, wie in einem Raum mit tausend Spiegelwänden.

Ja, er erkennt es wieder, sein ewiges Erlebnis. Stets das gleiche. Die Flucht aus der Wüste der Askese in die Üppigkeit der Lebensgier. Und Licht, Musik und Tanz. Und das Weib. Immer das gleiche. Der Brennpunkt aller Illusionen. Und wenn ihr Wesen, bis zur letzten Falte ausgespäht, keine Rätsel mehr zu bieten hat, ein Gewicht, das in die Niedrigkeit hinunterzieht, das mißachtete Gefäß eines schal gewordenen Trunkes.

… Wie berückend die Erscheinung in dem weißen, rosig überhauchten Sammetgewand, in jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt. Eine einzige mitten in der Allgemeinheit. Ein künstlerisch vollendetes Gebilde der Sansara.

Wie mit Ketten reißt es ihn wieder zu ihr hin. Zwischen Verlangen und Verzicht ertrinken ihm die Sinne, nur an eine feste Vorstellung geklammert: Dies ist die Stunde der äußersten Entscheidung. Jetzt oder niemals durchbrichst du dein Geschick. Jetzt oder nie tritt das Göttliche in dir die erdenschwere, schuldbeladene Materie nieder.

Und es lichtet sich um ihn wie Morgenröte. Ihm ist, als klimme er auf einen Gipfel, tief unter sich die bunte Sinnenwelt.

Sieg! Triumph! Er hat den Ring der ewig gleichen Wiederkunft gesprengt. Er kann wunschlos eingehen in Nirwana.

Von dem inneren Kampf zerbrochen, geht er langsam zu der Ausgangstür und faßt die Klinke. Ein Blick noch, wie ihn der Abscheidende den Erdendingen zuwirft, bevor er sie verläßt …

Das Bild hat sich verändert. Die Italiener sind in den Tanzsaal übersiedelt und locken mit dem wiegenden Dreivierteltakt eines schmeichlerischen Wiener Walzers. Und schon naht einer, der sich vor der Frau mit den rostbraunfarbigen Haaren tief verbeugt und dem sie die Gunst gewährt, sie minutenlang an sich zu drücken.

Der Mann, der bereit ist, sich von der Erbsünde zu lösen, macht eine hastige Gebärde zu den beiden hin. Noch einmal in den Fängen seiner Menschlichkeit. Und die Unruhe, die ihn durchrüttelt, entwurzelt in ihm einen schrecklichen Verdacht.

Wie, wenn ihn die Erkenntnis äffte? Wenn die Wahrheit, der den Schleier abzureißen er sich vermaß, sich ihm nur um so undurchdringlicher verhüllte? Und gerade dieses sein ewig wiederholtes Fatum bliebe: zu verdammen, was er heiß ersehnt? Kraftlos vor dem Entschluß zurückzuweichen und einem Kühneren das Glück zu überlassen, das in der Phantasie schon sein gewesen ist?

Der Angstschweiß bricht ihm aus. Alles wankt und schwankt um ihn herum.

Eine leise Stimme will ihn trösten: »Es ist deine Jugend, die sich gegen dieses letzte Opfer bäumt.«

Er glaubt sich nicht. Er hat das Vertrauen zu sich verloren. Und sagt sich mit wehmütiger Bitterkeit: »So werde ich die Probe machen müssen.« Drückt die Klinke nieder. Und geht durch Nebel und Verlassenheit an den See zurück.

… Hinter ihm lachen die Violinen.

Auch dieser Gast verschwand. Ganz leise. In das Schweigen, das er hinterließ, fiel ein sehr alltägliches Geräusch.

Der Grauhaarige hatte an seinem Feuerzeug geknipst für eine seiner vielen Zigaretten. Er steckte die Zündschnur noch einmal in Brand und half der Nachbarin ein Kerzenende aus ihrem Reisesacke kramen. In Schlupfwinkeln von Männertaschen wurden Wachsstreichhölzer aufgestöbert.

In dieser unzureichenden Beleuchtung sahen wir, wie sich die Frau in Nonnentracht erhob, die beim Instandsetzen der kahlen Kammer wacker mitgeholfen hatte, um sich dann, als sei jede Minute Müßiggang ein Raub, den Nadeln ihres Strickstrumpfs zuzuwenden. Jetzt legte sie die Arbeit nieder und faltete die Hände.

»Ach, meine lieben Schwestern und Brüder, mein Herz ist bis zum Rand gefüllt mit Traurigkeit um euch. Wie ihr alle aneinander leidet. Wie ihr einander weh tut und eins sich nach dem anderen doch sehnt und nach ihm sucht und an ihm vorbeitappt in die Einsamkeit. Das kommt daher: Jeder von euch ist zu viel mit sich selbst beschäftigt, ihr seid beständig hin und her gerissen von Wollen und Verlangen. Ihr habt nicht mehr den Glauben. Nein,« schnitt sie Bedenken in uns ab, noch ehe sie sich regten, »ich will euch nicht bekehren. Nennt ihn Jehova, Jesus Christus, Gott oder Natur. Nur daß euch eine Zuversicht gegeben ist, an die ihr euch vergeßt, eine Frömmigkeit, an der ihr euch beruhigt.«

Ihr klares, gütiges Organ, etwas eintönig, als seien im Gebet seine feinen Schwingungen ertötet, aber unendlich wohltuend, gleich einer Auflösung der vorhergegangenen Dissonanzen, schilderte das kleine Haus, in dem sie demütig dem Herrn diente.

