Das Feuer hinter dem Berge: Roman by Juliane Karwath

Das
Feuer hinter dem Berge

Roman
von
Juliane Karwath

Egon Fleischel & Co.
Berlin

1913

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1913 by Egon Fleischel & Co. Berlin

Christiane und Hardi Dorreyter waren nicht die Kinder innig zusammenströmender Gattenliebe. Ihre Mutter, ein herzlich armes, sehr schönes, aber unbegehrtes Fräulein hatte den viel älteren Hauptmann in dem Glauben genommen, daß für ihr Zähnezusammenbeißen das Gute schon nachkommen werde. Aber es geschah ihr, daß sie ohne Liebe zu tragen hatte, was der Liebe selber oft recht schwer fällt. Der Mann verwickelte sich infolge zögernden Avancements in allerhand Querulantengeschichten, die zwar noch einigermaßen beigelegt wurden, ihm aber den Abschied einbrachten. Es ging in ein recht enges und armes Leben, das Mutter und Kindern schlecht bekam: der Frau, weil sie dem Manne, mit dem sie sich betrogen hatte, noch immer Weib sein mußte, und den Kindern, weil sie an allem ziemlich unverhüllt mitzutragen hatten, denn die Mutter gab ihnen in ihrer Verlassenheit ihre Not sehr zeitig preis.

Die Mädchen lernten Abneigung und Mißtrauen gegen den Mann.

Die lagen ihnen schon im Blute, die Stunde, die sie geschaffen, hatte sie ihnen tief eingetränkt.

Sie blühten nicht recht auf. Zwar hatten sie den einen oder anderen Zug der Rhanes, welcher blaublütigen Familie ihre Mutter entstammte, aber ihre Gestalten blieben gestreckt, lang, flach, herb wie Schattenfrüchte.

Der Hauptmann starb. Frau Dorreyter, die ihre Leute bisher nur durch Unterstützung der Rhanes sattbekommen hatte, erhielt von diesen als endgültige Abfindung ein kleines Kapital. Die Rhanes kauften zu der Zeit, einer günstigen Heirat wegen, zwei Rittergüter und gründeten ein Majorat. Frau Dorreyter stürzte sich über die paar Groschen, selig, ihre Mädchen ausbilden zu können. Sie war durch und durch Frauenrechtlerin, ohne viel mit Büchern oder aufrührerischen Personen zusammengekommen zu sein.

Sie lernte mit den Kindern. Die fühlten, wie gierig die Mutter zu trinken versuchte und wie sie innerlich erzitterte, wenn sie ihre Kraftlosigkeit erkannte, und stemmten sich tüchtig an, um wenigstens selber zu glänzen und ihr dadurch Grund zum Stolz zu geben.

Die leise hervortretenden Rätsel des jungen Weibwerdens blieben den Kindern gleichgültig. Sie grübelten nicht.

Sie sehnten sich nach keiner Süßigkeit.

Frühzeitig kamen sie in das Seminar der Provinz.

Die Vorsteherin war ein derbmännliches Frauenwesen, das Unerhörtes leisten wollte. Mit einer rücksichtslosen Energie schaltete sie alles Schwache aus. Die Lehrerinnen, die sich verlobten, mußten sofort weg, die Schülerinnen, die irgendwie versagten, wurden sofort entfernt. Muster sollte alles sein, Auslese.

Fräulein Schmöckler war nicht beliebt. Ihrem Schritt ging der Schrecken voraus, die reifen Lehrer erröteten vor ihren eisernen, oft rücksichtslos vor allen Schülerinnen gegebenen Tadelworten und bebten gleich ihren Kolleginnen, wenn sie ins Bureau befohlen wurden.

Christiane erwarb sich rasch ziemliches Wohlwollen, Hardi aber bekam sofort ›Halbheit‹ vorgeworfen, das Schlimmste, was Fräulein Schmöckler vorwerfen konnte, ohne daß sich aber entdecken ließ, wohin Hardis andere Geisteshälfte neigte. Die Rhanesche Familienkrankheit, die Bleichsucht, waltete über der Kleinen.

Christiane kam ihr rasch voraus in die Oberstufe, wo sie mit Ada Wehrendorf zusammentraf, die aus ihrer Heimat stammte. Der Vater, ein Justizrat, war rasch gestorben, und für das völlig verwaiste und vermögenslose Ding mußte bald ein Lebensunterhalt gefunden werden, zumal sie dünn wie eine Spindel und ohne jedes Temperament war. Beim Abschlußexamen kam sie mit einer knappen Drei heraus, während sich die glänzendste der Schülerinnen, der Fräulein Schmöckler keinerlei Halbheit hatte vorwerfen können, noch an demselben Tage öffentlich verlobte und somit ihre ganze Weisheit und eine ihr von der Vorsteherin schon bereitgehaltene Stelle glattweg preisgab.

Hardi kam Christiane verweint entgegen, denn die Schmöckler hatte ihr an dem Tage bedeuten lassen, daß sie für ihren Teil am besten täte, die aussichtslose Sache zu lassen. So reisten beide Dorreyters mit Sack und Pack nach Hause, und die Mutter verriet in ihrem Entsetzen über das Unglück der geliebten Jüngsten keinerlei Freude über Christianens Sieg.

Die merkte nichts davon, denn Fräulein Schmöckler hatte ihr die von der Braut ausgeschlagene Stelle in einem vornehmen Töchterinstitut der Schweiz verschafft, und der Himmel hing ihr voller Geigen. Sie packte von neuem, und mitten im Kramen fielen ihr auf einmal Briefblätter entgegen, die die Mutter bewahrte, und sie las neugierig darüber hin.

Auf einmal wurde sie aufmerksam und winkte die in ihre Melancholie versunkene Hardi herbei.

In diesen Blättern lasen sie zum ersten Mal von der Liebe.

In den Tagebuchblättern und Briefen der Urgroßmutter, die dem schlesischen Adel entstammte, glomm eine ehebrecherische Sünde. Die Frau des Hofstallmeisters von Rhane hatte es mit einem Prinzen gehalten, der, wie sie, nachher recht tugendhaft und brav geworden war, aber mit einem Schuß nervöser Geistigkeit, und kein Glück in der Politik gehabt hatte. In den Blättern waren Glut, Zärtlichkeit und französische Verse. Dazwischen lagen später geschriebene Mutterbriefe an den Sohn im Kadettenhaus, das Fürstenpatenkind.

Es war auf einmal begreiflich, warum die jetzigen Rhanes sich plötzlich im Glanz und mit Majoraten aufgetan hatten: sie waren von ihrem Bluteinschuß getrieben.

Die Mädchen schauten sich an.

Über Hardis kleines, verweintes Gesicht flirrte es.

»Da sind wir – ja – auch – – –«

Die Mutter kam. »Was habt ihr da? Die Briefe? Ach, die Briefe –« Einen Augenblick hatte sie gestutzt. Dann nahm sie sie verächtlich zusammen: »Schmutzkram. Der kann fort.«

Christiane bat: »Gib sie mir.«

Sie packte sie in ihren Lehrerinnenkoffer.

Mit ihr reiste die kleine Wehrendorf, die an dieselbe Anstalt kam, aber des minderen Zeugnisses wegen ›au pair‹.

Das Schweizer Institut war ein Erziehungskasten von oben bis unten. Die Leiterin war sehr fett und behäbig. An Zöglingen waren ungefähr achtzig da, darunter viele Bräute. Es wurden Wissenschaften getrieben, gekocht, genäht, geputzt, gestickt, gemalt, gebrannt, Tennis und Golf gespielt und getanzt. Es gab Unterricht in Sprachen, Musik, Gesang, Gymnastik, Rezitation und Körperpflege. Man hatte in einem Jahr ausgelernt oder in einem halben. Es gab auch Vierteljahrs- und Monatskurse, ganz nach Wunsch, und immer hatte man ausgelernt. Eine Auslese fand nicht statt, nur eine Trennung nach Rang und Stand und Geld. Man unterschied einen Flügel der Aristokratinnen, unter denen auch eine junge Freiin von Rhane war, eine Abteilung der Ausländerinnen und noch viele andere Gruppen bis zu den reichen Fabrikanten- und Handwerkertöchtern. Die Zimmer, die den besichtigenden Eltern gern gezeigt wurden, waren blank und hell, wie Ziervogelkäfige.

Christiane aber bewohnte mit drei Kolleginnen ein enges Kabinett im Hintergebäude, in dem zwei alte Holzbetten der Quere nach nebeneinander und zwei an der Wand standen. Dazwischen war nicht viel Raum. Im Flur befand sich ein wurmzerfressener Kleiderschrank, in dem die vier Lehrerinnen ihr Eigentum aufbewahren konnten, und unter dem schmalen Zimmerfenster war eine Bank etabliert, unter der das Schuhwerk stand, während man die Oberfläche ganz gut als Tisch benutzen konnte.

Die Lehrerinnen durften nur dunkle, hochgeschlossene Kleider und glattgestrichene Haare tragen.

Christianens Bettnachbarin war eine nicht mehr junge Holsteinerin, die beiden anderen eine Engländerin mit einem dunklen warmen Schmeichelgesicht und eine magere Französin, die etwas von einer Ziege an sich hatte. Diese beiden trieben bei guter Laune Spaß, nannten sich die ›Babies‹ und stellten sich an, als ob Christiane und die Blonde Vater und Mutter seien und das Ganze eine warme Familienstube. Die Holsteinerin sagte nie ein Wort dazu. Einmal erwachte Christiane von etwas Merkwürdigem, horchte in die ferne Mondnacht hinaus und merkte auf einmal, daß ihr ganzes Lager zitterte. Neben ihr lag die Holsteinerin in einem furchtbaren, rüttelnden, lautlosen Weinen.

Am Morgen wagte Christiane die andere kaum anzusehen, aber die hatte keine Ahnung von der Beobachtung, sondern tat ihre Pflicht in derselben verschlossenen Art wie zuvor.

Die arme Wehrendorf hieß bald nur das ›Sneewittchen‹.

Die junge au pair-Lehrerin mußte nämlich aus Platzmangel in einem gläsernen Erker schlafen, der an ein Zimmer der Pensionärinnen grenzte und nur Raum für das Bett und eine Waschkiste bot. In der Tiefe lag der See, und die Schwalben strichen ganz nahe an den nur mit dünnen Gardinchen verkleideten Scheiben vorbei. Es gab viel Gekicher unter den verwöhnten jungen Damen, wenn die Lehrerin in ihr Glaskästchen ging, und die Wehrendorf trug es stumm und ergeben wie das Pechkind im Märchen.

Die dicke Leiterin konnte mit dem großen Unternehmen allein nicht fertig werden, sondern hatte als Stab ein paar ältere Lehrerinnen um sich, unter denen besonders ein zähes, dürres Fräulein Beierlein hervorragte, die sich mit der Ausbildung der ›Neuen‹ beschäftigte.

Die konnten ihre mühsam erworbene Schulweisheit getrost in den Koffer packen. In diesem Erziehungskasten ging es nur darum, sich die Zufriedenheit der Zöglinge und deren Eltern zu verschaffen – wehe der Lehrerin, über die eine junge Dame sich beklagt hätte! Und dreimal wehe der, um deretwillen eine Pensionärin verloren gegangen wäre! Die achtzig wurden behütet wie Gold – das war Geschäft!

Die Miß und die Französin standen in einem bewährten Freundschaftsverhältnis mit der Beierlein und hatten die Organisation dieses vortrefflichen Institutes vollkommen begriffen. Christiane und die Wehrendorf aber hörten alle Augenblicke den windschnellen Schritt der Vorgesetzten hinter sich und wurden mit nadelscharfen Blicken aufgespießt und von spitzigen Worten ins Herz getroffen.

Was der Mann am Weib verschulden kann, reicht in aller Welt nicht an das, was eine Frau der andern anzutun vermag, besonders, wenn die eine alt, die andere jung, die eine übergeordnet und die andere untergeben ist!

Die beiden kamen aus den Unterrichts- und Aufsichtsstunden nicht heraus. Der Dienst währte von morgens sechs Uhr bis abends um zehn Uhr. Die Wehrendorf mußte auch Zimmer putzen, die jüngeren Zöglinge baden und kämmen und der dicken Vorsteherin bei der Toilette helfen. Freistunden gab es nicht. Ausgänge auch nicht. Mit den Zöglingen gingen immer nur die älteren Lehrerinnen.

Christiane kam kaum in den Garten, erblickte Wald und See und Berge nur von den Fenstern und Terrassen aus und hatte von der neuen Welt nur ganz verwischte Vorstellungen. Sie hörte die Pfiffe der Züge, mit denen sie in den Tunnel glitten, das Geläut, mit dem sie wieder herauskamen, die Signale der Dampfer und die Stimmen der Touristen.

Oft wurden junge Mädchen von ihren Anverwandten abgeholt und kamen abends froh erregt wieder. Blumen wurden bei jeder Gelegenheit hereingeschleppt und die Pensionszimmer malerisch damit geschmückt. Es gab große Ausflüge, sanfte Besteigungen und Dampferpartien, an denen die beiden jungen Lehrerinnen aber nicht teilnehmen durften. Eine Freude blieb der armen Wehrendorf: sie mußte jeden Sonntagabend die an diesem Tag laut offizieller Erlaubnis geschriebenen Briefe der Zöglinge nach der weiter unten im Ort befindlichen Poststation bringen. Mit Stößen von legitimen Liebesbriefen zog das arme, häßliche Sneewittchen los und genoß die kurze Freiheit.

– – Christianens Nerven begannen zu versagen. Ihr grauste vor dem Lärm, dem Geschnatter, dem mechanischen Unterricht, den unaufhörlichen Aufsichtsstunden, dem Aufpassen der Beierlein und dem nächtlichen Zusammensein mit den Kolleginnen. Ergab sich am Tage einmal ein passender Moment, so stürzte sie nach oben in ihr Zimmer, in dem um die Zeit niemand war, verriegelte die Tür und starrte aufatmend um sich: allein! Allein! Ihre Blicke wanderten. Scheu horchte sie nach außen und atmete von neuem auf: allein – allein –!

Leise schlich sie an ihr Kommodenfach. Doppelt verschlossen lag da ihr bißchen Eigenes: ihre Zeugnisse, die Briefe der Mutter und die Tagebücher der Frau von Rhane! Wie gut, daß sie vor der Abreise noch die Mappe gekauft hatte – jetzt hatte sie doch ein Fleckchen für sich!

Allein – allein – – – –

Da rief es schon draußen, da trippelte es und klopfte an die Tür: »Fräulein Dorreyter! Fräulein Dorreyter!« Christiane fuhr, öffnend, zurück – das Fräulein von Rhane! Jäh sah sie, was sie noch nicht gesehen hatte: das Jugendgesicht der Mutter, die Rhanesche Schönheit.

»Fräulein Beierlein läßt bitten,« sagte die junge Aristokratin in dem wenig respektvollen Tone, den die Pensionärinnen für die Unterlehrerinnen hatten.

– – Christiane konnte nicht schlafen. Nacht für Nacht ging das stumme Weinen der Nachbarin. Christiane wollte manchmal rufen, fragen, die anderen wecken, aber sie wagte es doch nicht: es war für die Verzweifelte die einzige Stunde, in der sie allein zu sein glaubte – allein!

Stundenlang zitterte das Bett. Stundenlang liefen Christianens krause Gedanken zur Mutter zurück und zu der Frau von Rhane. Sie sah die blonde Familienschönheit und wieder die Frau von Rhane.

Blau schien die Mondnacht. Ein ungewisses Raunen scholl: der See. Ein Flimmern stand fern: die Berge.

Die Französin schnarchte mit spitz gehobener Nase, die Miß hatte ihr Haar stramm geflochten und den abgebundenen Zopf an den Bettpfosten gehängt. Das Lager der Holsteinerin hob sich in schweren, krampfhaften Stößen – –

Christiane dachte an die Frau von Rhane.

Eines Morgens sagte die Wehrendorf: »Du, deine Schwester wird ja heiraten –!«

Christiane starrte sie an. »Hardi!« Sie hob die Hand zur Stirn. »Hardi!«

»Ja, ja,« sagte Ada hinterhältig.

Christiane dachte nach. Die Mutter hatte angefangen, Hardi gewaltig mit Eiern und Peptonen zu füttern, denn zum Herbst sollte sie auf ein anderes Seminar.

Christiane schrieb eine scherzhaft vorsichtige Anfrage. Sie wußte, es war Unsinn. Wen sollte Hardi kennen bei dem Leben, das sie führten. Wen? Wen?

Die Antwort kam, und die Mutter entschuldigte sich und Hardi. Es war auch gradezu romanhaft. Auf der Straße hatte ein Herr von der Regierung Hardi gesehen und verfolgt, dann war korrekte Bekanntschaft daraus geworden. Er hatte Besuch gemacht. Sie mußten ihn einladen. Die Mutter knüpfte beunruhigte und bestürzte Bemerkungen daran.

Nach drei Wochen kam die Anzeige: Hardi Dorreyter und Ludwig von Cöldt, und die Mutter schrieb hoffnungsvoller. Die Verhältnisse seien ja gut. Es sei wohl das beste für Hardi. Zum Herbst wäre Cöldt nach Posen versetzt und wolle vorher heiraten. Er sei sehr verliebt.

Christiane dachte an die Peptone.

Sie schrieb an die Schwester und bekam einen kleinen, halb verlegenen und halb triumphierenden Brief. Fräulein Schmöckler hatte die Anzeige bekommen!

Christiane konnte an der Hochzeitsfeier nicht teilnehmen, denn sie bekam keinen Urlaub, auch das Reisegeld hätte gefehlt. Sie sandte ein Telegramm und durfte es selbst zur Post bringen.

Sie ging an roten Ranken vorbei und sah blaues Wasser und unwahrscheinlich weißes Getürm in der Höhe. Eine gebogene Straße lief in die Ferne hinein.

Nachher mußte sie Schrankrevision halten, fand sehr viel Schokolade und ein Dutzend illegitime Liebesbriefe.

Die Depesche war längst in der Hochzeitsgesellschaft.

Im Winter gab es Tanzstunden, Faschingfeste, Theateraufführungen und Schlittenfahrten. Die Wehrendorf erfror sich in ihrem Glaskäfig die Zehen und wurde in einem Badezimmer einquartiert. Sie hieß jetzt ›die Seejungfrau‹.

Christiane erhielt Botschaft aus Posen. Die Mutter war zu Weihnachten dort.

Nebelzeiten begannen. Die Schlafkammer war lichtlos. Es regnete.

Eines Morgens war das Bett der Holsteinerin leer. Ihre Sachen hingen da. Sie war fort.

Der Aufruhr wurde im Keim erdrückt. Keiner durfte eine Frage stellen. In das Bett kam schon nach wenigen Tagen eine Belgierin, die sehr schnarchte und aussah, als ob sie sich nicht ganz sauber wüsche.

Christiane lag noch immer häufig wach. Sie hörte den Tropfenfall und sah die Verschwundene auf nackten Füßen durch den Tauschnee eilen. Wohin? Wohin? Zu wem?

Sie stand und horchte. Der Föhn heulte. Die Fenster zitterten.

Leise öffnete sie einen Flügel. Schwül schoß es ihr entgegen: drüben war der See. Sie sah ferne Straßen. Wohin? Wohin? Zu wem?

Ihr Herz zitterte.

Am Sonntagabend war es klar. Die Wehrendorf erschrak, als Christiane auf einmal an ihrer Seite stand: »Ich gehe mit dir zur Post!«

Der Wind pfiff. Aus dem geschuppten Wasser sahen entfremdete Sternbilder.

»Hier war es sicher – hier,« flüsterte die Wehrendorf, scheu auf das Ufer deutend.

Christiane lachte und eilte weiter.

»Wohin willst du?« rief Ada ihr nach.

Es ging bergauf, der Wind kam bergab. Wuchtig und warm schlugen seine großen Flügel, wuchtig schlugen sie auf die brausenden Wasser, wuchtig fuhren sie an Christianens warmen Mädchenleib. Die Sterne zitterten.

Ada Wehrendorf rief aus der Ferne.

Christiane aber ging, wie sie in ihrem Leben noch nicht gegangen war. Sie ging auf der Erde, deren freie Krume sie noch nie so unter ihren Schuhen gespürt hatte, in der Luft, die noch nie so rein in ihren Lungen gewesen war. Sie fühlte im Sturm die Gletscher, über die er gefahren, die Wälder, durch die er gestürzt war, die Wasser, von denen er getrunken hatte. Sie fühlte den freien, dunklen Duft der Welt.

Allein!

Beim Nachhausekommen erhielt sie ihre Kündigung.

* * *

Als Christiane der Mutter davon schrieb, kam ein erlöster Brief: »Geh nach Posen. Hardi hat Heimweh. Geh nach Posen.«

Christiane reiste.

Die Polen feierten eben Ostern. Die Stadt inmitten der Wälle war voll gedrängtem Glockengeläut. Man betete und aß, aß und betete.

Herr von Cöldt holte Christiane vom Bahnhof.

»Hardi geht es nicht gut,« sagte er.

Sie begriff erst in diesem Augenblick, in welch ernstes Ehekapitel man sie hereingeholt hatte.

Hardi lag im Schlafzimmer. Sie war viel hübscher, als Christiane sie in Erinnerung hatte, ihr Profil zeigte eine pikante Mischung von Soubrettenhaftem und Sentimentalem. Sie warf dem Mann einen schnippisch koketten Vorwurf zu, der ihn zum Gehen zwang, und fing hinter ihm ein fürchterliches Weinen an. Christiane entdeckte jetzt, auf sie niederschauend, die Veränderung der Gestalt.

Hardi fuhr auf. »Bitte gib mir das Morphium.«

»Morphium nimmst du?« fragte Christiane, an die Mutter denkend.

Hardi warf einen Blick ringsum. »Schon lange.«

»Warum?« fragte Christiane herzlich, sich über sie neigend, »leidest du an Schlaflosigkeit? Oder was ist dir eigentlich?«

»Was mir ist!« Hardi lachte nervös auf. »Siehst du denn nicht, was mir ist – haha – –«

»Wie sprichst du nur,« sagte Christiane, »wenn das dein Mann hört –!«

»Das sage ich ihm immer.« Hardi warf sich herum. »Das sage ich ihm. Und noch mehr: er ist schuld.«

Christiane blickte auf sie nieder.

Ihr Herz schlug, leise rann es an sie heran.

»Er hat dich doch lieb,« sprach sie.

Hardi starrte sie gläsern an. »Ja–aa lieb,« sagte sie. Dann deutete sie ringsum. »Hier bleibst du. Mein Mann schläft hinten. Wir bleiben zusammen.«

»Warum hast du ihn denn genommen?« fragte Christiane.

»Weil mir bange war. Weil die Schmöckler mich herausgejagt hatte. Was blieb mir sonst übrig? Stundenlang haben wir überlegt, die Mutter und ich. Es war ja wegen der Mathematik. Das war ja der Haken bei mir. Damit wäre ich nicht durchgekommen …«

»Das hättest du immerhin noch versuchen können. Deshalb –« Christiane sah sie an, »deshalb – – – Du mußt ihn doch – – du mußt ihn doch lieb gehabt haben!«

»Ja–aa. Lieb – ja. Aber nicht so. Nicht so.« Hardi zog die Schultern ein. »Wenn ich gewußt hätte! – – Das hab ich nicht gewußt. Das hat mir niemand gesagt. Sonst wäre ich lieber – –« sie sah mit irren Blicken um sich.

Christianens Backen brannten.

Vor den Fenstern war weites, flaches Land. Unten auf dem Wall ging ein Infanterieposten.

»Du wirst dich noch daran gewöhnen,« sagte sie leise, »es war der Übergang. Wenn du erst weiter bist –«

»Davor graut mir ja,« rief Hardi. »Deshalb schlaf ich schon nicht mehr. Ich bin ja so schwach. Die Mutter hat Angst, ich komm nicht durch. Jetzt tut ihr’s leid.«

»Die Mutter hat dich mit ihren schwarzen Gedanken angesteckt.«

Hardi schauderte. »Damals hatte ich Angst vor dem Examen. Ach – tausendmal lieber würd ich jetzt ins Examen gehen, als das durchmachen, was mir nun bevorsteht!«

»Du bist hysterisch,« sagte Christiane scharf.

»Ich bin wie die Mutter. Der ist es auch so gegangen. Sie hat keine Kinder haben wollen. Sie hat nie Frau sein wollen. Ich auch nicht.«

»Das hättest du wirklich vorher bedenken müssen. Aber ich glaube, du lachst noch einmal darüber.«

»Jetzt lache ich nicht,« sagte Hardi. »Jetzt bin ich krank.«

Ludwig kam herein. Er und Christiane sahen sich an. Sie fühlte, daß seine Hoffnung bei ihr stand.

* * *

Es war noch das alte Posen mit dem dumpfen Gassengedräng, den mächtigen Wällen und den polnischen Dörfern dicht vor den Toren.

Es war urfremdes Land.

Fremd war das kleine, dunkle Volk, die vielen Kirchen und Kleriker, die langen Leichenzüge und der geniale Schmutz. Von der Warthe her kroch der Typhus, von den Dörfern her die Granulose.

Was deutsch war, saß lose obenauf, ging und kam und hatte wenig Freude an der gewagten Existenz.

Nach dem internationalen Gewäsch in der Schweiz war Christianens Blick für einfachere Konflikte offen. Sie hatte Freude an der ungeheuren Spannung, die zu ihr herüberwehte.

Ludwig von Cöldts Chef gehörte noch zur alten Schule, die mit den Polen tafelte. Um ihn herum aber raunte es. Eine deutsche Zeitung, die bisher in politisch gleichgültigem Fahrwasser geplätschert war, hatte sich auf einmal rätselhaft einer anderen Richtung verschrieben und schoß Pfeil auf Pfeil auf den ziemlich wehrlosen alten Herrn. Im polnischen Lager summte Unruhe auf, der heimliche Konflikt wurde bloß. Der Deutsche wehrte sich plötzlich gegen seine geduldete Existenz in diesem Lande, das von seinen Kräften fraß und stark wurde. Der Pole verteidigte seinen uralten Boden.

Der Kampf war da.

Den Anfang dieser Zeit erlebte Christiane Dorreyter in Posen.

Der Frühling wußte nicht viel zu zünden. Auf den Feldern hob sich ein riesiges, eintöniges Grün empor, die wilden, niedrigen Glacisbäume blühten. Die Warthe trieb gelbe Flut aus Rußland.

Christiane begriff, daß es schwer und seltsam war, hier zu leben. Sie kam nicht zum Klaren, ob Cöldts Versetzung eine zufällige war. Jedenfalls war er mit dem Mut der alten Kolonisten hergekommen, und sein Junkerblut drängte zum Kampf.

In Christiane war noch etwas von der freiheitlichen Abendstunde in den Bergen. Sie spürte den Osten wie einen fremden, starken Trank, mit dem sie fertig zu werden versuchte.

Sie schalt über Hardis Gleichgültigkeit. Ludwig gegenüber war sie erst unfrei, ihre Gedanken fielen ihn oft hinterrücks niedrig an. Dann wurde sie ruhiger und fast etwas beschämt.

Seine Art machte sich geltend.

Er besorgte ihr ein Pferd, und in freien Stunden ritt sie mit ihm bald junkerhaft durch die warmen, dampfenden Glaciswälder oder in die Felder hinaus, über denen die Windmühlen gingen.

Anfangs dachte Christiane noch an ihre bisherige Existenz, dann versank das.

Sie war aus einem Traum ins Wahre gekommen oder knüpfte an etwas an, das früher gewesen war.

In diesem flachen, unendlichen Lande war sie schon einmal gewesen, die Zügel in der Faust.

Über diese Straßen war sie schon einmal herrinnenhaft geritten, den Gesellen neben sich.

Es war ein Traum, der aus dem unendlichen Frühling dieser slawischen Unendlichkeit stieg. Es war doch Frühling.

Ludwig suchte sich auch literarisch zu informieren und brachte eine Menge polnischer Literatur an; Krasinski und sogar Kraszewski, vor allem aber Mikiewicz und Sienkiewicz.

Christiane las immer in einer gewissen Distanz, mit scharfem, jungem Denken und mit dem überlegenen Gefühl ihres reinen Germanentums, das dem slawischen Bruder das Leben und die Kultur im Herzensgrunde absprach.

Hardi beteiligte sich an diesen Erörterungen immer nur zeitweilig. Wenn sie wieder an ihren Zustand dachte, sanken ihr die Flügel, und sie saß wie eine Verurteilte.

Ludwig erzählte auf einem der Ritte von seinem Vorfahren, der mit Heinrich von Plauen gezogen war. Darauf begann Christiane von der Frau von Rhane zu sprechen, und er wurde aufmerksam und bat um die Blätter. Hardi hatte nichts davon erzählt.

Christiane wußte: sie war äußerlich keine Rhane, ihr fehlte die blonde, reinblütige Schönheit, wie sie im Grunde auch Hardi fehlte. Nur ihre Hände waren rhanisch. Ihre Hände waren die der Frau von Rhane.

Traumhaft ritt sie durch die maiheißen Straßen, die Mühlen gingen. Ihr Körper bog sich nach dem Rhythmus des Tieres, die Rhaneschen Hände regierten es.

Ihr Blut war das der Frau von Rhane.

Traumhaft sah sie in die maiblaue Ferne. Glühend, wie ein fallender Stern schoß es ihr durch die Seele. Wohin? Wohin? Zu wem?

»Ein Schicksal,« sprach Ludwig neben ihr.

Sie fuhr herum und sah ihn an.

»Unsere Mutter sagt: ›Schmutz‹.«

Er verzog den Mund und sagte: »Wir wollen zu den Mühlen.«

Sie trabten schneller, der Staub war wie lange Fahnen hinter ihnen. Mitten im Geklapper hörten sie Lerchenlaut. Sie trabten. In Christiane war der Rhythmus der Leonorenballade, ihr Blut sauste. Sie sah nichts mehr. Sie jagten.

Am Abend war ein Gast da.

Cöldts lebten sehr zurückgezogen, da Hardi sich gegen jeden Verkehr gesträubt und die gutmütig und neugierig teilnahmsvollen Kollegenfrauen beinahe brüskiert hatte. Sie hatte die Bilder ihrer Heimat um sich und unterhielt sich mit ihnen und schrieb heimwehkranke Briefe an die Mutter.

»Kraneis ist ein guter Kenner der slawischen Literatur,« sagte Ludwig.

Der Doktor war sein Studienfreund und als Assistent an der damals noch herzlich unfertigen Bibliothek tätig. Seine Stellung war auch unfertig. Er erwog immer die Aussichten, die sich ihm in dem sich nun langsam kultivierenden Posen eröffnen konnten, und schrieb zwischendurch Bewerbungsschreiben an alle Orte, in denen man einen Bibliotheksleiter suchte. So war sein Sinn auf jeden Fall zerspalten, und wenn er einmal fanatisch begeistert über die Kultivierung des Ostlandes sprach und nicht genug Opfer an deutschem Blut und deutscher Kraft erwarten konnte, wenn er sich in slawische Verhältnisse nachfühlend hineingrub, die östliche Seele ergründete, Polnisch lernte und Mikiewicz zitierte, so war er ein paar Tage später ganz und gar westlich gesinnt und redete mit Ausdauer und einem wahrhaft deutsch biederen Beamtentum von Elberfeld oder Mainz.

Christiane begann dieser Mensch zu interessieren und zu amüsieren. Sie getraute sich aber Ludwig gegenüber nicht viel darüber zu sagen, weil sie nicht wußte, wie weit dieses Freundschaftsverhältnis in die Tiefe ging.

Eines Tages suchte sie Bücher aus Ludwigs Bibliothek zusammen, weil Kraneis kommen sollte, und brachte neben Mereschkowski einen – Reiseführer durch Mainz, der ihr zufällig in die Hand geraten war. Ludwig sah ihn betroffen an – dann begriff er. Sie leise anblickend, sagte er mit einem feinen Lächeln:

»Weißt du auch, Christiane, warum dieser Kraneis jetzt so unheimlich westdeutsch wird? An Mainz knüpfen sich jetzt seine größten Hoffnungen.«

Sie schaute ihn an. »Er will sich dort eine feste Zukunft gründen, denke ich.«

»Und zwar recht fest. Bürgerlich fest. Haus und Herd.«

Jetzt stutzte sie. Dann hatte auch sie begriffen.

Als Kraneis dann erschien, bekam er den Führer durch Mainz nicht zu sehen.

Er sprach aber nur von dieser Stadt. Ein dortiger Freund hatte ihm unter der Hand Nachricht gegeben, daß seine Sache sehr günstig stünde.

Christiane fragte nach diesem Freunde, und seine Miene wurde etwas verlegen.

»Er ist in der Stadtverwaltung. Freilich nichts Besonderes. Hat sich so durchdrücken müssen.« Er zögerte eine Sekunde. »Wir waren Nachbarskinder in Neustadt.«

Christiane sah den jungen Mann an. Handwerkerssohn, dachte sie. Nicht, daß sie ihn deshalb verachtet hätte, aber irgend etwas an ihm störte sie. Vielleicht die Hände, die Bewegungen überhaupt. Oder die Sprache. Wahrscheinlich die Sprache.

In Mainz hatte auch die Frau von Rhane einige Zeit gelebt, nach ihrem Glanz als Witwe. Ihr Mann war bei einem Schlaganfall vom Pferd gestürzt und gestorben. Die Witwe hatte Bittbrief auf Bittbrief um eine Gnadenpension geschrieben. Dann war sie gestorben. Ohne Gnadenpension.

Irgend ein Gedanke zog in Christiane empor und hatte Farbe und Macht aus der kurz verstrichenen Vergangenheit. Sie sah auf einmal wieder das stickige Lehrerinnenzimmer in der Pension, hörte das Herantraben der Beierlein und das nächtliche Schluchzen der Holsteinerin.

Warum nicht in Mainz leben, als Frau Stadtbibliothekar? Reiten kann man doch nicht immer.

Sie war an dem Abend zerstreut. Hardi war ausnahmsweise dabei und wollte, von diesen Dingen gänzlich unberührt, etwas über Mereschkowski wissen. Die Übersetzung der Verse war von einem Kollegen Kraneis’, einem Balten besorgt worden.

Kraneis schien auch nicht bei der Sache. Was ging ihn dieser hoffnungslose Russe an, was die fremde Flut, die mit dumpfem Brausen draußen dicht vor den Toren stand und weithin über Steppen und Steppen reichte? Er war weit weg, im goldenen Mainz.

Hardi zitterte. Das Fleckchen, auf dem ihr bißchen Leben verstört hockte, erbebte. Sie begann plötzlich laut zu schluchzen. Kraneis hielt erschrocken inne. Ludwig eilte zu ihr hin. Sie stieß ihn zurück. Aufweinend lief sie aus dem Zimmer.

Christiane ging ihr nach. Hardi wollte ihr Morphium haben. Die Schwester griff schon danach, aber auf einmal sank ihre Hand nieder, wie gedrückt. Wie sollte das werden? Was für Kraft bekam Ludwigs Kind? Was für Willen, was für Blut? Mit Giften wurde sein Organismus getränkt, noch ehe er ganz entwickelt war.

»Du sollst nicht,« sagte sie mit eiserner Energie. »Du darfst nicht. Ich gebe dir’s nicht. Ich gebe dir’s nicht.«

Sie setzte sich zu Hardi aufs Bett und hielt den Arm unter ihren Kopf, leise redete sie ihr zu. Die junge Frau weinte.

»Ich gebe dir’s nicht.«

Hardi schrie, sie bettelte.

»Nein, nein,« sagte Christiane. Sie machte sich frei. »Du sollst Kraft haben! Du mußt!«

Scharf sah sie auf die Schwester hernieder. Hätte sie ihr nur von ihrem Willen abgeben können, von ihrem starken, entschlossenen Blut!

»Du mußt Kraft haben aus dir allein. Du darfst dich nicht einlullen. Durchhalten sollst du.«

Hardi wimmerte.

»Gib. Gib.«

Sie schluchzte.

Da kam Ludwig.

Christiane sagte ihm kurz Bescheid.

Er sah zu seiner Frau hin. Ohne Christiane anzublicken gab er ihr das Morphium. Dann ging er zur Tür hinaus.

* * *

Am nächsten Tage sprach Christiane mit dem Arzt.

Der sah sie ernst an.

»Die gnädige Frau ist sehr krank.«

»Krank –«

»Sehr krank,« sagte er mit dem scharfen ›R‹ der altansässigen Deutschen. »Sie fühlt vollkommen das Richtige. Ihr Organismus ist für die Ehe nicht geschaffen, wenigstens war sie viel zu jung. Es wird einen bösen Kampf geben.«

»Weiß mein Schwager – –«

Der Arzt zuckte die Achseln.

Wie geschlagen blieb Christiane zurück. Die ganze schöne Einrichtung der Wohnung, die Ludwig bezahlt hatte, schien ihr wie die Dekoration eines Totenhauses. Die kleine Hardi hatte ihre Examenscheu und das bißchen Frauenglanz mit dem Schwersten zu bezahlen. Ihr inneres und äußeres Wehren war der wahrhaftige und unbewußte Ausdruck der ahnenden Kreatur.

Sie ging zur Schwester und begriff nicht. Alles in ihr lehnte sich dagegen auf, in einem bißchen Wärme so dahinzuschwinden. Sie dachte wiederum an die Frau von Rhane.

Es blieb ihr wohl übrig, Ludwig vorzubereiten. An dem Tage hatte sie grade versprochen, ihn vom Amt abzuholen.

Das Regierungsgebäude lag mitten in der Altstadt an einem schmutzigen Markt und dicht bei einer riesigen dunklen Kirche. Weiber mit groben Tüchern um den Kopf kamen langsam und geduckt daher, Glocken läuteten. Sie sah durch ein Portal in das flimmernde Dunkel hinein: dort hinten war der Stern, an den sich das dumpf elende Volk hier hielt. Sie sann: konnte das auch über einen kommen? Kam nach aller Jugend oder – mitten in der Jugend – eine Stunde, in der man Hilfe brauchte – solche Hilfe?

Da fiel ihr Hardi ein. Die hatte – Morphium.

»Wollen wir noch tiefer in die Polackei?« fragte Ludwig, der ihr eben durch die enge Gasse entgegenkam, »oder ins – Freie?«

»Lieber ins Freie,« sprach sie hastig.

Sie waren auch dort in der Polackei. Rings um die Stadt zogen sich, dicht an die Wälle gedrückt, zahllose polnische Kirchhöfe. Wild war das Gesträuch drinnen gewachsen, wild lagen die Gräber, von den Leichensteinen sahen fremde Worte und Zeichen. Alte Weiblein zogen herum und schienen den Tod zu suchen, Kinder schlichen diebisch um die Blumen, da und dort kam eine ganze Familie an, um ein Grab zu begießen. Der Faulbaum duftete über den Zaun.

Es war keine Gegend, um von dem zu reden, was Christiane zu sagen hatte. Aber – wo war eine andere? Ihr kam es plötzlich vor, als müsse ganz Posen Ludwig wie ein Grab erscheinen, in dem alles Seine versunken war. Dabei fiel ihr auf, daß er selten mehr eine direkte Frage nach Hardi tat. Man merkte ihm kaum mehr die Besorgnis des Ehemanns an, der seine Frau in solcher Lage weiß. Kaum, daß er auf eine Erkundigung einging. War er schon – fertig? Was war alles vorgegangen?

Herrgott, dachte Christiane, wie gut könnte das sein. Warum muß gerade hier die Tragödie beginnen?

Er sprach über die augenblickliche politische Lage. Des alten Herrn Stellung war zweifellos erschüttert, selbst wenn dem frechen Blatt der Mund gestopft wurde. Die Zeitung mußte es büßen und die Exzellenz auch. Und dann – kam der neue Kurs.

»Du bist hier glücklich?« fragte sie, die eben noch gegrübelt hatte.

»So lange ich Arbeit habe, ja.«

Wie sie dir paßt, dachte sie. Mit einem Schablonenwerk bist du nicht zufrieden. Man läßt dir hier anscheinend Raum und wird dir vielleicht noch mehr lassen. Sie war schon längst überzeugt, daß er zu den Junkern gehörte, die noch Führer sein konnten, nicht nur Namensträger und Konnexionennützer. Er stammte aus einer altpreußischen Familie, sein Vater war als Intendanturrat in Danzig gestorben. Sie dachte: das hier wird ihm eine gute Lehrzeit sein. Seine Waffen können sich nicht besser schärfen, als hier im Kriege – selbst wenn der neue Kurs doch schließlich wieder im Sande verlaufen sollte. Selbst wenn er eine Weile Zickzack mitmachen muß, wird doch sein Gewicht einmal so stark geworden sein, daß er an irgend einer Stelle den Zickzack – biegt.

Sie erhoffte Großes von ihm.

Beide waren sie von jenem weltfremden alten Blut, das das moderne Protzentum, den Wettbewerb, die brutale Menschenausnützung, den Kapitalismus verachtete. Ihm war es noch undenkbar, anders als vom Staate Geld anzunehmen, jemand anderem als dem Staate überhaupt zu dienen. Er gehörte zu jenem stillen, armen Junkertum, das heute wie ein schmaler, alter, verrosteter Degen im Winkel liegt.

Auf einmal fiel ihr Hardi wieder ein, Hardi, seine Frau, die vielleicht sterben mußte.

Sie stockte mitten im Satz.

»Was ist dir?« fragte er.

Drüben hinter dem blühenden Dorn, der schwer niederhing, stand ein einsamer Mann an einem frischen Grab.

Sie zuckte.

Er folgte ihrem Blick.

»Wie häßlich ist das hier,« sagte sie nervös.

Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich. Er muß selber fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja doch gar nicht an ihre Ehe heranreichen.

Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor.

Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg und nahm das frühere Thema wieder auf.

Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane, als sie abends in ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus Ludwigs Bibliothek war hingelegt. Beim Blättern schlug ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben ihr besonders im Gedächtnis.

Grau und schlaff
Dehnt sich das Haff.
An der Straße von Bischoffshausen
Müssen noch Linden in Blüte stehn,
Ich spüre den Duft in wanderndem Wehn
Und höre heimlich ein Bienenbrausen,
Das leise Rauschen der brandenden See.
Nie rastendes Weh,
Immerwogendes Leid, dessen salzige Fluten
Bis zur Seele mir stiegen,
Nun lege auch du
Wie das Meer da draußen,
Dich endlich zur Ruh.
Mit diesem Sommer wirst du verbluten,
Herz, das nie gelernt zu entsagen.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ich will hinab nach dem Hofe sehn.
Daß ich so frei darf gehn
Ist mir noch immer wie ein Traum.
Früher merkte ich’s kaum,
Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen.
Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen.
Meine Glieder sind steif, die Stiege ist steil.
Es dauert eine gute Weil,
Eh’ die Hand den Riegel zurückgeschoben. – – –
Heiß und schwül war es droben.
Hier unten ist’s kühl und abendstill.
Aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll.
Wie Gold ist die Luft,
Purpurn im Abendduft
Über dem flutenden Tief
Ragt die Feste.
Die immer leise rief,
Die See, schläft ein,
Der Abend allein ist das Beste.

Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in die Nacht über den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft zu durchdringen und fanden plötzlich nichts mehr, keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts – – Der Abend allein, dachte sie – – –

Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor Kraneis. Nichts Slawisches. Alle diese Bücher waren rein germanisch und kümmerten sich nicht um östliche Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da eine zarte Welle Lyrik.

Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane und bedachte dabei, daß seine Seele durch das ihr entgegenfahrende Glück wohl weicher und konfliktloser gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle diese Bücher waren eine Liebeserklärung.

Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und ging jetzt mehr für sich. Die Briefe der Mutter beantwortete sie in flach beruhigendem Tone, denn der Arzt wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte sie Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht.

Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz, in dessen Nähe die Bibliothek lag, sie gingen wohl ein paar Straßen lang miteinander, und sie spähte ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von ihm wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb. Ob Ludwig – weiß? dachte sie immer. Ob man ihm gesagt hat –?

Hardi wurde immer reizbarer, hinfälliger, hoffnungsloser, und immer mehr nahm sie Morphium. Sie wußte jetzt aber von Kraneis’ Absichten, und ihr Blick schlug manchmal wie eine Flamme über die Schwester hin, voll Geringschätzung und voll von verzweifelter Warnung.

Eines Tages fragte Kraneis, ob Christiane ihn nach dem Dom hinaus begleiten wolle. Sie ging mit ihm. Es war in der Zeit der Fronleichnamsprozessionen. Das holprige Pflaster der Straßen war mit geschnittenem Gras überstreut, die schmutzigen Hauswände mit Teppichen und Kränzen verhängt, an jeder Ecke war ein Altar. Am heiligen Nepomuk auf dem Markt flimmerten Kerzen, vom Rathausturm herab bliesen Musikanten, Volk an Volk war in den Gassen, bunt, voll Putz.

Vorsichtig drängten sich die beiden hindurch. Da waren die Bamberkas*) mit den weit starrenden, steifen, kniekurzen Röcken, die sommersprossigen kleinen Polinnen mit den Korallenkettchen um den Hals und den weiten schwarzen Jacken, die stieräugigen, halbbetrunkenen Bauern und Knechte aus der Umgegend. Dazwischen viele Kinder und so manche mit verbundenen Augen oder blauen Brillen, mit geschwollenen, tränenden Lidern. Überall Augenkranke.

*) Polonisierte Bambergerinnen.

Doktor Kraneis erzählte von einem Städtchen in der Umgegend, das er vor wenigen Tagen besucht hatte. Den Hut hatten sie ihm vom Kopf geschlagen, als die Prozession um die Marktecke kam. Und den ›Himmel‹, unter dem der polnische Propst mit dem Allerheiligsten schritt, trugen der Bürgermeister, der Kämmerer, ein Gutsbesitzer und ein junger Doktor. Der war ein Deutscher.

»Nein! Nein,« stieß Kraneis hervor. Und dann sprach er mit heiserer, feierlicher Stimme von dem goldenen Mainz.

Er hatte es.

Sie gingen rasch über die schmale, schmutzige Brücke, unter der das lehmgelbe Warthewasser trieb. Heute zog kein Flößer, kein Schiffer. Der Strom war leer. Aber weiter oben, wo die Ufer dämmerten, würden sie zum Sonnenwendstag eine nächtliche Johannisfeier veranstalten, Schiffe und Kähne würden sich zusammenrudeln, die rotweißen Fähnchen würden wehen, die Buntfeuer lohen und das ›Jeszcze Polska‹ über die Wasser klingen.

Ein paar junge Kleriker wanderten ihnen auf der Brücke entgegen, keinen Blick auf sie verwendend. Jetzt wurden die Straßen ganz eng, grabentief die Rinnsteine, hüttengleich die Häuser. Das Glockengeläut des Domes schwoll ihnen entgegen, die zwei kurzen Türme stachen in die Luft, ein paar Bäume grünten. An der Seite lag hinter hoher Mauer das erzbischöfliche Palais, in dem damals noch der kluge Stablewski hauste. Nach ein paar engen Gassen und düsteren Plätzen kam auf einmal freieres Land, ein grüner Wall, ein Tor, Wachsoldaten. Endlich Felder, Gärten, Land.

Christiane blieb stehen. Das war kein deutsches Land. Nicht mit der kühnsten Phantasie konnte man sich vorstellen, daß das deutsches Land sei: diese endlosen Felder. Hinter ihnen stand die finstere Silhouette des Domes, ein ferner Goldschein schwamm am Himmel: fremdes Abendrot. Fremdes Land – fremdes Abendrot. Vor ihnen, aus dem stahlblauen Osten wälzte es sich ihnen mit lautloser, zäher Wucht entgegen – die Fremde, die unendliche Ebene, die Steppe.

Man tat gut, wenn man floh.

Sie sagte es Kraneis, und er begann wieder bebend von Mainz.

Den Rhein würde sie nun also sehen. An seinem Ufer, über seine Brücken würde sie mit diesem Manne gehen, Arm in Arm und mit dem Bewußtsein und der Erinnerung enger Gemeinschaft. Sie blickte ihn an. Er sah doch nicht schlecht aus. Die Figur war gut. Sein Dialekt ließ sich abgewöhnen, oder vielleicht sprachen sie dort alle so.

Sie war dabei ›ja‹ zu sagen. Nicht feierlich, auf ein bestimmtes Wort, sondern im Nachgeben, im Eingehen, indem sie zuließ, daß er sie immer fester damit verflocht. Mainz – da konnte sie das Grab der Frau von Rhane suchen, vielleicht gab es auch noch das Haus, in dem sie gewohnt hatte.

Der neugebackene Bibliothekar streckte die Hand aus.

»Sehen Sie doch, wieviel Zwetschen dort angesetzt haben,« rief er selig, in einen der erbärmlichen Bauerngärten deutend, »so viele –!«

Seine ganze Herkunft klang aus diesem Wort. Man sah auf einmal das pfälzische Kleinbürgerhaus, aus dem er hervorgegangen war. Man fühlte das Milieu, dem er entstiegen war – es klebte ihm ja an! Wie er an den Zäunen entlangging, mit der Schulterhaltung seiner Ahnen, die Lasten getragen hatten, und immer noch nach den Zwetschen spähte, erkannte sie jäh, wieviel an ihm lose saß, wieviel er im Augenblick nur übergetan hatte, um ihr zu gefallen, wieviel Brücken er zu ihr hinüber gebaut hatte – die er dann sämtlich abreißen würde, wenn sie drüben bei ihm war – in Mainz.

Sie erkannte auf einmal, daß er in allem, was er vielleicht noch erreichte, in seinem ganzen Leben doch Kleinbürger bleiben würde, und wußte auf einmal eisern und unumstößlich: nein, nein, nein.

Es waren nicht Hardis zitternde Warnungen – – die nicht. Nicht die Ehe scheute sie, sondern die Ehe mit ihm. Sie würden sich nie verstehen.

Er betrachtete in glücklicher Jugenderinnerung noch immer die Pflaumen und sah wahrscheinlich im Geiste selber welche in seinem Gärtchen am Rhein, in dem er abends in der Laube womöglich in Hemdsärmeln saß.

Sie wußte immer sicherer: sie konnte, konnte nicht, und hörte mit kaltem, arglistigem Herzen auf seine Worte.

Endlich schien er ihr verändertes Wesen zu erkennen und zu begreifen, daß er sich etwas verdorben habe. Er fand es aber nicht, sondern suchte im Gegenteil das ganze Bauerndörfchen nach dem Glück im Winkel ab und wurde dabei immer ratloser, bis ihn schließlich der Trotz überkam. Er war doch jetzt der Stadtbibliothekar von Mainz, ein wichtiger Herr, um den man sich reißen würde – was machte ihm die arme Lehrerin aus, die sich sperrte. Wenn’s ihr eben nicht paßte, na, dann nicht, dachte er zweifellos.

Sie las hellsichtig in ihm.

Bald nahmen sie kalten Abschied.

Als Christiane in die Wallstraße kam, traf sie Ludwig schon im Eßzimmer ihrer wartend. Hardi schlief bereits.

Er sah sie in jäher, eigentümlicher Prüfung an.

»Der Abend allein ist das Beste,« sagte er dann langsam.

Sie zuckte zusammen.

Irgend eine Welle schlug von ihm zu ihr, sie spürte sie in jedem Nerv, im Innersten erschüttert. Auf einmal sah sie die verflossene Stunde klarer – – Kraneis – o, Gott!

Ihr Herz schlug.

Sie saßen unter der verschleierten Lampe schweigend bei Tische, und Christianens Blick huschte immer wieder verstohlen zu Ludwigs festen Zügen. Ihre Gedanken wirrten hin und her, höhnten über Kraneis und zitterten zu Ludwig und hingen sich an ihn und wurden zart, weich, vergötternd. Verächtlich glitten sie zu Hardi hin, und alles Mitleid wandte sich zu – ihm.

Sie trennten sich bald.

Christiane fiel es nachher ein, daß sie Ludwig heute wohl am ehesten hätte vorbereiten können. Aber sie konnte nicht mehr.

Mochte alles – Schicksal seinen – Gang gehen.

Sie saß noch lange verstört in ihrem Zimmer, dann ging sie zu Hardi schlafen. Weit rückte sie von der Schwester ab, weit, ganz weit.

Sie hätte in dieser Nacht nicht denken mögen. Aber sie dachte viel.

* * *

Ganz unverhofft kam dann Hardis Stunde. Mitten im Juli, als alle Linden blühten. Christiane war bei ihr und schickte zu Ludwig aufs Amt.

Die Wohnung war voll Aufruhr, und dazwischen klang das trostlose Wimmern der Schwester, die keinen wilden Widerstand mehr aufbringen konnte. Sie war in der ganzen Zeit schon hundertfach im voraus gestorben. Nur in den Augen stand das ohnmächtige, haßvolle Widerstreben.

Der Mutter wurde telegraphiert.

Ludwig kam und kam nicht. War er beim Präsidenten? Hatte er irgend eine Konferenz? Sie wartete. Sie schaute aus dem Fenster. Auf jeden Wagen hörte sie. Immer noch kam er nicht.

Die Zeit verstrich. Die Lage wurde immer unheimlicher, und der Abend kam. Das fremde Rot brannte über der Ebene hinter den Wällen.

Da endlich ein Schritt auf der Treppe – Ludwig. »Ich konnte nicht eher,« murmelte er mit abgewandten Augen auf dem Flur. »Die Exzellenz – –« Seine Miene war bedeckt. Jetzt schien er sich auf einmal zu besinnen – er hörte auch. Seine Stirne wurde weiß.

»Hardi,« sagte er, wie in sich suchend, verstört.

Er blickte zu Boden.

In der Sekunde erkannte Christiane, daß er von Hardis verzweifelter Lage schon lange wußte.


Das Kind war tot, aber die junge Frau wurde gerettet.

Ludwig kam zu Christiane, die fiebernd, auf jeden Laut horchend, in ihrem Zimmer saß. Der Sommermorgen dämmerte, der weite, unendliche Sommermorgen des slawischen Landes. Lerchen sangen drüben. Fern drehten sich die Flügel der Mühlen. Weite, gelbe Felder leuchteten.

Ludwig sagte es.

Sie schauten sich an.

Und jetzt, da die Wellen verebbten, die das Haus erfüllt hatten, jetzt, da die Fluten der Unruhe, der ungeheuren Verwirrung und verstörten Erwartung aus ihren Herzen strömten – jetzt sahen sie erst, was sündig hoffend, sündig begehrend, heimlich darunter gelebt hatte.

Beide sahen es in dieser Morgenstunde.

* * *

Zwei Tage später reiste Christiane ab.

Die Mutter war gekommen und wollte einstweilen bleiben. Mutter und Tochter waren sich genug.

Ludwig brachte Christiane zur Bahn. Es war der Berliner Frühzug, der von Alexandrowo kommt, russischen Staub an den Rädern trägt und voll unruhigen Slawentums steckt. Juden, Polen, Russen, fast alles Geschäftsleute. Dazwischen ein paar Uniformen, Offiziere aus den großen östlichen Garnisonen, und einige Agrarier. Da und dort eine versprengte Familie mit Kindern, hilflos und stumpf in ein neues Leben hineinfahrend.

Das Abteil, in das Christiane stieg, war wie alle anderen schon sehr gefüllt. Ludwig stand draußen. Sie konnten sich ansehen. Dann und wann rannte jemand dazwischen, der verschmutzte Schaffner, ein Kellner, der Zeitungsmensch, Reisende, die noch aufgeregt nach leeren Abteilen spähten. Dann schauten sie sich wieder an.

Immer unruhiger wurden die Menschen, immer schneller liefen sie. Vom Anfang des Zuges her kam ein sonderbares Geräusch immer näher. Schlag auf Schlag. Immer näher. Jetzt kam der Schaffner heran. Schlag auf Schlag.

Nun wurde ihre Türe gefaßt.

An dem Mann vorbei streckten sich ihre Hände einander entgegen. Fest preßten sie sich, eisenfest. Stark sah Auge in Auge, alles bekennend, rückhaltslos.

Der Schaffner war weitergegangen. Jetzt kam der Ruf, der Pfiff.

Ludwig faßte die Tür und drückte sie mit leiser Hand zu.

Dann verschwand der Bahnhof.

Christiane sah in die weiten Felder hinaus, in die ungeheure gelbe Ebene, und ein wildes Verlangen faßte sie: hierbleiben, an seiner Seite um dieses fremde Land, diese riesigen Weiten ringen, kämpfen; kämpfen – mit ihm! Sie hätte jeden Zoll des rasend wegfliegenden Bodens festhalten mögen – diesen fremden, starken, feindlichen, geliebten Boden!

Bleiben, bleiben wollte sie! Über diese Ebene mit ihm sausen, Pferd an Pferd, an diesen roten Abenden bei ihm sitzen, bleiben, bleiben wollte sie – – –!

Dann sank sie zusammen. Über ihr im Netz zitterte ihr Lehrerinnenkoffer. Dicht an sie heran drängte sich kleinbürgerliches, verschwitztes Volk – ach, zu dem gehörte sie ja! Vorbei der Junkertraum, fort die schmalen Zügel, die sie in der Faust gehalten hatte, fort das urheimlich traute Beisammensein!

Gelbe Felder, grüne Felder. Dann und wann eine kleine Station. Dann wieder die unendliche Weite, die der Zug noch immer nicht durchmessen hatte und die doch schon eine andere war. Weite an Weite, immer verschwindend und sich von neuem aufschließend, Land an Land, Osten, noch immer Osten.

Die Frauen im Abteil hatten es sich bequem gemacht. Die junge Polin in der Ecke hatte den Hut abgenommen, den Kragen geöffnet und nestelte eben am Korsett. Die verängstigte Mutter mit den vier kleinen schwarzen Russen holte Kissen und Decken aus dem Netz und breitete sie über die Polster. Die Kinder kauerten, schliefen, tranken Milch, rannten, trieben es wie zu Hause. Eine furchtbare Luft war in dem engen Raum.

Christiane bog sich vor: daß sie es nur nicht vergaß – jetzt mußte sie umsteigen. Ludwig hatte es ihr auf der Fahrt zum Bahnhof auseinandergesetzt; die Verbindung war nicht gut. Sie fuhr nach Dresden.

Ein Ruck, ein sirrendes Verschwirren der Luft – Christiane stieg aus, und wie Fächeln streifte sie der reine Felderatem. Sie kam in einen anderen Zug, und nun war es allmählich nicht mehr Osten. Sie fuhren durch einen Zipfel märkischen Landes mit kleinen Fabrikstädten, kamen durchs Wendische und dann nach Dobrilugk. Wieder mußte sie umsteigen, und der neue Zug verschwand mit schnurrenden Rädern in der Ferne. Christiane aber fuhr in einem anderen, in dem es nur noch die deutsche Sprache und ein begrenztes Provinzlertum gab, nach Dresden hinein.

Sie war ruhiger geworden. Wie ein dumpfer Schleier lag es über ihr. Der Osten verwischte sich, wurde zum Märchen, zu einem fremden Lied. Ihre Existenz wurde ihr haarscharf deutlich.

Christiane mußte sich nun so bald als möglich eine neue Stelle suchen. Da ihre Papiere von der Schweizer Pension her mit einer mißbilligenden Note behaftet waren, würde es nicht ganz leicht sein.

Sie fuhr nach dem Lehrerinnenheim, einem alten Bau in enger Stadtgasse. Erst wurde sie vom Portier, dann von der Oberin gemustert. Sie stand vor ihr und sah dabei traumhaft fern eine weiße Landstraße und darüber hin zwei sausende Pferde, hörte etwas von großer Überfüllung und wurde dann in ein winziges Erdgeschoßzimmerchen geführt, es war billig, wie alles dort. Aber wenigstens war sie allein darin. Ein hartes, uraltes Bett, ein Liegestuhl, ein kleiner Tisch, ein Schrank. An der Wand die Hausordnung. Es roch nach Fremde.

Dann ertönte eine Glocke. Sie fing unten im Erdgeschoß zu leben an und stieg gleichsam die Treppen empor, jeden Winkel mit Klingen ausfüllend. Auf einmal war nichts mehr als Glockenläuten im ganzen Haus, Türengehen und Schreiten. Christiane ging nach oben. Auf den Gängen waren Türen und an jeder ein Name. Hinter jeder wohnte der zitternde Rest eines Lebens. Manchmal stach ein besonders schön gestickter Klingelzug hervor oder ein zärtlich bemaltes Täschchen für die Besuchstafel.

Da waren die emeritierten Lehrerinnen. Etwas Eiliges war an ihnen, eine große Spannung beherrschte sie. Flure und Treppen waren jetzt voll gebeugter Frauen. Es gab gute Gesichter darunter, liebe Frauengesichter, die fein zu Großmüttern gepaßt hätten, und scharfe, spitze, denen man ein glückloses Altjungferntum ansah, gleichgültige Gesichter, die man schon tausendmal gesehen hatte, und einige voll Rasse und geprägtem Adelszug.

Der leise Strom glitt an Christiane vorbei wie das Leben selber. Nicht das Leben, das im Tragischen oder Lichten vollkommen ausgleicht und Farbe auf Farbe gewissenhaft setzt wie ein guter, braver Maler, sondern wie der große Künstler, der im Überreichtum seines Schaffens seine Werke nicht alle beenden kann, der oft nur Fragmente schafft, Proben, Übergänge und dabei allerlei wegwirft, das eines Besseren wert gewesen wäre.

Sie waren alle den Bächlein gleich, die durch das Land rinnen, still, schmal, da einen grünen Streif finden, dort eine Weile unter hängenden Blüten treiben, aber spurlos im Größeren aufgehen ohne ein Mühlrad gejagt oder ein Schifflein getragen zu haben.

Mit Spannung schauten sie auf ihren Platz und grüßten einander, die Köpfe mit den schwarzen Spitzenhäubchen höflich neigend und nach der Oberin schauend, vor der die Suppenschüssel stand. Die eine oder die andere hatte aus Gesundheitsrücksichten ein Gläschen Wein neben ihrem Gedeck, ein Tellerchen war daraufgelegt, damit der Duft nicht verflog.

Erst sprach die Oberin das Gebet, dann gingen die Teller ringsum, die Köpfe neigten sich darüber, das Essen begann, nur da und dort von mildem Gespräch unterbrochen.

Christiane horchte und verstand nicht viel. Da war eine von einer früheren, längst verheirateten Schülerin besucht worden, dort hatte eine einen Brief bekommen, dort huschte auch wohl ein kleiner Streit mit geduckten Flügeln.

An Christianens Tisch ging es lebhafter zu. Sie saß auf der Jugendseite, unter den Lehrerinnen, die sich gleich ihr nur vorübergehend im Heim aufhielten, meist Ferienvolk. Viele Sprachen wirbelten über den Tisch. Die Ungarin schwatzte von der Operette, die beiden Norwegerinnen redeten vom grünen Gewölbe, die Engländerin fragte ihre Nachbarin mit zähen Blicken nach allen Sehenswürdigkeiten aus. Eintrittskarten gingen von Hand zu Hand, Pläne wurden gemacht, da hatte eine einen Kniff heraus, wie eine Sache billiger zu bekommen war, und rief’s triumphierend über den Tisch. Eine unendliche Vergnügungsgier beherrschte die meisten. Das ganze Jahr hatten sie für ihre Ferien gespart!

Christiane bemerkte dann noch andere darunter, die stiller waren und mehr vor sich hinguckten, das waren solche, die keine Stelle hatten. Schöne, stolze, frische Gesichter darunter, noch mit allen Jugendillusionen, mit romantischen Erwartungen und heißer Fernsehnsucht, mürbe, schwache, ausgemergelte Erscheinungen und solche mit großer Vortrefflichkeit im ganzen Wesen, glattgescheitelten Haaren und dem Klemmer – die richtigen Lehrerinnen.

Christiane machte sich mit keiner bekannt.

Nach Tisch ging sie durch die Stadt. Die Straßen glühten, und doch waren sie nicht schläfrig; man sah viel Fremde. Christiane entdeckte manches Schöne, manche Rasseerscheinung, aber auch viel Talmi, viel lächerliches Provinzlertum in Warenhäusern aufgeputzt, und die braven Dresdner selber, diesen Typen nicht ungleich. Sie sah die Talmikultur in den Läden und an den Bauten und begriff nicht, wie man die schöne Linie so mißhandeln, zerbrechen, vergewaltigen konnte. Wieder schweiften ihre Gedanken nach dem Osten zurück: dort war noch ein Boden, auf dem zu schaffen war, eine königliche Fläche, die tragen und leuchten konnte.

Sie kam an die Elbufer. Die fernen Hügel schwammen in blauem Duft. Der Strom strich sommerlich schwach, die Wagen und Bahnen polterten über die weißen Brücken.

Christiane stieg in einen Dampfer und fuhr nach Pillnitz.

Das Boot war voll. Auch hier Fremde, einige rassig, elegant, voll hochmütig überlegener Kultur, still sich zurückhaltend, daneben die Familienrudel mit den unruhigen Kindern. Da und dort ein Künstlerkopf, ein Künstlerschauen, aber überragend die Masse, der ewig plappernde Durchschnitt. Der Dampfer fuhr unter den weißen Brücken mit den gelben und roten Bahnen hindurch, und nun sah man die Villenvororte, die weißen Häuschen an den Bergen, die Schlösser der großen Herren und der Künstler, die Protzenbauten der Reichgewordenen und die Massenrestaurants. An den Badeanstalten flatterten die Wimpel.

Hügel um Hügel glitt vorbei. Der Strom bekam ein wenig Weite und Einsamkeit. Dann leuchtete das grüne Dach des Schlosses zu Pillnitz. Christiane ging an ihm vorüber durch den Park in den Wald. Der Weg wurde einsam. Sie ging lange, bis sie an eine Mühle kam, die jetzt Wirtschaft war. Dort rastete sie. Es war still, ganz still.

Als sie wieder aus dem Walde an den Strom kam, sah sie, daß der Himmel sich umzogen hatte. Von den fernen Bergzügen merkte man nichts mehr, ein grauer Dunst kroch bergauf. Auf dem Dampfer sammelten sich schon die Leute. Das Wasser war grau.

Im Abenddämmer tauchte die Silhouette Dresdens wieder auf. In dem Fenster einer Kunsthandlung in der Prager Straße gewahrte Christiane plötzlich die ›eiserne Wehr‹ von Angelo Jank. Sie starrte das Bild an. Dann ging sie in den Laden und kaufte es.

So kam sie wieder in ihr Heim, wo sie es zusammengerollt in ihren Koffer legte. Draußen dröhnte schon wieder die Glocke, wieder zogen sie draußen nach dem Eßsaal. Der Abendtisch war leerer, nur die Alten und die Stellesuchenden waren da, die Ausflüglerinnen fehlten.

Christiane ging nachher wieder in ihr Zimmer. Sie holte die ›eiserne Wehr‹ aus dem Koffer und besah das dunkle Bild von neuem. Draußen trommelte der Regen, die schmale Gasse war überspült. Tapp, tapp, tapp – die Leute rannten. Es wurde finster. Das Bild verschwamm, das Zimmer verschwamm.

Der Abend allein – – dachte Christiane.

Sie warf sich plötzlich auf ihr Bett nieder und schluchzte.

Nach einer Weile wurde sie ruhiger und hob den Kopf.

Sie war wohl nicht die einzige hier im Hause, die so weinte.

* * *

Nach ein paar Tagen hatte sie eine Stelle bei einem Forstmeister dahinten in Sachsen. Christiane war es lieber, in die Familie zu kommen, statt in eine Pension, und sie erhoffte bei diesen Leuten etwas Kultur und auch ein wenig Leben für sich allein.

So fuhr sie nach Silberfähre.

Der Tag war verregnet. Das Bergland senkte sich nach Westen zu in so eigentümlicher Weise, daß es ihr vorkam, als ob der schwarze Zug mit seiner Menschenladung waghalsig am Rande der Erde dahinführe. Dünner und feiner wurde der Regen, noch ein Wirbel, ein flatterndes Ausfliegen der Tropfen, dann sank der Schleier, und darüber zog ein roter Himmel glühend auf, nahe, ganz nahe, nur eine lose, blaue Wolkenwand schwamm von unten herauf schwer vor ihm, wie die dampfende Sehnsucht der Menschen.

Neben Christiane schob sich eine Hand vor: »Entschuldigen Sie, das Fenster zittert echal so – darf ich mal –«

Und die Scheibe wurde gerückt.

»So,« klang die Stimme weiter, »fahren Sie auch bis Chemnitz?«

»Ich fahre noch weiter.«

»I gor, i gor – –«

– – Das Feuer stand noch drüben. Wie hundert goldene Fackeln lohte es vor dem armen Land. Wie ein rosenrotes sicheres Geheimnis stand es am anderen Ufer, von den dunklen bebenden Wünschen der Menschen zitternd umdünstet. Wie ein offenes Tor stand es da und hundert und hundert Schritte waren nur noch bis zu ihm.

Der Zug aber sprang jetzt wie ein Tier, das die Peitsche fühlt. Ein Klirren ging durch ihn, ein Ruck traf Rad um Rad – und Rad um Rad wandte sich gehorsam.

– – Das Feuer war nicht mehr da.

Nur ein schmaler verblichener Schein stand fern, wie von einer Tür, die zugeschlagen wird.

Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln umgangen, die sich ihre Nachtplätze suchten, Tal um Tal war da, von Schatten gefüllt, von Häusern, aus denen die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen Weg mehr hatten.

Das Feuer war nicht mehr da. – –

Der Hauch des fremden Gebirges umfing Christiane beim Aussteigen. Ein Wasser rauschte. Die Gassen liefen bald rechts, bald links, immer wieder vom Berg abgefangen. Gradeaus aber erhob sich auf einem Kegel die alte böhmische Burg Silberfähre. Mitleidslos hoch stieg der Weg zu ihr hinan, die kleinen Häuser verschwanden, das Wasser entlief weit unten, die Weite war nahe, der Himmel bog sich heran.

Nun war Christiane in einem Schloß.

Die Frau Forstmeister aber trug eine Küchenschürze, und drinnen über dem Feuer schmorten die Quarkkeilchen. Die Tochter kam aus dem Garten, ein schlacksiges, dreizehnjähriges Ding, von dem man noch nicht wußte, ob es hübsch oder häßlich werden würde. Es waren noch zwei ältere Töchter da, die sich nach der einen und der anderen Richtung längst entschieden hatten. Anna war schön, mit fuchsigem Haar und dem lebendigen, dunkel spiegelnden Blick des Waldtieres, Hella ein Kind des Schattens, klein, mit einem Zwergengesicht und einer Wichtelstimme. Anna war verlobt, Hella war schon über dreißig Jahre.

Die Lehrerin wurde nicht sehr angestrengt. Viele Vorgängerinnen hatten in Nora ein so queres und sonderbares Wissen angehäuft, daß es Jahre und Jahre gebraucht hätte, um es zu entwirren. Nora sollte aber in ein oder zwei Jahren schon in eine Pension.

Christiane wanderte viel in den einsamen Wäldern des Erzgebirges. Manchmal traf sie unterwegs den Forstmeister, einen kleinen, blonden, stumpfnäsigen Herrn, der sich noch immer darüber wunderte, daß man ihn im Münchner Hofbräuhause, ohne daß er noch ein Wort gesprochen, als Sachsen erkannt hatte! Manchmal mußte sie auch der Frau Forstmeister bei den Quarkkeilchen oder den grünen Klößen helfen und hatte dabei Gelegenheit, über nord- und mitteldeutsche Lebensführung Beobachtungen anzustellen.

Fremde Menschen sah sie fast gar nicht. Einmal tauchte Annas Verlobter, ein Gerichtsassessor aus Bautzen, auf. Ein jähes Feuer schoß aus seinen Augen zu Christiane hin, sie spürte seine heimliche Jagdlust und wich ihm aus. Bald danach hatte das Paar Hochzeit und verschwand vom Schauplatz.

Der ältesten Tochter kam Christiane nicht nahe. Die Zwergin saß bei gutem Wetter im Schloßgarten und bei schlechtem im Zimmer und klöppelte. Manchmal besuchte sie die armen Spitzenklöpplerinnen im Dorf. Sonst sprach sie fast gar nicht.

Die Frau Forstmeister empfing jeden vierten Mittwoch ein Kaffeekränzchen auf dem Schlosse. Dann mußte Christiane den dicken Fabrikantenfrauen die Mantillen abnehmen und ihnen den Kuchen präsentieren. Sie musterten die Erzieherin voll Neugier und Herablassung und hatten keine Ahnung, wie stark sie beobachtet wurden.

Bei solchen Gelegenheiten schossen Christianens Gedanken immer nach Posen hin, obwohl sie viel ruhiger geworden war.

Sie konnte wieder objektiver an Hardi denken. In ihrem Herzen war eine Spur Mitleid mit der blutjungen Frau, die kinderzart und ahnungslos, von einer heißen Hand in die allertiefsten Geheimnisse verstrickt worden war. Immer wieder sah sie das junge Gesicht mit dem eigentümlich pikant sentimentalen, hilflosen Ausdruck.

Jetzt mußte Hardi reifer geworden sein und das tiefe Glück ihres Lebens erkannt haben.

Sie schrieb Christiane nicht. Ludwig sandte manchmal ein paar knappe Zeilen, die sie unterzeichnete.

Christiane brauchte nichts von ihm zu wissen – sie las von ihm. Seine Name tauchte immer öfter in den Zeitungsspalten auf, er hatte ein Buch über die Ostmark geschrieben, das sowohl von der einen, wie von der anderen Seite Angriffe erfuhr, obwohl von keinem übersehen wurde, daß da ein kommender Mann sprach. Der Nationalitätenkampf war längst aufgebraust, die Deutschen erwacht. Jetzt tafelte kein hoher Regierungsbeamter mehr mit den Polen.

Christiane lebte in diesem Kampf: sie verlor nicht einen Moment davon. Mitten in den sächsischen Wäldern und Bergschluchten, wo die Forellenwasser rauschten, dachte sie an die Völkertragödie des Ostens und an Ludwig von Cöldt.

Es ist schön, wenn der Liebste ein großes Werk hat, schön, wenn man seinen Namen in den Blättern lesen kann. Man weiß immer von ihm. Er ist immer nahe. Er lebt.

An einem glühenden Herbstnachmittag des zweiten Jahres fuhr Christiane nach Johann-Georgenstadt an die böhmische Grenze, hörte wieder scharfe, fremde Laute statt des braven Sächsisch und warf einen Blick in eine Welt, die eine Spur Ähnlichkeit mit der besaß, die sie im Osten verlassen hatte.

An den abendblauen Bergen, den glühenden Vogelbeerstraßen und den klirrenden Emaillierwerken vorbei fuhr sie zurück und fand zu Hause einen Brief der Mutter, in dem gesagt war, daß Christiane Tante geworden sei. Hardi hatte ein Kind.

* * *

Zu Ostern zog die Forstmeisterstochter in eine Pension – Christiane hatte wenigstens erreicht, daß es kein ›Erziehungskasten‹ war – und sie selbst ging als Lehrerin in eine Privattöchterschule von Fräulein Gusti Schellenbaum zu Crivenwalde in Mecklenburg. Fräulein Gusti war bucklig. Sie hakte Christiane schon am Bahnhof ein und erklärte, daß sie vom Rhein stammte, nicht etwa von hier aus dem steifen Norden. Übrigens sagte sie ›s–teif‹ und teilte der Lehrerin mit, daß sie auch so s–prechen müßte, sonst hätten die Kinder keinen Res–pekt vor ihr. Man müßte das lernen.

Sie kamen an der Schule vorbei, die den unteren Teil eines hübschen Hauses einnahm. Oben wohnte Professor Thiele, das erfuhr Christiane auch. Das Fräulein nickte zu ihm empor. Sie gingen über den Spielhof, der von großen Linden umstanden war und ein paar dürftige Recks und Stangen und eine vergessene Puppe zeigte, und dann durch eine Hintertür ins Haus. Alle mußten durch die Hintertür, das Portal vorn war verschlossen. Warum wußte Fräulein Gusti auch nicht. Sie hatte es so von ihrer Vorgängerin übernommen. Die lebte noch am Orte und zwar als die Gemahlin des Tierarztes. Mit fünfundvierzig Jahren hatte sie sich den Tierarzt gekapert – zufällig, weil ihr Kanarienvogel krank geworden war – und zusammen waren sie über hundert Jahre alt. Es war eine junge Ehe.

In Crivenwalde sah man dem Paar nach, wenn es auf der Straße erschien. Man sah überhaupt den Leuten nach.

Fräulein Guste s–prach eine Weile darüber, dann brachte sie ihrer neuen Lehrerin Kaffee. Sie hatte übrigens keinen Kanarienvogel, sondern nur Lachtauben. Und die waren gesund. Und wenn sie etwa krank würden, so würde sie doch keinen Tierarzt in Anspruch nehmen. Fräulein Gusti zog die Nase kraus. Sie schien an dem krankgewordenen Kanarienvogel ihrer Vorgängerin etwas zu finden.

Nun kam sie auf den Professor Thiele zu sprechen. Das Haus gehörte ihm, und er hatte es der Schule gestiftet. Sonst müßten sie noch in der kleinen Bude drinnen am Neumarkt hausen. Schrecklich soll es dort gewesen sein! Ja, also der Professor hatte sein Testament zugunsten der Schule gemacht, und die genoß schon bei seinen Lebzeiten davon. Er hatte sich ausbedungen, daß er in dem Hause wohnen bleiben und manchmal mit den Kindern sprechen durfte. In der Pause kam er immer herunter und verteilte Äpfel oder Bananen oder Schokolade. Die ganz kleinen Mädchen hielten ihn für den lieben Gott. Er war neunzig Jahre.

An der Schule waren noch zwei Lehrerinnen tätig, die Schwestern Dittmer. Nachher wollten sie die neue Kollegin begrüßen. Fräulein Dorreyter solle bei ihrem Anblick nicht erschrecken – sie seien ein bißchen lang. Die Kinder nannten sie die ›Erzengel‹.

Übrigens herrschte ein recht gemütliches Leben an der Schule.

Ob Fräulein Dorreyter – Frauenrechtlerin sei?

Christiane sah kritisch auf die Bücher und Broschüren, die das Fräulein sofort heranschleppte. Sie mußte sie mitnehmen. Die Vorsteherin tat es nicht anders. Und morgen fing die Schule an.

Christiane ging ins Hotel ›Friedrich Franz‹, dort wußte man schon von ihrem Eintreffen. Der Geschäftsführer hatte ihr bereits ein recht freundliches ruhiges Zimmer reserviert – die Damen von der Schule wären ja immer recht nervös. Er stellte sich als Berliner vor. Vorn nach der Straße wohnten die Reisenden. Crivenwalde betrieb einen Handel mit Bratheringen und Sprotten. Sie merkte es bald, denn die Stube war gleich voll von dem Duft einer nahen Räucherei.

Christiane spähte über einen Garten mit Tischen und Stühlen hinweg und sah hinter allerhand Bürgerhäusern, Schuppen und Speichern einen schmalen, grauen Streifen.

Sie erschrak etwas.

Die See.

Bald nachher kamen die Schwestern Dittmer. Sie traten unter die Tür wie Grenadiere des alten Fritz. Übrigens waren sie keine Mecklenburgerinnen, wie sie gleich erzählten, sondern stammten aus Osnabrück. Es schien das Eigentümlichste der Crivenwalder zu sein, daß sich keiner als Eingeborener bekennen wollte.

Die Fräulein wiederholten in Geschwindigkeit die Verhältnisse der Schule nicht anders, als die Leiterin sie schon geschildert hatte, und glitten dann auf die Stadt Crivenwalde über, die sie mit allen ihren Bewohnern genau zu kennen schienen, denn sie waren schon über fünfzehn Jahre am Orte. Übrigens s–prachen sie auch. Sie waren zusammen hergekommen und waren Zwillingsschwestern; man konnte sie kaum von einander unterscheiden. Allerdings hatte die eine eine etwas schiefe Backe.

Am nächsten Tage wurde Christiane im Beisein der beiden Erzengel, des alten Professors, den die Kleinen für den lieben Gott hielten, und eines dicken Lehrers vom Gymnasium, der auch Stunden an der Töchterschule gab, von Fräulein Gusti in ihr Amt eingeführt. Der dicke Lehrer stellte sich hernach als Hannoveraner vor.

Nachmittags ging sie dann auf die Wohnungssuche und fand ein kleines Zimmer bei einer Apothekersfrau, die zwei Kinder hatte, von denen das eine in Fräulein Gustis Schule ging und vom Herrn Professor immer die allergrößten Bananen bekam. Das liebliche, stille Kind nahm Christiane für die Wohnung ein.

Sie bezog das Zimmer. Übrigens war die Frau Apotheker eine Husumerin, und ihr Mann hatte gar keine Apotheke, sondern eine Drogenhandlung, und mit der war er grade im Bankerott. Es herrschte ein sonderbar verwirrtes Wesen im Hause, das einesteils von dem gescheiterten Mann, andererseits aber von der Frau auszugehen schien, die allen Dingen hilflos gegenüber stand, wie vom Himmel gefallen.

Als Christiane am ersten Morgen in die Schule gehen wollte, stürzte ihr Frau Thomsen mit verstörter Miene nach: »Ach, verzeihen Sie, Fräulein – in der Eile hab ich ganz und gar auf den Kaffee vergessen …«

»Kaffee haben Sie mir gebracht –« sagte Christiane, auf die Tasse deutend, die noch ziemlich gefüllt auf dem Tische stand.

»Ja, ja. Ich hab ihn ja gekocht, aber dabei … den Kaffee hineinzutun vergessen … Sehen Sie … hier …« Sie deutete dabei auf ein braunes Pulver in einer Untertasse.

»Jetzt trinken Sie ihn nur, Frau Thomsen,« sagte Christiane und ging.

Als die Wirtin in der Folgezeit nicht nur das Kaffeepulver, sondern auch sonst allerlei vergaß, als das Mittagessen immer öfter ausblieb oder vollkommen ungenießbar war, als die Wirtin ihre Mieterin immer bedrohlicher anzuborgen begann und Christiane längst ihr Zimmer selbst rein hielt – sonst hätte sie es nie rein bekommen – mußte sie sich zum Ausziehen entschließen.

Sie zog mehr zum Hafen hinunter, was schon längst ihr Wunsch gewesen war, und die ›Erzengel‹ hatten ihr die neue Wirtin empfohlen. Sie sollte Witwe sein, es stellte sich aber bald heraus, daß sie nur von ihrem Manne getrennt und in beständiger Furcht lebte, er könnte wiederkommen und ihr einen Schaden zufügen. Deshalb verriegelte sie ihre Wohnung sehr sorgfältig, und man mußte ein ganzes Schlüsselsystem anwenden, um hineinzukommen. Vor dem Schlafengehen machte sie regelmäßig eine Runde durch sämtliche Räume, guckte in die Schränke und leuchtete auch unter Christianens Bett, in der Befürchtung, der geschiedene Mann könnte eines Tages schließlich darunter sein. Sie schneiderte, und man hörte den ganzen Tag das sonderbar ängstliche und ärmliche Geräusch der Nähmaschine.

Aber sonst war das Zimmer ganz nett. Die Terrakottabüsten waren samt ihren Zimmersäulen hinausbefördert worden, ebenso das, was Frau Claß ›Bilder‹ nannte. An der grauen Wand hing einzig die ›eiserne Wehr‹ in ihrer düsteren Wucht. Am Fenster stand Christianens Schreibtisch, und durch die Scheiben sah man hinter beschnittenen Lindenbäumen den grellen Streifen weißen Sandes und dahinter die bald graue, bald blaue See.

In der Schule ging es recht gemütlich zu. Fräulein Gusti war ebenso beliebt, wie die ›Erzengel‹, und wenn der dicke Lehrer bei seinen Gymnasiasten schärfere Saiten aufzog, – was übrigens zu bezweifeln war – so wandelte er sich in der Schule von Fräulein Schellenbaum so friedlich um, daß er ganz genau hineinpaßte. Nachmittags um vier gab es immer ein Kaffeestündchen in Fräulein Gustis Zimmer, und wenn der Oberlehrer dabei war, mußte er immer von seinem Jungen erzählen, mit dem ihn seine Gemahlin vor einem halben Jahr beschenkt hatte. Waren die Damen aber unter sich, so holte Fräulein Gusti ihre frauenrechtlerischen Bücher und Hefte heraus, und die ›Erzengel‹ sahen ebenso kritisch darauf wie Christiane und ließen das Fräulein reden. Brachte man das Gespräch aber auf die Vorgängerin, die jetzt Frau Tierarzt war, so wurde Fräulein Gusti spitz.

Die ›Erzengel‹ machten ihrem Namen alle Ehre und standen Christiane in allen Dingen wirklich wie ein paar langgeflügelte Himmelsboten zur Seite. In der freien Zeit machten sie weite Fußmärsche in die Umgegend, die wohl auch weit und flach, aber immer mit Möwen überflogen und mit dem nie weichenden, leise überdunsteten Streifen See im Hintergrunde nie mit jener östlichen zu verwechseln war. Auf den Wiesen weidete das schwarzbunte Vieh, das Getreide stand niedriger, der Wald war dürftig, wie zerblasen. Immer ging der Wind, und immer roch es nach Fischen im Rauch.

