Ernst Koch’s Gedichte by Ernst Koch

Ernst Koch’s

Gedichte,

aus dessen Nachlasse
gesammelt und herausgegeben
von
einem Freunde des Verstorbenen.

Luxemburg.
Druck und Verlag von B. Bück.
1859.

Der Name Ernst Koch, dessen poetischen Nachlaß wir in dieser Sammlung der Oeffentlichkeit übergeben, hat in der Tagesliteratur bereits einen zu guten Klang, als daß wir hier sein Lob unternehmen müßten. Sein „Prinz Rosa-Stramin“, seine „Erzählungen“ und „Novellen“ haben ihn auch in weitern Kreisen rühmlichst bekannt gemacht, und er dürfte unter der Legion von Dichtern und Literaten, die in den letzten Decennien in allen Ecken und Winkeln Deutschlands wie Pilze emporwucherten, einer von den wenigen sein, die sich in der Geschichte der Nationalpoesie einen bleibenden Platz erobert haben. Darum wird denn auch die spätere Nachlese, die wir aus den zerstreuten Papieren des Verstorbenen nicht ohne Mühe zusammengetragen, allen Freunden der schönen Literatur eine willkommene Gabe sein. Nur bedauern wir, daß ein so frühreifes reichbegabtes Dichtertalent uns verhältnißmäßig so wenig Früchte und Proben seiner Produktionskraft hinterlassen hat. Gewiß hätte Koch der köstlichen Blumen noch unendlich mehr in den Blüthenkranz deutscher Poesie hineingewunden, wenn er ihrer in Frieden und Muße hätte warten können. Aber es ist ein untrügliches Kennzeichen von der Echtheit der ihm gewordenen Dichterweihe, daß die harten Schläge des Schicksals und die Last der prosaischen Tagesgeschäfte, die ihm oft auf der Brust lagen wie ein drückender Alp, den glimmenden Funken seines Genius nicht erstickt haben.

Die Hauptdaten seines vielbewegten Lebens hat uns der Dichter selbst in einer biographischen Skizze, die wir einem seiner Manuscripte entnehmen, aufgezeichnet. Freilich sind es auch nur nackte Thatsachen, aus welchen unmöglich ein vollständiges Bild von seiner interessanten Persönlichkeit, wie sie mit ihrer Gemüthlichkeit und Lebendigkeit und ihrem unverwüstlichen Humor, dem bei allem Ernst des Lebens etwas jugendlich Frisches aus der frohen Burschenzeit geblieben war, im Geiste seiner Freunde und Schüler noch in freudiger Erinnerung fortlebt, und noch viel weniger von seinem überaus reichen und geheimnißvollen Seelenleben gewonnen werden kann. Am besten lernen wir ihn kennen in seinen Werken. In seinen Erzählungen und Novellen, worin ein gut Stück aus dem eigenen Leben hineingewebt ist, hat sich der Dichter selbst geschildert, und besser, unendlich besser, als es ein Anderer vermöchte. Aber auch was die innersten Tiefen seines Herzens bewegte, mögen wir am besten den Tönen ablauschen, welche die Saiten seiner Harfe durchzitterten.

„Ich wurde geboren am 3. Juni 1808 zu Singlis in Niederhessen, im Hause meines Großvaters, des Obervogts Murhard. Mein Vater Karl Georg Koch (1847 als pensionirter Regierungsrath zu Marburg gest.), war damals Friedensrichter zu Oberaula, zog 1814 nach Neukirchen, dann nach Waldkappel und 1816 als fürstlich Rotenburgischer Oberschultheiß nach Witzenhausen. Hier wuchs ich auf bis zum 14. Jahre, und erhielt in den Stadtschulen die Elementar- und die ersten humanistischen Kenntnisse. Die wundervolle, liebliche Natur des Werrathales und die Lectüre der Schiller’schen, Körner’schen und Mathisson’schen Lyrik, für die mein Vater schwärmte, übten ihren Einfluß auf den lebhaften Knaben. 1821, als mein Vater als Kreisrath nach Kassel berufen wurde, trat ich dort in die 3. Klasse des Lyceums ein. Hier entwickelten und erweiterten bald der höhere Unterricht, der Besuch des Theaters und das Residenzleben die poetischen Anlagen des Lyceisten; hier dichtete ich schon in der Tertia, lieferte in Secunda himmelstürmende Aufsätze, bei denen dem würdigen Lehrer der Maßstab der schulmäßigen Prosa versagte, und durchschwärmte in Prima alle Leiden und Freuden einer poetischen Gymnasiastenliebe. Siebzehn Jahre alt (1825), bezog ich die Universität Marburg, dann Göttingen und wieder Marburg, wo ich 1829 als Doctor juris absolvirte[1]. 1830 brachte ich den Sommer in Berlin zu, um mich dort als Privatdocent zu habilitiren. Indeß riefen mich die damaligen Ereignisse nach Kassel zurück und ich trat in den hessischen Staatsdienst als Obergerichts-Referendar ein. Hier schossen die „Vigilien“ unter Bescheid-Entwürfen und gelehrten Appellations-Relationen auf, und wandten mir, als ein Zufall den Verfasser verrieth, die Gnade und Liebe des aufgeregten Publikums zu. Diese erkaltete plötzlich, als ich die Ernennung zum Sekretär des Landtags-Commissars und 1832 die zum provisorischen außerordentlichen Referenten im Ministerium des Hrn. Hassenpflug annahm. Aus dieser Stellung wurde ich nachher an das Obergericht zurückgeschickt, um mich zur zweiten Staatsprüfung vorzubereiten. Mit dem Publikum zerfallen, zerfiel ich bald mit mir selbst, und begann statt der Prüfungsarbeiten, ein ungebundenes Leben, das mich in Schulden und allerlei Verwirrung stürzte, und im Dezember 1834 zu dem Entschluß brachte, das Vaterland heimlich und ohne bestimmte Aussicht zu verlassen. Ich wendete mich nach Straßburg. Verschiedene Pläne, mir eine Existenz zu gründen, mißglückten hier und in Paris, und schon nach einigen Monaten bestimmte mich der gänzliche Mangel an Subsistenzmitteln, in die französische Armee einzutreten. Man sandte die Freiwilligen über Toulon nach Algier in die Fremdenlegion. Diese wurde noch in demselben Sommer (1835) nach Spanien als Hülfstruppe der Königin Christine gegen die Carlisten übergeführt, und ich theilte nun das Schicksal dieses Corps, das innerhalb zweier Jahre durch Kugeln und Krankheiten und Strapazen von 7000 auf 381 Mann herabschmolz, und 1837 ehrenvoll entlassen wurde. Nach einer schweren Krankheit im Lazareth zu Pamplona, wo ich zu der römisch-katholischen Kirche übertrat, trug ich mein armes Herz, das nunmehr fest, aber auch kalt geworden, und aus dem der Sturm im fremden Lande alle kurhessischen Zaubereien und Träume hinausgefegt hatte, der heimathlichen Erde zu. So kam der verabschiedete Unteroffizier der Fremdenlegion nach sechswöchentlicher Wanderung von Pamplona über Metz und Sierk im September 1837 bei Marburg an, wo ihn ein Freund aus den Universitätsjahren auf der Landstraße empfing, der ihm eine Stunde darauf aus Lewald’s „Europa“ Franz Dingelstedt’s Worte vorlas: „Kassel hat eigentlich nur einen einzigen Dichter geboren, und diesen nur zufällig, der ist Ernst Koch, der Verfasser des Prinz Rosa-Stramin. Seitdem er seine Vaterstadt verlassen, ist seine Spur verschwunden. Möge die Vorsehung ihn schützen auf seinen dunklen Pfaden.“ Der Landesfürst verweigerte dem Zurückgekehrten, der sich bei seinen versöhnten Eltern in ein einsames Leben zurückzog und eine Darstellung des althessischen Privatrechtes begann, das fast vollendet ist, jede Anstellung, und mit Mühe erschwang ich zwei Jahre lang als Mitarbeiter des Advokaten Röfing das Honorar, von dem ich meinem Vater den Unterhalt vergütete. Da rief mich 1839 der Civilgouverneur Hassenpflug nach Luxemburg, wo ich sofort als Regierungssekretär angestellt wurde, nach Hassenpflug’s Abgang als Bureauchef in der Verwaltung blieb[2], mich mit einer Luxemburgerin, der Tochter des Eigenthümers Müllendorf, verheirathete und jetzt als glücklicher und geachteter Familienvater mit Erfolg das Amt eines Professors der deutschen Sprache und Literatur beim königl. großherzgl. Athenäum bekleide. Die Production ist mir zur unbedeutenden Nebensache geworden, für die ich weder um Muße noch um Stoff werben mag. Auch die Novellen (1847) sind die Frucht weniger müßigen Wochen, da die erste und zweite derselben schon früher im Dingelstedt’schen „Salon“ abgedruckt waren.“

Seine letzten Jahre verlebte Koch, geachtet und geschätzt, im stillen Kreise seiner Familie und seiner lieben Zöglinge. Dem armen Dulder schien endlich, nach vielem Ringen und Herumirren, in seiner zweiten Heimath die langersehnte Friedenssonne aufgegangen zu sein. Aber kaum hatte sich unser Dichter mit der ihm eigenen Begeisterung in seinen neuen Beruf eingearbeitet, so zeigten sich auch schon, – wohl die Nachwehen früherer Anstrengung – nach einer Ferienreise in seine Hessenheimath im Herbste 1856, die ersten Anfänge eines chronischen Brustkatarrhs, von dem er nicht mehr genesen sollte. Die Strapazen und Entbehrungen des Legionars in der Sonnengluth Afrika’s und in den Schreckensgründen der spanischen Hochgebirge, die Sorgen und Leiden des Familienvaters, dem ein früher Tod sieben von zehn Kindern, und das letzte noch während seiner Krankheit entrissen hatte, waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, und die anhaltende Geistesthätigkeit und körperliche Anstrengung in seinem neuen Amte, die 18-21 Stunden wöchentlichen Unterrichtes in einem Lehrfache, das bei der Feuergluth einer sanguinisch-cholerischen Natur, die alles, was sie unternahm, mit dem Schwung der höchsten Begeisterung angriff, die ganze Persönlichkeit des Lehrers allzusehr in Anspruch nahm, waren nicht geeignet, seine zerrüttete Gesundheit wieder herzustellen. Bald erkannten die Aerzte die furchtbaren Symptome einer Lungenschwindsucht. Vergebens stellte Koch seine Curse am Athenäum ein, um in Bad Ems noch einmal die siechenden Lebenskräfte zu verjüngen. Krank und gebrochen kehrte er nach Luxemburg zurück, wo er nach langem Leiden und schwerem Kampfe am 24. November 1858, mit den Sakramenten und Tröstungen der heiligen Kirche gestärkt, der er seit seiner Bekehrung in Liebe und Begeisterung ergeben war, vertrauensvoll in ein besseres Leben heimging.


Koch’s Rückkehr zur katholischen Kirche, wodurch er bis auf wenige Ausnahmen mit seiner früheren Umgebung zerfallen war, hat hie und dort zu manchem schiefen und lieblosen Urtheil Anlaß gegeben und ist noch jüngst als eine der dunklen Stellen in seinem Lebenslaufe bezeichnet worden. Eine Rechtfertigung aus des Dichters eigener Feder dürfte darum hier ihren geeigneten Platz finden.

Eine Bekehrung.[3]

„Während des neuesten Religionskrieges in Spanien war der Bischofssitz in Pamplona eine Zeit lang unbesetzt geblieben, und der bischöfliche Palast zum Militärhospital für die Christine’schen Truppen eingerichtet worden. Dieses Gebäude, kaum noch kenntlich an der über dem Haupteingange befindlichen Überschrift, war in Folge dieser veränderten Bestimmung aus einem Hause des Glanzes und des geistlichen Friedens eine schmutzige Wohnung unbeschreiblichen Elendes und Jammers geworden. Im Jahre 1837 waren nicht blos die zwölf Säle, sondern auch die Gänge und Corridors zu Krankenzimmern eingerichtet, in welchem die täglich vom Heere dort ankommenden Verwundeten, Siechen, Fieberkranken und sonstigen Leidenden aufgenommen wurden. Die ärztliche Behandlung war im höchsten Grade erbärmlich. Arzneien wurden gar nicht gegeben. Die Kranken wurden auf den dürftigen Strohlagern vom Ungeziefer fast verzehrt. Da lagen die Armen, aus allen Provinzen des Reiches, der feurige Andalusier, der untersetzte Baske, der schlanke Catalone, der Sohn der fernen Mancha, stöhnend und seufzend. Nur zwei Erscheinungen schwebten über der ganzen Einrichtung wie die Engel. Es waren die barmherzigen Schwestern (hijas de la caridad), und der bischöfliche Caplan, D. Raphael Salvador. Die ersteren besorgten die Wäsche, die Küche u. s. w. und trösteten in ihrer bekannten liebevollen Weise. Der letztere, ein junger Mann von etwa 35 Jahren, wandelte durch die Säle mit dem Sacramente und tröstete die Sterbenden.

„Am 15. März 1837 ging durch das von Wachen besetzte Thor dieses Hospitals mit Tornister und Gewehr ein Unteroffizier der französischen Fremdenlegion (welche bekanntlich von Frankreich der Königin Christine aus Algier herüber zur Hülfe geschickt war, und binnen zwei Jahren durch Kugeln und Krankheiten von 7000 Mann auf 381 zusammenschmolz). Der Fremde zeigte das Eintrittsbillet vor, wankte mit zitternden Knieen die Treppe hinauf, und war schon nach wenigen Stunden der Besinnungslosigkeit und einem heftigen Nervenfieber zur Beute.

„Dieser Kranke war der Verfasser des Gegenwärtigen. Zum ersten Male nach 1½ Jahren Kriegsleben, war ich in der Nothwendigkeit, Stunden weit, das Fieber in den Gliedern, nach dem Lazareth zu marschiren.

„Ich bin von protestantischen Eltern in einem protestantischen Lande geboren, und in der sogenannten reformirten Lehre, so wie es zu geschehen pflegt, erzogen worden. Vom Catechismus kannte ich höchstens nur noch die Unterscheidungslehren. Das in jedem Menschen wohnende Bedürfniß des Glaubens hatte bei mir sich schon früher in ruhigen Stunden in der Art geregt, daß ich mir vornahm, wenn ich einmal Zeit hätte, mir mein vollständiges Glaubensbekenntniß aufzubauen, damit ich wüßte, woran ich wäre. Denn am Ende muß man doch, dacht’ ich, an etwas glauben, und mit sich in diesem wichtigen Capitel im Reinen sein. Aehnliches kam mir hier im Hospital in den Sinn, indem ich nach vier Wochen zum ersten Male mit ruhiger Besinnung aufgewacht war, dem Tode, wie es schien, durch Zufall entrissen. Aber warum fing ich nicht damit an, die Lehren, in denen ich erzogen war, wenn nicht unbedingt anzunehmen, doch wenigstens näher zu prüfen? Eben darum nicht, weil ich darin erzogen war, und nach denselben es meinem forschenden Geiste frei stand, mich von einer Unterwerfung oder einer Prüfung meiner Einsicht nach zu dispensiren oder nicht. Es wird keinem Katholiken einfallen, sich in einer Stunde der Muße seinen Glauben selber machen zu wollen, oder er tritt, wenn er wirklich diesen Entschluß faßt, sofort auf das Gebiet des Protestantismus. Daß ich nun die Idee, mir ein System meines Glaubens zu bauen (welches ich mir wahrscheinlich sehr bequem eingerichtet haben würde) bald wieder aufgab, läßt sich wohl glauben. Schon die Umgebungen waren zu erbärmlich und niederschlagend, um meinen Geist auf das hohe Pferd zu setzen.

Daß schon früher zweimal, einmal in meiner Heimath 1834, und später in Spanien 1836, die Gnade Gottes mit dem flüchtigen Gedanken, in die katholische Kirche zurückzukehren, bei mir angepocht hatte, daran dachte ich nicht mehr. Jener Gedanke war ohne Früchte geblieben, weil ich mich fragte: was würden die Leute dazu sagen, wenn du den Glauben deiner Väter verließest? – Hätte mir doch damals Jemand die Antwort F. L. v. Stolbergs erzählt, welcher dem Könige von Preußen, als ihm dieser sagte: „Ich kann die Leute nicht leiden, die von ihrem Glauben abfallen,“ erwiederte: „Ich auch nicht, Majestät,“ und so auf den Abfall im sechszehnten Jahrhundert mit einer Ironie anspielte, die ein Protestant selten eher begreift, als bis er mit dem Kopfe darauf stößt.

„Einige Stunden nach meinem Erwachen aus den Fieberphantasien, worin ich, ich weiß nicht wie viele Tage gelegen hatte, trat folgendes Ereigniß ein. Nicht weit von meinem Lager wurde ein eben angekommener spanischer Soldat, aus Andalusien, gebettet, welcher sich wie rasend geberdete, alle ärztliche Hülfe verweigerte, den Arzt und die Nonnen insultirte, und endlich den Caplan unter Schimpfen und Blasphemien zurückwies. Der würdige Caplan ließ sich aber nicht abschrecken, und als es ihm gelungen war, sich auf einige Minuten dem Ohre des Kranken zu nähern, sank dieser langsam auf das Kissen zurück, und beichtete mit lammfrommer Ruhe zwei Stunden lang. Kurz nachher erklang die Schelle durch die Treppen und Gänge, Kranke und Gesunde knieten vor dem hochwürdigen Gute, welches jetzt der Caplan nach dem Bette des Andalusiers trug. Der richtete die großen Augen, aus denen noch vor wenigen Stunden die Teufel geblitzt hatten, mit einem unbeschreiblich süßen Verlangen nach der Hostie. Wir andern zogen vorschriftsmäßig die Calotten vom Kopfe, und falteten die Hände, während der Spanier die Hostie nahm, und wenig Augenblicke darauf in einem Frieden verschied, der sein Gesicht verklärte. Ich betete auch mit, weiß aber nicht mehr was. Jedenfalls war’s mir curios zu Sinne.

„Am anderen Morgen erwacht’ ich, das Gesicht nach der Wand gekehrt, frühe, in jenem süßen Gefühle der wachsenden Genesung, und gestärkt durch einen erquickenden Schlaf. Mein Auge fiel auf einen Sonnenstrahl, welchen der Frühling dicht neben meinem Gesichte an die Mauer sandte. Die Kranken schliefen alle ruhig. Als ich eine Zeitlang so auf den Sonnenstrahl gedankenlos meinen Blick geheftet hielt, erschallte auf einmal von allen Kirchen Pamplona’s zu gleicher Zeit ein erhabenes Glockengeläute. Es war ein Sonntag – vielleicht Ostern? Nie hat ein Geläute einen so frappanten Eindruck auf mich gemacht.

„Eine halbe Stunde nachher verschaffte ich mir Tinte und Feder, und bat den Caplan schriftlich, mich an meinem Bette (Saal IV. Nr. 42) zu besuchen, um sich mit mir über meinen Wunsch, in der katholischen Glaubenslehre unterrichtet zu werden, zu besprechen. Sogleich stand der Mann mit dem bleichen, schönen Gesichte vor mir. Die Erscheinung verwirrte mich. Sie hatte sogar etwas Furchtbares für mich. Ich erschrack vor dem, was ich gethan. Es war mir, als hätte ich die katholische Kirche vor mir. Wir verständigten uns bald, da er mir sehr liebevoll zuredete, in französischer Sprache. Er gab mir zunächst eine zweibändige, lateinisch geschriebene Symbolik, deren Verfasser ich leider vergessen habe, hiernächst den französischen Catechismus, der unter Napoleon erschien (de l’Empire français). Mit Begierde, mit einem Heißhunger meiner Seele verschlang ich die geistige Speise, sitzend und betend auf meinem Lager. Nach etwa acht Tagen konnte ich aufstehen und täglich eine Stunde den Caplan auf seinem Zimmer besuchen, um mich von ihm prüfen zu lassen. Am 27. April wurde ich für reif erklärt, die Sacramente zu empfangen. Nach genommener Rücksprache mit dem Capitel nahm der Geistliche die mir als Protestant ertheilte Taufe, weil sie unter Ablution im Namen Gottes des Vaters, Gottes des Sohnes, und Gottes des heiligen Geistes geschehen war, als gültig an. Dieses Sacrament wurde daher nicht wiederholt. Noch denselben Abend beichtete ich meinem würdigen Caplan (der für mich ein wirklicher Salvador war), und am anderen Morgen empfing ich die heilige Communion, beides in der im Hospital wohlerhaltenen bischöflichen Capelle. Eine förmliche Abschwörung ist nicht für erforderlich gehalten worden. Der Rücktritt in die mütterliche Kirche erfolgte also blos durch die Sacramente der Beichte und Communion. – Am folgenden Tage wurde ich vom Arzte für curirt erklärt, und ging zu meinem Bataillon zurück. Im Monate Juni kam die unerwartete Nachricht, daß der Rest der Fremdenlegion nach Hause geschickt werden sollte. Am ersten August ging ich mit Abschied von Pamplona weg und betrat im Anfang September den heimathlichen Boden.

„Zur Würdigung dieser Umstände dürfte zu bemerken sein:

„1. Anderthalb Jahre hatte ich dem Feldzuge in Spanien beigewohnt, ehe ich in das Hospital ging, viele Menschen sterben gesehen, viele Kirchen, gezwungen oder aus Laune besucht, und all den Pomp der spanischen Gotteshäuser beobachtet, warum machte er nie vorher den Eindruck auf mich, den später in Pamplona das Glockengeläute auf mich machte?

„2. Gewisse Leute sind bei der erfolgten Bekehrung eines Fremden in Spanien schnell mit dem Zweifel bei der Hand: ob nicht die Bekehrung die Folge eines geistigen Zwanges, der Ueberredung, oder gar der Aussicht auf zeitliche Vortheile gewesen? Wo aber hier Ueberredung? und die zeitlichen Vortheile, die mir Niemand in Aussicht stellte und stellen konnte, bestanden darin, daß mein guter Caplan, der selbst so arm war wie eine Kirchenmaus, mich auf seine Kosten vor der Communion rasiren ließ.

„3. Konnte ich überhaupt hoffen, daß ich als Katholik meine zeitliche Zukunft in irgend etwas verbessern würde? Nein, denn für den Fall der Rückkehr in mein Vaterland konnte ich als Convertit mir nur Nachtheil und Zurücksetzung, oder gar Verachtung versprechen, in Spanien selbst aber erwartete ich täglich den Soldatentod.

„4. War es Furcht vor dem Tode, die mich bewog, katholisch zu werden? Nein, denn die Krankheit war überstanden, und als Protestant konnte ich ja überhaupt nicht annehmen, daß man Katholik sein müsse, um gut zu sterben.

„5. War es Dankbarkeit gegen Gott für die Genesung? Wie hätte ich als Protestant denn annehmen können, daß man Gott einen Gefallen erzeige, wenn man katholisch werde?