Habe ich ihre Absicht recht verstanden? Und sie in meiner Wiedergabe richtig ausgedeutet? Daß sie uns an einem Beispiel lehren wollte: das Nichtwissen schließt die höchste Weisheit in sich ein.

Frohe Botschaft

Herbstnebel! Er überspinnt das ganze Dorf, umflort die Häuser, hängt graue Tücher vor die Berge und über das Gesicht des Sees. Die Sonne müht sich vergebens, ihn zu durchdringen, er verzehrt ihre Strahlen und frißt ihren Schein, daß sie fahl am Himmel steht wie eine Tote. Da tun sich die große Turmuhr und der Wind zusammen. Die Turmuhr schleudert zwei Schläge und dann noch elf gegen die geballte graue Masse, der Wind springt hinterher und bläst aus vollen Backen. Von obenher bohrt sich die Sonne durch. Und Schall und Wind und Wärme reißen den Brodem auseinander. Noch klammert er sich am Gebirge an und raucht aus den Schluchten. Aber als der Mittag ausgeläutet wird, findet er den Himmel reinlich ausgefegt. Die letzten grauen Fetzen, zwischen Felsen eingeklemmt, haben die Kraft nicht mehr, sich festzuhalten. Sie verflattern zu Fahnen, lösen sich in Flocken auf und vergehen in den Tannenwipfeln. Nichts bleibt mehr von dem Dunst zurück als ein zarter Silberhauch, der wie ein Schleier über den sanften Umrissen der Landschaft liegt.

Alle Geräusche, die in dem dicken Nebel eingepackt gewesen waren, schallen in der aufgehellten Luft. Das Gebell der Hunde, das Räderknarren, der Schlag des Schmiedehammers und das Kreischen eines Hobels. Von dem Gespräch, das zwei Frauen über die Straße weg miteinander führen, ist jede Silbe zu verstehen. Und schon von weitem hört man das Schwatzen und Gelächter der Kinder, die, nach ihrem Mittagessen, wieder zu den frommen Schwestern gehen, um dort bewahrt zu werden, bis die Mütter aus der Arbeit kommen. Von allen Seiten trippeln sie herbei, das Seeufer entlang, vom oberen Dorf her durch die Wiesen, einzeln oder paarweis, ein sechsjähriges oft schon der Schutz für jüngere Geschwister. In der entlaubten Kastanienallee, der Kleinkinderbewahranstalt gegenüber, finden sie sich zueinander. Sie vergnügen sich damit, die verfaulten feuchten Blätter mit den Füßen aufzuwühlen, und um jede halbvertrocknete Kastanie, die sie im Laub entdecken, gibt es ein Gerauf und ein Gepuff.

Die kleinen Mädchen, gesitteter, weil sie sich schwächer fühlen als die Buben, mahnen: »Seids stad, Buben, gehts zua, Schwester Brigitte tuat g’wiß schon auf eis warten.« Sie laufen über die Landstraße hinweg hinüber zu der Schule; langsam trotten die Jungen hinterdrein.

Die Kleinkinderbewahranstalt liegt in einem alten Haus (es ist fünf Fenster breit und trotz seiner beiden Stockwerke nur niedrig), dem man es nicht ansieht, daß es nicht nur die Herberge der Ortskranken und Armen ist, sondern auch das Haftlokal für Landstreicher und Trunkenbolde. Es ist ganz in Efeu eingesponnen; eine Statue der Muttergottes, die im Giebel thront, breitet ihre Arme wie segnend über die Blumentöpfe aus, die in grünen Gitterbrettchen vor jedem Fenster stehen. Und wirklich blühen unter ihrem Schutz noch ein paar leuchtend rote Nelken und Geranien.

Einen kleinen Vorgarten, in dem die Rosenstöcke in Stroh gebunden an der Erde liegen, haben die Kinder zu durchschreiten. Dann klinken sie die Haustür auf, treten im Erdgeschoß in eine zur rechten Hand gelegene große Stube und begrüßen ihre Lehrerin mit einem gemeinschaftlich geplärrten: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand.«

Schwester Brigitte, ganz klein und schlank in ihrem schwarzen Kleid, der grauen Haube, der weißen Stirnbinde um das rosige Gesicht, ist im Begriff, dicke Decken auf den Fußboden zu breiten. Für die Allerkleinsten, die gleich ihr Mittagsschläfchen halten sollen. Sie schilt die Kinder um die Verspätung und um die Prügelei. Beim Schelten vertiefen sich die Grübchen in ihren runden Wangen.

In den Kindern ist auch keine Furcht. Die Buben streiten in den Ecken um die erbeuteten Kastanien, die Mädel hüpfen in den engen Holzbänken herum, und wer ein Püppchen in der Tasche hat, holt es heraus. Nur die mütterlichsten unter ihnen helfen der Schwester die Knirpse, die jetzt ruhen sollen, hinzulegen und zu betten. Es sind Schreihälse darunter, Neulinge, die Heimweh haben und sich in der Fremde nicht zufrieden geben wollen. Sie schlafen schon, als ihnen noch die Tränen über die beschmutzten Bäckchen laufen.

Schwester Brigitte wendet sich jetzt um (sie ist hingekniet, um ein Dreijähriges einzuhüllen) und fragt: »Mögt ihr lieber in den Garten gehen? Es ist heute noch so wunderschönes Wetter.«

»In den Garten!« Es ist ein Jubelruf. Und schon stürmen sie den weißgetünchten Flur entlang, durch die Hintertür hinaus.