Sie segelten und schwammen auch, besuchten die Badeorte der Umgegend und machten in den Ferien gemeinsame größere Reisen nach Dänemark, Schweden und Norwegen, für das die ›Erzengel‹ so schwärmten, obwohl sie aus Osnabrück waren. Sie konnten nicht ohne Wasser sein.

Einmal gerieten sie auf der Rückreise – sie fuhren über Malmö-Lübeck – in eine Horde Engländer, die den Kontinent bereiste, alles Lehrer und Lehrerinnen, die eifrig bemüht waren, sich in der fremden Sprache zu üben. Ein großer, sehr rotblonder Dozent aus Nottingham hatte sich von Anfang an Christiane, die seine Tischnachbarin war, zur Partnerin ausersehen, und sie tauschten allerlei Rede und Gegenrede in der pikanten, spähenden, argwöhnisch höflichen Art, wie sie schon damals zwischen Vertretern der beiden Nationen zu herrschen pflegte. Als alles Neue erschöpft war und Christiane merkte, daß sie und der Engländer der Zielpunkt von allerhand Blicken wurden, die namentlich von seinen Landsmänninnen ausgingen, und als sogar die ›Erzengel‹ gutmütige Bemerkungen machten, zog sie sich rasch zurück. Es war möglich, daß Mr. Wyche, wie nachher erzählt wurde, auf dieser Seefahrt ein ganz ernstliches Interesse für die junge Deutsche gefaßt hatte, aber sie konnte es nicht zurückgeben. Von allem anderen abgesehen, hätte sie es undenkbar gefunden, ins Ausland zu gehen und mit einem fremden Volk zu leben, wo das eigene Land so voller Probleme und Arbeitsmöglichkeiten steckte.

Die ›Erzengel‹ begriffen sie nicht, und Christiane gab sich auch nicht die Mühe, sie aufzuklären, wie sie den braven Geschöpfen innerlich auch ganz fern stand.

Spät abends ging sie gewöhnlich allein am Strand spazieren, dort hinaus, wohin die Crivenwalder nicht mehr kamen. Sie sah die zart verdämmernde Opalfarbe der abendlichen See, spürte den fernen Duft der Linden, die hier so sehr spät blühten, und in ihrer Seele stieg es auf wie Wasser – – – – –

»Du hast es gut,« schrieb die Mutter, »viel besser, als Hardi, die sich in Posen noch immer nicht eingewöhnt hat und sich in Heimweh verzehrt. Du hast keine Sorgen – – –«

Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte – alles. – –

* * *

Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig. Christianens Blicke flogen jäh darüber hin und suchten hungrig im voraus den heimlichen Gruß, das heimliche Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und dann wurde ihr das klar.

Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit ihrer Herbstferien. Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht über Berlin richten und mit ihm dort zusammentreffen wollte?

Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen, denn die vermißte sie kaum. Deren Sinn stand allein nach Hardi und war durch der Jüngsten Schicksal vollkommen ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt.

Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam es überhaupt vor, als ob sie mit ihren Wünschen, mit ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit über die letzten Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt – jetzt erkannte sie es – –

Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr man von Crivenwalde nach Berlin? Lehrter Bahnhof – –? Am Lehrter Bahnhof würden sie sich treffen!

Die ›Erzengel‹ wunderten sich redlich über die Kollegin, die sie in ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu kennen glaubten und die auf einmal so anders war. Am letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin beiwohnte, die auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung hatte. Sie begrüßte die drei Damen mit großer Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen, dann und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend. Die ›Erzengel‹ guckten ihrem Wesen kritisch zu, und Christiane sagte auch nichts.

Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte flatterten förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion immer mehr anzufeuern – ihr Traum war: ein Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde, der gewesenen Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum Trotz! – Die ›Erzengel‹ tauten auf. Es war im Grunde nichts, nach dem Unterricht immer nur spazieren zu gehen oder zu baden, in den Schulpausen dem alten Professor zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich sein Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende am besten, Frauenrechtlerin zu werden und sich für allerlei fernliegende Dinge zu interessieren, wenngleich irgend etwas in ihrem Herzen entschieden ›Nein‹ sagte und die dicke Hamburgerin deutlich verlachte.

Aber sie sagten ›Ja‹, schon der Vorsteherin zuliebe, und wunderten sich auf dem Nachhausewege über Christiane, die noch immer schwieg.

Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und ging an den Koffer – war nun schon alles darin? War nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und sah mit gläsernem Blick hinaus – – draußen stand die See und hatte noch einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten, die Christiane im Norden erlebt hatte. Die Sterne flimmerten.

Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten, wie im Frühling, und alle Stoppelfelder leuchteten, als ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde. Knick auf Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser der Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der Buchenwald flimmerte in sommergrüner, unzerstörter Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön war diese Gegend doch!

Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im Traum. Sie fühlte immer deutlicher, daß sie über die letzten festen Länder und Inseln der Menschen weit hinausgetrieben wurde.

Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der sonnige reine Morgen und die blauen Seen waren weit. Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten, Glashallen, Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der Lehrter Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf einmal ein Strudel entlassener, mit bunten Bändern behängter Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge gewahrt hatte.

Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sich plötzlich verwirrt und verloren und in eine Fremde gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die ›Erzengel‹ und ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und sah dann auf einmal – Ludwig.

Da war er! Nur einer wie er!

Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände.

Ihr Herz war stark und entschlossen.

Leicht schritt sie neben ihm her, und jetzt war Crivenwalde weit weg. Alles war weit weg. Auch Hardi und die ›eiserne Wehr‹.

»Du fährst zur Mutter?« fragte er.

Sie schrak auf. Ihr Blick flog in den hellen Großstadttag hinaus. Sie sah bunte Farben, Linien, Lichter, Menschen und – ihn.

»Ja, ja,« sagte sie.

Als sie im Wagen saßen, erzählte er, daß er Konferenzen in seinem Ministerium hätte. Er nannte die Namen der beteiligten Herren – alles Ostmarkenleute.

»Du gehörst schon ganz und gar zu ihnen,« sprach sie.

Er nahm das gleichgültig hin, denn es war in Wahrheit so.

Sein Gesicht war schärfer und länger geworden, das Junkertum prägte sich härter aus. Ob er noch ritt?

Sie traten in ein Restaurant. Sein Blick flog unwillkürlich nach den Mittagszeitungen, die eben kamen. Sie lachte und ließ sie bringen – sie kannte ihn. Jeder hatte ein Blatt, und darüberweg tauschten sie kurze erregte Bemerkungen. Ihm schien es gar nicht aufzufallen, wie sehr sie noch mitten darin war. Es war eine Situation, die auf der Spitze stand.

»Du müßtest in den Reichstag,« sagte sie.

Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht die geringste Aussicht für einen deutschen Kandidaten, und er fühlte sich auch so besser am Platze und das Heft stärker in der Hand.

Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein Herr, zwei Damen, diese klein, biegsam, mit wundervoller Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas war, was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig sah kurz hin, und dann blickte er Christiane an – ihre Augen tauchten ineinander wie gezogen, eine Maske fiel, ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und Jahre verschwanden für einen Augenblick.

Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer kleiner wurde der Streifen. Er sah vor sich hin.

Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen. Immer noch schaute er vor sich hin. In die Stimme kam neben dem Bewußten und Gewollten eine kleine Erregtheit, und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen sprach.

Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend, immer mehr verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte sie wissen … jetzt wußte sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher, ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb – warum war es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum war in ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt so viel anderes gekommen – – –?

Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und grade dieses Wiedersehen herbeigeführt? Er hätte sie ja auch nach Posen einladen können, sie wäre zu ihm und Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt. Geritten wären sie nicht mehr miteinander!

Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er Abschied nahm – er mußte jetzt in die Wilhelmstraße.

Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann nannte sie ihm das Hotel, in dem er sie abholen konnte. Es war eines der ersten, Geld hatte sie ja. Hier in Berlin wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die Schulmeisterin. Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es schien ihm auch nicht aufzufallen.

Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen, ohne mehr zu sehen als die Menschen und unter den Menschen die Kinder. Die kleinen, die zweijährigen. Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf einmal weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das Liebliche nicht schätzen, das er besaß – wegen des einen, das er nicht besitzen konnte? Er war ein Mann. Eine Frau kann in der Liebe eher leben wie ein Hungerkünstler unter Glas – der Mann wird niemals hungern. Er sucht sich von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht. Und es fällt ihm auch immer zu.

Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß – es war ihm vielleicht – noch mehr – zugefallen. Was wußte sie denn – – –?

Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger, und rasend peinigten sie jetzt die einsamen Abende an der See und so manches andere, sogar die Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten. – – –

Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, und das Rauschen und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe quälte sie wie etwas Feindliches, und feindlich war sie selber.

Und Ludwig kam.

Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man merkte, daß irgend etwas für ihn erledigt, daß eine Last abgeworfen war. Und jetzt sprach er offen darüber. Neben ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und sie wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch zu Hause davon sprechen würde wie zu ihr und daß er danach gehungert hatte, wieder so mit ihr zu sprechen. Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und weil sie ihn verstand.

Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam nichts Unreines hinein, und ihr Schiff wendete langsam und fuhr an den letzten äußersten Inseln und Bollwerken vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes Recht galt.

Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine Stadt für ihn. Christiane sah im Adreßbuch nach und fand, daß einige Rhanes hier wohnten, Abkömmlinge wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie dahingaloppierten, und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten Gesichter – war einer von ihrem Blut dabei?

Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde und wußte dabei schon, daß es hinter ihr lag und daß der heutige Tag, das endliche Sichwiederkreuzen ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mit dem Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für ihre Pläne zu gewinnen und im voraus alles glatt zu wissen.

* * *

Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere und sonderbare Zeit an. Die ›Erzengel‹ wunderten sich nicht wenig über sie, die plötzlich so merkwürdige Neigungen zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne daß sie ergriffen wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein Dorreyter sich für das Studium vorbereitete und zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte.

Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende Rolle zugedacht, und er füllte sie auch aus und holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder Gymnasium für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und langsam kam das Lernen in Gang.

Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die Herren grüßten respektvoll und doch mit einem verborgen prüfenden und etwas mitleidigen Schauen. Die Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach nassen Leuten gucken. Von auswärts erhielt Christiane allerhand Briefe, Zirkulare und Agitationspapiere, und sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr – es war klar, daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein Gusti ging. Sie sollte sogar einen Vortrag halten.

Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die Leute nur so taten? Sie erstrebte doch nichts anderes, als eine Tat für sich, die Crivenwalder ging die gar nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt auch nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben, das dem Geliebten gleichwertig war, wollte nicht in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen Lehrerinnendasein verstauben, während er am Werke war – sie wollte adlig Blut in adligem starkem Tun zeigen, wie er.

Sie wollte Mensch sein, wie er, und – schaffen.

Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses einsame Lernen an den eisern eingezäunten Erziehungsgärten der Männer vorüber. Sie guckte den Crivenwalder Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh darüber, daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des Durchschnittslernens pressen konnte! Sie kam in Freundschaft mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum besuchte und dann ein guter Kamerad, ein unverzagter Mitreißer, ein bißchen Freund und ein ganz klein wenig Verehrer wurde.

Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem Leben!

Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten Nächten und mancher hoffnungslosen Stunde der Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium zum ›Mündlichen‹ betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig durchs Fenster auf die See, und plötzlich war ihr eingefallen, daß sie schon lange nicht mehr spät abends am Strand unter Lindenduft gewandelt war – sie hatte es ganz vergessen.

Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer und ein junger Drogenhändler (Theissen und Wolters in Crivenwalde) das Examen. Sie guckten sich an, wie Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und sich gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und auf die schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger mit der Peitsche.

Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen wurde, mit einer Gier auf, wie sie die durchs Durchschnittlernen Gegangenen nicht kennen.

Die Herren wurden aber befriedigt.

Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der Volksschullehrer kneipten die Nacht durch, Christiane aber packte um dieselbe Zeit ihre Sachen und verließ beim grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon lange nicht mehr gewesen. Die ›Erzengel‹ standen mit roten Nasenspitzen auf dem Bahnsteig.

Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen würde.

* * *

Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin am Lützowplatz, die mit Jean Paul verwandt zu sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten konnte. Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmer wäre sie in eine Massenpension gezogen und mit einem halben Hundert gleichgültiger Menschen täglich zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte sie ihr aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres Menschenstudiums.

Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig nach Danzig versetzt worden sei. Sie weilte eben bei Cöldts, um den Umzug in die Wege zu leiten, Hardi, die arme Frau, war ja so schwach.

Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit Ludwig äußerlich geringer geworden, er schrieb seltener und nie von sich und seinen politischen Ideen. Sie hörte eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm.

Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem Gefühl wieder freigewordener Kräfte und Gedanken. Leise kamen die Stimmungen wieder wie an jenen Abenden an der See, sie schaute auch die ›eiserne Wehr‹ wieder an und dachte von neuem an jene Verse. – Warum war Ludwig versetzt? War Danzig wirklich ein Fortschritt, eine neue Seite seines Werkes? Brauchte man ihn dort, wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder war diese Versetzung eine – Unterbrechung? Von einer Änderung des Ostmarkenkurses war nichts bekannt.

Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht und Temperament. Und – Einsamkeit.

Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die zu jener Zeit Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer kennen.

Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an Käthe Arndt angeschlossen, die dasselbe Ziel wie sie verfolgte und die Tochter eines Universitätsprofessors und bekannten Frauenrechtlers war. Er hatte viel zugunsten der kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich liiert. Seine sechs Töchter hatten sämtlich Examen gemacht und waren im Lehramt. Nur eine einzige war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand im Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern auf der ganzen Linie schlagen konnte, und sie wütete so in die Arbeit hinein, daß sie trotz ihrer Jugend schon Nervenmittel nehmen mußte.

Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen, die mit ihr in der gleichen Pension wohnte. Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und daß sie als Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur der Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers, der ihre Bücher gelesen hatte. Sie war klein, schmächtig und sehr still.

In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck Thomas ›Sehnsucht‹, der nackte Mensch, der vor dem Abgrund steht und die Arme nach den weit über ihn wegfliegenden Wundervögeln streckt.

Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes berührte sie.

Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt, in der ihr Vater Pastor war.

Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie das Leben gesucht, um es zu finden, um etwas zu ›erleben‹, es war zu ihr gekommen, lag von den Vätern her in sonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen und damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur von Bohème war an ihr, sie rauchte weder Zigaretten, noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie irgend welche Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und empfanden, wer sie war.

Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen Kleinstadt zurück, so ahnte kein Mensch mehr etwas von ihr, und sie brauchte die Leute dort auch nicht. Aber sie schuf.

Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die große Fläche, die endlosen Getreidebreiten, die Weichsel und Warthe, das Leben in der Stadt Posen, in der Wallischei und auf dem ›Städtchen‹, in der Dominsel, der ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis zum letzten beobachtet. Die ganze Wucht des Weltgeschehens stand hinter den Bildern.

Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden zwischen ihr und Christiane kam, denn in ihr lag die harte Zurückhaltung der Einsamen und das ganze Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg das Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt, bis zu jener naturgezogenen Eisgrenze, die ein Geheimnis um jeden Menschen wahrt.

Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche Freiheit. Sie verachteten Berlin, trotz allem, was es ihnen gab, als fürchterliche Beengung des Lebens, als offenbare Unkultur. Was als architektonische Schönheit galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was an Kunst da war, hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie bedauerten die Menschen, die ihr Leben in der Großstadt zubringen mußten und ihre Ansprüche danach zumaßen, die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen, die nie einen Sommer erlebten.

Sie tasteten an die Welträtsel.

Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von früh an gefesselt, und förmlich gierig horchte sie jetzt auf, wenn da und dort ein neuer Vers vom Weltenlied entdeckt schien. Sie grübelte selbständig daran herum und suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die alten, weil sie in ihrer Zeit befangen war wie alle und das gleiche eiserne Netz auch über sie gespannt war. Dabei fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes Frauenschauen, und daß sie nach dem allen nicht so unruhig und verwirrt und durstig geforscht hätte, wenn ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können. Sie suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine Lösung, die sie einbezog und ihr Leben gültig machte, und fand sie nie und nirgends. Sie stand außer den Dingen. Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch groß, sie war übrig.

Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und wollte es nicht gelten lassen, daß die Frau innerlich verwuchs und verdarb, wenn sie nicht gleich anderen Halmen in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in allem und jedem Entwickeln und Reifen und fand überall einen Sinn. Trotzdem sie die Dinge unverhüllt schaute, fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und das Dasein als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte, was vor Not schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang, Abriß, Sinnlosigkeit, Brutalität – alles das zog sie in ihre Kunst hinein, und da paßte es, rundete es sich und leuchtete fackelgleich und purpurn in die Weltfinsternisse.

Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie vor einem Papier am Tisch. Darinnen lagen Bücher – es waren sämtlich die gleichen, die gleiche Farbe, derselbe Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch.

Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen Zaubers, mit einem Verrat, der über die Eisgrenze glühend hinwegschoß: »Gott ist das Werk –!«

Christiane fuhr zurück.

Jetzt wußte sie es.

Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender Unterschied.

Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane liebte dort einen Mann, und Yse liebte dort ihr Werk.

Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder getragen hätte, immer wieder auf die eine gleiche Lösung, hinausgekommen, aber das ihre hatte sich erst eine suchen müssen.

Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen, und für Christiane gab es nur das nackte Erleben allein, und sie war darauf angewiesen.

Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein kann. Bisher hatte sie kaum darüber nachgedacht, ja, sie hatte sie in ihren exakten Studien fast ein wenig verachtet. Ihr schien es, als ob die Menschheit seit Jahrtausenden darin im gleichen Trott liefe und aus dem Haufen immer die gleichen Lieder kämen.

Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten, und auch eine Frau konnte darin seliger werden als im reinsten Madonnenglück. Das Höchste und Primitivste war in seiner Wirkung gleich.

Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres Land, ein Weg mit verstreuten Halmen, die nicht zur Ernte kommen. Christiane mußte an eine kleine bucklige Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit sei etwas Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer Umwälzungen in der Menschheitsentwicklung und vor allen Dingen für die Gegenwart ein ungeheurer Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den Niederungen der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder nicht.

Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn ich könnte, wie ich wollte, ich legte die Bücher hin. Ich stiege aufs Pferd und ritte mit meinem Liebsten und würde dann alles wissen – – – – – –

Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der ›eisernen Wehr‹ und biß die Zähne zusammen.

Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals im Lehrerinnenheim unter dem Glockengeklingel und den schleichenden Schritten der Alten geweint hatte.

* * *

Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter, wo ihre Arbeit sie schärfer nahm und ihr keine Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh war, wenn sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand, und ihr Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: ›Den andern voran!‹ Es ist notwendig für ein Gelingen, daß andere dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen, nie kommt man schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein Sieg im Siege!

Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert hatte, ging zu Ende. Christiane mußte Stunden geben und durch allerhand Aufsätze und Artikel etwas dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse für fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch schließlich eine Meinung. Und dann ein Wissen und schließlich die Überlegenheit. Man wurde schon auf sie aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen, denn man riß sich damals in den Städten um die ersten jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte wählen und suchte einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit alter Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand und auch ein wenig Raum, um etwas zu sagen.

In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über Mädchenerziehung, die viel beachtet wurden und auch bei der langsam einsetzenden preußischen Schulreform nicht ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse und Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu treten und zu einer respektvoll harrenden, meist weiblich pädagogischen Versammlung zu sprechen. Den führenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie näher und beobachtete mancherlei.

Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren farblos und Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut regte sich nicht, und wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so wandte sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur und war darin glücklich.

Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an und dachte kaum mehr an Ludwig von Cöldt. Was ging ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte war und nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr – hörte.

Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch nach Markburg, wo die Mutter noch immer lebte, zurückversetzt worden und damit von seinem Ostmarkenwerk, vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten. Sein Name war aus der Polenpolitik gelöscht.

Von Yse hörte Christiane noch dann und wann etwas. Sie war mit der Zeit berühmt geworden, schrieb aber nicht gern Briefe.

Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet immer mehr Sehnsucht nach ihr. Jahr um Jahr hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter draußen zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo Bücher von ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie immer größeres Verlangen nach ihr. Und eines Tages machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um die Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim in Markburg bewerben solle, die vor kurzem erledigt war und nach allem Hörensagen von dem Patronat mit einer weiblichen Kraft besetzt werden sollte.

Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre hindurch besucht. Sie war etwas vor der Stadt in einem alten Herrschaftshause untergebracht, das im Volksmund das ›Reutterschloß‹ hieß. Die einstige Besitzerin, ein vereinsamtes Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem Testament stiftete sie die Anstalt, die immer nur von den Töchtern der besten Familien besucht wurde und in ihrem Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte Zeiten als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und verwöhnten Damen erzogen, für den Sturm war keine gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht gedacht, was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war.

Damals. Jetzt – –? Christiane fand sich dabei, wie sie auf einmal nachgrübelte und im ›Reutterschloß‹ Ordnung machte und ein neues Wesen schuf. Sie – als Reformatorin in ihrer Heimatstadt, unter allem Bekannten, dicht vor Ludwigs Augen –! Sie als Schulmeisterin vor Ludwigs Augen!

Alles in ihr sträubte sich. Es war ihr, als müßte sie mit dem, was sie sich in der ganzen schweren Zeit erworben hatte, vor ihm verlieren, als müßte sie vor ihm immer noch als die scheinen, neben der er damals geritten war.

Ach, die Ostmark war für ihn und sie vorbei, und beider Wege waren aus den Dickichten herausgebogen, ins Bürgerliche und Normale hinein. Als Mitglied der Regierung hatte er sogar ein wenig Einfluß auf die Reutterschule, was die Mutter in ihrem Vorschlag bereits in Betracht gezogen hatte, ja, sie baute darauf, daß Christiane die Stelle unbedingt sicher sei!

Aber Christiane bewarb sich nicht. Sie brachte nicht all ihr Erlittenes vor seine Augen und richtete sich vor ihm und Hardi in einem schmalen Leben ein! Unverzüglich schrieb sie der Mutter ab.

Deren Briefe hielten aber die Bitte immer noch aufrecht, Tag um Tag und Woche um Woche.

Und es war doch wie ein Stein in Christianens Leben gefallen, in dem die Wellen nun unruhig zogen und zitterten. Sie sah ihre Existenz an und fand plötzlich nicht, daß sie immer so bleiben konnte. Ja, sie merkte, daß sie unbewußt doch immer auf ein Später hin gelebt hatte, auf etwas, das noch kommen mußte. Und vielleicht fand sich nie wieder so etwas wie diese freie Stelle, an der sie herrschen und alles wahrmachen konnte, wovon sie in ihren Büchern geschrieben hatte. Sie konnte fort. Und vielleicht wollte sie auch fort. Nichts hielt sie. Ihr Leben glich einem Zelt, das wieder abgebrochen werden konnte, trotz all der Bäume und Blumen, die darum gewachsen waren. Sie konnte fort.

Es kam hinzu, daß die Stelle an der Reutterschule andauernd unbesetzt blieb, weil sich die Meinungen in der Stadt gespalten hatten und sogar das Kollegium und zwar sowohl der männliche, wie der weibliche Teil heftig gegen die geplante weibliche Oberleitung aufbegehrt hatte. Die Zeitungen beschäftigten sich bereits mit der Angelegenheit.

Da lag der Kampf. Das war kein Dutzendwerk, keine schnurrende Spule, das war ein Leben voll Überraschungen, voll Tat, voller Widerstände und voller Schaffen. Das war ein Schaffen, das sich lohnte.

Es kam noch mehr hinzu, Kleines, Kleinliches, Unbehaglichkeiten in Christianens jetziger Stellung, die ihr nur darum so unerträglich schienen, weil sie jetzt das Bessere dicht daneben sah.

Und in einer Stunde und Stimmung, die sie später kaum begriff, in der ein unerklärlicher treibender Zwang war, schrieb sie an das Patronat der Reutterschule und bewarb sich, hinter sich die ganze Unterstützung ihrer Schulreformbücher.

So kam sie eines Tages als neuernannte Leiterin der Sophie-Reutterschule nach Markburg zurück und wunderte sich dort selbst über ihren Sieg.

Vielleicht war es mit maßgebend gewesen, daß man die Dienstwohnung verkleinern und ihr weniger Gehalt zu zahlen brauchte, als einem männlichen Leiter.

* * *

Der Vorsitzende des Patronats, der Regierungspräsident, hatte die Begrüßungsrede für Doktor Christiane Dorreyter beendet.

Jetzt kam sie aus der Schar, die sie schwarz und feierlich umringt hatte, auf die Rednerbühne der Aula und begann langsam und mit klarer Stimme zu sprechen, rechts vor sich die unbeweglichen Gesichter der Kollegen und Kolleginnen, links die Schar der Gäste aus der Stadt und die Patronatsmitglieder. Ludwig von Cöldt war auch gekommen.

Sie sprach in diesen ungewissen Wall hinein, in dem sie keine Wirkung erkannte und nur die ungeheure Spannung ahnte, mit der auf ihre erste Äußerung gewartet worden war. Sie gab im ganzen und großlinig ein Programm, aus dem deutlich zu entnehmen war, daß neuer Wind hindurchgefegt war und nichts Verstaubtes geduldet werden sollte. Dann wandte sie sich an das Kollegium, das sie an Pflicht, Treue und Können scharf zu sich heranriß, und fühlte, daß es in ihrer kühlen Rede angefangen hatte zu glühen, wie ein Draht zu glühen anfängt, und empfand dieses schnelle, rote Hellwerden herrinnenhaft bis zum knappen, festen Schluß in sich, worauf sie mit einer leichten Verneigung abtrat.

Der Vorsitzende schüttelte ihr die Hand.

Nun löste sich aus dem noch immer regungslosen Kreis der Kollegenschaft ein Fräulein und ging ruckweis mit gesenktem Kopf auf den Rednerplatz zu. Sie war rund, ohne stark zu sein, klein, aber ohne Zierlichkeit, es war, als ob die Natur etwas Nettes aus ihr hätte schaffen wollen und es dann beim plumpen Rohwerk hatte bewenden lassen. Sie war rothaarig, klein und häßlich, aber die Natur hatte ihr eine scharfe Weiberwaffe gegeben, die sich in den gallig schrägen Linien um den geschwätzig aufgebogenen Mund auch äußerlich kundtat. Fräulein Haberkorn warf alle Schulgemeinplätze mit autoritativer Lehrerinnensicherheit hin, rührte Frömmeleien und spitze Süßigkeiten hinein und gedachte mit viel Sentimentalität des verstorbenen Herrn Direktors, worauf sie die neue Leiterin im Namen des Lehrerinnenkollegiums begrüßte.

Die Köpfe hoben sich, die Gesichter wurden klarer. Man war wieder auf festem Boden und verstand.

Jetzt trat Professor Diermann vor. Er war alt, etwas vernachlässigt, und hatte einen Begasbart und scheue Augen. Er versprach sich mehrmals, stotterte und eilte dann mit Energie seinem Ziele, dem Hoch auf den Landesherrn, zu.

Danach sang der Schülerinnenchor der Anstalt sechsstimmig einen Choral. Die Mädchenstimmen waren übermäßig hoch, aber sehr rein.

Christiane Dorreyter hatte in ihrem Leben schon viele Choräle bei ähnlicher Veranlassung gehört, und sicherlich hatte sie auch dabei gesessen, wie die meisten hier: korrekt, zerstreut und gleichgültig. Jetzt aber stieg aus dem heimlichen Aufruhr ihrer Seele ein Brausen; Erinnerungen erhoben sich wie schwergeflügelte, dunkle Vögel. Alle Einsamkeiten und alle Not zitterten wieder in ihrer Seele, alles Mühselige und Götterlose ihres Lebens hob sein Haupt. Jahre und Jahre waren schwer wieder da. ›Der dich auf Adlersflügeln sicher geleitet –‹

Sie fühlte auf einmal Adlergewalt in ihrem Leben.

Die Feier löste sich auf. Christiane mußte die Gäste auf einem Rundgang durch das alte Haus begleiten. Es war äußerlich von sehr reiner, strenger Form, innerlich aber herrschten manchmal Schatten und Dunkelheit. Das Haus hatte sich noch nicht ganz seinem Zweck gemäß geformt, überall sah das Ursprüngliche heraus, die Herrschaftlichkeit. Es paßt zu mir, dachte Christiane.

Die Damen der Patronatsmitglieder, Frau Geheimrat Meckebier, Frau Landesrat Colb und Frau Kommerzienrat Reimann trappten mit rauschenden Kleidern eifrig voraus, um die Spuren der Neuen aufzufinden, denn sie kannten das Haus von vielen Kränzchentagen bei der Gattin des früheren Direktors.

Ganz oben im Zeichensaal waren Blätter ausgelegt, und hier tat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, sich groß: »Alles seit Ostern gemacht, im letzten Vierteljahr!« Denn so lange war die Direktorstelle unbesetzt geblieben. Der Kommerzienrat Reimann fragte Christiane mit schlecht verdecktem Mißtrauen, ob sie sich diese Methode auch zu beherrschen getraue, und sie sagte ihm kühl, klar und nicht gerade behutsam, daß man ›draußen‹ schon eine Weile anders arbeite, worauf er schnell von ihrer Seite verschwand.

Neugierig spähten die kleinstädtischen Frauen zu ihr hin. So eine Toilette trug keine der hiesigen Damen. Wie kam die dazu? Wollte die das immer so machen? Als sie das Rednerpult bestieg, war das Rauschen durch den ganzen Saal gegangen, und alle hatten sie angeblickt.

Gott, wer war sie denn! Man kannte doch die Verhältnisse und hatte von den Männern her ihre Papiere in der Hand gehabt. Es gab kein anderes Fräulein Doktor in der Stadt, aber man legte weiter kein Gewicht darauf.

Im Amtszimmer standen mehr Bücher, als beim guten alten Herrn. Auf dem Schreibtisch lagen Stöße von Plänen, Heften und Entwürfen, mit denen sich die Neue wohl wichtig machen wollte! Fräulein Haberkorn, die der Tochter der Frau Meckebier Privatstunde gab, hatte schon davon erzählt. Der Buchhändler in der Rädelgasse hatte die Bücher des Fräulein Doktor besorgt und ausgestellt. Natürlich kaufte sie kein Mensch.

Die Frau Landesrat und die Kommerzienrätin flüsterten. Sie schoben sich würdevoll vor und sprachen für die arme Wehrendorf. Ja, sie hatten doch einen modernen Frauenverein, und die gute Frau von Cöldt hatte sie gebeten, ein Wort für die Wehrendorf einzulegen, die endlich eine feste Stelle haben mußte. Sie war so sehr darauf angewiesen, und deshalb war es ja Menschenpflicht – –

Menschenpflicht, dachte Christiane Dorreyter.

Sie wußte genau, daß diese Damen, die einen modernen Frauenverein hatten, sie im Herzensgrunde verachteten. Sie und die arme Wehrendorf.

Sie antwortete mit leichter Ironie. Die Patronatsdamen wanderten weiter und ließen nicht einen Winkel undurchspäht.

Dann wurde es endlich stiller. Türen dröhnten, die Stimme der Haberkorn scholl noch einmal echokräftig heraus. Die Damen verabschiedeten sich, nachdem sie die kleine Wehrendorf dem Fräulein Doktor noch einmal dringend ans Herz gelegt hatten.

Es war still.

Da kam Ludwig von Cöldt. Christiane hörte seinen Schritt schon von weitem.

Sie sahen sich an.

Er gab ihr die Hand, dann schaute er lange auf die ›eiserne Wehr‹ über dem Arbeitstisch. Sein Blick glitt in ihr Gesicht. Sie hob die Augen, und eine Sekunde standen sie und verstanden sich wieder im Geringsten, ohne Wort.

»Du gibst mir Relief,« sagte sie dann mit leichter Ironie. »Wenn die Vorstandsdamen gnädig zu mir gewesen sind, so verdanke ich das der Tatsache, daß ich einen Schwager hier habe. Ich bin höchstens dreimal auf meinen Doktor, mindestens dreißigmal aber auf den Regierungsrat von Cöldt angeredet worden.«

Seine Wimpern zuckten. Er sah eine Sekunde vor sich hin.

»Du wirst dir deinen Platz schon schaffen,« sprach er dann.

»O ja,« sagte sie, »das werde ich.«

Sein Gesicht behielt den gleichen geschlossenen, etwas resignierten Ernst. Sie sah, daß er sich sehr verändert hatte.

Sekundenlang durchrann sie eine furchtbare Machtlosigkeit, sekundenlang brauste ihr Wille wieder räuberisch zum Stehlen und Genießen hin.

Tief unten war sie in aller ihrer Würde.

Ihre Hände zitterten. Ihre Blicke streiften das Bild. Sie biß die Zähne zusammen. Eiserne Wehr, dachte sie, eiserne – Wehr – – –

Er sah auf die Bücher, die sie in strengen Reihen umgaben. Durch sein Gehirn liefen blitzartig die Vorstellungen von den Lebenserkenntnissen, die sie sich errungen hatte.

»Du bist Naturwissenschaftlerin,« sagte er.

Ihre düsteren grauen Augen wurden langsam heller.

»Meiner innersten Meinung nach, ja,« sprach sie. »Ich kann dir aber noch einige andere Dinge vorzeigen,« setzte sie ironisch hinzu.

Er zuckte nur die Achseln. Wieder fuhr sein Blick durch den Raum. Halb unbewußt suchte er darin nach Zeichen aus den zehn fremden Jahren.

Seine Ruhe fing an ihre Flügel zu lockern.

Er begann nach diesem und jenem zu fragen. Ihm gegenübersitzend, etwas in sich versonnen, wich sie aus. »Das läßt sich so schnell nicht hersagen, Ludwig. Es war alles sehr kraus. Ich war immer – Outsider.«

Sein Blick brannte, ohne daß er’s wußte, eifersüchtig auf.

»Outsider,« murmelte er.

Er sann vor sich hin.

Zehn Jahre.

Christiane blickte nach der ›eisernen Wehr‹. Es zitterte leise in ihr.

Plötzlich bog er sich ihr zu.

»Ich möchte dir mein Mädel bringen, Christiane.«

Sie fuhr zurück.

»Mein Mädel,« sagte er mit etwas flimmernden Augen, »unsere kleine Hanni – –«

Ihre Lippen zwangen sich. »Wie alt ist sie doch –?«

»Neun Jahre.«

Sein Auge hing an ihr.

»Du sahst sie noch niemals?«

»Noch niemals,« sagte sie. Sie dachte wieder: Als ich fort war – – – –

Jetzt fühlte sie die – zehn Jahre.

»Sie ist groß,« sagte er, langsam vor sich hin erzählend, während die Veränderung seines Gesichtes blieb, »und sehr kräftig. Nur geistig schreitet sie nicht recht fort. Aber das Fräulein hat nichts getaugt, ihm ist gekündigt.«

Christiane fragte: »Wie heißt sie?«

»Das Fräulein? Die kleine Wehrendorf.«

Sie nickte.

Dabei wurde es freier in ihr. Sie richtete sich auf.

»Das Fräulein werde ich mir mal angucken, Ludwig.«

»Wie du willst,« sagte er gleichgültig, »es ist aber nicht viel an ihr dran. Ein Weibtorso. Nirgends beschenkt.«

Sie kannte Ludwig. Ein feines Lächeln verzog ihren Mund.

Das reizte ihn.

»Wann kommst du zu uns? Wir erwarteten dich schon gestern.«

»Vorgestern kam ich an. Da war ich in Frankfurt eben fertig. Ich komme aus einer Arbeit in die andere, Ludwig.«

»Ja, ja. Aber wir –«

Sie sah ihn an.

In seinen Augen wurde ein verschollenes Geflimmer wach. Er wurde wieder jünger.

»Aber – ich –« sagte er.

»Ich komme, Ludwig. Vielleicht heute abend noch. Wie geht es Hardi? Sie schrieb so selten.«

»Dir schrieb sie selten,« sagte er.

Sie schaute ihn mit großen Augen an.

Dabei schlich wieder eine heiße, heimliche Welle von einem zum anderen. Sie wurden still.

Über ihnen hing in strenger Wacht die ›eiserne Wehr‹.

»Ich komme heute abend zu euch,« sagte sie.

Sie gaben sich die Hand und empfanden wieder den uralten Einklang ihres Blutes und die geistige Zusammengehörigkeit.

»Ich komme, Ludwig.«

* * *

Als Christiane allein war, warf sie den Kopf zurück. War sie unwissentlich an einen alten Strudel geraten? War es das gewesen, was sie heimlich zurückgeleitet hatte, nichts als – das –? Waren noch unerhörte Möglichkeiten, unerhörtes Begehren in ihr, wollte sie noch immer ein – Abenteuer –?

Sie sah wieder die gelben Felder der maiheißen Straßen, die Mühlen, hörte das Traben der Pferde und ritt wieder neben ihm wie einst.

Nein, das war vorbei. – – –

Am späten Nachmittag ging sie fort. Vor dem Hause warf sie noch einen Blick zurück. Wie gut es aussah, gar nicht schulmäßig!

Dann kam sie in die Stadt. Seit hundert und mehr Jahren war kein bedeutender Künstler in ihr gewesen, was an guten Bauwerken da war, hatte ein graues Alter und war teilweis im Abbruch. Was neu war, war handwerkerlich, was eben wurde, war es noch mehr. Ziemlich im ältesten Teil der Stadt lag das ehemalige Cistercienserkloster, das nun Regierungsgebäude und mit der Geschichte der Stadt und der Provinz eng verknüpft war. Viele preußische Könige hatten darin geweilt, von Friedrich dem Großen erzählte man sich ganze Legenden, und Blücher sollte sich an seinen Steinstufen den Säbel gewetzt haben. Vor hundert Jahren war der Klostergraben mit Gefallenen bis zum Rand gefüllt gewesen.

Bald hinter dem Kloster begannen die Anlagen, die in den Stadtpark ausliefen. Hier waren die Kindermädchen mit den Babies, hier passierten die Damen, wenn sie von ihren Kränzchen kamen, hier trieben die Backfische und Jünglinge ihren grünen Flirt. Es gab auch abgelegenere Gegenden darin, Winkel, in denen geküßt wurde. Ein paar Sportplätze begrenzten den Park, der gute Baumbestände und die Schönheit solcher kleinstädtischer Anlagen hatte.

Christiane eilte rasch hindurch. Schon als Kind hatte sie ihn nicht gemocht, wie alles, was Massenfreude war.

Draußen hinter dem Krähenteich, an dem sich die Pensionäre der Stadt mit Angeln zu unterhalten pflegten, begann der Wald.

Die Markburger machten sich nichts aus ihm. Sie hatten ihre Vereine und Kaffeekränzchen. Nur ein paar schulmeisterliche Naturheilapostel oder ein paar Brunnentrinker kannten seine Wege. Übrigens war er nicht mehr städtisches Gebiet, sondern gehörte den – Rhanes. Weiter oben, hinter dem Forsthaus, konnte man das Schloß bei klarem Wetter wie ein blasses Schattenbild am Himmel sehen.

Christiane schaute auf die Stadt zurück. Eine rechte Heimat war sie ihr nicht, denn als Soldatentochter war sie kreuz und quer durch Deutschland gezogen und hatte überall ein Stücklein Kindererinnerung gelassen.

Bald kam der Weg, den Christiane besonders liebte. Als eine schmale, leicht steigende Allee zog er sich, von starken Tannen eingefaßt, dahin, und hinter ihm stand der Wald mit Eichen und Buchen. Der Boden war mit roten, vorjährigen Blättern überstreut. Das Laub war noch voll und unversehrt, aber schon über manche Sommerglut hinaus.

Christiane blieb stehen. Ein Rollen zog durch die Wipfel – das war Donner. Das frühe Dämmern eines Waldgewitters senkte sich, die Schwüle verstärkte sich – dicht über den Wipfeln schien es zu stehen! Da zuckte es – wieder ein Zucken, wieder ein Donner – es war da!

Christianens Herz jauchzte auf. Traumhaft starrte sie in das schöne Waldabenteuer, das ihr allein gehörte. Kein Mensch, keine Stimme, kein Knistern. Kein Vogel rührte sich. Und doch war das Leben nie stärker, leidenschaftlicher und jauchzender, als wenn es so flammte und schlug! Wie die Feuer zogen und zuckten, da um den Wipfel einer Riesenbuche tanzten, dort an den Stämmen hinabliefen, da einen fernen Grund bläulich erhellten – wie sie sich unerbittlich kreuzten wie Degen und fauchend über dem Wald zusammenschlugen – das war schön! Irgend etwas in Christianens Seele war dabei, tat mit.

Ein paar große Tropfen sprangen durch die Äste und verrollten im Staub. Es donnerte wieder, aber schon ferner, es lohte von neuem, aber schon schwächer. Es wurde still. Die Vögel rührten sich wieder, huschten durch das Unterholz, rannten über den Weg. Irgend ein Gelächter scholl durch den Wald. An den Blättern blitzten die Tropfen, darüber kam die Sonne heraus.

Als Christiane aus dem Walde trat, lag schon sanfte Abendruhe über den Feldern. Ein Bahnzug fuhr sacht dahin, die Streckenlichter blinkten. Das Sonnenrot verging.

Sie fand die Villenkolonie und Ludwigs Haus.

Ein kleiner Garten mit vielen dichten Büschen zog sich rings herum, man mußte in ihn hinein und kam von rückwärts ins Haus. Christiane wurde in ein großes Zimmer geführt und erkannte den Salon aus Posen wieder. Nichts war daran verändert.

Jetzt kam Ludwig schon.

»Hardi – –?« fragte sie.

»Sie läßt noch um einen Augenblick Geduld bitten,« erwiderte er, »bis jetzt hat sie gelegen. Jedes Gewitter quält sie furchtbar. – Bitte, hier.«

Er führte sie in sein Zimmer.

Sie sah mit jäher Aufmerksamkeit umher, entdeckte ein schönes Stück Kopenhagner, einen Liebermann an der Wand, gewahrte die Papiere und Akten auf dem Schreibtisch und dann Bücher – ja – Bücher!

Rasch trat sie vor die Eichenschränke und sah die Reihen auf und ab. Er stand hinter ihr. Plötzlich gewahrte sie das alte Bändchen Mereschkowski und spähte aus, ob ihr nicht da und dort wieder sein eigener Name entgegenspringen würde. Aber sie sah ihn nicht. Ihr Blick glitt schließlich unruhig ab.

Er hatte die Tür zum Gang geöffnet.

»Hanni!«

Jetzt kam sein Kind und knickste scheu.

Christiane merkte, daß es in ihr weniger die Verwandte, als die Erzieherin sah. Hanni war weder dem Vater noch der Mutter ähnlich, sondern mußte ihren Typ wohl von irgend welchen längst verschollenen Vorfahren geliehen haben. Es war kein angenehmer Typ. Das spröde, blonde Haar hing strähnig um das schmale, feste, unkindlich herbe Gesicht, der Blick der Augen war eng und kalt, und ebenso eng und kalt fielen die spärlichen Antworten; der Widerstand der kleinen Schultern, auf die Christiane ihre Hand gelegt hatte, war unmerklich eisenstark.