„6. Es ist sonderbar, daß ich gerade an jenem Tage nach meiner Bekehrung aus dem Hospital geschickt wurde. Wäre es einen Tag früher geschehen, so wäre das Werk unvollendet geblieben.

„Es war also eine reine und ganz unverdiente Barmherzigkeit des allmächtigen Vaters, welcher mich, nachdem sein Ruf in der Heimath nicht gefruchtet, in lange Entbehrungen und Leiden, und nachdem auch sein zweiter Ruf in Spanien unbeachtet geblieben war, endlich in das Lazareth in Pamplona warf, mich dort von einer schweren Krankheit rettete, und mir dann mit seinem Sonnenstrahle und dem Glockengeläute seiner Kirchen die Gnade sandte. Wäre der Ausdruck nicht so menschlich, so würde ich sagen: so viel Mühe gibt sich Gott, um ein störriges, eitles Kind, das nicht hören und nicht sehen will, zurückzuführen. Der Herr sei gepriesen in Ewigkeit. Amen!“


Das erste bedeutendere Werk, womit Koch seine literarische Laufbahn eröffnete, war der aus den „Vigilien“ entstandene „Prinz Rosa-Stramin“[4], dem noch nach zwei Decennien die seltene Gunst zu Theil ward, neu aufgelegt und in’s Englische übersetzt zu werden. Wenn wir in dieser Lieblingsschöpfung des Dichters – der Frühlingsgabe seiner Muse – eine klar durchdachte Anordnung des Stoffes, Einheit und Größe der Conception, Abrundung und Marmorglätte der Sprache vermissen, so werden wir um so freigebiger durch Originalität, Scenenwechsel und Farbenreichthum entschädigt. Ruhig überläßt sich der Dichter dem kühnen Fluge seiner Phantasie, unbekümmert darum, wo ihn das kecke Flügelroß hintragen wird. Wir sehen eine Gallerie der lebendigsten Gemälde, die in bunter, rascher Variation auf einander folgen, Bilder aus dem Studenten- und Philisterleben, in welchen sich überall des Verfassers reiche, gemüthlich-schwärmerische Natur abspiegelt, und in die er meist seine eigenen Erlebnisse, seine jugendlichen Träume und Verirrungen, seine Freuden wie seine Leiden hineinträgt, aber mit einer Wärme des Gefühls, einer Frische des Colorits, einem sprudelnden Humor, die den Leser von einem Ende zum andern in fesselnder Spannung erhalten.

Das Werk erschien zuerst pseudonym, wie alle seine früheren Erzählungen und Aufsätze, die er unter den Namen „Leonhard Emil Hubert, Hubertus, Eduard Helmer“ herausgab, bis er erst in den, 1847 zu Kassel bei H. Hotop gedruckten „Erzählungen“ vor das Forum der Oeffentlichkeit trat, und alle seine frühern literarischen Versuche als sein Produkt und Eigenthum bescheiden vindizirte. Auch hier bilden des Dichters militärische Thaten, Kriegsscenen und Naturbilder aus Afrika und Spanien die stets wiederkehrende Staffage. Ausgezeichnet wie „Prinz Rosa-Stramin“ durch Wahrheit, Naturwüchsigkeit und jugendliche Frische, sind sie, gleich den spätern Novellen[5], mit größerer Klarheit und mehr einheitlicher Zusammenstellung angelegt: sie waren nach dem Urtheile competenter Kunstrichter das Beste, was seit langer Zeit auf dem deutschen Büchermarkt erschienen war[6].

Außer den vorliegenden Gedichten und einer Arbeit über kurhessisches Recht haben wir unter der Nachlassenschaft des Verstorbenen noch zwei literarische Commentare, das eine zu Schiller’s „Wilhelm Tell“, das andere zu „Amaranth“ und „Thomas Morus“ von Oscar v. Redwitz vorgefunden. Ein Theil dieses letztern ist in dem Programm des hiesigen Athenäums, Schuljahr 1856-57, abgedruckt.

Wer außer Schiller, Körner und Mathisson, den Lieblingsdichtern seiner Jugend, Koch am meisten beeinflußt hat, mag nicht schwer zu errathen sein. Die überraschenden, oft brüsken Wendungen und Katastrophen, die behagliche Ungebundenheit in Form und Manier, das Abspringen von dem Gegenstand, um sich mit dem Leser oder mit sich selbst und über sich selbst in ein ironisch-humoristisches Zwiegespräch einzulassen, die eingestreuten komischen Situationen und Gedankenblitze erinnern an Jean Paul, zum Theil an den Verfasser der „Reisebilder“. Aber es wäre eine Verkennung der ihm in hohem Grade angebornen Produktionsgabe, wenn man ihn mit Kuzkow der servilen Imitation Heine’s bezüchtigen wollte, wogegen sich Koch selbst in dem Vorwort zu seinen „Erzählungen“ energisch verwahrt hat. Sind wir auch mit dem Dichter selbst weit davon entfernt, alles und jedes in seinem Leben wie in seinen Schriften billigend und lobend anzuerkennen, so müßten wir doch auch dagegen mit ihm in aller Entschiedenheit protestiren, wenn man ihn zum Gesinnungsgenossen des getauften Judenheiden herabwürdigen wollte. Die Gemeinheit, womit der Vater und Chorführer des „jungen Deutschland“ alles Ernste und Heilige in den Koth seiner Leidenschaft herabzog, die Heuchelei des atheistischen Verstandesmenschen, der bei aller Gefühls- und Gesinnungslosigkeit mit Seelengröße und Byronischem „Weltschmerz“ kokettiren konnte, war ihm aus Grund seines Herzens verhaßt. Bei allen jugendlichen Irrungen und allen Stürmen des Lebens hatte Koch den Adel seiner liebenswürdigen Seele bewahrt, und was er schrieb und sang, entströmte als die eigne Sprache eigner Poesie den tiefsten Tiefen seiner überaus genialen und überaus gemüthsvollen Dichternatur.

Was die vorliegende Sammlung betrifft, so hielt es der Herausgeber für eine Pflicht der Pietät gegen den Verewigten, alle seine hinterlassenen Gedichte ohne Auswahl und Sichtung in dieselbe aufzunehmen, wenn ihm auch das eine oder andere in Anlage und Form minder vollendet und befriedigend schien: soll doch nur durch das Ganze und im Zusammenhang mit seinen übrigen Produktionen ein vollständiges Bild von der Individualität des Dichters gewonnen werden. Mögen auch diese Blätter zur Würdigung des Mannes beitragen, der, wie er selbst schrieb, in der Literatur nach keinem fürstlichen Kleide gestrebt, aber auch hoffen durfte, nicht zu den literarischen Bettlern geworfen zu werden.

Und so nehmen wir denn noch einmal Abschied von dem geliebten Sänger, in das Trauerlied einstimmend, das wir auf die Gruft unseres Vorgängers als Schüler und Freund in dankbarer Erinnerung niederlegten.

Trost in Thränen.

Grablied auf Professor Koch.

Nach der Harfe greif’ ich wieder –

Und sie tönet Grabgesang,

Bittern Schmerzes Klagelieder

Zittern durch der Saiten Klang.

Ernst, in Wehmuth hingegossen,

Schwieg der Jünger Trauerschaar,

Weib und Kind, in Schmerz zerflossen,

Standen an der Leichenbahr’.

Ach! der Sänger, der gerungen

Treu für Gott und Vaterland –

Seine Saiten sind verklungen,

Die er schlug mit Meisterhand!

Der uns sang der Minne Sehnen

Und des Helden Sturmesdrang,

Und des Dulders stille Thränen

Und des Glaubens Siegessang! –

Mußt so früh den Tod Du finden,

Lebensmuthig, liederreich?

Wollten Dir die Schläf’ umwinden

Mit des Ruhmes Lorberzweig. –

Nicht bei Menschen, nicht hienieden

War Dein Hoffen, schön’res Loos

Ist der Treue dort beschieden.

Wo Du ruh’st in Gottes Schooß.

Wo die Stirne wird umkränzen

Der Verklärung Siegeskranz,

Und ein Engel Du wirst glänzen

In der Sel’gen Sonnenglanz’.

Luxemburg, 1. November 1859.

Ludwig Housse,
Prof. d. deutschen Sprache u. Literatur.

Meinen Eltern,
am Neujahrsmorgen 1825.

Wie einst Memnon’s Säule sanft ertönte

Bei Aurorens erstem Strahlenkusse:

So tönt mir auch dieses Jahres erster

Morgenstrahl Gefühle in die Brust,

Wie sie nur des Kindes Herz kann fühlen,

Wenn es sich an das der Eltern dränget.

Auf die Feder scheint die Morgensonne

Mir und ladet mich zum frohen Gruße.

Kaum, Ihr lieben, kann ich sie erwarten,

Die Minute, wo in Euren Armen

Inniger mein Herz dem Eurigen

Und der Zukunft ungewissen Tagen

Freudig wünschend dann entgegenschläget!

Nicht entweihen will ich durch die Feder,

Was die dankerfüllte Brust durchglühet,

Sagen nicht, wie Eure Elternliebe

Mich von meinem ersten bis zu diesem

Morgen mit des Dankes Hochgefühlen

Ewig an die treuen Herzen bindet;

Sagen nicht, was ich aufzählen weder,

Noch Euch je vergelten kann, – ach wenn ich

Mir dies denke, alle die Wohlthaten,

Mir zurück in meine Seele rufe:

Dann zerfließt (doch nur in meiner Seele),

Einer Thräne gleich, mein frommer Dank

In dem Meer der elterlichen Liebe,

Und das Ziel von allem meinem Streben

Ist: mich Eurer Liebe werth zu machen.

Schlummer nur sang einst ein Wiegenlied

Auf den kleinen Knaben nieder – und der

Kinderjahre gold’nen Traum; – er wußte

Noch nicht, wem er seine Freuden dankte:

Jetzt tönt ihm die Harmonie der Welten,

Der Natur, der heit’re Frühlingshimmel

Andere, erhabene Gefühle

In die Jünglingsbrust; – es weiß der Jüngling

Nun für wen des Dankes Zähre fließt!

Der die Welten schuf und die Natur

Und den heitern Frühlingshimmel, der das

Leben seinen Menschen gibt und nimmt,

Der auch diesen frohen Neujahrsmorgen

Ueber unserer Erde aufgeh’n ließ:

Er nur kennt der Herzen heil’ge Tiefen,

Hört mit Huld ihr Wünschen, Hoffen, – Beten!

Am Geburtstage meiner innigst geliebten Mutter

(am 9. April 1827).

Jubelnd kommt der frohe Lenz gezogen,

Flur und Haine bau’n ihm Ehrenbogen,

Ihn begrüßt der Lerchen Chor,

Und der Engel treuer Kindesliebe,

Der die Brust erfüllt mit süßem Triebe,

Schwingt mit ihnen sich empor.

Nimm es mit mein Herz zur ew’gen Ferne,

Du, mein Engel, wo des Himmels Sterne

Freundlich auf- und niedergeh’n,

Wo die Brüder dort in süßer Wonne

Und die heil’ge liebende Madonne

Nieder auf die Menschen seh’n.

Schwinge Dich zu ihrem lichten Throne,

Fleh die Heil’ge um die schönste Krone

Für ein edles Mutterherz:

Wenig Leiden und der Freuden viele,

Langes Leben, und am späten Ziele

Sanftes Scheiden himmelwärts.

Am Geburtstage meines Vaters

(während eines heftigen Gewitters geschrieben).

Glühend in des Mittags Schwüle

Schickt die Sonne ihr Geschoß,

Keuchend zieht das matte Roß,

Sucht der Bäume Schattenkühle.

Aller Lebensgluth beraubt,

Steht der Hain mit schlaffen Zweigen,

Und des Thales Blumen neigen

Traurig, farbenlos, ihr Haupt.

Einer Jungfrau gleich, die heimgegangen,

Schon im Sarge, noch geschmückt,

Wo der Tod von ihren Wangen

Noch die Rose nicht gepflückt;

Einem holden Frühling gleich

Mit unendlicher Blumenfülle;

Ohne das ewige Schaffen und Streben,

Ohne das blühende, liebende Leben,

Eine abgestorbene Hülle

Liegt der Erde weites Reich.

Sieh, da kommt’s in schwarzem Bogen

Dort im Westen hergezogen,

Wie das Schicksal, langsam, schwer,

Wälzt es sich am Himmel her.

Und des Aethers Azurschein

Hüllt in Nacht sich ein,

Und der Ewige naht

Auf dem Gewölke den Fuß,

Und die Sonnen und Welten auf seinem Pfad

Bringen den Jubelgruß. –

Da siehe, ganz helle,

Ein zuckender Strahl

Mit Gedankenschnelle

Erleuchtet das Thal.

Ein Funken seiner Glorie kündet

Des Herren Angesicht,

Der Herr sprach: zurück, die Hütte nicht!

Und der Funken hat nicht gezündet,

Und der Mensch danket und betet an,

Wie er sieht den Ew’gen nah’n.

Horch, da murmelt’s am fernen Himmel,

Gleich einem rieselnden Felsenbach,

Und murmelt näher und näher ohn’ Ende,

Und rollt jetzt lauter am Firmamente,

Und bebt in des Berges Schluchten nach,

Und donnert und kracht,

Und heult in die Nacht,

Als wären die Welten im Kampfgetümmel,

Als wollt’ im angstvollen Beben

Die Erd’ aus den Angeln sich heben,

Und ein Schlag, daß die Himmel zittern,

Hemmet des Donners furchtbaren Lauf,

Und des Eichbaums Aeste splittern:

Dampfend zu dem Himmel auf

Wallt des Haines Opfergluth

Ihm, der uns mit treuer Hut.

Schützt in Ungewittern.

Siehe, nun kommt der unendliche Segen,

Und es ergießt sich der rauschende Regen,

Ziehet dahin über Felder und Auen,

Sie mit erquickendem Leben zu thauen.

Freudig erhebet die Blume das Haupt,

Frisch hat der lachende Baum sich belaubt.

Holde Nachtigallen

Singen in dem Hain,

Hörnerklänge schallen,

Flöten und Schalmei’n,

Und es grünet die Weide,

Und die Heerden zieh’n

Mit harmonischem Geläute

An dem Anger hin.

Der Landmann sieht die Felder blüh’n

Und seiner Wiesen neu belebtes Grün,

Und sieht auf seinen Fluren

Des Vaters Segensspuren.

Zum Himmel hebt er die Hände gern

Und dankt dem Herrn.

Und ein Jüngling schmiegt sich an seinen Arm,

Drückt an die Brust ihn lieb und warm,

Blickt empor zu des Himmels Blau,

Sehnsucht im Auge und Thränenthau,

Will einen Kranz dem Vater winden,

Kann für das Herz nicht Worte finden,

Er schaut in den Frühling und findet sie,

Und beugt in kindlicher Andacht das Knie:

Du in ew’gen Fernen,

Vater über’n Sternen,

Höre mein Gebet!

Geber aller Freuden,

Du nur kannst es deuten,

Was die Seele fleht.

Herr, wie auf Dein Zeichen

Die Gewitter weichen,

Und die Wolken fliehen:

Also winke liebend,

Wenn Gewitter trübend

Seine Stirn’ umzieh’n.

Schaffen, Wirken, Streben

Sei das frohe Leben,

Das Du ihm verlieh’n,

Und durch Frühlingstage

Ohne Schmerz und Klage

Leite, Vater, ihn.

Deine Huld und Güte,

Ewiger, verhüte,

Kummer, Gram und Leid;

Kräfte gib dem Sohne

Zu dem großen Lohne,

Bis die Dankbarkeit

Einst in späten Zeiten

Unter Trauerweiden

Feuchten Auges steht,

Bis die Nebel sinken

Und die Fluren winken,

Wo die Palme weht!

Am Anfange der Osterferien.

1826.

Auf, auf, mein Herz, der Frühling ist da,

Laß schweigen das nächtliche Sehnen,

Hast wacker gekämpft, die Stunde sie naht,

Wo Kronen der Liebe dich krönen!

Auf, auf, mein Herz, die Lerche schwirrt,

Es senket der Lenz seine Flügel,

Auf, auf, nach der Heimath durch Wald und Flur,

Hinaus über grünende Hügel!

Warum so still, wenn die Freude Dir lacht?

Hast Du nicht dem Himmel vertraut?

Und hat der beglückende Frieden in Dir

Nicht gold’ne Palläste gebaut?

Hast Du nicht errungen das Wonnegefühl,

Gekämpft und gesieget zu haben?

Hast du in den niederen Gängen der Lust

Die Hoffnung der Eltern begraben?

Warum so still, wenn der Frühling Dir lacht?

Wenn himmlische Freuden Dir winken?

Bald sollst Du an liebender Vaterbrust

Die Wonne des Wiederseh’ns trinken!

„Wohl bin ich so still, ob die Freude mir lacht,

„Wohl hab’ ich dem Himmel vertraut;

„Wohl hat der beglückende Frieden in mir

„Die gold’nen Dächer gebaut;“

„Wohl schwirret die Lerche, es lächelt so klar

„Der Aether in freundlicher Bläue,

„Wohl nahen die Freuden, die himmlischen all’,

„Mit Kränzen der Liebe und Treue:“

„Doch ach, mein Harren und Sehnen ist hin,

„Das innig und heiß mich durchglühte,

„Ich kann nicht mehr wünschen, mein Hoffen ist hin,

„Gepflückt ist die köstlichste Blüthe.“

Ach! süßer entfloh’n, und ich wußte es nicht,

Im Harren und Sehnen die Stunden,

Die Frucht ist gereift, die Blüthe verwelkt,

Die Krone der Freude empfunden!

Am 8. December.

Sieh, wie buntes Schneegewimmel

Spielet durch den öden Himmel,

Und es heult der Stürme Wuth.

Ob auch mit erstorb’nen Lilienwangen

Die Natur im Schlummer ruht,

Ist mir doch ein Frühling aufgegangen,

Und (ich fühl’ es an dem Wogen

Dieser übersel’gen Brust)

In mein frohes Herz gezogen,

Reich an Blüthen, reich an Luft.

War nicht heute, freudig tönt’s die Laute,

Beben’s meine Saiten nach,

War nicht heute jener frohe Tag,

Wo Dein Blick dies schöne Leben schaute?

Ach, Geliebte, war’s nicht heute?

Wo ich, noch ein Knab’, an Deiner Wiege saß,

Und mein Lieblingsspiel vergaß,

Und der Schwester königlich mich freute,

Selig dir ins Auge blickte,

Ja, und dreimal glücklich war,

Wenn ich auf Dein kleines Lippenpaar

Dir den Kuß der Bruderliebe drückte?

Vierzehn Lenze sind geschwunden,

Doch des Knaben Liebe nicht.

Was ich damals schon empfunden,

Fühl’ ich noch in schönen Stunden,

Wenn Dein sanftes Angesicht

Treue Schwesterliebe spricht.

Hätt’ ich Hölty’s Lautenklang,

Ließe meine Saiten rauschen,

Daß die Engel mir im Himmel lauschen,

Säng’ ich meinen schönsten Hochgesang:

Nimmer würd’ es mir gelingen,

Meine Liebe Dir zu singen.

Wandle froh und glücklich durch Dein Leben,

Trau dem frommen, kindlich reinen Sinn,

Von den Engeln, welche Dich umschweben,

Sei die Sanftmuth Deine Führerin.

Unschuld, an der Liebe Hand,

Leite Dich zum bessern Land.

Ach, noch keinem Menschen war’s verliehen

Immer glücklich, immer froh zu sein!

Und soll über Dir auch eine Wolke ziehen,

Wohl, so sei’s im rosenfarbnen Schein,

Und sie senk’ in Freudenthränen sich

In Dein stilles Leben nieder.

Dann umlächle freundlich wieder

Dein entwölkter Himmel Dich!

Elegie
auf den Tod meines Kanarienvogels.

So bist auch Du des Todes Beute!

O namenloser Schmerz!

Auch Du, mein Glück und meine Freude,

Das einz’ge treue Herz?

Da liegst Du kalt und ohne Leben,

Geliebtes Thierchen Du,

Um Dein gesunk’nes Köpfchen schweben

Die Thränen süßer Ruh’.

Der frohe Lenz er kehret wieder

Mit seiner Blüthenlust,

Ihn grüßen nicht mehr Jubellieder

Aus Deiner frohen Brust.

Sonst, wenn die warme Frühlingssonne

Durch’s offene Fenster schien,

Sangst Du Dein Glück und Deine Wonne

In zarten Melodien.

Meiner kleinen Schwester,
an ihrem Geburtstage.

Spiele, holde Kleine

Mit dem gold’nen Sinn,

Durch Dein Rosenleben,

Spiele immerhin!

Schöne Blumen blühen,

Kleine, rings um Dich,

Lilien und Rosen

Duften rings um Dich!

Holde Vöglein singen,

Dir im Blüthenhain,

Deine Sonne leuchtet

Milden Purpurschein.

Himmel steh’n Dir offen,

Und herab zu Dir

Schweben kleine Engel,

Spielen gern mit Dir.

Winden mit Dir Kränze.

Deiner Locken Zier,

Pflücken mit Dir Blumen,

Freuen sich mit Dir.

Rufen die Gespielen,

Holde Kleine, Dir,

Bleib’, die Mutter weinet,

Bleibe, Kind, bei ihr.

Durch Dein Rosenleben,

Mit dem Engelssinn,

Mit dem frohen Herzen,

Spiele immerhin!


Ist mit der Freude doch der Schmerz im Bunde,

An Blüthen hängt der Thräne Silberschein,

Und mit der heitern schwingt die trübe Stunde

Sich durch der Tage bunt bekränzte Reih’n.

Das Leben ist gewirkt auf düsterm Grunde,

Es webt die Liebe nur die Blumen ein,

Und, wie sie zart von ihrer Hand gestaltet, –

Zu Deinen Füßen liegen sie entfaltet.

Betritt es nun das künstliche Gebilde,

Gern trägt die Blume Deinen zarten Fuß,

Es winkt die Rose Dir mit Frühlingsmilde,

Die Lilie ladet Dich mit sanftem Gruß,

Aus beiden weben sich die Lenzgefilde,

Durch die Dein Engel Dich geleiten muß.

Und glänzen Thränen je in Deinen Zügen,

Er wird sie Dir zu Diademen fügen.

Du hast ein ird’sches Leiden tief empfunden,

Das fern von Deinen Lieben Dich gequält.

Doch Kronen sind der Dulderin gewunden,

Und jeder Deiner Schmerzen ist gezählt.

Nun stehst Du da in blühendem Gesunden,

Von heller Jugend ist Dein Blick beseelt,

Und in dem ros’gen Aether Deiner Wangen

Ist uns ein neues Leben aufgegangen.

Schon wärmer strahlt die Sonn’ am Firmamente,

Bald kommt der Frühling aus dem fernen Land

Denn jugendlich, im Wechseltanz ohn’ Ende,

Umschweben uns die Horen Hand in Hand.

O daß der Lenz doch immer wiederfände

Im Kreise, die die Liebe Dir verband!

Das Lied verklingt, der Tag gebar sein Leben, –

Die Herzen nur, sie bleiben Dir ergeben.