Der Garten ist eigentlich nichts als ein Stück Sandland inmitten grüner Hecken. Neben einem Holzschuppen, in dem die Schwestern allerlei Gerät bewahren, steht eine Linde mit bereits vergilbtem und zerzaustem Laub. Eine Handvoll kümmerliches Gras sprießt in einer Ecke. Den Kindern ist der Platz just um seiner Kahlheit willen lieb. Da hat’s keine Angst, den Rasen zu zertreten oder Blumen weh zu tun. Da kann man nach Herzenslust herumtollen, Sandhaufen bauen und in der Erde graben.

Die Großen holen ihre Schaufeln aus dem Schuppen, ihre Eimerchen und Karren, die Kleinen gucken ihnen zu oder klettern auf die rechts und links von einem Holztisch in den Boden eingerammten Bänke und sonnen sich wie träge kleine Tierchen. Und alle plappern zu gleicher Zeit mit schrillen, hellen Stimmchen, die keine Modulierung haben, nur auf einen Ton gestimmt sind, wie das Gezirpe junger Vögel.

Oben im zweiten Stockwerk liegt ein siecher Mann auf seinem Lager. Die Sonnenstrahlen sind bis zu seinem Bett gesprungen. Sie tänzeln um ihn herum. Förmlich an der Hand fassen sie ihn an und rufen: »Steh’ auf, komm mit uns. Schau, wie wundervoll die Welt ist.«

»Wenn ich nur könnt’!«

Mühsam richtet er sich auf. O weh! O weh! Wie schmerzt die leiseste Bewegung. Aber die Sonnenstrahlen lassen ihn nicht los. »Komm,« rufen sie, »steh’ auf.« Langsam, mit unsicheren Händen, der Schweiß läuft ihm dabei aus allen Poren, legt er Stück für Stück von seiner Kleidung an. Schwer auf den Stock gestützt, schleppt er sich bis zum Fenster. Dort fällt er auf einen Stuhl. Ein paar Augenblicke lang ist alles schwarz vor seinen Augen. Dann aber schaut er auf. Himmel Herrgott, was für eine Pracht!

Es ist vielleicht, weil er wochenlang nichts über sich gesehen hat als das schwere Federbett, und nichts um sich als die vier weißen Wände seines engen Zimmers, daß ihm dünkt, so ein Herbsttag sei noch nie dagewesen. Und er trägt doch an fünfzig Herbste auf dem Buckel.

Und Farben! Der See so blau – so blau – wie die Enzianen auf der Tapetzaner Wiese. Und so still bewegt wie die Brust von einem schönen Weibsbild, wenn es liegt und schläft. Nur ganz hinten, der Klause zu, wo zwei Segel schwimmen, licht wie ausgespreizte Möwenflügel, ist das Wasser sanft gekräuselt. Und ringsherum die Wiesenhänge, grün und saftig wie im Sommer, und die Wälder rot geflammt, gerade als ob Feuer aus den dunkeln Tannen schlagen. Obenher die Berge bis hinunter weiß beschneit, für Gletscher könnte man sie halten. Und darüber eine Luft! Es blitzt nur so in der Luft von Freude und von Lustigkeit.

Eine Gier, krankhafter als die nach Tabak und nach Schnaps, die man ihm beide vorenthält, faßt den Kranken an, diese Luft zu schmecken.

Er denkt sich: »Gehst halt hinunter« und verlacht sich gleich: »Du Tepp, du Dalk! Grad’ bis auf den Gang tät’s vielleicht noch klenken. Dann, perdautz, da liegst.« Inbrünstig betet er zu seinem Schutzpatron. »Heiliger Josef, mach’, daß eine von den Schwestern zu mir heraufkommt.« Und weiß doch, daß sein Bittgesuch vergebens ist. Weiß, Schwester Brigitte gibt jetzt im Garten Obacht auf die Kinder, derweil muß Schwester Anna nach den Kleinen schauen, die im Zimmer schlafen. Schwester Maria wäscht das Geschirr vom Mittagessen ab, und die Oberschwester Ursula verirrt sich nur selten in die Krankenzimmer.

Es gelingt ihm, sich an der Fensterklinke hochzuziehen und die Flügel aufzumachen. Eine Welle durchsonnter und mit Tannenduft durchwürzter Luft strömt zu ihm ein. Das schmeckt – o wie das schmeckt! Wenn’s ihm nur beim tiefen Atemholen nicht so in die Lunge stechen möchte.

Er denkt: »Könnt’ ich doch im Garten in der Sonne sitzen!« Er schreit hinunter: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!« Das heißt, er möchte schreien, aber es kommt ihm nur ganz heiser aus der Kehle. Vielleicht steht ihm aber doch der heilige Josef bei. Oder trägt die reine Luft so weit? Schwester Brigitte blickt herauf. Sie sieht das aschfahle, verwüstete Gesicht, sie sieht die angstvoll bittende Gebärde.

Sie denkt: »Jesus, Jesus, wie kommt der sterbenskranke Josef Kirschenhauer aus dem Bett ans Fenster? Geht’s vielleicht mit ihm zu Ende? Und die Kräfte flackern im letzten Augenblick noch einmal auf? Da müßt man ihn ja schnell versehen lassen.«

Mit ruhigem, gelassenem Schritt, wie die Ordensregel ihn ihr vorschreibt, steigt sie die Stiege aufwärts. Oben streckt der Josef die Arme nach ihr aus, wie der Gläubige nach dem Bildnis des Gekreuzigten.