Christiane sah betroffen auf und gewahrte, daß Ludwig sich abwandte. Er sah nach seinen Büchern hin.

Jetzt pochte das Mädchen und meldete, daß die gnädige Frau zu sprechen sei.

Ludwig führte Christiane die Treppe hinab zu Hardi. Dieses Zimmer kannte sie noch nicht. Die Möbel waren weich und hell und mit Rücksicht auf viel Liegen und viel Bequemlichkeit aufgestellt. Ein Rollstuhl fehlte nicht. Alles war wie im Krankenzimmer. Keine Blume, kein Buch.

Hardi lag in einem dünnen, lilafarbenen Gewand auf dem Ruhebett und hob sich nur schwach, mit zwinkernden Lidern.

»Du – –« sagte sie.

Ihr kleines Gesicht zeigte noch immer die merkwürdige Mischung von Pikantem und Sentimentalem. Sie sah gut aus, großäugig, fast schmachtend, und doch war etwas von leisem Welken an ihr, vom frühen Vergehen der blassen, gelblichen Resedablüten, wenn sie geschnitten sind. Sie maß die Schwester eine Weile und ließ dann davon ab. Ihre Augen irrten zu Ludwig hin, senkten sich aber gleich wieder.

»Daß du dich hergewagt hast,« sagte sie halblaut, wie erstaunt.

»Weshalb –?«

»Weil doch ein Gewitter war.«

»Ich war dabei im Walde.«

Hardi zuckte und warf wieder einen Blick auf ihren Mann. Scheu zog sie ihn wieder weg, lachte kurz auf und sagte: »Na .. ja – du … Wenn ich wie du wäre, könnt ich’s vielleicht auch …. Aber ich bin’s nicht! – – Christiane, weißt du noch, wie wir früher drüben am Krähenteich die Angler ärgerten? Ja, das waren schöne Zeiten. Dann kam ich zur Schmöckler –«

Ihr Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck. Die Nähe ihres Mannes schien sie zu bedrücken.

Er stand schweigend auf und ging.

Sie horchte ihm eine Weile nach. Dann legte sie den Kopf auf die Kissen. Ihre Haltung wurde allmählich entspannter, gelöster. Nur im Gesicht zuckte noch die Unruhe.

»Ja, das waren schöne Zeiten … Auch bei der Schmöckler noch … anfangs. Und dann, als die Mutter mich so verwöhnte. Wie gut hab ich’s da gehabt. Und da – da mußte ich das tun –« sie richtete sich wieder auf und sah nach Christiane hin. »Was weißt du davon,« sagte sie verächtlich, »was ich gelitten habe!«

»Gelitten,« sagte Christiane leise.

»Ja, ja! – – Und dann erst. Dann – als ich – allein war.«

Sie sah Christiane finster an.

»Als ich allein war!«

Christiane schwieg.

Es war eine Pause.

Hardi atmete rasch. Qualvoll vernahm Christiane diesen raschelnden, schlürfenden Atem.

Sie ist doch wirklich krank, dachte sie.

»Als du abgereist warst,« begann die junge Frau langsam wieder, »vorher hatte ich ihn nicht haben wollen – jetzt hatte ich ihn nicht mehr. Und zurück konnte ich doch nicht. Ich hab daran gedacht. Ich hab mir den Kopf zergrübelt. Brief auf Briefe hab ich der Mutter geschrieben – die hat sie dann alle verbrennen müssen. Aber zurück konnte ich doch nicht. Ich war doch einmal bei ihm. Er hatte doch nun einmal meine Jugend bekommen. Und da – –« ihre Stimme wurde ganz heiser, »da – gab ich ihm das Kind. Ja, das tat ich aus freiem Willen. Ich gab es ihm. Und damit habe ich ihm den Rest meines Lebens gegeben – seitdem wird es nichts mehr mit mir. Kuren über Kuren habe ich gebraucht, bei so viel Ärzten sind wir gewesen – es hat alles nichts mehr genützt. Zuletzt mußte er sich von Posen weg versetzen lassen. Aber auch in Danzig konnte ich die Luft nicht vertragen, es ging und ging nicht – da mußte ich hierher. Zur Mutter. Hier geht es wenigstens …«

Christiane schaute sie an.

»Und – er –?«

»Wer?«

»Ludwig.«

Hardi lachte kurz auf.

»Was denn –? Es geht ihm hier ganz gut. Es gibt genug andere, die sich in der häßlichen Polakei die Zähne ausbeißen können. Und auf etwas anderes kommt es doch nicht heraus. – ‘s ist doch kein Ziel dabei. Die Polen verteidigen nur ihr Recht und ihre Heimat. Das tut jeder Mensch, ich auch. Höre Christiane … störe mich nicht darin – – rege mich nicht auf … du weißt … du weißt doch genug …«

Sie brach in Schluchzen aus.

»Laß mich doch nur. Ich will Ruhe haben … bloß Ruhe haben, nichts weiter. Was verstehst du denn davon … Ich bin ganz verbraucht.«

Das Mädchen trat ein und gab ihr wieder Morphium.

Hardi weinte noch eine Weile, dann wurde sie stiller. Zuletzt sah sie versöhnt zu Christiane auf.

»Es war das Gewitter,« sagte sie.

Das Mädchen brachte sie zu Bett, Hardi schlief ganz allein.

Christiane nahm kurzen hastigen Abschied von Ludwig.

Als sie durch den Garten ging, hörte sie das stuckernde, ungelenke Klavierspiel des Kindes.

* * *

Heute waren die Damen der Sophie-Reutterschule fast alle eine Viertelstunde eher gekommen.

Eben trat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, in das Lehrerinnenzimmer, und die Unterhaltung verstummte im Augenblick.

Das Fräulein war das gewohnt. Es kannte seine Kolleginnen, wie die es kannten.

Sie konnte sie alle nicht leiden, aber am wenigsten die, die gut aussahen. Halb toll konnte es sie innerlich machen, wenn eine eine besonders schöne Bluse oder hübsche Schleife angesteckt hatte. Dann suchte und suchte sie unbewußt, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatte, um sie zu ärgern. Sie hatte schon junge Damen aus der Schule herausgebracht, weil sie ihre Erscheinung nicht vertrug. Beim alten Direktor war sie neben Professor Diermann allmächtig gewesen.

Die klugen jungen Lehrerinnen verfehlten daher nicht, sie auch in bezug auf Toilettesachen um ihren Rat zu fragen. Dann wurde sie am ehesten mit einem neuen Kleide versöhnt.

Fräulein Haberkorn war mutterlos aufgewachsen, vom Vater früh ins Seminar gesteckt worden und hatte dann das Wanderleben gehabt, das viele Lehrerinnen durchmachen. Aber niemals war ihr etwas Freundliches begegnet. Kein bißchen Liebe war über sie hingegangen, keiner hatte sie gestreichelt, keiner geküßt, keinem Menschen war sie zum Leben nötig gewesen. Sie war in der Welt übrig.

Ihr ganzer Ehrgeiz hatte sich auf ihre Laufbahn gerichtet, und sie war schließlich, ohne besondere Examina, so weit nach oben gekommen, wie sie es in der kleinen Stadt konnte. Und nun übte sie einen ständigen Druck auf die aus, die nach ihrer Meinung mehr hatten, als sie.

Es gab welche, die sich nichts aus ihrer Ungnade machten.

Da war die blonde Mai Friedlein.

Sie kam erst nach der Oberlehrerin mit einem leisen Rauschen und der ganzen köstlichen Frische ihrer rosenroten Schönheit herein. Es hieß, sie sei schon dreißig Jahre, aber genau konnte man es nicht nachrechnen.

Ihr hatte man es nicht an der Wiege gesungen, daß sie Schulmeisterin werden würde. Es kam erst mit dem Krach. Ihr Vater war Direktor einer großen schlesischen Aktiengesellschaft gewesen – jetzt lag er schwerkrank in einem kleinen Nest in der Nähe und hatte eine Agentur. Mai war damals verlobt gewesen. Ihr Bräutigam war aber mit dem Krach verstrickt und ging nach Amerika. Von dort schickte er noch ein paar Gedichte. Sonst nichts mehr.

Mai hoffte noch immer auf eine gute Partie.

Die Lehrerin Dorette Jong war ihre vertraute Freundin und Beschützerin und eine zähe Gegnerin der Haberkorn. Sie war dünn und ein bißchen verbräunt, so daß man den Eindruck hatte, als ob sie an einem langen und sehr heißen Sommertag draußen vergessen worden sei. Indessen wirkte sie nicht unangenehm. Um ihre dunklen Finkenaugen hockten Lachfältchen.

Ihre Nachbarin Fräulein Seifert war sehr dick und groß, aber von einer unangenehmen, klebrigen Art. Sie war sehr musterhaft und vortrefflich, und ihre besondere Eigenheit war, daß sie niemals fror oder schwitzte. Diese physiologische Merkwürdigkeit pflegte sie den jungen Anfängerinnen und den Schülerinnen fortwährend zur Nachahmung zu empfehlen.

Jetzt huschten ihre schlauen Blicke ihrer Freundin Haberkorn entgegen, gespannt, was die als Morgengruß sagen würde. Die Laune der Oberlehrerin war immer zunächst davon abhängig, wie sie in der Nacht geschlafen hatte, heute aber fegte wohl noch etwas anderes darein, denn es war der erste Amtstag des Fräulein Doktors.

Sie wußte genau, weshalb alle sie so anguckten, und lächelte süß.

Huldreich nickte sie zwei kleinen Praktikantinnen entgegen, die sich bescheiden in der Ecke hielten, aber doch aufmerksam und heimlich quietschvergnügt beobachteten. Sie hießen ›die Kanarienvögel‹.

»Wie frisch Sie aussehen! – – Ja, ja – die Jugend –!«

Die beiden Vögel hatten alte Waschblusen an.

Das war nun bei Mai Friedlein nicht der Fall.

Das Rauschen hatte die Haberkorn schon lange gepeinigt. Jetzt drehte sie sich zu ihr um und sagte mit einem Lächeln:

»Ach, ich dachte wirklich, es käme ein Engel vom Himmel herabgeschwebt.«

»Es ist vielleicht auch einer,« meinte die Jong trocken.

Mai warf ihr einen Blick voll ergebener Selbstironie zu, der ihr sehr gut stand, und sagte nichts. Ihr war keine Schlagfertigkeit gegeben, wenigstens Damen gegenüber nicht. Da stand die Jong immer mit gesträubten Federn vor ihr.

Die Haberkorn lachte glucksend.

»Ganz recht! Ganz recht! Wie der sich nur bloß in unser dunkles Reutterschloß verirren konnte!«

»Er hat vielleicht nur keinen Ausweg gefunden,« sagte die Jong.

Fräulein Haberkorn lachte von neuem, von den Kanarienvögeln scheu beobachtet.

»Hahaha – das kann ich ja nicht wissen. Aber wenn es so sein sollte – suchen Sie nur tüchtig, Fräulein Mai – – ich würde Ihnen herzlich gern dabei helfen – –!«

»Danke, das tu ich schon,« sprach die Jong.

»Wie aufopferungsvoll.«

»Sie haben uns doch gestern alle Lehrerinnentugenden so schön vorgehalten,« meinte die Jong.

Alle wußten, daß die Haberkorn keine Reden halten konnte. Es war ihre schwache Seite. Sie mußte vorher immer ein Brausepulver nehmen.

Die Oberlehrerin begann nervös zu werden.

»Was haben die Herren denn dazu gesagt?« fragte sie.

»Die waren alle begeistert,« antwortete eine aufrichtige Stimme aus der Ecke.

Das war Mielchen Mehlmann. Ein etwa fünfzigjähriges Fräulein mit einem Apfelgesicht, das sich offenkundig bemühte, sehr damenhaft auszusehen. Heute trug sie einen mächtigen schwarzen Spitzenkragen über einem neuen Kleide.

Das gewahrten die anderen plötzlich.

»Sie haben sich ja so fein gemacht, Mehlmännchen?« sagte die Jong gutmütig.

Mai lächelte ein wenig. Das gute Fräulein ließ doch bei der Beckern im Probsteigäßchen arbeiten, und die machte doch alle Taillen schief! Mai Friedlein sah am schärfsten Toiletten und Männer.

Über die anderen Gesichter flackerte es beunruhigt. Wenn es auch nur die Mehlmann, die Gesang- und Handarbeitslehrerin war – besser als die anderen durfte sie sich nicht tragen!

Sie wurde noch einmal beguckt.

»Warum denn nur?« sagte die Haberkorn in merkwürdig schwingendem Tone. Ihre Blicke schillerten wie die der Katzen.

Die gute, ehrliche Mehlmann konnte nicht lügen.

»Nu, wo unser Fräulein Doktor so fein geht,« sagte sie.

Jetzt hatte sie es in doppelter Weise verdorben. Die Seifert sagte mit ihrer ganzen Vortrefflichkeit:

»Liebes Fräulein Mehlmann, auch außer dem Unterricht müssen wir uns einer guten Aussprache befleißigen!«

Die Haberkorn nickte geringschätzig: »Ja, ja, die Provinzialismen.«

Fräulein Mehlmann stammte aus dem benachbarten Neukirch. Sie war so gut wie vom Lande.

»Nu, ich meine –« sie verbesserte sich jetzt rasch. »Ich dachte, wenn unser Fräulein Doktor so fein aussieht, müssen wir auch was übriges tun. Ich mochte ihr in der alten braunen Bluse nicht mehr begegnen.«

»Hm,« machte die Seifert.

Ein Schweigen ging durch die Runde. Die beiden kleinen Vögel wagten kaum zu atmen.

Da sprang die Türe auf. Es war aber der Professor Diermann, der immer zwei Minuten vor Anfang kam. Neugierig lugten seine Augen voraus, dann kam er näher.

»Morjen, morjen.« Er griente die Damen an.

Zwischen ihm und den Kolleginnen galt unsichtbar auch der Satz aus der Bibel: ›Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe –‹, wie er in allen Berufen herrscht, in denen es auf eine ernstliche Konkurrenz hinausgeht.

Professor Diermann verachtete die Kolleginnen, zunächst weil er ein geborener Markburger war, die alle arbeitenden Frauen geringschätzten, dann als Akademiker gegenüber geringwertiger Frauenbildung, dann wegen noch anderer Dinge. Er machte aus seiner Richtung nicht immer ein Hehl, in seinem Alter glaubte er Ritterlichkeit nicht mehr nötig zu haben und – die Damen brauchten ja nicht in die Schule zu kommen, wenn sie Ritterlichkeit beanspruchten.

Er hatte vier Töchter, die eifrig Tennis spielten und sich dadurch noch Männer zu erobern hofften. Wenn nun nicht so viel Damen an der Schule gewesen wären, so wären eben Männer hingekommen, und damit auch wohl der eine oder der andere Heiratskandidat. Denn der einzige Unverheiratete im Reutterschloß, der behäbige Oberlehrer Dreher, war wohl nicht mehr zu rechnen. –

In der Beziehung hatte Diermann Sorgen. Wie schwer fiel es ihm nicht, die Kleider für die vier herbeizuschaffen! Er mußte auf seine alten Tage noch Pensionäre halten, und wenn sie ihn zur Ruhe setzten – was dann? Er hörte von Tag zu Tag schwerer. Ja, das knappe Gehalt für einen Familienvater! Und hier diese sogenannten Kolleginnen bezogen für sich allein so viel Geld! Wozu brauchten sie es denn? Doch nur für Putz!

Er richtete einen bösen Blick auf Mai.

Sie übte keine Wirkung auf ihn aus, lächelte aber so freundlich, wie sie gewohnt war, Männer anzulächeln. Einmal fiel es doch hoffentlich auf den richtigen Boden, wenn es auch auf keinen Fall der Professor Diermann sein sollte!

»Gut geschlafen?« fragte er bissig die Oberlehrerin. »Ja, in unseren Jahren – –«

Er freute sich, daß er ihr einen Stich versetzt hatte. Sie gab ihn rasch zurück, indem sie ganz leise antwortete: »Haben Sie unser Fräulein Doktor schon gesehen?«

Ihr wichtiges Gesicht machte ihn unruhig – was hatte sie gesagt? Er hatte nichts verstanden, obwohl er ihr das beste Ohr hingehalten hatte. Rasch schaute er ringsum.

Da rief ihm die Haberkorn laut entgegen: »Das – Fräulein Doktor –!«

Hastig fuhr er zurück und starrte zur Tür – da stand aber nur Mehlmännchen, die in ihre Klasse wollte.

»Hm,« sagte er nur. Sein Blick wurde eine Sekunde höhnisch. Nach einigem Irren traf er sich mit dem der Oberlehrerin.

Jetzt läutete es.

Die Glocke, ein rostiges Werk, hing unten im Erdgeschoß, durchgellte aber alle Räume wie ein Feuersignal.

Sie eilten alle hinaus. Der Professor warf dabei noch einen unzufriedenen Blick auf Mai. Keine von seinen Töchtern war so hübsch!

Ei – da stand ja das Fräulein Doktor!

Der Alte hatte es noch nie so eilig gehabt. Er riß sich in allen Knochen zusammen und bedachte nicht, daß er es vor einem männlichen Chef wahrscheinlich ebenso getan hätte, so lange ihm noch an seinem Amt gelegen war.

Aber Christiane sah doch, wie es um ihn stand. Ein ganzes Schulmeisterleben zog an ihr vorüber: ein bißchen zahme Jugend, dann Schaffen, Sorgen, Schaffen. Gleichmaß. Schritt auf Schritt. Und auf einmal die Senkung des Weges, das hilflose Verfallen ins Alter hinein. Die Pensionierung.

Ja, geschah es einem anderen anders? Geschah es ihr einmal anders? Ihre Wimpern zuckten scheu. An alles Anfangen schloß sich ein Aufhören. An jeden Sieg, wie er auch aussah, wie heiß er war, wie mühsam errungen, schloß sich die Stunde, in der die Waffen abgegeben werden mußten. Alle Waffen und aller Schmuck.

Sie wandte sich.

Da stand jemand.

»Sie wünschen mich zu sprechen?«

Da erkannte sie erst die kleine Wehrendorf.

Ein Schreck lief ihr durchs Herz.

»Du –« sagte sie.

Es war noch immer das alte Pechkind, über das die jungen Damen im Erziehungskasten so gelacht hatten. Es mußten noch manche andere über das Mädchen gelacht haben, so arm stand es da, so scheu, so still. Das Gesicht, das nie hübsch gewesen war, war jetzt alt, sehr, sehr alt, verblichen und geschrumpft.

Schweigsam folgte sie Christiane in das Arbeitszimmer, matt sah sie zur ›eisernen Wehr‹ auf, hastig drehten ihre Finger den Briefumschlag, den sie mitgebracht hatte. Sie wagte sich kaum zu setzen.

»Du möchtest hier am Reutterschloß unterrichten?«

»Die Damen haben mir den Rat gegeben,« flüsterte die Wehrendorf, »ich sollte … ich weiß ja nicht …«

Christiane griff nach den Papieren.

»Zuletzt erzogst du meine kleine Nichte – –?«

»Ein Jahr,« antwortete die Wehrendorf. Sie vermied jede direkte Ansprache, denn sie wußte nicht, ob sie das Fräulein Doktor noch so anreden durfte, wie die sie. »Ich habe schon viele Stellungen gehabt.«

»Wo warst du überall?«

»Damals aus der Schweiz ging ich nach der Lüneburger Heide. Dann –« Ada suchte in ihrem Gedächtnis. »Dann ging ich nach dem Rhein. Nach Mainz.«

»Nach Mainz,« sagte Christiane.

»Da hab ich es sehr gut gehabt. Ich wär so gern geblieben, die Leute haben mich auch gemocht. Und die Kinder erst – Schön war’s –! Aber da wurde ich krank.« Ihre Blicke flirrten.

»Was fehlte dir?«

»Die Nerven,« murmelte Ada, »und ein bißchen an der Lunge. Erschöpfung. Danach wurde ich Erzieherin in einer Anstalt für verwahrloste Mädchen.« Sie schauderte ein wenig. »Das war schwer. Sehr schwer. Da ging ich –« sie ließ plötzlich die Hände sinken, »ach, ich weiß es nicht mehr auswendig, es war so viel. Ich hab kein Glück gehabt. Ich hab kein Glück gehabt.«

In ihren Augen brannte eine verzehrende Angst.

»Und ich habe doch immer so gern gearbeitet,« sagte sie. Christiane schlug die Papiere auseinander. Vor allem suchte sie das Zeugnis heraus, das Ludwig geschrieben hatte. Es sagte gar nichts. Er hat ihr nicht den Weg verlegen wollen, dachte sie und durchblätterte die anderen Bogen – so hatten die übrigen auch gedacht! Doch – da auf dem einen stand: ›Körperlich sehr wenig geeignet.‹

Sie sah das schmächtige Mädchen wieder an.

»Hast du niemals an einen anderen Beruf gedacht?«

»Umsatteln?« fragte die Wehrendorf erschrocken, »das kann ich ja gar nicht! Wie denn? Was denn? Ich mag doch nichts anderes – ich passe zu nichts anderem – die Kinder immer um mich zu haben – o, das ist schön! Ich mag die Kinder so gern! Es war mir so schrecklich, daß ich immer wieder aussetzen mußte!«

Sie senkte das Gesicht.

Christiane überlegte. An der Schule war noch die Stelle des Akademikers unbesetzt, der abgegangen war, als ihre Ernennung bekannt wurde. An Herren waren außer dem Professor nur der kleine Oberlehrer Doktor Korn, der Junggeselle Dreher und der blonde Zeichenlehrer da, von dem es hieß, daß er ein verunglückter Künstler sei. Alle Kräfte waren sehr überlastet. Man konnte die Wehrendorf vielleicht versuchsweise eintreten lassen. Aber Christiane wußte zugleich, daß sie damit eine Verantwortung übernahm.

Sie legte die Papiere zusammen. »Ich kann dir jetzt noch keinen Bescheid geben. Morgen sollst du wissen, ob du Aussichten hast.«

Die Wehrendorf stand auf.

»Wo wohnst du?«

»Im christlichen Hospiz.«

Das Mädchen verneigte sich. Christiane drückte ihr die Hand. Ada ging zur Tür.

Da sah Christiane etwas Merkwürdiges. Es war nur eine Schulterneigung, eine einzige, geringe Haltungsveränderung. Aber sie sagte: bis morgen ertrage ich es nicht mehr. Es kommt auch nichts. Es wird auch nichts. – – – Es soll zu Ende sein.

Sie eilte ihr nach.

Es rief in ihr: hilf ihr! Hilf einer Schiffbrüchigen, einer der ärmsten unter den Frauen, einer, der nach Schaffen hungert und der es nicht gegeben wird. Gib ihr einen sanften Platz, einen Anfang – dann wird sie sich schon hineinfinden. Sie bringt alle Liebe mit. Nimm es auf dich, auch einmal gegen deine Pflicht zu handeln.

»Da,« sagte sie zu Ada, »bring deine Papiere dem Patronat. Dem Präsidenten. Ich will heute noch selber mit ihm sprechen. Dann wird es. Hörst du? Es wird.«

Die Wehrendorf sagte gar nichts. Sie sah sie nur mit erloschenen Augen an.

»Und geh zu meiner Mutter. Am Stieglitzberg 2. Du wirst schon finden. Sage, ich schickte dich. Nimm deine Sachen mit, sie wird dir einstweilen ein Unterkommen geben. Ja, ja, ich meine es im Ernst. Es wird schon werden, fasse nur wieder Mut. Wir werden dir schon helfen. Du kannst vielleicht immer da wohnen bleiben, das heißt, wenn es dir späterhin gefällt –«

»Es wird mir – schon gefallen,« sprach die Wehrendorf.

Sie faßte nach Christianens Hand.

Es war der dumpfe Blick eines geretteten Tieres.

Sie ging – – –

Nachher winkte Christiane sich das Fräulein Jong heran, in dessen Abteilung die kleine Hanni Cöldt heute eingetreten war, und befragte sie wegen ihrer Nichte.

Die Finkenaugen des Fräuleins kniffen sich ein bißchen.

Sie zauderte eine Sekunde.

Dann sprach sie offen: »Es scheint ein sonderbares Kind zu sein. Sehr hart, sehr einsam. Und sehr zurück und sehr gleichgültig im Lernen. Na, wir wollen abwarten.«

Nachmittags ging Christiane zum Präsidenten. Der empfing sie sofort. Er trug einen uralten Namen, der an Landsknechtslieder und verbrannte Städte erinnerte, und irgend etwas war an ihm, das ihr nicht unsympathisch war. Überhaupt hatte sie in ihrer ganzen bisherigen Laufbahn selten einen Widerstand auf männlicher Seite gefunden, ihre bittersten Gegner waren immer nur die Frauen gewesen.

»Ich hoffe, daß gnädiges Fräulein – pardon, Fräulein Doktor, sich in Markburg eingewöhnen werden. Wir reiten Schnitzeljagden, haben einen Kunstverein und einen Regierungsball –«

»Die Markburger Kunst werde ich mir ansehen,« antwortete sie, »die Schnitzeljagden sind für mich vorbei.«

Rasch kam sie auf ihr Thema.

Der Präsident erhob keinen Widerstand.

Er war ein Fünfziger. Seine Frau, eine Wandlenburg, war eine Zeitlang Christianens Schulkameradin gewesen und vor einigen Jahren verstorben. Die Söhne besuchten die Ritterakademie.

Seine schwarzen Augen maßen sie aufmerksam.

Sie sprachen von mancherlei und kamen wieder auf die Reutterschule zurück. »Der gute Diermann wird schon recht alt,« sagte der Präsident.

»Ich fürchte, es wird nicht mehr lange mit ihm gehen,« erwiderte Christiane, »sein Gehör ist nur noch sehr schwach.«

»Hm,« machte der Präsident. »Wir müssen nun allerdings bedenken, daß wir erst kürzlich einen sehr tüchtigen Mitarbeiter an der Anstalt verloren haben – deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als das noch Vorhandene so gut wie möglich festzuhalten.«

Sie begann lebhaft von ihrem Plan, der Ausgestaltung der Reutterschule, aber er streckte die schmale weiße Hand ein wenig aus: »Zunächst wollen wir Sie noch gar nicht mit solchen Dingen behelligen, Fräulein Doktor,« sagte er liebenswürdig.

Zum ersten Mal spürte sie an diesem verbindlichen Weltmann eine Spur Mißtrauen. Wir haben dir ja den Willen getan, aber – aber – – –

Sie lächelte in sich hinein. Was dachte er? Woher kam das auf einmal? War das die Kleinstadt? Sie lächelte wieder.

Wißt ihr denn nicht, daß meine Hände eisenstark sind und eisenstark sein müssen? Denn was hätte ich sonst, wenn ich mein Werk losließe –?

Ich will schaffen!

* * *

Sie ging nach dem Stieglitzberg. Die Straße lag am Stadtpark und hatte die Aussicht ins Grüne. Grade gegenüber dem Hause Nummer zwei war die große Fontäne, der Stolz der Stadt. Sie sprang, wenn es viel Wasser gab. Das Haus war einer der in Markburg üblichen stuckreichen Maurermeisterbauten und nicht mehr ganz neu.

Im ersten Stock war das Türschild: ›Verw. Frau Hauptmann Dorreyter, geb. Freiin von Rhane.‹

Die Mutter hatte es in den ersten Zeiten anfertigen lassen, als die Pension noch nicht so gut ging. Um einen Anziehungspunkt zu haben, nicht, um etwas Besonderes vorzustellen. Denn sie war nie etwas Besonderes gewesen, auch in ihrer Jugend nicht. Es hatte nicht in ihr gelegen, so schön sie auch gewesen war. Das große Feuer des Blutes, das wilde Begehren ans Leben, jedes Wagen hatte ihr gefehlt. Das sich zum Glück selber Berufenkönnen. Wie es Hardi fehlte. Darum waren alle goldenen Äpfel, die das Schicksal ihr etwa hätte reichen können, an ihr vorbei in den Staub gerollt. Darum war sie Frau Dorreyter geworden und hatte alle Not gekostet. Jetzt ging die Pension recht gut. Die Tischwäsche mit der Krone aber war längst verschlissen und durch solche aus dem Warenhause ersetzt. Aus der ›weißen Woche‹.

Christiane hatte manchmal gedacht: wie gut ist es, daß ich niemals ein Kind haben werde. Ich könnte es nicht ertragen, wenn es anders würde als ich. Wenn es – zurücktauchte.

Jetzt aber hatte sie an Hanni Cöldt gesehen, daß es noch viel wunderlichere und sonderbarere Dinge gibt als ein einfaches Zurückgleiten der Generationen.

Die Mutter öffnete selbst. Sie hatte ein Staubtuch in der Hand. In einem der Zimmer, dessen Inhaberin grade nicht da war, wurde Reinmachen abgehalten. Frau Dorreyter hatte Christiane vor vier Tagen bei der Ankunft begrüßt und ihr dann ein wenig beim Einzug ins Reutterschloß geholfen, hierauf war sie gleich wieder in ihre Pension zurückgeeilt, denn die gab zu tun.

»Warst du bei Hardi?« fragte sie gleich eifrig. »Wie fandst du sie?«

»Nervös, wie immer.«

»Sie ist sehr krank. Hättest du sie nur gesehen, wie ich sie gesehen habe! Die ganze Heirat war eine Torheit. Wäre sie nur bei mir! Nur die allergrößte Schonung kann ihr Leben erhalten –!«

Christiane zuckte die Achseln.

Frau Dorreyter öffnete die Tür zu ihrem Wohnzimmer, das zugleich allgemeines Eßzimmer war. Sie schlief auch darin. Abends wurde das Sofa für sie zurechtgemacht, und sie lag darauf besser, als in irgend einem Bett. Sie war es gewohnt. Früh, ganz zeitig, stand sie auf.

Jetzt war alles tadellos aufgeräumt. Auf dem Büfett lagen die aneinandergereihten Serviettenröllchen der Damen neben einem blanken Nickelkaffeegeschirr.

Auf dem Tisch stand noch eine Kanne mit dem Wärmer.

»Das ist für die Friedlein und die Kanarienvögel. Die sind ausgegangen. Ich glaube –« ihr Gesicht wurde besorgt, »die Friedlein hat wieder eine … Aussicht.«

Christiane lächelte. »Gönn’s ihr doch!«

»Aber sie hat es doch so gut! Das schöne Gehalt – keine Sorgen – wenn ich es nur so gehabt hätte!«

»Dann will sie es eben – schlechter haben,« sagte Christiane.

»Du lachst! Ich habe es der Mai neulich ernstlich vorgestellt. Etwas Besseres als ihre Freiheit hat sie doch nicht. Sie hat es sich angehört und ist dann gegangen und hat sich einen neuen Hut gekauft!«

Christiane zog die Mutter auf das Sofa. »Hör zu: Du bekommst heute einen Gast! Schreib ihn auf meine Rechnung, denn nehmen mußt du ihn!«

»Um Gottes willen – wen denn?«

»Die Wehrendorf.«

»Ach herrje, ich kann sie doch nicht in die Speisekammer stecken. Es ist wirklich kein Raum mehr frei.«

»Es geht doch,« beharrte Christiane, »sie braucht jemand wie dich –«

Frau Dorreyters herbes Gesicht erhellte sich. In der Arbeit in der Pension hatte sie endlich die Befriedigung ihres Lebens gefunden. Soweit Hardi ihr Interesse nicht in Anspruch nahm, gehörte es den Berufsdamen.

»Wie lange ist sie doch von Cöldts fort?« fragte Christiane.

»Vor den Ferien war es. Also seit fünf Wochen.«

»Und seitdem hat sie im Hospiz gelebt. Vermutlich hat sie kaum noch Geld.«

»So sah sie aus. Ich hab sie manchmal drüben im Stadtpark gesehen und dachte immerzu: die geht noch in den Teich. Darum hab ich Hardi gebeten, daß sie noch irgendwie für sie sorgt.«

»Die Vereinsdamen sprachen mir von ihr.«

»Ja, ja. Unter den Mitgliedern mag vielleicht noch die eine oder andere sein, die ihre Eltern gekannt hat. – Weißt du, ich will sie bei der Jong einquartieren und aufs Sofa betten. Die erlaubt das gern. Wir wollen mal zu ihr gehen, was meinst du?«

»Wer wohnt denn alles bei dir?« fragte Christiane.

»Außer dem Fräulein Seifert alle Damen vom Reutterschloß. Ich komme mit ihnen aus.«

Auf dem Flur, auf dem die Mangel und ein paar Fahrräder standen, flüsterte die Mutter plötzlich: »Du, wir klopfen besser erst bei der Haberkorn. Denn wenn du zur Jong gehst und nicht erst zu ihr, so nimmt sie das übel.«

»Wie furchtbar.« Christiane lachte.

Aber in dem Augenblick geschah es doch anders.

Fräulein Mehlmann öffnete ihre Tür, noch den roten Schein eines ausgedehnten Nachmittagsschläfchens auf den Wangen und erstrahlte in Seligkeit und Respekt, als sie Christiane gewahrte.

»Ach, Fräulein Doktor, ne – ne« – sie unterbrach sich hastig – »ich wollte nur sagen, das freut mich aber – jetzt müssen Sie doch bei mir eintreten, nur auf ein Augenblickchen, ein einziges Augenblickchen –!«

Sie kam hinter den beiden in das große Zimmer zurück und zuckte erschrocken: »Wirst du wohl! Verzeihen Sie nur – da ist wieder das dumme Tier, der Kater, hereingekommen –«

Auf dem gepolsterten grünbezogenen Ohrenstuhl richtete sich ein riesiges schwarzes Katzentier auf und sprang mit einem Satz auf den Blumenteppich.

»Marsch – marsch – fort –.« Fräulein Mehlmann jagte ihn aufgeregt aus der Tür.

»Sie haben hier Ihre eigenen Sachen?« fragte Christiane, die sich umgesehen hatte.

»Ja, ja, die von zu Hause. Ich habe nur die leeren Stuben gemietet. Ich könnte ja auch allein wohnen, aber dann ist mir zu bange. Hier hat man doch immer eine Ansprache, wenn man sie haben will …« Sie blickte Christiane glücklich an.

»Vor zwanzig Jahren sind Sie noch meine Schülerin gewesen … wissen Sie noch …?«

»Ich weiß es noch,« lächelte Christiane.

»Ne, daß es nu so gekommen ist …! Aber gestickt haben Sie immer fein. Immer die besten Kanten!«

»Ich kann’s nicht mehr,« sagte Christiane.

Das Fräulein riß die Augen auf. »Gar nicht? Ach, Sie scherzen, Fräulein Doktor …«

»Durchaus nicht, Fräulein Mehlmann.«

Die Handarbeitslehrerin wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie schnüffelte ängstlich. »Ach, ich weiß nicht … riecht es hier nicht ein bißchen nach Katzen? Es ist ein Schabernack mit dem Tier. Es kommt immer über den Balkon zu mir.«

»Wem gehört es denn?«

»Dem Fräulein Jong,« sagte die Mutter. »Aber eigentlich wird er von allen Damen gleich verwöhnt. Nur Mai gibt ihm manchmal einen Schub.«

Fräulein Mehlmann stand verlegen auf. »Ach, ich weiß schon, was das schwarze Vieh bei mir so anzieht …«

Wichtig öffnete sie einen gelben Kirschbaumschrank, in dem man Kleider vermutete.

Darinnen lagen aber auf sauber gezacktem Papier Schinken und Würste, Kuchen und Plätzchen, Tütchen und Schachteln, Obst- und Marmeladebüchsen.

Fräulein Mehlmann griff hastig etwas heraus, roch daran, zog die Nase kraus und murmelte: »Das muß bald gegessen werden …«

Dann wandte sie sich an Christiane:

»Sie sehen, das ist meine Speisekammer. Ich muß das haben und hab’ mir deshalb auch den großen Ofen setzen lassen. Wenn ich aus der Schule komme, probiere ich mal das, mal dies – ich will ja der ausgezeichneten Küche der Frau Hauptmann durchaus nicht zunahe treten, aber am besten schmeckt halt, was man sich selber gekocht hat … Ich kann nicht anders: Ich muß wenigstens dann und wann wirtschaften! Möchten Sie nicht meine selbstgebackenen Knusperchen probieren, Fräulein Doktor –?«

»Und hier« – mit einem Ruck griff sie ganz tief in den Schrank – »hier ist noch etwas Besseres … ein Likörchen! Selbstgemacht, ja, natürlich! Noch nach dem Rezept von zu Hause! Ein Schlückchen … ja …? Was, Sie danken, Fräulein Doktor? Gar nichts wollen Sie annehmen? Ein Schlückchen doch wenigstens … die anderen Damen nehmen es so gern – Wenn Sie nur hören könnten, wie die es immer loben … Na, denn ein andermal … andermal, gewiß, nicht wahr – –?«

Christiane beruhigte sie und stand auf.

Wie war das hier so warm und familienhaft!

»Wirklich kein Likörchen?« bettelte das Fräulein noch einmal.

Sie mußte zusehen, daß die Damen ohne Stärkung gingen.

Draußen flüsterte die Mutter: »Nun schnell zur Haberkorn – die hat doch schon sicher was gemerkt.«

Als die Tür aufging, fiel Christianens Blick sofort wieder auf den Kater. Er stand mit fröhlich gehobenem Schwanz inmitten eines blanken, kahlen Fußbodens und leckte sich die Lippen.

Die Oberlehrerin schien doch etwas zusammenzufahren.

»Ach,« sagte sie ärgerlich, »verzeihen Sie nur, das Tier hat sich hierher verirrt – ich pflege es sonst nicht. Mir bleibt keine Zeit dazu.« Sie deutete auf ihren Schreibtisch. »Gegenwärtig bin ich mit einer Geschichte der Sophie-Reutterschule beschäftigt … fürs Jubiläum im nächsten Jahr.« Sie ging an die Tür und jagte den Kater hinaus.

»Marsch, marsch – –«

Das Tier quietschte leise auf.

»Ja, also das fünfzigjährige Jubiläum,« sprach sie zurückkehrend, während sie Christiane ins Gesicht sah und jeden Zug in ihm und jede Falte ihres Kleides studierte, »wir werden doch eine große Feier veranstalten müssen. Mit Herrn Professor Diermann habe ich neulich schon über das Programm gesprochen. – Ich meine – – vor den Ferien,« setzte sie rasch hinzu.

Christiane sagte nicht viel.

Sie las in den Augen das wehrhafte Unterlegensein, die echte Frauenfeindschaft.

Der Raum war der beste der ganzen Etage, denn die Fenster gingen nach dem Springbrunnen hinaus, und der grüne Rasen schien herein. Christiane erkannte die wertvollsten Sachen ihrer Mutter, die noch Rhaneschen Stempel trugen, aber sie waren nüchtern gestellt und hatten durch viele Nippsachen, Bilder und scharfgelbe Gardinen einen kleinbürgerlichen Anstrich erhalten.

Keine Phantasie, dachte Christiane, kulturlos, ganz kulturlos.

Gleich nebenan war das Zimmer des Fräulein Dorette Jong, das letzte auf dieser Seite der Etage. Ein bescheidener Raum mit geringeren, verbrauchteren Möbeln, aber mit einer Unmenge von Blumen und Büchern. Nicht nur das Handwerkszeug, sondern eigene Bücher, gelesen, gekannt, zärtlich gestellt, Reihe an Reihe. Rechts ein Bord, links ein Bord und über dem Sofa noch ein vollgepacktes Brettchen, an ganz dünnen Drahtfäden hängend. Es sah ängstlich aus.

Die Lehrerin hatte den Kater im Arm.

»Er ist bange,« sagte sie nach unbefangener Begrüßung, »was hat er denn erlebt? Wie seine Augen ausschauen, wie seltsam der unbekümmerte Raubtierausdruck mit einem Schrecken, ich möchte fast sagen, mit einer seelischen Enttäuschung kämpft –«

Frau Dorreyter lachte. »Verwöhnen Sie das Tier nur nicht gar zu sehr! Was haben Sie davon!«

»Es ist uns gleich,« sprach Fräulein Jong ruhig.

Sie hob es ein wenig hoch. Es war fast wie eine zärtliche kundige Mutterbewegung, aber es glänzte auch etwas Selbstironie in den Finkenaugen.

»Ich bin halt nicht so modern,« sagte sie.

»Vielleicht sind wir das alle nicht,« sprach Christiane.

»Aber es gibt solche, die schon als alte Jungfern auf die Welt kommen,« erwiderte die Jong. »Ich gehör dazu. Als kleines Mädel hab ich mich immer nur gewundert, daß ich jung bin. Als ich dann unversehens ins dreißigste Jahr rückte, dacht ich: nun hast du’s ja. Nun kannst du dir ruhig deine Katze anschaffen und die Blumen …« Sie deutete zum Fenster. »Frau Hauptmann schilt wohl immer über den vielen Kram beim Reinemachen, aber ich bringe sie doch nicht weg.«

Christiane sagte ruhig: »Es ist doch nicht Ihr Einziges.«

Die Jong guckte jäh.

»Ach, die Bücher,« sprach sie langsam, »ja, deswegen bin ich mein ganzes Leben gefoppt worden. Aber sie sind doch nun mal meine Leidenschaft, und ich muß immer welche haben, und morgens in der Schule denk ich schon immer daran, was für ein Glück mich zu Hause wieder erwartet.« Sie sah vor sich hin.

»Wenn die anderen Sie nicht mit ihren vielen Wünschen stören,« sagte Frau Dorreyter, »die Mai oder Ihre anderen Schützlinge.«

»Das gehört dazu,« erwiderte die Jong.

Frau Dorreyter hielt es jetzt für an der Zeit, mit ihrer Bitte herauszurücken, und das Fräulein war gleich dabei.

»Gewiß behalt ich sie. Das stört mich gar nicht. Hier auf dem Sofa kann sie schlafen. Nur die Bücher muß ich vom Bord nehmen, sonst fallen sie ihr schließlich noch auf den Kopf.« Sie lachte.

Da klingelte es an der Korridortür.

»Das wird sie sein,« sprach Frau Dorreyter.

Klein und ängstlich trat die Wehrendorf ein. Die Kartons, die ihre Habe enthielten, hatte sie draußen auf dem Flur gelassen.

Sie war sehr verlegen.

»Immer Courage,« sagte die Jong, »vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren, wir sind ja Kolleginnen, da hilft doch mal eine der anderen. Und später rücken Sie hier ganz in unseren hohen Kreis ein – in den der Damen vom Reutterschloß!«

»Wenn es nur würde,« sprach die Wehrendorf.