Nachtwächter-Lied.

1831.

Hört, Ihr Herrn und laßt Euch sagen,

Ich bin der Nachtwächter von Freienhagen,

Hab’ Euch gesungen, wenn die Sternlein gelacht,

Hab’ Euch gesungen bei stürmischer Nacht,

Hört mein Lied Ihr Herrn und wacht!

Die Sternlein geh’n hinunter –

Halloh, Ihr Herrn, seid munter!

Die Glocke hat ein Jahr geschlagen!

Viel hat sich im Alten zugetragen.

Die Gemeinde hat sich ein neu Haus gebaut,

D’rin wohnt eine schöne Himmelsbraut,

Und das Fähnlein lustig vom Giebel schaut –

Wer reißt uns das Fähnlein herunter?

Halloh, Ihr Herrn, seid munter!

Bewahrt das Feuer und auch das Licht!

Und frevelt Ihr Herrn mit dem Funken nicht:

Ein Heerd steht in dem Gemeindehaus,

D’rin glüht eine Flamme Jahr ein Jahr aus,

Die bewahrt mir treu bei Sturm und Graus,

Behütet den heiligen Zunder!

Halloh, Ihr Herrn, seid munter!

Damit der Gemeinde kein Schaden geschicht!

Bewahrt treu und fleißig und schüret das Licht,

Das Haus umschleichet die Diebesbrut:

Sie wollen uns stehlen das heilige Gut,

Die Nacht ist dunkel, seid auf der Hut!

Die Sternlein geh’n hinunter –

Halloh, ihr Herrn, seid munter!

Und lobet Gott den Herrn!

Er sendet den Morgenstern!

Der lässet den Sturm auf der Erde weh’n,

Und die Sternlein auf und nieder geh’n!

Vertraut auf den Herrn in seiner Höhe,

Denn unser Gott thut Wunder –

Halloh, ihr Herrn, seid munter!

Es war mir heut’ Abend so einsam, so leer,

Als wenn ich von etwas geschieden wär’;

Mir war so betrübt, so wunderbar

Zu Muthe, weiß selbst nicht, was mir war;

Ich war verdrießlich und wußt’ nicht warum;

Aber ein Weh ging mir doch im Herzen herum,

Und wie nun der Herbstwind die Fenster schlug

Und das gelbe Laub durch die Lüfte trug,

Da blies fern, fern mit bebendem Ton,

Ein uraltes Lied ein Postillon.

Es handelt, ich hab’s einmal aufgeschnappt,

Vom Schatz, den einst der Postillon gehabt.

Es war nur ein Posthorn und ging mich nichts an,

Und des Postillons Schatz hat mir auch nichts gethan,

Ueberhaupt auch den Postillon kenn’ ich nicht,

Und doch hielt ich mir das Tuch vor’s Gesicht.

Gruß an die Heimath.

1838.

O was bewegt mir denn den warmen Busen,

Und warum schlägt mir denn das Herz so laut?

Es sind nicht Weihegrüße meiner Musen,

Nicht das Umfangen meiner lieben Braut.

Was soll, o Wanderer, dieses Zagen deuten?

Was trübt denn nun noch Deiner Freude Glanz?

Hab’ Muth, horch’ jener Abendglocke Läuten,

Es sind ja Töne Deines Heimathlands.

Wie oft hab’ ich in ewig weiter Ferne

Nach meinem Norden sehnsuchtsvoll geschaut,

Bei Nachts des Wagen siebenfachem Sterne

Die Grüße meines Herzens anvertraut.

Jenseit des Meeres dunkelblauen Wogen,

Dort, wo das Allah durch die Wüste klingt,

Fragt’ ich die Wolken, die nach Süden zogen:

Ist keine, die mir Gruß der Heimath bringt?

Und in der Pyrenäen Schreckensgründen,

Auf des Pelargus schauerlicher Höh’,

Im Schlachtgetös von tausend Feuerschlünden,

Vergaß die Seele nicht das tiefe Weh.

Der Heerden Glocken auf den Felsenklippen,

Der Wasserfälle Sturz, der Vögel Chor,

Gefall’ner Kameraden bleiche Lippen,

Erzählten mir von meiner Liebe vor.

Doch jetzt, wo mich der Heimath Thäler grüßen,

Erneut sich alles Leid und alle Qual;

Kein Balsamkraut, den Schmerz mir zu versüßen,

Und keine Blume find’ ich in dem Thal,

Gestorb’ne Liebe und zerriss’ne Banden,

Zerschlag’ne Freuden und zertret’ner Keim –

Kaum hat mich Einer hie und da verstanden:

Ein Fremdling schied ich, Fremdling kehr’ ich heim.

Nur eins mißlang den finsteren Gewalten:

Von allem, was das Leben mir zerbrach,

Hab’ ich doch meine Harfe noch behalten,

Und manches Lied, das mir am Herzen lag.

Im fremden Lande singt sich’s nicht von Herzen,

Und alles Leid und Lied geht Hand in Hand;

Drum kommt, ihr meine Lieder, helft’s verschmerzen;

Sei mir gegrüßt, mein theures Vaterland!

So send’ ich Dir denn dieses ohne Zaudern,

Verstehst doch Du mich bis zum Herzensgrund.

Laß so mich oft mit Deinem Herzen plaudern,

Und währe nicht geschwätz’gem Dichtermund!

Mir ist als würd’ ich von des Lebens Schaudern,

Von all dem Weh mit einemmal gesund,

Als könnte mit dem wunderbaren Klingen

Mein Herz sich alte Freud’ und Lieb’ ersingen.

So ist’s, schien einmal Dir mit Morgenröthen

Das Ideal tief in die Brust hinein,

So bleibt’s Dir treu, das Leben kann’s nicht tödten;

Und bist Du elend, gramvoll und allein,

Dann ruft es Dir mit fernen Himmelsblicken,

Du siehst’s verklärt in rosenfarb’nem Schein,

Auf sonn’gen Höh’n weht seine heil’ge Fahne,

Und Himmelswahrheit liegt in Sängers Wahne.

Mein Engel.

Heut’ vor ’nem Jahr, in fremdem Land,

Da hab’ ich krank gelegen,

Da that mich keine liebe Hand

In meinem Fieber pflegen.

Bei Nacht im dunkeln Krankensaal

Hob ich die schwachen Hände

Und bat, daß Gott mir endlich ’mal

Den Todesengel sende.

Der thät wohl auf und ab mit Ruh’

Von Bett zu Bette wandern,

Drückt hier und da die Augen zu

Dem einen wie dem andern.

Das meine ward – ich war so froh –

Von Tag zu Tage trüber,

Doch ging an meinem Bett von Stroh

Der Engel stets vorüber.

Wie gern ich auch die matte Hand

Ihm hingegeben hätte,

Ein and’rer Bote Gottes stand

An meinem Krankenbette.

Er trocknet mit dem weißen Tuch

Den Schweiß von meinen Wangen,

Und hielt mir hin den irdnen Krug,

That ich den Trunk verlangen.

Er hielt mein Haupt, wenn ich es schwer

Im stillen Kampfe neigte;

Es war ja Niemand um mich her,

Der mir den Dienst erzeigte.

Hat mir erzählt gar lieb und gut

Von meinem Heimathlande,

Als ich in einer Fiebergluth

Der Mutter Namen nannte.

Ich hab’ den Engel nicht geseh’n,

Und Niemand konnt’ ihn schauen,

Doch muß ich seit dem Aufersteh’n

Auf seine Vollmacht bauen.

Sehnsucht nach dem Tode.

Sei mir gegrüßt mit Deinem herben Leide,

Der trüben Sehnsucht, die Dein Herz bewegt.

So lieb nicht wärst Du mir im Brautgeschmeide,

Als mit der Perle, die Dein Auge trägt.

Die Thräne ward das Erbtheil für uns beide,

Schmerz gegen Schmerz sei liebend aufgewägt;

So herzlich grüß’ ich einst mit bleichem Munde

Den stillen Engel meiner letzten Stunde.

Ich schmäh’ das Leben nicht, wenn ich’s verlasse:

Es war ein blüthenreicher Frühlingstag;

Glaub’ nicht, daß ich das süße Traumbild hasse,

Weil’s mich belügend sein Versprechen brach,

Und daß mein Auge nicht, wenn ich erblasse,

Zurück sich zärtlich zu ihm wenden mag.

Schwur meine Braut doch bei des Himmels Pforten –

Sie log – und bin ihr doch nicht gram geworden.

Das Leben ladet uns zu frohen Festen,

Den Bettler wie den König allzumal,

Viel schöne Blumen schenkt es seinen Gästen,

Kredenzt mit Zauberlächeln den Pokal;

Wie Nachtigallenlied aus Blüthenästen,

Zieh’n Melodien durch den gold’nen Saal,

Hörst sanfter Flöten sehnsuchtsvolle Reigen,

Weißt nicht, von wannen sie herniedersteigen.

Und wie sie zu Accorden sich gestalten,

Da wird’s Dir weh um’s Herz, fühlst Dich allein,

Und lauschest durch entzückend helle Spalten,

Und siehst in rosenfarb’nem Morgenschein,

Sich einen strahlenden Palast entfalten,

Den tragen mit Gesang der Engel Reih’n;

Sein Reich sind Sterne, Himmel seine Stufen,

Von wo die Töne Deinem Herzen rufen.

Du willst sehnsüchtig an die Bretter pochen,

Weil Dir ein himmlisch Schauen nicht genügt,

Mit einem Finger sind sie leicht zerbrochen,

Ein armer Tischler hat sie einst gefügt.

Ein Priester drüber sein Gebet gesprochen,

Und eine Brust war drunter eingewiegt.

Zerbrich sie, glücklich Kind, mit Deinem Traum!

Eil’ hin zum blüthenreichen Weihnachtsbaum.

Sieh, darum lieb’ ich dieses arme Leben,

Weil’s mir die Aussicht auf ein höh’res gibt,

Ich dank’ ihm, weil’s die Ahnung ihm gegeben:

Weiß ich doch nun, was meine Seele liebt.

Mit Sonnenpracht wird sich die Schranke heben,

Wenn jenes Fest des Lebens einst zerstiebt,

Und klopf’ ich heimlich an die Gruft der Väter

Mit müdem Finger an die morschen Bretter.

Ach! Alles wird ja seinen schönen Lügen

Zum Raub’, es gibt Dir nichts an ihrer Statt;

Trinkst Du aus seinem Kelch mit vollen Zügen,

So macht es Dich noch ärmer, leer und satt;

Nahst Du mit still bescheidenem Begnügen,

Verspricht’s Dir, was es nicht zu geben hat;

Es läßt Dich arm mit seinen Herrlichkeiten:

Sieh’, darum möcht’ ich gerne von ihm scheiden.

Und kommt sie einst, die ernste schöne Stunde,

Wo los mein Geist sich von dem Leben reißt:

Dann gebe Dir mein Engel davon Kunde,

Damit Du, wenn ich scheide, bei mir seist,

Mit einem Wort aus Deinem lieben Munde

Der Seele, wenn sie zagt, den Aufschwung leih’st;

Dann magst Du mir die müden Augen schließen,

Aus denen nunmehr keine Thränen fließen.

Tröst’ das gebeugte Haupt, wenn es im Jammer,

Im Mutterschmerz an Deine Brust sich legt.

Sag’ meinen Schwestern, daß in stiller Kammer

Der Bruder nun nicht einen Schmerz mehr trägt;

Du aber schaudre nicht, wenn Tischlers Hammer

Noch vor dem Herzen Deines Freundes schlägt,

Sieh aus dem Fenster ohne Thrän’ und Klagen,

Mich still an Deinem Haus vorüber tragen.

Reliquie eines Verschollenen.

Es gibt geheime Schmerzen,

Sie klaget nie der Mund,

Getragen tief im Herzen,

Sind sie der Welt nicht kund;

Es gibt ein heimlich Sehnen,

Es scheuet stets das Licht;

Es gibt verborg’ne Thränen,

Der Fremde sieht sie nicht.

Es gibt ein still Versinken

In eine inn’re Welt,

Wo Friedensauen winken,

Vom Sternenglanz erhellt;

Wo auf gefall’ne Schranken

Die Seele Hoffnung baut,

Und jubelnd den Gedanken

Den Lippen anvertraut.

Es gibt ein still Vergehen,

Ein stummer öder Schmerz,

Und Niemand darf es sehen,

Das schwer gepreßte Herz.

Es sagt nicht, was ihm fehlet,

Und wenn’s im Harme bricht,

Verblutend und zerquälet,

Der Fremde sieht es nicht.

Es gibt ein sanfter Schlummer,

Wo süßer Frieden weilt,

Wo stille Ruh’ den Kummer

Der müden Seele heilt. –

Doch gibt’s ein schöner Hoffen,

Das Welten überfliegt:

Da, wo am Herzen offen

Das Herz voll Liebe liegt.


Wenn draußen Baum und Strauch im Wetter wanken,

Und durch die Nacht des Sturmwinds Flügel weh’n:

Dann fühlt mein Herz geliebte Traumgedanken,

Gleich Todten in Kapellen, aufersteh’n.

Drin seh’ ich Heil’ge, die mir längst versanken,

Einher im Geisterlicht des Mondes geh’n;

Drin mauert ungeschickt mit hellen Zähren

Mein Engel an verfallenen Altären.

Ich höre Töne, lange nicht gekannte,

So lieblich, Stimmen gleich im Paradies,

Doch frag’ ich, wer mir aus dem Zauberlande

Die Himmelstöne wiederkehren ließ?

Und frug ich jene Heil’ge, wer sie sandte?

Und meinen Engel, wer ihn mauern hieß?

Die Traumgedanken all’, woher sie kamen?

Nennt Traum und Ton und Engel Deinen Namen.

Ach, jene Tön’, aus Aether zart gewoben,

Belauscht’ ich einst mit hochentzücktem Ohr;

Von Ahnung ihrer Göttlichkeit gehoben,

Schwang meine Psyche selig sich empor:

Da griff mich eine Riesenfaust von Oben,

Hinab mich schleudernd, den verweg’nen Thor,

Hinunter, wo sich ächzend und erblindet,

Tellurisches Gewürm im Staube windet.

Du sollst verflucht sein und verdammt Dein Wesen,

Und Bettler sollen auf Dich niederseh’n,

Sollst keuchend Deinen Schritt, den schulgemäßen,

Im Kreis des menschlichen Getriebes geh’n,

Und nimmer in dem gold’nen Buche lesen,

Wo Deiner Träume süße Bilder steh’n;

Was Du gesä’t mit kindischem Begreifen,

Soll nicht im Staube Deiner Erde reifen.

Da faßte mich wahnsinniges Verirren,

Der Geist vergaß die knechtische Geduld,

Ich warf mich in der Sinne süßes Wirren,

Verhöhnte Menschenwitz und Götterhuld;

Ich warf mich in der Schwerter wildes Klirren,

Von Tod und Leben fordert’ ich die Schuld:

Sie blieben Schulden, weder Tod noch Leben

Hat meine Traumwelt mir zurückgegeben.

So kehrt’ ich denn zur fernen Heimath wieder,

Und fragte nach dem früh verlor’nen Pfad,

Da, wo im Kindergarten fromme Lieder

Sein erst’ Gefühl mein Herz gestammelt hat,

Bückt’ mich zum Sande, wo ich spielte, nieder,

Und zu den Blumen, die mein Fuß zertrat,

Und sucht’ aus Asche von erstorb’nen Flammen

Mit warmen Thränen meine Welt zusammen.

Da trat’st Du zu mir, nach so langem Meiden

Erschienst Du mir wie aus dem Zauberland,

Gabst mir die Klänge, die den Knaben weihten,

Und meinen Heiligen ihr Meßgewand,

Gabst mir das alte Spiel der gold’nen Saiten,

Die Kelle meinem Engel in die Hand,

Und gabst mir Alles, Alles freundlich wieder,

Und neue Ahnung zeugte neue Lieder.


Was treibt mich hin zu Dir mit Macht?

Was gab mich Dir zu eigen?

Was hast Du in mir angefacht,

Das ich Dir muß verschweigen?

Ach, was zu Dir mich zieht,

Kein Name nennt’s, kein Lied,

Und Töne können’s nicht bekunden,

Doch ewig hat’s mich Dir verbunden.

Und Deiner Stimm’ und Deinem Wort,

Wer gab ihm die Gewalten,

An meines Herzens tiefsten Ort

Gebieterisch zu schalten? –

Mich reißt’s mit trunk’nem Sinn

Zu Deinen Füßen hin.

Darf’s auch mein Auge nicht bekunden,

Doch ewig hat mich’s Dir verbunden.

Ich wünsch’ es mit geheimer Lust,

Und fürcht’ es doch zu sagen,

Wie lieb ich Dich in meiner Brust

Seit Monden schon getragen.

Verschmähtest Du mein Herz,

Verging’s im stummen Schmerz,

Es liebte Dich mit tausend Wunden,

Und ewig blieb es Dir verbunden.

Im Namen eines dreijährigen Kindes am Geburtstage seines Vaters.

Ich habe geschlafen,

Ein Kindlein süß,

Und habe geträumt

Vom Paradies,

Und habe geträumt

Vom himmlischen Spiel,

Und habe geseh’n

Der Engel viel.

Und einen mit langem

Gelockten Haar,

Der nahe dem Vater

Zur Rechten war.

Der hatte ein Auge

So mild und fromm,

Und sprach so freundlich:

„Mein Kindlein komm!“

Es sind die Kindlein

Mir immer fern,

Für wen Du bittest,

Den segn’ ich gern!

Ich schlug in die Hände

Und bat: Papa!

Und darauf erwacht’ ich,

Und Du warst da.

Die Waldmühle.

Was rauschet dort unter des Waldes Eichen?

Ein Gießbach ist’s mit geschwätzigem Mund,

Und unten, da liegt, umschirmet von Zweigen,

Die Mühl’ im blumigen Wiesengrund.

Da treibet des Wassers Stärke

Bei Tag und bei Nacht die Gewerke;

Es wälzt, von der tobenden Welle gefaßt,

Schwerfällig das Mühlrad seine Last.

Und kommt des Weges, bei nächtlicher Weile,

Der Wandrer gegangen, so hört er alsbald

Die Wasser schon rauschen in flüchtiger Eile,

Und höret der klopfenden Hämmer Gewalt,

Und sieht im Mondschein die Wogen

Zerstieben in glänzendem Bogen.

Doch kommt er näher, da faßt’s ihn an,

Ein leises Grauen den Wandersmann.

Denn, wo sich die tosenden Räder schwingen

Und wühlen im gährenden Wasserschlund,

Da hört’ er mit lieblicher Stimme singen,

Wie Geister tief unten im feuchten Grund.

Drauf sieht er mit eignen Augen

Einen Arm aus den Wellen tauchen.

Und ziehet heim, von Gedanken schwer,

Und erzählet Niemand die schaurige Mähr’.

Ein Töchterlein einst von wenig Jahren,

Das hatte der Müller mit Liebe gepflegt,

Er mochte das Kind als sein Kleinod bewahren,

Es war ihm vom Himmel an’s Herz gelegt.

Das spielt’ einst in friedlichen Träumen

Ganz nah, wo die Wogen schäumen,

Und pflückte sich duftende Blümchen ab

Am Rande vom tobenden Wellengrab.

Und wie es sich bückt, zieh’n fremde Gewalten

Das Kind tief hinab, wo die Strudel geh’n,

Und die Himmlischen können’s nicht mehr halten,

Und es sinket hinab, und es ist gescheh’n!

Schon wälzet das Mühlrad die Speiche

Zermalmend über der Leiche,

Und siehe, des Kindes purpurnes Blut

Färbt röthlich die schneeweiße Wasserfluth.

Dort, wo sich die Räder brausend schwingen,

Und wühlen im gährenden Wasserschlund,

Wo’s der Wandrer höret so lieblich singen,

Wie Geister tief unten im feuchten Grund,

Ist des Waldmüllers Kind begraben,

Das die Räder zermalmet haben,

Und spät, wenn die Wasser noch rauschen mit Macht,

Da klinget die Stimme ganz hell durch die Nacht.

Und es winket das Aermchen mit Liebesgeberde:

„Lieb’ Vater, lieb’ Mutter, was weinst Du so sehr?

„Hier unten ist’s freundlich, ist kühler wie Erde,

„Lieb’ Vater, lieb’ Mutter, o weine nicht mehr!“

Den Müller faßt es mit Grausen,

Wenn er höret die Stimme draußen.

In nächtlicher Stunde, bei Wetter und Wind,

Da singt das ertrunkene Müllerkind.

Schweizers Sehnsucht.

O wer kühlt dies bange Sehnen,

Das mich glühend heiß erfüllt,

Und in stille warme Thränen

Meine matten Augen hüllt?

Nicht mehr kann ich sie verhehlen

Diese Schmerzen, die mich quälen,

Die sich ewig mir erneu’n.

Wenn die junge Morgenröthe

Freundlich von dem Himmel lacht,

Hab’ ich einsam, still und öde,

Eine bange Nacht durchwacht,

Und der erste Purpurschimmer

Hat den süßen Frieden nimmer

In des Schweizers Brust gesandt.

Ach, ein Land nenn’ ich mit Zähren,

Wo der Morgen schöner brennt,

Auf der Alpen Hochaltären,

Am entflammten Firmament;

Wo die Andacht Blicke feuchtet,

Wenn die große Fackel leuchtet,

In der Morgenröthe Gluth.

Jene Höh’n, wo seit Aeonen

In der Ewigkeiten Schooß’,

Jungfrau und Sanct Gotthard thronen,

Der am Morgen, herrlich groß,

Es der Erde froh verkündet,

Daß die Opfer angezündet

Frommen Dankes für den Herrn.

Wo der Aar in reinern Lüften

Kühner seine Schwingen hebt,

Ueber bodenlosen Klüften

Ungewohnt der Wandrer bebt,

Wo von friedlich stillen Matten,

Bei des Abends kühlem Schatten,

Heerden mit Geläute zieh’n.

Am Geburtsfeste Seiner Hoheit des Kurprinzen
(von Hessen-Kassel).

1838.

Es zieht die Welt in schimmernden Gestalten

Mit Freude bald, und bald mit Nacht und Grau’n,

Durch eine Brust, wo höhere Gewalten

Der Poesie die lust’gen Zelte bau’n.

Und wenn des Schicksals Händ’ ein Herz zerspalten,

Und wenn die Engel d’rin im Fenster schau’n,

Ist’s allemal ein Herz, das unter Bangen

Das Schmerzgeschenk von der Natur empfangen.

Doch was ergreift das Lied mit mächtiger’m Tone,

Als jene weithin leuchtende Gewalt,

Die majestätisch stolz dem Fürstensohne

Mit Purpurstrahlen um die Schultern wallt?

Als jenes Wort, das von erhab’nem Throne

Wie Blitz durch Vaterlandes Thäler hallt?

Als jene Hand, von deren sanftem Winken

Die Segnungen des Friedens niedersinken?

Denn Engel in den lichten Bäumen weben

Mit frommen Händen eines Königs Kleid,

Und droben, über allem ird’schen Leben,

Wird von dem Herrn der Fürsten Haupt geweiht.