»Schwester Brigitte, tut mir eine Liebe, helft mir hinunter in den Garten.«

Mit Festigkeit und Sanftmut redet ihm die Schwester diesen Einfall aus.

»Das ist unmöglich, Kirschenhauer. Das schafft Ihr nicht. Und es könnt’ Euch schaden. Und denkt nur, wenn Euch was passiert, ehe …«

Sie spricht den Satz nicht bis zu Ende. Aber der Josef errät, woran sie denkt, und der Atem geht ihm aus, wie wenn ihm wer aufs Herz geschlagen hätte. Steht es so mit ihm? Aber dann erst recht …

»Schwester Brigitte,« fleht er sie an, und seine Augenlider zucken wie im Krampf, »ich möcht’ halt so gern hinunter. Es ist eh’ vielleicht das letzte Mal. Ich werd’ auch im Himmel dafür für Euch beten, und Ihr verdient Euch Gottes Lohn.«

Er sagt das, weil er nichts Dringlicheres weiß, sie nimmt es völlig ernst. Um Gotteslohn tut sie ja alles, betreut die kleinen Kinder, sorgt für die Betrunkenen und die armseligen Pfründnersleute, wäscht und füttert die Kranken. Und eine Fürbitte im Himmel, durch die sie näher an Gottes Thron zu sitzen kommt, ist ihr das wertvollste Geschenk. Sie meint: der Josef sieht auch wirklich besser aus, er hält sich wohl noch ein paar Tage.

»Ich schau’ gerad’ hinunter in den ersten Stock, ob einer von den armen Männern daheim ist.«

Niemand ist in den Armeleutezimmern, der Sonnenschein hat alle weggelockt.

»Also versuchen wir’s in Jesu Christi Namen.«

Eine Plage ist’s, den schweren Mann zu schleppen, den Gang entlang, über die zwei Stiegen. So oft der Josef keuchend innehalten muß, beredet ihn die Schwester, wieder umzukehren. Dann bettelt er, beschwört sie bei ihrer jenseitigen Seligkeit, stellt ihr vor, wie die Himmelsfreuden durch die Last der Erdentrübsal wachsen.

Endlich ist er im Garten angelangt. Die Kinder werfen ihm gemeinsam ihr plärrendes: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand« entgegen. Dann holen sie auf einen Wink der Schwester einen alten Sessel aus dem Schuppen und rücken ihn unter die entlaubte Linde, mitten in die pralle Sonne.

Seinen Willen hat der Josef durchgesetzt. Aber merkwürdig, so wärmen, wie man es hätt’ glauben sollen, tut ihn die Sonne nicht. Ein Frösteln läuft ihm an den Gliedern hinunter. Wenn er nur besser hätte atmen können. Und das Herz schlägt ihm wie ein Hammer an die Rippen. Er beißt die Zähne aufeinander, über und über naß von der Anstrengung, der Schwester seinen Zustand zu verbergen.

Die Schwester achtet nicht auf ihn. Sie hat vollauf zu tun, die Kinder, die während des Alleinseins ganz verwildert sind, zur Räson zu bringen. Die Resi Leitgeb und der Karl Bastl haben sich im Spiel vergessen und heulen jetzt aus Angst vor Strafe (Schwester Brigitte hält sehr auf Reinlichkeit). Der Seppel Beer und der Franz Stadler sind beim Raufen hingeschlagen und beschuldigen sich gegenseitig. Die Mirzl Holzer weint, weil ihr bang’ ist und weil ihr die Nandl Stark, um sie zu trösten, den Mund mit einem Kipfel stopfen will. Und sie laufen alle durcheinander wie ein Volk aufgescheuchter Hühner und reden, singen, lachen, weinen alle auf einmal.

Mit Gelassenheit stiftet die Schwester Ruhe, trocknet die Feuchten, trennt die Kämpfer, beruhigt die Betrübten. Mit ihrer klaren Stimme sagt sie dann: »Wir werden jetzt unser Krippenspiel probieren, die ›Frohe Botschaft‹.«

Ihre wasserblauen Augen glänzen auf, als sie das sagt. Das Spiel zu Ehren der Geburt des Herrn. Das Krippenspiel, der Brennpunkt ihrer Wünsche und Gedanken, der Zusammenfluß aller ihrer irdischen Genüsse.

Andere Mädchen putzen sich, liebeln, tanzen, gehen in Theater und Konzerte, Schwester Brigitte trichtert einfältigen Bauernkindern durch Monate hindurch Verse ein, die ihnen unverständlich bleiben. Sie bückt sich bei Tages- und bei Lampenlicht über die heiligen Gewänder und überlegt: Ist das Kleid der Gottesmutter nicht schon ausgeblaßt? Sollte man’s nicht lieber wenden? Und verlangt der Josefsmantel nicht ein haltbareres Futter? Sie frischt die Königsunterkleider auf. Das scharlachrote des Kaspar kriegt blanke Borten, das weiße, das dem Melchior gehört, muß neue Flittern und Fransen haben. Der grüne Leibrock Balthasars ist gar auf der Brust zerrissen. Das Einsetzen der Flicken muß man sehr eigen machen, daß die Nähte nicht zu merken sind. Und die Flügel von den Engeln – so ordentlich hat sie sie im vergangenen Jahr doch eingepackt –, ganz grau sind sie geworden. Fleckwasser gehört darauf und Kreide. Und sie wäscht die Wämser von den Hirten aus, bürstet an den Mänteln der Trabanten. Und klopft und nagelt an den einfachen Kulissen, vergoldet den Stern, den Wegweiser nach Bethlehem, klebt frische Pappe auf den Stein, des Jesuskindleins hartes Lager.