»Es wird schon. Nur immer Mut. Es stört Sie doch nicht, daß Sie noch keine eigene Stube haben?«

Ada hob nur die Schultern. Leise sagte sie: »Ich hätte dort im Hospiz morgen … nicht mehr wohnen können.«

»Sie armes Tier. Na, das ist keine Beleidigung, mir sind die Tiere so gut wie die Menschen. Kommen Sie, wir wollen auspacken!«

Frau Dorreyter eilte hinaus, um Kaffee zu holen, und Christiane folgte ihr.

Auf dem Gang begegneten ihr Mai Friedlein und die Kanarienvögel, die eben heimkamen. Die prangende Schönheit Mais bestürzte sie wieder wie beim ersten Anblick – die gehörte nicht vor Schulbänke, sondern in seidene Kleider und in heiße Hände, zu Liebe und Verlangen! Das war die Eva aller Zeiten.

Während des Gesprächs wurde ihr Urteil kühler – viel Temperament und Intelligenz schien nicht vorhanden. Flüchtig sah sie in Mais Zimmer, einen überputzten, hellen Mädchenraum mit dem Geruch von Parfüm und gebrannten Haaren.

Die Kanarienvögel hausten dagegen in einem engen Hofkämmerchen, dessen einziger Schmuck ein großes Plakat über den Betten war: ›Mensch, ärgere dich nicht!‹ Auf dem Tisch stand eine Schachtel Schokolade.

Als Christiane nachher heimging, hatte sie neben dem Eindruck ihres seltsam verwandelten und belebten Jugendheims das Gefühl, ihre Mitarbeiterinnen an dem Nachmittag ganz gut kennen gelernt zu haben.

* * *

Es war nach einem Abendessen beim Regierungsrat von Cöldt.

Der Kreis war nur klein, denn große Gesellschaften gaben Cöldts nicht, nur das Allernotwendigste, denn die Hausfrau war zu leidend.

Übrigens sah sie an dem Abend sehr gut aus, oder sah sie abends immer besser aus? Es war viel Reiz an ihr, etwas gradezu sentimental Schmachtendes. Und doch wußte man in der Stadt, daß sie nicht schmachtete, oben und unten wußte man’s; oben durch ihre Frauenvereinsdamen, unten durch die Dienstboten. Schon manches hübsche Mädel, das im Hause gewesen war, hatte dem schlanken Hausherrn mitleidig und verlangend nachgeguckt.

Er hatte jetzt eine merkwürdig stille, verschlossene Art, und grade die widerstrebte Christiane plötzlich an ihm. Absichtlich, um ihn aufzuscheuchen, um zu forschen, brachte sie die Rede auf die Ostmark.

Sie saßen im Salon. Herren und Damen waren nach Tische nicht getrennt worden, aber es hatte sich in dem großen Raume von selbst eine gewisse Schiebung vollzogen: links mehr das männliche, rechts fast nur das weibliche Element. Christiane saß bei den Herren.

Der Präsident war auch anwesend.

Sonst fiel ihr nur der Assessor Wratislaw von Wratislawski auf, trotz seines Namens ein Deutscher, von großer Rassenhäßlichkeit. Er hatte einen Doggenkopf, der durch die Korpsstudentenspuren und das Lebemannsdasein fast gefährlich ausdrucksvoll geworden war. Seine Sprechweise störte; er redete so zart meckernd, daß man unwillkürlich glaubte, er hätte noch eine andere in der Tasche, wie etwa ein zweites Paar Handschuhe. Seine Blicke waren heimlich über Christiane hingeschossen, aber sie war nicht nach seinem Geschmack. Er sollte allerhand Verhältnisse in Bürgerkreisen haben.

Der Assessor, der auch im Posenschen bekannt war, horchte bei Christianens Worten auf und meinte, die Sache ginge jetzt ja gut voran. Er sei vor einiger Zeit mal wieder durch Posen gekommen und hätte nur immer gestaunt, wie sich alles verwandelt habe. Überall neue Häuser und Großstadtstraßen! Alles ganz preußisch!

Ludwig sah auf.

»Ein paar gute Bauten mögen hinzugekommen sein, aber in der Hauptsache sind es doch Mietskasernen. Wälle und Bäume sind fort, dafür steht ein kleiner Ring Deutschtum mitten im Polnischen.«

Sie schaute ihn an.

»Es ist also noch nichts gewonnen?«

»Nichts,« sagte er.

Sie sann und sah wieder die Wälle und Bäume, die wilden Kirchhöfe. Sie sah das Sonnengold hinter dem Dom stehen und sah die unendliche Ebene.

Die Bäume und Wälle hatte man entfernt. Aber die polnische Ebene war geblieben.

Sie blickte Ludwig wieder an und wartete auf eine Äußerung, die ihr verriet, daß er mit der Sache noch immer nicht ganz fertig war, sondern daß seine Gedanken noch immer darum spielten, daß seine Hände heimlich nach dem alten Werk griffen.

Aber er sagte nichts mehr.

Sein Blick glitt zerstreut durch den Raum, um sich sofort voll verbindlicher Aufmerksamkeit auf den Präsidenten zu richten.

Auch die übrigen sprachen längst von etwas Anderem.

Christiane merkte, daß sie nicht mehr in diesen Kreis paßte.

Sie sprach nur flüchtig mit, aber ihre Blicke glitten umher, und alles in ihr spannte sich in hellsichtiger Menschenbeobachtung.

Sie erkannte wieder, wie gering die Schicht Bildung auch bei den Menschen ist, die sich doch zu den Oberen zählen. Mit welch eng begrenztem geistigem Weidegebiet sich die meisten begnügen, wie unendlich bescheiden in dieser Richtung die sonst so Unbescheidenen sind.

Sie empfand wieder, daß geistige Kultur in der Gegenwart etwas ganz Seltenes ist, die nur eine mäßige Zahl besitzt, während Tausende in dumpfem Jammer vergeblich danach tasten und die große Mehrheit ganz gut ohne sie fertig wird.

Ironisch horchte sie auf Flugergebnisse, die eben berichtet wurden, und dachte: ja, das ist etwas, das auch vom engsten Weideplatz aus begriffen wird. Aber daß es noch anderes gibt, immer gegeben hat, daß unendliche Massen geistigen Schaffens längst vorhanden sind, das wissen und brauchen die Vielen weder für ihr Leben noch für ihren Tod.

Daß grade Ludwig trotz seiner Erziehung in seinem Denken nicht einseitig war, sondern alle Dinge und Gedanken des Lebens suchend und blitzend umfaßte, daß man bei ihm nie an die sperrende Hürde kam, hatte sie früher, wenn auch anfangs mehr unbewußt, am meisten gepackt. Er war ein Aristokrat der Kultur.

Jetzt konnte er nicht anders geworden sein und war es auch nicht. Aber nach außen war es verkapselt, auch ihr gegenüber, so daß sie wieder und wieder ins Irren kam – – Nach dem Schaffen hin war er verkapselt, stummer regloser, gleichgültiger, und nach der Kleinstadt hin hatte er sich geöffnet – –

Er war glatt geworden, sehr glatt.

Die Unterhaltung mit dem Chef plätscherte – Jagd oder wovon redeten sie sonst? Sie mußten ausgezeichnet harmonieren. Christiane erschien der Herr mit dem uralten Namen plötzlich als ein rechter Spießer.

Der Assessor von Wratislawski stand leise auf und pirschte sich sacht nach der weiblichen Seite hinüber, wo die Unterhaltung kürzeren Wellenschlag hatte. Die Frau Geheimrat Meckebier hörte man aus allem heraus.

Christianens Gedanken strömten unwillkürlich zu ihrer Arbeit hin, was ihr sonst in geistvollem Kreise selten geschah. Im Gegenteil konnte sie sie oft kräftig vergessen.

»Ach, Fräulein Doktor, wie macht sich meine Jüngste?« Frau Colb rauschte zu ihr heran, der Titel wollte nicht so recht über ihre Zunge; sie quetschte ihn. »Es freut uns sehr, daß Sie hier sind, wir rechnen ganz besonders auf gute Mitarbeiterschaft.« Sie setzte sich neben sie. »Das war Ihnen doch wohl eine kleine Überraschung, daß in der Heimat inzwischen auch moderne Frauen entstanden waren –? Ich nehme an, daß Sie von unserem Verein gehört haben. Meine Nichte, die jetzt zu Besuch ist, war von unseren Arbeiten ganz entzückt.«

»Kann ich erfahren, was Sie schon erreicht haben, gnädige Frau?«

»Nun – das warme Frühstück für die Schulkinder, dann eine Flickstube. Und jetzt sind wir dabei, dafür zu sorgen, daß alle bedürftigen Wöchnerinnen wenigstens acht Tage lang eine warme Suppe bekommen. Wir lassen auch Vorträge halten, und ich bin eben dabei, unsern Herrn von Wratislawski zu gewinnen – er soll uns über die Reichsverfassung belehren.«

Christiane hob den Kopf. »Sie nennen sich moderne Frauen?«

»Allerdings. Unser Verein bekennt sich zu fortschrittlichen Grundsätzen. Wir wollen die Leistungsfähigkeit der Frau auf allen Gebieten heben. Mit dem alten Kram räumen wir auf. Alle unsere Mitglieder sind tapfer dabei. Unsere gute Frau von Cöldt opfert sich förmlich, trotz ihrer schwachen Gesundheit.«

Christiane sah nach der Schwester, die in eifriger Unterhaltung mit der Kommerzienrätin saß, wobei ihre Lider wie immer in süß unbewußtem Schmachten niedergeschlagen waren.

So, tat sie das?

»Ich könnte Ihrem Verein ein sehr dankbares Werk weisen, gnädige Frau,« sagte Christiane langsam, »haben Sie wohl einmal der Frauen in der Stadt gedacht, die da – arbeiten? Die also praktische oder – ich will lieber sagen – unbewußte Frauenrechtlerinnen sind –?«

»Wie meinen Sie, Fräulein … Doktor?«

»Nicht die Unterschicht, sondern die gebildeten Mädchen, die hier ihr Brot verdienen.«

»Ja, aber … ich verstehe noch nicht …«

»Ich meine, daß sich zwischen Ihnen, den fortschrittlich gesinnten Frauen, und diesen jungen Mädchen, die der Fortschritt gepackt hat, vielleicht eine Brücke schlagen ließe. Es wird so manche hier sein, der das einsame Geldverdienen noch schwer fällt, so manche aus gutem Haus, die in der fremden Luft und in den fremden Gefahren zittert und einen guten Anhalt ersehnt. Ich glaube, da sind viele, die zwar in ihrer Arbeit froh sind, aber sich in den Freistunden vor Einsamkeit verzehren, weil sie von ihrer Familie versprengt und im Herzen wählerisch sind, denen könnten die modernen Markburger Damen ein wenig helfen –«

Frau Colbs befremdeter Blick schoß nach links und nach rechts zu ihren Freundinnen. Eine kleine Stille trat ein. Sogar der Assessor hörte zu. Hardi sah Christiane merkwürdig spöttisch an.

»Ich sehe da ein schönes Arbeitsgebiet für Ihren Verein,« sprach Christiane, »allerdings keine – Wohltätigkeit.«

»Aber diese jungen Mädchen gehören doch nicht zu uns,« sagte Frau Colb.

»Sie arbeiten,« antwortete Christiane, indem sie die Dame fest anblickte.

»Ja eben deshalb … solche Elemente …« Frau Colb biß sich auf die Lippen, denn ihr fiel ein, daß die Sprecherin ja auch dazu gehörte, wenngleich sie die Schwägerin des Herrn von Cöldt war.

Ratlos sah sie sich um.

»Unter meinen Lehrerinnen sind einige, die, wie ich genau weiß, sehr einsam sind,« fuhr Christiane ruhig fort, »denn der Verkehr untereinander ist auf die Dauer doch recht einseitig.«

»Es steht ja nichts im Wege, daß die Damen sich an unserem Wirken beteiligen.«

»Verzeihen Sie, gnädige Frau – ich glaube nicht, daß es sie nach ihrem strengen Schaffen noch nach – Wöchnerinnenpflege zieht,« entgegnete Christiane ironisch, »aber eine Heimat brauchten sie, Anschluß, etwas Geselligkeit und Freude – Erholung –! Grade da müßten sich Ihre Interessen über alle herkömmliche Wohltätigkeit hinweg berühren,« fuhr sie fort, »die Mütterlichkeit der modernen lebenserfahrenen Frau gegenüber den einsamen Schwestern, von denen ein volles Werk verlangt wird.«

Frau Justizrat räusperte sich und schickte ein unsicheres Lächeln voll Hochmut ringsum.

»Man merkt, daß Sie hier doch recht … fremd geworden sind, Fräulein Doktor,« sprach sie, und diesmal kam der Titel scharf heraus, fast zugespitzt und verächtlich hingetan, »wir Damen der Gesellschaft haben da so vielerlei Rücksichten zu nehmen, dergleichen geht nicht so leicht, nicht wahr, meine liebe Frau von Cöldt? Auch würde uns die Zeit dazu wirklich fehlen …«

Sie wandte sich rasch dem Assessor zu und begann ihn von neuem wegen der Reichsverfassung zu bearbeiten.

* * *

Als Christiane an dem Abend in Mantel und Tuch ziemlich als die Letzte aus dem Cöldtschen Hause trat, kam ihr Ludwig nach.

»Verzeih,« sagte er, »der Präsident hielt mich eben noch fest –«

»Du willst mich begleiten?« Ihre Augen kniffen sich lustig, »Ludwig, glaubst du nicht, daß ich unter ähnlichen Umständen schon oft allein gegangen bin?«

Er sagte nichts.

»Genau so, wie die jungen Mädchen, die die Markburger modernen Frauen verachten.« Sie lachte.

Er entgegnete noch immer nichts. Sein Blick fuhr am Hause empor. Eben erhellte sich Hardis Schlafzimmer.

Sie gingen an den dunklen Gärten der Villenstraße entlang. Man roch den Rasen, die Sträucher, die Erde und, ach, von drüben her den Wald. Man sah ihn nicht. Aber man fühlte die Stämme mit ihren ungeheuren Massen von luftgierigen Blättern oder Nadeln, die Eichen, die Tannen, die Buchen und versprengten Linden und fühlte ihren tiefen Herbst.

Christiane dachte jetzt nicht an die törichte Süßigkeit des Vergangenen. Ihr Sinn wühlte sich in die andere Seite ihres Lebens zurück, in das Schaffen, Grübeln und einsame Leisten, in Gedanken an die vielen, die ebenso wirkend ihren Weg gekreuzt hatten, an so manches Mädchen, so manche Frau aus der Höhe, gleichfalls getrieben vom Muß oder vom Entschluß. Sie sah die Zeiten voll eiserner Aufsichgestelltheit, voll Konzentration, voll hoch emporflackernder Zweifel, voll geistiger Belebtheit, die durchlesenen oder durchlernten Nächte, ganz nahe am starken Wissen der Menschheit, die Stunden in der Schule, in denen immer und immer Energie da sein mußte, in denen stets die Kritik neben dem Schaffen stand und kein Nachlassen sehen durfte, und verglich damit die Existenzen dieser kleinstädtisch gehegten und gepflegten, in ihren Sippenerlebnissen aufgehenden Frauen, an die ganz von fern ein neuer Wind gestrichen war und die die fremde Sache in gänzlichem Unverständnis zu einer Art Kränzchensport und sanftem Zeitvertreib machten – ach, da gab es keinen Vergleich – –!

Sie ging rasch und federnd. Alles in ihr war Frische und Bejahen des Lebens, so wie es für sie war!

Er schritt müde, gebeugt.

An nichts rühren, dachte sie. Leise, leise gehen – wir wandern aneinander vorbei.

Ich will es auch. Ich brauche ihn nicht mehr. Etwas in mir klingt nicht mehr. Es mußte alles so sein. Aber – ich brauche ihn nicht mehr.

Jetzt waren sie am Gartengitter des Reutterschlosses und schauten beide an dem Hause empor, dessen feste, schöne Linien sich abzeichneten, vom Waldduft umweht.

»Wie wundervoll, daß ich hier wenigstens das habe,« sagte sie lebhaft, »eine Welt abseits aller Spießer! Ludwig, wie stolz bin ich auf mein Heim, auf alles selber Erworbene – immer wieder schaue und staune ich – es ist so schön!«

»Ja, das ist dein Reich,« sagte er langsam.

Er küßte ihr die Hand und ging.

Die Hausmannsfrau leuchtete Christiane in ihre Wohnung hinauf. Das Licht fiel grade auf die ›eiserne Wehr‹.

Ein leiser Schauer überrann sie. Aber sie lächelte noch immer. –

Cöldt ging durch die Allee wieder zurück. Er atmete den Wald.

Weiter oben am Bahnübergang sah er noch einmal nach dem Reutterschloß zurück.

Auch von dort glühten ihm zwei helle Fenster entgegen, wie vorhin von Hardis Zimmer.

Ein schweres Begehren schwoll in ihm auf, das Mannesbegehren überhaupt und das Begehren nach Christiane.

In den Wochen nach ihrer damaligen Abreise, als nur die spröde, jüngferlich feindliche Frau um ihn war, hatte er sich entschlossen sich freizumachen, trotz allem, was daran hing. Von Tag zu Tag wurde sein Wille fester. Und dann wollte er mit Hardi davon sprechen.

Es war Abend, rot stand es über den Wällen, im Zimmer brannte noch kein Licht. Da fing er an zu reden. Er ging dabei auf und ab – sie richtete sich empor und sah nach ihm. Sie kam zu ihm. Er merkte, daß sie ihn gar nicht verstand. Sie schluchzte. Sie legte die Arme um ihn. So hatte sie es nie getan. So – nicht.

Sie war seine Frau.

Und dann kamen wieder die Stunden, in denen sie mit ihrem furchtbaren Leiden kämpfte. Und die Wochen, in denen es nicht besser werden wollte und Arzt auf Arzt ins Haus kam und die Krankenluft durch alle Zimmer drang. Aber er war getrost: er hatte ja das Kind.

In der Zeit war Christiane für ihn verschwunden.

Geduldig ließ er Hardi von Bad zu Bad reisen, begleitete sie zu verschiedenen Kuren, geduldig nahm er es hin, daß sie immer und immer schonungsbedürftig blieb – es war ja noch Licht da, eine rührende Kostbarkeit, ihr Liebesopfer.

Bis ihm allmählich der Charakter des Kindes klar wurde, bis die Züge sich unerbittlich zusammenfügten, bis das Erkennen überhaupt über ihn kam und er alles – begriff. Das Kind gehörte ihm im Herzen nicht, so wenig wie die Mutter im Herzen aufrichtig sein gewesen war; es verriet in seiner Art allen inneren Widerstand, alle Starrheit, alles feindliche Muß; es liebte keinen.

Und nun ging das Leben weiter. Wie ein Gewicht hing sich Hardi an ihn, nahm ihm sein liebstes Werk, und die Leute fanden es ehemännisch korrekt, daß er es gab. Er kehrte in die Stadt zurück, in der keine besondere Leistung ihn erwartete, aber die kranke Frau hatte hier einen harmlosen Zeitvertreib in ihrem Verein, ein flaches Sichbeschäftigen mit dem Kind und den Haushaltsdingen und fühlte sich im Grunde ganz behaglich.

Sie verlangte nichts weiter, als Rücksicht, Rücksicht.

Und er?

Er war in der ganzen Zeit nie vom Wege abgewichen.

Jetzt kam er an sein Haus zurück und sah, daß Hardis Zimmer schon dunkel war.

Im Eßzimmer räumten noch die Mädchen und das Fräulein. Sonst war alles still.

Er ging in sein Zimmer und machte Licht. Er wollte noch ein Buch holen und griff einen bekannten Band.

Der Abend – allein – dachte er bitter.

* * *

Gesenkten Kopfes und sehr hurtig ging die kleine Wehrendorf nach dem Reutterschloß. Ein wenig stolz war sie schon, aber das Bangen ließ sie nicht los.

Ihre Gesundheit war so sehr schwach. Der Husten blieb und blieb und störte nachts die Jong, obwohl die es nicht wahr haben wollte.

Das kam von den vielen heimatlosen Jahren. Nach den verschiedenen Stellungen gab es immer nur ein angstvolles Intermezzo in irgend einem Heim oder Hospiz, ein unruhiges Zählen des Geldes – wie lange reichte es noch? Ihre Aussichten wurden immer ungünstiger. Sie wußte, wenn sie diesmal nicht festwurzelte, anderswo kam sie nicht mehr an, dann war sie zu alt. Und neuen Kampf, neues Sicheinrichten hielt ihr Körper auch nicht mehr aus.

Christiane hatte ihr eine junge und kleine Klasse gegeben. Nein, da war es nicht schwer. Diese achtjährigen Dinger waren so sanft und niedlich, das Herz wurde ihr immer wärmer bei ihnen – irgend etwas stieg aus ihrer Seele herauf, das klammerte sich gierig an sie. Abends konnte sie schweigsam sitzen und an die eine oder die andere denken, jedes Lächeln, jedes reine Wort, jeden lieblichen Kinderblick vergegenwärtigte sie sich dann – von oben bis unten war sie in Wärme gehüllt.

Sie schaute auf. Da kam Fräulein Friedlein. Wie leicht die ging, und wie schön sie aussah. Da kam ja auch ein Herr, der sie grüßte, ein großer, schwarzer – häßlich war er – aber sie schienen sich doch wohl ganz gut leiden zu können –?

Er blieb sogar stehen und sah ihr nach.

Ach, nun nahte die Schlimmste – die Haberkorn. Tausend verquälte Lebensstunden erschienen vor Ada, wenn sie die Oberlehrerin sah. Die gibt es vielmals auf der Welt, dachte sie.

Aber die Haberkorn guckte jetzt nur nach der Friedlein, ihr Gesicht war scharf.

Wahrscheinlich hatte sie den überaus höflichen Gruß des Herrn auch gesehen.

Ada war dergleichen sehr gleichgültig, sie hatte keinen Sinn für Liebesgeschichten. Nie war ihr der unerhörte Gedanke gekommen, daß sich jemand für sie interessieren, daß einer sie hätte heiraten können! Ihre Wünsche und kühnsten Träume hatten sich nie so weit verstiegen.

Ihr ganzes Lebensideal war – die Arbeit, die Kinder, ein gutes, sicheres Schaffen! Und dann noch etwas – ein eigenes Zimmer zu besitzen. Einmal im eigenen Raume ungestört zu sein, Tag und Nacht, eigene Sachen um sich zu haben. Sie dachte an das Wohnen im Glaserker, im Badezimmer – in ihrem Erzieherinnenleben hatte sie noch manches andere Derartige kennen gelernt – oder sie hatte bei den Zöglingen schlafen müssen, wie in der Villa Cöldt.

Wenn sie angestellt würde! An der Schule bleiben könnte – dann vielleicht! Jetzt betrug ihr Gehalt als Hilfslehrerin nur sechzig Mark, mehr hatte das Patronat für sie nicht bewilligen wollen, und dann war in der Pension auch kein anderes Zimmer frei.

Scheu bewundernd sah sie am Reutterschloß empor – wie schön war es, hier zu wohnen – so zu sein, wie Christiane. Fräulein Doktor – sie sagte es lautlos vor sich hin, es schien ihr unerhört und sehr groß, daß eine Frau so weit kommen konnte!

Im Schulhaus senkte sie den Kopf wieder. Wie die Großen nur guckten. Jetzt lachten sie – sicher über sie – über ihre verschossene Bluse. Ach ja, darüber hatte schon manche gelacht.

Als sie in die Klasse trat, wurde ihr wieder tröstlich zumute. All die braunen und blauen Augen, die sich auf sie richteten, all die Locken und Zöpfchen, die jetzt mit in Bewegung kamen – die ganze Schar drängte auf sie zu und gab ihr die Pfötchen.

Eben wollte sie mit ihnen beten, ein Kindergebet, das sie so gläubig sprechen konnte, als ob sie selbst ein Kind sei – da ging die Türe auf. Die Vorsteherin, und hinter ihr – erbarm sich der Himmel – die kleine Cöldt! Sie sah schon die grünschillernden, kalten, höhnischen Augen – ja, das war sie.

»Hier ist deine ehemalige Schülerin,« sagte Christiane, »sie soll jetzt hier sein, denn für die höhere Klasse ist sie noch nicht reif genug.« Ein jäher Zweifelblick brach aus ihren Augen. Dann fügte sie aber hinzu: »Das Pensum hier wird sie sicher schaffen.«

Ada konnte nichts weiter sagen.

Die Leiterin ging.

Ada setzte Hanni Cöldt weit nach hinten. Sie mochte sie nicht so nahe haben. Dabei kam ihr aber wieder Besorgnis – dort war sie ja kaum zu beobachten! Und Hanni – Hanni Cöldt! Ein Schauder überlief sie, wenn sie an das vergangene Jahr dachte – davon hatte niemand etwas gewußt, und es war auch ganz lautlos geschehen – dieses hartherzige, erbarmungslose Quälen. So konnte nur die kleine Cöldt quälen! Ada sah die grünlichen, engen, klaren Augen vor sich – die hatte kein Herz. Kein Fünkchen Liebe. Überhaupt keine Seele. Die war hart in sich.

Sie begann ihren Unterricht. Die Augen der kleinen Mädchen taten sich groß auf – so schön hatten sie die Geschichte noch nie gehört! Ada wunderte sich selbst, wie leicht es ging, wie die Worte ihr so glatt und farbig kamen – wenn sie es immer so machte, auch wenn der Schulrat kam, dann wurde sie angestellt. Ihr Herz wurde leicht.

Da – auf einmal – ein Kichern. Es verflog. Sie sprach weiter, wollte es nicht gehört haben, es gab so leicht Unannehmlichkeiten – da, schon wieder. Sie guckte. Die eiskalten Augen der kleinen Cöldt begegneten ihr.

»Hanni,« sagte sie.

Nach einer Weile ertönte wieder das Lachen. Jetzt merkte sie, daß alle Kinder unruhig waren, sie hörten kaum auf ihre Erzählung. Irgend etwas war ihnen zugeflüstert worden und machte die Runde – ein Wort über sie.

Ada starrte in die verwandelten Gesichter, sie fragte – keine Antwort. Die Cöldt sah sie mit spöttischer Ruhe an.

In der Pause überlegte die Wehrendorf verstört: sollte sie es Christiane sagen? Sie bitten: nimm das Kind wieder fort? Aber das war ein Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit. Und sie wußte auch, daß Christiane ihr das Kind auch nicht wieder gebracht haben würde, wenn ein anderer Ausweg möglich gewesen wäre.

Hoffentlich würde sie sich selbst darum kümmern. –

Die Haberkorn flüsterte mit der Seifert. Frau Geheimrat Meckebier habe neulich eine Andeutung über das Fräulein Doktor gemacht – keine sehr wohlwollende –! Zwar hatte sie sich nicht näher geäußert, aber es war doch zu verstehen: die Dorreyter mußte bei den Patronatsdamen irgendwo angestoßen haben! Na, wenn man sie auch schon sah – dieser Hochmut! Dieses steile, kühle Wesen! Die guckte ja über alle hinweg!

Die Herren, der Junggeselle Dreher und Doktor Korn, kümmerten sich nicht weiter um solche Dinge, nachdem sie erkannt hatten, daß das Fräulein Doktor ihnen durchaus in vornehmer Weise Freiheit ließ. Korn erzählte manchmal ein paar listige Beobachtungen der Kolleginnen seiner Frau zu Hause. Sie waren sehr glückliche Leute, die lange aufeinander gewartet hatten, und waren mit ihrem Los zufrieden.

Der Zeichenlehrer aber war von Christiane ganz entzückt.

Mit großer Zartheit war er von ihr auf einen neuen Weg geleitet worden, auf dem er etwas aus seiner melancholischen Kleinstadtlethargie aufwachte.

Jetzt merkte er auf einmal, daß sich hier im verachteten Amt auch etwas wie eine feine Kunst bot, neben der seine bisherigen eigenen, gänzlich erfolglosen künstlerischen Versuche kläglich verblichen.

Oberlehrer Dreher beobachtete Christiane von seinem phlegmatischen Junggesellenstandpunkt aus.

Dieses viel beredete und beguckte Fräulein Doktor Dorreyter – eigentlich eine ganz interessante Erscheinung! Er sah ihr manchmal sinnend nach, schattenhaft stieg ein ungewohnter Begriff vor ihm auf: große Dame.

Die paßte kaum hierher.

Seine Kollegen vom Stammtisch im ›Deutschen Kaiser‹ begannen ihn zu necken – er suchte ja eine Frau! Wenigstens war er schon seit langem weder mit seiner Wirtin, noch mit seinem Essen zufrieden. Ob er denn da nicht vielleicht den Versuch machen wollte – es böte sich ihm doch die beste Gelegenheit – Brr – er erschrak förmlich, wenn er’s hörte!

Die Friedlein dagegen, die blonde Mai – eben huschte sie wieder in seiner Nähe vorbei – schön war sie, und mehr als einmal hatte er sich schon in sie verliebt. Aber entschließen konnte er sich nicht – ihre Toiletten kosteten sichtlich recht viel Geld und – sie war ihm eigentlich zu schön. –

Christiane traf Professor Diermann auf dem Korridor. Sein Hut glitt lässig vom Kopfe, seine Augen blickten sie gehässig an – sie hielt ihn fest und sprach mit ihm.

Er verbarg seine Aufregung – er hatte nichts verstanden! Diese dunkle Stimme war so schwer zu vernehmen. Er hatte auf ihre Lippen geguckt, aber es war ihm keine Klarheit geworden.

Nun ging er zu seinen Schülerinnen. Für heute hätte ich eigentlich schon genug, dachte er.

Es war sehr heiß. Die Sonne brannte sommertagswarm über den Oktoberfeldern. Er fühlte sich sehr schlecht. Als er in den Physiksaal trat, empfand er wieder: ich kann heute nicht. Er winkte dem jungen Mädchen ab, das ihm bei den Apparaten behilflich sein wollte, und stellte sich ans offene Fenster. Hier war Schattenseite. Aus dem Garten stieg ein herbstlicher Würzduft herauf. Ah – was war das nur, das ihm die Lungen so zusammenschnürte – was war das – –?

Hinter ihm hatten die Mädchen sacht zu zischeln begonnen, jetzt schwatzten sie ungeniert. Sie redeten über seinen Kopf weg – er verstand ja doch nichts!

Er hörte auch nichts. Der Schweiß kroch auf seine Stirn – was war denn das – – –

Er bog sich vor, um noch mehr von der frischen Luft zu spüren, aber von draußen aus dem blauen Tag schien eine sonderbare Dunkelheit zu ihm zu kommen – was – was – – ah – jetzt war es wieder weg!

Er wandte sich – da sah er das Fräulein Doktor mitten im Saal. Sie redete mit den jungen Mädchen.

»Ich hatte Sie eigentlich sprechen wollen, Herr Professor,« sagte sie nun, auf ihn zutretend, »Sie wissen –«

Nein, er wußte nichts. Er hatte ja nichts verstanden. Der Ärger durchlohte ihn.

»Sie scheinen krank, Herr Professor,« sagte sie nun, »ich bin gern bereit, Sie zu vertreten – –«

Er starrte sie an – ihm schien Klarheit zu kommen.

Er sah auch die betroffenen Gesichter der Mädchen.

»Nein, nein, danke,« murmelte er, »sehr liebenswürdig – mir ist wohl. Ganz wohl.«

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sein Herz raste. Jäh huschte sein Blick zum Fenster.

»Mir ist ganz wohl.«

Krank sein kann man wohl, wenn man jung ist. Wenn nichts in Gefahr ist. Aber jetzt – jetzt – zwei Jahre mußte es noch gehen – die letzte Gehaltszulage mußte er noch haben! Zwei Jahre noch!

In seinen Augen stand die Angst. Seine Hände zitterten, als er nach den Apparaten griff. Er hatte keine Ahnung, was heute eigentlich durchgenommen werden sollte … jetzt winkte er Betty von Kramer und befragte sie leise – nun wußte er’s.

Er griff nach dem Reagenzglase, das ihm Betty reichte. Ganz deutlich sah er eine bräunliche Lösung darin und wollte es nehmen, aber dicht vor seinen Fingern fiel es zu Boden und zerschellte.

»Herr Professor, ich bitte Sie herzlich – ruhen Sie sich heute lieber aus.«

Er fuhr herum.

Da stand sie ja noch.

Sein Fuß trat in die Splitter.

Wahnsinnige Verwirrung erfüllte ihn. Was war das denn? Was wollte sie? Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe? Die sollte fort – fort – –

Die – die – – –

Er stotterte etwas. Oder schrie er etwas?

Die Schar der Mädchen fuhr mit einem entsetzten Rauschen auf. Das hörte er noch. Zugleich verlosch der blaue Tag für ihn. Die Dunkelheit, die heimlich draußen gelauert hatte, brach herein und riß ihn zu Boden.

Man brachte ihn besinnungslos nach Hause.

* * *

Christiane schrieb an Käthe Arndt und fragte, ob sie nicht Lust hätte, zu ihr zu kommen. Es sei Platz an der Reutterschule.

Der Arzt hatte Christiane verraten, daß der Professor nicht mehr in sein Amt zurückkehren würde.

Warum denke ich an die Arndt? fragte sich Christiane.

Brauche ich jemand von – früher?

Langsam stiegen die alten Zeiten vor ihr auf, in denen sie doch Kameradinnen um sich gehabt hatte.

Jetzt – – wie das von allen Seiten an sie stieß. Viel Feind, viel Ehr – ja, ja! Viel Widerstand, viel Sieg! – – Aber es zehrte an den Nerven.

Der Vorgang mit dem Professor war in der ganzen Stadt aufgebauscht und verzerrt worden. Einer hatte immer mehr gewußt als der andere, sogar die jungen Mädchen, die den Vorgang überhaupt nicht recht begriffen hatten, zischelten. Für alle Unbeteiligten stand es fest, daß der alte Herr nur infolge irgend einer aufregenden Auseinandersetzung mit Christiane krank geworden war. Sogar die Frau und die Töchter waren zu ihr gekommen und hatten erkunden wollen, was eigentlich vorgefallen sei.

Christiane hatte dem Patronat berichtet und auch mit dem Präsidenten gesprochen, sie mußten ihr natürlich glauben, aber ein Rest blieb doch – wie war das mit dem alten, verdienten Herrn nur so schnell gekommen! Nun waren ihre Pläne erst recht hintenan gestellt.

Unter den Mitarbeitern war eine gewisse Scheu entstanden. So gut es ging, wichen sie Christiane aus. Nur die Jong, Doktor Korn und der junge Zeichenlehrer nicht, und allenfalls die Friedlein, die ganz andere Gedanken hatte.

Ja, was kümmerte sich Christiane um dergleichen? War das nicht die Kleinstadt, die schon abfärbte?

Was gingen sie die guten Leute an, die auf der Straße hinter ihr her zischelten und die Köpfe wendeten … die Spießbürger! – –

Jetzt läutete es draußen.

Sie ging selbst hinaus, denn sie wußte, es war Hanni Cöldt, die sie sich zum Nachmittag eingeladen hatte. Das Fräulein brachte sie und ging gleich wieder.

Das kleine Mädchen kam sicher herein und besah Christianens Zimmer. Die Bücher, die Möbel, die Bilder. Alles etwas von weitem, ohne das ernsthafte Interesse näher zu treten, alles mit dem gleichen kühlen und verborgen spöttischen Blick.

Erst mußte sie mit der Tante Kaffee trinken. Dann – was tat man mit diesem Kind? Christiane hatte sich Bücher herausgesucht, mit dem unwillkürlichen Trieb des Kulturmenschen strebte sie danach, des Kindes Verhältnis zum Gedruckten festzustellen. Hanni sah über Blätter und Bilder, über Geschichten und Märchen.

»Märchen –!« Ein geringschätziges Lächeln flog über ihr klares, kaltes Gesicht.

»Die magst du nicht? Hat dir keiner welche erzählt?«

»O, ja, die verschiedenen Fräuleins. Wenn ich nicht still war, bekam ich immer ein Märchen zu hören.«

»Und das gefiel dir nicht?«

»Nein. Sie sind ja doch nicht wahr.«

»Woraus schließt du das?«

»Weil ich nichts davon sehe. Nirgends. Nirgends. Und dann hat sie mir jeder anders erzählt. Und doch waren es immer dieselben.«

»Ich würde sie dir auch wieder anders erzählen,« sagte Christiane, »und siehst du, grade deshalb sind die Märchen wahr.«

»Weil jeder sie anders sagt?« Hanni verzog den schmalen Mund.

»Wenn du mit deinen Gefährtinnen im Wald spazieren gehst, dann sieht jede von euch dort etwas anderes. Die vielleicht die dicken Pilze zwischen dem welken Laub, die andere die Kröte am Weg, die dritte den Holunderbusch, die vierte vielleicht ein rotes Reh. Und wenn sie nachher vom Wald erzählen, dann denkst du an die Pilze, die andere an den Holunderbusch und die letzte an das rote Reh. Sieh, so ist das auch mit den Märchen. Gesehen hat sie jeder schon einmal, aber er hat nicht alles davon behalten, und so erzählt er immer nur weiter, was er daran am liebsten hat, denn das ist in seinem Herzen – – und dann ist es auch wahr –«

Hanni schien nicht ganz davon überzeugt.

»Sie sind doch erlogen,« sagte sie.

»Du, wir wollen einmal in den Garten.«

»In den Schulgarten?«

»Nein, in meinen. In den Schloßgarten.«

Das Kind horchte auf.

Sie gingen die Treppe hinunter und durch die Hintertür hinaus. Jetzt schloß Christiane eine eiserne Pforte auf, an der schon manches Kind in den Jahren sehnsüchtig und neugierig gestanden hatte. Dahinter rauschte es. Da waren grüne Wipfel.

Christiane dachte flüchtig daran, daß sie als junges Ding auch einmal vor der verschlossenen Pforte gestanden hatte.

Nun war ihr das, was dahinter war, längst vertraut. Schöne, alte Bäume, die mit ihren Ästen am Boden schleiften, Rasenflächen, hinten ein Tempelchen aus Birkenstämmen – uralt. An der Seite störten ein paar Obstbäume, die der vorige Direktor gepflanzt hatte, längs der Wand hatte er Bienenstöcke gehabt und daneben Kohl gepflanzt. Jetzt waren diese Spuren, so gut es ging, vertilgt. Hoch und grau standen die Mauern um das Parkstückchen.

Mein Klostergarten, dachte Christiane.

Sie führte das Kind zum Tempelchen. An die Innenwand war mit ziemlich grellen und anscheinend unvergänglichen Farben das blaue Griechenmeer gemalt, auf dem Odysseus segelte.

Hanni guckte.

»Ist das auch ein Märchen?« fragte sie.

Christiane erzählte. Sie dachte, vielleicht wirkt das Starke besser auf das Kind. Seine Phantasie muß vielleicht kräftiger geschüttelt werden.

Sie erzählte das Abenteuer mit Polyphem.

Als sie sich wandte, merkte sie, daß Hanni ein Bündelchen Handarbeit hervorgezogen hatte.

»Ich will was tun,« sagte sie.

Christiane erinnerte sich. Ja, Fräulein Mehlmann hatte ihre Nichte sehr gelobt. Von allen Lehrkräften, die sich um den dürftigen Geist bemüht hatten, war einzig Fräulein Mehlmann zufriedengestellt.

Und Hanni saß auch jetzt vor dem blauen Griechenmeer, von Vögeln umzwitschert, von Bäumen umrauscht, von einer Sehnsucht umworben, die ihr Herz suchte, und häkelte mit kühler Aufmerksamkeit Stäbchen um Stäbchen.

* * *

Mai Friedlein ging in den Stadtpark. Es war in der Mittagsstunde, als die Bürger zu Tisch waren. Auch in der Pension Dorreyter saßen sie jetzt beim Essen, aber die Jong war eingeweiht und entschuldigte Mai. Sie wußte von der Sache, hatte auch tüchtig gewarnt.

Mais Herz klopfte. Sie wußte selber, um was es ging.

Ein Rendezvous – nein, das überließ sie den Ladenmädchen und Kontorfräulein. Sie ging nur eben am Krähenteich entlang, weil – der Assessor von Wratislawski um dieselbe Zeit dort gehen wollte.

Er hatte sie auf der Straße gesehen. Dann war im Theater einmal die Gelegenheit zu einer Gefälligkeit gewesen. Er hatte sie aber nicht begleiten dürfen. Von da an kreuzte er fast täglich ihren Schulweg, kein Tag verging ohne seinen respektvollen Gruß, Woche für Woche strich so hin, Winter und Frühjahr und Sommer, und nun war es Herbst.

Jetzt mußte die Entscheidung kommen, das hatte Mai gefühlt. Ihr ganzes Herz hatte sich an die unerhörte Aussicht gehängt – wenn es doch würde – der Triumph – das Glück!

Er hatte ihr also ein Briefchen gesandt und darin ehrerbietig um eine Zusammenkunft gebeten, zugleich beklagend, daß ihm kein anderer Weg zu einer Aussprache mit ihr bliebe.

Ach ja, das war es.

Mai war überzeugt, daß sie bei ihrer Schönheit längst verheiratet sein würde, wenn nur ein korrekter Anknüpfungspunkt dagewesen wäre, eine Gelegenheit, bei der sie mit Herren hätte sprechen können. Aber so hatte jede ihrer Herzensgeschichten etwas vom Wagnis.

Sie pflegte aber als gute Tochter ihrer Mutter sofort Nachricht zu geben, wenn sich wieder etwas angebandelt hatte, und die kam dann sogleich mit dem nächsten Zuge an, um den Schwiegersohn zu besehen und die Angelegenheit ins Korrekte zu bringen. Leider war das bis jetzt noch nie geglückt.

Einmal da, einmal dort ein Aufblinken, eine Hoffnung und immer wieder – nichts.

Und jetzt – dies. Mai wußte, der Assessor war reich. Der konnte sich den Luxus leisten, das schönste Mädchen von Markburg zu seiner Frau zu machen. Und wenn er sich versetzen ließ – nach dem Westen oder nach Kiel – dann wußte dort kein Mensch, daß sie Lehrerin gewesen war. Und keiner, der die junge Frau von Wratislawski sah, würde von selber auf den Gedanken kommen.

Mais feines Marquisengesicht rötete sich ein wenig – sie sah ihn schon dort am Teich. Er hatte es eilig. Seine große Dogge, die ihm so ungeheuer ähnlich sah, war mit.

Unbefangen kam er auf sie zu. »Ich bin außerordentlich glücklich, mein gnädiges Fräulein – –«

Sah sie an.

