Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen by Gutti Alsen

Die Mutter

Blätter aus dunklen Tagen von Gutti Alsen

1922
Im Wir Verlag · Berlin NW 87

Dem Andenken meiner Eltern!

Titelholzschnitt von Konrad Elert
Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1922 by Wir Verlag, Berlin NW 87
Gedruckt 1921 in der Alt-Fraktur von
Herrosé & Ziemsen, GmbH. & Co.
in Wittenberg (Bez. Halle)

I.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1918.

Wie seltsam dies alles war am Tage, der dieser Nacht voraufging! Und wie es mir jetzt, da ich den verfallenden Stimmen nachlausche, als ein gleichgestimmter Klang erscheint! Gell, schneidend, aufrührend! In blanker Frühe die Nachricht vom Ausbruch der Revolution. Tagsüber der schreiende Regensturm in den gekrümmten Gassen der alten Seestadt. Am wundgepeitschten Abend die Aufführung des gewalttätigen Stückes, dem die Menge zum Schluß wie in Besessenheit Beifall kreischte. Und endlich der Rausch der drei Jünglinge neben mir beim Heimweg im wehen Abendnovember!

Oft, im schleichenden Gehen der langen, unendlichen Jahre des Krieges hatte ich in Gedanke und Rede dem Wunsche Ausdruck gegeben, sie mögen ein Ende machen, die Soldaten aller Länder. Unpolitischer als ein halbwüchsiger Knabe, hatte ich mit diesem Anruf einer fremden Macht gespielt, wie ein geschlagenes Kind etwa, das, um straffrei zu bleiben, Kaiser zu werden bittet. Nun meiner Bitte Gewährung geschah, stehe ich diesem Zustand genau so verängstet, genau so hilflos gegenüber wie das Kind, dem kaiserliche Gewalt verliehen wäre.

Das also ist das Gesicht der Revolution am ersten Tage ihrer Geburt! Elf Mann, deren Namen unerforschbar blieben, hatten in vergangener Nacht die Herrschaft der Handelsstadt an sich genommen, kampflos, mit einer großartigen Selbstverständlichkeit. Die tags zuvor noch Gebieter des Volkes geheißen, waren zu Hunderten hingemäht, wie hohe Halme von einem einzigen Sichelschlag. Durch die nassen windigen Gassen aber brodelten den ganzen Tag die Stürze der Volksmassen, oder sie stauten sich an einem Platze um irgendeinen Redner, dessen Worte am Sturm zerbrachen. Jünglinge mit brennenden Augen und großen Gebärden gaben Freudenschreie in den Tumult. Flieger beschütteten die Menge in knappen Zwischenräumen mit weißen Blättern voll flammender Überschriften. Autos mit brandroten, klatschenden Fahnen trugen in toller Fahrt halbwüchsige Burschen an irgendein geheimnisschwangeres Ziel.

Ich aber strich mit schweren Gliedern und mattem Herzschlag an den Häusern hin, die hinter dieser Empörung der Menschen und der Elemente düsterten, und sah junge, blutstrotzende Offiziere erbleichen, weil ihnen lärmende Buben in aufsehenerregender Art die Zeichen ihre Standes abrissen und mit dem Straßenschmutz mengten. Ich sah einen weißhaarigen, hohen Militärsmann, mit Tränen auf den Wangen und gespreizten Fingern um die Vergünstigung betteln, seine Entehrung in einem Hausflur vornehmen zu dürfen … mit eigenen Händen. »Ich habe sie fast fünfzig Jahre getragen«, stammelte sein verblaßter Mund, während die gekrampften Hände sich zu den Achselklappen und der Kokarde zu heben mühten und sein ganzes blutentleertes Gesicht in Schmach und Schwachheit zuckte. Und – o Wandelbarkeit der menschlichen Empfindungswelt – mein Gefühl, das sich bislang gegen dieses mittelalterliche Bleibsel gerichtet hatte, flog ihnen heute, als den Getretenen, in warmer Wallung zu.

Da wandte ich mich von der Stadt ab und von dieser Erhebung des Volkes, die neue Gewaltsamkeit an Stelle der alten setzte, und strebte unter den breiter fallenden gelben Regengüssen meinem Heim entgegen, vorbei an krüppligen Weidenbäumen, die auf schwarze Felder starrten, vorbei an grünlich aufglimmenden, tränenüberstürzten Fenstern, heim zu meiner stillen Arbeitsstube, mit meinen angefangenen Zeichnungen, mit den alten, vielgelesenen Büchern und den wundersamen Schattengebilden einer zerwehten Zeit, die doch die Gegenwart auszuwischen vermochten.

Vor der Gartentür harrten bereits, bebend in ungebärdiger Erwartung, die drei Freunde: meine Söhne Ludwig und Henno und ihr Jugendgenosse Kurt Georg. »Wie, hatte ich dies denn vergessen können, daß heute die so schmerzvoll ersehnte Aufführung des aufwühlenden jungen Dramas vor sich gehen sollte, das der Familie Revolution ansagt? …« stürmten sie mir entgegen. »Und war es nicht das bedeutsame Zeichen einer herrlichen Zukunft, daß diese Tat am ersten Tage der Volksauflehnung geschah? Hoch, dreimal hoch der jungen Republik und allen Umstürzen in ihrem Gefolge! In die Abfallgrube mit vermoderten Vorurteilen und mit allen Tyrannengesetzen!«

Es blieb mir nur knappe Frist, mich umzukleiden und die Taxe zu besteigen, welche die drei fiebernden Gefährten inzwischen aufgetrieben hatten. Dann ließ ich, von den Jünglingen durch lange Reihen geschieden, das brutale Werk des genialen jungen Dichters allein zu mir sprechen. Ich stand in verschüchtertem Staunen der Raserei des Publikums gegenüber. Ich hörte die Begeisterungsstürme der drei Knaben beim Heimweg den Wintersturm in den nächtigen Gassen noch überschreien und suchte im gedämpften Schein meines Zimmers mit List und mit Bemühen den heutigen Tag meinem Sein, meiner Denkwelt einzuordnen … Vergebens …

Durch alle geschlossenen Türen, über einen Gang hinweg, hörte ich sie die halbe Nacht hindurch toasten, jubeln, singen und deklamieren, die drei Getreuen, denen diese Zeit Anfang des Lebens ist. Denn was stand für sie an Verstandenem, an Erlittenem, an Erlebnis vor diesem Tage? Nichts als der Krieg, den sie als Kinder feiernd begrüßt und den sie dann aus Büchern und Schriften der »Jüngsten« verachten gelernt hatten, ohne eigenes Durchdenken der einen und der anderen Richtung …

Draußen gab sich der Sturm in Schrecken an die trübselige Nacht hin. Ich sehnte eine alte Sehnsüchtigkeit, ein Bild, ein Erinnern, einen Traum herbei, irgend etwas, um flüchtend diese Jahre der Not und Schwere abzusperren. Ich beschwor eine funkelnde Friedensstadt, einen winterblauen Morgenaufgang im Eisenbahnwagen über Schneeland, eine süße Straße im Regenglanz, einen fernen Freund … Umsonst … Sie löschten hin, wie dem Andersenschen Mädchen die Bilder vor den verflackenden Schwefelhölzern, sobald mein verlangender Sinn sie greifen, sie halten wollte.

Ich trug meine müde Traurigkeit zu den jugendberauschten Knaben. Sie achteten meines Eintritts kaum. Purpur auf den Wangen und Erschütterung in der Stimme, die nichts von der sonst gewollten Gelassenheit des Studenten der Philosophie hatte, rezitierte Ludwig im Tonfall des heutigen Sohndarstellers:

»Aber was sind all diese Toten gegen mich, der ich in Verzweiflung lebe! Wär’ ich vom Krebse zerfressen, hättest Du mir jeden Wunsch erfüllt; denn ein Kranker, dem niemand helfen kann, darf noch im Rollstuhl an die Küste der blauen Meere fahren. Ihr Lebenden, wer rettet euch? Du rufst das Grauen aus den Gräbern auf. Doch dem schönen Glücke mißtrauen darf nur, auf wessen Haupt die Drommete des Todes erschallt ist. Aus zwanzig Jahren, aus zwanzig Särgen steig’ ich empor, atme den ersten goldenen Strahl – du hast die Sünde gegen das Leben begangen, der du mich lehrtest, den Wurm zu sehen, wo ich am herrlichsten stand –«

Henno, der Achtzehnjährige, riß in Gier nach dem Buche, griff die Blätter hin und her und schrie, während seine Hände auf und ab flatterten, diese Stelle:

»Es gibt doch Freude – etwas, was golden an die Firmamente rollt – weshalb war ich verstoßen von allen wie ein Mensch mit der Pest? Weshalb muß ich weinen, wenn ein armer Affe im Zirkus aus einer künstlichen Tasse trinkt? Ich kenne die Qual der unfreien, der friedlosen Kreatur. Das ist gegen Gott! Du hast mir die Kleider verboten und mir die Haare geschoren, wenn ich aus glühender Eitelkeit sie anders wollte als du … Soll ich noch weiter in diesem Schlunde wühlen, wo doch an tausend Zacken mein Fleisch klebt! …«

Kurt-Georg hatte die Arme emporgeworfen wie in Freudenüberschwang. Dann plötzlich deckte er mit ungestümen Händen sein hageres Gesicht.

Jetzt erst schien ihnen meine Gegenwart Bewußtsein zu werden. Und dieser Umstand gebar eine tiefe Stummheit. Ich riß die Stille entzwei und sagte etwas über das kranke Pathos dieser zerquälten Jugend. Sie aber wiesen mich alle drei mit erstarrenden Blicken zurück. Und als ich weitersprechen wollte, bedeutete Ludwig mich hochgestreckten Gesichts, daß die Berechtigung dieses gegen alle Väter aufrufenden Stückes unerörterbar sei, und daß dieser urmoderne Konflikt dem früheren Geschlecht immer fern und unsympathisch sein müsse.

Ich wies auf den Sonderfall hin, den der Dichter zum Anhalt seines Stückes genommen hatte. Denn wem von ihnen und all ihren Schul- und Studiengenossen sei eine ähnlich lichtarme Jugend gegeben, wer von ihren Gefährten sei mit der Reitpeitsche gezogen worden? Ich zeigte ihnen das Übertriebene, die Kraßheiten des Schauspiels. Sie antworteten nicht mehr. Aber ihre jungen Lippen alterten unter einem Lächeln, das Abweisung und mitleidige Nachsicht sagte. Und wie mein bedrücktes Gefühl mich schweigen machte, hatten sie mich im Augenblick vergessen und der Strom ihrer Begeisterung trümmerte von neuem gegen die Dämme des stillen Nachthauses.

Ich schlich mit meiner dunklen Not in mein Zimmer heim und schmiegte mich in seine sachte Umarmung. Das Licht unter der verhangenen Lampe blühte hyazinthblau. Im breiten, unmodischen Kachelofen geigten die Winde. Aus den gläsernen Türen der Bücherschränke neigten sich in Vertrautheit die alten Freunde. Von Brettern, Tischen, aus geöffneten Mappen winkten meine Zeichnungen mir zu: »Hast du uns denn vergessen und des Heimlichkeitsglückes unserer Erschaffung?«

Ich griff in Verlangen nach einem Gedichtband, der tausend süße Wunder aufzuschließen wußte. Ich nahm ein träumerisches Pastell hoch. Mein Gefühl und Verstehen blieb ihnen so fern wie dem Philister der Zauber einer Reisenacht. Ich ging zum Fenster, das ein Stück finsteren Gartens umgriff. Der Sturm schlug die Bäume, daß sie sich in Schmerzen krümmten und verbogen. Er verknäuelte schwarzes Gewölk und zerzerrte es, bis es in Fetzen auseinanderfiel. Dahinter wieder nichts als gehäufte, düstere Wolkengebilde. Eine einzige, im Winde tränende Laterne warf ihr Licht auf das schwergraue Bild. Angezechte Burschen schoben sich vorüber. Ihrem heiseren Gejohle paarte sich das Aufkrächzen der Raben.

Der Sturm brüllte immer lauter. Immer gebieterischer ward sein Tun, bis alles ihm in Trotz oder Schwäche untertan blieb. Hin und her meldete die Stutzuhr von meinem Schreibtisch, daß wieder eine Stunde hingewelkt sei. In Zwischenräumen hörte ich die Knaben Verse hersagen und singen. Es war keine Müdigkeit in mir diese Nacht. Mit unabweisbarer Macht stieg der erschütternde Gedanke in mir, daß der verflossene Tag einen tiefen Einschnitt in mein Leben getan hatte, eine tiefere Kerbe, als alle bisherigen. Wie hieß das Neue, das von meinem Dasein Besitz ergreifen wollte? Und mit welchem Antlitz würde es mich anschauen?

Ich fröstelte ob dieser Ungewißheit. Und während die Winde die Mauern meines Hauses umpfiffen und verdorrte Zweige über die Gartengänge peitschten, während meine Kinder der Geburt einer neuen Welt entgegenjubelten, zündete ich meine Schreibtischlampe an und schrieb die Eindrücke dieses Tages in diese Blätter ein.

II.

Den 15. November 1918.

Es war so großes Heimweh in mir in diesen vergangenen fünf Tagen, Heimweh nach Einsamkeit, die so oft ihr Lied in meinem Zimmer gesungen hatte, und deren Weise meinem Ohr seit jener Nacht zerfallen war. Wie konnte es anders sein? Einst gab der Ton einer traurigen Kirchenglocke diesem ländlichen Vorort Hintergrund für Sinnen und Dichten. Nun sind die Lüfte vom Gepfeif und Gesurr unzähliger Flugzeuge zerschnitten. Und ein Blätterfall aller Farben und Größen schreit den Fußgängern unaufhörlich Verordnungen, Verbote, Aufhebung von Satzungen und Bräuchen, Gesetze zur Sicherung der Bürger ins Gesicht.

Der dicke Regen rinnt seit Tagen nicht mehr. Die Winde sind gelinder geworden. Aber ihr Todeskampf geht in langwährenden Schluchzern durch bange Stunden. Und an den Straßenbeugen hebt sich der Staub in klirrendem Gekreisel.

Tagsüber schwillt ein Durcheinander von lärmenden, hastenden, bekümmerten und neugierigen Menschen in Straßen und Gassen der Innenstadt an. Der Abend aber schleicht in schwarzen Schauern durch die Stollen der menschenbaren Großstadtzeilen, als habe eine außerirdische Stimme alle Lebewesen fortgehetzt aus diesem lichtlos-gespenstischen Häuserhaufen. Denn alle Verfügungen und Gewaltregeln haben die durch langen Krieg verrohten Instinkte nicht niederzuhalten vermocht. Es hockt Gefahr in den tagtoten Gassen.

Bekannte und Unbekannte drängen sich in Ruhelosigkeit aneinander, ungewiß vor der nächsten Stunde. Erhofft ein jeder in seinem Unterbewußtsein Erlösung durch ein Wort, das über allen Irrwahn hinausträgt?

Auch zu unserem winzigen Häuschen in der herbstkahlen Vorstadt kamen sie gepilgert: lange Vernachlässigte, zufällige Gefährten irgendeiner bedachtsamen Stunde, Fernstehende und Freunde. Ihnen wie allen wurden diese aufrüttelnden Tage Brücke zu Bekenntnissen, lange verdrängten Äußerungen von Furcht oder Freudigkeit.

Am Tage, der jener durchschwärmten Nacht folgte, war Kurt-Georg mit einem Packen Bücher und einem Köfferchen Wäsche aus der Stadt herausgekommen. Die Gemeinsamkeiten ihrer Ekstasen hatten die Knaben so aneinandergeschweißt, daß sie sich nicht einmal abends zu trennen gedachten. Der weite Weg durch die im Finster erstarrende Stadt, das Versagen der Straßenbahn, die Unsicherheit der Abendstrecken, all dieses hätte ihnen sonst das Glück des Beieinanderseins verriegelt.

Sie hatten ein paar Karten ausgeschickt mit der Meldung, daß ihre Nachmittage an einzelnen Tagen frei wären und daß sie zu einer privaten Vorlesung des jungen Revolutionsdramas mit verteilten Rollen einlüden. Und schon der kommende Nachmittag sah sie um die Lampe ihres Arbeitszimmers geeint: den stud. phil. Ludwig und den Kunstakademiker Henno Bergmann, den Primaner Kurt-Georg Regensburg, seine Cousine, die Studentin Annemarie Grünhagen, deren Freundin Lilli von Groddeck und die Schülerin Ellinor Babinski, das Kind meiner einzigen Jugendfreundin Sabine.

Fast jeden Tag hatten sie seither da gesessen, unter dem grünen, bleichenden Licht der Studienlampe. Zuweilen war ich hinübergegangen, um sie zu uns ins Besuchszimmer zu bitten, wenn einer der Gäste das Dunkle dieser Novemberabende durch die Helle ihrer Jugend zu erlichten hoffte. Aber da war selten einer von ihnen, der solcher Bitte Gewährung gab. Und wenn es geschah, so war es für eine knappe Viertelstunde, daß sein Körper sich von der Schar löste, während Gedanke und Herz im Kreise der anderen weiterblühten.

Denn der Rausch der drei Knaben hatte sich auch ins Blut der drei Mädchen gegossen, seit sie dort Tag um Tag die Verzückungen des überreizten Aufbegehrers nachfühlen und mitleben mußten. Die Besetzung war als feststehend beibehalten. Den Sohn las: Ludwig. Den Freund: Henno. Das Fräulein: Ellinor Babinski. Die Dirne: Lilli von Groddeck. Kurt-Georg und seine Cousine Annemarie teilten sich, verträglicher als beim Theater, in die übrigen Rollen.

Wenn ich mich dem Zimmer ihrer Versammlung nahte, wenn ich zu ihnen trat, immer blieb mir Furcht vor dem Ineinanderschmelzen von Dichtung und Wirklichkeit, zu dem dieses Stück die sechs jungen Menschen emporgerissen hatte. Einmal, beim Eintreten, enttropften dem verbleichten Munde Kurt-Georgs die blutenden Worte: »Er nimmt die Marter unser aller Kindheit auf sich …« Düster und langsam fiel Hennos Antwort: »Ach, er redet wahr! …« Und verhängnisgleich sank Kurt-Georgs Geklage: »Er sagt, daß wir alle gelitten haben unter unseren Vätern – in Kellern und in Speichern – vom Selbstmord und von der Verzweiflung …«

Und wie sie meiner ansichtig wurden, flohen, wie am ersten Revolutionstage, ihre Mienen und ihre Haltung hinter eine Schanze zurück. Und deutlich lesbar feindeten mich die Augen meiner Söhne an: »Was kommst du so taktlos unsere Entzückung töten, du, eine des einstigen, des gewesenen Menschenalters?«

Ich stammelte eine Entschuldigung, die der Störung galt und nahm, halb in Gedanken, einen überzähligen Dramenband – Annemarie war heute am Kommen verhindert – mit in mein Zimmer.

Wenn der Dichter alle zu zwingen gewußt hat, die Mengen in den Theatern der Großstädte, die Kritik, wenn er die sechs so verschieden gearteten Jugendlichen unter meinem Dache zu einer Anbetung gebeugt hatte, warum nur empfand ich das Werk als einen mißfälligen Ton? War es die kleinliche Regung der Mutter, der sich an jenem Tage zum ersten Male die Kluft zwischen den Lebensaltern öffnete, die sie von ihren Kindern trennte? Die Beschämung: Vergangenheit, Unverständnis, Gewesenes zu bedeuten?

Ich schlug den letzten Auftritt nach. Mir blieb wie im Theater Verwirrung und Abkehr vor so kreischendem Aufruhr. Wie will derselbe Dichter, der gebietet: »Klammre dich hinauf an den Gedanken – zu der Frage höchster Menschlichkeit,« seine Forderung erhalten sehen, wenn er das Geschöpf seines Geistes den Revolver auf den Vater richten heißt?