Das schönste dann – die stillen Sonntagnachmittage!

Im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, dicht an dem weißen Vorhang, der zwei enge klösterliche Betten deckt, steht das Harmonium. Die Oberschwester setzt sich vor die Tasten, Schwester Brigitte stellt ihr Notenpult daneben auf, nimmt ihre Violine. Sie üben miteinander das Vorspiel und die Begleitung zu der Verkündigung der Engel. Ein himmlisches Konzert ist es Brigitte. Während ihre arbeitsharte Hand den Bogen führt, spricht die Seele: »Das tu’ ich dir, Herr Jesus.« Ihr Herz – es weiß, es sündigt, ihm ziemt Demut und Entsagung – ihr Herz schwillt und pocht vor Ungeduld. Daß er schon da wäre, der große, große Augenblick. Und sie erlebt ihn im vornhinein, im Geiste …

Im Saal vom Löwengasthof sind alle Flammen des Lusters angesteckt. Öllampen hängen zwischen Tannenkränzen und Büscheln roter Beeren an den Wänden. In einer Ecke trägt ein Riesentannenbaum das Licht von vielen bunten Kerzen auf den ausgestreckten Zweigen. Und es riecht nach Wachs, nach Kiefernadeln und ein wenig nach dem Weihrauch aus dem Kessel König Balthasars. Und die Gäste sitzen auf den aufgereihten Stühlen. Ganz vorn Schwester Angelika, die Abgesandte aus dem Mutterhaus des Ordens. Daneben Seine Ehrwürden der Herr Pfarrer und der Kurat. Hinter ihnen die Ortshonoratioren und die Zugereisten. Aus allen Ortschaften rings um den See, von den landeinwärts gelegenen Gehöften, aus der Stadt sogar. Zuletzt die Bauern mit Angehörigen und Freunden. Die Mütter heben ihre Kleinsten hoch, damit sie größer sind und besser gucken können. Und die Dirndl und die Burschen drängen sich im Hintergrund. Es geht ein Summen und ein Raunen durch die Menge. Ab und zu kreischt ein von Ehrfurcht schnell ersticktes Lachen auf.

Und nun öffnet sich der Vorhang, das fromme Spiel beginnt. In diesem Augenblick sind es für Schwester Brigitte nicht mehr einfältige Bauernkinder, die in unverstandenen Versen, die sie ihnen durch Monate hindurch mühselig eingetrichtert hat, die heilige Familie spielen. Es sind ihr die Personen selbst. Die unbefleckte Jungfrau, Josef, ihr Gemahl, die Könige aus dem Morgenland, die Hirten, die Trabanten. Alle wandeln leibhaftig vor ihr auf der Erde, und was geschieht, ist Wirklichkeit.

Das Harmonium setzt mit dunkeln Akkorden ein, leise spielt die Violine. Der Gesang erhebt sich. Engel sind aus den himmlischen Gefilden abgestiegen. Sie künden das erhabene Geheimnis: Christus ist der Welt geboren. Das Gotteslamm, der süße, unschuldige Jesusknabe, das Gefäß aller Schmerzen, der Born aller Seligkeit. Der Heiland, dem sich in Liebe zu ergeben unsagbare Wonne ist. Während Schwester Brigittes arbeitsharte Hand den Bogen führt, vergeht sie innerlich in anbetender Sehnsucht. Fromme Schauer laufen über ihren Leib, aus ihren Augen stürzen Tränen. Könnte sie ihn doch umfangen, den Himmelsbräutigam, den Mund auf seine Wundenmale drücken und in ihm vergehen.

Ein Abglanz dieser vorgefühlten Wonne verklärt auch jetzt Schwester Brigittens Mienen, während sie die Vorbereitungen zum Probespiel der »Frohen Botschaft« trifft.

Sie verteilt die Kinder. »Die, wo mittun, treten auf die rechte Seite. Ihr anderen geht an den Tisch und spielt. Und ich bitt’ mir aus, daß eine Ruh’ ist.«

Sie setzt an Stelle des Steins, auf den die todmüde Maria niedersinken soll, eine Fußbank und winkt dem Nannerl Stark, das die Maria spielt.

Das Nannerl, siebenjährig, flachsblond und untersetzt, bohrt verlegen in der Nase. »Na, Nannerl,« ermahnt die Schwester, »fang’ doch an.« Und sie sagt ihr leise ein: »Wie bin ich so erschöpft und matt …«

Das Nannerl muß erst noch ein paarmal schlucken, dann fängt es an. Das Hochdeutsch klingt in seinem Mund wie eine fremde Sprache, es dehnt die Silben und gibt jeder gleichen Wert. Seine Mimik besteht darin, bald den rechten, bald den linken Arm automatisch auf die Brust zu legen und seitlich wieder auszustrecken.