Sie gingen auf und ab. Immer an der Seite des Teiches, an der die Büsche die Aussicht nach beiden Seiten sperrten. Durch das Gezweig der Hängeweiden hörten sie nur das Geraschel und Geplätscher der Wasservögel, das Gequarr der bunten Enten. Rauschend flog mal da, mal dort ein Tier auf.

Auf dem Wege lagen Kastanienhüllen und Blätter. Wie rote Hände schwebten da und dort Blätter heran. Der Himmel war hoch und blau.

Herr von Wratislawski wußte das sehr hübsch auszudrücken. Und Mai war dafür empfänglich, denn sie war sehr poetisch. Alle ihre verflossenen Verehrer hatten ihr ein künstlerisches Andenken hinterlassen dürfen, ihre Stube war voll von solchen zart elegischen Erinnerungen.

Jetzt war sie lebendig. Herren gegenüber kam sie gut aus sich heraus.

Ja, der blaue Himmel, die roten Blätter, der ferne Wald – sogar die leeren Kastanienschalen waren poetisch. Raschelnd fuhr ihr Fuß durch die Blätter.

Goldspuren zögen hinter ihr her, behauptete Herr von Wratislawski.

Seine Augen waren ganz rund. Seine Hand im prallen Glacé streifte die ihre. Er kam näher an sie heran.

Sie standen nun vor der offenen Fläche des Teiches. Der Himmel spiegelte sich im Wasser wie in Glas. Die Bäume umrahmten das blaue Bild. Das Wassergevögel hatte sich jetzt ziemlich auf die Schwaneninsel in der Mitte zurückgezogen, nur ein paar Entchen schwammen noch wie grüne Klümpchen in glitzernden Streifen da und dort.

Es war ganz und gar einsam.

Er kam noch näher an sie heran.

Lieblicher sei ihm noch kein Mai vorgekommen, als der an diesem Herbsttage, behauptete er. Wenn sie nur wüßte, wie er auf diese zarte Stunde geharrt hätte! Aber es sei ja so unendlich schwer gewesen – – und sie so kühl – –

»Ja, ja,« sagte sie elegisch. Sie hielt es für angebracht, auch einmal wieder streng zu sein.

Aber er hörte nicht darauf.

Jetzt sei ja das Eis gebrochen.

Und deshalb müßte sie heute Rosen haben, drüben in der Stadtgärtnerei am anderen Ufer müßte es noch welche geben. Ob sie mitkommen wolle? Der Weg sei nur kurz und sehr schön – –

Sie ging mit ihm, unbefangen, sehr damenhaft. Der Hund raschelte hinter ihnen her. Sie dachte, daß wohl die Stellung der behüteten Haustöchter angenehmer, aber doch weniger poetisch sei, als die eines einsamen, sich selbst das Brot verdienenden Mädchens, dem endlich das Glück lächele. Sie sah ja, wie verliebt er war.

Und nun waren sie an der Gärtnerei. Sie wartete draußen. Nach ein paar Minuten kam er wieder, einen Strauß Rosen in der Hand, wie sie ihn schon lange nicht mehr beisammen gesehen hatte, rote, purpurrote, weiße und zartgelbe.

»Der letzte Sommer,« sagte er, »dem ewigen Lenz.«

Es war sehr poetisch.

Sie drückte das Gesicht in die Blumen, schon, weil sie wußte, wie gut es ihr stand. Mehrfach war sie so photographiert worden.

Es war still. Die Hecke deckte sie wieder. Da flüsterte er: »Mai, liebliche Mai – nun kommen wir nicht mehr auseinander, nicht wahr –?«

Sie hielt das Gesicht noch immer in den Rosen.

»Mai –« bettelte er.

Sie murmelte zag: »So kann ich Sie nicht mehr treffen,« und horchte scharf auf das, was er sagen würde.

»Nein,« sprach er, »so – nicht.«

Er schien nachzusinnen.

»Aber es gäbe doch noch vielleicht einen Weg für uns beide –«

Ihr Herz schlug hart auf. Blitzschnell durchmaß ihr Hirn noch einmal alle Hindernisse ihrer Verlobungen – hier war keiner vorhanden! Der Assessor war ganz unabhängig.

Er machte ein paar Schritte und sah sie nicht an.

»Fräulein Mai,« sagte er in resigniertem Tone, »man weiß ja, wie die guten Markburger sind. Deshalb erlaube ich mir vorzuschlagen – – jetzt kommt der Winter, und ich bin oft in der Provinzialhauptstadt in der Oper – Musiknarr, der ich nun einmal bin – da möchte ich also gehorsamst vorschlagen – begegnen wir uns – dort. Bitte, bitte, denken Sie einmal darüber nach. Da fiele so manches fort, das uns hier beengen würde. Zusammen können wir da so viel Poesie genießen, wie wir wollen – – auch der Winter und die Großstadt sind poetisch …« Er bückte sich plötzlich und faßte mit seinem Handschuh ein Zweiglein harter, weißer Beeren. »Wie zart das ist, nicht wahr?« fragte er fast flötend, »so entzückend zart – liebes Fräulein Mai – Herzkönigin –«

Er stockte.

Sie warf ihm die Rosen vor die Füße. Rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen.

»Nein, danke sehr, Herr von Wratislawski.«

Sie wandte sich um und ging.

Ging sehr rasch und sehr anmutig und sehr stolz. Sie wußte, daß man das alles merkte, wußte, daß er ihr verdutzt nachstarrte, und noch ging ihr Blut in gewaltiger Erwartung: kam er jetzt nicht doch –? Stürzte er ihr nicht voller Reue nach – –?

Sie ging und ging. Die Blätter raschelten rechts und raschelten links. Es waren lauter Goldstreifen.

Aber er kam nicht. Er holte sie nicht ein. –

Wütend trat sie aus dem Park heraus.

Es war ja nicht das erste Mal. Schlingen um Schlingen waren ihr in den Jahren um die Füße geworfen worden – sie hatte sich in keiner verfangen.

Nur weil sie arbeitete und ihr Brot selber verdiente, glaubte man in dieser Stadt, wo die Töchter ihr Leben nur mit Tennisspielen und ›Kränzchen‹ ausfüllten, sie müßte zu haben sein!

Der Schuft!

Zitternd kam sie die Stiege herauf und horchte vor der Korridortür – kamen sie nicht etwa eben aus dem Eßzimmer?

Nein, es war still. Sie ging an der Wäschemangel und den Fahrrädern vorbei und öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer – ach herrje, da war ja die Mutter mit den beiden Schwestern. Sie hatte im Augenblick vergessen, daß sie ihr gleich von der neuen Aussicht geschrieben hatte, nun war die wieder gleich gekommen. Und Paula und Eva waren mit.

Paula war Wochenpflegerin und hatte wohl grade einen freien Tag, und Eva suchte eben wieder eine Stellung als Hausdame. Beide hatten sie die gleichen zartrosa Marquisengesichter, das helle, schöne, wie gepuderte Haar – nur ihre Gestalten waren nicht so prächtig entwickelt, nicht so germanienhaft, wie die Mais, und nicht so elegant. Frau Friedlein sah man an, daß sie die – Mutter dieser köstlichen Mädchen war – sie hätte gar nicht anders aussehen können. Und fein hatte sie sich gemacht, ein seidenes Kleid aus dem Schrank genommen – es war noch nicht bezahlt. Aber sie hatte sich vor dem reichen Schwiegersohn doch ins rechte Licht setzen wollen.

Unterwegs hatten sie schon hin und her überlegt: wenn Mai jetzt so eine gute Partie machte, konnte eine der beiden anderen immer abwechselnd zu ihr auf Besuch kommen, und dadurch war es sehr leicht möglich, daß sich auch vornehme Partieen für die fanden, so daß die Familie allmählich in ihr altes Milieu zurückdrang.

Die Mutter fragte Mai gleich: »Wie heißt er?« denn sie hatte den Namen vergessen.

Die Schwestern spitzten die Ohren, doch Paula, die Wochenpflegerin, die etwas psychologische Beobachtungsgabe und ziemlich viel Pessimismus besaß, merkte gleich, daß etwas nicht in Ordnung war.

Und nun fuhr es Mai auch gleich heraus: »Es ist nichts, ich habe mich in ihm getäuscht, er hat nur – nur – anbändeln wollen – –«

Die Mutter klappte den schönen Mund zu. Eva sagte: »Na ja,« denn sie hatte auch ihre Erfahrungen.

Paula meinte gleichmütig: »Mai muß doch noch mehr Verehrer haben,« aber die Mutter sprach eifrig: »Erzähle nur – vielleicht läßt sich noch etwas machen –«

»Da läßt sich nichts machen,« seufzte Mai, fuhr sich über die Stirn und begann zu berichten: »Der Schuft – der Schuft – so hat er’s angefangen –«

»Du warst allerdings sehr unvorsichtig,« sagte Frau Friedlein vorwurfsvoll, »wenn dich jemand mit ihm am Teich gesehen hat, ist die Sache sehr schlimm –«

»Aber was sollte ich anders tun,« rief Mai, »an welche Weise kann ich sonst einen Mann kennen lernen. Ach, und an dem Teich war es so wunder – wunderschön. Das blaue Wasser und der blaue Himmel und das rote Laub. Und selbst die zerplatzten Kastanien hat er schön gefunden. Ach,« sie weinte plötzlich auf, »wir haben uns doch so gut verstanden –!«

Die Mutter nahm sie in den Arm an ihre volle Brust und tröstete sie.

»Mein armes Kind, ja, ich glaub’s, es ist schwer für dich. Für deine Schwestern auch. Für uns alle. Eva hat ihre Stelle in Stettin doch auch verloren, der Amtsrichter hat sich wieder verheiratet, und sie glaubte doch – Wie oft kommt das vor. Und Paula hat jetzt eine Frau bis zu Tode gepflegt. Nachher ließ sie sich überreden, bei dem Kind zu bleiben. Es war so verlassen. Sie hatte es gern. Es war ein so hübsches Kind, nicht wahr, Paula? Und um des Kindes willen hätte sie auch den Vater in Kauf genommen. Aber da ist er vorgestern über alle Berge. Über alle Berge, sage ich. Mit der ganzen Kasse des Chefs. Nur das Kind hat er zurückgelassen. Das hat Paula nun in Gemeindepflege geben müssen. Sie hat sehr geweint.«

Mai sah die Schwester an, und die nickte ihr zu. Auch Eva nickte. Ja, sie wußten Bescheid.

Draußen klirrte es. Was war denn –? Ach – Kaffeekränzchen bei der Mehlmann! Da gab es kein Ausschlagen.

»Ihr müßt auch dabei sein,« sagte Mai zu der Mutter, und die wehrte sich nicht weiter, denn nach der Fahrt und der Aufregung hatte sie Durst bekommen.

Gleich darauf klopfte auch die Handarbeitslehrerin, begrüßte die Damen Friedlein zierlich und bat, sie möchten doch an ihrem Kränzchen teilnehmen. Es sei alles reichlich da.

Das war es. Der runde Tisch sah noch einmal so wichtig aus mit der weißen Decke, den vielen Tassen, Untertassen und Tellerchen, den Sahnennäpfchen, Zuckerdosen, den Marmeladenbüchsen, den Kuchenbergen, Waffelhäufchen und der großen Weinbeertorte in der Mitte. Die war vom Konditor, ebenso die Schlagsahne. Alles andere dagegen hatte Fräulein Mehlmann selbst verfertigt.

Frau Friedlein bog sich in kluger Liebenswürdigkeit vor und bewunderte die glasklaren Früchte und die Marmelade – ja, die war gut geraten! Eben war die Einmachezeit vorbei. Frühmorgens, ehe sie in die Schule ging, hatte Fräulein Mehlmann auf dem Markte eingekauft, und wer nachmittags etwa zu ihr kam, erhielt unversehens ein Messer in die eine Hand gedrückt und in die andere eine Gurke – jetzt hieß es helfen! Da nahm das Fräulein keine Rücksicht!

Frau Friedlein mußte auf dem Sofa Platz nehmen. Neben ihr saß Fräulein Seifert, ein Platz war noch frei, denn die Oberlehrerin hatte der kleinen Meckebier Stunde zu geben und kam erst später. Frau Dorreyter hatte sich mit einem Ecksitz begnügt, sie mußte auch oft hin und her laufen, denn das kleine Dienstmädchen war so stutzig. Trotzdem fühlte sie sich sehr behaglich und sah mit Blicken voll Genugtuung auf ihre Damen. Der Kater wußte schon Bescheid, er bettelte bald bei der, bald bei jener und bekam überall etwas.

Die Jong hatte Mais Miene erkannt. An der Weinbeertorte vorbei flüsterte sie ihr zu: »Und stürzt der Himmel ein, kommt doch eine Lerche davon!« was die schöne Mai zu einem Dankesblick veranlaßte, obwohl sie das Zitat im Augenblick nicht unterzubringen wußte, so poetisch sie sonst war.

Die kleine Wehrendorf saß still dabei.

Es war ein schweres Leben für sie. Wenn nur der Husten besser und das erste Jahr vorbei wäre. Dann – dann – wieder kam Ada der ungeheure Traum von der eigenen Stube.

Wie sollte die aussehen? Ein weiches Liegesofa, ein Arbeitstisch, ein paar Stühle, ein Schrank und ein richtiges Bett. Ihrer Eltern Sachen waren damals alle verkauft worden.

Sie schrak zusammen – ach, nun hatte sie übersehen, daß Fräulein Seifert die Sahne gereicht haben wollte. Nie fand sie im Verkehr das Richtige. Das war, weil sie schon so weit ab vom Leben gewesen war, wochenlang hatte sie einer an der Hand gehabt – sie wußte über die Höflichkeit bei Kaffeekränzchen nur noch geringen Bescheid.

Die Damen aßen und tranken, immer wieder wurde eingeschenkt, immer wieder herumgereicht, der Sahnenberg senkte sich, die Kuchenteller leerten sich, die Torte wurde ganz schmal – es schmeckte allen sehr gut.

Nun waren sie satt.

Die Mehlmann fragte noch ein-, zweimal herum. Sie hielt Fräulein Seifert die Tortenplatte noch einmal hin – die dankte. Sie bot sie Frau Friedlein an – die dankte auch. Sie fragte noch einmal vorsichtshalber ringsum – alle dankten.

Da räumte sie mit Hausfrauenzärtlichkeit ab. Sie sperrte ihren Schrank auf – man sah noch allerhand gute Sachen darinnen stehen – und packte alles sorgfältig hinein – für Fräulein Haberkorn wurde etwas besonders aufgehoben. Sie schloß wieder zu, nahm den Tischbesen und die kleine Schaufel und kehrte Krümelchen um Krümelchen vom Tisch. Jetzt sah man die Decke – ein schönes Muster – und darüber gelegt den feinen Läufer – die Damen besahen ihn sich genau. Die Seifert fragte, wo man die Vorlage bekommen könnte, aus Markburg sei die doch nicht.

Sie sprachen über Handarbeiten, danach über Kleider, jede schilderte die Art und Weise ihrer Schneiderin.

Mai starrte mit melancholischen Blicken gradeaus: nun mußte sie sich doch zum Winter das gelbe Kleid machen lassen, das ihr gar nicht stand. Den Stoff hatte sie von einer Tante bekommen. Sie hatte gedacht, als Braut – ach, wo waren die Träume wieder hin!

Fräulein Mehlmann kam heran und trug Gläschen auf Gläschen. Feierlich stellte sie sie vor eine jede hin, und jede guckte darauf. Sie wußten, was nun kam: die Likörchen. Plötzlich stutzte das Fräulein und zählte verdutzt, guckte in ihren Schrank und zählte von neuem – ja, die Gläser reichten nicht!

»Ich hole Ihnen gleich welche,« rief Frau Dorreyter, »aber ich habe nur Weingläser.«

»O, Weingläser,« entsetzten sich die Damen lachend.

»Meine Likörchen sind nicht gefährlich,« beteuerte Fräulein Mehlmann eifrig, »aber wir können ja auch Eierbecher nehmen –« Sie griff in den Schrank.

Die Seifert machte eine kritische Miene – nein, Frau Dorreyter sprang schon nach den Wirtschaftsräumen.

Jetzt kam sie und zählte mit den Augen: hatte sie sich noch vergriffen? Nein, es reichte.

Es waren gewöhnliche, schlecht geschliffene Gläser aus dem Warenhause, nur ein einziges war dabei, das war anders. Es stammte noch aus dem knappen Brautschatz der Freiin von Rhane.

Die merkte es gar nicht. Ahnungslos stellte sie es hin. Es kam grade zu der kleinen Wehrendorf.

Fräulein Mehlmann ging mit der klebrigen Flasche ringsum und schenkte ein. Die Weingläser goß sie auch voll, so sehr die betreffenden Damen sich auch dagegen sträubten.

»Aber ich bitte Sie, ein Likörchen –«

Dann stießen alle an.

»Worauf?« rief die Jong. Ihre Finkenaugen lachten gemütlich.

»Worauf?« fragte die Seifert säuerlich.

Sie wußten es gar nicht. Aber die Gläser klangen.

Das der kleinen Wehrendorf tönte sonderbar auf. Sie horchte verwundert. Sie stieß mit Paula Friedlein an, da klang es wieder. Wieder und wieder klang es ganz zart, ganz silbern. Die anderen merkten es nicht. Aber Ada saß ganz erschrocken vor dem Wunder.

In ihr zerschlagenes Herz kam ein kleiner Traum.

Es war der einzige ihres Lebens.

Der kam von dem feinen, singenden Kristall.

Frau Friedlein schrak plötzlich auf. »Wo hast du denn die … Rosen gelassen?« flüsterte sie der Tochter zu.

Die fuhr herum, ihre Augen glänzten schon wieder. Die Mutter sah sie an und wünschte heiß, jetzt möchte einer die Tochter sehen, ein ganz Reicher, einer ohne Schulden, ein solider Mann.

»Die … Rosen … ich hab sie ihm ja doch hingeworfen – du weißt doch,« murmelte sie, nur der Mutter verständlich.

»Dann müssen sie noch dort liegen –«

»Was muß dort liegen?« flüsterte Paula von der anderen Seite.

Die Mutter erklärte ihr’s verstohlen.

»Die sind längst fort. Die haben andere genommen,« meinte Mai, die in dem Gesicht ihrer Schwester und dem der Mutter schon etwas aufsteigen sah.

»Wo liegen sie?« flüsterte Frau Friedlein.

»Ich hab dir’s ja gesagt. An dem kleinen Heckenweg hinter der Gärtnerei.«

»Da kommen selten Leute hin. Das ist ein ganz einsamer Platz. Die Rosen liegen sicher noch da – –« Sie flüsterte mit den Töchtern.

Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand unauffällig.

Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans Klavier. Es war ein altes Stück, Fräulein Mehlmann hatte es geerbt. Aber sie spielte gut. Perlend flogen die Töne auf – alle horchten – das klang schön –! Es war aus dem ›Zigeunerbaron‹: »Wer hat uns getraut –« Jetzt sangen alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht –«

Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in die heitere Gruppe und hatte die Hände voll Rosen: rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren noch ganz frisch.

Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im Oktober so schöne Rosen? Woher kommen die –?«

Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene machte. Dann begann sie zu verteilen, der einen eine weiße, der anderen eine rote Rose und so fort. Alle bekamen eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein Haberkorn wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen gestellt.

Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun sangen alle wieder, von Rosen umduftet: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht – –«

Auch Mai sang mit.

Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie im Märchen, wo sich die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft unter den großen Pilz gestellt hat und wo unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte, erscheint.

Es kam Fräulein Haberkorn.

Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf raffte sich sogar auf und rückte ihr einen Stuhl zurecht, es war nur leider verkehrt. Die Oberlehrerin nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren Kaffee frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre Sahne und ihre Rose. Darüberweg besah sie sich die Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel bekamen gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich zu munter geworden waren.

Fräulein Haberkorn mußte die Luft dieses vergnügten Kränzchens erst eine Weile einatmen, um eingewöhnt zu werden; sie hatte auch noch nicht genug Kaffee getrunken. Vom Likör gar nicht zu reden.

Fräulein Mehlmann erzählte eifrig mit lauter Stimme von ihren letzten Einmachetagen. Sie hatte sich mit Tomaten beschäftigt. Es war das erste Mal.

Im nächsten Jahr wollte sie sich einen Einkochapparat anschaffen, dann konnte sie noch mehr fertig bringen!

Endlich merkte sie, durch das Schweigen der anderen aufmerksam gemacht, daß Fräulein Haberkorn von Meckebiers erzählen wollte.

»Frau Geheimrat war sehr liebenswürdig,« begann sie nun, ihren Kuchen in den Kaffee tunkend, »die kleine Lydia ist aber auch so begabt. Ich habe heute gesagt, sie brauchte eigentlich gar keine Privatstunde, da meinte die Frau Geheimrat, ›ja, das ist wohl möglich. Aber wir, mein Mann und ich, ziehen es doch vor, eine so bewährte Lehrkraft noch weiter um unser Kind zu haben.‹ Das war doch nett, nicht wahr?«

»Sehr nett,« bestätigten alle ringsum.

Fräulein Haberkorn tunkte den Kuchen wieder ein. Jetzt sah sie auf. Ihre Blicke flogen funkelnd über alle. Frau Dorreyter war hinausgegangen.

»Ja, und was ich noch weiß,« sagte sie.

»Was wissen Sie?!«

Alle waren hochgespannt.

Fräulein Haberkorn wählte sich noch ein Stück Torte.

»Sehr schön ist die,« lobte sie, »haben Sie die auch selber gebacken, liebe Mehlmann?«

»Nein,« erwiderte die verlegen.

Fräulein Haberkorn wußte es auch so.

Fräulein Mehlmann brachte, um ihre Ehre wieder herzustellen, jetzt ihr Likörchen an und goß ein.

Die anderen warteten atemlos. Was war das für eine Neuigkeit? Von Meckebiers brachte die Haberkorn oft wichtige Schulneuigkeiten, die sie dort erlistet hatte.

Die Oberlehrerin trank prüfend. Fräulein Mehlmanns Blick hing an dem ihren. Sie nickte ihr gönnerhaft zu. »Ganz gut, wirklich.«

»Ja, also, ich habe nun erfahren, wer unserm lieben verstorbenen Kollegen Diermann im Amt nachfolgen wird,« begann sie endlich.

»Ach!« Die Neugier flackerte noch höher.

Die Mehlmann war ungeschickt und sagte: »Nu, das wird doch das Fräulein Doktor Arndt sein, die neulich bei unserer Vorsteherin war. Die schienen doch gut Freund.«

»Nein,« sprach die Haberkorn triumphierend, »das wird die nicht. Man hat mit vielen Opfern einen Oberlehrer gewonnen. Einen Mann

Sie sagte das so stolz, als ob sie selber einer sei.

»Wer denn? Wer denn? Ist er hier bekannt?« Die Fragen wirbelten ringsum.

Die Haberkorn zuckte die Achseln.

»Das weiß ich nicht. Auch den Namen weiß ich nicht. Aber wir werden ja sehen.« Sie merkte, daß Frau Dorreyter wieder eintrat.

Die anderen schwiegen.

Sie tranken ihre Likörchen aus. Dann ging das Kränzchen unter vielen begeisterten, immer wiederholten Danksagungen auseinander. Gruppenweise, wie sie grade zueinander stimmten, wanderten die Damen ab. Mai begleitete ihre Familie zum Bahnhof. Sie ging dann durch die Nebenstraßen zurück, um dem Assessor nicht etwa noch einmal zu begegnen. Ihre Rose, die sie hatte nehmen müssen, schenkte sie der Wehrendorf.

Die ging mit zwei roten Blumen und einem kleinen, zart klingenden Traum im Herzen in das Zimmer der Jong. Die Lehrerin hatte schon Adas Betten, die tagsüber in einer Lade verwahrt wurden, auf das Sofa geworfen und räumte bereits das darüberhängende, zu stark belastete Bücherbrett ab.

Ada half ihr eilig und legte die Bücher beiseite.

Es waren ein paar alte Lexika, ein Dictionnaire, ein paar Reclamheftchen und ein Band Fulda: ›Die Hochzeitsreise nach Rom‹.

Dann ging Ada schlafen.

* * *

Frau von Cöldt saß in ihrem bequemen Liegestuhl am Fenster ihres Zimmers. Eine sacht behagliche Stimmung erfüllte sie, ohne daß sie ganz genau darum wußte. Der Haushalt war in den Händen des Fräuleins gut aufgehoben, auch Hanni war unter Aufsicht.

Frau von Cöldt überdachte die gestrige Vereinssitzung bei Frau Colb und wühlte wichtig in ein paar Drucksachen, die eben gekommen waren – Vereinsangelegenheiten. O, sehr interessant! Ob man die Wöchnerinnenpflege noch weiter ausdehnte?

Sie sann lange darüber nach.

Dann fiel ihr Ludwig ein. Er war heute schon früh nach dem Walde gegangen. Es war ein Wintertag, dick lag der Schnee draußen, der Himmel war förmlich finster gegen alles Weiß.

Merkwürdiges Sonntagsvergnügen, dachte sie. Aber an Wochentagen machte er es oft ebenso. Eine Unruhe war in ihm.

Er war schon eine Weile fort.

Sie dachte ein paar Sekunden darüber nach, dann vertiefte sie sich weiter in ihre Vereinsangelegenheiten. Nur nicht grübeln – mit ihren Nerven war es dann sofort vorbei. Ein Sturz und alles war wieder beim alten. Hardi hatte manchmal das Gefühl, als ob sie auf einer ganz dünnen Eisdecke lebte. Nur sich nicht rühren, sonst brach sie ein.

Aber das Leben auf diesem schwachen, einsamen Fleck gefiel ihr.

»Sie haben einen sehr guten Ehemann,« sagten ihr die Damen, obwohl sie auf ihre eigenen auch nichts kommen ließen, so vertraut waren sie miteinander nicht.

Ja gewiß. Er mußte sich nur mehr Bewegung machen. Reiten oder Brunnen trinken. Sie hatte ihm selber gesagt, er solle sich wieder ein Pferd anschaffen, aber er hatte nicht gewollt.

Da lief er im Walde herum.

Mochte er.

Wieder spürte Frau von Cöldt die ganz dünne Eisdecke, auf der ihr Leben aufgebaut war – sie spürte, daß sie zitterte.

Nur Ruhe –! Sie verkroch sich innerlich. Der Verein – das war ja genug.

Jetzt fing ein starker Schnee draußen an.

Sie ließ ihre Hefte wieder sinken und starrte hinaus, eine ganz sonderbare Stimmung überkam sie, etwas von einer ungeheuren, ratlosen Angst, wie aus Kindermärchen. Als brächte ihr der Schnee draußen ein Verschütten und Vergehen, ein Verschwinden vor Frühlingsanfang. Als fiele dieser Schnee langsam über ihr Leben hin, das doch so wohlgewahrt hinter den Scheiben saß. Wo war sie übers Jahr – –?

O, was war denn das – was war denn das – –?

Sie starrte wieder hinaus.

Wie das fiel. Auf Dach, Straße und Haus. Wie das in den Wald fiel und über alle weiten Felder. Schnee auf Schnee.

Sie reckte sich. Es war doch schon Januar. Das Schlimmste war doch schon vorbei. Noch vier, acht Wochen, und die Amseln pfiffen wieder. Noch vier, acht Wochen, und der Winter war vorbei.

Warum fürchtete sie sich?

Sie saß doch so warm.

Da kam Ludwig ja wieder. Er sah ganz weiß aus. Sie ging selbst auf den Flur und rief ihn an.

»Wie siehst du aus,« sagte sie.

Er blickte sie aus dunklen Augen an und antwortete nicht.

Sein Gesicht war gelb. Er wurde alt.

Sie ging in ihr Zimmer zurück und dachte weiter: wie alt war er denn schon? Er war ja nicht mehr ganz jung gewesen, als er sie heiratete.

Ja, und was hatte er gehabt?

Sie fühlte wieder, wie die Eisdecke erbebte, mein Gott, er hatte doch seinen Beruf. Es ging ihm gut. Er stand glänzend beim Präsidenten, sie wußte es, aus den Reden und dem Wesen der anderen hatte sie es gemerkt. Und sie kannte ihn ja doch. Er war die altpreußische Gewissenhaftigkeit selber. – – Und sein Herz hing ja doch nicht mehr an ihr. Sie hatte es in der Sekunde erkannt, in der sie damals wieder zu ihm gekommen war. Vorher glaubte sie sein verändertes Wesen nur auf die Enttäuschung zurückführen zu müssen, auf die feige und mutlose Art, die sie ihm gegenüber gezeigt hatte – aber dann spürte sie: es war etwas anderes, sein Sinn war bei etwas anderem – er machte sich nichts mehr aus ihr.

Und bald hatte sie Klarheit gehabt.

Wie er auf jeden Brief Christianens paßte, wie er es so gern übernahm, ihr zu antworten, wie sorgfältig und ruhig er schrieb, und doch war etwas darin – sie überlas die Zeilen – ja, sein Herz war darin!

Beim zweiten Mal war sie viel tapferer, obwohl ihr Zustand bewies, daß ihr Schrecken einen guten Grund gehabt hatte, und zugleich fühlte sie sich wie von einer Last erleichtert – sie hatte ihm ihre Gesundheit geopfert, sie hatte genug getan!

Nun konnte sie fordern!

Und er gab ihr alles, was sie wünschte, und alles war gut, bis das Kind größer wurde.

Da sahen sie beide, wie sonderbar Hanni in ihre Ehe hineinpaßte, und wußten, daß sie sich nicht geliebt hatten.

Nun also – was wollte er noch?

Christiane konnte er ja niemals haben, das stand weder in seinem, noch in ihrem Katechismus, solche Dinge taten sie nicht.

Die Gartentür klirrte – es kam wohl Besuch. Sonntagsvisiten. Mochte Ludwig annehmen, wenn er Lust hatte, sie ließ sich von Fremden niemals sprechen, wenn es nicht in Vereinsangelegenheiten war.

Flüchtig horchte sie. Unten gingen Türen. –

Ludwig hatte die Karte verwundert besehen: Richard Bartelmes, Dr. phil.

Ach so, das war wohl der neue Oberlehrer an der Reutterschule? Was wollte der bei ihm? Nahm’s wohl sehr gewissenhaft, klapperte alle Honoratioren ab. Na, den wollte er sich ansehen.

Es war ja schon im voraus genug über ihn erzählt worden. Man sollte ihn an gewisser Stelle förmlich gebeten haben, anzunehmen. Er war ein Licht. So eine besonders moderne Sorte Reformlehrer. Schriftstellerte über allerhand Ästhetisches und hatte die neuesten Ideen, die es gab. Kunst in der Schule! Es hieß, er sei aus der westdeutschen Stadt nur privater Verhältnisse wegen weggegangen. Einzig diesem Grunde verdankte Markburg das Glück seiner Zusage.

Jetzt kam der Reformoberlehrer.

Was er sagte, war gewandt. Ludwig entdeckte auf den ersten Blick weder eine Teutonische Wucht, noch eine Spießbürgerlichkeit. Der Mann sah ganz weltmännisch aus.

»Sie werden sich an meinen Namen wohl nicht mehr erinnern, Herr Regierungsrat,« sagte er verbindlich, ihm mit den etwas runden dunklen Augen im Gesicht forschend.

»Ihren Namen hat man in der letzten Zeit hier oft im Blatt gelesen,« erwiderte Ludwig.

»Es war aber auch einmal eine Erinnerung für Sie damit verbunden – wenn ich nicht sehr irre. – Ich bin ein geborener Westpreuße, mein Vater war zuletzt in Thorn Major vom Platz.«

»Der alte Bartelmes,« fuhr Ludwig ein wenig vor – bis jetzt hatte er eine kühle Gleichgültigkeit gezeigt, fast mehr, als korrekt war – Christianens wegen! Er wußte doch, daß dieser Mann ihr als Stein in den Weg geschoben war, daß seine, grade seine Berufung etwas wie ein verstecktes Mißtrauensvotum war – im Reutterschloß sollte die Persönlichkeit eines bedeutenden Mannes wieder mit ins Gewicht fallen!

Man hatte deshalb keinen ganz Jungen gewählt.

Bartelmes war nicht sehr viel jünger als er selbst.

»Ja, Major Bartelmes kannte ich,« fuhr er nun ruhiger fort, auf seine Hände schauend, »aber an seine Familie erinnere ich mich nicht mehr.«

»Das ist leicht erklärlich. Mein Bruder und ich waren damals im Kadettenhaus und kamen nicht oft nach Hause. Freilich haben wir es in der militärischen Zwangsjacke nicht sehr lange ausgehalten.« Er lächelte und fuhr leicht über seinen sehr gepflegten, kurzen dunklen Vollbart. »Leider sind wir alle etwas aus der Art geschlagen. Mein Bruder ist Musiker, meine Schwester Schauspielerin.«

Es war, als ob er das dem Herrn Regierungsrat mit besonderem Wohlgefallen sagte.

»In der Tat? Ganz künstlerisch! Herr Major Bartelmes –«

»War es nicht,« ergänzte der Doktor mit einer etwas sonderbaren Stimmfärbung.

Cöldt entsann sich. Der Major hatte getrunken. Und hatte dann unklarer Dinge wegen weggemußt.

Also die Kinder dieses Trinkers waren Künstler geworden, und der Herr Doktor war vermutlich Abstinenzler.

Er sah ihn mit leiser Ironie an.

Etwas stieg in ihm auf, das wehrte sich riesenstark gegen den Menschen. Er horchte in sich hinein: wie kam er zu solch vorweltlichen Haßgefühlen?

Ach, ein Grund war wohl da: Christiane.

Sie soll es aufgeben, dachte er plötzlich, sie soll die Sache einfach hinwerfen. Sie ist doch kein Mensch, dem man mißtrauen darf.

Und plötzlich kam es erlösend über ihn: sie wird sich nicht ducken lassen.

Jetzt wurde er freundlicher. Befragte den Herrn nach seinem Studiengang und seinen Werken.

Der antwortete zurückhaltend.

Also immerhin ein Offizierssohn, vermutlich doch wohl noch in einigem wesensverwandt. Wahrscheinlich wollte er in der Gesellschaft verkehren? Ob er keine Frau hatte? Es schien doch nicht.

Und plötzlich überkam Cöldt wieder ein neues Gefühl: die Eifersucht.

Er sah, daß Richard Bartelmes gut gewachsen war, sich gut hielt und ein regelmäßiges, gesundes Gesicht hatte, nicht junggesellenhaft zerknittert. Der hat gelebt, erkannte er plötzlich. Ein Mucker ist der Herr Doktor nicht, trotz seiner Reformen.

Bartelmes verabschiedete sich. –

Um zwei Uhr erschien Christiane mit ihrer Mutter, wie sonntäglich üblich, zu Tische und blieb hernach bis zum Abend.

Ludwig erzählte von dem Besuch.

»Er war bei mir,« sagte Christiane ohne Aufregung, aber mit einem seltsam konzentrierten Blick, »allzu gewaltig können seine Reformideen nicht sein, da er beim Provinzialschulkollegium so in Gunst steht.«

»Und du wirst ihm wohl nicht mehr Einfluß gönnen, als ihm gebührt?«

Sie sah ihn ruhig an.

»Er bekommt den Raum, der ihm gehört. Nicht einen Zoll mehr.«

Er merkte, daß ihr Gesicht in seinen Linien schärfer und härter geworden war.

Sie begaben sich in Ludwigs Zimmer, die Mutter blieb bei Hardi im Salon. Dort redeten sie vom Verein. Hanni saß gleichmütig und kaltblütig dabei und häkelte.

Frau Dorreyter hatte nie eine Ahnung von dem gehabt, was Christiane und Ludwig verbunden hatte. Hardi hatte niemals etwas angedeutet und verriet auch jetzt nichts, obwohl sie den beiden merkwürdig nachgeschaut hatte.

Christiane ging drinnen an einen Tisch, auf dem neue Bücher lagen. »Hier,« sagte Ludwig und hielt ihr einen Band hin.

Es war ein neues Buch von Mereschkowski über Tolstoi und Dostojewski.

Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er saß ihr gegenüber und las und rauchte. Sie liebte den feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich sie selbst nie rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen ein wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und sahen sich kurz in die Augen.

Es war etwas von einem alten Rausch dabei.

Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren, trat Ludwig wieder in sein Zimmer zurück und zog die Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon mit Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des Holzes.

Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und durchwebte die Luft des Salons. Hardi erhob sich, machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch mit der Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran, und es war, als ob sie horchte oder etwas überlegte. Dann aber wandte sie sich, nahm ihr Kind an die Hand und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes Zimmer.

* * *

In der Reutterschule war doch einiges anders geworden.

Christiane beobachtete es aber von einem stillen gleichmütigen Lauscherposten aus.

Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert. Er war der Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten, daß sie ihre kratzbürstige Art wider Willen vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht dazu. Er war anders als ihr Freund, der Professor Diermann, dem noch ganz und gar die alte Zeit in den Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die übrigen Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch am liebsten aus dem Wege gingen. Bartelmes nahm die Haberkorn so wichtig, wie sie sich selber vorkam, und wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal dabei in seinen Augen war, so merkte sie das nicht.

Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden. Nicht nur, daß er das gute Mehlmännchen allerorten neckte und von ihr schon einmal eine Büchse köstlicher Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich nachher bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts ›dabei gefunden‹ hätte), sich von Fräulein Jong Fußtouren sagen ließ, den jungen Praktikantinnen und Mai mit viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische Phänomen der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend anerkannte – auch mit den Kollegen wußte er sich zu stellen, und mit dem Zeichenlehrer sah man ihn sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er nicht, aber die hatte ja immer Pech.

Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie man sich innerlich so schroff vom anderen getrennt und nur bei feierlichen Gelegenheiten offiziell zusammengefunden hatte –, man war ja gleich und beim gleichen Werk eingespannt.

Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er hatte noch Idealismus.

Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte ihre Stimmung sich immer nach ihren Nerven gerichtet oder je nachdem sie geschlafen hatte – jetzt kam sie alle Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war immer ›Die Kindesseele –‹. Sie schwärmte jetzt nicht nur für die geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle anderen Zöglinge, ihr Herz wurde butterweich – es war doch ein schöner, edler Beruf!

Sie fühlte sich glücklich.

Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane mußte sich sagen: er hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit und Liebenswürdigkeit begonnen hatte – er hatte es gemacht, nicht sie.

Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes, das in diesen älteren und jüngeren Mädchen unbewußt lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher wissender Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen Fremden doppelt wiegen.

Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung, fand, daß er anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung und vor allem ein gewisses, verschleiertes Künstlertum besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war, wie weit es reichte.

Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen hatte, mit großer Entschiedenheit abgelehnt.

Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit, ja nur ein Hineinmischen solcher Dinge hier an der vornehmen Schule war für ihn ein Unding. Man sollte froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten sämtlich aus solchen Verhältnissen, daß man sie zu echten Frauen erziehen konnte, zu der modernen Weibpersönlichkeit, die die Frauenbewegung niemals zu schaffen vermochte.

Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen herzlich notwendig, Schönheit, die mußte man ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen lehren, die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart, aber man sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren.

Christiane kannte sein Buch ›Die unerreichbare Frau‹, das nach einem neuen, noch unbekannten Frauentypus rang, während er die ›Karrenschieberinnen‹, wie er sie nannte, als ewig kulturlos beiseite warf. Er wollte hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn an ein enges Fach gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen. Er knüpfte an die großen Frauen des achtzehnten Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild auf.

Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken ganz in die bunten Felder der Phantasie?

Denn er war ein Phantast.

Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so für ihn begeistern konnten – er lehnte sie ja alle ab. Er verachtete sie innerlich grausam, obwohl er ihnen äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter Spott.

Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein Schauen war ihr gegenüber wenigstens geteilt. Halb ließ er sie gelten, halb lehnte er sie auch ab.

Ihre Schriften ignorierte er vollständig.

* * *

Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines Abends bei Cöldts. Er machte eine sehr gute Figur, und plötzlich horchte sie überrascht: er suchte wahrhaftig Geist in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien hatte er ein interessanteres Thema angefangen – jetzt horchten schon mehrere darauf.

Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte und Künstler. Es war nicht die geringste Prahlerei an der Art, in der er das vorbrachte, es kam ganz zufällig.

Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu Schreiberhau gewesen, kannte Reicke und Bölsche – für Bölsche interessierten sich sogar die Markburger jungen Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war in München und in Bayreuth bekannt und hatte in Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen Bruder gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklares Genie zu sein schien und einmal eine preußische Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein andermal eine Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette war. Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont engagiert gewesen und sollte jetzt zu Reinhardt kommen.

Es schien doch Leute in Markburg zu geben, die da wußten, was Reinhardt augenblicklich bedeutete.

Bartelmes kannte auch Yse Bernhart.

Christiane sah ihn überrascht an.

»Ich traf Fräulein Bernhart erst vor kurzem in Weimar.«

»Dann hat sie gewiß auch von mir gesprochen.«

Christiane sah starr in die flimmrigen schwarzen Augen des Mannes.

»Ihren Namen nannte sie allerdings, Fräulein Doktor,« erwiderte er langsam, während sein Blick etwas nach unten strich – und Christiane begriff jäh: der wußte mehr von ihr, als sie geahnt hatte. Der hatte sie schon gekannt, ehe er hierher kam! Er wußte, aus welcher Flut sie gestiegen, wie ihre Entwicklung war – grade aus dieser Verbindung heraus!

Sie fühlte sich ihm gegenüber plötzlich rätselhaft ärmer, als ob sie ihm gebeichtet hätte. Etwas zwischen ihnen war verschoben. Nicht, daß Yse etwas verraten hätte, aber ihre Freundschaft sagte dem Psychologen schon genug! Und Bartelmes war ein Frauenpsychologe, wollte es wenigstens sein, und so fühlte sie sich ihm gegenüber plötzlich nicht mehr als das ruhig, straffe Fräulein Doktor, die moderne Herrscherin, sondern –

Rief noch immer etwas in ihr nach dem verbotenen Gestade – –?

Ihr Blick irrte zu Ludwig. Er stand nicht weit entfernt von ihr.

Er war nie weit entfernt von ihr.

Sie sahen sich an.

In dem Augenblick wurde ihr Bartelmes von einer Dame weggewinkt. Es ging wohl um den Frauenverein, in dem der Doktor Kunstvorträge halten sollte, vielleicht aber auch um andere Dinge, denn sie wären im Alter zu einer Partie grade recht gewesen.

Er schien aber nicht daran zu denken.

Sie merkte, daß er während aller Liebenswürdigkeiten, die auf ihn einkamen und die er weltmännisch und mit dem kleinen Künstlerhauch erwiderte, doch immer wieder zu ihr schaute.

Sie kannte den Blick.