Ich wandte das Buch und las es bedächtig vom Anfang bis zum letzten Wort und fand so die Überraschung, daß der Verfasser – wie jeder wahre Dichter – vielerlei darin gesagt hatte, daß er mich mit manchem schmelzenden Wort gekost, mich mit leuchtenden Bildern gefangengehalten hatte. Verblüffend blühen an seinem Baum des Hasses und der Empörung so zarte Blüten auf: »Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen anderen zu lieben. Heute kennen Sie keinen als sich.« Und solche Weisheit kündet der neunzehnjährige Dichtersohn: »Wie kannst du ein Wort auf der Zunge bewegen und sagen: So ist es! Siehst du nicht stündlich den Tod in den Baracken und weißt nicht, daß alles anders ist in der Welt!« Und dann sagt einmal, auch ein Vater, der Kommissar: »Und wenn mein Sohn mir tausendfach unrecht tut – ich bin doch sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsere Söhne erringen, ehe wir wissen, was sie sind.«

Das Buch glitt vom Tische. Ich hielt es im Hinfallen bei einer Seite. Es war das Deckblatt und fühlte sich dicker an als die anderen. Und wie meine Finger es abtasteten, klaffte ein Spalt. Mein Messer trennte die zwei aneinandergeklebten Seiten. Da sah ich, daß kein Zufall sie verbunden hatte, denn die Steilschrift Annemarie Grünhagens kündete:

»Wir sechs Unterzeichnete geloben, gegen alle Tyrannen, so hoch sie anderen und so nahe sie uns stehen mögen, unerbittlichen Kampf zu führen, getreu dem Geiste dieses herrlichen Aufrufs!«

Den 12. November 1918.

Alle sechs Teilnehmer der Lesenachmittage hatten ihre Unterschrift hingesetzt.

Ich holte meinen Wettermantel und durchquerte lange den schwärzlichen Garten, der immer leiser und immer verlassener in den Winter wuchs.

III.

Den 22. November 1918.

Ich grüble in den sinkenden Nachmittag und finde kein Asyl für meine wirrenden Gedanken. Schon die ganze verflossene Woche lang. Kein Buch, kein Weg in die Stadt, keine Unterhaltung vermochte sie zu einem anderen Ziel zu bringen. Durch die dunklen Gassen meiner Ratlosigkeit stürzen sich Ängste und böse Gesichte mir entgegen. Immer finsterer umfließen mich meine Bängnisse. Wie soll ich es beginnen, meinen Söhnen von meiner Entdeckung zu sprechen? Woher die Beweise holen, daß ihre stürmende Jugend, unfertig genug, den Kern des Buches, das überhitzt Symbolische allzu wörtlich genommen hat?

Und wenn ich’s täte … hätte ich etwas anderes zu erwarten als das spöttische oder hochfahrende Schweigen wie auf meine ersten Versuche? Kommt dieser Anfang des Umsturzes ihnen doch ohnehin allzusehr zu Hilfe! In einer der städtischen Schulen hat ein Fünfzehnjähriger vom Katheder in brennenden Worten zum Krieg gegen alle Lehrer gerufen, die die »Genossen« von Tertia und Sekunda bisher zu Unrecht gepeinigt haben. Aufsätze und Artikel schreien nach Lösung der Kinder von elterlicher Gewalt. Und das in einer Epoche, die man mit vollster Berechtigung das Zeitalter des Kindes hieß! Ich mühe mich, mit Ausschalten jeder Sentimentalität dem Leben und Heranwachsen des durchschnittlichen Kindes bei Durchschnittseltern nachzugehen, und finde fast überall das Gebot des Kommissars erfüllt: seinem Kinde zu dienen. Ich dringe endlich in das Familienleben der jungen Verblendeten ein, die jenen verhängnisschwangeren Schwur geschrieben haben. Was konnte, was durfte sie dahin führen?

Fern der Stadt, in einem hellen Hause, das alter Garten umbirgt, geschah das Lebenwerden und Erwachsen der wunderzarten Ellinor. Als einziges Kind des namhaften Schriftstellers Ludolf Babinski und seiner Gattin, der einstigen Liedersängerin Sabine, deren Freundschaft mich aus Kindesreich bis in diese Tage nicht verlassen, nicht getäuscht hat. Wie eine nie verlöschende Kirchenleuchte war die heilige Flamme dieser Elternliebe um das weiße Wunder des jungen Kindes. Der Garten, Gedichte und Lieder blieben lange sein stärkstes Bewußtsein. Im zwölften Jahre geschah ihm der erste Schmerz: der Vater mußte fort, in den Krieg. Nur einmal noch durften die drei vorübergehend geeint sein: nach einer Verwundung. Dann, im letzten Jahre, geriet er in französische Gefangenschaft, die ihn bis heute in Verbannung schloß. Sabines Gang und Augen waren alt geworden von Trennung. Dem sechzehnjährigen Mädchen aber war väterliches Dasein nur mehr ein Federstrich auf Papier.

Welches Gegenspiel im Hause, darin Lilli von Groddeck herangewachsen war. Vater und Mutter, Abkömmlinge von preußisch strengen Beamten, nun selbst in verantwortlich hoher Beamtenstellung. Sechs Kinder machten trotz knapper Haushaltungsmittel Tage und Stuben heiter. Und doch trug Lilli, die Älteste, in hellen Augen seltsame Neugier nach einem Dasein, das sich farbensatt vom Profil dieses grauen Pflichtweges abheben mochte. Ihr wundroter Mund lachte breit über aufdringend leuchtenden Zähnen. Ihre Büste stemmte sich in Keckheit gegen jede Bekleidung. Sie ging, nach Beendigung der Schule, ein Jahr schon, geregelter Beschäftigung bar, dem lange vertretenen Geleise der einstigen höheren Tochter nach.

Traurig stand Annemaries Erscheinung zu der kostbaren Feinheit Ellinors und Lillis greller Jugend, die jedermann zulachte. Ihr konnte ich Bitternis gegen Zufall oder Geschick zugestehen, keineswegs aber Zorn und Aufstand gegen die, welche ihr Sein so hutsam schirmten und es mit so kostbarem Rahmen umschmückten: den Großindustriellen Grünhagen und seine aus jeder Gesellschaft strahlende Frau. Wie ein Protest gegen die Vererbungstheorie schritt die kleine Tochter mit den unjungen, garstigen Zügen und dem spärlichen Haar neben der Schmalheit der hochgegliederten Mutter, die in Gesicht und Gebärden die volle Lieblichkeit der Jugend trug. Das befremdende Vergleichen bei jeder neuen Bekanntschaft konnte dem jungen Mädchen wohl schamvolle Pein sein. Die Eltern aber, Vater und Mutter, beteten zu diesem Kinde. Was liebende Voraussicht, durchläuterter Geschmack und Wohlstand zusammenzutragen wußten, häuften sie um diese Tochter in der plumpen Hülle. Ein Guthaben bei der Bank ermöglichte ihr Erfüllung aller Wünsche, die dem Wissen der Eltern fern und leise bleiben sollten. Und während das Mädchen, in Verbitterung und Auflehnung, kein Wort für so große Liebe fand, war der Mutter ganzes Denken: ihr Ausgleich zu geben für das Mißgeschick ihres Körpers.

Auch Annemaries Vetter, Kurt-Georg Regensburg, litt an seiner zu schönen Mutter. Sein Leid aber blieb kleinlichen Gefühlen fremd. Es glich dem haßnahen Schmerz des unglücklich Liebenden, den die Liebste aus hellem Festschein einer starken Vereinung in das dunkle Grausen des Immer-allein-Seins gestoßen hatte. In die Zeit seines Jünglingwerdens, in sein fünfzehntes Lebensjahr, da übererregte Wallungen seiner Liebe zu der schönen Mutter Krankhaftes liehen, fiel ihre Flucht aus dem väterlichen Heim. Immer hatte er es gefühlt, daß die vielen jungen Herren in seinem Elternhause nur die Mutter suchen kamen. Das plötzliche Wissen seines Verlassenseins schlug ihn in Finsternis und Krankheit. Im Nebenzimmer klagte der Vater in wehen Lauten. Und Kurt-Georg tat sich den feierlichen Eid, ihn und sich zu rächen. Es war noch kein halbes Jahr später, daß der Vater der so Verlorenen eine Nachfolgerin gab. Der Knabe entband sich selbst seines Schwurs und siedelte, mannhaft seinen unerschütterbaren Entschluß vertretend, zu einer Schwester seines Vaters über. Er verachtete das Weib, die Ehe, die Menschheit mit knappen Ausnahmen. Und sein junges Knabengesicht mit der hellen Stirn wurde von zwei messerspitzen Linien zu seiten der Mundecken gefurcht.

Sicherlich, er war der einzige der sechs Verschwörer, dem Verständnis für Mißachtung und Rachegefühl gegen Eltern werden konnte, äußerlich gesehen und solange man seine jungen Jahre und das alte Mal seiner Wunden ansah. Würde der welterfahrene Kurt-Georg nach zehn, nach zwanzig Jahren nicht in anderm Gefühl richten? Der Vater ein alternder, immer nörgelnder, immer siecher Mann. Die Mutter schön, jung, gewissensschwach und denkarm, dafür übervoll an Blut und Genußfähigkeit. Nicht alle Frauen sind Märtyrerin genug, ihr eigenes junges Dasein dem Ableger ihres Körpers als Opfer zu geben.

Was wird der junge Knabe an Leben erraffen und durchdulden müssen, um dieser Erkenntnis nahezukommen?

IV.

Den 2. Dezember 1918.

Die Tragik des jungen Lebens Kurt-Georg hatte mich mit so harten Griffen gepackt, daß ein Weiterschreiben mir lange Tage Unmöglichkeit blieb. Gedanken, Fragen, Antworten und Widerreden überstürzten sich wie Katarakte in meinem Hirn. Begegnete ich in der Zwischenfrist den tiefliegenden Augen des Jünglings, in denen immer ein Weinen stand, so spürte ich es als Vorwurf, daß so dunkles, unstillbares Bluten in seinem Herzen war. Das Abbild seiner Mutter blitzte vor mir auf, eine überlebensgroße Erscheinung, in lüsterner Körperlichkeit, durch zähen Erdenschmutz watend. Doch sobald die müde Trauer seiner Augen mir entwichen war, wurde ich in Gedanken zum redefertigen Anwalt der soeben Geschmähten. Und die rasenden Anklagen der Richter trafen auf meine spitzfindigsten Erwiderungen. Ich lieferte wilde, verzweifelte Verteidigungsschlachten vor einem Parterre von beifallklatschenden Frauen aller Stände und aller Lebensalter. Wie, das schreiend geforderte Recht auf Ausleben der Persönlichkeit, die Freiheit des einzelnen – und wie die abgegriffenen Schlagworte sonst alle heißen mochten – es erstreckte sich nur auf Männer und Kinder? Die Frau aber, die in einem Augenblick junger Unwissenheit, in Unlust, in törichter Unverantwortlichkeit, oder einfach ihrem Geschlecht folgend, ein Kind empfangen hatte, sollte ihr ganzes Nachleben diesem einen Tage unterordnen? Sollte ein späteres Erstarken oder Erwachen ihres Menschentums, ihres Weibseins, sollte die Gewißheit, in einem anderen Manne die Ergänzung ihres Wesens, die Hut ihres Lebens gefunden zu haben, sollte eine martervolle Leidenschaft jenem Augenblicke opfern?

»Sophismen,« hörte ich den Richter dazwischenzetern, »trügerische Vernünfteleien! Und das Kind, das uns anvertraute neue Wesen, das kommende Geschlecht – was wird aus ihm, he …?«

»In unserem Falle hatte die Mutter es vierzehn Jahre geschirmt. Ein Mann werdender Sohn bedarf mehr des Vaters als der Mutter …,« sagte meine Stimme. Aber sie schwang dünn und kleinlaut, denn Kurt-Georgs Augen sahen mich hinter dem Rücken des Anwalts hervor an …

Da legte ich schamhaft mein Gesicht in meine Hände und wußte, daß ich nicht um die Sache der geflohenen Mutter gefochten hatte, daß ich mich vor meinem Innern hatte entsühnen wollen für eine nicht geschehene, aber ernst bedachte Tat. Doch nicht lange ließ mein Stolz diesen Vergleich bestehen. War ich zu jener Zeit nicht frei gewesen, Herrin meiner selbst, und hätte ich die vaterlosen Waisen nicht früher oder später, vielleicht sogleich mitgeführt in das neuerrichtete Haus?

»Wo, bitte, ist da der Unterschied?« plusterte sich plötzlich wieder das feiste Gesicht des anklagenden Richters auf, »wo? Hatte nicht auch Kurt-Georg seinen Vater behalten, und ein frischgegründetes Heim stand ihm freundlichst geöffnet? Woher kommt Ihnen die Gewißheit, daß Ludwig und Henno die liebe Gabe eines fremden Herrn Vaters und eines fremdgezimmerten Zuhause aus Ihren schönen Händen entgegengenommen hätten?«

»Warum diese Verärgerung, werter Herr?« höhnte ich dawider. »Sie sehen mich als bravstes Musterstück einer deutschen Hausfrau und Mutter meine Söhne betreuen. Der ausgepichteste Sherlock-Holmes-Nacheiferer würde in meinem entlegenen Häuschen ein beklagenswertes Fiasko machen. Ihre Bedenken, mein wohlwürdiger Herr, waren ganz die meinen. Wollen Sie mir nun Ihrerseits Klarheit geben für die Gründe, die meine Söhne zum Aufbegehren trieben? Sahen Sie, Herr Allesbesserweiß, nicht meine Liebe und Sorglichkeit auf jedem ihrer Gänge, von Kindheit an? Ich ließ sie allzuoft allein, meinen Sie. Doch nur zeitweise. Und tat ich’s nicht, um ihnen mit meiner Kunst zu dienen, da sie, noch nicht schulpflichtig, den Vater durch bösen Unfall verloren? War ihnen nicht das wärmste Großelternhaus Ausgleich für der Mutter Abwesendsein?« »Die Kunst selbst, verehrte Dame, gibt sie Ihren Kindern nicht Eifersucht?« …

Lange überdachte ich auf diesen Einwurf die Ablehnung. Doch nein, Ludwigs Verlangen an das Leben war so machtvoll, so unbekämpfbar, daß gelegentliche Uneinigkeiten zwischen uns ihren Urgrund nie in Aufwallungen unsachlicher Art hatten. Henno hingegen lebte von einer Ehrfucht besessen, und zudem war jede Kunst ihm, dem hingerissenen Kunstjünger so ganz Heiligtum, daß mein Beruf – meine Zeichnungen und die Anerkennung, die ich fand – mich ihm vielleicht wertvoller machten als mein Muttertum …

Weshalb nur fehdeten ihre Blicke mich an? Und schwieg ihre Rede vor mir? Weshalb denn legten sie einen Racheeid gegen mein Tyrannentum ab?

Hinter diesen gequälten Fragen stand plumpe, dichte Finsterkeit. Nur zuweilen blitzte es lauernd darin auf. Aber sobald ich fest zusehen wollte, sank schwarz und schwer das Dunkel umeinander.

V.

Den 18. Dezember 1918.

Die langen, undurchleuchteten Dezemberabende sind angefüllt mit Geheimnis und huschenden Schattenwesen. Aufgereckt aus angstvollem Nichts, zerstieben sie schwärzlich in nachtstarre Schächte. In alle Teile der kranken, schauerreichen Abendstadt hin: dem Unwissenden ein nichtfaßliches Grauen, dem Eingeweihten verzweiflungsvolle Notwendigkeit. Faßliche Rückwirkung jahrelangen Hungers auf Lust. Die zertretene, vergewaltigte Jugend reißt in Gier die vergifteten Früchte vom wildgewachsenen Freudenbaume, der vulkanischer Erde entsproß.

Aus allen Stadtrichtungen, aus allen Straßen, aus allen Quergassen, von überall trägt die Luft, kehrt man von spätem Nachmittagsgang heim, tanzende Rhythmen fort. In den Zusammenkünften der Jüngsten, der Nochjungen und der Alternden findet jedes Gespräch, das die letzten Tanzveranstaltungen, Tanzmoden und Modetänze ausscheidet, bald seinen Tod. Morgen um Morgen laden gutgedruckte Karten zu irgendeinem neuen vornehmen Nachmittagstanz, zu einem intimen Ball, so intim, daß selbst der Name des Einladenden Verschwiegenheit bleibt, und nur: »Die Veranstalter«, die »Einladenden«, der »Ausschuß« und ähnliche Unterschriften zu locken mühen, wer sich in so rätselvolle Gemeinschaft locken läßt. »Bei allen Revolutionen ist getanzt worden,« heißt die Ausflucht denen gegenüber, die dieser tragischen Zeit mehr Würde ins Antlitz ätzen wollen.

In solcher Verelendung der Geselligkeit den wollüstigen Sang der Großstadt witternd und Sättigung ihrer jungen Süchte erhoffend, lassen Ludwig und Henno Abend für Abend die leise Schönheit ihrer Stuben und ziehen dem Rufe der fremden Betörer nach, zuweilen in Gesellschaft Kurt-Georgs, häufiger noch neben Lilli von Groddeck. Mit welchen Umschweifen, auf welchen Nebenwegen die in alte Vorurteile eingeschnürte Beamtentochter dorthin gelangen konnte, bleibt mir Geheimnis. Eine Frage würde irgendwie ausweichend abgetan werden. Und Lilli ihren Eltern als Lügnerin melden, ist mir ein Unmögliches.

Mit hämischer Freundlichkeit trägt das Hausmädchen in der Frühe Stöße von Karten, Adressen, Anerbietungen an meinen Morgentisch, die den verschiedenen Taschen der jungen Herren beim Abputzen entfielen: Empfehlungen von Frack- und Maskenverleihinstituten, von Damenbekleidungsgeschäften ohne Aushängeschild, von Austauschstellen für Lebensmittel, Geldverleihstätten, Anpreisungen von Nachtbars mit Hintertreppen- und Kellereingängen, Einzelzimmern mit verschwiegenen Eintrittstüren – nächte- und wochenweise, Namen von Köchen, die zu Abendessen ohne Lebensmittelmarken einladen. Unerschöpfbar scheint der Überfluß, der nachts auf so heimlichen Wegen abgeleitet, durch so geheime Pforten vertrieben werden muß, nimmt von Tag zu Tag ausgedehnteren Umfang an. »Werden wir’s ändern?« »Haben wir darum gefragt?« lehnen Ludwig und Henno alles Erörtern ab. Und ein Achselzucken erstickt jede Frage.

Die Lesetage siechen müde dem Tode zu. Die Mehrheit der einstigen Teilnehmenden hat jetzt in langer Nachmittagsruhe verlorene Nächte zu ersetzen. Zwar finden die sechs Verbündeten sich oft noch zusammen, aber nur, um wieder auseinanderzustieben. Auch meine Gäste der ersten erregten Revolutionswochen sind ausgeblieben. Der Werkeltag heischt sie zurück. Und menschliche Gewohnheit fügt sich auch fremdem Zustand ein. So geschieht es gar oft, daß mit der Scheidestunde dieser kargen Dezembertage drei junge Schatten ins Zwitterlicht meines Zimmers fließen: Kurt-Georg, Annemarie und Ellinor.

Im Beginn wird ein Gespräch versucht, eine zage Melodie angeschlagen. Abendweh und Abschied liegen auf der Lauer. Draußen stürzt der Wind in die Gartenpfade. Schwarze Äste zerkrachen. Das Spiel entstirbt. Tiefes Stillesein schmiegt sich ins Zimmer und wird zum Lied.

Ist es solche Stunde allein, die mir die beiden Mädchen bleicher und schmächtiger malt? Daß der grüne Sammet in Ellinors Augen mir feucht und gedunkelt scheint? Das Spottlächeln um Annemaries Mundrand zu Traurigkeit verzogen wirkt?

Einmal, da matter Wintermond über dem Garten, dem Zimmer und den Dingen hing und die Mädchengesichter auf hellbepudertem Grunde hinblassen ließ, kam es, daß Ellinor mir zu Füßen glitt und geneigten Kopfes unaufhaltsam über meine Hände strich.

Kurt-Georg lehnte am Fenster, halb zum Zimmer, halb zum Garten gekehrt, seine Augen dürstend dem weiten, blinkenden Schimmer geöffnet, den Körper vorwärts gebogen, als suche er in Heimweh nach verlorenem Lande. Dann deckten schwere Lider das nasse Geglänz seiner Pupillen.

»So traumhaftes Nachtlicht erhellte mein Knabenkranksein … wie alt, wie süß und fern!« flüsterte er, wie wenn er selbst sich im Traume bewege …

»Kurt-Georg,« hauchte Annemarie, in Furcht, ihn aufzuschrecken, »Kurt-Georg, wir sind dir so nahe … und ohne Schuld … Weshalb fliehst du unser Haus? Komm wieder wie in Kindheitszeiten …«

Lange schaute er zur weißen Schale am hohen Himmel auf, die das Land mit kranker Blässe begoß. Annemarie hatte die Hände wie in Frommheit zusammengelegt. Dann drehte sich sein Gesicht uns zu. Und stockend kam es: »Ich will … euch … wieder … besuchen …«

Der Mond beglänzte Annemaries Augen. Sie hoben sich in blinkender Verklärung aus dem unschönen Gesicht.