»Wie bin ich so er–schöpft und matt
Vohn uhn–srem Gan–ge in die Stadt.
 (Armbewegung nach der rechten Seite.)
Wie sehnt sich Leib und See–le nuhn,
Einmal ein biß–chen aus–zu–ruhn.
 (Armbewegung nach der linken Seite.)

* * * * *

Der Josef Kirschenhauer fährt in die Höhe. Ihn friert. Im Halbschlaf tastet er um sich. Die Tuchent ist ihm sicher weggerutscht. Er murmelt: »Zenzel, hörst, ich glaub’, ich muß davon – es wird schon Tag.« Als er die Augen aufschlägt, ist er ganz verwirrt. Gerad’ war er noch im Kammerl bei seinem Schatz. Und jetzt … er kennt sich nicht gleich aus. Erst nach und nach …

Ach so! Er sitzt ja im Armenhaus, im Garten, ein schwacher, kranker Mann. Das heißt: schwach ist er wohl, kaum, daß er sich noch auf dem Sessel halten kann. Aber krank? Nein, krank ist er nimmer. Weg sind die Schmerzen und die Stiche. Nur so komisch leicht ist ihm im Kopf, wie wenn man ihm das Hirn herausgenommen hätt’. Er muß sich ordentlich besinnen: »Wie bin ich denn dahergekommen?«

Richtig, richtig. Er lacht. Ein hilfloses, verschlucktes Lachen. Das muß man sagen. Sakrisch ist er in die Höh’ gekommen, in dem Haus. Zuerst war er zu ebener Erde einlogiert, auf einer Holzpritsche, Brot und Wasser neben sich. Damals in der Nacht. Der Mordsrausch! Und hat er nicht im Gemeindeamt die Fenster eingeschlagen? Und da hat man ihn halt eingeführt. Er will wieder lachen, aber es zuckt ihm dabei um die Augen wie ein Krampf. Der Josef Kirschenhauer. Der lustigste und frischlebigste Bursch im ganzen Dorf. Mit seinem mud’lsaubern Schatz, der Zenzi. Freilich arm wie die Kirchenmäuse alle zwei. Er ein Holzknecht und sie die Sennerin auf der Gruberalm. Wie erst das Kind gekommen ist, haben sie sich beide arg hart getan.

Der Josef greift sich an die Stirn. Ganz schwindlig ist ihm von dem vielen Denken. Und die Zunge trocknet ihm im Gaumen.

»Gelt, Baberl,« sagt er zu einem kleinen Mädel, das dasteht, glotzt und an ihrem Daumen lutscht, »gelt, Baberl, du gehst mir um a Wasser?«

Die Kleine nimmt den Finger aus dem Mund.

»I heiß nicht Babi, i heiß Resi.«

Nicht Babi? Dem Josef ist doch gerad’ gewesen, wie wenn sein Töchterl vor ihm steht, die Babi. Akkurat so blonde Lockerl hat’s gehabt, und akkurat so hat’s geglotzt damals beim Abschied, wie er nach Bayern gegangen ist, um zu verdienen. »Heul’ nicht aso,« hat er der Zenz gesagt, »ich komm bald wieder.« Und war dann zwanzig Jahre weggeblieben.

Das waren Zeiten. Bis nach der Türkei hinunter hat’s ihn getrieben. War ein Geld da, hat er mal etwas der Zenz geschickt, hat’s ein andermal vertrunken und verjuxt. War kein Geld da, hat er gehungert und gefroren. Und hat vom Wanderleben doch nicht lassen können.

Der Durst – der Durst. Und die Resi kommt nicht mit dem Wasser. Der Josef beugt sich vor, er ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte.«

Die Schwester überhört den Ruf, sie ist ganz vertieft in ihre Probe. Nein, über diese Buben. Wissen doch, jetzt kommt die Szene, wo sie als Hirten um ein Feuer sitzen sollen und sich was erzählen. Aus den Ecken muß sie sie zusammenklauben. Und wie sie ausschauen.

»Putz dir die Nase, Franzl.«

»Mathias, hast dir schon wieder nicht die Hosen richtig zugeknöpft!«

Endlich hat sie sie beisammen. Sie hocken an der Erde, jeder seinen Hirtenstab zur Seite, wärmen ihre Hände an der Fußbank, die ihnen jetzt als Reisigfeuer dient, und stieren schweigend vor sich hin.

Himmlischer Vater, wird das am Heiligabend auch so werden?

Die Schwester stößt den Franzl an. »Ah! heunt is’s aba …«

Wie aus einem Uhrwerk, das man aufzieht, schnarrt es aus dem Franz heraus:

»Ah! heunt is’s aba orndli frisch,
I bin schon kalt, als wiar a Fisch.
Is das a Kälten! – es is a Graus,
Ma halt’s schon warli nima aus«

und schnappt dann ab.

Es gibt eine Pause.

»Mathias, jetzt bist du dran,« drängt die Schwester. »So sitz di halt …«

»So sitz di halt a zum Feuer her,« schreit plötzlich der Mathias. »Schau, mi’ friert jetzt gar nimmermehr.«

Wieder gibt es eine Pause. Der Hansel muß sehr ermuntert werden, ehe er stockend flüstert:

»Dafür ist der Himmel so hell und klar
I woas koan Nacht, daß amal so war.«

Der Nazel dagegen leiert seinen Vers so hastig, daß die Silben durcheinander purzeln.