Es war etwas von dem darin, den Ludwig für sie hatte. Den schon mancher Mann für sie gehabt hatte: das eigentümlich überlegende Sinnen, das innere Festgehaltensein.

Ludwig! Ludwig!

Nachher brachte Bartelmes sie nach Hause.

Es war Tauweiche in der Luft. Noch lag alles voll Schnee. So viel Schnee hatte man in den Jahren hier nicht mehr gehabt. Schnee auf Schnee lag im Walde. Wälle, die vorm Feind geschützt hätten, waren um die Felder und Dörfer geschichtet. Schnee um Schnee war in der Welt. Aber ein flüchtiger Tauwind zog darüber.

Sie begann unwillkürlich wieder von Yse.

»Ich sah sie lange nicht. Sie schreibt mir auch nicht mehr.«

»Dafür liest man, was sie für alle schreibt,« sagte er.

»Das lassen Sie also gelten?« fragte sie. »Das, was sie schafft?«

»Was sie schafft, ja. Denn es ist etwas Gegebenes, die Aussprache einer inneren Kultur. Ich freute mich herzlich, wenn ich unter meinen Mädchen ein solches Fünklein entdecken könnte – blasen und blasen würde ich – aber leider glimmen solche Feuer in Markburg nicht auf!«

Christiane fragte plötzlich nach seiner Schwester.

Er sagte langsam: »Fräulein Doktor Dorreyter, Sie werden sich wohl darüber klar sein, was für einen Weg sie gemacht hat. Vor Ihnen will ich das nicht verhehlen. Es hängt etwas daran, ehe eine arme Offizierstochter eine bekannte Bühnenkünstlerin wird.«

Sie nickte schwer.

»Aber meine Schwester ist echtes Künstlerblut,« setzte er hinzu, »und es hat keinen Ballast für sie bedeutet.«

»Und Sie, Herr Doktor?« fragte Christiane plötzlich, »wie stellen Sie sich als Bruder dazu?«

»Daß sie diesen Weg machen mußte,« sagte er leichthin. »Vielleicht ist in späterer Zeit auch der Bühnenberuf eine Versorgung für untadelige höhere Töchter und mit allerhand Besen gesäubert. Aber ich – möchte es nicht hoffen. Ich – glaub’s nicht. Dickicht muß sein. Grade hier. Unkraut muß sein. Grade hier.«

Er bog sich ihr zu.

»Nicht wahr, das sind nette Anschauungen? Aber ich bringe sie nicht in das Reutterschloß.«

Er sah blinzelnd nach dem Haus, das jetzt inmitten der weißen Nacht sichtbar wurde.

Sie wußte gar nicht, was er da zu schauen hatte, legte die Hand auf den Knopf und klingelte.

Jetzt tauchte die Hausmeisterin mit ihrem Laternchen auf.

»Ich danke Ihnen, Herr Doktor,« sagte Christiane kühl und reichte ihm die Hand.

»Auf Wiedersehen, Frau … Äbtissin,« sprach er langsam mit einem Lächeln, das sich in seinem Bart verkroch.

* * *

Am anderen Tag begegnete er ihr ganz unbefangen und fragte sie, ob sie nicht einmal ihren Garten öffnen wollte. Er würde seine Mädel gern mal hineinführen, so lange noch Schnee sei. Jetzt könnten sie ja keinen Schaden anrichten.

Ihr war es noch nicht eingefallen, den fremden Kindern ihr einsames Geheimnis preiszugeben, noch viel weniger den Kollegen und Kolleginnen. Der Garten war auch jetzt ein Märchen. Sie schaute von ihren Fenstern aus oft hinein, und nur ihre Fußspuren gingen einsam durch den Schnee. Der Garten war ihr Schönstes.

Aber sie sah keinen Grund nein zu sagen. Denn in ihrem Amt durfte sie eigentlich gar nichts für sich allein haben. Alles mußte dem Zwecke dienen, dem sie sich einmal gelobt hatte.

Sie stand am Fenster und gewahrte, daß der Doktor zuerst allein hineinging. Er schaute auf ihre Fußspuren und verfolgte sie langsam bis zum Tempel mit dem blauen Griechenbild. Auf einmal hatte sie das Gefühl: es ist ihm gar nicht um das Schneeballen der Kinder – er will nur wieder spähen. Er hat ein halbes Bild von dir und will neue Züge haben. Er sucht sie sich.

Sie sah, wie er ging und ihre Spuren verdarb.

Sie sah, wie er durch ihren weißen Schneegarten ging.

Auf einmal fühlte sie das Widrigste an ihm, das eine Frau an einem Mann empfinden kann.

Sie trat zurück. Ihre schwarze Gewandschleppe rauschte.

Dann hörte sie Kinderlärm.

Jetzt flog es da unten hin und her. Ball auf Ball. Der Doktor warf seine Bälle immer den hübschesten Mädchen zu. Die wußten das und warteten darauf. Sie lachten.

Christiane dachte jäh: im Grunde wird Bartelmes mit diesen Mädchen gut fertig.

Bestand da irgend eine geheimnisvolle Wirkung, ein heimliches Gegenspiel – Funke und Funke – –?

Oder war er wirklich auf diesem Gebiete besonders begabt?

Ihr fehlte die große Begeisterung, die in dem Werk an den verwöhnten Kindern eben wirklich ein Werk sah. Heimlich hatte es schon oft in ihr gerissen: wärst du doch dort geblieben, wo du warst, wo du junge Kämpferinnen vor dir hattest, Wesen wie du, die ihren Sinn gespannt auf alle Dinge des Wissens richteten und ihren Lebensgehalt vom Wissen erwarteten –! Das Nutzlose ihres Schaffens stieg vor ihr auf.

Die hier sind anders. Sie sind vom anderen Ufer. Sie sehen kühl und lächelnd auf dich und denken: du bist alt. Sie sehen dein Kleid und denken: hu, so möchte ich nicht sein.

Sie schauen nach dem, was du nie besaßest, und sie werden es besitzen. Alle, alle werden es besitzen.

Neid kam in ihr auf, Neid auf diese jungen, werdenden, schönen, leichtbeschwingten Dinger.

Sie vermochte ihnen nichts Dunkles anzudenken, und sie sollten es auch nicht verstehen. Sie sollten den Weg gehen, den dieser Mann, dessen Nerven in einem starken, sinnlichen Weibesverstehen zuckten, ihnen anweisen würde.

Sie selber konnte hier nicht anwenden, was sie eigentlich war, nicht werden, die sie war.

Vielleicht nie und nirgends.

Sie war in einer Sackgasse verrannt.

Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre Sehnsucht, ihre uralte Kultur – das alles war knapp eingespannt und kläglich halb ausgenützt. Das andere verfiel.

Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede Frau höher brächte … dazu durfte man nicht Vollblut sein. Er entwickelte eine brave, nüchterne, praktische, manchmal sogar trostlose Seite, aber ein geistiges Wachsen brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er nicht.

Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie Bartelmes suchte, einer der vornehmen, neuen Geister, die alte und neue Kultur, Traditionen und Erworbenes in sich vereinten – war es nicht das, was sie Jahre und Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich ersehnt hatte?

Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an seinem Werk bauen, das ganze Leben der Nation in seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und Bedrohungen mit erleben wollen – sie wäre eine kostbare Teilhaberin geworden!

Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar an seiner Seite gestanden, keine Nichtstuerin, kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln hinaufstrebend zu dem Hochbild der neuen Frau.

Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in alte Qualen gestürzt.

In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob ihre ganze Seele dem Leben gegenüber jetzt atemlos auf dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich enttäuscht für immer abwandte und in Niederungen verkroch.

Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde.

Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre Hände zuckten, wie ihr Herz.

* * *

Um zwölf Uhr – das Glockenspiel der Agnetenkirche summte durch die weiche, dicke Luft – guckte Mai Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses sehr bestürzt in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie hatte keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie hatte ihren guten Hut auf.

Da kam es von rechts und von links.

Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, und war von dem Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit förmlich entzückt. Das war hier doch sonst nicht Sitte! Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein Vorhaben erraten und kam nun von der anderen Seite gleichfalls mit seinem Schirm und einem galanten Spruch.

Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner als gewöhnlich aus.

»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend, »am besten ist es wohl, ich nehme einen Schirm, und die Herren gehen zusammen unter dem anderen.«

»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher, der im Herzen wieder erwog, wieviel solch ein Hut kostete. Er hätte den Vorstoß nicht gewagt, sondern hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre höchstens zärtlich hinterhergestapft – wenn er nicht noch rechtzeitig den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte er sie nicht! Dem Bartelmes nicht!

Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar, vielleicht zufällig, den des Doktors.

Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer rechts, einer links.

Jeder im Schnee.

Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand, daß die breiten Flocken dem Doktor besser standen, als Dreher, dem sie lächerlich an der Nase vorbeitrudelten. Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren Wärme aufgezehrt.

Wenn man nur wüßte, was für Gedanken er hatte!

Sie mahnte sich selber: Vorsicht! Vorsicht!

Die Erinnerung an den Assessor kam wieder.

Noch immer war kein sicherer Bewerber aufgetaucht. Die Mutter war noch nicht wieder in die Stadt gekommen.

Dreher redete wenig, horchte aber aufmerksam auf den anderen. Der erzählte vom Theater (das für Mai auch keine ganz angenehme Erinnerung war) und vom Rodeln, das er für seine flotten Schülerinnen eingeführt hatte. Ein Wall im Stadtpark war dafür hergerichtet worden.

Er hatte auch Winterwanderungen aufgebracht.

Nun bot Bartelmes sich Mai zum Führer an: »Wenn Sie einmal den Versuch machen wollen, so bin ich gern bereit, Sie zu unterstützen.«

Sie merkte, was für ein Gesicht Dreher zog, und bedachte sich.

»Ich werde es mir überlegen.«

»Zu unserm Rodeln müssen Sie aber kommen,« redete Bartelmes zu. »Heute nachmittag sind wir im Stadtpark, meine Mädel und ich.«

Der Stadtpark verursachte ihr auch keine angenehmen Erinnerungen.

»Kommen Sie doch, Fräulein Friedlein,« bettelte er.

Sie besann sich rasch. Wenn sie recht spät kam, war das Rodeln beendet, und dann hatte sie noch den Heimweg mit dem Doktor. Sie konnten sich einmal sprechen. Wann war das sonst möglich? Im Reutterschloß war man doch umspäht und beobachtet. Er war doch schließlich – – vielleicht – zu rechnen. Der langweilige Dreher entschloß sich doch nie.

Sie blieb stehen, denn sie war am Stieglitzberg. Eben wollte sie zusagend antworten, in Gegenwart Drehers antworten, und sie wußte, was das für den bedeutet hätte. Denn der haßte das Rodeln, erstens, weil man sich dabei erkälten konnte, und dann, weil es unnötige Anstrengung war.

Da sah sie in Bartelmes Augen.

Mai Friedlein war mit der Zeit klug geworden. Sie hatte ihre Erfahrungen und eine gewisse sehr feine, treffsichere Männerpsychologie.

Lächelnd und sehr unbefangen sagte sie: »Nein, Herr Doktor, es tut mir sehr leid – ich rodle, offengestanden, nicht sehr gern. Sie verzeihen also, wenn ich – fehle.«

Und damit gab sie dem alten Junggesellen, dem Dreher, die Hand. Instinktiv sehr fest. Und er antwortete mit einem Druck, der ein Kompliment war, eine große Anerkennung. Eine Sorge war von ihm genommen.

Sie war doch nicht zu – schön.

Die Herren sprachen nicht viel untereinander, als sie zu Tisch gingen.

* * *

Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen hatten, und fragte, ob sie zum Abend zu ihnen kommen könnte. Es sei aber niemand weiter da.

»Heute abend geht es nicht,« antwortete sie, das Buch leicht in der Hand drehend, »heute fahre ich nach der Oper. Götterdämmerung.«

»Siegfrieds Tod,« sagte er mit leichter Ironie, die sie nicht verstand.

»Ja, Ludwig, es ist mir hier manchmal zu eng,« sprach sie, aufstehend und ein paar unruhige Schritte durchs Zimmer machend, »ich muß etwas anderes haben, wenigstens einen Ton von Ungewöhnlichkeit. Es ist ja nur kurz,« fügte sie hinzu, »sieh, so musikalisch bin ich nicht, daß ich Wagner vollkommen verstünde. Ich habe nur gelernt, ihn zu verstehen. Das ist nicht viel. Im Anfang werde ich kalt sein. Ich werde die Pappen und die Leinwand der Dekorationen am deutlichsten sehen und die koketten Arme der Sängerinnen. Dann werde ich anfangen zu hören und für eine Weile im Strudel untertauchen. Aber wenn es aus ist, Ludwig, dann ist es auch für mich aus,« setzte sie traurig hinzu, »ich nehme nichts mit. Keinen Rausch, keinen Traum, keine Erhebung. Davon bin ich ausgeschlossen.«

»Aber warum suchst du dir nicht eine Sprache aus, die du ganz verstehst?« fragte er.

»Ich sage dir ja, ich suche das Ungewöhnliche,« antwortete sie.

Er sah sie schärfer an.

»Christiane, ist es dir zu – schwer?« fragte er halblaut, »dann – wirf’s doch hin. Wirf die Sache hin. Such dir Größeres. Sieh, ich sprach damals nicht dagegen, als du kommen solltest, weil ich« – er stockte eine Sekunde – »weil ich dich wieder nahe haben wollte. Weil ich dachte, wir könnten uns auch so etwas sein. Du mir und ich – dir.«

»Was können wir uns sein, wenn unser Feuer so hinter dem Berge brennt,« erwiderte sie leise.

Er schrak zusammen.

»Dafür brennt aber kein anderes, näheres,« sagte er langsam, in sich versunken.

Sie schwiegen beide.

Als er aufschaute, kam ihm ihr Gesicht wieder verwandelt vor.

Sie blickte in ihren Garten hinaus. Der war voll Schnee. Aber viele Spuren führten bis zu dem blauen Griechenbild.

»Komm morgen zu uns,« sagte er, »komm jeden Tag. Wenn du kannst,« fügte er halblaut hinzu.

»Ich dachte, damals sei das Schwerste für mich,« sprach sie langsam, »damals am Morgen auf der Bahn. Weißt du – als du die Türe hinter mir schlossest. Aber jetzt – ich bin doch schon so weit – aber jetzt –« sie fuhr plötzlich zusammen. »Ludwig, was sage ich dir,« rief sie, »was fällt mir ein? An solche Dinge dürfen wir nicht rühren.«

Sie sah wieder nach ihrem Garten.

»Solche Spuren sind ganz fein, und mehr darf nicht sein. Sei ruhig, Ludwig, ich will dir keine neue Last aufladen. Ich möchte nur, daß du – fortgingst. Das quält mich mit, daß ich dich hier weiß und daß du so –«

Er sah sie an.

»Sprich nicht weiter,« bat er.

Sie schauten sich an.

»Bitte, komm morgen,« sagte er dann, »komm, Christiane.«

Er ging. – – – –

Christiane fuhr in die ›Götterdämmerung‹. Unterwegs, während der kurzen Eisenbahnfahrt, sah sie erst, wieviel Schnee in der Welt war. Schnee um Schnee.

Aber in der großen Stadt war er weg, oder wenigstens unkenntlich. In der Vorhalle des Opernhauses mußte sie plötzlich an den Wald denken, und jetzt wußte sie: ich werde ihn gleich sehen. Oder etwas Ähnliches.

Und es kam so, wie sie gesagt hatte: erst saß sie fremd, ja, sie lächelte sogar flüchtig, dann aber warf sie ihre Seele in die Musik hinein, sehr spät, denn die anderen, die ihre Gläser vor die Augen und die Textbücher auf dem Schoß hielten, hatten das vermutlich längst getan.

Der Gesang der Rheintöchter berührte sie besonders. Dieses Klingen, dachte sie. Meine Stimme hat in meinem ganzen Leben nicht so geklungen. Wie das perlt.

Ich kann mir denken, daß Frauen, die so singen können, ein ganz anderes Leben führen, als eine – Schulmeisterin.

Nachher dachte sie an Doktor Bartelmes Schwester. Eine Tochter aus gutem Hause – nein, so ganz gut war es wohl nicht. Sie hatte es von Ludwig gehört. Ein wenig Schmutz war ihr wohl schon in der Seele angehangen, als sie auf die Bretter kam, und ihre Seele war jedenfalls ebenso bereit für den Schmutz wie für die Kunst.

In Christiane wehrte es sich auf einmal gegen alle heuchlerische Bühnenkunst, und sie sehnte sich nach der reinen Kunst der Bücher und der Bilder.

Wenn ich dergleichen getan hätte, dachte sie.

Das ist auch ein Lebenpacken, vielleicht sogar ein – Sichanwenden.

Dann reckte sie sich.

Dazu hätte ich nie gepaßt. Ich, eine Dorreyter – nein. Nie. Zum Reiten über die Heide hätte ich gepaßt. Zu Ludwig. Zu keinem anderen, als zu Ludwig und zu seinem Werk.

Aber wenn ich diesen Stempel nicht empfangen hätte – wäre ich dann nicht vielleicht – – nein, was denke ich, keiner wird anders, als er ist. Ich bin die Urenkelin der Frau von Rhane und habe heißes Blut. Aber – hochmütiges. Sehr hochmütiges.

Zu Ludwig hätte ich gepaßt. Aber Sünde hätten wir nicht tun können. Er nicht und ich nicht.

Dazu ist unser Blut zu stolz. Wir lassen unser Feuer hinter dem Berge niederbrennen.

Ja, niederbrennen.

Ich bin aufgeregt, dachte sie, als sie aus dem Theater kam und nach dem Bahnhof fuhr.

Es war der letzte Nachtzug nach Markburg.

Und morgen früh – – was war mit ihr? Sie war ja ganz aus dem Geleise – –? Hastig stieg sie ein und lehnte sich zurück. Allein sein, allein fahren, fahren, irgendwohin.

In ihrem Blut bebte der schwere Rausch der Musik. –

Sie stutzte. Da sah sie einen: Bartelmes. Und er erkannte sie im selben Augenblick. Nach einem kurzen Zaudern sprang er zu ihr in den Wagen und begrüßte sie.

»Waren Sie auch in der Oper?« fragte sie unwillkürlich.

»Ja, ja,« sagte er. »Ging aber vor Schluß weg und war noch mit Freunden zusammen. Literatur.« Er lachte vor sich hin, und auf einmal dachte sie wieder an seine Schwester.

»Ich möchte Ihr Fräulein Schwester wohl einmal sehen,« sagte sie.

Er fuhr vor. »Meine Schwester?«

Dabei sah er sie an. Das Licht im Abteil war blau gedämpft, ganz genau konnten sie einander nicht erkennen. Aus dem Nebencoupé tönten lebhafte Stimmen. Da fuhren auch welche aus der Oper nach Markburg oder in ein anderes Nest.

»Ach, meine Schwester,« sagte er. »Ich versichere Sie, die braucht keine Hilfe und keinen Rat. Sie sollten Sie sehen: klein ist sie nur, aber ein stahlfestes, geschmeidiges Tierchen und – ach, ich glaube, ich habe wohl ein Bild von ihr da.« Er griff seine Brieftasche heraus und suchte zwischen anderen Photographieen.

Jetzt hielt er ihr eine hin und riß am Lampenschleier.

»Hier, bitte, gnäd – – Fräulein Doktor –«

Hatte er ganz vergessen, wer sie war?

Jetzt war nur das kleine Bild zwischen ihnen.

Ein keckes Persönchen. Sie wußte sofort, es war so, wie sie gedacht hatte: an der war nichts Reines und Bewahrtes, die war durch alle Feuer gegangen.

»Aber nun –« er steckte das Bildchen ein – »darf ich erfahren, wie Ihnen der Siegfried gefallen hat –?«

»Ein dicker Sänger,« sagte sie.

Er fuhr zurück.

»Erbarm sich – – Pardon, gnädiges Fräulein – Sie scheinen überhaupt keine Musikkennerin zu sein und auch wohl keine Bühnenillusion gelten zu lassen?«

»Musik verstehe ich nicht,« sagte sie, »und die Bühne – mir scheint es nicht, daß das Kunst ist – – Kunst ist meiner Ansicht nach – vornehmer. Kunst war es, als es wurde

»Vornehm, ja, vornehm,« höhnte er. Es versank fast im Rattern des Zuges.

»Ja, allerdings. In den Klöstern gab es auch nur das Buch und die Musik, die den frommen Frauen die Zeit vertrieben. Aber eine andere Musik. Ach, kleine Spiele gab es auch, fromme Spiele.«

Er lachte. Irgend etwas an ihm schien verwandelt, und in ihr begann es heimlich gierig zu spähen: kam sie jetzt auf den eigentlichen Kern des Doktor Bartelmes?

»Ich dachte, Sie kämen vom Siegfried anders zurück,« sagte er nun, und sie zuckte: »Wußten Sie denn –? Daß ich –«

»Ach, ich glaube, ich war in der Telephonzelle, als die Hausmeisterin Ihr Billett bestellte,« sagte er gleichmütig. Jetzt war er wieder korrekter. »Ich bin aber oft hier,« setzte er noch hinzu.

Sie saß regungslos.

Das hieß ja fast, es könnte auch möglich gewesen sein, daß er um ihretwillen hierhergefahren wäre! Sie hätte fast gelacht. Und zugleich schraubte sich ihr ganzer Hochmut herauf: wer war er denn? Was erlaubte sich dieser Mann?

Er hatte wohl gemerkt, was in ihr vorging. Seine Stimme veränderte sich vollkommen. Kühl holte er ein Schulthema heran, ein extra langweiliges.

Sie hörte kaum zu. Ihre Blicke hingen sich mechanisch an die schwarzspiegelnden Scheiben – da merkte sie, daß er auch dahin guckte. Er suchte ihr Bild heimlich aufzufangen.

Und plötzlich kam über sie, was noch keine Gestalt angenommen hatte, aber schon dagewesen war. Sie dachte wieder an ihren weißen Garten, durch den er gegangen war. Irgend etwas in ihr neigte sich ihm zu: sie waren einander im Geistigen wohl ebenbürtiger, als er dachte, und wenn ein Feuer sein sollte, so konnte es diesseits brennen, offen, ganz offen – – –

Ludwig!

An wie vielen war sie in den Jahren schon vorbeigegangen!

Und jetzt sollte es so kommen?

Hier vor seinen Augen?

Eine Stimme sagte ihr: früher hattest du noch Hoffnungen und mehr Idealismus. Früher war Ludwig noch groß vor dir, und etwas in dir fand keinen Größeren.

Jetzt ist deine Seele in einem atemlosen Harren über ihn hinausgeflackert.

Hier ist einer, der dich zwar noch nicht kennt, aber doch über dich nachdenkt, der Macht über dich gewinnen will. Nicht einer der Gleichgültigen und Dutzendleute – nein, eine Basis wäre wohl da, auf der ihr euch treffen könntet – er würde dir geben, was du verlangst – – und du ihm, was er – braucht – – –

Sie zuckte.

Was war das?

Wie verirrte sie sich in solche tollen Dinge?

Morgen, ach morgen – – –

Sie strich über die Scheiben, die nun angelaufen waren, und brachte den Kopf ganz nahe. Auf einmal sah sie die vorbeistreifenden Schneefelder, und plötzlich überkam sie eine ganz lichte Empfindung, als glitten weiße Büsche an den Rainen entlang, als seien blütenhelle Bäumchen da, als sei ein ganz zarter, heimlicher Frühling draußen. Eine Frühlingsnacht.

Und sie dachte: Wieviel hast du versäumt. Mit Büchern und mit fremden Leuten. Mit Tränen hast du es versäumt. Mit Sehnsucht. Nach einem fernen großen Jugendfeuer hast du hingestarrt und dabei jeden deiner neuen Frühlingstage übersehen.

Und bald kommt der Herbst. Dann wird dir die Rechnung präsentiert. Dann – was dann kommt, ist bitterer als Sehnsucht, ist die ganze Qual des Unerlebten, ist die Erkenntnis, daß du leben konntest und hast es nicht getan. Und hast es nicht getan.

Sie saß regungslos.

Und drüben saß der Mann.

Sie sprachen nicht mehr.

Er begleitete sie auch nicht nach ihrem Hause, denn Christiane winkte sich rasch eine Droschke heran und fuhr dem Reutterschloß zu.

* * *

Am anderen Abend kam sie zu Cöldts.

Sie blieb erst eine Sekunde vor dem Hause stehen und besah es sonderbar genau, und als sie nachher Ludwig gegenüberstand, schaute sie ihm auch sonderbar ins Auge.

Er kam an dem Abend zeitiger aus seinem Zimmer als sonst. Immer, wenn Christiane da war, tat er es, aber heute war es noch zeitiger. Und dann bat er sie, sie solle zu seinen Büchern kommen.

Hardi folgte und beobachtete Hanni, die ein Schulbuch vor hatte. Sie schaute auch zu Christiane, die mit Ludwig zusammen Neuausgaben alter Bücher besah.

Und es überkam sie auf einmal: was tue ich denn hier? Wer bin ich denn hier? Was für ein Recht habe ich hier –?

Sie fühlte wieder den Schnee draußen.

Christiane aber sah, Ludwigs Auge vermeidend, die Neudrucke an und dachte: Ja, es sind Kostbarkeiten, für ihn wenigstens. Stille Kostbarkeiten, wie er sie so gern hat, wie er sie an sich genommen hat, statt seines Werkes, statt seiner eigenen Ideen, statt jeder Tat, zusammen mit meiner Liebe.

Alles stille Kostbarkeiten.

Aber später? Wie werden wir das später ansehen?

Ludwig, man bleibt nicht zusammen, wenn man sich immer ferne ist. Eine Lücke bleibt – es bricht. Ludwig, zwischen uns ist eine Lücke, und wir spüren sie jetzt – beide.

Beide spüren wir sie jetzt.

Ich habe ja keine anderen Erinnerungen, als an die Ritte über die Ebene und an die Stunde, in der du die Tür leise hinter mir schlossest.

Soll ich hinter der Tür stehen bleiben?

Frau von Cöldt merkte, wie wenig geredet wurde. Die beiden sahen aufmerksam auf die Bücher und kaum auf einander.

Eine Stille zog durch den Raum und wurde schwer.

Es war gut, daß unvermutet noch jemand kam: eine der Vereinsdamen. Sie wollte einiges mit Hardi besprechen und tat es auch, und dann ging sie mit Christiane zusammen fort. Andere Begleitung war nicht nötig.

Sie wohnten nicht weit voneinander.

Hardi Cöldt sah ihren Mann nachher flüchtig an.

Irgend ein Triumph schwoll in ihr, ein ungewisser roher Hohn, vor dem sie selbst erschrak.

Sie sagte nichts.

* * *

Das Jubiläum der Reutterschule rückte näher.

Fünfzig Jahre war es her, seit Fräulein Sophie Reutter sich in ihrem Hause aufgehängt hatte. Von dem Tage datierte die neue Zeit, wie die Blätter schrieben. Natürlich erwähnten sie den Selbstmord der alten Dame nicht, sondern priesen nur ihren sozialen Weitblick, der der Regierung die Mittel zur Entwicklung der Anstalt an die Hand gegeben hatte.

Die Haberkorn gab ihr Jubiläumsbuch heraus. Wochenlang hatten ihr die Kanarienvögel bei den Korrekturen helfen müssen. Jetzt lag es beim Buchhändler in der Rädelgasse im Schaufenster, gleich neben den Schriften des Doktor Bartelmes.

Und der hatte auch darin abgefärbt. Wenn man genau zusah, so kehrten seine Wendungen wieder, und seine Schlager waren unbewußt angenommene Geleitsworte geworden. Das System Bartelmes feierte hier einen Triumph.

Es kamen viele Gästeanmeldungen. Christiane staunte, wie weit die Provinzschule ihre Zöglinge ausgeworfen hatte. Die meisten hatten Mann und Kinder, waren Regierungsrätinnen und Professorsfrauen, Offiziersgattinnen und große Damen. Einige wenige hatten sich selber Brot schaffen müssen, das waren Lehrerinnen. Alle waren der Zucht und Pflege des Reuttersschlosses entsprechend geraten – die Ungeratenen meldeten sich erst nicht.

Am Vormittag des Festtages fand der offizielle Aktus statt, für den Abend aber waren künstlerische Aufführungen der Schülerinnen geplant, über denen Doktor Bartelmes wachte.

Christiane zog sich von diesen Vorbereitungen zurück, der Doktor hatte sie darum gebeten, es sollte eine Überraschung für sie sein.

Lange vor Ostern wurde schon geprobt. Die Gedanken der Kinder waren von nichts anderem mehr erfüllt, und den Auserwählten, den schönsten Mädchen, wurde von den anderen neidisch nachgeguckt.

Christiane verlor ihre stillen Nachmittage und Abende, an denen keiner in dem Hause war, als sie und die alte Hausmeisterin und etwa der Geist des aufgehängten Fräuleins – wenn der Lust dazu hatte. Sie atmete nicht mehr die schwere, herrschaftliche Ruhe, die noch von der Besitzerin her stammte, gleichsam aus der Sekunde, in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte, diese Ruhe, die alles wegstrich, was gerauscht und gerüttelt hatte.

Vom frühen Nachmittag an gingen Türen, wanderten Mädchenschritte, erscholl Mädchenlachen, ertönte das Klavier. Mai Friedlein hatte Seele für das, was sie zu spielen hatte. Es begann mit Mozarts zartem Frühlingslied: ›Ein Veilchen auf der Wiese stand –‹ und kettete einen leichten Rhythmus an den anderen.

Es war dann, als ob lichte Wolken zogen, der Rasen grünte, und die Amseln schrieen.

Und es kam so: während man so sang und spielte und probte, zerfiel der Schnee, und es wurde viel schneller Frühling, als man es nach diesem sibirischen Winter erwartet hatte. Viel schneller zog es blau hinter den Bäumen auf, liefen die Wasser ab und pfiffen die Amseln vom Giebel des Griechentempels.

Und dann kam der Tag.

Morgens, beim Ankleiden, dachte Christiane: ich kann begreifen, daß Sophie Reutter an einem solchen Tage Schluß machte. Der treibt ja dazu. Der Frühling hat tausend Fäuste gegen den, der ihm widerstrebt. Seinen ungeheuren blauen Schild deckt er über alles, was nicht mit ihm leben kann.

Wie das funkelt.

Herein in den Saal oder – heraus!

Sie erschauerte: was denke ich?

Der Garten war ganz trocken, ganz grün, voller Sonne. Die Linden waren noch hochmütig kahl, aber lebendig waren sie auch. Alles, alles war lebendig.

Das Griechenbild verschwand fast dahinter.

Christiane dachte: mit einem Siebenmeilensprung bin ich über die Felder des Lebens hinweggekommen, auf denen die Frauen am längsten und zärtlichsten stehen und auf denen sie ihre Blumen pflücken. Weit, weit unter mir hat es unsicher geleuchtet. Ich dachte nicht daran. Ich durfte nicht.

Ist jetzt ein Wind gekommen, der mich – zurückträgt?

Auf einmal fiel ihr ein, daß sie am Abend auch Ludwig sehen würde. Gewiß würde er kommen. Aber mit Hardi. Sie lachte vor sich hin. Mit Hardi! Mit seiner Frau!

Draußen auf den Gängen trappelte es schon – Herrgott, sie kamen! In dem Augenblick empfand sie jäh, wie eisig einsam sie in tiefster Seele doch war.

Nun vollzog sich die offizielle Jubiläumsfeier unter der Teilnahme des Präsidenten und vieler Stadtspitzen. Orden wurden allerdings nicht verteilt. Der einzige, der dafür reif gewesen wäre, Professor Diermann, war nicht mehr da.

Christiane mußte auch wieder reden.

Ein bißchen verborgener Spott über die ganze Kleinstädterei, über das gesamte menschliche Narrenspiel war in ihr. Sie sprach anders, als sonst, leichter, gleichgültiger. Verschiedene Gesichter hoben sich und staunten zu ihr herauf, die Jong, der Zeichenlehrer, sogar der Präsident.

Komödie, Komödie, dachte sie.

Auf der anderen Seite fuhr Lächeln über ironische Mienen.

Sie merkte es nicht.

Draußen vor den Fenstern glitten Wolken wie weiße Vögel. Siegfrieds Tod stand wieder vor ihr auf, der ganze schwere, tönende, verlangende Rausch der Musik.

Jetzt sangen sie. Sie erschrak.

›Der dich mit Adlersflügeln – – –‹

Bestürzt blickte sie in Doktor Bartelmes Augen. –

Am Abend war das Fest. Blumen durchzogen das ganze Haus, lauter Frühlingsblumen.

Christiane kam in die Menge herein, wie ein Gast.

Ludwig, den sie traf, befragte sie, wer alles geleitet hätte. Sie war schon eine Zeitlang nicht mehr bei Cöldts gewesen.

»Ja, Bartelmes,« sagte sie, über ihn wegschauend. Ihre Augen flimmerten.

Er trat zurück.

Dann merkte sie, daß auch wohl die Haberkorn an der Sache beteiligt war. Sie lief wenigstens aufgeregt hin und her und flüsterte da und dort einem Mädchen etwas zu, erklärte diesem oder jenem etwas. Der Zeichenlehrer zeigte irgendwelche Skizzen herum. Mai probierte das Instrument, wobei die Jong gleichmütig wissend zusah, und die Kanarienvögel nahmen alles ringsum mit wissenschaftlicher Neugier auf, obgleich nicht zu erwarten war, daß man in ihren künftigen Wirkungskreisen auf dem oder jenem Dorfe gleich etwas der Art von ihnen erwarten würde. Immerhin hatten sie auch ein kleines, verborgenes Gelächter über Bartelmes, dem sie den Spitznamen ›die schwere Zigarre‹ gegeben hatten, denn an eine solche erinnerte er sie. Er war lang, dunkel, steif und doch gut anzubrennen.

Die Wehrendorf kam in ihrem schwarzen Kleidchen still herein und winkte sich ein paar Kinder heran, eins davon war bucklig.

Bartelmes trat zu Christiane heran.

»Jetzt dürfen wir beginnen, nicht wahr?«

Das Klavier schlug an, und nun kamen sie.

Wie ein Frühlingszug glitt es heran, nichts von Drill und Tanzstunde, von frühreifer Koketterie, in keinem Auge etwas Dreistes, überall Mädchenschritte, Mädchenblicke, zarte Hingabe – – ›Ein Veilchen auf der Wiese stand –‹

Gewiß waren die Kleider raffiniert ausgesucht, die Kränze geschickt aufgesetzt, gewiß war alles genau überlegt und herausgespielt, und doch schien es, als hätte er die Kindesseele ganz rein heraufgeholt, als hätte er diese Herzen zu feiner Kunst geöffnet.

So lieblich hatte Christiane diese Mädchen noch nie gesehen. So schön noch nicht. –

In ihr schrie es. Der Neid kam auf. Die glühende Sehnsucht nach dieser Jugend und diesem Sein.

Und auf einmal überkam sie eine Erinnerung: ein wenig ähnlich war der Plan doch gewesen, den Diermann und die Haberkorn damals aufgesetzt hatten, als sie glaubten, daß ihr Interregnum noch fortdauern könnte. Nur künstlerischer war er gestaltet. Deshalb war die Oberlehrerin so eifrig dabei, deshalb waren fast alle so voller Feuer und Flamme gewesen – etwas Altes von ihnen, ihr eigener Wille hatte sich da durchgedrückt.

Und es war schön – schön – – –

Bartelmes konnte viel. Er war ein Künstler.

Auf einmal fiel ihr Sophie Reutter wieder ein. So viel auch ihrer Wohltätigkeit gedacht worden war – ihr dunkles Bild war nicht aufgerufen worden.

Sollte sie es jetzt tun?

Irgend etwas trieb Christiane plötzlich an, diesen Kindern in ihrem werdenden Frauenglanz auch den Frauensturz, das ernste Schicksal zu zeigen!

Eine Jugend lebte von ihr, Jugenden hatten schon von ihr gelebt, aber ihr wirkliches Los und Leiden kümmerte keinen.

Sie wollte vortreten, Schweres auf den Lippen – da kam Bartelmes auf sie zu.

»Fräulein Doktor – – Verzeihung –.« Er war gar nicht Erzieher, sondern nur ein triumphierender Mann. Er sah zu den Mädchen und sah zu ihr. »Wie dunkel sehen Sie aus, Fräulein Doktor.« Seine Worte waren Kompliment, seine Augen glänzten.

Es überstrich sie.

»Ich wollte sprechen,« sagte sie.

»Wovon?«

»Von der Frau, die hinter uns steht. Von der – Gescheiterten.«

Er verzog den Mund.

»Ist denn heute ein Tag für Gespenster? Heute? Heute? Verzeihung, aber – – ja, gewiß – –« Er trat zurück, sein Ton war kühl. »Wenn Sie glauben –«

»Nein, nein, ich will doch lieber nicht.« Sie hatte sich besonnen. Heut war ein Frühlingstag gewesen, und für alle Jugend hier im Saal würde es doch Frühling bleiben, trotz allem, was etwa gesagt wurde. Darin läßt keine Seele sich etwas aufreden.

»Nein, ich will nicht,« sagte sie.

In seinen Augen flimmerte es noch immer.

»Der Abend sollte ein ganz helles Geschenk für Sie sein,« sprach er leise, fast ein wenig heiser.

Er blieb neben ihr stehen.

Die Gäste drangen auf sie ein. Alle ehemaligen Schülerinnen, die Professorsfrauen und Offiziersgattinnen. Alle sprachen sie vom verstorbenen lieben Herrn Direktor und von Diermann.

Bartelmes war für sie jetzt der Herrscher. Er hatte ja alles geleitet. Er antwortete allen. Christiane schwieg betäubt.

Sie wußte, daß sie ihm heute die Herrschaft übergeben hatte. – –

Mai Friedlein hatte sich trotz ihrer Mitwirkung und manch heimlicher Komplimente, die ihr vom Doktor zugekommen waren, doch geschickt von ihm zurückgehalten. Sie war mit ihren Plänen so gut fertig, daß es nur noch fehlte, daß sie gelangen. Sie spielte nicht mehr auf das Wunder hinaus. Ihr Wurf war viel kürzer geworden.

Ja, sie war schön. Wie schön, das wußte sie nur allein.

Aber wenn einer nach ihr gegriffen hatte, so fand es sich immer, daß er schmutzige Hände hatte oder nichts in den Taschen.

Nun war einer mit sauberen Händen da. Aber er war ein bißchen gewöhnlich und hatte schlechte Manieren. Ihr Herz zog sich vor ihm bitter zusammen, aber es blieb ihr kein anderer Weg, als der zu ihm, und es gehörte noch viel Klugheit dazu.

Auch sie empfand die Schönheit der Mädchen. Die der Werdenden. Die über sie hinwegwuchsen.

Wenn sie an dem Abend noch nicht an ihr Ziel kam, so war es, weil ihr helles Kleid Dreher Bedenken machte. So etwas kostete viel Geld.

Die Jong kam zur Wehrendorf.

»Dörfchen,« sagte sie.

Ada hielt ihren Kopf gesenkt.

Mühsam hatte sie ihr Schiff ein halbes Jahr gesteuert. Ostern hatte sie einen Teil der Fracht abgeben können, aber grade die guten, strebsamen Kinder. Die anderen waren geblieben. Auch die kleine Cöldt.

Nun wiegelte die in ihrer lautlos höhnischen Art die anderen auf, und es waren weniger gute darunter, als vorher. Es war diesmal kein besonderer Jahrgang. Und Adas Nerven waren sehr herunter. Sie schlief kaum mehr vor Husten. Mit dem Essen mußte sie auch furchtbar sparen.

Sie äße außerhalb, sagte sie Frau Dorreyter manchmal. Immer konnte sie doch nicht auf deren Kosten leben.

Die Jong schien etwas gemerkt zu haben und ließ sie an heimatlichen Kisten teilnehmen. Mehlmännchen brachte ihr Marmelade und Knusperchen.

Aber trotzdem – – –

»Hören Sie mal, Dörfchen, wenn Sie nicht mehr können, dann ruhen Sie sich lieber aus,« sagte die Jong.

»Wo denn?«

Die Wehrendorf schaute den Kindern zu. Ihre Augen strahlten selbstvergessen.

»Ich will Ihnen mal was sagen. Mein Bruder ist Pastor in der Lausitz. Ältere Leute schon, haben weder Kind noch Kegel. Die brauchen jemand für sich. Wenn Sie dahin gingen – schlecht würden Sie es nicht haben. Da könnten Sie sich ausruhen, meine ich.«

Die Wehrendorf gab keine Antwort. – –

Ludwig sah sein Kind an, das eben vor ihm stand. Es trug auch das helle Tanzkleid und den Kranz im Haar. Und doch wirkte es nicht elfenhaft wie die anderen, sondern eher wie ein Waldschrat.

Hardi war schon müde. Das grade Dasitzen konnte sie nicht gut aushalten. Und nun war es doch wohl endlich aus.

Sie befragte Frau Landesrat Colb deswegen. Die Damen rückten zusammen und flüsterten wieder vom Verein. Sie wollten einen Frühlingsbasar halten.

»Das könnte aber erst sein, wenn ich zurückkomme,« sagte Hardi, »ich wäre doch gern dabei. Und dann bin ich auch frisch.«

»Ach ja, gnädige Frau gehen ja nach Bad Wiesental – so bald schon – wie hübsch.«

»Der Arzt hat es geraten. Im vorigen Jahr war ich um diese Zeit auch da. Es war nett. Nur ein paar Familien und die schöne Gegend –«

»Ihr Herr Gemahl geht auch mit?«

»Er bringt mich nur hin. Nein, er hat ja keinen Urlaub. Und das Kind muß doch auch in die Schule. Das Fräulein ist ja so zuverlässig –«

»Wie reizend,« sagte Frau Colb. »Da besuche ich Sie einmal, und wir können dann wegen des Basars überlegen. Zu spät dürfte es nicht werden, denn –«

»Dann ist es nicht mehr Frühling.« Hardi lachte sonderbar. »Ja, sicher, sicher –«

Sie spähte nach Christiane aus. Neben der stand noch immer der große dunkle Mensch.

Wie hatten die Herren vor ihnen vorhin gesagt?

»Der hat jetzt die Macht im Reutterschloß. Sie hat – umgesattelt.«

Ludwig hatte es doch auch gehört.

Sie faßte ihn am Arm.

»Komm, wir gehen.«

Sie gingen Arm in Arm aus dem Saale.

Keiner sprach.

* * *

Nun kam schon Bad Wiesental hinter den Bäumen herauf. Kein großes Bad, aber sehr lieblich. Es gab Eisenquellen dort. Hardi war voriges Jahr sehr frisch wiedergekommen.