Um ihren Scheitel, hellumleuchtet, schweben

Wie Genien die Ideen der Heiligkeit,

Und Gott, damit des Frevlers Blick entkräftet,

Hat seinen Stern auf ihre Brust geheftet.

Doch Du, den schüchtern meine Worte nennen,

So nah’ mein Herz auch Deinem Throne ist,

Wie muß für Dich nicht die Begeist’rung brennen,

Daß Du mein Fürst und mein Gebieter bist;

Ein Land, das meine Kinderspiele kennen,

Ein Volk, das seine Treue nicht vergißt,

Und Thäler blüh’n um Deines Thrones Stufen,

Wohin mich Lieb’ und Pflicht zurückgerufen? –

Vom Baierland, der hohen Röhn entwunden,

Zieht stolz die Woge Deinem Schloß vorbei,

Und wieder, mir der Schwester treu verbunden,

Als ob es Beiden leid zu scheiden sei,

Hat sie alsbald Dein schönes Land gefunden,

Und üpp’ger Segen, wie ein stolzer Mai,

Begleitet sie, wo auf die reichen Auen

Der Pagenburg Ruinen niederschauen.

Die rasche Schwester, die ihr Sachsen sandte,

Und der Kastal’sche Quell, der Marburg grüßt,

Der sanfte Strom aus nahem Bruderlande,

Die Welle, die auf gold’nem Grunde fließt,

Und jener Strom, an dessen Blüthenstrande

Die Winzer singen und die Rebe sprießt,

Sie zieh’n dahin mit träumerischen Grüßen,

Und winden schmeichelnd sich zu Deinen Füßen.

Aus Deinen waldigen Gebirgen dröhnen

Sturmwinde tausendjährigen Gesang,

Der seit den kräftigen Cheruskersöhnen

Durch alle vaterländ’schen Wälder drang.

Du neigst Dein Ohr, Du lauschest jenen Tönen, –

Es ist der Volkesliebe mächt’ger Klang,

Von dessen weithin brausenden Chorälen

Sie jetzt noch drüben über’m Rhein erzählen.

Wie Du da stehst in kräft’ger Jugendfülle,

Von sechs und dreißig Lenzen ausgeschmückt,

Von denen jeder in geweihter Stille

Mit einer Tugend Deinen Geist beglückt,

Und jeder seiner jugendlichen Hülle

Sanft eine neue Schönheit aufgedrückt!

Und so erhalte Dich in langen Jahren,

Der hoch gebietet über heil’ge Schaaren.

Wie du mit Weisheit sätest, also mächtig

Entsprieße nun die dunkel gold’ne Saat,

Und fruchtbeladen schatte segenskräftig

Der Baum, den Du gepflanzt auf Deinem Pfad!

So oft durch Deine Berg’ und Thäler prächtig

Der Lenz mit seinem neuen Jubel naht,

So bring’ er, wie des Orients Gesandten,

Des Glückes Gaben Dir aus Himmelslanden!

Und könnt’ ein Irrthum Dir die Liebe rauben,

Dir sagt’s Dein Muth, daß Du gefürchtet wirst.

Stolz auf dem Wagen, wenn die Rosse schnauben,

Stehst Du ein jugendlicher Trojafürst.

Doch wenn Du Liebe und Vertrau’n als Tauben

An Deinen königlichen Wagen schirrst,

So wirst Du unter siebenfarb’nem Bogen,

Ein Friedensgott, von Deinem Volk gezogen.

Nur klingend ist mein Lied dahin geflossen,

Die Worte hat der Sänger nicht bewacht,

Ein treu Gedächtniß hat er’s unverdrossen

Mit zagendem Gemüthe dargebracht;

Hat’s willenlos sich aus der Brust ergossen:

So zieh es hin, wo Deine Sonne lacht.

Mein Fürst! frag’ nicht, woher die Töne kamen,

Ich schrieb sie stolz in Deines Volkes Namen.

Mein Wunsch.

Ich wollte, ich hätte ein Häuschen im Thal,

Und nahe dabei eine Mühle,

Wo heimlich rauschet der Wasserstrahl,

Mit kreisendem Rade im Spiele,

Ein Gärtchen mit Bäumen und Blumen dazu,

Mit Tischen und Bank eine Laube,

Und vor mir die Birnen im Abendroth

Beim göttlichen Nectar der Traube.

Dann neben mir Rosen und, vernünftig und treu,

Einen Freund an der traulichen Stätte,

Ein lauschendes strickendes Weibchen dabei,

Das wäre, so wie ich’s gern hätte.

Die letzte Rose.

Wo sind sie, meine Schwestern, meine Brüder?

So strahlend, hell in jugendlichem Roth?

Die Erde nahm zurück die stolzen Güter,

Die Blume sank, weil sie der Sturm bedroht.

Wird doch mein eig’nes Haupt zur Stunde müder,

Um meine Wange haucht der frühe Tod.

Was mit mir lebt’ und blühte, sank darnieder,

Hin ist der Lenz, gestorben sind die Lieder.

Wo bist Du, schöner Zephyr, der die Wangen

So oft beim frühen Strahle mir geküßt?

Bist Du zu fernen Thälern hingegangen,

Wo nicht Dein Kuß die Trauernde vermißt?

Und wo bei Rosen, welche schöner prangen,

Dein leichter Sinn die Sterbende vergißt?

Komm einmal noch, eh’ meine Blätter sinken,

Die letzte Lieb’ aus meinem Kelch zu trinken.

Wo bist Du schnee’ge Jungfrau, Nievermählte,

Du schwesterliche Lilie, schönes Bild,

Der ich so oft in stiller Nacht erzählte,

Was tief mir im geheimen Busen quillt?

O wenn die Blume keine Freundin wählte,

Gäb’s Jemand, welcher ihre Sehnsucht stillt?

Gäb’s Jemand, welcher ihr Entzücken theilte,

Wenn Lieb’ und Freud’ in ihrem Kelche weilte?

Wo bist Du süßes Lied der Nachtigallen,

Das schmerzlich einst die Töne mir gereiht?

Ich lauschte Dir, und in den Laubenhallen

Verstandest Du mein Lieben und mein Leid.

Komm, traute Sängerin, die Blätter fallen,

Der Sturm raubt mir das bräutliche Geschmeid’.

Soll ich vergehen, einsam, unbesungen.

Und ist Dein Lied auf ewig mir verklungen?

Euch sei die letzte Thräne hingegossen,

Die auf dem welken Blatte sich noch hält,

Mein Kelch ist unentfaltet, kaum entsprossen,

In meinem Innern trag’ ich eine Welt,

Die unentweiht, geheimnißvoll verschlossen,

Mit mir hinab in’s Reich des Todes fällt.

Die Rose mag, von Lieb’ und Lied verlassen,

Mit unentweihtem Herzen früh erblassen.

Weh mir! der Sturm mit mächtigem Getose,

Er bricht hervor in unbarmherz’ger Wuth.

Umsonst umhüllen mich die weichen Moose,

Der Paladin, in dem die Rose ruht.

Wie? stamm’ ich nicht aus königlichem Schooße?

Und fließt nicht tausendfach ein fürstlich Blut

In meiner Adern zierlichen Geweben,

Die noch kein Vater wieder hat gegeben?

Drum, die Du wandelst dort auf grünen Wegen,

Die schlanke Huldgestalt, mir selbst verwandt!

Eh’ grausam mich entblättert Sturm und Regen,

Komm, pflücke mich mit Deiner schönen Hand!

So wird entzückend mich der Traum bewegen,

Daß ich die schwesterliche Lilie fand.

Dem Dichter gib die welke dann zum Erbe,

Daß unbesungen nicht die Rose sterbe.

Sonett.

Wenn ein Sonett auf Dich doch Jemand schriebe?

Wohl, Dir allein gehören diese Zeilen.

Vertrau’ ich gern doch dem Sonett zuweilen

Die heimlichen und die enthüllten Triebe.

Doch mein’ ich, daß es unvollkommen bliebe,

Je mehr ich auch an dem Sonette feile. –

Daß ich Dir lieber in die Arme eile

Mit einem Kusse meiner Bruderliebe.

Wohl geht’s mir öfters so mit solchen Dingen,

Die ich im Liede nimmer sagen mag,

Obwohl sie seit des Lebens erstem Tag

Wie angeboren meine Brust durchdringen.

Sie klingen ewig mir im Herzen nach,

Und doch kann ich sie nicht im Liede singen.

Sonett.

So eilst Du denn der Königsstadt entgegen,

Wird sich, wenn ihre Reize Dich umzweigen,

Zur Heimath liebend dein Gedanke neigen,

Und wirst Du deutschen Sinn im Busen pflegen?

Wo die Empfindung fremde Stempel prägen,

Wo Deines Vaterlandes Klänge schweigen,

Wird sich Dein Herz empfänglich für sie zeigen?

Und bleibt es treu den heimathlichen Schlägen?

O lebe wohl, viel hast Du hier erfahren,

Und trübe war, was auch Dir blühen mag,

Ich weiß es, Deiner Jugend Frühlingstag.

Doch Deiner Freunde Liebe folgt Dir nach,

Und bitten zu des Himmels heil’gen Schaaren,

Daß sie Dein Herz Dir und sich selbst bewahren.

Die Johannisblume.

Mein Leben glich einer Blume,

Dran hing manch schöner Tag,

Und jeder Tag war ein Blättchen, –

Bis das Schicksal die Blume brach.

Es pflückte meine Blättchen

Eins nach dem andern ab.

„Sieh her, ob Dir Dein Mädchen

„Die Liebe wieder gab:

„Sie liebt Dich,

„Sie liebt Dich nicht,

„Sie liebt Dich,

„Sie liebt Dich nicht,

„Sie liebt Dich doch.“

O mein Geschick, wie dank ich Dir!

Doch ach, warum spielst Du so grausam mit mir?

Nun steht mein Leben kahl und leer,

Kein Blättchen hat meine Blume mehr.

In der Ferne

Wohnt mein Glück,

Wie der Sterne

Gold’ner Blick.

In der Ferne

Wohnt mein Schmerz,

Ringt zum Sterne

Himmelwärts.

In der Ferne

Wohnt ihr Bild,

Und die Sterne

Grüßen’s mild.

In der Ferne

Wohnt mein Leid,

Sagt’s ihr, Sterne:

Lieb’ verzeiht.

In die Ferne

Schaut’ ich oft,

Hab’ zum Sterne

Treu gehofft.

Weit und ferne

Wohnest Du,

Ueber’m Sterne,

Meine Ruh’.

In der Ferne,

Dort und hier

Lieb und gerne

Bist Du mir.

Lieb und gerne

Du allein,

Ueber’m Sterne,

Wirst Du mein.

Ihrer Erlaucht der Gräfin von Schaumburg,

am 18. Mai 1839.

An Deiner Wiege standen höh’re Boten,

Ein jeder mit Geschenken für Dein Leben.

Sie schürzten den geheimnißvollen Knoten;

Dich sanft berührend mit den Zauberstäben,

Befahlen sie dem Glanz, dem morgenrothen,

Mit Schönheit Deine Glieder zu umschweben,

Und jeder hat die Tiefen Deiner Seele

Geschmückt mit einem himmlischen Juwele.

Der Engel Gaben sind Dir treu geblieben,

Sie strahlen hell, gleich Sternen in den Nächten;

Doch einer weihte Dich mit zarten Trieben,

Und eine Vollmacht trug er in der Rechten,

D’rin war Dein künftiger Beruf geschrieben:

In eine Krone Blumen einzuflechten.

Die Vollmacht schloß er sammt dem heil’gen Worte

Still ein an Deines Herzens tiefstem Orte. –

Einst gab ein Fürst, umbraust von Sturm und Wetter,

Die Zügel seinem jugendlichen Sohne,

Und stolz, wie zum Olymp der Sohn der Götter,

Stieg er empor zum väterlichen Throne.

Er ward mit Weisheit seines Volkes Retter,

Lieb’ und Bewund’rung wurden ihm zum Lohne, –

Doch einsam, unter’m Fürstenstern verborgen,

Trug er sein Glück, sein Lieben und sein Sorgen.

Da kamen still in Deines Herzens Grunde

Die Engel, Deine Vollmacht zu entfalten,

Sie gaben Dir von Deinem Loose Kunde:

An uns’res Fürsten Seite mild zu walten,

Mit ihm vereinigt zu dem ew’gen Bunde,

In Liebe neu sein Leben zu gestalten.

Du folgtest muthig jenem heil’gen Rufe,

Trat’st gottvertrauend zu des Altars Stufe.

Nun, wenn das Wort vom Throne niederrauschet,

Schnell wie ein Wetterstahl aus Himmelsweiten,

Und still gewärtig jedes Ohr ihm lauschet,

Sind’s Deine Blicke, die es sanft begleiten;

Und wenn das Volk vom Fürsten Liebe lauschet,

Dann bist Du freudelächelnd nahe Beiden,

Dein Beruf, Dein Wirken und Dein Lieben,

Stand in den Sternen, als Du wardst, geschrieben.

Und heute wieder ist der Tag erschienen,

Wo einst zuerst Dich Lenz und Leben fanden.

Wie einst an Deiner Wiege, Dir zu dienen,

Die hehren Boten aus dem Himmel standen:

So grüßen jetzt Dich mit holdsel’gen Mienen

Geliebte Pfänder segensvoller Banden,

Und über dem erlauchten Haupte weben

Wie einst Gestirne Dein zukünft’ges Leben.

D’rin ist kein Schmerz, d’rin waltet keine Klage,

Ein Ton der Freude wird es hell durchklingen.

Wenn um des Fürsten Bild doch späte Tage

Die Lorber seines Ruhmes prächtig schlingen,

Wird in dem Vaterland der Enkel Sage

Das fromme Lied von Deinem Namen singen.

Denn was da lebt in eines Volks Gemüthe,

Das lebt unsterblich fort in seinem Liede.

Und wenn bei Deines Tages Freudenkerzen

Mein Lied es wagt, sich vor Dir hin zu gießen,

So wehr’ ihm nicht (es kam aus tiefem Herzen)

Das anspruchlose Spiel zu Deinen Füßen.

Doch frag’ die Töne nicht nach meinen Schmerzen,

Wenn sie Dich huldigend, bescheiden grüßen.

Mein Lied darf kühn um Deine Blicke werben, –

Des Dichters Leid muß mit dem Dichter sterben.

An Betty
nach der Flucht ihres Kanarienvogels.

O gebiete Deinen Thränen

Und erheit’re Deinen Blick,

Denn es führt kein banges Sehnen

Deinen Flüchtling Dir zurück.

Deine Liebe so zu lohnen,

Mochte freilich treulos sein,

Doch die Schuld wird dem Entfloh’nen

Gern Dein Edelmuth verzeih’n.

Sieh’, wie’s draußen in den Auen

Dort und dort so freundlich wird,

Und wie lieblich in den blauen

Höhen schon die Lerche schwirrt.

Sieh nur, wie die Knospen schwellen,

Wie das Leben neu erwacht,

Wie aus den enteisten Wellen

Uns der Lenz entgegen lacht.

Hat Dir nie in solchen Tagen,

Wenn der Frühling aufgeblüht,

Schneller auch Dein Herz geschlagen,

Wärmer Deine Brust geglüht?

O dann richte nicht zu strenge,

Denn auch ein Kanarienherz,

Glaube mir, ist nicht zu enge

Für der Sehnsucht bangen Schmerz.

Denke Dir den armen Kleinen,

Male Dir sein hartes Loos:

Fern von den geliebten Seinen,

Schmachtend, seufzend, hoffnungslos!

Und nun schwebt der Lenz hernieder;

Draußen in der freien Welt

Rufen tausend frohe Brüder,

Die kein enger Käfig hält.

Schon verschwunden war sein Hoffen,

Ach! bis jetzt sein einz’ges Glück, –

Ha! da blieb das Thürchen offen, –

O, ersehnter Augenblick!

Freundlich, in der Freiheit Schooße

Winkte Wonne, winkte Lust,

Und es reifte jener große

Entschluß in der kleinen Brust.

O, nun konnt’ er freudig singen,

Hüpfend bald von Baum zu Baum,

Bald die ungewohnten Schwingen

Übend in dem freien Raum.

Doch, wie kurz war nur die Freude!

Als das junge Morgenroth

Purpur auf die Fluren streute,

Fand es ihn erstarrt und todt.

Ach! und Wald und Flur vereinte

Sich zur Trauer und zum Harm,

Jedes kleine Hälmchen weinte

Eine Thräne, hell und warm.

’s ist gescheh’n! Er ist geschieden!

Seine zarte Stimme schweigt,

Und hinab zum ew’gen Frieden

Ist das kleine Haupt geneigt!

Drum gebiete Deinen Thränen,

Und erheit’re Deinen Blick,

Denn es führt kein banges Sehnen

Deinen Liebling Dir zurück!

Worte,
gesprochen vor dem Anfange der Komödie, welche die Kinder aus dem Wimez’schen Institute aufführten.

Aengstlich treten wir und schüchtern

In der Muse Tempel ein,

In der Göttin Heiligthume

Den bescheid’nen Kranz zu weih’n.

„Welch gewagtes Unternehmen!

Kränze von so kleiner Hand,

Die ein Chor von kühnen Mädchen

Am Altar der Künste wand!“

O verzeiht, auf Eure Güte

Hat das bange Herz vertraut,

Und auf Eurer Milde gläubig

All sein Hoffen aufgebaut.

Hebt auch schüchtern und mit Zagen

Sich empor der scheue Blick,

Gern vertraut die Seele wieder,

Und die Hoffnung kehrt zurück.

Darum täuschet, Ihr Geliebten,

Nicht dies kindliche Gefühl!

Muthig haben wir gerungen

Nach dem heiß ersehnten Ziel.

Und verkündet Euren Beifall

Nur ein Lächeln, sauft und leicht,

O dann ist ja tausendfältig

Dieses schöne Ziel erreicht.

Wo der Seligkeiten höchste,

Wo nur Dank und Freude wohnt,

Wo mit diamant’nen Kronen

Euer Beifall uns belohnt.

Gesang der Sterne.

Wir ziehen über Berg und Thal

Und über’s weite Meer;

Wir ziehen über Menschenqual

Und Menschenglück daher.

Wir kennen, was in stiller Brust

Sich vor der Welt verhüllt,

Und was mit namenloser Lust

Ein einsam Auge füllt.

Und wenn der Schmerz die Seele quält,

Wir geben ihr die Ruh’,

Und wenn die Lieb’ ihr Glück erzählt,

So hören wir ihr zu.

Wir schau’n auf manches kühle Grab,

An dem ein Mensch sich härmt,

Und schimmern in die Laub’ hinab,

In der die Liebe schwärmt.

Wir reden mit dem Gram und sind

Stets mit dem Kummer wach;

Die Thräne des Entzückens rinnt

Gern unter unserm Dach.

Wir schlingen in den luftigen Höh’n

Den stillen frohen Reih’n,

Und scheinen Ruh’ und Wiederseh’n

In jedes Herz hinein. –

Der Liebe Sehnen.

(Einer andern Melodie untergelegt.)

Wer deutet mir dies bange Sehnen,

Das mir so warm im Herzen glüht,

Das nur nach Dir mich ewig zieht,

Und oft das Auge füllt mit Thränen?

Verschwunden ist mein froher Sinn,

Mein gold’ner Frieden ist dahin.

Heraus mein Herz, aus Deinem Kerker

Voll Schmerz und doch voll süßer Lust!

Was pochst Du an die enge Brust

So bang und ängstlich immer stärker?

Könnt’ ich zerbrechen, was mich hält,

Und eilen in die freie Welt!

Dir möcht’ ich stets in’s Auge seh’n

Und in Dein Antlitz, engelrein;

Wie selig, selig muß es sein,

In Deinem Anschau’n einst vergeh’n,

Und flieh’n im fessellosen Lauf

Vom Himmel zu dem Himmel auf.

Dort zu den Sternen ew’ger Liebe

O könnt’ ich schwingen mich empor,

Und suchen in der Welten Chor

Das Ziel von meinem Sehnsuchtstriebe!

Ach, selbst die Unermeßlichkeit

Ist für mein Sehnen nicht zu weit.

Ich seh’ den Frühling niederschweben.

Heran mit Deiner Blüthenlust,

Heran an meine enge Brust,

Du Lenz mit Deinem jungen Leben!

Die Knospe schwillt, das Jünglingsherz

Ergreift der Sehnsucht Wonneschmerz.

Ihr Nachtigall’n im Blüthenhaine,

Ihr Fluren im verjüngten Grün,

Ihr Blumen, die so freundlich blüh’n,

O sagt es mir, warum ich weine?

Warum, seitdem ich sie erblickt,

Kein Frieden meine Brust beglückt?

Veilchenstrauß.

Kauft, schöner Herr, die Veilchen!

Zwei Kreuzer gebt ihr mir!

Ich steh’ ein langes Weilchen

Bereits vergebens hier.

Mein Vater liegt im Grabe,

Meine Mutter liegt im Grab.

Herr, für die kleine Gabe

Kauft mir die Veilchen ab!

Geh, kleine Dirne, raff’ Dich!

Die so viel Geld begehrt!

Das Sträußchen ist wahrhaftig

Kaum einen Kreuzer werth.

Aß heut’ noch keinen Krumen,

Und, Herr, mich hungert sehr.

D’rum nehmt sie, nehmt die Blumen!

Gebt mir den Kreuzer her.

Das Mädchen gab die Veilchen, –

Da fiel ’ne Thräne darauf –

Der Herr, der nahm die Veilchen,

Die Thräne mit in Kauf.

Und wie er kommt nach Hause –

’s ist kaum ’ne Stunde her –

Da blühet an dem Strauße

Kein einzig Veilchen mehr.

Die Farben, die sie trugen,

Sie sind verwelkt und blaß.

Er will den Duft versuchen, –

Da sind die Veilchen naß.

Da faßt’s ihn erst mit Leide,

Und d’rauf unheimlich an,

Er legt den Strauß bei Seite,

Sieht nie ihn wieder an. –

Tag der Vereinigung.

Wann kommst Du Tag mit Deinem heitern Glanze,

Der mir das Kleinod meines Lebens bringt?

Wann kommst Du Tag, der mit dem Myrthenkranze

Das theure Haupt der Einzigen umschlingt?

Wann wirst Du mir, Du sel’ger Tag gewähren,

Was meine heiße Liebe lang’ ersehnt?

Tag meiner Tage, der mit Freudenzähren,

Gleich Demantkronen, meine Sehnsucht krönt?

Ziel meiner Wünsche, meines ganzen Strebens!

Du Sohn des Himmels, wann begrüß’ ich Dich?

Tag meiner Liebe Du, Tag meines Lebens,

Wann schüttest Du das Füllhorn über mich?

Ach, wann mit Deiner leuchtenden Aurore

Flammst Du herab auf meinen dunkeln Pfad?

Wann öffnest Du mir jene gold’nen Thore,

Durch die dem Göttlichen der Mensch sich naht?

Wann wird der Seelenbund geheiligt werden?