VI.

Den 29. Dezember 1918.

Henno beginnt in diesen allnächtlichen Schwelgereien Widersinn seines auf strenge Arbeit gestellten Lebens zu ahnen. Er hält Umschau unter den Veranstaltungen und Orten, bedacht und voll Sorgsamkeit, wählt die, welche er zu besuchen denkt, mit Geschmack aus, und verteidigt seine Arbeitsstunden gegen jede Außenstörung. Nie mehr bleiben seine Studien in der Kunstakademie zurück. Nach dem kurzbefristeten Ausflug zu Orgien, denen seine Jugend Zins entrichtete, kehrte er, besonnen wägend und abrechnend, wie ein alter Großhandelsherr, zu seiner Tätigkeit heim. Immer schon schien dies mir das Seltsame an seinen jungen Jahren und der Erzeugung seiner Malereien. Daß er seine Kunst nie von innerer Erleuchtung, packenden Gesichten oder überstarkem Empfinden abhängig machte, daß seine Sehnsucht nie die Erde verließ, daß er Kunst arbeitete mit Kopf und mit Hand, schweißbegossen, als leistete er Frondienst, daß er sie rechnete wie eine mathematische Aufgabe. Einen Achtzehnjährigen sah ich noch nie so kunstbesessen, so arbeitsnüchtern dabei wie Henno.

Ludwig ist nur noch Gast daheim. Irgendeine Nacht hat ihm jäh zwei ältere Schulkameraden wiedergegeben, beide bald nach ihrer Rückkehr von der Front. Zuweilen geleiten sie ihn zu unserem lautlosen Vorort hinaus und weilen ein wenig in meinem Gartenzimmer. Der langbeinige Gert Driesen, der über zwei Jahre lang im Osten gestanden, hat seine Jugend dort gelassen. Gewöhnlich sitzt er schweigend und zuhörend in einem Lehnstuhl, mit herabgezogenen Mundwinkeln und dünnen Fältchen rund um die Augen. Hin und her aber holt er Bilder aus tiefem Erinnern herauf, glitzernde, ausschweifende, atemnehmende. Man weiß nie, ob es Phantasie, ob Milderung oder Übertreibung eines wirklich Geschauten ist, was er da sprunghaft, eines das andere überdrängend, vorbringt. Die Lider decken sich auf die Pupillen. Und nur zuweilen, bei ganz krassen Stellen, flitzt ein schräger Blitz an den Zuhörenden entlang. Die Hände strecken sich und ziehen sich mit zeichnenden Gebärden vor und zurück. Um den Mond gespenstert ein Zug, der das Gesicht zum Widerspiel eines ausgepichten Schalks oder einer meisterlich gedämmten Erschütterung macht. So läßt er die Ahnung eines baltischen Schlosses aus dem Nichts erwachsen, mit marmornen Marställen, mit gläsernen Wintergärten und Gewächshäusern, durchsüßt von Ananasdüften, mit grauäugigen Schloßfrauen voll schweren Geblüts, mit weißen Abenden voll melancholischer Violinen und aufpeitschend alter Weine. Flüchtende Bilder schatten auf und hin, von östlichen Kleinstädten, darinnen alle Laster gegeneinander tollen, in Nächten, heiß und funkelnd von Feuersbrünsten, die garstige Lüste und zerrüttende Begier gebären und stillen und schwanger gehen mit jedem Verbrechen. Getöse erschrillt vor Bolschewistenlagern. Volkshaufen gären auf: eine wütende Menge drängt Lebensmitteldiebe zu einer Brücke. Tierhafte Schreie … Regengepeitschtes Wasser spritzt hoch, strudelt über Menschenleibern, die langsam in graue Tiefe hinsinken. Und wieder, rasch hinskizziert, wilde Gelage, Tische mit rollendem Gold und Trunk und Speisen, deren Namen in Deutschland schon lange Jahre Sage und Verschollenheit bedeuten …

Als sei das Heraufzaubern solcher Vorgänge eine Schwarzkunst, die seinen Nerven Zusammenbruch bringt, sinkt er dann haltlos, mit weitausblickenden Augen, in sich zusammen, sagt nicht ein Wort mehr. Nur einmal flüsterte er, als ich ihn beim Abschiednehmen an sein junges Leben mahnte: »Jung? Wie kann der jung sein, der bereits alles, aber alles gelebt hat? Dem nichts mehr Überraschung sein darf? Ich bin ein Greis …«

Der andere, Leonhard Kauffmann, hat die gleichen zwei Jahre, im Westen, vielviele Schlachten mitgekämpft. Und es deucht ihm immer noch ein unglaubbar schöner Wahn, daß er jenen tausend Höllen unversehrt entkommen ist. Einmal, ganz zu Anfang, in einer Wintersturmnacht in Flandern, auf Marsch zu neuen Gefechten, war er in Erschlaffung gegen einen Baum gesunken. Trotz Starre und Windesheulen hatte bleischwerer Schlaf ihn in schillernde Traumeshöhen gehoben. Als er im fahlen Morgengegrau aufschreckte, frostschütternd und mit feuchtsteifen Gliedmaßen, hatte ein seltsames Klappern ihn aufsehen gemacht. Und unaufhörlich schreiend, wie unter einer mittelalterlichen Folter, war er lang auf den erfrorenen Boden zurückgefallen, unfähig, zu fliehen. Denn über ihm, im schwarzkahlen Gezweig des Baumes, schlug der Wind die Glieder eines Gehenkten wie dürre, düstere Glockenschwengel hin und her, her und hin …

Eine Nervenerschütterung war der Ertrag jenes verhängnisvollen Schlafens und Aufwachens gewesen. Sie hatten ihn bald als genesen entlassen. Er aber wußte es: nie würde ein neues Geschehen dieses eine ganz auszulöschen vermögen, nie seinen Nerven volle Wiederherstellung geben. Er hatte später in grausen Stunden Schreckhafteres gesehen: Zerfetzungen, Hinbluten junger Leiber, gelle Todesrufe. Aber immer war jener gehenkte Spion, mit dem der Wind auf platter, naßkalter Ebene, im farblosen Wintertagwerden sein wunderliches Spiel trieb, ihm die größte Ungeheuerlichkeit und Verzerrung geblieben, die der Krieg ihm gezeigt.

Nun riß er, heimgekehrt, in rasender Gier in alles Blühen des Lebens, und erwüchse es auf fauligem Sumpfe. Nur diese letzten zwei Jahre des belohnten Mordens und Vernichtens mit Lust und Freuden des Daseins zudecken, so hoch wie möglich. Sein schmächtiger Körper, von zweijährigem Kriegsleben gedörrt, widersetzte sich häufig dem Zuviel, der Regellosigkeit und Gehetztheit, die von ihm gefordert wurden. Leonhard mißachtete solche Warnung der Natur. Und die drei wiedergeeinten Genossen zogen weiter auf dem unschönen Wege, der vierjährigem Kriege und einer von denkfaulen Massen mißverstandenen Revolution nachfolgte.

Und dennoch fand es mich unvorbereitet, daß Ludwig von solchen Wegen in moorige Gründe geriet, daß er mir vor drei Tagen seine Abirrung gestand, gestehen mußte, weil der Schuldschein, den der Unmündige mit seinem Namen gezeichnet hatte, mir am kommenden Morgen vorgelegt werden sollte. Zum ersten Male seit jenen Novembertagen, an denen Ludwig und Henno meinen geistigen Einfluß als Mutter abgelehnt hatten, stand ich meinem Erstgeborenen in langer Auseinandersetzung gegenüber. Gewiß, er mißverkenne die peinlichen Folgen nicht, die meiner auf kleinem Grunde aufgebauten Wirtschaft durch seine etwas erhöhten Ausgaben erwachsen könnten. Aber sie seien nicht unüberwindbar. Auf artige Reue, fromme Buße oder Hergabe seiner Jugendrechte werde ich – das hoffe er – doch keineswegs gerechnet haben. Ich rief sein klares Denken, sein Rechtsbewußtsein an. Ich verleugnete meine Art so weit, ihm meine Rückstellung eigener Wünsche anzudeuten, ihnen, den Söhnen zuliebe. »Elternpflicht«, lautete die Erwiderung, prompt und in geschäftskühlem Ton. »Auch wenn sie die Künstlerin in ihrer Kunst behemmt?« »Selbst dann!« »Auch wenn die Ausübung dieser Kunst zum Erhalt der Kinder beitragen muß?« »Auch dann … sie kann ja von heute zu morgen reichere Früchte tragen …«

Erschütterung vor solcher Eigensucht machte mich verstummen. Ich sagte ihm Zahlung zu und eilte, rechtzeitig vor Bankschluß zur Stadt zu kommen. Der Tag hing grau und regensatt über braunem Land und der tristen Stadt im Norden. Weichlich, wie nasse Lappen, klebte die Luft sich um Gesicht und Haar. Glitschige Steine behinderten rasches Gehen und schufen Müde und Schwere. Ich wollte Bekannten und jedem Wortwechsel ausweichen und suchte meinen Weg durch wenigbegangene Straßen. Meine Gedanken beschwerten mich wie der niedere Winterhimmel die steinernen, eigenartbaren Großstadtzeilen, die ich durchwanderte. Eine Gruppe Kinder mit hohlen Backen streckte mir hagere Hände begehrlich zu. Ich gab den Bittenden kleine Münze. Sie starrten mich an, als fragten ihre Mienen: »Aus welchen glückseligen Landstrichen verirrst du dich zu uns?« Dann kam es gleichzeitig – ein Schrei – von ihren blutleeren Lippen: »Brotkarte! …« Ich trug keine bei mir und fühlte Scham, ihnen nein sagen zu müssen. Da fragte ich nach der Kleinsten Wohnung. Ich wollte sie ihr im Briefumschlag senden. Vor einem Kellerladen staute sich ein langer Zug von armseligen Frauen, dürftigen Halbwüchsigen und Greisen in schäbiger Kleidung. Sie hielten Schüsseln und Eimer in Händen. Langsam nur schob dieser Menschenkeil sich zur Öffnung der Kellertür hinab. »Was es da gäbe?« wollte ich wissen. Der Erste, die Zweite schielten mich mißtrauend an und kehrten stumm den Kopf ab. Ich ahnte ihre Furcht vor Verkürzung des eigenen Bedarfs und wies auf meine leeren Hände, während die ihren Gefäße trugen. Da kam es ängstlich, stockend, nicht ganz des Argwohns befreit: »Kohlenabfall und Torfgrus …« Vor einer Hökerei derselbe Zug der Entbehrung. »Heute Kartoffeln«, las ich in schlechter Schrift und falscher Rechtschreibung …

Dann endlich hielt ich den Betrag in Händen, welchen Ludwig auf seinen Freudenwegen vertan hatte. Papierscheine in nennenswerter Höhe nach meinen Begriffen. Und plötzlich, in seltsamer Gedankenverkettung, kam mir die Verachtung der Proletarierkinder beim Anblick des Geldes zu Sinn. Kein Weiser konnte seine Wertlosigkeit offensichtlicher bekunden, als diese im Kriege Herangewachsenen es getan hatten. Brotkarte, Kohlenschlacke, Kartoffeln, wärmende Hülle, das war dem halbverhungerten, entblößten Volke Besitz. Bedrucktes Papier flog ihnen selbst in nie gewohnter Höhe zu, seit sie Todeswerkzeuge im Massenbetrieb angefertigt hatten, seit Arbeitslosigkeit mit Richtergehältern entschädigt wurde. Mußte die Jugend von heute nicht mit anderen Maßstäben, anderer Moral werten als die von gestern? Eine Jugend, die täglich um eines Stückes Brot willen, um ein Ei, eine Flasche Milch, um ein paar Schuhe die triumphierende Übertretung von Gesetzen geschehen sah, die mit hohen Strafen bedroht war? Jahre hindurch. Die gemeinsam mit denen, die ihnen Sittenlehrer waren, auf verbotene Heranschaffung des stofflichen Bedarfs schlich, wie ein Tier auf listiger Fährte? Eine Jugend, die Grausamkeiten, blinden Haß feiern und dekorieren sah und den Atem des Bösen überall in sich sog? …

Ich übergab Ludwig die Scheine noch am gleichen Nachmittag und verdoppelte sein Taschengeld, damit Ähnliches sich nicht wiederhole. Er gab seinen Dank durch ein anerkennendes Kopfnicken kund.

VII.

Den 31. Dezember 1918.

Nordwind schlägt die Bäume und drückt schwer an die Fenster meines Arbeitsraumes. Eisesodem sticht nadelspitz durch jede Mauerfuge. Wie atme ich tief auf und beglückt, die letzten Stunden des Jahres allein und daheim sein zu können! Ludwig und Henno bleiben bis zum Neutag im jungen Jahr in der Stadt, bei Annemarie Grünhagen, die der Wiederkehr Kurt-Georgs ein Fest weihen will.

Das Mädchen hat schwere Blöcke in meinen Ofen getürmt solche, die langsam verschwelen. Ich zünde den letzten Spiritus unter dem Teekessel an, lösche das hyazinthblau hängende Licht, rücke einen Tisch vor den tiefen Sessel zum Feuer und horche dem Geflüster des Holzes. Die Farbe der Möbel lischt aus. Alle Formen verzittern. Aus dem Ofen blecken rotgeifernde Flammenzungen, zerwehen bei neuem Windesstoßen in nichts. Erscheinungen erstehen, durchhuschen als Spuk das frostumstarrte Zimmer. Irgendeine dunkle Begegnung wächst aus dem Gewelle schwarzer Vergangenheit empor. Fetzen trauriger Träume beben vorbei, verbleichen, kaum erst geboren. Etwas Versäumtes klagt um Nichterfülltheit. Mißverstandenes blickt drohend wie unter schwarzgerunzelter Braue. Verlorenes schluchzt auf. Dann hebt sich über Stille, über verflatternde Gesichte und Entsinnungen ein einfaches Lied und legt sich weich mir in die Seele … Und wie die Töne des singenden Mädchens draußen in der Küche sich allmählich vereinsamen und wieder zueinander gesellen, blättern die letzten sechs Jahre vom Baum meines Daseins ab, als hätte ein Hagelschlag sie alle mitsammen zerschlagen. Und ich lebe und atme einen Tag, mit allen seinen Schauern und Trunkenheiten, die er mir damals zu geben hatte …

Einen Frühlingsnachmittag, in fremder Weltstadt, von duftendem Lenzwind und sachtgrünem Baumgeschleier umjubelt … Alle Häuser mit ihren Adelsfassaden, alle goldspitzigen Edelgitter, alle Alleen, alle Rasenflächen, Plätze, Parks und die unzähligen grauen Kirchentürme sprangen freudeberauscht aus der blaublauen Luft hervor. Vor allen Cafés, vor allen Bierstuben, vor allen zum Straßendamm vorgerückten Marmortischen frohe, schwatzende, stubenerlöste Menschen. Türkenjungen spreiteten anpreisend, mit liebkosenden Händen, sattfarbene Teppiche, Decken und Stoffe über die Erde, als bereiteten sie einer Geliebten huldigenden Willkomm. Zeitungsvertreiber warfen ihre Schreie wie flinke Bälle zur sonnendurchglänzten Höhe. Schwärme von Schuhputzern, Blumenmädchen, fliegenden Händlern mühten sich, sie zu überschrillen. Taxen, Autos, Dampf- und Straßenbahnen rasten im Freudentaumel durch diese Festesstraßen. Die Frauen trugen ein verträumtes Geleucht in den Augen und um den Mund, als schritten sie, in unsehbare Glückseligkeiten geschmiegt, durch diese Stunden. Die Männer, müßig, den Hut lässig ins Genick geschoben, die Zigarette im Mund, schlürften den Anblick all dieses zu Erraffenden, des ihnen zu entgleiten Drohenden. An einem Straßengewinkel, beschattet von altersgrau hohem Tore, sang mit geknittertem Gesicht, mit welken, vorgebreiteten Händen und von einer Menschenschar umbrandet, ein Zerlumpter alte Romanzen. Halbwüchsige Mädchen tänzelten auf hohen Stöckelschuhen den Rhythmus des Sanges mit. Jungen Burschen brach ein Blinken aus den Augen. Und in Hingegebenheit schwoll zum Schluß jeder Strophe der Kehrreim, von der ganzen Zuhörermenge wiederholt, an den siebenstöckigen Häusern hinan.

Später, beim Weiterschlendern, im leise fallenden Nachmittagsschein, hielt neues Gedränge uns gebannt. Auf einem öffentlichen Volksplatz trompetete Militärmusik. Ein Wirbel von Paaren drehte sich dazu in Verzücktheit: Mädchen mit verkommenen Leibern und Burschen mit noch kindhaft gerundeten Gesichtern, Rohlinge und Soldaten, Bäckerknaben und Lehrmädchen, schmalschultrige Studenten und zufällig des Weges kommende Zimmermädchen, enttäuschte Weltstadtstürmer, Kunstjünger mit zerwühlten Mienen, Modistinnen und Freudenmädchen mit flackenden Schwarzaugen und kirschrot gefärbten Mundrändern. Kleine von der Musik hergelockte Mädelchen mit schwankem Fußspann, gedrehten Hängelocken und langen schmächtigen Gesichtern machen im Vorübergehen mit ihrer Bonne eine Runde. Sie alle, die eine zuckende Melodie für eine Weile zusammengeworfen hatte, preßten sich in Inbrunst aneinander und kreisten ekstatisch, unbewußt zu der jungen Lust des Frühlingseins.

Matt und schwer von dieser Atmosphäre der Verheißungen und Entgleisungen winkte einer unserer Begleiter ein Auto her. Wir glitten zu vieren unserem weit entlegenen Ziele zu: der russische Ingenieur, die himmelsschöne Pianistin, die junge Schauspielnovize und ich. Das Fahrzeug hielt sich auf den breiten Fahrdämmen nahe dem Flusse, dessen unruhige Wasser die lusttaumelnde Stadt und die gelbblanke Sonne einfingen. So, wortlos in meine Ecke eingeschmiegt, nahm ich von dieser in lichtblauen Frühling hineingedichteten Wandelschau unveräußerbaren Besitz. Von den fernen, vergangenen Häusern, die mit uns durch köstliche Gassen zogen, von dem vielfarbigen Gestrahle der Blüten und den auffliegenden Wohlrüchen der Dolden auf dem unabsehbar weiten Blumenmarkt. Von dem Gewimmel und den Geräuschen der Straßen, der Brücken und der Kaie, von alten gewundenen Hintergäßchen, von finsteren Durchlässen, von der Buntscheckigkeit der zur Straße gelegten Waren, von den grellen Plakaten, von Spelunken und gotischen Kathedralen, von einem rubinfarben brennenden Kirchenfenster, von unbekannten, traumseligen Häusern und Straßenzügen.

Langsam begann der Nachmittag zu zerflammen, als wir in den Salon des böhmischen Edelmanns traten, der uns zu intimem Zusammensein hingebeten hatte. Wir waren etwas verspätet, und der Hausdiener bat sogleich zu Tisch. Breite Fenster und eine Glastür standen vom Speiseraum weithin nach dem Frühlingsgarten geöffnet, der sich in Terrassen zum Flusse niederließ; denn diese am Strome hingelagerte Vorstadt erhob sich auf beträchtlichen Hügeln über der Millionenstadt. Die blauen Schattungen des Abends trugen gebrochene Akkorde von fernen Glocken über den Strom. Zwei Freunde des Hausherrn, ein junger Dichter und einer, dessen Ruhm bereits im Absteigen war, gaben Langgewußtem Neuartigkeit, entdeckten ungekannte Tiefen. In der Frische, die Fluß und Garten brachten, und vor dem stillen Gespräch, das diese Stimmung erschuf, verfiel das Gebrause der lenzberauschten Weltstadt, das uns bisher im Blute gesungen.

Dann saßen wir in dem kleinen Salon, der angefüllt war mit Raritäten, mit verschollenen Bildern und Handschriften, und der im stillen Schein der hohen Kerzen erbleichte. Der junge Dichter sprach zum Gedämmer des Raums seine Frühgedichte, in denen er seine erste Liebe eingeschlossen hielt und allen Reiz der kaum herangeblühten Schauspielerin mit den adeligen Händen und dem feierlich weißen Stiel ihres Halses, die so traurig verenden mußte an ihrem Schminktisch, von weißen Spitzen berieselt, vor ihrer Antrittsrolle im größten Schauspielhaus, das an diesem Abend von grausigem Brande versehrt ward.