»Ja – dö Stern göb’n heunt an bsundan Schein,
Und schaun ganz eigen lusti drein.«

Mühsam, mit vielen Aufenthalten, schleppt sich das Gespräch der Hirten weiter. Über die Bedrückungen der Römer, und wie alles sehnsüchtig auf den Messias hoffe. Bis Michel, holterdipolter (wie einen mit Steinen beladenen Karren schiebt er seine lange Rede vor sich hin) von dem frommen Mann erzählt und von der zarten, wunderlieben Frau, die, Herberge suchend, auf die Straße hinausgestoßen wurden.

»Und so Leut’, dö dö Fremden und dö Arman,
Fortjag’n und sich gar nöt dabarman –
Dö stat an Herzen hab’n nur a Bröt –
Dö mag a unser Herrgott nöt.
Und d’rum, toats mas nöt übelnehma,
Drum mag da Messias a nöt kema!«

»… Ja, ja,« murmelte der Josef für sich hin. In seinem Kopf vermischt sich Spiel und Wirklichkeit. »Ja, ja.«

So hat er auch dahergesessen mit seinen Kameraden, oft ganze Nächte durch, und hat sich mit ihnen was erzählt. Manch einer war darunter, der an Gott und Teufel nicht geglaubt und an den Pfaffen kein gutes Haar gelassen hat. Und wenn die Rede auf die Weibsleute gekommen ist, da hat der Josef auch sein Stück bestanden. Stark und gesund ist er damals gewesen. Bis dann in Kroatien, wie sie den großen Wald geschlagen haben, das Unglück über ihn gekommen ist. Gerad’ neben ihm und halb auf ihn die Eiche. Ein Wunder, daß sie ihn nicht gleich totgeschlagen hat. Und dann drei Monate im Spital, und aus dem Spital heraus per Schub nach Haus. Ojemine! Das Heimkommen! Die Zenzi, ein vergrämtes Weib, das Weib von einem anderen, das Baberl in der Stadt in Dienst, die alten Freunde tot oder kalt und fremd geworden. No ja, wer kennt auch gern so einen, wie der Josef jetzt ist, ein Fallot, reif fürs Armenhaus, eine Last für die Gemeinde. Und hätt’ sich noch bedanken sollen für die Wohltat. Mit noch drei Krüppeln in einem engen Kammerl sitzen, mit dreißig Kreuzer täglich ausgehalten. Und jetzt, seit es gar so schlecht mit ihm geworden ist, sogar wie eine Herrschaft ganz allein im zweiten Stock, in einem Krankenbett. Allein – Tag und Nacht allein mit seinen Schmerzen. Oje! Oje!

In das verworrene Gedenken, aus dem sein ganzes Leben schattenhaft an ihm vorüberhuscht, zuckt wie ein greller Blitz die Erinnerung an das Wort der Schwester: »Wenn Euch was passiert – ehe …«

Die Schultern hochgezogen, die Arme an die Brust gepreßt, krümmt sich der Josef. Unwillkürlich rückt er aus dem Schatten, der schon einen Teil des Gartens deckt, in die Sonne, die bereits langsam ihre Kraft verliert, als könne er damit aus dem Todesschatten in das Sonnenlicht des Lebens flüchten.

Zu Ende? Aus? Für immer aus? Und nachher …?

Er ächzt, er biegt sich in großen Qualen hin und her. Er ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!«

Schwester Brigitte ist ins Haus gegangen. Sie holt die Violine und stimmt sie erst, bevor sie wiederkommt.

Der Josef hat früher oft über das Nachher nachgedacht. In den Nächten, wenn er unter einem Baum gelegen ist, auf einem Kopfpolster von Moos.

Ganz still ist es dann nach und nach um ihn geworden. Und doch lebendig. Gerad’ wie wenn die Natur atmen tät und aus dem Traum heraus ganz leise reden. Wenn dann der Mond aufgegangen ist, hat sich der Baum mit seiner Krone und mit seinen Ästen über ihm gewölbt, wie das Dach von einer Kirche, die aus Silberfiligran gesponnen ist. Und die Sterne haben wie goldene Augen durchgeschaut. Und wenn auch kein Mondschein war, ganz finster ist es nie geworden. Immer ist so ein unbestimmtes Licht von irgendwo gekommen. Bis ein leichter Wind aufgestanden ist und hat den Wald geweckt. Ganz verschlafen hat es dann gezirpt, gehuscht, getuschelt. Und immer lichter ist es in der Luft geworden, bis auf einmal der Himmel ganz in Flammen war. Wie ein rotglühender Ballon ist die Sonne aufgestiegen, und es ist ein Jubilieren angegangen um sie herum. So, hat der Josef sich gedacht, mag’s an dem Tag gewesen sein, wo Gott die Welt vollendet hat. Ihm war dann gewesen, wie wenn er das Zwitschern, Fliegen, Wehen um sich her verstehen könnt’, wie wenn er auch nichts anderes wär’ wie ein Eichkatzel, ein Specht, ein Buchenblatt. Ganz fromm ist ihm zumut gewesen. Er wär’ am liebsten hingekniet und hätt’ gebetet: »Herr Gott, ich danke dir. Ich bin aus dir herausgekommen; wenn meine Zeit da ist, werd’ ich getrost wiederum in dich hinübergehen.«

Ja, dazumal, als ein Gesunder, der noch lang’ zu leben hat. Jetzt aber … in der Bangigkeit der letzten Stunde verläßt ihn seine Zuversicht. Ein Schrecken würgt ihn – wie wird es ihm ergehen? Gibt es vielleicht doch Fegfeuer und Hölle – wird er seine Sünden büßen müssen? Das Fieber beutelt ihn, jedes Haar sträubt sich auf seinem Schädel, seine Zähne schlagen aufeinander. Krampfhaft preßt er die Finger ineinander:

»Vater unser, der du bist im Himmel, vergib uns unsere Schuld.« Und immerfort dasselbe: »Vergib uns unsere Schuld.« Immer schneller. Wie ein Feuerrad dreht sich ihm der Satz im Hirn herum. Er bäumt sich auf, er fuchtelt mit den Armen in der Luft …

*

Schwester Brigitte führt den Bogen sacht. Um die Kathi Leitgeb nicht zu übertönen, die schüchtern, in jedem Ton das Pochen ihrer Kinderangst, die Verkündigung des Engels singt:

»Hirten! Wachet auf!
Hirten! Wachet auf!
Eilt hinunter in das Tal,
Und dann schauet in den Stall;
Denn geboren ward
Dort ein Kindlein zart,
Das von Adams Sündenfall
Euch erlöset all.«

Aus rauhen Kehlen, aber mit dem Zauber, der in dem Klang von unschuldigen Stimmen liegt, antwortet der Chor der Cherubim:

»Ehre sei Gott in der Höhe!
Lieblicher Friede
Sei aller Welt!«

… Des Josefs Hände lösen sich. Sein Mund beruhigt sich in einem weichen Lächeln.

Der Baum … er liegt darunter … die Krone wölbt sich wie das Dach von einer Kirche … die Sterne schaun mit goldenen Augen durch. Ganz deutlich kann er nicht verstehen, was die Vögel in den Zweigen singen, er fühlt nur, wie etwas unsagbar Lindes, Tröstliches in die Bedrängnis seines Wesens fällt …

*

Schwester Brigitte steht versonnen. Der letzte Violinenton verzittert auf den Saiten.

Da zupft sie etwas.

»… Ja? …«

»Schwester Brigitte,« sagt die kleine Resi, »komm, dem fremden Mann ist schlecht.«

Jesus, der Kirschenhauer! Den hat die Schwester ganz vergessen. Längst müßte er oben sein. Es ist schon viel zu kalt für einen Kranken. Sie geht hinüber.

Der Josef Kirschenhauer lehnt auf seinem Sessel. Ganz klein ist er geworden. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken. Verklärung liegt auf seinen Zügen.

Mit der frohen Botschaft in den Ohren ist er eingeschlafen.

Die Nacht fing an sich zu entfinstern. Eine graue Dämmerung überkroch den Horizont. Im Hause kreischte eine Angel. Die Magd mochte in den Stall gegangen sein. Uns fröstelte.

Ohne Verabredung, als wir die Schwelle unserer Nachtherberge überschritten hatten, wechselten wir, wie zu unausgesprochenem Gelöbnis, einen Händedruck. Dann traten wir den Rückweg an. Ein jeder in seine unbekannte Zukunft.

Verlag von Paul List in Leipzig

Demnächst erscheint:
Lena Christ
Bauern
Bayerische Geschichten
Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50

Unerschöpflichkeit der Kraft und Urwüchsigkeit, seltene Vielseitigkeit des Schauens und Schilderns, heiliger Ernst und lachender Humor sind Lena Christ wie wenigen eigen. Ihr neuestes Werk »Bauern« zeigt sie in der Fülle ihrer Gestaltungskraft, aus der heraus ihr das zarteste Stimmungsbild wie der derbste Schwank zu gleichen Meisterstücken geraten. Das Buch gehört zum Besten, was über Bauern und Volkstum geschrieben worden ist.

Mit mehrfarbigem Umschlagbild

Verlag von Paul List in Leipzig

Verlag von Paul List in Leipzig

Ferner im Erscheinen:
H. von Mühlau
Das Glück nach der Liebe
Roman
Geheftet ca. M. 7.–, gebunden ca. M. 9.–

Ein Erziehungs- und Entwicklungsroman, ein Werk von kulturgeschichtlicher Bedeutung. Es behandelt das heute im Vordergrund des Interesses stehende Problem des Hineinwachsens der Frau in ihre gegenwärtig so gänzlich veränderte soziale Stellung. In eigenartig fesselnder Weise gestaltet die Dichterin ihren Stoff und wird so zur Künderin unserer Zeit.

Mit mehrfarbigem Umschlagbild

Verlag von Paul List in Leipzig

Verlag von Paul List in Leipzig

Ferner im Erscheinen:
E. Bonn
Die Mündung
Roman
Geheftet ca. M. 7.50, gebunden ca. M. 10.–

Robert Kohlrausch
Das große Geheimnis
Roman
Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50

Mit mehrfarbigen Umschlagbildern

Verlag von Paul List in Leipzig

Von
Auguste Hauschner
erschienen früher:

Romane

Abschied – Lehrgeld – Kunst – Zwischen den Zeiten – Die Familie Lowositz – Rudolf und Camilla (2. Teil der »Familie Lowositz«) – Die große Pantomime – Die Siedelung – Der Tod des Löwen

Novellen

Dr. Ferenczy – Die Unterseele – Daatzes Hochzeit

Dialoge

Frauen unter sich (Zwölf Gespräche)


Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten: gesperrtAntiqua.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 2:
“verklammte” geändert in “verklemmte”
(verklemmte Türen aufzureißen)

Seite 72:
“,” eingefügt
(die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er)