Wann werd’ ich, Vater in den ew’gen Höh’n,

Mit Allem, was mir theuer ist auf Erden,

Vor Deinem heiligen Altare steh’n?

Dich bittend: segne Deine frohen Kinder,

Laß über ihrem Glück Dein Auge sein!

Wann wird, Allmächt’ger, Deines Worts Verkünder

Das ird’sche Bündniß durch den Himmel weih’n?

Ja, Gott, in Deinem Haus, in Deinen Hallen,

Wo die Gebete mit dem frommen Lied

In großen Tönen zu dem Himmel wallen,

Wo Glück und Schmerz, und Lieb’ und Buße kniet, –

An heil’ger Stufe, wo in sanftem Weinen,

Der Knab’ einst seinen Glauben aufgebaut,

Wann wirst Du dort auf ewig uns vereinen,

Wann giebst Du, Herr, dem Jüngling seine Braut?

Komm schöner Tag, nach dem die Wünsche ringen!

Denk’ ich an Dich, bin ich ein sel’ges Kind.

O zögre nicht, weil Deine bunten Schwingen

Mit Himmeln ach, so reich! beladen sind.

Du wirst den Muth dem heißen Streben lohnen,

Der fernen Sehnsucht den geduld’gen Schmerz.

Komm, sel’ger Tag, mit Deinen gold’nen Kronen,

Schütt’ Deine Himmel in mein glücklich Herz. –

Siehst Du, wo im Abendgolde

Feurig dort die Berge glüh’n,

Wo im stillen Aether holde,

Leuchtende Gewölke zieh’n,

Dort liegt der ersehnte Strand,

Meiner Liebe Vaterland.

Und wo auf den fernen Hügeln

Dort ein Traum der Wehmuth liegt,

Wo die Taub’ auf weißen Flügeln

Schwebend sich im Azur wiegt, –

Hinter dem Gebirge weit,

Meiner Sehnsucht schmerzlich Leid.

Der Bürgergardist.

Seht dort den Mann mit Waff’ und Wehr!

Er schreitet so männlich und fest einher;

Ihm schmückt eine weißblaue Binde den Arm,

Ihm blitzt das Auge nicht toll und wild,

Er schaut so ernst, er schaut so mild,

Als trüg’ er’s im Herzen groß und warm.

Wer bist Du, Krieger, ich sah in der That

So einfach im Schmucke nie einen Soldat?

Wem dienst Du, sprich, Du ernsthafter Mann?

„Mir blühet ein einfach und schönes Loos,

„Still herrscht meine Königin, heilig und groß,

„Ihr gehör’ ich im Leben und Sterben an.“

Wo liegt das Land Deiner Königin?

Hat’s viele der Männer von Deinem Sinn?

Stellt’s viele Regimenter in’s Feld hinaus?

„Das Land meiner Königin ist nicht weit.

„D’rin schaffet und baut sie für jegliche Zeit

„Geräuschlos dem Frieden ein goldenes Haus.“

So ist Deine Königin reich an Gold?

Was erhältst Du, glücklicher Mann, an Sold?

Wie stark an der Zahl ist das stehende Heer?

„Reich ist uns’re Königin, reich unser Lohn;

„Wir stützen als fleißige Bürger den Thron

„Und greifen als Krieger für ihn zur Wehr.“

So sprich denn, Du Mann in schwarzer Tracht,

Wer ist Deine große ausländische Macht?

Nenn mir Deiner Königin heiliges Land.

„Die Ordnung ist meine Königin,

„Für sie geb’ ich Glück und Leben hin,

„Und das Land ist Dein eig’nes Vaterland.“

Die Natur.

Ist auch der Mensch voll Tück’ und Lügen

Ist doch die Erde wunderschön!

Und grinst der Haß aus Menschenzügen,

Die Liebe lacht von Thal und Höh’n.

Wie bist Du sanft, Du stiller Frieden,

In dem die Erde grünt und blüht,

So fern von allem Schmerz geschieden,

Der in der Brust des Menschen glüht!

Wie bist Du sanft, Du Lied im Haine,

Du Zephyr, der die Aeste wiegt,

Du Grün der Saat im Abendscheine,

Du Blau, das auf den Bergen liegt!

Nimm Du mich auf mit Deiner Liebe,

Mit Deinem Frieden Du, Natur,

Wenn auch kein Herz auf Erden bliebe,

Er hätte Trost, bliebst Du ihm nur!

Das Deine schlägt so warm und ewig,

Und seiner Reinheit sich bewußt,

Natur, Du heil’ge, in Dir leb’ ich,

Und ruh’ im Tod’ an Deiner Brust. –

Vaterfreude.[7]

Juchheisa, mein Junge, komm, gieb mir die Händchen!

Juchheisa, mein Bübchen, nun hat’s keine Noth!

Auf’m Ohr die Haube mit rosigem Bändchen,

Vom Trinken die andere Wange roth.

Juchhe, nun tanzen wir, gelt? Du bist froh,

Wenn ich mit Dir tanze und singe so so,

Und erzähl’ Dir vom Wolf und vom Schaf’,

Und wiege mein Paul’chen in Schlaf.

Horch, ’s war ’mal ein Mann, und ein Lämmchen, ein kleines,

Und der Mann, der hatte das Lämmchen so lieb,

Es hatt’ ein weiß Kleidchen, so schneeig wie Deines,

Und es war auch ein Wolf, ein gar arger Dieb,

Der wollte das Lämmchen gern kaufen für Geld.

Nein, sprach der Mann, nicht für die ganze Welt!

Papa kennt das Lämmchen gar wohl,

Es ist ja sein lieblicher Paul.

Und wenn dann mein Jüngchen ist größer geworden,

Dann kriegt er ’nen Säbel, den hängt er sich um,

Und kriegt eine Mütze mit goldenen Borden,

Und auch eine Trommel, und trommelt trum trum!

Und auch eine Flinte und Pulver und Schrot,

Dann schießen wir beide den Wolf maustodt,

Und schlafen dann ruhig und wohl,

Nicht wahr Du, mein herziger Paul?

Und marschier’n, wie die Preußen, durch die Gassen,

Gehst aber nicht fort in den Krieg hinaus?

Willst aber nicht Vater und Mutter verlassen?

Sonst grämt sich Papa und Mama zu Haus.

Wollen lieber Schildwacht zu Hause steh’n,

Damit der Mama kein Leids mag gescheh’n,

Denn lieb hat Mama Dich, mein Paul,

Nun schlafe, mein Bübchen, schlaf wohl!

Dann reist auch Papa und Mama mit dem Kinde

In ’nem großen Wagen in’s deutsche Land,

Und Paul nimmt den Säbel mit und auch die Flinte,

Und schlägt seinem Großpapa derb in die Hand,

Und sagt: ich bin zwar von kleinem Schrot,

Doch schieß’ ich die Wölfe, wie Spatzen, todt.

Puff, puff! schießt der liebliche Paul,

Nun schlafe, mein Bübchen, schlaf wohl!

Nun schlafe und träume vom deutschen Lande,

Und träume vom Mann und vom Wolf und vom Schaf,

Und träume vom Säbel mit goldenem Bande,

Und reise und reise im süßesten Schlaf.

Wir schießen die Wölfe, ja ja, sei still!

Wir schießen so viel, als mein Junge nur will.

Nun schlafe, mein herziger Paul,

Schlaf, schlafe, mein Bübchen, schlaf wohl!

Am Geburtsfeste S. M. des Königs der Niederlande,
Großherzogs von Luxemburg.

1840.

Der Winter naht, es brausen Sturm und Wetter,

Verblüht sind längst die Wälder und die Flur,

Und eingesammelt hat die welken Blätter

Und schlafen geht die liebende Natur.

Ein Land nur gibt es, das wir alle kennen,

Da weht ein Frühling, still und ungeschaut,

Der, statt im Blüthenwalde der Ardennen,

In unsern Herzen seine Tempel baut.

Und dieser Frühling da ist uns’re Liebe,

Mit der das Land stolz seinen König nennt,

Das sind des Volkes kindlich frommen Triebe,

Die’s jetzt und ewig seinem Herrn bekennt.

Das ist die Hoffnungssaat, die aller Orten

Jung, grün und herrlich in dem Lande steht,

Und die Er jüngst mit königlichen Worten,

Mir reicher Huld in unser Herz gesä’t.

Du altes Land, das nach so bitterm Harme

Sich zu des Thrones Füßen treu gelegt;

Du stolze Mutter, die auf Riesenarme

Die Wiege seines Königshauses trägt;

Du tapf’res Land, das einst so groß gestritten,

Du schönes Land, wo Reb’ und Aehre blüh’n;

Du treues Land, das einst so viel gelitten,

Was sind die Wünsche, die Dein Herz durchglüh’n?

Du Herr der Welten, wollst dem König geben

Den mächt’gen Segen Deiner Vaterhand!

Du woll’st bekleiden Sein geliebtes Leben

Mit Deiner Gnade köstlichem Gewand,

Und Sein Gemüth durch Kraft und Weisheit segnen,

Damit Sein Ruhm erblühe weit und breit,

Damit Sein Heil und uns’res sich begegnen,

Und wir Dich loben bis in Ewigkeit!

Was sonst noch unser Herz bedrängt, wir sprachen’s

Noch jüngst an Seiner Thronen Stufen aus.

Frag’ Keiner, was uns Noth thut, denn es sagen’s

Ein Mann dem andern sich von Haus zu Haus.

Es thut uns Noth ein kräftiges Beschirmen

Der alten Halle, die uns einst gebar,

Des heil’gen Hauses, das in mächt’gen Stürmen

Die Wohnung Luxemburger Treue war.

Dies Haus sind uns’re Bräuche, uns’re Sitten,

Und jene Einheit, die daraus ersteht;

Das ist der Dom, für den wir oft gestritten,

Von dem die Fahne uns’res Volkes weht.

Daß Gott den Blitz von diesem Hanse leite,

Und daß der schlaue Feind es nie entweiht!

Denn eines Volkes köstlichstes Geschmeide,

Das ist des Volkes Eigenthümlichkeit.

Und steht es fest in seinen guten Fugen,

Dann schleicht vergebens sich der Feind hinein,

Dann kümmern nicht uns jene Wunderklugen,

Die uns verbieten, was wir sind, zu sein.

Doch, was wir lieben und was uns erkannte,

Das komm’ herein, dem sei der Weg gebahnt.

Willkommen d’rum, erhab’ner Fürst, im Lande,

Wenn Dich der Mai an Dein Versprechen mahnt!

Ludwig Philipp.[8]

Frieden, um den Preis der Erde Frieden!

Manche Nacht – Europa ist’s bekannt –

Wenn der Schlaf die Millionen Müden

In die Fesseln seiner Macht gebannt,

Und die Sterne Frankreichs niederschieden,

Hing die Wage noch in meiner Hand, –

Da wirft Gott mit einem Wetterstrahle

Meines Sohnes Leichnam in die Schale.

Frankreich! siehe jenen Tempel zittern,

Dem ich deine Zukunft anvertrau’t!

Sieh, wie klagend unter den Gewittern

Von der Zinne hoch der Genius schaut!

Muß mein eigner todter Sohn erschüttern,

Was auf deiner Söhne Grab gebaut?

Und ein unerklärliches Vergelten

Opfern meinen Sohn für deine Helden?

Auf dem Pflaster, das in Juliwettern

Du erzürnt zum Thron geschleudert hast,

In den Tagen, die wir gern vergöttern,

Und wo deine eig’nen Söhn’ erblaßt,

Muß ein Schlag das liebe Haupt zerschmettern,

Das, wie du, die Despotie gehaßt?

Frankreich, Frankreich, deine Tempel beben,

Und es bebt, ich fühl’s, mein eig’nes Leben.

Diesmal hat’s getroffen! Unter sieben

Traf nicht Einer das ersehnte Ziel:

Meine Brust ist unversehrt geblieben

Bei dem mörderischen Würfelspiel.

Gott hab’ ich’s mit Danke zugeschrieben,

Bis das Haupt von meinem Kinde fiel:

Da just war der Fleck, da stirbt mein Hoffen!

Sieben Kugeln! Diesmal hat’s getroffen!

Fahre wohl denn, du geliebte Leiche,

Bis wir ewig bei einander sind.

Auf die Wange, wo vom Todesstreiche

Noch das Blut entsetzlich niederrinnt, –

Einen Kuß noch auf die Stirn, die bleiche, –

Dann leb’ wohl, mein liebes, liebes Kind!

O! daß mir des Weinens Tröstung wäre!

Gott! ein Königreich für eine Zähre!

Ja, ich fühl’s an meiner Pulse Schlägen,

Du nimmst meine letzte Kraft dahin.

Willenlos auf meinen dunkeln Wegen

Folg’ ich, wie ein Kind, der Führerin.

Ferdinand, ich zittre dir entgegen,

Ahnung sagt es meinem tiefsten Sinn.

Lebe wohl, und daß dich Gott verkläre!

O! ein Königreich für eine Zähre!

Frieden, den ich Frankreich oft erhalten,

Meiner eignen Brust versagt ihn Gott.

Wie dies Haupt, wird Frankreich sich zerspalten,

Und der Julithron der Welt zum Spott.

Neue Kugeln warten auf den Alten,

Rächend steigt der Bourbon vom Schaffot.

Frieden, um den Preis der Erde Frieden!

Und der Alte scheidet gern hienieden!

Was ist des Deutschen Vaterland?[9]

Wie hat das Lied so schön geklungen,

Das einst Herr Arndt, der Dichter, sang,

Und das wir Alle mitgesungen

Bei drei und dreißig Jahre lang?

Das Lied vorn deutschen Vaterlande,

Wo an dem Rhein die Rebe blüht,

Und wo, dem deutschen Rhein zur Schande,

Am fernen Belt die Möve zieht.

Und wo wir mit Vergnügen sehen,

Daß alle Länder, groß und klein,

Wie sie im Buch bei Deutschland stehen,

Das Vaterland des Deutschen sein.

Der Deutsche Bund – Gott geb’ ihm Friede –

Hat immer, seit der Völkerschlacht,

Bei diesem geograph’schen Liede

Ein fürchterlich Gesicht gemacht.

Und als der Deutsche Bund entschlafen,

Wie ist das Lied dahergebraust!

Wie ist’s den Fürsten und den Grafen

Gleich Sturmwind um den Kopf gebraust!

Boch-Buschmann, unser Deputirte,

Sang’s oft zu Frankfurt auf der Zeil,

Und wenn er jetzt sich nicht genirte,

Er säng’ das Lied noch alleweil.

Gesungen ward’s in allen Städten,

In allen Gassen ist’s erschallt,

Auch haben zwischendurch Musketen

Als Accompagnement geknallt.

Wohin ich mocht’ durch Deutschland wandern,

Am Rhein und an der Donau Strand,

Hat einer stets gefragt den andern:

Was ist des Deutschen Vaterland?

Da sprach an einem schönen Tage

Zu Wien Herr Raveaux frank und frei:

Daß nunmehr auf die ew’ge Frage

Die Antwort schon gefunden sei.

Doch dieses war nur eine Flause, –

Noch heute ist es unbekannt,

Noch singen sie bei jedem Schmause:

Was ist des Deutschen Vaterland?

Arndt saß hernach im Parlamente

– Inzwischen war ergraut sein Haar –

Sein Votum zeigte, daß am Ende

Sein Lied auch eine Lüge war.

Ja, eine rechte schöne Lüge,

Viel schöner als die Verse sind.

Ich wünsche wohl, daß ich mich trüge,

Wenn mir die Thrän’ vom Auge rinnt.

Blau, weiß, roth.

(Melodie: Les Girondins.)

Gott grüß’ euch Vaterlandes Farben!

Du stolze Fahne, blau, weiß, roth!

Für die einst uns’re Väter starben,

Mit Dir geh’n wir in Kampf und Tod.

Dreifarbig Band, umschling’ das Land,

Führ’ uns zum Sieg an Gottes Hand,

Zum Sieg oder Tod!

Hurrah, es lebe blau, weiß, roth!

Das Blau bedeutet Treu und Glauben,

Treu Gott und unserm Vaterland,

Den Ruhm soll keine Macht uns rauben,

Wir dulden weder Schimpf noch Schand’.

O köstlich Gut! o heil’ge Glut!

Vernichtung der Tyrannenbrut,

Uns Sieg oder Tod!

Hurrah, es lebe blau, weiß, roth!

Weiß glänzt das Kleid der Seelenreinheit,

Drum sei verdammt der Lug und Trug!

Noch Keiner schwang sich auf zur Freiheit,

Wenn er die Schuld im Herzen trug.

Rein sei die Hand zu Gott gewandt,

Die Rettung heischt für’s Vaterland.

Uns Sieg oder Tod!

Hurrah, es lebe blau, weiß, roth!

Blutroth, Du letzte uns’rer Farben!

Wenn Du uns rufst in Schmerz und Noth,

Wie andere litten, wie andere starben,

So geh’n auch wir in Kampf und Tod.

Nimm unser Gut, nimm unser Blut,

Nimm’s hin, du niederträchtige Brut!

Ja, Sieg oder Tod!

Hurrah, es lebe blau, weiß roth!

Bei Sebastopol.

1855.

Die Geschütze krachen, die Schlacht erbraust,

Das Gewehrfeuer rollt, die Rakete saust,

Der Tod zermalmet die Braven.

En avant! Seht, Brüder, die Mine springt,

En avant! Vom Malakoffthurme winkt

Die Tricolorfahne der Zuaven.

Die Nacht bricht an, der Tod ist nicht müd’,

Die Redouten springen, und roth erglüht

Der Nebel über dem Hafen.

Und unten die Stadt ist ein Feuermeer,

Und droben steh’n auf den Bergen umher

Die Linien, Garden und Zuaven.

Da bringen sie eben von Brück’ zu Brück’

Die Verwundeten in das Lager zurück,

Die zerstümmelten blutenden Braven,

Und vor jeder Bahre, die kommt daher,

Präsentiren im Flammenschein das Gewehr

Die Linien, Garden und Zuaven.

Da tragen sie einen Sergeant-Major,

Der in der Courtine den Arm verlor,

Und den halben Schädel im Graben,

Und am Malakoffthurme commandirte er Halt,

Und richtet sich aufrecht, die blut’ge Gestalt,

Der Sergeant-Major von den Zuaven.

Von der brennenden Stadt der rothe Schein

Und das Licht, das die springenden Forts ausspei’n,

Beleuchten sein Antlitz erhaben.

Er entblößt sein Haupt, daß die Wunde klafft,

Und nimmt zusammen die letzte Kraft,

Der Sergeant-Major von den Zuaven.

„Nun fahr’ ich mit Freud’ in die and’re Welt,

„Der Feind entflieht, Sebastopol fällt,

„Im Flammenmeere begraben!

„Lebt wohl, Cameraden! Vive l’Empereur!

Er stirbt, und es präsentiren das Gewehr

Die Linien, Garden und Zuaven.

Ferienweihe.

I.

Ich sitz’ im Garten, die gold’nen Schleier

Des Morgens rauschen um mich her,

Und Alles prangt in stolzer Feier,

Als ob’s ein heil’ger Sonntag wär’.

Nichts hör’ ich hier vom Weltgetriebe,

Und hinter’n Bäumen liegt die Stadt,

Mit ihrem Haß und ihrer Liebe,

Und Allem, was sie Schönes hat;

Mit ihrem Verdruß und ihren Freuden,

Mit ihren Straßen grad’ und krumm,

Mit ihren großen und kleinen Gebäuden –

Und vor Allem mit dem Gymnasium.

Und hinter’n Bäumen liegt die Stube,

Die stille Zeugin meiner Geduld,

Der Wissenschaft Gold- und Silbergrube,

Mit dem tintenbefleckten Schreibepult,

Und mit den Prüfungs-Exercitien,

Und zumal mit den Büchern rings herum,

Den tiefgelehrten und den witz’gen

Und dem ganzen heiligen Classikerthum.

Dagegen blühen mir hier die Rosen,

Und auf jeder strahlt ein Diamant;

Hier reifen die Pflaumen und Aprikosen

Und die Trauben an der Raketenwand.

Und ein Heer von Astern und Georginen

Und die Sonnenblumen stolzen Wink’s,

Sie grüßen mich mit gnäd’gen Mienen,

Und die Schwalben pfeifen rechts und links.

Und Lorbern mehr, als wir Dichter haben,

Sie schießen aus braunen Kisten empor,

Und ein freies Bienchen verließ die Waben,

Und singt melodisch mir um das Ohr;

Und erzählt mir alte Geschichten, die wußt’ ich

Schon, als ich noch ein Knabe war –

Ich glaube, sie machen sich über mich lustig,

Die Blumen, die Schwalben und der Lorber gar!

Ach, freilich ist ja der ganze Garten

Eine große lebendige Poesie,

Und ach, es bleiben die Dichtungsarten

Bei der Biene summender Melodie!

Curies! ich habe keine Schule heute:

D’rum glaubt’ ich, daß es Sonntag wär’,

Und horch! es bringen fernes Geläute

Die Morgenwinde zu mir her.

So läutet denn, ihr fernen Glocken

Mir feierlich meine Ferien ein, –

Dann will ich mit der Biene frohlocken

Und fröhlich und frei mit den Schwalben sein.

II.

Schwalben und Bienen.

Die Biene lebt in engem Kreise,

Der Garten nur ist ihre Welt –

Die Schwalben, sie sausen moderner Weise

Wie der Blitz durch die Luft über Stadt und Feld.

Die Schwalbe badet in Wolkenlüften

Und verzehrt die Mücken im Sonnenstrahl –

Die Biene badet in Rosendüften

Und schwelgt in ihrem ätherischen Mahl.

Verleb’ ich die Ferien in Schwalbenweise?

Versumm’ ich sie einsam in Bienenmanier?

Adieu, ihr Schwalben! und glückliche Reise!

Meine Welt ist der Garten, ich bleibe hier.

III.

Der Schwalben Spott.

Wohl denn! rief auf diese Begrüßung

Spottend die Schwalbe:

Herr Professor, Ihre Entschließung

Ist nur ’ne halbe.

Während Sie so mit der Biene summen,

Welken die Blüthen,

Und wenn Sie wieder in der Schule brummen,

Sind wir im Süden.

Während Sie zur Verzweiflung bringt das

Schneegewimmel,

Lacht mir – und wie anders klingt das! –

Blau der Himmel.

Und ihr Bienchen, von dem Sie prahlen,

Seh’ ich erstarren,

Während der Sonne warme Strahlen

Meiner harren.

Haben Sie Grüße nach Oestreich und Schwaben?

Und nach Algirien?

Bis die Gärten wieder Blüthen haben,

Sind wir die Ihrigen.

Von der Luxemburger Mosel.

Eile durch die Blumenauen,

Holde Mosel, nach dem Rhein,

Laß mir meine deutschen Gauen

Tausendmal gegrüßet sein!

Trage mit dreifarb’ger Fahne

Meiner Sehnsucht Schifflein fort,

Sei behutsam mit dem Kahne,

Bring’ mir ihn zu sicherm Port!