Schweigend vergingen unsere Gesichter in den hereinstürzenden Dunkelheiten. Wir hörten das Hintropfen der wächsernen Lichte und vom Garten einer tagmüden Schwalbe Zwitscherruf. Da zauberte die romanische Klavierkünstlerin vom Nebenzimmer uns singende Vögel, Hansnarren mit schallenden Glocken, das Geklingel alter Rokokouhren, das Stelzen bejahrter Schwerenöter her, Schäfereien, Jahrmärkte … Die ganze verwehte Anmut Couperinscher Schalkhaftigkeiten. Sie lud Rameau zu Gast … und ihre schmalen Finger wurden Werkzeuge zur Beseelung Chopinscher Wehmütigkeiten.

Die Frühlingsnacht stieg sehnsuchtsbang in die blassen Stuben ein. Sie zog uns zum mondweißen Garten hinaus. Die Bäume hatten sich in sanft gleitende, lila verschillernde Seiden getan. Tief unten murmelte der Fluß seine Liebesworte an die Stadt, die mit flammigen Reklamen und Millionen gelber Lichteraugen in die Ferne gemalt stand. Von vorzeitiger Wärme aufgewehte Düfte regneten über uns her. Weiße Steinbilder beugten sich wortlos über dunkles Gehecke. Wir lehnten an einer Brücke gebogenem Geländer. Breit um uns schossen grasige Hügel schräge zum Wasser ab. Auf ihnen – hingeschenkt dieser Mondnacht – verströmten Tausende Veilchen ihr Sein.

Die Reklamen hörten auf, über die Weiten zu schreien. Uhren und Glocken gingen dann und wann leise in kurzer Zwiesprache nebeneinander. Wir saßen auf gläsernem Vorbau des Hauses, nippten von alten Weinen, redeten von Kunst und Sehnsüchtigkeiten und schwiegen lange, vom Dichten, vom Getöne und von den Bildern des Heute durchklungen.

Da stieg vom Küchengeschoß ein Lied zu uns auf, fremd und zehrend und leidbeschwert. Der Hausherr richtete sich stehend hoch auf und ging zum Fenster. Gequältheit über den sonst so beherrschten Zügen, lauschte er in den Traumglanz des Mondgartens, lauschte … Dann schob er seinen Lehnstuhl uns nahe, und ich hörte ihn die Rilkeschen Verse klagen:

Mich rühret so sehr
Böhmischen Volkes Weise;
Schleicht sie ins Herz sich leise,
Macht sie es schwer.
Wenn ein Kind sacht
Singt beim Kartoffeljäten,
Klingt dir sein Lied im späten
Traum noch der Nacht.
Magst du auch sein
Weit über Land gefahren,
Fällt es dir doch nach Jahren
Stets wieder ein.

Langsam entquollen die Silben seiner zerquälten Stimme, als müsse der Schönheit dieser Nacht eine Opferung werden.

Ich wollte ihm von Rilke sprechen und von der Seltsamkeit der Gedichte, die die Fremde ihm geschenkt hatte. Ob er seinen großen Landsmann nicht aufsuche? Doch ich ward stumm, als meine Augen sich zu den seinen hoben, denn die dichteten das Weh dieses Liedes vom vergangenen Glück mit preisgegebener Seele fort …

Die andern, der deutschen Sprache und dem Dichter unvertraut, hatten flüsternd wieder zu reden begonnen.

Düfte welkender Veilchen flogen von den Tischen und schufen wehvolle Müdigkeit.

Dann gingen wir unter den leuchtenden Wundern schwimmender Wolken den Dämmerungen der werdenden Morgenstadt zu, in langem Wandern. Wer sprach es aus? Einer der Gruppe wußte unseres Gastgebers Leid, wie er als Jüngling Haus und Land gelassen, die Mutter tot, und er für immer vom Vater gegangen. Ringend mit seiner Heimwehnot, sei er ein Hort geworden allen Landesgenossen in der fernen Fremdstadt. Nur die Alte, die ihn als Kind gesehen, und ihre Lieder seien ihm Brücke zu seinem Land.

Glocken schwangen schwermütig in den entbrennenden Morgen … schwangen traurig in meinen Pulsen, in meinen Schläfen …

Frierend schauerte ich auf, Kälte faßte mich an, Eiswind hatte das Feuer im Ofen gepackt und erwürgt. Die Glocken der Nordstadt läuteten … läuteten der Geburt des Jahres 1919 …

Sein Anfang trug mir über die Vision des Geschauten hinweg neue Wirrnis zu. So war Auflehnung gegen Vater und Mutter nicht nur Begleiterscheinung von Krieg, Revolution und der durch sie gezeugten Verwilderung? War auch das Verhältnis von Eltern und Kind – wie Frau von Staël von der Liebe behauptet – ein ewiger Kriegszustand, der hier zur Niederlage, dort zum Sieg, zuweilen nur zu gerechtem Ausgleich wird?

*

Den 1. Januar 1919 abends.

Noch im Traum dieser ersten Nacht im Jahr sang mir eine Stimme voll dunklem Trauern:

Magst du auch sein
Weit über Land gefahren,
Fällt es dir doch nach Jahren
Stets wieder ein.

Den ganzen Tag kamen mir vorwurfsvolle Augen nach aus einem gedankenzerpflügten Gesicht. »Weißt du, was mir von meinem Vater geschehen?« »Zu Schlimmes kann es nicht sein … es ist der Vater …« rief mein Gedanke in unbekannte Fernen …

Aber der spitze Dorn der Frage stieß sich immer tiefer in mein Herz: »Wie soll ich, gerade ich, die Lösung finden zu gerechtem Ausgleich zwischen den zwei Lebensaltern?«

VIII.

Den 20. Januar 1919.

Die Eindrücke der Silvesternacht vergitterten mir lange die Außenwelt. Ich verstrickte mich in die Wundergärten der Vergangenheit. Ich tauchte unter in die vereisten Wasser meiner Erinnerungen und griff nach gefrorenen Blüten, die unter meinen warmen Händen auftauten und Offenbarungen dufteten. Ich überflog die Höhen der Vergessenheit und nahm in Beglückung neuen Besitz von den Wundern und Mären der Fremde.

Es war schwer, die Treppen so verzauberter Gänge wieder hinanzufinden. Aber die Gegenwart pochte immer lauter und aufrüttelnder an diese Stollen der Entrücktheit. Als ich endlich in harten Mühen den Ausgang fand und den Januar dieses Jahres wieder erreicht hatte, erstickte ich fast in dem Gefängnis, darin der Krieg uns nun fast ein halbes Jahrzehnt lang eingesperrt hielt.

Tausend Schiffe waren seither zu Inseln gezogen, wo Freude glänzt. Tausend Züge waren hingeleitet in Städte, die nichts kannten von dem Leid, das auf uns gefallen. Tausende Menschen waren besonnte Pfade gegangen, und wir durch schwarzes, entwirrloses Gestrüpp. Tausende Menschen hatten schimmernde Früchte gebrochen, und wir die Hände nach einem Stück trockenen Brotes durch Kerkerstäbe gereckt. Tausende Menschen hatten die süßen Abenteuer des Lebens an sich gepreßt, und wir die unerhörten Nöte des Todes …!

Durfte ich der Jugend zürnen, ihr, der kein »Einst« verschüttet, kein Vergleichen gegeben war, daß sie selbst solcher Zeit Lust abzwang? Daß sie nicht länger vor der verhangenen Schaubude des Lebens harren wollte? Den Eintritt sich ertrotzte? Die Hüter der Pforte überrannte?

Die Zeitungen schrien die »Not des Tages« in jeden Morgen, jeden Abend. Sie malten die Schauer der Todespein im Osten und warben flehend zu freiwilligem Grenzdienst. Von Finanzwissenden verbreitete Artikel besprachen das Für und Wider des Staatsbankerotts und schufen Panik. Blutrote Geschichten von Vergehen und Bolschewistengreueln färbten lange Spalten der Tagesblätter. Die Seuche der Streiks – meldeten sie – breitete sich wie eine bösartige Flechte über das ganze große Land. Bilder malten so weiter: Gehärtete Proletarierfäuste streckten sich drohend hoch. Das Rund eines Riesenmunds brüllte den Landsleuten: »Arbeiten und nicht verzweifeln!« zu. Parteien verlangten – eine andere höhnend – mehr Mitglieder. Die antworteten mit Lästerungen …

Dazwischen aber tanzen und lächeln zierlich gezeichnete Pierretten und Harlekins. In allen Stadtteilen aufwachsende Maskengeschäfte rufen ihre Wohnungen aus. Daneben ergeht auf langen Reihen der immer wiederholte Schrei nach Maskenkleidern, bei Sonderwünschen mit der Versicherung, daß der Preis Nebensache bliebe. Diese Zeitungsspalten wachsen vom Morgen zum Abend, dehnen sich vom Abend zum Morgen länger aus, bis die seltensten Lebensmittel zum Tausche für jeden Maskengegenstand geboten werden. Die hungernde, frierende Stadt fiebert der Nacht und ihren Karnevalsfreuden entgegen.

Ihre nüchternen Nordlandsstraßen, tagsüber von Menschen mit grauen, verzehrten Gesichtern begangen, tragen in kalter Frühe südlichen Putz: papierne Schlangen, zitronengelb und gewunden über naßschwarzen Steinen, pfaublaue Kringel, in die lehmigen Wasser der Gasse gekrümmt, in allen Pfützen flammrot kreiselnde Wunden, grasgrüne Bänder um Telegraphendrähte geklammert. Und von den Simsen hebt der Wind weiße Vögel flatternd zur Höhe.

Sie alle schimmern ein eintägiges Leben lang. Die Straße aber erwacht in nächster Morgenfrühe mit dem Schmuck ähnlicher Formen in immer wechselndem Farbenrausch.

War es der Ruf nach den verlorenen Fernen der Freuden und der Frühlinge, der mich führte? Der bleiche Gedanke, meine Söhne mir enger zu verbinden, wenn ihre Feste die meinen würden? Eines Spätabends schritt auch ich neben Ludwig und Henno über die feuchten Straßen der entlegenen Vorstadt zu einem jener großen Bälle, die Maske und Gesellschaftsanzug gestatteten.

Die vielen Räume des Hauses dienten dem Tage mit sachlicher Nüchternheit. Die Abende aber schufen aus ihnen verwunschene Säle, in denen die Menschen aus ihrer Zerstreuung in die Welt sich heimfanden zu träumerischem Wahn des Vereintseins: braunfarbene Bajaderen mit schmächtigen Armen und langgezopfte Chinesen in schilfgrünem Atlasgewand, neapolitanische Bettelknaben und derbknochige Kriegsgewinnlerfrauen in überputztem Ballkleid und allzu kühnem Halsausschnitt, langbeinige Matrosen neben steilen, hohen Mädchen von unsagbarer Herkunft, behäutete Lappländer und weißumwallte Beduinen, Schauspielerinnen in köstlichen Schleierwindungen, wandelnde Blumen und Kammerzofen in sehr geschmackarmer Verkleidung, rätseläugige Pierretten, mondblasse Hanswürste und irrende Ritter durch diese Welt …

Geigenbögen sprangen jauchzend über die Saiten. Flöten griffen ein paar trunkene Takte auf und schütteten sie wild über die Massen aus. Regenbogene Papierschlangen zuckten über die Köpfe hin und bebänderten feierliche Fracks und ernste Mönchskutten, und ein grün-gelb-rot-blauer Schneefall verhängte dies bizarre Bild zuweilen bis zur Unsichtbarkeit.

Es war nicht mühelos, sich hier zu finden. Doch hatte sich bald ein kleiner Kreis um uns geschlossen. Aus braundunkel verhängter Nische blieben wir nunmehr wechselnd Zuschauer und Mitwirkende des draußen vorübertosenden Spiels.

Ringsum, an allen Wänden, erhielten die Tische, einzeln und in Gruppen, die bunte Zier tanzmüder Gäste, und aus dem Mischmasch der Völker und der Erscheinungen hoben sich die Gestalten und die Begierden der Einzelwesen. Das Profil eines vertrauten Gesichts flog vorüber … ging unter, Blicke brannten auf, verschwelten …

In blutrote Seiden gewickelt, kurzgeschürzt, Hals und Nacken bis zur letzten Möglichkeit der Umhüllung befreit, wiegte sich, schob, raste Lilli von Groddeck, bald dahinschmachtend, bald bacchantisch durch die Räume. Der rote Mohn in ihren Haaren flammte der Schar derer den Weg, die sie zu neuem Tanze werben wollten. Wie junge und alte Männer sie mit den Blicken besaßen, wie ihre Tanzgenossen sie hielten und faßten, wie Ludwig, den Kopf zu ihrem Busen gebeugt, mit ihr flüsterte und zynisch lächelte, kam mir ganz ungefähr ihre Stimme der Novembertage ins Ohr, jene freche Stimme, die sie der »süßen Yvette« gegeben hatte. Und sehr kleinbürgerlich beruhigt, gewahrte ich eine ihrer braven Tanten, die ihr die Eltern auf dem Balle ersetzen sollte.

Zu vorgerückter Stunde saß auf einmal, irgendwo hergeweht, Gert Driesen zwischen uns mit seinem frühalten Gesicht und dem Fremdsein aller jungen Lust. Ich sah eine seltsame Beziehung zwischen seiner Art und der Annemarie Grünhagens, die auch seit Stunden an unserem Tisch war mit ihrem abgedämpften Jungsein. Aber aus den feuchten Tiefen ihrer Augen schoß in Zwischenräumen ein Glitzern auf und sagte von verschwiegenen Strömungen. Und wie ich der Richtung ihrer wandernden Pupillen nachfolgte, schatteten die Gesichter Kurt-Georgs und ihrer Mutter vorüber.

Jähe Angst bäumte sich in mir auf, vor der Abweisung, die Annemaries Gesicht zerstörte. Ich schob mich langsam durch die Tanzenden und bat Tante und Neffe, uns ihre Gesellschaft zu schenken. Allzulange schon wäre sie uns Verlust gewesen.

Aber Annemaries Blicke hingen voll unaussprechlichen Glanzes über dem wilden Gebrause der Ballsäle und schienen dessen nicht zu achten, daß die Augen Kurt-Georgs ihrer Mutter von Dingen sprachen, die seltsam fremd und traurig gegen das Tanzbild in seinem Rücken standen. Es kam ein Chinese, mit schmerzlich verzogenen Brauen unter spitzem Hut, und küßte, sich neigend, Frau Grünhagens Fußspitze. Sie lehnte es ab, ihm einen Tanz zu gewähren. Ein Ritter trat vor und setzte spielerisch seinen Degen auf Kurt-Georgs Brust. Fahrende Sänger hockten in unserer Nische nieder, mit Mandolinengeklimper und Sehnsuchtssang. Derbe Worte fielen wie erregende Wurfgeschosse vor uns hin. Laute voll schwerer Süße rauschten auf und davon. Und alle lobpriesen die Schönheit der Frau und hatten des jungen Mädchens nicht acht. Da mahnte Frau Grünhagen mit peinlich zugekniffenen Lippen zum Gehen, aber Annemarie, immer dies absonderliche Glitzern im Auge, bestimmte zu bleiben.

Gert Driesen hatte sich bislang manches Wort erdacht, das eine Antwort Annemaries wollte. Nun endlich kehrte sie sich ihm nach langem Schweigen zu und sagte und fragte schnelle Dinge. Ein Verhaltenes, Unerklärbares war über ihren Zügen. Ihre dürftige Gestalt neigte sich bisweilen vor und zurück. Da stand plötzlich, rot und lockend, alle überblühend, Lilli von Groddeck bei uns und nahm Annemarie das letzte Wort von den Lippen. Sie drehte sich, streckte die schimmernden Arme irgendeiner zu erwartenden Lust hin. Und ihre Augen zogen langsam saugend die Augen der anderen an sich, mit unbeirrbarer Gewalt. Dann fiel unsagbares Geglänz aus ihren Blicken, haftete bei dem aufwärts schauenden Gert und hob ihn wie an hellblauen Seilen von seinem Sitze hoch.

Sie tanzten, als seien ihre Leiber willenlos verkrampft. Sie tanzten und ruhten anderswo, weit von uns, aus, bis sie von neuem durch den Saal taumelten.

Annemaries Gesicht sah klein und verfroren über uns hinweg, und plötzlich stand sie steil bei ihrer Mutter und sagte: »Komm bitte jetzt!« Und zu Kurt-Georg: »Du nicht!«

Die wehe Melodie ihrer Stimme blieb mir lange im Ohre hängen und überschrie die Lautheit der Festfanfaren. Ich nahm Kurt-Georgs Arm und wir schweiften ziellos durch die Räume. Da sah ich, wie die vorschreitende Stunde die Gesellschaft gewandelt hatte. Viele, die Stillen, blieben unauffindbar, andere, mit grotesken Pappmasken und dicken Tierköpfen – wie auf einer elenden Jahrmarktsschau – mit frechem Gelach und Gejohle, waren von irgendwoher in die Gesellschaft geraten. An vielen Tischen flogen Karten, Kugeln, Spielmarken und Tausendmarkscheine. Frauen mit geschminkten Gesichtern, in unziemlicher Haltung, griffen mit flinken Gierfingern nach den abgegriffenen Papieren. Weintrunkene Männer ließen sie ihnen, vermerkten Forderungen oder faßten mit lüsternen Händen den Gegenstand ihres Kaufes.

In einem Nebenraum war eine Schönheitskonkurrenz ausgerufen. Die Eigentümerin der betörendsten Schultern wurde soeben durch zwei Männer von ihrem erhöhten Postament herabgetragen. Zotige Vorschläge für eine neue Preisbewerbung züchtigten unser Ohr. Sie wurden verlacht und durch ungebührlichere überboten. Wir flohen.

In den Tanz- und Spielräumen rasten immer weiter die Begierden des Blutes und der Habgier. Tänze, Blicke und Gebärden hatten sich jeder Scheu entfesselt.

Ludwig stand neben uns und berichtete, daß Henno lange gegangen sei. Er hätte nur meiner gewartet. Seine Augen starrten voll Verwunderung, als ich ihn mit Kurt-Georg zu bleiben bat.

Dann saß ich an einer Tischecke, hatte das vereiste Gesicht Annemaries, hatte Zeit, Müdheit und Ekel vergessen und war nur noch Auge und zitterndes, eilendes Hirn, während mein Zeichenstift Papier um Papier mit raschen Strichen und Figuren bedeckte.

IX.

Den 29. Januar 1919.

Immer, wenn ich jetzt das kleine Giebelfenster erblicke, steigt Widerwille in mir an und ein beklommenes Erschauern vor diesem fremden Fühlen, das mich erschreckt. Immer neu wächst das erhellte Bild über den dunkeln Massen der Gärten in mein Erinnern, so wie ich es vor zwei Tagen sah: Ludwig, die Hände um einen Mädchenkopf gekrampft, den Rücken gegen das graue Kreuz des Fensters gedrückt, und den enteilenden Schatten des Mädchens, das unerkennbar bleibt.

Und dann das Wissen um ihren Namen: Ellinor, die zarte Ellinor, das schöne Kleinod meiner Freundin aus Jugendfernen. Wie ich die Haustür auftat, lief sie mir durch die Eingangshalle entgegen. Im kleinen verbleichten Gesicht brannten die Mundränder röter als lodernder Mohn. Darunter, in zwei tiefen Eindrücken, die die Form zwei vorstehender Vorderzähne Ludwigs purpurn abmalten, hing je ein Tropfen Blut.

Die beiden Tropfen verdunkelten mir den Tag und fielen als schwarze Tränen in meinen nächtigen Traum, daß ich aufschreckte mit dem Ahnen eines verhängten Wehs und plötzlich wieder wußte: Mein Sohn Ludwig, dessen junges Blut sich alle Nächte an zügellosen Festen und Frauen entbrannte, hatte den Kindermund eines Gastes entheiligt. Hatte die Sinne einer werdenden Frau vorzeitig bedrängt, eines halbwüchsigen Mädchens, die aus frühesten Tagen wie eine kleine Schwester neben ihm gegangen war, deren Mutter der seinen durch Jahrzehnte Freundin gewesen. Wie hatte solches geschehen dürfen? Mein Gehirn zerdachte die gelebten Jahre, Monate, Tage und kam zu den süßen, wehmütigen Abenden vom letzten Dezember. Da sah ich Ellinors beflorte Augen wieder und ihren verstummten Mund, fühlte, wie sie ihren schmalen Körper an meine Knie legte, und wollte eine entschuldigende Ursache für Ludwigs Tun finden.