Bäume, Büsche, Gärten, Wiesenflächen – wie schön war alles. Ganz hell alle Bäume und Sträucher, mit Blättchen fast nur erst wie befiedert – aber viel Blüten. Lauter Blüten, weiße und rosige und da und dort auch gelbgoldene, strähnig hängend. Ein wahrhaftiges Märchen.

Hardi dachte daran.

Sie hatte nicht viel Süßes im Leben gehabt. Aber sie hatte es auch nicht gebraucht. Sie war ihrer Mutter Tochter.

Es hatte wohl noch mancher ihren Weg gekreuzt, besonders dort oben in der Ostmark. Wenn sie unverheiratet gewesen wäre, noch die arme Dorreyter – dann hätte sich keiner dieser Herren um sie gekümmert. Aber so neigten sie sich ihr verhohlen spähend zu. Sie spürten ein Unglück an ihr und suchten sie auf ihre Art zu trösten. Noch jetzt blitzte dann und wann auf ihrem Wege ein solcher Glühfunken auf.

Sie kümmerte sich nicht darum.

Sie hätte zu Hause bleiben und ein altes Fräulein werden müssen; sie hätte nichts vermißt.

Aber sie war’s nicht geworden.

Jetzt hatten sie das Dorf erreicht. Die Häuser waren sanft an den Berg gelehnt, der sie schützte. Gärten kränzten sich um sie. Einige schlichen den Berg hinauf, so weit sie konnten. Ganz oben auf dem Gipfel waren Kirschenplantagen, die standen wie weißes Gewölk.

Weiber liefen vorbei, schon barfüßig, schmunzelten hinauf und sprachen von guter Ernte.

Wie konnte man an Ernte denken, an dicke, rote Kirschen, wenn das zarte Gewölk da oben stand?

Mit einem leisen Gelächter sagte Hardi es ihrem Mann.

Der horchte verwundert hin, denn dergleichen war er an ihr nicht gewohnt. Auch hatte sie während der Fahrt kein Wort geredet.

Er dachte sich nichts bei dem Frühlingstag. Er erfüllte nur seine Pflicht, wenn er seine leidende Frau hierher brachte, wo sie gut aufgehoben war und sich fern von ihm vorzüglich erholte.

Zu Hause lag ein Stoß Akten, an dem wollte er morgen, über Sonntag, arbeiten.

Hardi hielt sich fast ungewohnt straff, und nun kamen sie an das Häuschen, in dem das Quartier wieder bestellt und bereitet war.

Hardi lief in die Zimmer und guckte sich um: vor den vorderen Fenstern standen weißblühende Dornbüsche, förmlich dick und trotzig taten sie im Übermut. Sie wollten blühen. Und vor der Hinterstube blühte, schräg ansteigend, der Berg.

Sie faßte den Mann am Arm.

»Sieh, Ludwig, wie schön –!«

»Du kannst es ja recht genießen,« sagte er.

Sie hatte die rote Gardine etwas zurückgeschoben und sah hinaus. Plötzlich wandte sie sich um und blickte in sein fahles Gesicht.

Und auf einmal kam es wieder über sie: Ich hätte ja längst gehen müssen.

Das war meine Sünde, daß ich nicht gegangen bin.

Was war ich denn bei ihm? Nicht einmal sein Haus habe ich ihm geführt. Nicht einmal sein Kind habe ich ihm erzogen. Mit Spielereien habe ich mich satt gemacht, mit fremder Not ein wenig getändelt, und sein Werk habe ich ihm genommen.

Sünde war alles.

Ich habe es gespürt. Lange, lange schon.

Die Eisdecke unter mir hat schon immer gezittert.

Aber was nun – was nun –?

Das andere Glück kann ich ihm nicht schaffen. Wenn ich sein Haus verließe und mich frei machte, würde ich noch mehr von seiner Laufbahn gefährden, als ich schon gefährdet habe, noch mehr wegreißen und nichts dafür geben. Denn das Feuer, nach dem er noch immer geschaut hat und das ich ihm gleichmütig und spöttisch ließ, ist ja längst für ihn erloschen.

Ich kann ihm nichts geben, wenn ich – gehe.

Es umwirbelte sie. Wie durch einen Schleier sah sie die weißen Bäume auf dem Berg. Wie eine feierliche Prozession stiegen sie höher und höher. Weiß, alles weiß.

Die rote Gardine wehte.

Ludwig schritt noch einmal prüfend durch die beiden Zimmer. Er rief die Wirtin und sprach mit ihr, um sicher zu gehen, daß für Hardi alles gut besorgt werden würde.

Dann kam er zurück, gab ihr die Hand und warf dabei einen Blick auf die alte Bauernuhr an der Wand.

»Ich muß zum Zug, Hardi. Hier scheint alles in Ordnung. Solltest du etwas vermissen, so telephoniere sofort, hörst du? Aber voriges Jahr hat es dir doch so gut gefallen.«

»Ja, es hat mir gut gefallen,« erwiderte sie, ohne den Blick aufzuheben.

»Ludwig,« sagte sie.

Er stutzte flüchtig.

Nun küßte er sie. »Lebwohl, Hardi.«

Sie blieb stehen und horchte seinem Schritt nach, er ging langsam. Sie horchte noch immer: jetzt war er draußen. Der Sand knirschte.

Auf einmal lief sie nach dem Vorderzimmer und spähte aus dem Fenster.

Da war er.

Er wandte sich, glaubte wohl, daß sie noch etwas zu sagen vergessen hatte, und sah ihr fragend ins Auge.

Seine Wimpern zuckten.

»Bleib noch ein wenig,« bat sie mit blassen Lippen.

»Es ist der letzte Zug,« sprach er.

»Bleib,« sagte sie.

* * *

Und nun begann eine seltsame Zeit.

Ludwig Cöldt kehrte wieder an den Anfang zurück.

Er war wieder bei seiner Frau.

Das Ursprüngliche knüpfte sich wieder an, das alte Recht und die alte Liebe. Er fand sich wieder an die Zeit heran, wo er das liebe Mädchen mit den melancholisch schmachtenden Augen auf den Markburger Straßen gesehen hatte und sofort rätselhaft gepackt gewesen war, daß kein Überlegen, kein Bremsen geholfen hatte – er mußte sie haben, keine Bessere, keine Schönere, die nur – die!

Daß sie sich nicht gleich ergab, daß sie auch als Braut immer etwas Scheues, Beklommenes behielt, war ihm ein Reiz mehr gewesen – je mehr Wälle, desto mehr Sieg, je mehr Trutz, desto mehr Süßigkeiten.

Und dann – – –

Da war ein breiter Graben. Aber über den waren sie jetzt hinweg.

Sie vergaßen Markburg mit allem, was daran hing, die Gesellschaft, die um sie war, sein Amt, sogar ihr Kind. Sie durchlebten in diesen zarten Frühlingswochen etwas, was sie noch nie erlebt hatten, so groß war es. Ein sonderbarer Ballast war dabei, aber er machte es noch größer.

Christiane Dorreyter war aus Ludwigs Leben verschwunden. Sie war ihm das Fremde geworden, das unsichere Feuer, die Versuchung. Hier war die Ehrlichkeit, die innerste Verknüpfung, die reinste, beste Verbindung – hier war das Weib und nicht die Verirrung. Hier brannte das schönste Feuer, und drüben war nur ein trüber Hauch – hier war die Ehe und dort die Sünde.

Hardi war schuld an dieser Verirrung, aber sie sühnte jetzt, gab ihm alles, und er verstand sie und sich.

In jeder freien Zeit war er in Wiesental. Er hatte sich ein Pferd angeschafft; fast an jedem Tag konnte man ihn hinüberreiten sehen.

Hardi dachte nicht mehr an ihren Verein, auch nicht an die Mutter, nicht an den Basar, den die Damen veranstalteten. Einmal war eine von ihnen dagewesen, hatte aber nichts ausgerichtet und die gute Cöldt recht sonderbar gefunden.

Wenn Hardi auch nicht zur Leidenschaft fand, nie ein brausendes Wasser wurde, weil die Dinge in ihrer Seele kein Gefäll bekamen, so gab sie sich doch in Ludwig hinein und hatte keinen anderen Gedanken mehr. Es war kein Zu-ihm-finden, keine späte Liebe, aber eine späte Ehe.

Etwas trug sie – sie verstand es nicht ganz – etwas schob sie, das hatte Macht aus jener Wintermorgenstunde, als sie den Schnee über ihr warmes Leben herfallen spürte, Schnee um Schnee. Sie fühlte sich getrieben und dachte nicht zurück, höchstens wie an fremde Länder.

Sie freute sich über sein Glück. Denn er war jung geworden und lachte viel.

* * *

Der Frühling flammte. Sein Schild war noch glühender, sein Ruf noch lauter geworden.

Christiane sah ihren einsamen Garten in Blüte kommen. Sie hatte nicht gedacht, daß der Garten der unglücklichen Sophie Reutter auch blühen konnte. Als sie ihn im Vorjahre fand, hatte ihr nur dunkles Laubwerk entgegengeduftet, steife, ernste Bäume. Jetzt zeigte es sich, daß Kleineres versteckt gewesen war, das sich nun bunt heraustat und alle Feuer spielen ließ: Goldregen und Dornsträucher, Quitten und weißer Flieder. Und gleich neben dem Tempel standen zwei riesige Kastanienbäume, die blühten über und über rot.

Der Garten war kein Klostergarten mehr. Bis in die Nacht hinein duftete er, ja, die ganze Nacht hindurch. Durch die offenen Fenster kamen seine Duftwellen, und von weiter her kamen andere, von den Wiesen, auf denen die freie Blüte stand, vom Walde, in dem die wilden Kirschbäume wie Frühlingsfackeln brannten.

Und der Himmel war stahlblau, und die Abende goldschwer veratmend, sich immer mehr dehnend, kein Ende nehmend. Immer noch Abend, immer noch ein Glühen, immer noch ein Rot hinter dem Walde!

Die Kinder brachten Christiane Sträuße aus ihrer Eltern Gärten. Sie gaben auch der Haberkorn welche, aber nicht mehr, als die Höflichkeit es erforderte, auch der Seifert und der Jong, sogar dem Mehlmännchen, aber am meisten bekam sie der Doktor Bartelmes. Mit Blumen beladen ging er mittags weg, er zeigte sie recht – auch Christiane sah es. Die meisten waren von Betty von Kramer, von der schönen Ersten mit dem ägyptisch geschnittenen Gesicht.

Wenn er einmal gar zu viel hatte, so schenkte er den Damen davon, einmal hatte er der Mehlmann einen großen Busch roter Tulpen verehrt (sie fragte nachher wieder die anderen, ob man nichts dabei ›gefunden‹ hätte?) und der Haberkorn einen Strauß Vergißmeinnicht, den die verdutzt anguckte, wobei wieder das merkwürdige, unbestimmbare Männerlächeln um seinen Mund zuckte.

Einmal kam er mit einem Busch weißer Narzissen auf Christiane zu, in seinen Augen flirrte etwas – sie fuhr hochmütig zurück: wollte er die ihr etwa schenken?

Nein, er zeigte sie ihr nur und sagte: »Sehen Sie, die Mädel bringen mir doch wenigstens nichts Geschmackloses mehr. Sie wissen, alles, was mir nicht gefällt, lasse ich unbarmherzig liegen, und dem will sich doch keine aussetzen! Die sind übrigens von Betty. Die sind schön.«

Ein leiser, aufreizender Hohn schien in seinen Worten mitzuklingen.

Gleich darauf wurde seine Miene wieder schmeichelnder, weicher, und er fragte halblaut: »Kann ich Ihren Garten jetzt wieder einmal sehen, Fräulein Doktor?«

Jäh sah sie ihm in die Augen.

Er erwiderte den Blick. Die Narzissen in seinen Händen sanken etwas.

Kühl gab sie ihm die Erlaubnis und ging davon. Oben in ihrem Zimmer trat sie nicht ans Fenster – sie wollte nicht sehen, wie er zwischen ihren Bäumen herumschlich bis zum Griechentempel, über dem die rote Kastanienblüte stand. Er kannte zu viel von ihr und würde noch mehr erraten, wenn er jetzt durch ihren Garten ging.

Nun hörte sie seinen Schritt.

Sie stand von ihrem Platze auf, warf einen trüben Blick auf die ›eiserne Wehr‹ und schritt leise zum Fenster – – sie mußte ihn doch noch – sehen – – –

Und plötzlich dachte sie wieder: er ist mir ja ganz fremd. Ich kenne ihn nicht. Nein, alles, was er tut und will, kenne ich nicht, weil es aus anderem Gesichtspunkt und von einem ganz anderen, mir dunklen Leben her geschieht – – –

Und doch fühlte sie die unheimliche, treibende Macht in sich.

Zu Cöldts kam sie jetzt nicht mehr. Sie wußte von der Mutter, daß Hardi in Wiesental war und Ludwig oft hinüberritt. Oft hörte sie sein Pferd am Hause vorbeitraben, hörte den Hufschlag und dachte dumpf: hier hält er nicht mehr an.

Nein.

Jeder suchte das Seine.

Auch jetzt war sie nachmittags oft nicht mehr allein im Reutterschloß. Doktor Bartelmes hatte sich die Erlaubnis erbeten, auf dem Harmonium in der Aula zu üben. Nun hörte sie das oft. Es war nicht laut. Es drang nur wie Summen durch die dicken Wände, drang zu ihr, und sie horchte danach, und ihr Herz strebte davon los und kam nicht frei, sondern verwirrte sich noch mehr daran. In einer fremden Sprache kann man dem viel sagen, der sie nicht versteht: er hängt daran und rätselt daran, und ein wenig Rausch ist dabei. –

An anderen Tagen war er wieder mit seinen Mädchen auf Wanderungen unterwegs. Immer waren die Schönsten um ihn herum, besonders Betty von Kramer.

Es waren schon Mütter zu Christiane gekommen und hatten gesagt, der Herr sei wohl zu modern für Markburg. Die Mädel hätten ja keinen Sinn mehr für etwas anderes, außer ihrem Doktor, eitler könnten sie nicht mehr werden, als sie geworden seien, und Neid und Eifersucht wären an der Tagesordnung.

Christiane merkte: ich kann es nicht mehr so lassen. Ich darf es nicht. Ich lade Schuld auf mich.

Schattenhaft stieg das Bild der Schwester des Doktor Bartelmes vor ihr auf.

Da kam er zu ihr wegen des Johannisfestes.

»Johannisfest?« sprach sie tonlos.

»Ja,« meinte er unbefangen, »ich glaubte es Ihnen schon gesagt zu haben, daß wir feiern wollen –«

»Nein.«

»Es soll wieder ein Fest nach echter Reutterschulart werden.«

»Nach Reutterschulart?« fragte sie.

»Ja. So sagt man doch jetzt in der Stadt.«

So sagte man in der Stadt?

»Also nach Ihrer Art?« sprach sie langsam.

»Ein Waldfest,« entgegnete er, ohne auf ihre Frage einzugehen, »ein Feuer draußen am Hünengrab im Obrawald. Ein Reigen. Ein paar Lieder und Tänze.«

»Und die anderen Kollegen?« fragte sie.

Er zuckte die Achseln. »Ich weiß darüber nicht Bescheid.« Ein scharfes Licht war in den dunklen Augen.

Sie wußte: die anderen waren allmählich von ihm abgerückt. Sie billigten seine Art nicht mehr. Ihre Begeisterung war abgekühlt. Jeder stöhnte, wenn er in der Klasse des Doktor Bartelmes zu unterrichten hatte. Sogar die Haberkorn.

Christiane sah vor sich hin.

»Ich möchte es nicht gern, Herr Doktor,« sagte sie.

Er sah sie groß an.

»Sie möchten es nicht?« wiederholte er.

Er sagte gar nichts weiter.

Sie war gezwungen zu sprechen.

»Der Platz ist sehr entlegen. Sind Sie sich der Verantwortung bewußt, Herr Doktor? Glauben Sie, daß es leicht sein wird, die vom Feuer, vom Tanz und Gesang aufgeregte Schar wieder durch den dunklen Wald heimwärts zu bringen?«

Er lachte. »Wenn es weiter nichts ist, Fräulein Doktor! Ich bringe sie schon heim. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«

»Die Eltern der Kinder sehen in diesen Wanderungen und Festen eine gewisse – Übertreibung,« sagte sie.

Er verzog den Mund.

»Markburg,« sagte er trocken. »Aber Sie gnädiges Fräulein – Sie – – sind doch nicht so kleinbürgerlich!« Er lachte.

Sie schwieg. –

Ich gehe nicht nach dem Walde, dachte sie. Mögen sie ihr Spiel für sich allein haben. In ihr nagte es: Du durftest nicht. Sie hörte die Worte der besorgten Mütter, daneben aber klang noch etwas anderes – eine Melodie!

Sie kümmerte sich nicht um die Vorbereitungen, hörte aber von der Haberkorn, daß die Mädchen des Doktor Bartelmes kaum noch zu regieren seien, so vergnügt seien sie. Es machte ihr jetzt eine besondere Freude, Christiane etwas über Bartelmes zuzutragen. Lauernd flogen ihre Blicke über sie hin.

Christiane verzog keine Miene.

Heute nachmittag will ich mal wieder zur Mutter, dachte sie, und mich nach der Wehrendorf umschauen. Hier läuft sie mir immer aus dem Wege, und ich – denke nicht an sie.

Ehe sie aber so weit kam, erhielt sie Botschaft vom Präsidenten, daß er sie zu sprechen wünsche.

Das gesamte Patronat war versammelt.

Die Herren schienen kühl.

Der Präsident sagte, daß die Richtung, die in der Reutterschule neuerdings unerwarteterweise verfolgt würde, in den beteiligten Kreisen gar nicht angesprochen hätte und daß man Fräulein Doktor Dorreyter dringend ersuchte, von diesem veränderten Kurse abzusehen. Der Kernpunkt sei ja wohl nicht sie, sondern der neue Oberlehrer, in dessen Wahl man sich anscheinend etwas vergriffen hätte und der auch anscheinend über seine Grenzen hinaus zu dominieren versuche. Man setze aber in Fräulein Doktor Dorreyter volles Vertrauen, daß sie das Schiff in ihrem Sinne steuere, den sie ja in ihrer energischen Antrittsrede, wenn man sich richtig erinnere, deutlich kundgegeben habe. Es seien auch Beschwerden über die Lehrerin Wehrendorf eingelaufen, die damals nur auf besondere Verwendung des Fräulein Doktor und einiger Damen angenommen worden sei und die anscheinend nicht in den Schulbetrieb gehöre.

Christiane konnte auf diese feinironischen Ausführungen ihres Chefs nicht antworten, denn der Präsident fuhr gleich darauf anscheinend gelassen fort, indem er sich einige Aktenstücke reichen ließ: Man hätte sich, nachdem das Stiftungskapital neuerdings zu einer bestimmten Höhe angewachsen sei, in der letzten Patronatssitzung entschlossen, die wiederholt ausgesprochenen Wünsche der Leiterin zu erfüllen, die fehlenden Klassen aufzusetzen und ein Seminar anzufügen, wodurch wohl vielen jungen Mädchen eine willkommene Gelegenheit zur Aus- oder wenigstens zur Weiterbildung gegeben sei.

Christiane schaute betäubt auf.

Damit hatte sie ja gesiegt – – gesiegt – – –

»Wir wären sehr dankbar, wenn wir Ihre Entwürfe und Pläne schon in kurzer Zeit erhalten könnten, Fräulein Doktor,« fügte der Präsident noch hinzu.

Christiane machte sich zu Hause sofort an die Arbeit, suchte alte Pläne, Ministerialerlasse und Verordnungen heraus, verglich, entwarf, überlegte, zeichnete auf, und darüber wurde es Abend.

Sie fuhr plötzlich hoch und sah es rot über dem Walde stehen.

Das ist der Johannisabend, fiel ihr auf einmal ein.

Sie schob ihre Papiere zurück und sah starr in das ferne Glühen hinaus. Ein feiner Dunst kam aus dem Walde und schlich herein.

Sie schaute in ihren Garten – der war schwarz.

Eine wahnsinnige Angst überkam sie. Der Sommer gleitet vorbei. Alle ansteigenden Zeiten sind vorbei. Mein Leben tritt in das Dunkle ein. Hier sind die Pläne, die Ministerialerlasse, die Prüfungsordnungen – haha – das ist mein – – das ist mein – –

Sie warf noch einen Blick zur ›eisernen Wehr‹ empor, dann nahm sie ihren Hut und ging.

Wie leicht kann ich schreiten, dachte sie, als sie in den lichten Staub der Straße trat. Wie – jung –

Vom Sonnenrot sah sie hier nichts. Der Wald stand dunkelnd. Eine verwischt blaue Stimmung war zwischen den Straßenbäumen. Die Kinder kletterten darauf herum, rissen Lindenblüten los und warfen sie herab.

Sie eilte. Nun war sie im Walde. Fahrtgeleise gingen tief hindurch – ach, es war die Allee, auf der sie damals gegangen war, als das Gewitter kam, vor einem Jahre – –

Sie schritt rasch und empfand: Johannisabend.

Hinter allen Büschen schien es zu leben, tiefer, als bei jenem Taggewitter, heimlicher, als in den hellsten Stunden, seltsamer, als an anderen Abenden. Sie fühlte: hier ist Leben über Leben um mich. Sie sah an den Tannen empor, sah, wie die silbergrauen glatten Stämme der Buchen grünumflimmert zur Höhe stiegen und oben ihr Laub ausbreiteten, sie sah Bäume, die über und über grün waren, bei denen die Äste schleppend auf den Boden hingen, so voller Sommer waren sie. Und dann sah sie noch etwas. Mitten unter den Waldbäumen stand eine Linde, über und über blühend. Hoch stieg sie empor, höher, als die Buchen und Tannen, und oben blühte sie ganz allein, über allem Laub. Diese Blüten konnte keiner pflücken. Das Abendlicht überglänzte sie. An die konnte keiner heran.

Sie ging weiter.

Auf einmal scholl es hinter ihr. Sie horchte: Klippklapp, Klippklapp.

Sie blieb stehen.

Da kam es sacht näher. Ein Reiter.

Sie wandte das Gesicht. Das Herz schlug ihr hoch auf, sie wußte, wer das war. Er wandte sich ihr flüchtig zu, eine halbe Sekunde schauten sie sich in die Augen. Es war Ludwig.

Klippklapp, klippklapp, trabte das Pferd.

Weit hinten auf der Schneise verschwand es. Er war vorbeigeritten.

Sie wußte, wohin er ritt.

Langsam ging sie weiter, es dunkelte.

Und nun kam es wie Gesang näher – sie horchte gierig. Es war kein Hufschlag. Es war Gesang.

Das Lied kam ihr sonderbar vor. Sie, die so viele Kinderlieder gehört hatte, horchte wie verzaubert auf dieses Lied.

Es kam ihr vor, als hätte sie es noch nie vernommen, aber als müßte sie es vernehmen, eben jetzt zu dieser Stunde. Auf einmal verstand sie die Sprache der Melodie.

Sie blieb stehen, ihr Herz versagte.

Und nun kam der Zug aus dem Walde heraus.

Mitten zwischen den Stämmen kamen sie hervor – o, es sah schön aus! Es war, als ob die Elfen dieses Johannisabends kettengleich vorüberzögen im Reigentanz.

Sie sangen noch immer, und immer noch mehr kamen aus dem Walde, helle, singende Gestalten.

Das war keine Ausgelassenheit.

Jäh packte es sie: das war Feier.

Er hatte es wieder fertig gebracht. Er hatte ein kleines Kunstwerk geschaffen, hatte in diesen verwöhnten oberflächlichen Dingern das Verständnis für Weihe, für die Schönheit des Waldes und für den sonderbaren schwülen Zauber dieses Abends geöffnet. Er konnte das, denn er war ein Künstler.

Nun kam er.

Ein paar große Mädel waren dicht um ihn und glitten jetzt fort. Betty war dabei und wandte noch das Gesicht nach dem Fräulein Doktor.

Er sah Christiane an: »Nun? Ist es nicht schön?«

Sie schwieg.

Er blieb etwas mit ihr zurück. Die Schar zog vor ihnen. Sie sang noch immer. Leise, ganz zart. Es verschwamm jetzt fast. Es ging sanft in diesem sanften Abend unter, der seine wilden Farben jetzt eingezogen hatte.

Sie schaute zurück.

Wo war das Rot?

Sie sah auf die Straße.

Wo war der Reiter?

Bartelmes stand vor ihr. Seine Blicke überglitten sie, er sprach kein Wort.

Wie ein seidenweicher Schleier überrann sie das Gefühl: ich bin doch schön. Ich bin vielleicht noch nie so schön gewesen, wie jetzt – in meiner Reife.

Verwirrt horchte sie. Kein Hufschlag mehr.

Ihre Seele schrie auf, schrie nach Feuern hin, nach Flammen, nach einer einzigen schönen Glut, nach einem Glück, wie sie es noch nie besessen hatte. Sie wollte nicht immer Muster sein, Tugend, Vorbild, sie wollte Flamme sein, Schönheit, Genuß – sie wollte geben, was noch keiner besessen hatte und was alle gaben. Sie wollte mit Kränzen in feinen Melodien schreiten und purpurn untergehen, wie der Abend untergeht. Sie wollte dem Leben nahe sein, ganz nahe, sie wollte Leben sein.

Seine Miene blieb unbeweglich.

Und eben deshalb sah sie ihn schärfer an, als sie es sonst in ihrer Erregung getan hätte.

Er hielt stand. Es war vielleicht in seinem Willen, daß die Maske jetzt fiel, die er doch für jeden Kundigen nur lose vorgehabt hatte, denn er gedachte nicht weiter zu gehen und sich keinerlei Schwierigkeiten zu machen.

In den Augen blieb sein Lächeln.

Verwirrt grübelte sie, wo sie es schon gewahrt hatte: wenn er mit der Haberkorn sprach, auch mit der Seifert oder mit der Mehlmann – alle belächelte er so aus einer gewissen Mannesüberlegenheit heraus, und nun hatte er das Lächeln, das Blinzeln auch für sie – –?

Sie begriff noch nicht. – Auch – für – sie – –?

Und dann kam ihr Gewißheit. Ihre hellsichtige Menschenbeobachtung fand sich wieder ein, vielleicht noch nie so scharf, wie in dieser Sekunde. Sie durchschaute sein Spiel, das auf ihre innere Demütigung auslief und auf das äußere Vorzeigen: seht, ich habe die Herrin unter mir. Ich bin der Herr. Die haben sie angestaunt, wie ein neues Wunder, die sind argwöhnisch vor ihr geflohen, ein Narr ist sogar vor Schrecken gestorben – ich aber habe festgestellt, daß es unter den Frauen nichts Neues gibt und niemals etwas Neues geben wird. Es gibt gar keine modernen Frauen. Wenn sie es können, so begehren sie immer nur den Kranz, den der Mann ihnen aufsetzt, und ihr Wille, ihre Pläne sind rasch zu biegen … an jedem Platz!

Sie erkannte noch mehr: Er war ihr gegenüber nie in Unruhe geraten, vermißte nichts und begehrte nichts. Seine Sinne waren unbeteiligt, denn er hatte ein anderes Weib um sich, von dem ihm die scharfe Erkenntnis jedenfalls mit geflossen war – – –

Er wollte nun doch näher an sie heran.

Sie sah ihn mit funkelnden Augen an.

»Sie haben ja eine Geliebte,« sagte sie hart.

Er schnellte etwas zurück.

Dann besann er sich.

Der wissende Hohn in seinen Augen wurde stärker.

»Ja. Ich habe Ihnen sogar schon ihr Bild gezeigt, Fräulein Doktor Dorreyter – eine junge Bühnenkünstlerin.«

Er lachte ein wenig. Sein Fuß rührte im Staub.

»Ich wollte Ihnen damals das Bild meiner Schwester zeigen – sie schauen sich übrigens ähnlich – da griff ich zufällig das andere.«

Sie gab keine Antwort.

Rasch schritt sie an ihm vorbei.

Die Kinder vorn sangen wieder.

Christiane sah, daß der Wald zu Ende war. Da kam schon die Stadt. Sie war so voller Lichter, wie sie nur sein konnte.

Christiane wandte sich und schaute noch einmal nach dem Walde zurück.

Das Feuer war erloschen.

* * *

Am nächsten Tage ereignete sich das Unglück.

Einige der Patronatsherren kamen in die Klasse der kleinen Wehrendorf. Sie hatten es noch mehr auf den Doktor Bartelmes abgesehen, dessen beargwöhnte Methode sie sich näher begucken wollten, aber die Hilfslehrerin stand mit auf dem Programm.

Ada wußte sofort Bescheid.

Christiane hatte ihr schon einen Wink gegeben: nimm dich zusammen! Aber was heißt ›Sich zusammennehmen‹, wenn die Nerven und alle Hoffnung ohnehin zu Ende sind. Wenn sie nicht so an der Arbeit gehangen hätte, wenn sie ihr nicht das Wichtigste, die schwere Hauptsache ihres Lebens gewesen wäre, dann wäre sie leichter über die Klippe hinweggekommen.

So aber gab sie sofort das Spiel verloren, als keine Ruhe unter den Kleinen wurde und Hanni Cöldt ganz offen in ihre Worte hineinlachte.

Die Herren sahen Ada fragend an.

Die aber stürzte an ihnen vorüber zur Tür hinaus.

Die Gäste wußten nicht, wie ihnen geschah. Deshalb warteten sie noch ein paar Minuten.

Aber auf einmal fingen ein paar der Kleinen heftig an zu weinen. Und eine drehte sich zu Hanni Cöldt um und schrie: »Du! Du!«

Und plötzlich sah der Geheimrat Meckebier die fliehende Gestalt drüben am Walde.

»Herrgott,« sagte er und faßte den anderen am Arm.

Nun eilten sie zu Christiane und schlugen Lärm.

Die Jong wurde gerufen und sagte: »Ich habe es kommen gesehen. Sie aß und schlief nicht mehr. Gestern gab ich ihr noch einen Brief von meinem Onkel und redete ihr flehentlich zu: sie solle kommen und wenn es nur für ein Ausruhen war – man wollte sie dort pflegen. Aber sie wollte nicht.«

– Als Ada im Walde war, fing sie an zu denken.

Von neuem kam die Gewißheit über sie: es war aus. Man behielt sie nicht mehr an der Reutterschule. Da konnte Christiane es so gut meinen, wie sie wollte – man behielt sie nicht mehr.

Und ohne die Kinder konnte sie doch nicht leben. So viel sie sie in ihrer süßen Dummheit auch gequält hatten, sie hatten sie doch auch lieb gehabt. O ja, die meisten hatten sie doch lieb gehabt. Und nun konnte sie es nicht vertragen, daß eine andere an ihre Stelle kam – das konnte sie ihr nicht gönnen! Nicht einmal die kleine Cöldt konnte sie ihr gönnen! Der ganze schwere Kampf – wie war er schön – wie war er schön.

Sie blieb wieder stehen. Unbewußt war sie richtig gelaufen, denn ihre Phantasie hatte den Weg schon Tag und Nacht gemacht.

Da war der Krähenteich.

Mit zitternden Gliedern, halb besinnungslos, glitt sie nieder und ins Wasser hinein. Schnell. Schnell.

Es war grade die Stelle, an der Herr von Wratislawski Mai die Rosen überreicht hatte.

* * *

Vierundzwanzig Stunden später waren die Reutterschülerinnen und das ganze Kollegium zur Gedächtnisfeier für die Tote in der Aula versammelt. Diesmal sprach Christiane schwer und fest.

Die Herren und Damen spähten argwöhnisch zu ihr empor. Alle wußten, daß der schöne Doktor Bartelmes bei der gestrigen Revision recht schlecht abgeschnitten hatte. Er hatte es sich aber nicht weiter anfechten lassen, sondern auf der Stelle gekündigt. Was bedeutete ihm Markburg! Er hatte übrigens wieder ein neues ästhetisches Buch geschrieben, das kam zum Herbst heraus und würde seinen Ruhm verstärken. Aber hier –! Ironisch blinzelte er zu Christiane hin und strich den Bart.

Diesmal fand sie kein Beschönigen mehr. Vor allen Mädchen rief sie das Frauenschicksal auf, das vor ihnen hingeglitten war, ohne daß einer es nur recht erfaßt hätte. Desto mehr aber war seit gestern geflüstert worden. An verborgener Niedrigkeit brachten auch diese planmäßig zur Schönheit erzogenen Mädchen genug auf.

Nun aber hörten sie die Wahrheit.

Christiane sprach von den Frauen, in deren Leben kein anderes Feuer brennt, als das, das sie sich selber anzünden. Ada Wehrendorf hatte nie nach fremden Feuern gespäht, hatte nie eine Gnade, ein Glück erwartet, als aus ihrer Arbeit allein. Sie hatte so an der gehangen, daß sie ihren Verlust nicht überwinden konnte. Es hatte ihr Ruhe gewinkt, Pflege, ein Schutz. Sie hatte aber ohne ihr Werk nicht leben mögen. Nicht an irgend einer Sehnsucht war sie gestorben, sondern an dem Verlust ihres Schaffens. Sie hatte ihre Arbeit lieb gehabt.

Christiane riß die Kinder an sich heran – wie glühender Draht brannte es wieder in ihrer Rede auf – die Wehrendorf war einstmals eine von ihnen gewesen, eine der verwöhntesten – und wie mancher konnte es gehen wie ihr.

Sie spürte auf einmal: an diesem Leben hing auch Kampf, war nicht nur ästhetisches Genießen – das Blatt wandte sich für viele – und manche Seelen waren unter ihnen, die einen Schutz brauchten.

Sie fühlte auf einmal: auch sie hing an ihrer Arbeit. Wenn sie gescheitert wäre, wenn es ihr irgendwie gegangen wäre, wie der Wehrendorf – – sie atmete heimlich auf – der häßliche Sturz war nahe gewesen – – dann hätte sie auch nicht mehr leben können. Ihr Werk hätte sie nicht zerbrochen und besudelt aus der Hand legen können. Sie fühlte auf einmal Fäden, die sie mit ihm verbanden, mit diesem allen hier, so fest, wie mit keinem anderen, weil Kampf daran hing, letzter Aufruhr, weil hier die Krisis gekommen war.

Sie starrte auf die Mädchenköpfe, und ihre Seele rang sich ganz fest an das Werk heran.

Man empfand wieder die alte Christiane Dorreyter, die im Übermaß ihrer schweren Kraft und ihres harten Erkennens ihre Leitsätze gegeben hatte.

Alle wußten, daß ihre Worte ein Vernichten des System Bartelmes bedeuteten und des Schiefen, das für die Leiterin daran gehangen hatte. Man konnte nichts mehr reden.

Leise gingen die Mädchen dann aus dem Saal – so leise waren sie selten gegangen.

Die Herren und Damen redeten nachher noch über die kleine Wehrendorf. Natürlich hätte ihr jeder beigestanden, wenn er es gewußt hätte.

Christiane sprach noch mit der Jong. Da kam ein Bote und gab ihr ein Telegramm.

Sie brach es auf und las: ›Hardi soeben verschieden.‹

* * *

Es war zwei Tage später.

An Christianens Tür pochte es.

Es war das Brautpaar Dreher-Friedlein.

Sie gratulierte den beiden. Ihr Gesicht war ganz ruhig.

Der Oberlehrer sah an ihr herab, schrak ein bißchen auf, und es begann ihm zu dämmern, daß der Besuch jetzt zu dieser Stunde eine Taktlosigkeit sei. Aber im Übermaß seiner Freude hatte er an nichts anderes gedacht.

»Ich habe sie mir erobert,« sagte er mit bedächtigem Triumph, »seit dem Unglück hatte ich doch Angst bekommen, die Schule zehrt unheimlich an den Frauennerven – ich sah Mai im Traum wirklich auch am Krähenteich –«

Mai zuckte bei dem Wort zusammen.

»Ja, ich hänge sehr an meiner Arbeit,« sagte sie.

Er guckte sie von der Seite an. »Jetzt weiß ich freilich, daß du mich lieb hast, denn sonst würdest du sie wegen mir nicht aufgeben –! Das ist das Gute an den modernen Frauen,« wandte er sich an das Fräulein Doktor, »sie heiraten nur noch aus – Liebe.«

»Ja,« sagte Mai, »wir haben uns ja schon immer so gut verstanden.«

Dann zupfte sie ihn am Arm – die Mutter käme gleich. Ihr Telegramm war schon da.

Beim Abschied fragte sie noch, ob sie auf der Stelle austreten könne – das für ein Vierteljahr im voraus empfangene Gehalt wolle sie gern zurückzahlen –!

Christiane wies sie an das Patronat.

Dann war sie wieder allein.

Sie ging ans Fenster und starrte einen Augenblick in ihren Garten. Der war ganz still.

Dann trat sie in ihr Schlafzimmer und machte sich zurecht. Sie mußte nach Wiesental. Heute wurde Hardi begraben. Sie kam dort auf den Kirchhof. Das hatte sie gewollt.

Sie war an den Folgen einer Frühgeburt gestorben.

Unten fuhr der Wagen vor.

Leise trug er sie über den weißen Waldweg, den sie noch vor ein paar Tagen abends gewandert war.

Die Sonne schien mittsommerhell. Es wurde heiß. Der Wald stand verschlafen. Einmal wandte sich Christiane: ein Duft streifte sie. Da sah sie die einsam blühende Linde.

Nun war sie in Wiesental. Mit der Bahn, mit dem Wagen, mit dem Auto kam die Trauergesellschaft.

Christiane trat in das kleine Haus. Der Sarg war schon geschlossen.

Sie hätte auch nicht danach verlangt, Hardi noch einmal zu sehen.

Sie ging nicht zu Ludwig hin, und er bemerkte sie auch weiter nicht. Leise war er um die Mutter beschäftigt, und Christiane erkannte wieder, was sie schon vorgestern gesehen hatte, als sie hinkam: die hatte alles verloren, ihr Bestes und Ähnlichstes. Vorgestern hatte sie Ludwig noch verwünscht und verflucht. Jetzt schien sie ruhiger.

Der Gottesacker lag hoch oben auf der anderen Seite des Berges, klein, freundlich, aber ohne viel Baumbestand. Die Kirschbäume reichten bis dicht heran.

Der Sarg versank.

Der erste Geistliche der Stadt hielt die Trauerrede, die erste Gesellschaft der Stadt wischte sich die Augen.

Ludwig starrte vor sich hin. Er hatte die schluchzende Mutter am Arm. Hinter ihm standen ein paar Rhanes, die grade auf ihrem Gut gewesen waren. Sie waren in Uniform, und Christiane mußte flüchtig an den längst verschollenen Potsdamer Tag denken.

Ludwig hatte noch immer kein Wort mit ihr gesprochen, hatte sie kaum gesehen.

Nachher mußte sie sich verabschieden. Die Mutter ließ sich kaum sprechen. Sie sah die älteste Tochter finster an, in ihren verstörten Zügen sprang unbewußt ein harter Wunsch auf: wärst du es – doch – wärst du’s! Sie war wieder die, die sie in schweren Zeiten gewesen war.

Ludwig trat dann mit Christiane in das Hinterzimmer mit den roten Gardinen.

Sie sah einen ganz anderen Mann als den, den sie damals nach zehn Jahren wiedergesehen hatte, so hatten ihn die zehn Wochen verwandelt. Und sie hatte es gewußt und erwartet. Sie fühlte, in den zehn Wochen lagen für ihn Erinnerungen, an die ihre ganze ehemalige Liebe nicht reichte, in denen sie für immer untergegangen war.

Das große, halb unbewußte Opfer der zarten Frau hatte alles fremde Feuer für immer gelöscht und verzehrt.

»Du gehst nun fort?« fragte sie.

»Ja, ich habe Urlaub,« sagte er monoton. »Hanni geht mit.«

Sie entdeckte im Hintergrunde auf einmal das Kind, etwas scheu, beklommen. Über den rohen Egoismus dieses verwöhnten Geschöpfes schien es doch mit einiger Wucht gefahren zu sein.

Er nahm die Kleine in die Höhe und legte sein Gesicht an das ihre. »Du –« murmelte er.

Christiane merkte, daß er Hardis Kind wieder liebte.

Nebenan weinte die Mutter.

Draußen verging der Sommertag.

Christiane trat mit Ludwig vors Haus. Er hatte Hanni jetzt an der Hand.

»Du wirst nun bald für immer von Markburg weggehn?« fragte sie.

»Ja,« sagte er.

Sie wußte genug.

Er ging nach dem Osten zurück. Von Zeit zu Zeit würde er nach Wiesental zu Hardis Grab kommen und zur Mutter, aber sie würde ihn nicht mehr wiedersehen.

Mochte sein künftiges Schaffen nun so oder so ausschlagen – es gab ihm Halt und war seine Erlösung. Er würde über Hardis Opfer hinweg wieder lebendig werden.

Christiane dachte ihm nicht mehr so weit nach, ihre Gedanken kehrten vor den riesigen slawischen Feldern um – sie gab ihm die Hand, küßte Hanni und stieg in den Wagen.

Er fuhr auf und sah sie noch einmal an.

Sie winkte ihm leise zu.

Das war ihr Abschied. – – –

Spät abends kam sie in ihr Haus – drei Stunden war sie durch den Wald gefahren.

Sie machte Licht und sah gewohnheitsgemäß auf ihren Schreibtisch. Da lagen Briefe, Drucksachen, Kondolenzkarten und amtliche Schreiben. Da lagen ihre Entwürfe.

Ach ja, ihre Entwürfe.

Ihr Atem strich einen Augenblick schwer. Es war, als wollte sie etwas niederreißen. Als stürmte ein schweres Wasser gegen sie an.

Sie ging ans Fenster.

Da lag ihr einsamer Garten. Er war dunkel, nur der Duft strich herauf. Es war kein Frühlingsduft, er erinnerte sie an den Wald, an den der einsamen, goldblühenden Linde, deren Blüten keiner pflückte.

Ihr Herz schlug hart und stark.

Und dann überkam es sie auf einmal wie mit festen Händen: es war die Einsamkeit, das eiserne Geborgensein in sich.

Das war das beste, was ihr gehörte, und ihr höchstes Lebensgeschenk. Tief in ihr lag unendliches Blühen, lagen unendliche Strecken unbetretenen Landes, eisige Einsamkeiten.

Die gehörten ihr. Nur ihr allein.

Sie ging hin und her.

Dann machte sie Licht, sah auf das Bild und holte ihre Arbeit vor.

Schauer überrannen sie und verrannen.

Sie holte tief Atem.

»Der Abend allein ist das Beste.«

Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.

Im Verlage von Carl Reißner erschien von
Juliane Karwath

Die drei Thedenbrinks
Ein Kleinstadtroman

Katharyna Holerbeck
Roman