Eilt, ja eilt, ihr grünen Wogen!

Seid noch nicht im deutschen Land,

Wenn man’s euch auch vorgelogen –

Längst zerrissen ist das Band.

Glaubt es nicht dem Klang der Zungen,

Der da rechts und links erklingt,

Nicht dem Lied des Fischerjungen,

Der am Ufer drüben singt!

Glaubt es nicht der deutschen Hütte,

Die im Dorfe drüben steht;

Glaubt es nicht der deutschen Sitte,

Die in ihren Mauern weht;

Dürft’s auch nicht den deutschen Trauben,

Nicht einmal dem Bettlerkind,

Noch dem Meilenzeiger glauben,

Daß wir hier in Deutschland sind.

Flieht, o flieht, ihr grünen Wogen,

Thut’s dem Vater Rheine kund,

Was sie hier euch vorgelogen:

Hat geträumt dem Deutschen Bund,

Und im Schlaf, – daß Gott erbarme! –

Stahlen sie ihm Land und Leut’,

Und Franzosen sind wir heut’.

Will es nicht gerad’ verdammen:

Wer sein Kind von Haus’ entfernt,

Gibt’s hinaus zu welschen Ammen,

Daß der Bub’ französisch lernt. –

Aber daß das Kind, das deutsche,

Man zu Schimpf und Spott verkehrt,

Daß man’s die Beamtenpeitsche

Auf französisch tragen lehrt! –

Das in wilden Wellenschlägen,

Das erzählt dem deutschen Land,

Macht’s von Vaterlandes wegen

An dem ganzen Rhein bekannt!

Und vergeßt mir nicht das eine:

Meiner wärmsten Liebe Kahn,

Legt mir ihn am schönen Rheine

Bei dem schönsten Ufer an.

Es lag mir schon sehr lange nah’,

Der Welt eins aufzuspielen

Von jener Himmelsmusica,

Die ich wohl hört’, doch nimmer sah,

Und die die lieben Engelein

An jedem Tag, Jahr aus, Jahr ein,

In meinem Herzen singen. –

Nun mein’ ich wohl, ich hätt’s gethan,

Erhalt auch Lob von Vielen,

Doch hör’ ich’s recht genau mir an,

So klingt’s doch nimmermehr, nein, nein,

Doch nimmer, wie die Engelein

In meinem Herzen singen.

Die Fische.

In einer Kugel von Krystall

Zwei gold’ne Fischlein wohnten,

Die theilten ihre Schmerzen all

Seit vielen vielen Monden.

Doch war dem kleinen gold’nen Paar

Der Käfig nicht zum Leide,

Denn weil so eins beim andern war,

War’s eine Welt für beide.

Und weil Gelübd’ und frommer Schwur

Die kleinen Zungen banden,

So haben, Aug’ in Auge nur,

Die Fischlein sich verstanden.

Und grüßte draußen froh und laut

Das Vöglein in den Zweigen,

Hat eins das and’re angeschaut

Mit wehmuthsvollem Schweigen.

Und schienen in’s Krystall hinein

Der Abendröthe Strahlen,

That sich der Liebe heller Schein

In Fischleins Auge malen.

Sie träumten wohl von Meeresgrund,

Von ferner Wogen Schäumen,

Doch keines that dem andern kund

Sein Lieben und sein Träumen.

Und weil nun eins mit so viel Schmerz

Um’s and’re hat geworben,

Da ist gebrochen Fischleins Herz,

Und Fischlein ist gestorben.

Und weil’s mit Sprache nicht begabt,

Muß still das and’re klagen:

„Ich hab’ Dich doch so lieb gehabt,

Und konnt’s Dir doch nicht sagen.“

Morgenlied von dem Schäfchen.

Schlaf’, Kindlein, schlaf’,

Der Vater hüt’t die Schaf’,

Die Mutter schüttelt’s Bäumelein,

Da fällt herab ein Träumelein –

Schlaf’, Kindlein, schlaf’.

Schlaf’, Kindlein, schlaf’,

Am Himmel zieh’n die Schaf’:

Die Sternlein sind die Lämmelein,

Der Mond, der ist das Schäferlein –

Schlaf’, Kindlein, schlaf.

Schlaf’, Kindlein, schlaf’,

Christkindlein hat ein Schaf’,

Ist selbst das liebe Gotteslamm,

Das um uns all’ zu Tode kam –

Schlaf’, Kindlein, schlaf.

Schlaf’, Kindlein, schlaf’,

So schenk ich Dir ein Schaf’

Mit einer goldnen Schelle fein,

Das soll Dein Spielgeselle sein –

Schlaf’, Kindlein, schlaf.

Schlaf’, Kindlein, schlaf’,

Und blöck’ nicht wie ein Schaf’,

Sonst kommt des Schäfers Hündelein

Und beißt mein böses Kindelein –

Schlaf’, Kindlein, schlaf’.

Schlaf’, Kindlein, schlaf’.

Geh’ fort und hüt’ die Schaf’,

Geh’ fort, du schwarzes Hündelein,

Und weck’ mir nicht mein Kindelein!

Schlaf’, Kindlein, schlaf’.

Maria und der Doctor.

Es ist Nacht. Die düst’re Lampe scheint;

Am Bettchen sitzet die Mutter und weint,

Und das Fenster rasselt vom Wetter und Wind,

Und im Bettchen liegt das kranke Kind,

Und erzählt im Fieberbrande

Vom Engel im weißen Gewande.

Und die Mutter ringt sich die Hände wund:

Mach’ heil’ge Maria mein Kind gesund;

Wenn Du nur willst, hilft Dein Sohn geschwind,

Ein Wort von Dir, es rettet das liebe Kind.

Ich bau’ auf Deinen Namen,

So ist es gewißlich, Amen.

Kaum naht der Tag im Dämmerschein,

Da trat der gelehrte Doctor herein.

Der prüfet das Kind allüberall,

Und schüttelt den Kopf: ein bedenklicher Fall,

Den ich nimmer in Praxi erlebt.

Und verschreibt ein großes Recept.

D’rauf standen allerhand Sprüchelein

In Zeichen und Wörtern in Latein;

Der Apotheker hat d’rüber zwei Stunden geschwitzt,

Bis alles gestoßen, gemischt und gehitzt.

Sogleich hat der Trank das Leben

Dem Kinde zurückgegeben.

Die Mutter in freud’gem Herzensdrang

Ruft: Dank euch, Herr Doctor, mein Leben lang,

Ich kann euch nicht lohnen, was Ihr mir thut,

Und daß Ihr gerettet mein liebstes Gut;

Der Himmel in höheren Welten,

Der mög’ es euch reichlich vergelten!

Der Doctor streichelt sich stolz das Kinn,

Entläßt die Mutter mit frohem Sinn.

Die aber hurtig schließet sich ein

In’s heimliche Krankenkämmerlein,

Und wirft sich mit Schluchzen und Weinen

Auf die Knie beim Bette des Kleinen.

Es ist Nacht, und die düst’re Lampe scheint,

Am Bettchen noch kniet die Mutter und weint.

Warum weinst du Mutter noch himmelwärts,

Der Doctor hat ja getröstet dein Herz?

Doch nein, ich will dich nicht fragen:

Nicht alle Dinge lassen sich sagen.

Des armen Kindes heiliger Christ.[10]

Die Nacht war kalt und schaurig –

Du arme kleine Marie!

Sie wandert’ allein und traurig,

Und haucht’ in die Händchen und schrie.

Und sinket ermattet nieder,

Vom Froste starret das Blut.

„O könnt’ ich die bebenden Glieder

Beleben in wärmender Gluth!

Wie blinket das schöne Gebäude,

Erleuchtet vom Kerzenschein!

Da kehrte mit köstlicher Freude

Der heilige Christ wohl ein.

Er kam aus dem Feenlande,

Mit goldener Kron’ im Haar,

Im prächtigen Purpurgewande,

So herrlich und wunderbar.

Und bracht’ ein flimmerndes Bäumchen,

Und Aepfel und Nüsse daran.

Ach! wer doch beim flimmernden Bäumchen

Heut’ Abend sich freuen kann!

Nichts bracht’ er mir, nichts mir Armen!

Wie stürmet der brausende Wind!

Ach, wer, wer hat doch Erbarmen

Mit dem armen Bettlerkind?“

Und wie sie die müden Glieder

Nun ruhet auf kaltem Stein,

Und senket die Augenlieder,

Und schlummert ermattet ein:

Da kam er zu ihr im Traume,

Mit goldener Kron’ im Haar,

Im Kleide mit purpurnem Saume,

So herrlich und wunderbar.

Und schüttete köstliche Gaben,

Und goldene Früchte aus:

„Das Alles, Marie, sollst Du haben,

Willst Du mit mir geh’n in mein Haus.

Ich geb’ auch ein Bäumchen mit vielen

Hell flimmernden Lichtern Dir,

Und die Engel soll’n mit Dir spielen,

Komm, liebliches Kind, mit mir.“

Da that das Kind Millionen

Hell leuchtender Lichtchen seh’n,

Und es denkt, dort muß er wohnen!

Und es will mit dem Christe geh’n.

Und als nun die goldene Frühe

Verscheuchet die schaurige Nacht,

Da ist die kleine Marie

Nicht wieder aufgewacht.

Des Schweizers Heimweh.

Ewig Bangen, ewig Sehnen

Nach dem theuren Vaterland,

Nie das Auge ohne Thränen

Nach der Ferne hingewandt,

O wer kühlt mein Gluthverlangen,

Wer mein Sehnen, wer mein Bangen,

Ach, mit jedem Morgen neu!

Bei des Tages erstem Schimmer,

Bei der Sonne erstem Blick,

Freud’ und Leben kehrt doch nimmer

In des Schweizers Brust zurück;

Heerden blöcken, Glöcklein klingen,

Vöglein, die im Walde singen,

Ach, sie können fröhlich sein!

Wo die Alpenröschen blühen,

Wo am Morgen, herrlich groß,

Schreckhorn und die Jungfrau glühen,

Ach! der Heimath stillen Schooß,

Könnt’ ich euch, geliebte Höhen,

Nur noch einmal wiedersehen,

Eh’ das arme Herz mir bricht!

Wo der Aar in reinen Lüften

Kühner seine Schwingen hebt,

Ueber bodenlosen Klüften

Ungewohnt der Wandrer bebt,

Wo von friedlich stillen Matten,

Bei des Abends kühlen Schatten,

Läutend Heerden heimwärts zieh’n.

Wenn am Abend es sich röthet,

Und im still geword’nen Hain

Nur die Nachtigall noch flötet,

O wie bin ich dann allein!

Hör’ ich ihre sanften Lieder,

Kehret meine Sehnsucht wieder

Und das Herz will mir vergeh’n.

Ja, nach Dir ruft mich mein Sehnen,

Vaterland! Du bist gemeint,

Land, wo die Schalmeien tönen,

Wo mein Liesli um mich weint,

Du mein Thal, geliebte Höhen,

Könnt’ ich euch noch einmal sehen,

Eh’ das arme Herz mir bricht!

Der Morgen im Garten.

Wie herrlich! Ach, so sah ich nimmer

Die Blumen blüh’n,

So sah ich nie im Rosenschimmer

Den Garten glüh’n!

Wie jubelt’s in den blauen Lüften!

Der Freude Hauch,

Er weht in tausend Balsamdüften

Vom Blüthenstrauch.

Wohl saß ich oft in jener Hütte;

Wenngleich allein,

Konnt’ ich in meiner Blumen Mitte

So glücklich sein.

Und was des Abends stille Feier

Zum Herzen sprach,

Wehmüthig tönte meine Leier

Das Echo nach.

Jetzt weint die Seele vor Entzücken,

Zum Himmel steigt

Sie mit der Rührung feuchten Blicken,

Die Lyra schweigt.

O gold’ner Morgen, Blick der Liebe

Im Lenzgewand,

Vom Auge ew’ger Huld und Güte

Herabgesandt!

Wie will der Sterbliche Dich singen,

Der betend kniet?

Wenn Weltenharmonie’n erklingen,

Dann schweigt mein Lied!

Am Abend.

Senke Deine gold’nen Flügel,

Holder Abend Du,

Send’ auf Fluren und auf Hügel

Stille süße Ruh’!

Milden Trost auf herbe Thränen,

Guter Genius;

Schlägt mein Herz in bangem Sehnen,

Deinen Friedenskuß!

Alles ruht in Wonneträumen,

Jedes Auge blickt

Dankbar zu des Himmels Räumen,

Der den Frieden schickt.

Hüll’ auch mich in Deinen Schleier,

Seel’ger Abend ein,

Laß auch mich von Deiner Feier

Still gegrüßet sein!

Dann bring’ ich Dir meine Gabe,

Tief von Dank durchglüht,

Bringe freudig, was ich habe,

Dir ein sanftes Lied.

Nach Durchlesung
des vom Herrn Bischof zu Chersones und apostolischen Vikar, Johann Theodor Laurent, bei seinem Amtsantritte in Luxemburg erlassenen Hirtenbriefes.

1842.

Was fühl’ ich leis’ in meiner Seele beben?

Ist’s Deines Briefes kräft’ger Redefluß?

Ist’s Deiner Worte prächt’ges Bilderleben?

Der Sprache, meiner liebsten, eh’rner Guß?

Ist’s die Bewund’rung, die ich Deinem Streben?

Die Deinem Herzen mein Herz zollen muß?

Das Alles sagen Dir wohl tausend Zungen,

Mit Höherm aber hast Du mich durchdrungen.

Hoch auf den Bergen steht, auf grünen Matten,

Dem Himmel nahe, und die Seele frei,

So steht der Hirt im Wetterwolkenschatten,

Und fernhin klingt die liebliche Schalmei.

Da kommen, die sich früh verloren hatten,

Verirrte Lämmer aus dem Thal herbei.

Das sind die Töne, jene freien, süßen,

Die mich aus Deinem Hirtenbriefe grüßen.

Als ich ihn las, da glaubt’ ich weh’n zu hören,

Den warmen Hauch, der von dem Himmel dringt,

Den ächten Geist, der wie mit Engelchören

Durch jedes Deiner frommen Worte klingt,

Den Silberquell, der aus den gold’nen Röhren

Melodisch in das ew’ge Leben springt[11], –

Des Hirten Töne, die zu heil’gen Stufen

Verirrte Kinder seiner Heerde rufen.

Du fragst, ob ich bekannt mit jenen Tönen?

Kann ich verleugnen, was in’s Herz mir tief

Die Ladung, meinem Herrn mich zu versöhnen,

Einst an dem heil’gen Ostertage rief?

Und was mit ew’gem Heile mich zu krönen,

Mich auferweckte, als mein Leben schlief?

Nun ich die Töne hab’ von Dir vernommen,

Ist Dir zu danken dieses Lied gekommen.

Der Katholik.

Ich bin ein wahrer Katholik,

Ich sag’ es frei mit kühnem Blick,

Ich bin’s nicht blos im Gotteshaus,

Ich bin es auch im Weltgebraus’;

Ich leugn’ es nie und nimmermehr,

Und wär’ der Teufel hinterher:

Bei Gott ist meine Hülfe.

Ich bin ein wahrer Katholik,

Zum Lügen hab’ ich kein Geschick;

Bin ich im Gotteshaus gekniet,

Was kümmert’s mich, ob’s einer sieht;

Schwätz’ ich nicht Jedem nach dem Bart,

Was thut’s? Ist Katholikenart:

Bei Gott ist meine Hülfe.

Ich bin ein wahrer Katholik,

D’rauf thu’ ich mir von Herzen dick;

Der Priester hat’s mich früh gelehrt:

Daß sich im Sturm der Christ bewährt,

D’rum, tret’ ich aus dem Gotteshaus,

Dann ford’r’ ich kühn die Welt heraus:

Bei Gott ist meine Hülfe.

Ich bin ein wahrer Katholik

In Freud’ und Leid, in Schmerz und Glück,

Ich bin’s im Friede und im Streit;

Und wenn der Teufel Feuer speit,

Und wenn die Welt in Trümmer bricht –

Ich wanke nicht und weiche nicht:

Bei Gott ist meine Hülfe.

Ich bin ein wahrer Katholik,

Nicht blos für einen Augenblick;

Es geh’ uns gut, es geh’ uns schlecht,

Ich halte bei katholisch Recht;

Sag’s jedem Heuchler in’s Gesicht,

Ein Sohn der Kirche bist du nicht:

Bei Gott ist meine Hülfe.

Ich bin ein wahrer Katholik,

Ich bin kein eigennütz’ger Strick,

Der, wenn der Wind von Norden weht,

Für Gott und seine Kirche steht,

Doch wenn der Wind von Süden bläst,

Gott und die Kirch’ im Stiche läßt:

Bei Gott ist meine Hülfe.

In einer protestantischen Kirche.[12]

(Bruchstück aus einem ungedruckten Drama: „Der Katholik“.)

Kind.

Sieh Vater, offen ist die Thüre, laß

Zum erstenmal mich eine Kirche sehen.

Wie herrlich muß es sein in Gottes Hause!

(Sie treten ein.)

O Vater, sieh wie hoch die Bogen dort

Sich wölben und sich himmelaufwärts heben!

Sieh, wie die riesig großen Pfeiler streben.

Man sieht wohl gleich, daß hier ein heil’ger Ort.

’s ist schauerlich so hoch hinauf zu schauen.

Wer mochte, Vater, doch die Kirche bauen?

Vater.

O, das Gebäude ist schon alt, mein Sohn!

In finstern Zeiten, vor dreihundert Jahren,

Als überall noch Aberglauben herrschte,

Und alle Leute noch katholisch waren.

Da hat dies Gotteshaus schon hier gestanden,

Das sie „zu Uns’rer Lieben Frauen“ nannten.

Kind.

Da waren’s wohl die Heiden, die’s gebaut?

Vater.

Nein, Katholiken haben’s aufgeführt.

Kind.

Hu, Katholiken! Später, wie ich denke,

Erhielten wir’s von denen zum Geschenke?

Vater.

Nein, Kind, wir haben’s ihnen weggenommen.

So ist die Kirche nun auf uns gekommen.

Kind.

Oh! und wer ist denn Uns’re Liebe Frau?

Vater.

Das ist die heilige Maria, Kind,

Die Jesum Christum unsern Herrn geboren.

Die Katholiken glaubten auch an die,

Und warfen sich vor ihrem Bild’ auf’s Knie.

Kind.

Maria? Ei so hieß auch meine Mutter,

D’rum war sie auch so eine liebe Frau,

Wie ich’s noch heut’ in ihrem Bilde schau’.

Sie hatte mich so lieb, sie war so milde,

Und d’rum, Papa, hast du vor ihrem Bilde

Oft selbst geweint und auf den Knie’n gelegen.

Doch was mir, Vater, nicht gefällt, das ist,

Daß hier kein Schmuck und keine Bilder sind.

Vater.

Wir sind ja keine Katholiken, Kind!

Wir beten nur zu unserm Gott allein,

Zu keinem Bild, das würde Sünde sein.

Kind.

Es wär’ auch gar zu dumm, zu Bildern beten,

Ein Bild kann ja nicht hören und nicht reden.

Und dennoch ist’s so schön in deiner Stube,

Wo du die hohen Gäste gern empfängst,

Auch einsam wohl an meine Mutter denkst.

Ich weiß, obgleich ich noch ein kleiner Bube,

Daß mir’s einmal gelang, hinein zu schauen.

D’rin hängen Bilder, viel, mit gold’nen Rahmen.

Auch sah ich d’rinnen Uns’re Liebe Frauen,

Und wie sie Jesus von dem Kreuze nahmen.

Von allen Häusern hätt’ ich auf der Welt

Mir Gottes Haus am schönsten vorgestellt.

Vater.

Du mußt nicht denken, daß hier Gottes Wohnung.

Gott ist an jedem Orte, kein Revier,

Kein Raum und keine Mauer schließt ihn ein.

Er ist sowohl in meiner Stub’ als hier.

Kind.

Wenn ich Gott wär’, ich wär’ am liebsten hier,

Und prächtig schmücken ließ’ ich Alles mir.

Weißt du noch Vater, als du meiner Mutter

Die schöne neue Laub’ im Garten bautest,

Die wir so gern nach ihrem Namen nennen,

Und die ihr so gefiel, weil du sie ihr

Gewidmet und geschmückt; wo sie am liebsten

An jedem Abend mit uns Kindern weilte?

Da weilst du auch nun stets am liebsten, da,

So sagst du, ist sie dir noch immer nah.

Ja, wenn ich Gott wär’, unter allen Zonen

Thät’ ich am liebsten in der Kirche wohnen.

Da müßten an der Wand und in den Gängen,

Wie bei’m Papa, die schönsten Bilder hängen,

Und meine Mutter müßte bei mir sein.

Doch was bedeutet das Gefäß von Stein,

Dicht bei der Thüre zierlich eingemauert?

Ein Becken scheint’s, um Wasser zu bewahren,

Doch ist es nicht benutzt seit vielen Jahren,

Denn siehe, einsam haben Spinnen oben

Die grauen Schleier d’rüber her gewoben.

Vater.

’s ist ein Gefäß, aus dem sie Wasser nahmen,

Benetzend sich, wenn sie zur Kirche kamen,

In Vaters, Sohns und heil’gen Geistes Namen.

Kind.

Warum?

Vater.

Ich weiß nicht, ’s war so hergebracht,

Und darum haben wir’s nicht nachgemacht.

Kind.

Sieh, Vater, hier das große Eisengitter,

Dahinter seh’ ich der Verwüstung Spuren,

Und Mörtel, Steine, Bretter und Figuren,

Im Wirrwarr liegt’s vergessen und verlassen.

Unheimlich dämmrig ist’s an diesem Orte,

Wär’ ich allein, mich würde Furcht erfassen.

Vater.

Mein Kind, da stand der alte Hochaltar,

Nebst Tabernakel, wie’s gebräuchlich war.

Auf eines Heil’gen Grab ein großer Stein,

Geweiht zum Dienst des heil’gen Opfers ein.

Mit Blumen reich geschmückt von frommen Händen,

Und Bildern, Crucifix und Ornamenten;

Im gold’nen Meßgewand und Cingulum

Beging der Priester das Mysterium,

Und Alles büßend sich zur Erde neigte,

Wenn er die Hostie dem Volke zeigte.

Nun liegt das Ding zerbrochen und zerschlagen,

Ein traurig Denkmal aus vergang’nen Tagen.

Kind.

Sieh, ein zerschlag’ner Arm ist noch zu schauen,

Von Stein, zwei große Schlüssel in der Hand.

Wer that das, Vater? Immer sagtest du,

Altäre seien heilig, und in Ruh’

Soll man die Gräber und Altäre lassen.

Du lehrtest mich tief in der Seele grauen,

Als du erzähltest, wie das Römervolk

Die christlichen Altäre einst zerschlagen,

An denen fromme Menschen betend lagen.

O sicher stürzten dieses Heiligthum

Die Katholiken oder Römer um.

Vater.

Wir selber, Kind, die Protestanten thaten’s,

Und der Altar war ein katholischer.

Kind.