Doch nicht lange glückte es mir. Gab die wunderbare Neigung eines kleinen, unerweckten Mädchens ihm das Recht zu tändelndem Mißbrauch? Durfte er dieses Gefühl zu einem Zwischenspiel seiner nächtlichen Abenteuer niederziehen? Im Hause seiner Mutter das Gastrecht entwürdigen?

Ich rief den Morgen herbei und zerlegte Frage und Anklage, mit denen ich ihn richten wollte. Aber der junge Tag begann bereits zu altern und Ludwig war immer noch nicht heimgekehrt. Die Blicke Ellinors wehklagten mir aus allen Stuben, allen Winkeln des Hauses entgegen. Nirgends ließen sie mich allein, meine Unrast wuchs riesenhaft auf.

Ich dachte an einen Besuch bei Sabine, mochte Ludwig jedoch nicht verfehlen. Ich harrte seiner in Haus und Garten und an den schneeigen Gittern zur Straße. Es schob, es riß mich hierhin, dorther. Dann kam mir der nahe Gedanke zu telephonieren. »Es ginge der gnädigen Frau und Fräulein Ellinor gut. Sie seien in der Stadt und wollten später zu Frau Bergmann hinaus,« berichtete das Mädchen am Hörrohr.

Meiner großen Angst ein wenig entbürdet, wanderte ich die weißen Vorortstraßen hinab. Durch frostklirrende Luft, über winterstarre Wege, an blänkernden Eisflächen vorüber. Und stand an einer Wegwinkelung vor Ludwig, Henno, Lilli und Leonhard Kauffmann, die mit luftgeröteten Wangen und lachenden Augen dem glitzernden Nordlandstag huldigten.

Das Haus füllte sich bald mit ihrer jungen Daseinsfreude. Zimmer und Gänge schimmerten ihr Frohsein wider und hallten von den tanzenden Melodien der letzten Ballnacht.

Ich zog mich nach gemeinsam genommenem Tee in mein Zimmer zurück und ruhte gedankenmatt von den schlaflosen Nachtstunden und dem Hin und Her meiner entschwirrenden und zurückkehrenden Bangigkeiten aus … Wie lange? …

Der helle Schneetag fiel sterbend in die dunkle Abendgruft, als mir von irgendwo schmerzvolles Wachsein und die wunden Male unter Ellinors Kindermund nahten. Ich besann mich und horchte. Das Haus lag schweigsam in seiner Dämmergrauheit. War Ludwig noch einmal gegangen, mir entwichen, ohne mein Suchen zu ahnen?

Ich ging durch die verstummten Räume zu seiner Stube hin. Ich klinkte die Tür auf. Vor mir, tief in seinen Lehnstuhl gesunken, saß Ludwig, Lilli von Groddeck auf den Knien. Sie küßten sich, als wollten ihre vereinten Münder das Siegel irdischer Glückseligkeit brechen. Sie küßten sich, als stünde der Tod hinter ihnen und ließe ihnen nur diese eine Frist, um alle Meere der Wollust auszutrinken. Und fühlten nicht den Luftzug der geöffneten Tür. Und spürten nicht meine großen Blicke. Und hörten nicht das Treten neuer sachter Schritte. Und sahen nicht das kleine, weiße Mädchen, das die Augen mit schneller Gebärde zudeckte, deren Gestalt sich zusammenbog …

Und wußten vielleicht nicht einmal den Hilferuf in Ellinors Stimme, welche sagte:

»Tante Henny, Mama wartet in deinem …«

X.

Den 30. Januar 1919.

Die nachfolgende Nacht war ein neues, nervöses Warten auf die Heimkehr Ludwigs, der mit Lilli gegangen war. Ein blasses Intermezzo des Denkens, Harrens und Schweigens, zwischen zwei Tagen rot an Geschehen.

Ehe der frierende Wintermorgen sich ganz behauptete, meldete das Mädchen den frühen Besuch Frau von Groddecks. Ich mochte sie nicht warten lassen und meine Finger waren doch steif von Aufruhr, da ich meinen Anzug ordnen wollte. Würde sie logisch genug denken können, der Mutter die Unverantwortlichkeit für des Sohnes Tun zu lassen? In ihren Kreisen blieben Ansichten und Beurteilungen häufig schablonisiert, und Ludwig war dem Gesetze nach ein Unmündiger.

Ich mühte mich, die peinliche Angst meines Gesichtes mit einer Gesellschaftsmaske zu hüllen. Ich zerpeinigte mich nach einem kleinen Begrüßungswort, und dann stand ich im Gartenzimmer vor ihr und faßte den Sinn ihrer Sätze schwer. Wie … sie kam nicht, um meinen Sohn zur Rechenschaft zu ziehen? Nicht als Anklägerin, sondern als Bittende zu mir? Und endlich faßte mein Sinn das Geschehen: Lilli war mit einem Nachtzug entflohen. »Ein Freund, den sie nicht missen könne, warte ihrer irgendwo in der Welt und werde ihr Leiter sein in die neuen Wege hinein,« verriet ein Brief, den sie dagelassen. Aber weder der Name des Freundes, noch des Ortes, den sie aufsuche, sei genannt. Ob ich, ob meine Söhne nicht mehr wüßten? Nicht ahnten, wie dies Wurzel greifen konnte in ihrer Tochter Sein?

Wir beschieden Henno zu uns. Er sprach aufgehobenen Angesichts: wie Lilli in letzten Zeiten die Lauheit und Untertänigkeit der früheren Frau verdammt, wie sie die Mädchen in den Sturm des Lebens hineingerufen hätte. Wie ihr Blut und ihr Sehnen ihr Dinge vorsagten, denen sie folgen mußte, ohne Wehr. Wie die Enge ihrer Heimat sie zu Tode presse. Und sie nur eine Flamme noch sei, hinbrennend zur großen Ferne, zu der Freiheit Lüsten.

Und endlich stand Ludwig im Raum, mit umschatteten Augen. Und sagte, er würde jede Auskunft über seiner Freundin Pläne weigern, selbst, wenn er etwas wüßte. Es sei ihm jedoch sicher, daß Lilli nie mehr nach einer anderen Richtung hin gebogen werden könne …

Und ich saß dabei und erlebte Frau von Groddecks Tränenstürze und mußte ihr Jammern hören um die verlorene Standesehre, um die zerbrochene Zukunft ihrer anderen Kinder, an denen nun der Makel »Lilli« klebe. Und war nahe dabei, Lillis Tun zu verzeihen. Und fühlte dabei doch dies eine mit Erschauern: hier, in meinem Hause war das Feuer entzündet, rot geblasen und geschürt worden, das die Brunst des Weibtiers Lilli in Flammen gesetzt und Aufruhr gegen Eltern in ihre Seele geworfen hatte …

Und während ich der Gebeugten Trostworte hinhielt und ihrer Haltlosigkeit Stütze zu geben suchte, führte ich – meiner Gewohnheit nach – stumme Selbstgespräche zur Rettung meiner Schuldlosigkeit. Wenn mein eigenes Gewissen mich jeder Verantwortlichkeit entlöste, wie durfte da die Menschengesellschaft kommen und sagen: »Ihre Söhne, der Malerin Henny Bergmann Söhne, haben des Mädchens böse Triebe aufgeweckt, haben sie ihrem Elternhause entführt und sie einem garstigen Abenteuer hingegeben. Das ist nun die Ernte ihrer freiheitlichen Erziehungsgrundsätze! …«

Ich aber wußte, wie groß die Entfernung von Eltern zu Kindern ist, und daß kein Bogen einer Erziehung weit genug gespannt werden könne, um die Einflüsse des Lebens zu überbauen, um die eigene Tönung des Blutes zu verfärben. Sind Kinder denn nur körperliche Fortsetzung der Zeugenden? Schlafen in ihnen nicht die Begierden vieler Geschlechter, aus denen Eltern und Urureltern von Vater und Mutter her gewachsen sind? Strömt nicht durch sie das Wollen ungezählter Vorfahren, die in ihren Säften weiterwirken? Und blitzschnell entriegelte mein Denken diese Episode aus Kindheitstagen der Vergessenheit:

Wir hatten im Sommerhäuschen am hohen Berge den berühmten Pädagogen zum Nachbarn. Jenen Erziehungskünstler, dem seit Jahrzehnten die Eltern ihre aufsässigen, wissensfeindlichen oder böse beanlagten Söhne zu Zöglingen gaben. Sein Name stand als Hoffnungsschein vor traurigen Vätern. Sein Ruf kam über lange Brücken zu allen enttäuschten Müttern hin. Und Name und Ruf behielten ihren echten Klang. Neben dem leisen Gelehrten wirkte eine stille Frau und spendete den weithergereisten Schülern Behagen und mildes Frauentum. Ein einziger Knabe nur, starkknochig, mit vorgeschobenem Munde und dichtverwachsenen Brauen, sagte Vater und Mutter zu ihnen unter all den fremden Gefährten. Und doppelt zärtlich leuchtete ihm die Liebe und das Vorbild der Eltern …

Eines Tages hatte der winzige Ort am Berge seine riesengroße Sensation: Karl Z. war verschwunden. Keine Hütte am Hang, kein Haus der Sommerfrischler, das nicht Boten entließ oder selbst auf der Suche war nach dem vermißten Professorssohn. Tag und Nacht und wieder einen Tag und eine Nacht und einen Tag blieb uns Zermürbung und Ungewisses. Am Abend des dritten Tages drang aus dem Bergwald ein krankes Gewinsel, das einer Menschenstimme entstammen mußte. Und wie die Suchenden nahe drangen, lag da, halb entblößt, in Stricke eingebunden, gekratzt und mit zerschundenen Händen der sechzehnjährige Karl. Wegelagerer hatten ihn angefallen, ihn seiner Wertsachen, seiner Stiefel, seiner Jacke und der kostbaren Uhr beraubt, die er für seinen Vater zum Uhrmacher des entfernten Marktfleckens hatte hintragen sollen. Die hellen Lampen der ortsnahen Gerichtsbarkeit aber durchleuchteten das Dunkel und erlichteten das Geschehene und konnten dem großen Erzieher und dem zerquälten Vater die Marterung nicht ersparen: daß der wegelagernde Dieb und sein Sohn ein Wesen seien …

Wie meine Besucherin dann, von Henno geleitet, den frostigen Vorgarten durchging, stand ich mit zerstörtem Gefühl vor meinem ältesten Sohne und forderte Rechnung von ihm über seine Haltung zu Lilli und Ellinor. Er wies meine Anschuldigungen, die früher gedachten und nun verkündeten, beruhigten Gesichtes und in seinem alten hochmütigen Ton zurück. Wie ich Lilli, das Rassepferd, vor die behäbige, verschollene Karosse ihrer Voreltern spannen wolle? »Auch ein Rassepferd, und gerade dieses,« sagte ich, »bedürfe sorgsamer Einschulung, damit es seinen Zwecken diene. Lilli aber, die immer Untätige, die Gedankenarme, handle aus Mangel an Wissen und aus Mißverstehen der Neuheitsideen, die er ihr verkündet und die vielleicht durch die verstaubten Anschauungen ihrer Eltern bessere Nahrung gefunden hatten. Sie alle aber seien zu jung, zu sehr Stürmer, um zu ahnen, wie bald Lilli einem ernsten Wirken hingeführt werden müsse. Älter geworden, hätte sie besser die Möglichkeiten ihres Weib-Erlebens gekannt und wäre nicht wild irgendeinem vagen Zauberbild nachgerannt.«

Ludwig hörte mit abwärts gezogenen Mundecken zu und seine eingekniffenen Augen fragten, warum ich mir so unnütze Mühe und Worte mache?

Da sank meine gewaltsame Ruhe nieder. Und ich ließ ihn mein aufgebrochenes Herz sehen und schluchzte über das kleine Mädchen Ellinor, der so viel Weh hier, gerade von mir, von meinem Kinde, gekommen sei. Und malte ihm ihr verwühltes Gesicht und wie ihr kleiner Leib vor Schmerz in sich zusammengekrochen sei vor dem Bilde, das er mit Lilli gesessen habe. Und weinte ihm meine Qualen zu um die Zerstörung ihrer Kinderillusion, um das Leid, das meiner Freundin nun werde, und um das der strengsittigen Eltern Lillis.

Geschah es um mich? Um Sabine? Um Ellinor? Um Groddecks? Mund und Augen Ludwigs wurden ernst. Seine Stimme aber murrte, während er ausführte, wie ich unmöglich die Mädchen von heute meinen Auffassungen angliedern könne. Keine, aber nicht eine einzige, die über Liebe anders denke als er, die sich dem Augenblicke versage, wenn ihr Blut sänge. Ob diese Zeit mich nichts mehr gelehrt habe? Freie Liebe, freie Lust für alle, ohne Gewissensansprüche, ohne Zeitbedingnisse. Älter werden sollte Lilli? Zu welchem Ziele? Mündigkeitsfrist sei nach den Gesetzen von ehemals erklärt. Die neuen Geboteschreiber würden andere Grenzen ziehen, mit sechzehn Jahren sei jeder Geschöpf für sich allein, und nicht den Erzeugern, nicht dem Staatswesen hörig, sobald er sich uneins mit ihnen wisse …

Ich widerlegte seine allzuviel gehörten und zu wenig bedachten Theorien, indem ich ihm Ellinors Erschütterung wiederzeigte, und dabei entkam mir die Frage, wie sich sein ferneres Verhalten zu ihr bilden würde?

»Das läßt sich keinesfalls vor einem neuen Wiedersehen bestimmen, kleine, neugierige Frau Mama,« sagte Ludwigs Stimme in ganz gewandeltem Klang. Seine Augen überschien ein huschendes Geflimmer. Sein Mund öffnete sich. Und es umgab ihn jenes Lächeln, das einer törichten Eitelkeit, gesättigten Trieben und irgendeiner Vorstellung neuer geheimer Freuden entstammte, von denen man zwar nicht spricht, die man aber gar zu gern von seinen Gesichtszügen ablesen läßt. Jenes unsaubere, perfide Lächeln des Manntiers, das ich so grenzenlos verachte.

Das Lächeln verbreiterte Ludwigs Mund. Und zwischen sein klaffendes Rot schob sich das Weiß der beiden vorgebauten Vorderzähne …

Da geschah mir das Unbegreifliche: ich haßte das andere Geschlecht in meinem eigenen Sohne.

XI.

Den 16. Februar 1919.

Die Menschen, die zu Hause geblieben, hatten viel vom Tode gehört in diesen Jahren. Hatten ihm Vater und Gatten und Söhne und den Liebsten gegeben. In Zorn, in schmerzender Auflehnung, in patriotischer Heldenhaftigkeit, in frommem oder stumpfem Ergebensein. Aber sie hatten ihn nicht selbst in ihrem Rücken gespürt, den letzten Besucher. Nicht sein Schleichen in windiger Nacht auf den Treppen. Nicht das Lauern seiner hohlen Augen auf ihrem blütigen Jugendgesicht. Nicht den Fang seiner dürren Eiseshände nach ihren warmen Gliedern. Nicht das fiebernde Feuer, das er durch hungerverheerte Körper hetzt.

Nun erfuhren sie, wie Todesfurcht tut. Nun kam gar einem, dem man nie genug der jungen Todesbeute zum Feld des Schlachtens gesandt hatte, die bleiche Angst vor dem eigenen Auslöschen. Nun glitten sie grauwangig an den Häusern hin und kauften Arzneien zum Vorbeugen und suchten vorzeitigen Schutz bei Ärzten und bei den Starken ihrer Bekanntschaft.

Die Obrigkeit und die Verwalter der Volksgesundheit setzten ihm ein kleines, harmloses Hütchen auf und gaben ihm einen freundlichen Namen. Er aber flog mit diesem unschuldigen Passe »Die Grippe« über die Lande und lehrte die Fröhlichen und die Mürrischen, die Feigen und die Gefahrsuchenden, die Gedankenlosen und die Allzubedachten, lehrte sie alle: die Lebensnacht anbrechen zu wissen und – den Sang des Lebens im Blute – zu fühlen: ich versinke! … Und seine Bevorzugten, die am liebsten Hinterlisteten blieben die ganz Jungen …

Wir hörten es hier und dort einmal. Und schon verfiel Henno dem Fieber. Sein frisches Jungenblut wehrte sich lange gegen der Seuche Übermacht. Und doch war sein Körper dann eine einzige Feuersbrunst, die ihm Gedanken und Selbstbestimmung verbrannte, daß er die Hände über die Decken wälzte und seinen Ruhm endlich anfühlen wollte, daß seine kranke Stimme nach Erleuchtungen schrie, nach Bildern, die er auf Wände und Stoffe setzen wollte, mit nie gemischten, unverlöschbaren Farben, damit die Menschen heute und in weiter Zukunft vor seinem Namen und vor seiner Meisterschaft hinsänken in die Knie.

Vor diesem zwiefachen Kranksein meines Jüngsten verwandelte sich mein Herz, das die Kälte der Kinder wintern gemacht hatte, und stürzte frühlingshaft vor sein Leidensbett. Ich hielt seinen schwanken Knabenkörper in den Armen und sprach ihm mit meiner Stimme aus jungen Muttertagen Friede zu. Ich baute ihm Schlösser zu den Sternen auf und ließ von allen Planeten Anbeter seines Genies herabsteigen und ihn bekrönen.

Und wie sein siecher Körper sich erneut dem Leben entgegendehnte, mit beruhigtem Sinn, und alle Fährnis zurückstieß in starkem Wollen, unterdrückte die Krankheit Ludwigs hartnäckigen Widerstand. Und der Hoffärtige mußte durch eine fremde Gewalt abwehrlose Mißhandlungen dulden und lange schweigen und konnte dann nur flüstern, die Augen voll Müde und einer leisen Beschämtheit.

Viele Jahre fielen hinter mir zusammen. Und aufgerollt lag vor mir eine alte, weite Zeit. Ich belauschte wieder in Bangnis und in Trauer den Atem meiner kranken Knaben. Ich wartete ihrer Tag um Tag und Nacht um Nacht. Ich hütete die schwanke Flamme des gelbmatten Krankenlämpchens. Und die Winterwinde bestürmten die Stadt und unser Haus im Garten, während mir märchenferne Lieder zufielen. Einmal klang ein vergessenes Wort auf: »Und wenn er mir tausendfach unrecht tut – ich bin doch sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsere Söhne erringen, ehe wir wissen, was sie sind …« Und noch: »Ich verstehe unter Sohn ein Wesen, das mir geschenkt ist, dem ich dienen muß …«

Das war ja jüngste Gegenwart, die da in unser welt- und zeitfernes Krankenheim einbrach, die mich dieses hören ließ … Schon einmal … Und dann erinnerte ich mich, daß es der Kommissar aus jenem jungen Drama war, der diese Worte zu mir gesprochen, und daß ich ihm hatte folgen wollen.

War der Wille, meinen Kindern zu dienen, nicht machtvoll genug gewesen? Was hätte ich beginnen sollen, um ihre böse Abkehr von mir zu hindern, ihre betörten Handlungen zu vereiteln? Wie die Mißformen ihrer Vorstellungen umgestalten? Warum denn war dieses trotzige Nachtragen in mir, seit ich meine Söhne mir fremdgeartet wußte? Weshalb mühte ich mich nicht, ihrer persönlichen Art nahezukommen? Wieder und wieder? Sollte Liebe zu unseren Kindern auch nur höchstentwickelte Eigensucht sein? Durch die wir unsere Körperformen, unsere Beanlagungen, unsere Gedanken in ihnen wiederlieben? Und wäre es möglich, daß sie bei sehr großem Abstand einmal versagte? …

Die Nordstürme bliesen so schaurig in dieser schwarzen Stunde der Nacht. Ich nahm mein großes Weh in leise Hände und trug es dem schlafenden Henno zu. Und die zärtlichen Hände liefen über die seinen und sollten ihm in seinen Traum sagen: »Siehe, du, der werdende Künstler, du mußt meine Flucht vor eurer brutalen Gewaltsucht, vor euren reuelosen Abenteuern und Gieren, vor dem Mangel an Scham verstehen, mit dem ihr eurer Mutter das traurige Gebot kündet: ›Das Alternde wird überrannt.‹«

Der Traum, den Henno träumte, aber war stärker als meine Flüsterworte. »Aus dem Wege, ihr alle!« überschrie er plötzlich die stürmenden Winde vor dem Blaß des Fensters und packte wild meinen Arm an.

Da wußte ich, daß auch die künstlerische Gemeinschaft, die Henno mit mir band, keine Gemeinsamkeit sei, daß Kunst bei ihm erdebeheimatet bliebe und Ruhmsucht und Marktgeschrei heißen würde, und daß er meine sternennahen Entzückungen: das Erträumen, das Erfinden, das Erschaffen als Glück an sich nie kennen, nie verstehen, nie ersehnen würde.

»Aus dem Wege, ihr alle!« rief er uns auch ohne Worte zu, sobald er das Bett verlassen konnte. Das Hauswesen mußte sich seinen Arbeitsstunden, den willkürlichen, zupassen. Ludwigs Gäste wurden aus der Söhne Zimmer gebannt. Und Ludwig selbst, der immer Spöttelnde, der immer Neinsagende, durfte, kaum genesen, seine eigenen Wünsche im eigenen Heim nicht zur Wirklichkeit machen. Auch er sagte dem jüngeren Bruder: ja! …

Ich aber zog in mein lichtgefülltes Zimmer heim und holte die unerlösten Vorstudien jenes Balles aus meinen Schränken. Und entlas ihren Andeutungen die mehlbleichen Hanswürste und die scharlachroten Dirnen, die Feuer der Lampen, die von Fratzen beschatteten Spieltische, die tanzenden Tiermasken und die Farbenschreie der Gewänder. Und begann den ganzen schrillenden Revolutionsball aufzuwecken. In Einzelfiguren und in Gruppen und in Zieraten, die sich einem großen Bilde einordnen sollten.

Es erstaunte mich, daß Henno immer häufiger in mein Zimmer trat, daß er seine Arbeit stundenlang ruhen ließ und mir mit dunkelnden Augen zusah.

XII.

Den 10. März 1919.

Regen liegt schon lange über der Stadt, mit trauriger Melodie. Aber zwei Tage lang blutete Brudermord, daß seine graunassen Ketten sich feuern färbten und der sehnliche Singsang Wehegeschrei ward. Der Krieg, der durch wundersame Fügung in milder Wendung diese Stadt hatte liegen lassen, war nun durch Brüder hineingehetzt worden. Wie Gift, durch Freundeshand heimtückisch in einen einst geliebten, siechen Körper getragen, um ihn ganz verelenden zu machen. In früher Morgenkälte schon rollten Kämpfe. Kostbares Leben entströmte, durch Aufrührer verspritzt. Stadtteile wurden Nester von Rauch. Fenster zerbarsten. Mauern schauerten. Und die nackten Bäume erbebten und schüttelten ihre frierenden Häupter.

Es gab Neugierige, die ihr sicheres Haus ließen und ausgingen, solches Schauspiel zu besehen. Manche kamen verstümmelt, manche gar nicht mehr heim. Sicherheitswachen warnten. Aber die böse Lust nach lärmenden Eindrücken überschrie Vernunft und Warnruf. Andere irrten durch langgewohnte Räume. Ihre Augen liebkosten manches Stück Hausrat. Ihre Gedanken wühlten in öder Pein Wogen der Erinnerung auf, die sich über das Meer ihrer Schmerzen hinwegwälzten, jeden Augenblick fertig, unter brennenden Trümmern oder durch eine Kugel zu verenden.

Auch diese Tage gehören dem Vergangensein an und wurden Beute der Sprechlüsternen. Solcher, die alles lange vorausgesehen hatten und es gut befanden. Und solcher, die es bekrittelten und noch lange Tage vor Furchtsamkeit schlotterten. Und alle nahmen teil an dieser und an jener Gruppe der Streiter. Und diese und jene erhofften gerechten Ausgang durch Mordgewalt. Und bedachten nicht, daß nur eines Friede wirken kann und Gerechtigkeit: in Verständnis dem anderen nahezukommen. Mit großem Bemühen, selbst auf langen, unschönen Wegen. »Den anderen zu lieben, wie sich selbst,« dahin werden Menschen wohl noch tausende Jahre wandern müssen. Ihn zu verstehen, seine Art, seine Lebensbedingungen zu achten und zu fördern, wie die eigenen, das muß vornehmste Aufgabe des Geschlechtes von heute und von morgen sein.

Solches Geschehen und Betrachten hatte mich aufgetrieben vom Heim und meiner Schaffensverzückung und zu Sabine hin, denn länger konnte ich Sorge und Unkunde um Ellinor nicht tragen.

»Ob ich nicht wisse, daß Fräulein krank sei?« staunte das Hausmädchen an der Eingangspforte, »schon zwei Wochen lang oder mehr.«

Sabine empfing mich in ihrem Wohnraum. Ihr graublasses Gesicht ertrank im Halbdämmer des Spätnachmittags. Die Schmalheit ihres Körpers in diesen kurzen Wochen des Ferneseins war beängstigend geworden und klagte meinen Sohn hart und laut an.

Ich senkte den Kopf tiefer als ein überführter Verbrecher. Meine Beredsamkeit als Verteidiger entfernte sich jäh von mir und ließ mich mit meinen Theorien allein auf weiter öder Steppe. Dort saß ich, meiner Freundin fern, beladen mit der Freveltat meines Sohnes und wußte kein einziges Wort.

»Du schweigst schon um ihrer Erkrankung willen und weißt noch nicht das Schlimmere,« klagte Sabine nach banger Stille.

Ich wollte meiner zusammengedrückten Kehle ein paar Laute entquälen, ihr sagen, sie anflehen … Da sprach sie schon weiter mit schwerem Ton. Wie die Krankheit das Kind plötzlich gepackt hätte, mit Fieber und schauernden Frösten. Wie sie nun – auf dem Wege zur Genesung – eine andere geworden sei. Eine starke, entschlossene Frau, die keine Träne mehr habe vor dem schwarzen Marterkreuz, das sie ihrer Mutter aufbürde mit dem festen Vorsatz, ins Kloster zu gehen. Im Frühling schon, nach beendeter Schulzeit, zu ihrer Tante, die Äbtissin sei im klösterlichen Verband zur heiligen Barbara, und daß sie trotz inbrünstiger Mutterbitten kein Wort verrate, worum dieser Entschluß ihr gekommen sei.

Ich hörte ihr, ins Finster meiner Gedanken gestürzt, zu. Erkennend, wie weit auch dieses kleine Mädchen von ihrer Mutter fortgegangen war, seit sie die Trauerkrone der Liebe trug. Und mein Herz krümmte sich zusammen vor diesem Elend: daß Vertrauen und Mitteilen aller Kinder zu Fremden hingehe. Und wußte mir in diesem Dunkel immer wieder nur den armen Trost: daß ein ganzes Menschenalter, und die scheue Scham vor diesem fremden Alter das Kind von seinen Eltern trenne, und daß die rührsamste Liebe kein Steg darüber sei …

Und dennoch hörte ich mich kranke Trostesworte hinsagen, jeder Überzeugung leer. Verstummte aber vor der schleichenden Pein, mit der Sabines Blicke fragten, warum ich sie belöge. Da bat ich sie zu bleiben, damit Ellinor vor mir allein ihre grausamen Entschließungen begründe.

Als ich plötzlich und ohne Meldung in ihrem Zimmer war, saß sie aufrecht in ihren weißen Kissen, die messerschmalen Hände um ein Betbuch gelegt. Aus teerosenbleichem Gesicht starrten ihre Augen mich verdunkelt an. Ihr Körper, winziger noch geworden, fiel ohne Halt vorneüber und Tränen tropften auf Finger und auf Buch.

Auf einmal kam aus unsagbaren Weiten ihre Stimme zu mir geflossen. Ihre novemberne Kinderstimme als Fräulein, die seltsam schwingend zu Ludwig gesprochen hatte: »Liebt’ ich dich denn, wenn ich dir nicht ein Opfer brächte? Ich weiß, daß ich zu vielen Tränen verurteilt bin, aber das muß wohl so sein. Welche Seligkeit, auf der schwankenden Brücke der Lust!«

Ich faßte ihre Kinderhand und hielt sie sprachlos fest. Was hätte ich reden können, damit ihr Leid um meinen Anblick sich verringere? Wir saßen wohl eine halbe Stunde lang und sagten nichts. Und doch fühlte ich, wie der große Aufschrei ihres Herzens schwächer ward, wie ihr Blut sich besänftigte unter der schweigenden Kosung meiner Liebe.

»Daß beide Söhne dir so fremdgeartet sind!« sagte Ellinor aus einem Nachdenken heraus.

»Das beschäftigt auch mich seit Monaten,« gab ich staunend als Antwort, schwächte das Gesagte aber ab: »Jahrzehnte an Altersunterschied verwischen die Ähnlichkeiten.«

»Es ist nicht dies, daß sie so anders wurden,« erwiderte das Mädchen, beharrlich ihren Gedanken weiterführend, »auch ich bin ein Geschlecht jünger als mein Vater. Kaum kenne ich ihn mehr. Seit er im Kriege, blieb ich unbeeinflußt von ihm. Und doch fühle ich, wie seine Art in mir auflebt.«

Und als sie mein Aufmerken sah:

»Mammi hat dir sicher von meinem Entschluß gesagt. Wie sollte mir sonst diese Sehnsucht kommen, wenn nicht von ihm? Meine Mutter, die Mitschülerinnen, meine Freunde, alle neigen sie weltlicher Weise zu … Alle werden sie meine Wahl töricht, kindhaft, voreilig benennen … Er aber, mein Vater, der Dichter und fromme Katholik, wird wissen, daß es nicht Enthaltsamkeit, daß es Wonne ist, die mich dorthin, zu den heiligen Freuden gehen heißt …«

»Du bist zu jung noch. Deine Entschließungen dürfen nicht heute schon dein ganzes Leben binden,« unterbrach ich sie. Und die Schuld meines Sohnes krallte sich in mein Herz.

»Jung?« fragte sie. Und ich erinnerte mich, daß das gleiche Wort, so gedehnt und abweisungsvoll schon einmal zu mir gesprochen war. Und wie ein Schemen flog Gert Driesen an mir vorüber. »Jung? Es gibt Menschen, die kaum als Greise altern. Und es gibt Junge, die ein Tag alt und weise werden läßt. Oh, ich weiß das Leben der Welt jetzt,« rief sie und ihre tote Haltung wandelte sich und wurde lodernde Empörung: »Soll ich es dir sagen, damit du meine Bestimmungsreife erkennst? Das Leben der Welt da draußen heißt Krieg, Revolution, Diebstahl, Mord, Lüge, Falschheit und Wortbruch. Ist Grausamkeit, Eigensucht und Genußbegier. Ist alles, was einen häßlichen Namen führt. Und selbst die schönbenannten Dinge tragen nur lose Hüllen und offenbaren bei geringer Wendung ihre geheime Garstigkeit …

Dort aber, vor jener Stätte, die mein Leben einschließen soll in ihre ewige Heiligkeit, bleibt alle dunkle Last des Lebens zurück. Dort werden die Leiden und Züchtigungen der Erde in trunkene Lust verkehrt. Dort ziehen die Tage vorüber, weiß und unschuldig, wie eine Prozession feiertäglicher Firmelkinder und blicken uns an mit edelsteinreinen Augen. Dort, hinter jenen Toren der stillen Glückseligkeit, verschweben die Stunden auf den sammetnen Sängen der Nonnen und der frommen Orgeln und schmiegen uns in sanftblaue Weihrauchdüfte. Dort stützen die Heiligen unsere Herzen, daß sie nimmer im Erdenmeere des Leides ertrinken. Dort heben uns die zum Menschheitsheile Geopferten empor, damit wir nie mehr im Abgrund der Einsamkeit versinken. Oh! Wären die Monate schon gelebt, die mich von jener mondleisen Bleibe scheiden! Daß ich nur noch die gefestigten Mauern des süßen Asyls, meine Augen die Welt nur noch durch verdämmernde Kirchenfenster schauen! …«

»Kleine, süße Ellinor!« flehte ich, »bleib bei uns! Nur eine kleine Wartezeit! Vielleicht, daß du hier etwas findest: Deine Kunst zu dichten, einen geliebten Menschen, die du mit gleich schwärmerischer Sehnsucht umfangen könntest. Bedenke, es gibt keine Rückkehr von dort! … Es sei denn, unter unfaßbaren Opfern …«

Da schrie sie die wilde Klage:

»Mein Glaube an eure roten Erdenfreuden, an der Menschen Verlaß ist gestorben. So laßt mir das Paradies der kerzenblassen, himmlischen Schwermütigkeiten …«

XIII.

Den 20. März 1919.

Ich arbeitete emsig und spät in die Nächte hinein, um meine eigensinnigen Gedanken von Ellinor und Sabine fortzujagen. Und hatte angeordnet, daß kein Besuch mich störe. So erfuhr ich nach Tagen erst, als ich meinen allzu angespannten Nerven Ruhepause geben mußte, daß Kurt-Georg zweimal gebeten hatte, mich sprechen zu dürfen.

Ich rief ihn ans Telephon und wollte wissen, ob ihn etwas bedrücke. Er komme sofort, hieß die Antwort und sagte mir ehe er da war: ja.

Und wie er eintrat, mit eingezogenen Schultern und sein Gesicht zu mir aufhob, das mit einer gilbenden Schicht bezogen schien, wußte ich, daß ungeheure Last ihn beschwere. Er sprach von ganz fortliegenden Dingen, wie ein fremder junger Mann von Stande und Umgangsformen. Seine Augen sahen schräge an mir vorüber auf einen nackten Punkt der Wand.

Ich zerriß einen seiner Sätze, aus fernen Worten zusammengesetzt, die weder zu ihm, noch zu mir gelangten, und bat ihn, mir das Ziel seiner Besuche zu nennen.

Er verwirrte sich in seiner Erzählung, blieb stecken. Dann brach hinter der maskenhaften Gleichgültigkeit des Gesellschafters die Traurigkeit eines Menschen durch, der furchtbar litt. Langsam, immer noch in Widerstreben, schob seine Hand sich in eine Tasche, entnahm ihr einen gelbgesiegelten Brief und seine zuckenden Finger ließen ihn auf den Tisch fallen.

»Soll ich lesen?« fragte ich.

»Ich … bit … te …« Dreimal hob seine Brust sich, um die Silben deutlich werden zu lassen.

Der Brief war aus Berlin und von Gert Driesen geschrieben:

»Armer Kurt-Georg!

Du hast noch eine weite Strecke zu pilgern, ehe Du zu dem Ziele kommst, dessen Türe ich sogleich öffnen werde. Ich muß Dich für diesen Anfang um Verzeihung bitten und für die Banalität, die dahinter steht: ›Wenn Du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr!‹ Aber was ist denn unser ganzes Leben anderes, als eine große gähnende Banalität? Und wozu sich die Mühe nehmen, sie schönzeichnerisch zu umranden? Solche Effekthascherei überlasse ich jenen, die noch die vage Kühnheit besitzen, sich dieses Leben gelb, rot, grün oder blau malen zu wollen. Ich sehe es, wie es ist: eine schmutziggraue, abgestandene Lache.

Warst Du nicht mit in Henny Bergmanns Salon, wenn ich meine Eindrücke vom Kriege hersagte? Hinter diese Erinnerungen hätte ich den dicken Punkt setzen müssen. Nach der Rückkehr aus jenem Unrattümpel war ich jenseits aller Erwartung angelangt. Und selbst die andere Hälfte, aus der unser Sein besteht und die sich Enttäuschtwerden nennt, war mir nur noch als Zustand für Säuglinge bekannt. Da kam die rote Flamme Lilli, höhnend, immerzu lockend, eine maßlose, ungeheure Versprechung! Und – die Möglichkeit einer Aufrüttelung vor mir – folgte ich diesem flimmernden Irrlicht in neuen Morast.

Leonhard Kauffmann befreite mich von ihr und von meiner Fadheit. Er, der den Krieg von der anderen Seite gesehen, hatte das Kinderfieber, von einer Frau Erlösung zu erhoffen, oder Glück oder wie man es sonst heißen mag, noch nicht hinter sich. Die Seuche wird ihn, fürchte ich, verheerend hinwerfen. Denn Lilli kann nicht bei ihm enden, wie sie bei mir nicht angefangen hat.

Ich gehe also vor diesen langweiligen Wiederholungen, die sich Leben benennen, davon. Bin neugierig, ob dort etwas Merkenswerteres anzusehen ist! Ich habe Bewunderung und Bedauern um Eure Auffassung.

Daß es Euch wohl sei! In Eurem Sinne!

Gert.«

Kurt-Georgs Augen hingen an mir, schwer von ungeweinten Tränen.

»Wie er sich mit seiner Scham verkriecht,« klagte er verstört, »als ob nicht aus jedem Satz der Schrei nach dem einen Weibe ginge, von der ihm selbst Rettung werden sollte …«

»Kann man das wissen?« sann ich, »wer hat je im Kampf zwischen Leib und Seele erkannt, wer Sieger blieb? Mir scheint Gert Driesen ein spätes Opfer des Krieges. Viele mögen sich aus Umständen wie die seinen zurückgetastet haben in ein bürgerliches Pflichtendasein. Mehr aber – sehen Sie unsere Arbeiter – haben bis heute nicht Kraft dazu gehabt. Ein Kind noch, aus der Schule her, in ein Leben der Zuchtlosigkeit, satanischer Gier, perverser Ausschweifungen geschleudert, jahrelang durch Befriedigung der tollsten Abenteuer übersättigt, fand er nichts, was jene Zeiten überbieten konnte. Stille und Arbeit waren ihm fremde Worte, fremde Werte, und so mußte die Welt ihm Widerwillen sein …«

»Daß Lilli ihn nicht zu halten wußte …,« zagte er immer noch einmal, »wie wird sie es tragen?«

»Wer weiß, ob er zu halten war,« beschwichtigte ich ihn, selbst kummerbelastet, »wenn nur jemand käme, der sie festhielte …«

»Solche Frauen hält man schwer,« kündete er seine junge Weisheit. »Wissen Sie …,« er stockte und schleuderte es dann rasch heraus: »Wissen Sie, daß meine Mutter sich geschieden und wiederverheiratet hat? Zum dritten Male …« wollte er spotten. Aber sein Gesicht zeigte eine weinende Grimasse.

»Werden Sie sie aufsuchen?« fragte ich, nur um keine Stille zwischen uns zu legen.

»Ich habe eine zweite Mutter gefunden,« und seine Züge durchleuchteten sich … »ihre Schwester, Tante Grünhagen … Sie gleicht ihr im Aussehen so sehr …«

»Und Annemarie … wie nimmt sie den Halbbruder auf?« forschte ich angstbeklommen im Gedenken jenes Balles.

»Sie will ein paar Semester zu anderen Universitäten ziehen. Sie verwickelt sich immer mehr in dunkle Probleme und schwierige Arbeiten … Wir sehen sie nur bei den Mahlzeiten, und es weht uns Kühle an von ihrem versteinten Gesicht …«

Ich holte eine Mappe, um das Gespräch zu wechseln, und meine Gedanken stürzten zu Ellinor und Gert Driesen zurück. Zu den beiden, die ihre Wege aus all diesen dunklen Wirrsalen hinauszuführen gewußt hatten. Sie, indem sie ihre lichte Seele dem Himmel anbot. Er, indem er seinen befleckten Leib der Erde wiedergab.

XIV.

Den 9. April 1919.

Ich weiß, sie alle würden sagen: »Es konnte nur so werden, bei Frauenerziehung und da der Vater fehlte!« Ich aber würde sie mit der Frage schlagen: »Und Lilli von Groddeck? Und Karl Z.?« War Lilli nicht die erste Leben gewordene Hoffnung eines Elternpaares von beamtenstarrer Gesittung und altbewahrter Frommheit? Hatte Karl Z. nicht den berühmtesten, den erfolgreichsten Pädagogen zum Erzeuger und als tägliches Beispiel vor sich?

Immer schon war, solange die Welt atmet, Umsturz in gärenden Kinderschädeln um die Wende ihres Flüggeseins. Immer schon starrte ihr Ungestüm zur Spitze des Berges hinauf, ob ihre Vorderen nicht oben angelangt seien, und wann ihr Abstieg begönne, damit sie selbst sich, weite Abstände überspringend, zu ihrem Platze hinaufschwängen. Nie aber schien mir die Brutalität so weit gegangen, den langsam Hinabwandernden Steine nachzuwerfen, um ein Rückblicken, ein Stehenbleiben zu behindern, nie die Bedenklosigkeit, Bosheit gegen Liebe zu geben, so groß, wie bei dieser Jugend des Krieges und der Revolution.