Wie Schade! da erblick’ ich unter Trümmern

Ein schönes Antlitz, fein aus Holz geschnitzt.

Wie lieblich seine sanften Züge schimmern!

Auch Brust und Arm, und auf dem Arme sitzt

Ein kleines Kind, dem sie die Hand zerschlagen.

Was ist das für ein Bild, es gleicht der Mutter?

Vater.

Das ist das Bildniß Uns’rer Lieben Frauen.

Nun komm! daß wir den Küster nicht verdrießen.

Kind.

Laß mich noch einmal dieses Bild beschauen,

Dann mag der Küster seine Kirche schließen.

Bei diesem Bilde schwindet alles Grauen.

Wie blickt es mich so wunderlieblich an!

Du liebe Frau, was hast du denn gethan,

Daß sie dich brachen, und dein Kind zerstießen?

Gern nähm’ ich’s mit in unser Haus, und träumte:

Ich sähe meine Mutter, und ich leimte

Dem Jesuskind’ ein and’res Händchen an.

Vater.

So willst du dennoch, Karl, ein Schreiner werden?

(Der Küster zieht die Thurmglocke.)

Kind.

Noch eins! sag’, warum, wenn die Sonne scheidet,

Die Glocke dreimal drei vom Thurme läutet.

Es weiß es Niemand, was der Gruß bedeutet.

Vater.

Das schreibt sich auch noch her aus alter Zeit.

Als nämlich Alles noch katholisch war,

Da hat man so das Angelus geläut.

Und wenn die Glocke dreimal drei erklungen,

Dann nahmen alle Leut’ von jedem Stande,

Der Städter, wie der Bauer auf dem Lande,

Der Bettler auf dem Feld, der Prinz im Schlosse,

Der arme Pilger, wie der Graf zu Rosse,

Von ihrem Haupt den Hut, und beteten

Ein still Gebet zu Uns’rer Lieben Frauen.

(Das Kind sinkt auf die Knie.)

Was bet’st du Junge, bist du nicht gescheid?

Ein protestantisch Kind hier auf den Knien?

Kind.

O, laß mich beten wie kathol’sche Leut’.

Lagst du doch vor der Mutter auf den Knien.

Laß mich bei Uns’rer Lieben Frauen beten!

Das Schreinerhandwerk will ich nicht betreten,

Doch bitt’ ich, Vater, daß ich auf der Erden

Weit lieber noch ein Katholik soll werden.

Vater.

Nun komm, die Nacht bricht ein, hier ist kein Zaudern.

Du plauderst grade, wie die Kinder plaudern.

(Sie verlassen die Kirche.)

Maria![13]

O Du süßester von allen Namen!

Wie so sanft durch meiner Harfe Saiten,

So melodisch, Deine Töne gleiten!

Wie Accorde, die von jenseits kamen,

Die aus unbekannten Herrlichkeiten

Leise Lüfte zu mir her geleiten, –

Lieblich, wie ein fernes sel’ges Amen,

Tönst Du, Name der Gebenedeiten:

Maria.

Dunkel ist die Nacht. Verirrt und müde

Hebt empor der Pilger seine Hände,

Daß ein Stern ihm Licht und Tröstung sende.

Da, wie wenn der Osten Purpur sprühte,

Wie wenn die Natur in Lieb’ entbrennte,

Wie das Morgenroth am Firmamente, –

Also flammt Dein Nam’ in mein Gemüthe,

Und ich nenn’ ihn tausendmal ohn’ Ende:

Maria.

Ja, den Morgen fühl’ ich in mir tagen,

Meine Seele glüht in heil’ger Freude,

Wenn Du einziehst, lieblichste der Bräute,

Wie ein Königsweib auf gold’nem Wagen.

Meine Blumen steh’n im Festgeschmeide,

Alle Berge steh’n in ros’gem Kleide,

Und die Glocken meines Innern schlagen

Ein unendlich liebliches Geläute:

Maria!

O Du Heil’ge! Sieh in anderm Bilde

(Denn wie Du bist, singen keine Lieder)

Nahst Du schöner meiner Seele wieder.

Nacht und Graus bedecken die Gefilde,

Mit dem Racheschwert aus Blitzen zieht er

Hoch einher der Herr und Weltgebieter, –

Plötzlich unter Donnerwetter, milde,

Blickst Du, Mond der Liebe, auf mich nieder,

Maria!

Wenn ich so die alten Lieder zähle,

Die ich frisch, von Melodien durchdrungen,

Froh und weinend in die Welt gesungen,

Fühl’ ich schmerzlich eine schwere Fehle.

Wo ein Kranz mir rund und schön gelungen,

Für die Welt nur hatt’ ich ihn geschlungen;

Keiner hat geheiligt meine Seele,

Kein Lied, keines ist für Dich erklungen,

Maria!

Sieh, mein Götze war ein ird’sches Lieben,

Ruhm und Ehre meine gold’nen Sterne,

All mein Dichten, Blüthen ohne Kerne,

Mein Talent im Dienst von eiteln Trieben.

Deine Bilder hatt’ ich lieb’ und gerne,

Doch Du selber bliebst mir ewig ferne.

Ferne? Nein, Du bist mir nah’ geblieben:

Meine Harfe tönt’, ich lausch’, ich lerne:

Maria!

Nun und ewig nur zu Deinem Ruhme,

Will ich rauschend meine Saiten schwingen,

Will sie Dir zum Weihgeschenke bringen,

Segne sie zu Deinem Heiligthume!

Wenn sich tönend Reim’ um Reime schlingen,

Soll Dein süßer Name sie durchklingen,

Und mein letztes Lied, Du Himmelsblume,

Jubelnd Deine Herrlichkeiten singen,

Maria!

O, ein Psalm ist schon allein Dein Name,

Und er tönt in allen Erdenkreisen.

Also laß auch mich Dein Sänger heißen,

Sei Du, Jungfrau, meine heil’ge Dame!

Lehr’ mein Lied nur einen einz’gen leisen

Wiederhall von jenen Himmelsweisen,

Meine Stimme, daß sie nicht erlahme,

Deine Schönheit für und für zu preisen,

Maria!

Du dagegen wollest für mich bitten!

Des Allmächt’gen donnernde Gewalten

Hätten längst mein sünd’ges Herz zerspalten,

Wenn nicht Jesus an dem Kreuz gelitten.

Bitt’ für mich, damit sie gnädig walten,

Und den Fluch von meinem Haupte halten!

Laß zu Jesus sich die Lieb’ inmitten

Meiner Seele wie die Blum’ entfalten!

Maria!

Und zum andern woll’st Du mir erflehen,

Daß ich spät und frühe Dein gedenke,

Treu und warm Dir meine Andacht schenke,

Und auf Dich stets meine Augen sehen.

Daß Dein liebes Bild sich zu mir senke,

Wenn mit Gaukelbildern mir die Ränke

Einer eiteln Welt den Sinn verdrehen,

Daß ich nimmer Deine Liebe kränke,

O Mutter!

Mutter! welch ein Schmerz in diesem Worte!

Ach, ich seh’ Dich mit den bleichen Wangen,

Wie die Söldner ihre Geißeln schwangen,

Seh’ Dich dringen durch die wilde Horde,

Und vergeh’n in jammervollem Bangen,

Als die heil’gen Lippen: Mutter! klangen,

Seh’, wie bei dem blut’gen Gottesmorde

Dir das Schwert durch’s keusche Herz gegangen,

O Mutter!

Dennoch gibt dies Wort mir Trost und süßen

Muth, verherrlicht und geehrt wie Keine,

Thronst Du ja in ew’gem Glorienscheine,

Und die Engel ruh’n zu Deinen Füßen.

Mutter! o wie ich vor Freude weine,

Daß Du, Mutter Gottes, auch die meine,

Daß ich Dich mit diesem Namen grüßen,

Zu Dir sagen darf, Du himmlisch Reine:

O Mutter!

Bitt’ für mich, bei Deines Sohnes Wunden!

Laß nicht seine Liebe von mir weichen,

Laß mich mehr und mehr Dir, Mutter, gleichen!

Und dann, in der letzten meiner Stunden,

Mutter, gib mir dann ein freundlich Zeichen,

Daß ich froh Dir mag die Hände reichen,

Und mein Herz dem ew’gen Licht gesunden,

Maria!

Maria in der Seele.[14]

O heil’ge Mutter, wie ich mich betrübte,

Und mich in Unruh’ quälte Nacht und Tag!

Eh’ meine Seele Dich, wie jetzo, liebte,

Und wie ich Dir’s zu sagen nie vermag!

Wie fühl’ ich, gleich dem mutterlosen Kinde,

Mein ganzes Leben so verwaist, so halb,

Und wie erbärmlich hab’ ich mit der Sünde

Gerungen, gleich dem Schäfer mit dem Alp.

Sieh, meine Seele war wie eine Hütte,

Die nur mit Mühe noch zusammenhält.

Der Felsen drohte, daß er sie verschütte,

Und durch die Fenster zog der Sturm der Welt.

Der Blitz, wie wenn’s den Untergang gegolten,

Umzingelte das Haus, und angstgepreßt

Hielt d’rinnen zitternd, wenn die Donner rollten,

Mein Glaube sich an Erdenhülfe fest.

Nun aber, seit Du Jungfrau eingezogen,

Ist meine Seel’ ein königliches Haus.

Zum Himmel wölben sich die stolzen Bogen,

Und seine Giebel trotzen Sturm und Graus.

Du wandelst durch die duftigen Gemächer,

Darinnen Flöten klingen und Schalmei’n,

Die Engel steigen nieder auf die Dächer,

Und Gottes Sonne scheint durch’s Fenster ’nein.

Wie kam’s doch? Hab’ ich oft zu Dir gebetet,

Freiwillig meine Seele Dir geschenkt?

Hab’ ich mich oft vor Deinem Bild verspätet,

In Deine Herrlichkeiten mich versenkt?

Du Kön’gin, hat mein Herz Dich eingeladen?

Rief meine fromme Kühnheit Dich herab?

Daß Deine Liebe mir so süße Gnaden,

So unverdiente Seligkeiten gab?

Ach nein, Maria, Du bist ungebeten,

Und aus Erbarmen mit des Sünders Last,

In meiner Seele dunkles Haus getreten;

In Scham erglüht sie vor dem hohen Gast.

Du kamst Dein Kind, Du treue Mutter, suchen,

Du hast’s gefunden, o wie wohl ist mir!

Nun mag der Sturm weh’n und die Hölle fluchen,

Mein Herz ist Dein, ich halte fest an Dir.

Dies Herz – Dein Frieden, Heilige, bewohnt es,

Und Du zerstreutest seine Angst und Qual.

Sieh, wie ein Wurm am sanften Licht des Mondes,

Erfreut es sich an Deinem milden Strahl.

O Heil’ge, bleibe bei mir jetzt und immer!

Und, Mutter, wenn der Tod mein Auge bricht,

Dann leuchte mir mit Deinem heiligen Schimmer,

Und führe rettend mich zum ew’gen Licht!

Die Verfolgung.

Halt ein! ihr Schergen diabol’scher Mächte,

Was soll das wüste Waidwerk Tag für Tag?

Ein Greis steht vor euch, hebt zu Gott die Rechte,

Vernichten könnt’t ihr ihn mit Einem Schlag.

Ist einer unter euch, ihr feigen Knechte,

Der ihm den weißen Schädel spalten mag?

Ich ruf’ euch zu mit aufgehob’nen Händen:

Halt ein mit eurer Treibjagd, eurem Schänden!

Ja, eine Treibjagd, denn mit frecher Stirne

Jagt ihr das Wildpret über Berg und Thal;

Gefangen schleppt ihr’s in die Fleischerschirne,

Und freut euch wohlgefällig seiner Qual.

Verwirrt hat euch der Teufel die Gehirne,

Woraus er lachend die Vernunft euch stahl.

Nun seid ihr seine herrschaftlichen Jäger.

Pfui! dreimal pfui für solche Würdenträger!

Doch hört! vielleicht noch respectirt ihr Schranken,

Vielleicht in eurer Brust ist noch ein Trieb.

Ein Klang aus frühern Jahren, der dem kranken,

Dem sturmbewegten Herzen theuer blieb. –

Dann thut es diesem einzigen Gedanken,

Thut’s dem, was euch noch heilig ist, zu lieb:

Halt ein! beendigt eure Jagd zur Stunde,

Gebt das Signal und koppelt eure Hunde!

Und thut ihr’s nicht, so höret mit Entsetzen,

Was dann geschieht, ich sag’s euch, ich, ein Greis.

Ihr denkt, das Wild würd’ sich zur Wehre setzen,

Mit Nimrod kämpfen die verfolgte Geis;

In euern Lanzen sich den Leib zerfetzen,

Und Rettung suchen um des Lebens Preis?

Wir würden euch, wie Tilly einst den Schwed’schen,

Den Zorn mit blut’gen Worten zukartätschen?

Aufspringen, denkt ihr, würden die Ementen,

Und rächend hoch auf Barricaden steh’n,

Die Glaubensbanner unter Sturmesläuten,

Wie Oriflammen, von den Bergen weh’n,

Und wir mit Stolz, gleich jenen Himmelsbräuten,

In Kampf und Tod für uns’re Kirche geh’n.

Ihr denkt’s? dann denkt es auch mit allen Schauern,

Malt eures Meisters Bild nicht an die Mauern!

Doch nein, dem edlen Hochwild gilt das Jagen,

Dem Hirsch, der stumm und ohn’ Empfindung scheint.

Nur wenn das Blei ihm in das Herz geschlagen,

Und tödtlich ihn verwundet hat der Feind,

Dann läßt er hör’n ein leises süßes Klagen,

Und was er nie gekonnt und that: er weint.

So leiden wir, so weinen wir und klagen,

Wenn eure Bleie uns in’s Leben schlagen.

Des Wildes Klageton stirbt unter Zweigen,

Der unsrige fliegt rasch zum Herrn empor.

Wenn eure Flüch’ hinab zur Hölle steigen,

Dringt uns’re Stimme bis zu Gottes Ohr.

Kein menschlich Tribunal bringt sie zum Schweigen,

Posaunengleich sprengt sie das Himmelsthor.

Gott schreibt sie in die großen Jagdannalen,

Um Wild und Jäger einst den Lohn zu zahlen.

’s war eine Zeit – vielleicht in stillen Nächten

Habt ihr sie wie ein Traumbild noch erblickt;

Es war die Zeit, eh’ ihr von finstern Mächten

Die Waffen lehrtet, die ihr auf uns zückt,

Eh’ ihr’s gelernt, mit Gott und Kirche rechten,

Und eh’ der Satan euern Geist berückt –

Ach! diese Zeit mit ihren Seligkeiten,

Sie ist verklungen wie ein Spiel der Saiten.

Ein festlich majestätisches Geläute

Rief euch, noch Kinder, in das Gotteshaus.

Ihr gingt mit Freudigkeit, wie wir noch heute,

Ihr trugt, wie’s Brauch ist, einen Blumenstrauß;

Wie Glanz des Himmels, wie der Engel Freude,

Sah euch die Unschuld aus dem Aug’ heraus –

Und ihr gelobtet euch im Sacramente

Dem lieben Heiland bis an’s Lebensende.

Noch seh’ ich euch am Tisch des Herren essen,

Und wie die Gnade euer Herz durchbrannt.

Noch seh’ ich euch die keuschen Lippen pressen

Auf’s Kruzifix in eurer reinen Hand.

O sagt, habt ihr die Thräne ganz vergessen,

Die damals euch im frommen Auge stand?

Wie weit ist’s doch, seit jenen schönen Tagen

Bis zu dem heut’gen mörderischen Jagen?

Und bringt euch, Buben, nichts mehr zu Verstande,

So denkt an jenen einz’gen heil’gen Tag –

Und dann – schlagt zu! dann laßt sie los, die Bande,

Dann schießt und mordet durch Gebüsch und Hag.

Noch nie gab’s so viel Edelwild im Lande,

Ein Jagen, wo’s geduldiger erlag.

Schlagt zu, ihr Herrn, und macht mir’s nicht gelinder!

Mein Weib ist todt, doch hier sind meine Kinder.

1848.

Ein wilder Sturm ist in die Welt gefahren,

Durchwühlt die Völker, wie ein brausend Meer.

Prophetenstimmen aus verklung’nen Jahren

Zieh’n wie Posaunentöne vor ihm her.

Entfesselt sind der Geister wilde Schaaren

Und die Empörung schwingt den blut’gen Speer.

Es ist ein Toben und ein wildes Kämpfen,

Als wälzte sich die Zeit in schweren Krämpfen.

Wer ist der Steuermann in solchen Wettern,

Wer ist der Geist, der über’n Wassern schwebt?

Ein Herrscher, der das Schiff aus morschen Brettern

Maschinenmäßig durch die Wellen hebt?

Ein Feldmarschall, der unter Bombenschmettern

Sich in die Weichen der Empörung gräbt?

Kann Menschenweisheit jenem Sturm gebieten,

Gibt uns ein Machtwort den verlor’nen Frieden?

Wohl mag ein Stern uns aus den Wogen retten,

Doch keiner, der auf Uniformen blinkt,

Wohl eine Hand vermag uns warm zu betten,

Doch keine, die ein irdisch Scepter schwingt.

Und für das Schiff gibt’s neue, sich’re Ketten,

Doch keine, die uns um die Freiheit bringt.

Wo Geister kämpfen mit der wilden Brandung,

Führt nur ein Geist die Ringenden zur Landung.

Der Stern, die Stella maris, die wir kennen,

Wir seh’n ihn hehr und schön vom Himmel schauen,

’s ist kein Pilot, der ihn nicht weiß zu nennen,

Den süßen Namen Uns’rer Lieben Frauen.

Wo gibt’s Fanale, die so glänzend brennen,

Wenn uns die Nacht umfängt und Tod und Grauen?

Das ist der Stern, vor dem in Sturmesreigen

Die Wogen ihre stolzen Häupter neigen.

Die Hand, das ist die Hand der Braut des Herren,

Die lehrend sich herab zum Schiffer neigt,

Die, wenn sich Fels auf Fels entgegensperren,

Ihm winkt und ihm die Fahrt zum Hafen zeigt,

Und, daß die Wogen ihn nicht abwärts zerren,

Den Segen ihres hohen Bräut’gams reicht.

Wo diese Hand regiert, von Gottes wegen,

Da geht das Schiff dem sichern Port entgegen.

Die Kette, die es hält für alle Zeiten,

Reicht von der Erde in die Ewigkeit,

Die Kette zweier Welten, die in beiden

Uns zur Gemeinschaft aller Heil’gen reiht –

Im Siegen, wie im Sterben und im Leiden,

In Nacht und Trübsal, Gnad’ und Herrlichkeit –

Das ist die Kette von Demant und Eisen,

Die keine Stürme dieser Welt zerreißen.

O süßer Meerstern, der vom Himmel d’roben

So mild und freundlich auf uns niederschaut,

O zarte Hand, der, wenn die Wellen toben,

Der Schiffer demuthsvoll den Kahn vertraut,

O diamantnes Band, von Gott gewoben, –

Ja, wenn es uns in Nacht und Stürmen graut –

Und wenn wir nichts mehr hoffen, nichts mehr lieben,

Wir glauben noch, denn ihr seid uns geblieben.

Komm!

O komm, still’ unser heißestes Verlangen,

O zeige Dich dem sehnsuchtsvollen Blick;

O wüßtest Du nur unsers Herzens Bangen,

Längst wärst Du bei den Trauernden zurück.

Mit Dir ist Fried’ und Freud’ hinausgezogen;

Seitdem Du fehlst, fehlt unser liebstes Glück.

So harrt die Braut nicht ihres Auserwählten,

Wie wir bisher die Tag’ und Stunden zählten.

O komm, o komm, ein Jammer ist’s im Lande;

Seitdem Du gingst, war’s eine schwere Zeit,

Ein Hurrah über’s and’re schreit die Bande,

Der Teufel machte sich noch nie so breit;

Doch wer sich zu der Mutter Gottes wandte,

Hat Dir schon manch Gebet geweiht.

O komm, du kannst’s ja, von Sanct Peter’s Stufen,

Hat Dir es Pius freundlich zugerufen.

O komm, Dir harren tausend Herzen:

Die Kirche mit der Glocken Jubelton,

Die Hochaltäre mit dem Schmuck der Kerzen,

Die Gläub’gen mit Gesang und Prozession;

Empfang’ die Lieb’ als Balsam Deiner Schmerzen,

Und für die uns’rigen sei Du der Lohn,

Damit uns so, mit Gott verbunden,

Das Leid vergeht, vernarben uns’re Wunden.

Gott sei geklagt, die Jungen und die Alten,

Sie fragen sich, was Deine Schritte hemmt?

Der Vater weiß, mit welchen Trotzgewalten

Der böse Geist sich Dir entgegenstemmt;

Doch wenn die Kinder ihre Händchen falten

Und Abends fragen, wann ihr Bischof kömmt,

Dann sagt die Mutter leise wieder: Morgen.

Das Kind entschläft, die Mutter wacht in Sorgen.

O komm, steh, alle Tage wird es trüber,

Die alte Zeit scheintodt stieg aus dem Grab,

Nicht ist, seitdem Du gingst, der Sturm vorüber,

Kein Retter uns erschien, der Frieden gab.

So komm denn Du, den Hermelin wirf über,

Gebiet dem Sturm mit Deinem gold’nen Stab,

Laß auf die Wogen, die wir bang durchlenken,

Sich Dein gewohnter Segen niedersenken.

Das Marienbild zu Rimini.

1850.

Wunder! Leben gießt sich in das Todte.

Durch des Menschen Machwerk zuckt der Geist,

Zuckt der Strahl, der als ein Himmelsbote

Die Gesetze der Natur zerreißt.

Seht, das Auge öffnet sich und milde

Strahlt es den unmittelbaren Gruß,

Und das Volk fällt nieder vor dem Bilde –

Signa dantur infidelibus.

Nun vom Volk zu des Allmächt’gen Throne

Hebt der Blick der Heiligen sich empor.

„Gott allein die Ehr’ und seinem Sohne,

Der zur Himmelskön’gin mich erkor!“

Sursum corda! und zum Herrn und Meister,

Mit des Auges seligstem Erguß,

Reißt sie aufwärts die erschrock’nen Geister –

Signa dantur infidelibus.

D’rauf der Heil’gen Auge senkt sich nieder,

Und zurück zu Staube sinkt das Erz,

Und das Volk wird seiner Sünde wieder,

Seines Fluchs bewußt das Menschenherz.

Laßt uns beten, beten tief im Staube:

„Herr zertritt mich nicht mit Deinem Fuß.“

Laßt uns einig sein in Lieb’ und Glaube –

Signa dantur infidelibus.

An Maria.

O Maria, laß gelingen,

Und sei meine Helferin,

Laß mich gut und recht vollbringen,

Was ich jetzt gesonnen bin.

Mutter Gottes, alle Tage

Warst Du bei mir, sonst und jetzt,

Und ich habe keine Klage,

Daß Du mich verlassen hätt’st.