Gewiß, es gab und es gibt andere Kinder. Aber sie sind vereinsamte helle Lichter auf dem dunklen Gemälde der Gegenwart. Und so viele Empörer überschreien sie, daß sie sich mit ihrer Furcht, zurückgeblieben zu scheinen, verstecken.

Als unerbittlich Fordernder stand Ludwig vor mir, gestern, da er in harten, mißschönen Worten erneute Verpflichtungen bekannte, eine Summe verlangte, welche uns mehr als ein Jahr Unterhalt sein muß. Er las aus Blick und Schweigen mein Erstaunen, meine Abwehr. Wollte einlenken, indem er dies sein Erbteil nannte, das ihm bei Mündigkeit ohnehin zufiele, und mich bat, mit dieser Ansicht als seiner unabwendbaren Haltung zu rechnen. Ohnehin würden Henno und er bald selbständig sein.

Ich dachte an die langen Jahre, die diese Studierenden noch gehen mußten, bis Wissenschaft und Kunst sie mit Brot belohnten, während sie jetzt schon Kuchen verkrümelten und Weine verschütteten, und daß ihr winziges Vermögen nicht den geringsten Teil von diesen Lebensansprüchen deckte und von denen, die die Not dieser Jahre brauchte. Ich dachte seiner früheren Schuld, meines ersten Opfers und seiner Hoffart bei unserer Auseinandersetzung. Wie demütigend wäre ein nutzloses Wiederholen!

Und wieder tat ich den Gang in die Stadt unter tiefhängenden Wolken. Diesmal als Bittende bei zuwideren Berechnungen, Zusammenstellungen und Findigkeiten, deren Ziel nur das gleiche geblieben war: Ludwigs nächtliche Verfehlungen auszutilgen. Und wie graue Aprilschauer prasselten, wie ich weiterhastete, unter Schloßen und widrigen Winden, die die anderen Menschen von den Straßen vertrieben, verfielen lange Jahre, weil an einem solchen Aprilanfang mein Ältester seinem ersten Schulzwang gehorchen mußte und mich mitzwang. Ich war von einer Krankheit genesen. Aber sein Weinen war stärker als meine Bedenklichkeiten und des Arztes Verbote. Ich spürte seine angstheiße Kinderhand in der meinen. Seine tränenbeladenen Blicke zogen mich unwidersprechlich zu seinem Willen hinüber. Und meine Zärtlichkeit, meine liebegroßen, verschmitzten Überredungskünste verzauberten seinen ersten harten Gang im Leben durch die menschenentleerten Gassen bei schmerzendem Windes- und Regentreiben, daß er an der Schwelle des Schulgebäudes das Gelübde sprach, unhaltbar wie alle Gelübde auf lange Dauer: »Mit dir werde ich immer, überallhin gehen, wo du willst …«

Hieß das Leid der Erde nicht von allher Mutter sein? Wie ein Fremder hatte er mich angeschaut. Wie ein Fremder seine Worte gefügt, gestern, als er uns für Jahre hinaus auf meine Arbeit stellte. Eine Arbeit, die von ungezählten Zufälligkeiten abhängig war, und die schon die Mutigsten von hohem Künstlertum zum Kunstfabrikanten erniedert hatte. Müßte ich nur für meine eigenen Tage Sorge tragen, was täte das? Aber die Jahre ihrer Studien bedrückten mich wie banger Nachtalp. War nicht ohnehin oft genug die Künstlerin, die Kunstschaffende in mir von Mutterpflichten verdrängt worden? Durch Zeitverluste, Stimmungsumschwung und unbenennbare kleine Schatten?

Vielleicht auch die Mutter durch die Künstlerin? fragte es irgendwo leise in Kopf oder Gewissen. Ich wollte gern Rechnung ablegen. Wer aber war der gerechte Entscheider? Hatte ich nicht immer ihr Menschsein geachtet vom ersten Tage an, bewußt der Verantwortung, die Vater und Mutter beim Vorhandensein eines neuen Wesens auf sich nehmen? Hatte ich nicht ihr Werden, ihre Art uneingeschränkt sich entwickeln lassen? Was entzog ihnen die Künstlerin? Nichts Faßbares … sicherlich. Vielleicht doch den vollen Ton eines Liebeswortes, wenn meine Urheimat: der Traum mich gefangen hielt? Vielleicht doch ein aufmerkendes Hinhören vor der neuen Offenbarung einer Farbe oder eines Gedankens? Vielleicht auch nur wenige Minuten durch mein Enteilen, sie rasch auf Papier zu bringen, während das Kinderherz noch die Mutter brauchte …?

»Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen anderen zu lieben!« Hatte ich es vor mich hingesagt? Oder sprach eine fremde Stimme mir ins Ohr und in die bangende Seele? Ganz laut und lange schwangen die einzelnen Silben in mir fort.

Ich eilte, die Geschäftsangelegenheit zu überwinden, und lebte noch lange im Banne ihrer Häßlichkeit.

Dann bat ich Ludwig – wie damals – in mein Zimmer, das Herz voll Milde und zum Verzeihen bereit. Er kam, ganz zuckende Erregung, und sah nicht die Wandlung in meinen Gesichtszügen und fühlte nicht, wie meine Liebe ihm entgegenging.

Ich begann zu sprechen, stockend, nach Worten suchend, die ihn zu einem anderen Weg führen sollten, ihm leise Bitten zu sagen, daß solches sich nie, nie wiederholen dürfe …

Seine Ungeduld machte ihn unfähig zu hören …

»Hast du es …?« zerschrie er den Beginn eines neuen Satzes …

Ich legte die Scheine auf den Tisch …

»Siehst du, es ist alles ganz leicht … Wenn man nur den bestimmten Vorsatz hat …« sagte er und holte Atem, tief, aus bedrängter Brust.

Und als ich ihm die Schwierigkeiten zu nennen anfing:

»Nun? Und was weiter? Du hast ja deine Kunst … Und dann … bist du zu alt, um die Freuden zu verstehen, die mir das Geld gibt …«

Vielleicht war es eine Ungeschicklichkeit, in der Aufregung hergesagt … zum Trotze … Ich aber hörte fortan nur jene Worte, heute, vom Wege. Sie schwollen an zu lauten Schreien. Zu dem Jammergeschrei der Väter und Mütter, die mir ihr blutendes Herz geöffnet hatten, und all jener, die ich nicht kannte in der Welt, und die vergebens nur einen kargen, einen elenden Teil der Liebe von ihrem Kinde ersehnten, mit der sie es so schwelgerisch überschütteten. Sie wurden zu dröhnenden Hämmern und schlugen sich in mein Hirn: »Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen anderen zu lieben …«

XV.

Den 30. Mai 1919.

»Du hast deine Kunst,« hatte Ludwig gesagt. Vor wie vielen Wochen? Die Tage standen auf und fielen zusammen und wiederholten mir die Worte, mit denen er meine Verluste umglänzen wollte. Da tat ich, wie immer, wenn eine Not mir das Herz erdrückte: ich legte Einsamkeit um mich. Undurchstoßbar, Woche um Woche. Ich nährte meine Bitterkeit, grausam und selbstquälerisch, indem ich mir sagte: »Gewöhne dich an dein neues Leben! Bald, wenn nichts mehr die Freuden deiner Söhne bezahlen kann, müssen sie sich ohnehin von dir wenden. Lerne sie entbehren! Und die Behaglichkeit eines leisen Zuhause! Wie lange noch? Und die zügellose Jugend Ludwigs, nach Genuß hinschmachtend, wird dir jede Geborgenheit verscheucht haben.«

Ich nahm eine alte Gewohnheit auf, die der lichtarme Winter getötet hatte, und machte lange Spazierwege. Allein mit meiner Not und den immer sprechenden Gedanken. Zuweilen geschah es, daß bekannte Gesichter, von Luft gewiegt, auf mich zugingen. Ich sah nur die Bläue des Tages und schritt schnell weiter. Und wie sich dies wiederholte, kam mir ein Freuen und ich sprach meine Gedanken an ihnen hin: »Seht ihr nicht, daß meine Augen, mein Hirn, alle meine Sinne auf Reisen sind? Ich trage den Mantel Harun al Raschids, der euch mein Wesen vermummt … Unerkannt will ich die Mengen durchwandern!«

Denn, wie ich mit den singenden Vorfrühlingswinden auszog, täglich und viele Stunden, entstiegen den Schmerzen des Winters alte Sehnsüchte und neue Entzückungen. Der Zaubermantel des Künstlers hüllte mich und floß lang an mir nieder, getränkt mit blutigen Tränen, durchwirkt von den blauesten Träumen. Seinen Falten entnahm ich, was meiner gebietenden Laune beliebte. Riß meine Sehnsucht mich zu weißer Orientstadt: sie blühte heran, das schimmernde Wunder, augenblendend, mit alabasternen Kuppeln und dem milchweißen Geleucht ihrer flachen Dächer. Durch hitzeflimmernde Straßen wankten teppichbehangene Kamele. Sie trugen gelbe und braune Menschen, licht- oder purpurgewandet zu sonnenverbrannten Sandbergen. Die Luft war kochend. Trommeln schlugen wo, ferne, und graue Bettler, denen die Sonne die Augen ausgesogen, streckten mir die gedörrten Hände zu …

Begehrt eine Schwermutsstunde die andere Seite der Erde: ich gleite durch nachtschwarze Wasser auf lampionbehangener Barke. Vogelschnelle Dschonken fliegen vorüber, mit geflochtenen Segeln aus Bambus. Sampans schwimmen auf der Fläche, zahllos wie Ameisen in wimmelnden Haufen. In der Ferne türmen sich, eckig und dunkel, Pagoden. Plumpe, steinerne Untiere, die dräuen. Die Barke geht an Land. Ich streife durch Gassen voll verwirrenden Treibens und tausendfältiger Geheimnisse unter den umgebogenen mongolischen Dächern, gleite in ein Haus, strecke mich neben Männern und Frauen auf bunte Matten und sauge in träumerischer Nacht aus glimmender Pfeife das süße Gift: das verbotene Gift der Illusionen und der Vergessenheiten. Frauen mit schrägegestellten Augen und seltsamer Seele streicheln der Halbberauschten Antlitz mit seidenen, duftenden Tüchern und schlürfen den bitteren Nachgeschmack des Giftes von ihren Lippen. Matte Lichter schimmern durch Reispapier. Drüben, vom gelben Teehaus zirpt wundersames Saitenspiel. Zu Sängen von Kirchblütenfesten, vom Goldfischteich und der Nachtigall.

Der April sendet neue Schloßen, neue Stürme, Sturzbäche von Regen. Ich atme bedrückt im Haus, Stunde um Stunde, und enteile ihm im Vorabendlicht. Der Taxenkutscher schaut mir erschrocken ins Gesicht, daß ich kein Ziel benenne, daß ich auf Zeit durch Stadt- und Landstraßen zu fahren bestimme, in den Abend hinein, hier und dort.

Die Winde blasen. Die Fenster des Wagens sind mit Tränenschleiern behangen. Spitze Lichter zerfetzen sie hin und her, und Regenfall und Zwielichtgrau und wechselnde gelbe und rötliche Lichter und der Tropfen leises Geweine schieben die Wirklichkeit weit davon, heben süße Visionen empor. Aus matten Dünsten schweben Bilder heran. Erst fern und ungewiß: das Erwachen einer fernen Fremdstadt. Wie in Luftspiegelung stehen plötzlich Kirchen da, mit Türmen und Spitzenwerk. Fremde Straßen, Plätze, Flüsse, Kanäle springen näher. Allmählich bevölkern sie sich. Mit Menschen, die zu fremden Beschäftigungen, Pflichten, dunkel bleibenden Geschicken eilen. Fremde Laute, unverständliche Rufe durchbohren die Luft. Alle Haustore, alle Fenster erwachen. Auf allen Wegen schwellen Geräusche an. Alle Straßen werden geschwätzig. Auf dem geschwärzten Hintergrunde des Abends öffnen sich weit mir die taghellen Türen. Und ich blicke hinein: in weiße, leise Spitäler, in laute Freudenhäuser, in stille Forscherstuben, in goldene Feste und in Sterbezimmer. In Kirchen mit sonnenzerflammten Fenstern, die blutendes Licht werfen auf heilige Prozessionen. Und in Kellerhöhlen, wo das Verbrechen geboren wird …

Die Tage standen auf und fielen zusammen. Und immer noch blieb alles Leben außerhalb mir erloschen, lebte ich in der weiten Welt des Traumes und der hinreißenden Gesichte. Schuf aus Schmerzen mir Lust und machte das Heute versinken. Und wieder, wie oft schon, kam mir ein großes Bedauern, daß Offenbarungen mir wurden, die in Farben und Strichen nicht Gestalt werden konnten. Die des Wortes brauchten, um Leben zu haben. In solchen Worten muß Eduard Stucken das Schmerzensglück gekommen sein, sagen zu können:

Zu Asche verbrannt auf dem Scheiterhaufen der Zeit und des Raumes
Stirbt jeden Augenblick, was im Augenblick Lebendem glich.
Schwarz, ein Grau’n, ist das Morgen. Schwarz, ein Weh, ist das Gestern.
Trügerisch bunt ist das Heute, ein Irrlicht auf schwarzem Moor.
Nur, was nie lebte, lebt. Nur du und die bleichen Schwestern,
Ihr schreitet unwandelbar schön, unvergänglich durch Traumes Tor.

*

Über alle diese Untätigkeit, die Qualen und Seligkeiten hinweg, kam der Tag, kam ein früher Morgen, der mich wieder an meiner Arbeitsstelle sah, mit Farben und Pinseln und Spachteln vor grauem Leinen. Wie hatte ich so viel Zeit verträumen und verlieren können über den Verwandlungen meiner Gesichte? Aber mit jedem Tage strömten mehr der Gestalten, lebten feinere Nuancen mir vom Hirn in die Finger. In Schauern, die mich fiebern machten, wuchs »der Revolutionsball« aus Vorstudien, Skizzen, Anfängen und inbrünstigem Fühlen groß, und schloß sie alle zu dem Gemälde ein, von dem ich wußte: es würde mein bestes sein.

Je mehr es zur Vollendung reifte, um so mehr vertiefte sich meine Erregtheit, mein Beglücktsein. Jubel durchbrauste mich. Ein Unfaßbares überstrahlte meine Körperlichkeit. Alle diese Gestalten, die ich geschaffen, aus dem Nichts geboren, in eine Welt gestellt, die laut und vernehmbar zu sprechen wußte, war das nicht Macht, die vieles überdauert?

»Du hast deine Kunst … bist alt …« sagtest du, Ludwig, nicht so?

»Ja, ich habe meine Kunst,« wollte ich dir entgegenschreien. »Aber weißt du, der Wissenschaftler erster Semester, der nüchterne Zergliederer des Schrifttums, daß sie es ist, die immer jung erhält, die mich vor müdem, blutleerem Abstieg bewahrt? Meine Haut kann gilben und runzeln, mein Körper siechen, mein Geisteslicht leiser werden: die Welt in mir, die Kraft meines Fühlens und meines Erträumens, die immer sich erneuernden Sehnsüchte, die starken Schmerzen, daraus Kunst sich nährt, machen die Jahre versinken, auch wenn das Werk ungeschaffen bleibt. Ja, Ludwig, du sagtest recht. Nur anders, als du es gedacht. Darf der um erdenkleine Dinge zagen, der die Unendlichkeit in sich trägt?«

XVI.

Den 25. Juli 1919.

Einmal wurde die Stunde, da meine Nerven, meine Hände, meine Augen, mein Hirn sich gegen die Gewalttätigkeit meines Willens auflehnten. Nur noch wenige Tage und ich hätte den Revolutionsball hinaussenden können. »Jetzt nicht gestreikt!« lächelte ich, »ich bewillige euch so viele Ferientage, bis ihr wieder zu arbeiten begehrt.«

Und ich ging hin zur Sommersee. Allein mit einem graubebärteten Fischer und seinem Knaben segelte ich über das traumhaft murmelnde Wasser. Bis dahin, wo das Weltende beginnt. Und nichts mehr übrigläßt, als seligen Himmel über den grünlichten Fluten. Keinen Laut als den trunkenen Einsamkeitsschrei der Möwen und das silberleise Wollustgeriesel der Fläche, wenn der Vögel Schwingen spielend über sie streifen. Wie weit war das Leben! Und wie hart seine Steine!

Ich lag des Nachts auf dem Schiffsboden. Traumsterne funkelten und bebten. Sie wußten von fremden Wesen, die unfaßbare Dinge erlebten, die von ungeahntem Glück umleuchtet, von ungewußtem Leid bedrückt waren. Die Segel schwangen im Winde und sangen das Lied von verlöschenden Leben und süßen Lüsten an fernen Gestaden, wo viel bunte Blumen sich vor weißen Terrassen verbeugen, und violette Vögel aus den Bäumen äugen.

Einmal, beim windigen, fröstelnden Frühmorgenrot, tauchte ein massiges Riff finster über die Wellen. Die wütenden Wasser wuchsen an, sprangen zu uns ins Boot, begruben unsere Füße, leckten nach Händen und nach dem Mund. Wir kämpften in Mühsal uns weiter, den geheimnisschwangeren Umrissen entgegen. Ihre Formen falteten sich auseinander, wurden weit und hoch. Da hob sich die Sonne ein weniges über die weißen, die schreienden Wasserkämme und zeigte uns einen verstümmelten Schiffsleib. Mit zierlichen weißen Geländern und Türmchen und Stangen, mit Kupferkesseln und Silbergerät, schräge über das Meer gestellt, zur Hälfte nur noch aus den Fluten heraus. In seinem Innern überschlugen sich hämmernd die Wogen. Kreischend rissen sie an Bänken und Türen, an metallenen Haken und Lampenringen, an allem, was bei stiller See ihnen immer unerreichbar blieb.

Der Schiffer und sein Knabe falteten die Hände zu unhörbarem Beten und erinnerten sich, daß Fischer im Nachbardorf eines Winters Tag und Nacht lang um die Insassen eines gestrandeten Schiffes gerungen hätten, und wie sie in schauriger Vormorgenstunde erst geborgen wären, bis auf den letzten Matrosen, bis auf den letzten Fahrgast.

Das Frührot deckte sich grau zu. Bleierne Last hüllte das ferne Land und die Umschau über die Wasser. Nichts blieb als der ungeheure zertrümmerte Rumpf und das Peitschen und Jagen der gründunklen Wasser. Kalter Nebel faßte uns an und hetzte uns fort von dem einsam gelassenen, toten Schiff inmitten der heulenden Wetterstürze, legte sich zwischen uns, bis es uns nur noch dunkle Vision war.

Wir gingen an Land, weit vom bestimmten Ort. Aus dem Nebel war dickflüssiger Regen geworden, der uns an fremder Fischerhütte Obdach bitten ließ, kalt und verfroren, wie wir waren von langer Sturmesfahrt. Wir legten die nassen Kleider zum Feuer, tranken Heißes. Und unsere Blicke ließen nicht ab von dem brüllenden Meer vor den Scheiben.

Da wiederholte ich langsam die traurige Geschichte »Vom gestrandeten Schiff«, die mir die Begegnung auf den brüllenden Wassern erzählt hatte:

»Der Meergott hatte sich in das Schiff »Weiße Schwalbe« verliebt. In Wildheit und brennender Lust. Er wollte es hinunterreißen zu seinen fünfzigtausendundneun anderen Geliebten, Schiffen aus allen Winden, die er am Meeresgrund gefesselt hielt. Die Weiße Schwalbe aber stieß mit ihrem flinken Körper Furchen in die Wellen und sagte nichts zu seinem Lieben. Der Meergott ritt auf wutschäumenden grünen Untieren hinter ihr her, riß das Meer auseinander und zeigte ihr seiner abgründigen Reichtümer Pracht: Korallenwälder in roten Flammen und gelbe Bernsteinfelder, durchsichtig wie Glas. Schlösser aus fabelweißen Perlen gebaut. Tanzende Quallen, Schalen und Muscheln von unerhörtem Geglänz. Im Lichte bleichblütiger Sterne, die er des Abends vom Himmel herabnahm. Die Schwalbe aber hob sich immer höher über ihn, je mehr er sie mit seinem Werben umstürmte, als höhnte sie ihn mit der Unnahbarkeit ihres fernen weißen Leibes.

Einmal, da sie sich kaum noch retten konnte aus seiner harten Umklammerung, schrie sie ihm ihre Verachtung zu: »Ich will nicht deine Reichtümer unter der Oberfläche, die von Ungetümen und stummen Fabelwesen bedräut sind. Ich will nicht das gestohlene Licht vom Himmel, das jeder Morgen sich zurückholt. Ich will selbst die Helle der Welt besitzen und die schönsten vollendetsten Wesen der Schöpfung zu ihren Zielen führen. Ich will ihren traurigen Gesprächen und ihren süßen Torheiten horchen. Ich will stolz sein wie sie und das Meer selbst unter meine Füße zwingen.«

Der Meergott befahl seine Vasallen und wies ihnen das weiße Schiff. Sie rasten und rissen an ihm. Das Schiff aber hob seine metallenen Flügel und flog ihnen voraus. Musik und Lachen, weißflimmernde Masten und bunte Gestalten und flatternde Wimpel und lichtumbraustes Gold- und Silbergestänge auf seinem Rücken. Da fielen die Untertanen des ergrimmten Gottes es von vorn an, von den Seiten, von überall. Immer größere Scharen warfen sich dagegen, mit Gezisch und Geseufze und Wassergekreisel. Sie schlugen darauf ein, trümmerten es mit Wasserklumpen, hart wie Felsengestein. Sie rollten es von Seite zu Seite und warfen ihm Ballen von Wasser tief in den Mund. Halb im Ersticken neigte es sich. Die süßen und die wehen Melodien verstummten. Alle Insassen drängten auf eine Seite, zu den Rettungsboten, daß es tiefer noch hinsank zu seinen Peinigern. Die rissen ihm Wunden ins Fleisch und erstickten sein Todesröcheln mit wildem Freudengebrüll. Sein heißes Herz zersprang und schüttete noch im Verenden flammenden Brand ihm in die Eingeweide, daß sie in tausend Schmerzen verglühten.

»Haltet ein,« rief der Meergott, »euer Werk ist getan! das Weitere bleibe mir!«

Und seine untertänigen Diener liefen und rollten und entrissen dem zuckenden Leib die versehrten Teile, bis er, kalt und leblos, von den fröhlichen Menschen verlassen, zur Hälfte verbrannt, zur Hälfte versunken, in den Wassern hing, die ihn wie Tausende Schleusen umrauschten.

Nachts aber, wenn das Meer überschwoll, erhob sich der rachsüchtige Gott und schrie und stöhnte an dem zerschellten Gerippe, das seine Liebeshoffnung gewesen war. Zuweilen auch nahm er in Wut die Hände voll mannshoher Wellen und bedrängte mit ihnen den toten Leib, schlug und polterte auf ihn ein und kauerte sich darin zusammen. Neugierige Fische wollen gesehen haben, wie er ihn in unbeweglichen Frühlingsnächten mit weichen Fingern in zärtliche, dunkelblaufließende Seiden gehüllt, ihn in flüsterndem Singsang gewiegt und aus seinem Seetangbart tränende Perlen darauf verschüttet habe.

Die Wanderer aber, die sich im Herbstdräu’n hierher verlieren, auf die winters es schneit an der Küste so öder Verlassenheit, stehen und lugen in Bangnis nach ihm und sprechen mitleidsvoll von den armen Menschen, die eine ganze schwarze Novembersturmnacht mit dem nassen Tode gerungen.

Niemand aber gedachte des stolzen Schiffes, seines qualvoll langsamen Untergangs und seines geschändeten Leichnams, dem bis heute kein Grab noch geworden.«

*

Die Fischer tranken und schwiegen. Ich sog den unwiderstehlichen Duft von Salzluft, Tang und Meeresatem tief in mich ein, daß er mich ganz durchtränke. Ich horchte dem wachsenden Lärmen der Wasser, und meine Gedanken umflatterten schwer das gestorbene Schiff und seinen wollüstigen Schänder und kämpften um die Möglichkeit einer malerischen Gestaltung.

XVII.

Den 30. Juli 1919.

Wieder zu Hause! Ich male, male, male. Noch zwei, drei Tage. Und das Werk fällt ab von mir und meinem Sein. Wird selbständig. Geht in die Welt. Und ich weiß nicht, wie die tausend Augen da draußen es ansehen, die tausend Herzen es fühlen, die tausend Hirne es verstehen werden. Das Werk fällt ab von dem Künstler wie ein Kind von der Mutter. Wird selbständig. Und doch – so anders. Das Werk nährt sich von unserem Geiste, unserer Seele allein. Des Kindes Säfte sind aus den Samen vielvieler Voreltern aufgeblüht. Seine Seele kann hunderte Jahre nachgeboren sein. Von einem, der ganz fremden Stammes, ganz fremden Sinnes uns wäre und den wir nie begreifen würden. Wie seltsam das ist! Und unerklärlich, solange das Kind uns ganz gehört: in der Frühe seines Lebens …

Ich male des Tags. Und lebe abends allein im Garten. Ludwig und Henno weichen mir aus. Verschließen mir die Pforte zu ihrem Wesen mehr und mehr. Sie sagen mir nichts als glatte Alltäglichkeiten, wenn wir bei Tisch uns begegnen. Ich lasse sie. Das beendete Werk gibt mir ein Glück, so meeresreich und macht mich weich für ihre Härten. Wie soll ich auch wissen, was heute ihre Jugend, ihre Seelen bedrängt? In Tagen zeige ich ihnen mein Bild, das fertige … Wie aber, wenn Ludwig sich beim Anschauen nur des wirtschaftlichen Erfolges freute? … Nur das Recht neuer Ausschreitungen von seinem Ruhme erhoffte?

Und ich schelte mich: Grüblerin! Mußt du immer Neues dir erklügeln? Und Henno? Hast du nicht Henno? Wie wird er sie hochhalten, gerade diese Schöpfung, da schon die Skizzen, der Anfang, ihn Stunde und Stunde seinen eigenen Ehrsuchtsplänen und Arbeiten zu entführen wußten! …

Ist es nur die Hitze dieser Sommertage, oder verbrennt mich die Hast, den letzten Strich zu sehen? Die weiße Glut des Tages drückt, drückt. Läßt nicht einmal nach, wenn der Abend ihr seine dunklen Tücher über die grellen Augen wirft. Sie drängt in die müde Nacht, in das lichtverschlossene Haus, durch die tagumhüllten Fenster und entweicht auch nicht aus den Zimmern, wenn sie dem Nachtdunkel geöffnet werden. Sie preßt so schwer auf den Kopf! Macht die Hände, die Gedanken ermatten. Unersättlich greift sie mit brennenden Fingern nach allem, was blüht und atmet und lebt … Und läßt es hindorren und zerschmachten …

XVIII.

Den 2. August 1919, am Morgen.

Gestern war Henno früh heimgekommen und hatte den Abend zu Hause gelebt. In merkwürdiger Erregtheit, mit nachtwandlerischen Augen und dem schwankenden Gang eines Trunkenen, war er im Garten unter dem bleiernen Dach der hitzeschwelenden Wolken einhergeirrt. Ohne Ermüdung. Stumm und steif. Zuweilen kam er dicht zu der Bank, auf der ich der Entladung der hirnumklammernden Gluten harrte. Ich fürchtete, ihn aus seinen bösen Träumen zu rufen, und wartete doch eines Wortes der Schwachmütigkeit, eines Hilfeschreis. Sahen seine Augen mich wirklich nicht? Sie blickten mich starr an, tot. Und weiter hetzte er seine Füße quer durch die Wege und über die Rasenflächen. Schweiß rann von seinen Haaren, seinen Wangen. Manchmal stießen Blitze ins Grau, rot und zugespitzt, in Feuer getauchte Dolche. Irgendwo mochten Felsblöcke in tiefen Grund kollern, aber es war noch fern. Und weiter die Last der tiefen Hitzewellen und Luft wie kochendes Wasser.

Ich erhob mich schwer und matt und vertrat Henno den Weg.

»Was quält dich? …« fragte ich. Und meine Stimme liebkoste seine Unrast, als sei er der kleine Knabe mir im Schoß.

»Weißt du’s nicht?« rief er. Seine Augen spießten die meinen, und dann leise: »Später!«

*

Den 2. zum 3. August 1919, in der Nacht.

Welch eine Gewißheit, ein paar Stunden nach der Niederschrift vom Morgen. Eine Gewißheit, die mir durch Zeitungen werden sollte! Und die ich diesen Blättern als Letztes beifügen will … muß.

Ich glaubte an eine Augentäuschung, ein Versagen meines Gehirns, eine Verzerrtheit der Berichterstattung. Ich rieb die Lider, feuchtete die Schläfen kalt, sah den Namen des Schreibenden an. Wieder und nochmals. Tat andere Blätter auf. Einen Irrtum gab es nicht. Henno Bergmann, der Hochbegabte, Unermüdliche, hatte bei einer Ausstellung der Akademieschüler den Ersten Preis erhalten, für phantasievolle, geniale Entwürfe zu einem Revolutionsball.

Und dennoch: es mußte eine Verzerrung der Tatsachen geben! Vielleicht, daß er mich überraschen gewollt, daß die Preisrichter Henno statt Henny gelesen hatten und deshalb dem Schüler die Ehrung zusprachen …

»Henno,« schrie ich durchs Haus …

Er war im Augenblick da. Ich riß die Hülle von meinem Gemälde. Ich wies auf die hingestreuten Zeitungen. Kein Wort konnte mir bis zu den Lippen kommen.

Er stand vor dem Bilde. Und seine Augen besaßen es ganz, Strich um Strich. Brennend und doch wägend.

»Schade,« sagte er, »sehr schade … aber meine Zukunft ist von größerem Wert …«

Und als ich, sein Geständnis aus diesen Worten empfangend, zusammenbrach, drang sein Beschwören auf mich ein:

»Bedenk’ doch, meine Zukunft! Die Zukunft deines Sohnes! Bist du nicht die Fertige? Was tut es dir Abbruch? Wie lange aber hätte ich beiseite stehen und in Erschöpftheit hinsinken müssen, ehe meine Kunst den Herren Lehrern und Kritikmännern mehr als Machwerk bedeutet hätte? Kannst du nicht Neues dir erdenken und erschaffen alle Tage?«

In abgerissenen Sätzen, zerhackten Worten und Ausrufen widersprach ich seiner Schönfärberei. Ob er in dem Gnadengeschenk künstlerischer Empfängnis eine alltägliche Begebenheit sähe, auf Befehl zu verdichten, mit den Händen zu haschen? Ob er nicht die Not des Schaffens, die Wehen des Werdens, die Marter eines mißlungenen Eindrucks oder Entwurfs, den bitteren Kampf um die Einzelheiten wisse, daß Urheberschaft eines Werkes ihm so Geringes sei?

»Bin ich nicht dein Erbe ohnehin?« erhitzte er sich.

»Der Erbe meiner Habe, der Erträgnisse meiner Kunst … meines Blutes, wenn du will , nie aber der Erbe meines geistigen Eigentums …«

»Die Kunstrichter haben gesprochen. Morgen gehen die Zeitungsmeldungen weiter hinaus. Was soll diese Szene?«

»Dich zu deiner Pflicht führen. Die Blätter und die Lehrer berichtigen, daß nur ein Buchstabe den Irrtum schuf … den kostbarsten Besitz deiner Mutter wiedergeben …«

»Du scherzest nicht, höhnst mich nicht in solcher Stunde?« schrie er auf. »Oder glaubst du, ich werde mich selbst an den Pranger stellen? Von unten neu anfangen mit Kniebeugen und Nackenkrümmen vor jedem Handlanger der Zunft, mit Suchen nach neuen Plänen, mich rasch, rasch zur Höhe zu reißen nach der mein Ehrgeiz verbrennt? Mit Arbeit, daß mir die Hirnschale zerspringt und das Herz vor Eifersucht und Groll bei jedem Aufstieg der anderen?«

»Ich will dir helfen, Henno, soviel ich kann, soweit es nur geht. Ein Werk tut’s ja nicht … Wie willst du weiterbestehen?«

»Wie naiv du urteilst! Und bist so alt neben mir! Der Name macht’s, die Reklame, das Tamtam! Nun ich den Namen habe, brauche ich um Aufstieg nicht bange zu sein. Kann ich nicht etwas? Und mehr als die anderen?«

»Ebendarum, Henno, hörst du, du mußt die Sache in Reinlichkeit ordnen. Sag’ meinetwegen, eine üble Wette …, daß meine Pinselführung erkannt würde. Sag’, was du willst! Henno, ich verlange, ich fordere es: Rette mir mein Bild, damit ich es nicht tun müßte …«

»Da … mit … du … es … nicht … tun müßtest? Und bist zu solcher … Handlung entschlossen?«

»Dachtest du, daß ich lautlos beiseite trete? … Mein bestes Werk aufgebe für ein paar Vorentwürfe, die dir einen Schülerpreis geben? Dein Leben, Henno, steht kaum noch im Lenzessprossen … Was kann dir an Kunst noch gelingen, an Ruhm noch werden! … Das meine fließt Tag um Tag schneller zum Ende hin … Es sind nicht mehr viele Bilder, die ich so aus tiefinnerster Scham und Leid für meine Mitmenschheit, in solcher Vergeistigung, so reich an Räuschen und Buntheiten schaffen könnte. Habt ihr Jungen es denn nicht leicht genug, eure Vorderen zu überlaufen? Muß es auf so unheiligem Wege sein?«

»Wir verstehen uns nicht, das weißt du seit Monaten,« sagte er. Sein Gesicht war harlekinweiß und hochfahrend geworden wie das Ludwigs bei solchen Anlässen. Seine Augen sahen eisig und nadelspitz zu mir hin. »Ein weiteres Hin und Her würde deine Anschauungen und Beschlüsse nicht zu ändern vermögen. Bitte, sage: ja oder nein?«

In meinem bohrenden Hirn schnellten Erwägungen, Entwürfe, Vermittlungen auf, aber ich erkannte sie alle als gleich schöne Dichtungen. Meine Söhne wollten Tatsächlichkeiten. Immer ein Ja oder Nein … mit der Pistole in der Hand …

Hatte ich es ausgesprochen? Gab es sekundenflinke Suggestion? Henno hatte seine Hand in die Tasche gesenkt, hielt etwas umkrallt.

Träumte ich einen Schreckenstraum? Vorstellungen rasten an mir vorbei, fielen ineinander … Vor dem offenen Fenster toste in Urgewalt das Gewitter. Wolkenbrüche stürzten sich auf die gezerrten Bäume, vernichteten Farbiges, Blühendes, Leuchtendes. Aus Augenblicken schwarzer Finsterkeit, aus tiefem Niederbruch hob sich hier, da ein Baumast, flehend wie Menschenarm, eine Blume, betend wie Menschenauge, fanatisch: »Komm, zerstöre auch mich …«

»Ja oder nein!« wiederholte jemand. War es Henno? Oder wer sonst? … Wer? Doch … ich … wußte es ja … der Sohn, der den Vater erschießen kam … Oder mein Sohn, Henno? Hatten sie es nicht gelobt in jenem Buche? …

»Und wenn ich mich nicht … so zwingen ließe … Henno … sag’s erst … wenn ich bei meinem ›Nein‹ verharrte?«

»Ich kann nicht zurück in das Bodenlose, in die Unbekanntheit … Niemals! …«

»Henno, deine Mutter, die Beraubte, die Gekränkte, bittet, fleht zu dir: Gib mir mein Werk zurück! Laß uns Wege zu ihm suchen, so wirr und so mühselig sie sein sollten, wir wollen sie gehen, Hand in Hand …«

»Wir würden keinen finden, der das Werk da dir rettet … Die Skizzen dazu künden meinen Namen … Es gibt für mich kein anderes … Keinen Kompromiß. Nur ein Ja oder Nein … von deinen Lippen …«

Meine Lippen ließen nicht voneinander, verkrampften sich fest an den Rändern.

Der Garten ächzte und schrie unter den peitschenden Hieben vom Sturm und den Wolkengüssen. Die Fenster zerrten kreischend an ihren Angeln. Feurige Schwerter durchflogen die Luft und rissen gezackte Wunden ins Dunkel. Eins zerstieß mir das Herz und brannte, brannte …

Meine Lippen konnten sich nicht aus ihrer Starrheit erlösen. Schaurig, beutebereit, wie eine Horde wilder Bestien brüllten die Donner, in meinem Hirn schrie ihr Echo …

Die Hand Hennos hob sich schneeweiß auf grauem Gebilde … Zögernd noch …

»Jetzt zielt er,« blitzte mir ein Gedanke zu, »wie bei seinem Lieblingsdichter … Nur … bin ich viel zu gesund noch zum Herzschlag …«

Die Hand hob sich höher … zu Hennos Kopf …

Sein Gesicht war grünlich, spitz und hart wie der Tod.

Wer wirbelte all diese Bilder einen Pulsschlag lang auf? Henno, den Säugling mit atlaßnen Härchen, die Händchen kosend mir an den Wangen. Henno, den Schüler, mir an der Hand. Und mein Glück bei seinen kindhaften Malereien. Henno im Krankenbett, und ich in leisen Schneefallnächten sein Leben von neuem erkämpfend. Henno … am Boden liegend … aus schwarzer, kaum sichtbarer Öffnung sein Blut verströmend, sein purpurrotes … sein geliebtes Blut hinströmend …

»Henno,« meine Lippen waren weit aufgetan, »Henno, ja … ich schenke es dir, Henno … mein Bild … da … hast … du … es …«

Und in Hast, vor dem totverblaßten Jüngling, schnitt ich ins Fleisch meines Werkes … kreuz und in die Quere. Und längshin und in die Breite …

Und hielt ihn und tastete seine Glieder an, die unversehrten. Und aus der Ferne, aus einem entschollenen, verlorenen Leben tropften Worte in meine brennende Herzenswunde. Verse einer bretonischen Ballade. Vom Sohne, der seiner Liebsten das Herz der Mutter für ihre Gunst bringen sollte, das Herz seiner Mutter für ihren Hund.

Der ging und schlug seine Mutter tot
Und nahm ihr Herz, das zuckte so rot …
Und als er es trug in zitternder Hand,
Da fiel er – es glitt das Herz in den Sand.
Und als es so vor ihm im Staube lag,
   O sieh, es sprach …
Es sprach, das hörte wie Weinen sich an:
»Mein Kind, hast du dir weh getan?«

Wir Verlag / Dr. Kurt Bock / Berlin NW 87

Gutti Alsen, Die Abseitigen. Novellen 15,– M.
Peter Backes, Eiland der Einsamkeit. Noveletten 5,– M.
Kurt Bock, Es ist ein Reis entsprungen. Novelle vom Kinde 10,– M.
Elisabeth Böhmer, Federzeichnungen. Skizzen 15,– M.
Clementine Bonitz, Schicksale. Novellen 8,– M.
Ernst August Düweke, Das Hohelied für Helga. Novelle 5,– M.
Franz Alfons Gayda, Stern-Nacht im All. Legenden und Psalmen 8,– M.
Manfred Georg, Die verlorene Nacht. Novellen 8,– M.
Annemarie Hannemann-Lüters, Märchen 10,– M.
Walter von Hauff, Im Siegeswagen des Dionysos. Ein Nietzsche-Roman 20,– M.
Richard Hirsch, Fernab der Straße. Bilder aus stillem Land 12,– M.
Helene L. Jakubowski, Die drei Mädel von der Sonnenburg. Roman 8,– M.
Gertrud Kluge, Die Wunderblume. Roman 8,– M.
Hermann R. Lichtenegger, Im Rauschen der Ewigkeiten. Novelle 6,– M.
Franz Nehyba, Liebe! Novellen 12,– M.
Otto Oßwald, Ein Spiel von Vielen unterm Himmel. Roman 15,– M.
Paul Rogal, Wie Gott den ersten Sänger schuf. Märchenroman 6,– M.
Otto Schwock, Im Atem der Erde. Skizzen 6,– M.
Karl Sternau, Im Narrenhaus. Humoristischer Zeit-Roman 12,– M.
Verlagsverzeichnis kostenfrei.
»Romantik«, Eine Zeitschrift Jahrgang 12,– M.

Postscheck-Konto Berlin 55048  Dr. Kurt Bock


Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten: gesperrtAntiqua. Römische Zahlen wurden nicht markiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 16:
“«” eingefügt
(Ausgleich für der Mutter Abwesendsein?«)

Seite 24:
“,” eingefügt
(lösche das hyazinthblau hängende Licht,)

Seite 27:
“blaßen” geändert in “blassen”
(sehnsuchtsbang in die blassen Stuben)

Seite 32:
“besassen” geändert in “besaßen”
(Männer sie mit den Blicken besaßen)

Seite 63:
“«” entfernt hinter “sei?”
(daß Urheberschaft eines Werkes ihm so Geringes sei?)