Hilf mir auch bei diesem Werke,

Gib, wofern Du mich noch liebst,

Daß ich mir die Winke merke,

Die Du deinem Diener gibst.

Wenn’s dann geht, wie ich begehre,

Dann sei Dir das Werk geweiht,

Dir allein zu Ruhmes Ehre,

Mutter aller Herrlichkeit.

Dem hochwürdigen Herrn Pater Zobel,
Direktor des Jünglingsvereines, zu seinem Namenstage, den 7. December 1854, vom Vereine gewidmet.

Wenn ringsumher die Bösen uns umschleichen,

Dem Löwen gleich, der seine Beute sucht;

Wenn der Gesellschaft Fundamente weichen;

Wenn schlecht, was fromm, und gut ist, was verrucht;

Wenn Brüder, statt die Hände sich zu reichen,

Im Hasse einer wild dem andern flucht –

Wohin mit deinem süßen Himmelstriebe,

Wohin willst du dich flüchten, heil’ge Liebe?

Wenn ringsumher die Völker sich befehden,

Von West nach Ost die Kriegsdrommete klingt;

Wenn seinen Schlachtgesang auf fernen Rheden

Der Tod aus tausend Feuerschlünden singt,

Und, wo noch jüngst des Friedens Palmen wehten,

Der Haß die Fackel der Vernichtung schwingt –

O Liebe dann, zu welchen Freiheitsstätten

Willst du, der flücht’gen Taube gleich, dich retten?

Da öffnen sich die großen Geisterhallen,

Die ein Granit auf seinem Haupte trägt,

Wo ewig neu die Wogen niederprallen

Der Brandung, die an ihre Mauern schlägt.

Dort ist die Stätte, dorthin magst du wallen,

Dort, wo kein Streit des Menschen Herz bewegt,

Wo keine Ketten dich der Erde binden,

O süße Liebe, deine Ruhe finden.

Und hat dies heil’ge Dach zur rechten Stunde

Auch uns vereinigt, eine junge Schaar,

Zu Lieb’ und Treu’, zu brüderlichem Bunde,

Ein Obdach gegen Sturm und Tod’sgefahr:

So drängt es sich vom Herzen nach dem Munde,

Zu danken dem, der unser Leitstern war,

Der uns’rer Seelen träges Feuer schürte,

Und uns zum Tempel heil’ger Liebe führte.

Und alle Gnaden, die wir uns erwerben,

Und jeder Blick vom lieben Jesuskind;

Und jede Huld, im Leben und im Sterben,

Die aus den Händen der Maria rinnt,

Und jede Rettung, die aus dem Verderben

Der heil’ge Joseph unserm Bund gewinnt,

Ja, alles Gute, was uns Gott gesendet,

Sei dankbar unserm Führer zugewendet.

Lied für den Jünglingsverein.

1854.

Im Waffenkleid, in blankem Stahl

Vom Kopf bis zu den Waden,

Umsteh’n den tapfern General

Die muthigen Soldaten.

Im Auge blitzt der Heldenmuth,

Verachtung für die Schande.

Sie rufen laut – und schwenken den Hut –

Ein Hoch! dem Vaterlande.

Und Hoch! dem General, der sie

So oft ins Feld geführet,

Und gegen manche Schlachtbatt’rie

Die Truppen commandiret.

Der sitzt mit seinem Ordensband

Auf seinem stolzen Pferde,

Und dankt, an seinem Hut die Hand,

Mit freudiger Geberde.

Auch wir sind eine stärk’re Armee,

Als manche Contingente.

Es hängt uns zwar kein Portepee,

Kein Schwert um uns’re Lende;

Doch unser Schwert und uns’re Wehr,

Das ist der gute Glaube,

Der heil’ge Schutz von Oben her

Ist uns’re Pickelhaube.

Auch unser Herz durchglüht der Muth,

Auch wir verachten die Schande,

Und rufen auch – und schwenken den Hut –

Ein Hoch! dem Vaterlande.

Das ist noch größer als Oesterreich,

Als Preußenland und Polen,

Man mißt’s nicht aus, und lief man gleich

Auf Siebenmeilen-Sohlen.

Und alle Menschen wohnen d’rin,

Die Großen und die Kleinen,

Das Land umschließt als Hüterin

Eine Mauer von Edelsteinen.

Und unser Herrgott hat gesagt:

Mit Stürmen und Gewittern

Soll nicht die Hölle, wenn sie’s wagt,

Dies Vaterland erschüttern.

Es leb’ auch hoch der General,

Der uns zu Felde führet,

Und der uns nicht zum ersten Mal

Zum Kampfe commandiret.

Der sitzt nicht mit dem Ordensband

Auf einem stolzen Pferde:

Er trägt ein einfach schwarz Gewand

Und geht auf rauher Erde.

Nicht streng ist sein Commandowort,

Es dringt aus sanfter Kehle,

Und dennoch reißt’s wie Sturmwind fort,

Und dringt uns durch die Seele.

Er droht uns nicht mit Haft und Strang,

Der Feind nur kriegt die Hiebe,

Und unser ganzes Reglement

Ist guter Will’ und Liebe.

Sein Hauptquartier und Marschallzelt

Ist eine stille Klause,

Dort stünd’ ein jeder, wenn es gält’,

Als Schildwach vor dem Hause.

Wir halten bei ihm allzumal,

Im Frieden wie im Streite.

Es lebe unser Feldmarschall

In seinem Ordenskleide.

Der Jünglingsverein an seinen Director,
bei dessen Abreise nach Rom,

am 10. April 1855.[15]

Großer Jubel ist in Sion, und die Glocken rings im Land

Bringen uns die frohe Kunde, daß der Herr vom Tod erstand.

Und mit ihm aus langer Trauer ist erwacht die Creatur,

Wird’s lebendig in den Herzen und lebendig in der Flur.

O das ist ein Tag, da läßt sich wohl verwinden manches Weh,

Und der Erde Leid und Kummer schmilzt dahin wie Frühlingsschnee.

Zeigt sich dann im Menschenauge eine Thräne hell und klar,

Das ist der verwund’ne Kummer, der vor Gott zerschmolzen war.

Darum sind wir nicht zu klagen hier erschienen im Verein,

Nicht dem Schmerze, nur dem Wunsche wollen wir die Sprache leih’n.

Geh mit Gott, doch bleibe bei uns! In der Ferne bleib’ uns nah!

Deiner Kinder hier im Lande denk’ im Land Italia!

Wo Du weilest in der Ferne, fliegst auf rascher Eisenbahn,

Schaukelst auf der Ströme Wellen, oder auf des Meeres Plan,

Wandelst auf dem welschen Boden, unter’m blauen Himmelszelt,

Oder durch die ew’gen Hallen in der großen Stadt der Welt: –

Unsre betenden Gedanken geben treu Dir das Geleit,

Und die Heil’gen, die wir rufen, steh’n als Garde Dir zur Seit’.

Jesus, Maria und Joseph steigen mit Dir ein und aus,

Und zu Wasser und zu Lande fliegt ein Engel Dir voraus.

Aber, wenn Dein Werk vollendet und erfüllt ist Deine Pflicht,

Heim aus Roma’s Herrlichkeiten, heimzukehren zögre nicht.

Wenn Du an der reichen Quelle, an dem Born des Lebens trinkst,

Dann vergiß nicht Deiner Durst’gen, daß Du ihnen Labung bringst.

O dann zählen wir die Stunden, wo das Boot die Räder schlägt,

Das, vom lauen Süd beflügelt, den Geliebten zu uns trägt.

Und die Heiligen begleiten wieder Dich zu Land und Meer.

Zögre nicht! der Herr schickt wieder seinen Engel vor Dir her.

Segne uns noch, eh’ Du scheidest! Deine Schaar ist nicht verwaist,

Rufst Du betend auf sie nieder Vater, Sohn und heil’gen Geist.

Dann leb’ wohl auf Wiedersehen! und zum Liebespfand,

Daß sie aus der Fern’ uns leite, reich uns deine theure Hand.

Der Lehrer an seine Schüler.

Es ist ein heilig Band, das um die Herzen

Der Lehrer und der Lernenden unsichtbar

Die Wissenschaften und die Künste winden –

Ein Band, gar oft entweiht, doch unvergänglich,

Wenn die Gemüther sich einander finden.

Dies Band zu weben, sind geheime Geister

Mit raschen Händen früh und spät geschäftig.

Bald kommen sie auf Sternenhöh’n des Glaubens,

Die nicht des Menschen Auge schauen kann;

Bald aus den Räumen der geschaffenen

Naturwelt, die sein kühner Blick durchdringet;

Bald aus den Tiefen der Philosophie;

Bald aus dem bunten Reiche fremder Zungen,

Die der Verstand zur Harmonie gezwungen:

Bald aus des Alterthums entleg’nen Welten,

Von denen Weise jener Tage melden;

Bald aus den Wäldern weit entfernter Zonen,

Wo weder Thiere noch die Menschen wohnen.

So kommen sie, mit alt’ und neuem Leben,

Die unsichtbaren Geister, gleich den Elfen,

Aus allen Elementen, um zu helfen,

Geheimnißvoll der Liebe Band zu weben.

Doch kenn’ ich zwei von jenen kleinen Webern,

Gar sehr geschäftig, mächtig, flink Geschwister.

Die eine, ernst, mit blauem deutschem Auge,

Von reichem und harmonischem Gemüthe, –

Die Schwester, eine schöne Himmelsblüthe,

Die einst als Mädchen aus der Fremde kam,

Mit einem Füllhorn überird’scher Gaben.

Die erste trägt die Tafeln der Gesetze,

Wonach die Muttersprache tönt und klingt;

Die and’re mit dem Amaltheahorne,

Sie trägt die gold’nen Schlüssel zu dem Borne,

Aus welchem in melod’schen Wellen

Die Lieder uns’rer Dichter quellen.

Was hab’ ich diesen Schwestern zu verdanken,

Wenn jetzt auch uns mit Amaranthenzweigen

Die Früchte und die Lieb’ umranken,

Die sich so schön in diesem Strauße zeigen?

Dann bin ich glücklich, denn, wie jene Schwestern,

Zu allen Zeiten, heut’ wie gestern,

Ein ewig jugendlicher Hauch durchdringt:

So wird auch immer leben, was sie schufen,

Und oft den Freund, der ferne von euch geht,

Und jetzt bewegten Herzens vor euch steht,

In euer liebendes Gedächtniß rufen.

Lebt wohl, ich dank euch für die schönen Stunden,

Wo ihr der Muttersprache Melodien

Ein freundlich und empfänglich Ohr geliehen, –

Wo ich für kurze Zeit das Glück gefunden,

Mit euch durch jene Blumenflur zu ziehen,

In der wir manchen schönen Strauß gebunden.

Lebt wohl, und laßt der Welt ihr eitles Treiben!

Was uns verknüpft, muß ewig bleiben!

Epilog nach der Preisevertheilung
im K.-G. Athenäum zu Luxemburg

am 21. August 1853.

Verklungen sind die brausenden Accorde,

Die durch den glanzerfüllten Saal getönt;

Verhallt die Lieder, die gewalt’gen Worte,

Und all der Pomp, der dieses Fest verschönt.

Es schließt Athene ihres Tempels Pforte,

Heim zieht die junge Welt, von ihr gekrönt,

Und unter’m Jubel ist entzückter Wogen

Das hohe Fürstenpaar dahin gezogen.

Wir fragen, ist es Täuschung nur gewesen?

War’s nur ein Traum aus dem romant’schen Land?

Und haben wir ein Mährchen nur von Wesen,

Die uns die Zauberwelt der Feen gesandt,

Vom „Mädchen aus der Fremde“ nur gelesen,

Die den Geliebten ihres Herzens fand,

Und nun beglückend Alles, die Beglückte,

Mit Lorbern uns’rer Söhne Häupter schmückte?

Ach, so ist unser Dasein ein Entbehren,

Daß Aug’ und Herz sich selber nicht mehr trau’n,

Wenn ungetrübt mit seligem Verklären

Entzückungs-Stern’ in uns’re Thäler schau’n.

Wer uns besucht, war nicht ein Prinz der Mähren,

Nicht eine Königin der Elfenfrau’n –

Sie selber sind’s, und uns’re Herzen brennen,

Vor Freude, daß wir sie die unsern nennen.

Und konnten wir nicht fesseln die Sekunden,

Gebieten nicht dem Pendelschlag: halt ein!

Soll darum die Erscheinung ganz verschwunden

Und, wie ein Traumgebild, vergessen sein?

Herbei ihr Künste, die den flücht’gen Stunden

Unsterblich Leben bei der Nachwelt leih’n!

Ihr Maler mit der Dichtung um die Wette,

Herbei die Leinwand, Pinsel und Palette!

Malt mir ein Meisterbild – euch wird zum Lohne

Ein Ruhm, der durch’s Jahrhundert wiederhallt –

Malt mir auf sammtgeschmücktem Blumenthrone

Ein Wesen von ätherischer Gestalt,

Ein fürstlich Weib, und aller Frauen Krone.

Der Schönheit majestätische Gewalt

Laßt mit der Anmuth Grazie sich vereinen,

Und über sie der Jugend Frühling scheinen.

Malt ihr zur Seite, mit der bärt’gen Wange

Im kriegerischen Schmuck den Heldensohn,

Den Admiral von königlichem Range,

Der uns’re Flagge, wenn Gefahren droh’n,

Vertheidigt in der Stürme wildem Drange,

Zum Trotz den Wogen und dem Feind zum Hohn,

Dann laßt sich über beide Huldgestalten

Der Gattenliebe milden Glanz entfalten.

Malt mir das Paar von seinem Hof’ umgeben,

Und von der Würdenträger dichter Schaar –

Von Haus und Kirch’ und Staat ein buntes Leben –

Mischt Krieg und Frieden, Feder und Altar.

Laßt Sterne sich und Kreuze blitzend weben

In Seid’ und Sammt, auf Kriegskleid und Talar,

Und legt in all die Augen und Gesichter

Der patriotischen Begeist’rung Lichter.

Dann laßt die Wände beim Fanfarenschalle

Aus Blumenflor und Fahnen sich erbau’n.

Bevölkert mir die schön geschmückte Halle

Mit einem Meer von Jünglingen und Frau’n,

Mit tausend Köpfen, jung und frisch, die alle

Entzückt hinauf zum Fürstenpaare schau’n –

Und über’s Ganze laßt der Sonne Strahlen

Durch’s off’ne Fenster eine Glorie malen.

Doch jetzt – verstummt sind die Orchesterklänge –

Die Palme winkt, um die die Jugend stritt –

Und siehe, zagend aus der bunten Menge

Ein schmucker Jüngling nach dem andern tritt.

Sein Auge glänzt, die Brust wird ihm zu enge,

Zur Fürstin lenkt er ungewohnt den Schritt,

Und dem Erglüh’nden reichen ihre Hände

Mit Grazie der Athene Lorberspende.

Mag dir dies Alles, Maler, wohl gelingen –

Ein and’res Reich gehört dem Sänger zu,

Wo die Empfindung fleugt auf Adlerschwingen,

Und nicht des Raumes Schranken kennt, wie du.

Das Geisterreich, wo die Gefühle ringen,

Ist uns’rer Brust geheimnißvolle Truh.

Die Thräne kann kein Pinsel wiedergeben –

Was sie gebar, kann nur im Liede leben.

O diese Thrän’, ich sah sie blitzend scheinen

Aus deinem Auge, Jüngling, saphirblau;

Und schlecht verbarg ein Tuch sie in den deinen,

Als man ihn krönte, du glücksel’ge Frau.

Verhüll’ sie nicht, dich ehrt dein stilles Weinen –

Der stolzen Mutterliebe selt’ner Thau.

Mit solchen Perlen mag sich keine messen,

Die dir Tragödien durch die Wimper pressen.

Auch Vater du? o eine Manneszähre

Trifft wie ein Schwert das Herz, das sie verstand.

Zerdrück sie nicht, du würd’ger Greis, und wehre

Dich nicht gewaltsam, wenn’s dich übermannt,

Und vom Empfindungs-Sturmwind gleich dem Meere,

Das kein ohnmächtig Wort der Sitte bannt,

Dein altes Herz, im Fundament erschüttert,

Unter’m Ungestüm des Augenblicks erzittert.

Wie habt ihr, seit ihr an des Knaben Wiege

Mit ihm gespielt und kummervoll gewacht,

Um ihn gesorgt, gelitten, dann im Kriege

Mit seiner Leidenschaften wilder Macht

Ihn im Gebet begleitet bis zum Siege,

Und nun – nach all der Zweifel banger Nacht –

Die reiche Ernte mit den gold’nen Halmen,

Und solch ein Sonnentag mit seinen Palmen!

Und wenn ich Dir, erhab’ne Fürstin, heute,

Was uns’re Seele hat so tief bewegt,

In Deinen mütterlichen Klängen deute,

Kühn will ich’s sagen, was die mein’ge hegt:

Wird Dir einst eine Bürgschaft Deiner Freude,

Ein süßes Pfand der Lieb’ an’s Herz gelegt,

Dann wird’s darin mit Flötenstimmen tönen:

Nur Elternfreude mag die Welt verschönen.

(Nach gegebenen Endreimen.)

Die Herzen knüpfen schneller ein Bündniß, als die Staaten. –

Ein junger Gärtner machte im Garten den Besuch,

Und sah nach seinen Blumen, mit vorgebund’nem Tuch,

Die Aermel aufgewickelt, und in der Hand den Spaten.

Die Rosentöpfe standen gereiht auf der Estrade

Nah’ bei dem Strom – da plötzlich, jenseits am andern Strand,

Erschien ein lieblich Mägdlein, die bunte Kränze wand.

Er warf ihr eine Rose hinüber an’s Gestade.

Das Kind war schön – so malet kein Pinsel, keine Kreide –

Die feinste Huldgestalt, wie gewebt aus Blüthenduft.

Er schwur in seinem Innern: ja, ja, ich bin ein Schuft,

Sah ich in meinem Leben ’ne schön’re Augenweide.

Sogleich umschlangen beide der Liebe seidne Stricke,

Sie steckt’ in ihre Flechten die Ros’ aus seinem Topf,

So ward der Bund geschlossen – die Ros’ in ihrem Zopf

Ward so der Liebe Sprache, der Liebe Pfand und Brücke.

An P. Klein’s Grabe.

(15. Oktober 1855.)

Auch Du? so jung, so frisch, die Brust voll Lieder,

Das Herz voll Hoffnung, das Gemüth so traut!

Und nun erstarrt die Augen, die so bieder,

So froh und gläubig in die Welt geschaut!

Leb’ wohl, o Freund – schon rollt die Scholle nieder –

Leb’ wohl! ach, mit der Scholle dumpfem Laut

Hör’ ich den letzten ird’schen Klang verschweben

Von Deinem reichen und geliebten Leben!

Doch wen beklag’ ich? Wenn uns Todesmahnen

Und Klagelieder hier am Grab’ umweh’n;

Wenn Deine Schüler mit beflorten Fahnen,

Mit Thränen Deine Freunde Dich umsteh’n –

Sieht unser Glaube Dich auf Sonnenbahnen,

Ein freud’ger Held, dem Ziel entgegengeh’n.

Und rein die Freude droben zu erfassen,

Hast Du der Erde Leib und Schmerz gelassen.

Dort ist erfüllt Dein Sehnen und Verlangen.

Was Du hier unten träumtest halbbewußt,

Ist Dir im Lichte Gottes aufgegangen.

Und Kindern gleich umspielen Dich mit Lust,

Die hier nur unverständlich in Dir klangen,

Die Ideale Deiner Dichterbrust.

Ein jedes Leiden, jeder Schmerz hienieden,

Wird eine Krone Dir im ewg’en Frieden.

Leb’ wohl! Wir seh’n Dich – wenn im finstern Thale

Auch uns der Engel einst zur Ruhe winkt –

Wir seh’n Dich wieder, wenn im Abendstrahle,

Wie jetzt Dein Sarg, der unsre niedersinkt.

Vielleicht ist’s bald, vielleicht zum nächsten Male!

O wohl uns, wenn dann auch der Lobspruch klingt:

Daß wir wie Du gerungen und geworben,

Daß wir wie Du gelebt, wie Du gestorben.

Die Schutzengel.

Vor einem Muttergottes-Bilde

Lag im Gebet ein frommer Mann,

Empfehlend ihrer Lieb’ und Milde

Vor Allem seine Kinder an.

Du Quell so vieler Gnadengaben,

Sprach er, sei ihre Helferin,

Und nimm die beiden kleinen Knaben

Als Deine eig’nen Kinder hin.

Daß ihnen nichts zu Leid geschehe,

Erleuchte sie mit Deinem Strahl.

Bewahre sie vor Schmerz und Wehe,

Vor Fall und Krankheit allzumal.

Vor Allem aber ihre Seele

Laß, Heilge, Dir empfohlen sein.

Bewahre sie vor jeder Fehle,

Flöß’ ihnen Deine Liebe ein,

Maria hört die fromme Bitte,

Die ihr ein Engel übergab,

Und ordnet aus der Engel Mitte

Zwei himmlische Gesandten ab.

Geht hin und thut, wie ich euch heiße,

Damit erfüllt die Bitte sei.

Gesellt euch still in eurer Weise

Den Geistern jener Knaben bei.

Nun höret, was darauf geschehen,

Der Kindlein Vater hat’s geschaut,

Ein And’rer hätt’s auch nicht gesehen,

Der nicht auf sein Gebet vertraut, –

All überall, wo die Knaben waren,

Da standen ihnen Engel nah’.

Und immer waren in Gefahren

Zwei unsichtbare Hände da.

Der Kleinste baut sich Kartenhäuser,

Und siehe keines fällt ihm ein;

Der Aelt’ste, schon ein wenig weiser,

Baut ein Kapellchen sich von Stein.

Als hälfen Meister und Gesellen,

So hurtig war das Werk gethan.

Er klebt’ in Mitten der Kapellen

Ein Muttergottes-Bildchen an.

Mit Steinen spielen sie, und stellen

Die bunten Steinchen in die Reih’ –

Die schönsten Kiesel aus den Wellen,

Sie kommen wie von selbst herbei.

Der Ball fliegt an die hohen Wände,

Und in die Bäum’ auf gutes Glück –

Doch werfen unsichtbare Hände

Den Knaben ihren Ball zurück.

Sie spielen Reiter und sie jagen

In’s Feld und über Stock und Stein,

Als würden sie im Flug getragen –

Ein And’rer bräche Hals und Bein.

Der eine fiel auf Fels herunter,

Und gab sich einen Todesstreich,

Ein Engel hielt seine Händchen d’runter,

Das Kind fiel wie auf Moos, so weich.

Ja, wenn die beiden Knaben spielten,

So war’s, als wären ihrer vier,

Zwei Brüder schützten sie und hielten

Den einen dort, den andern hier,

Und als der and’re, dem’s gerathen,

Ein Zündholz strich, allein im Haus,

Da bliesen ihm die Kameraden

Ein jedesmal die Flamme aus.

Sie wurden nicht gelehrt, die Jungen,

Doch sieh, ich weiß nicht, wie’s geschah –

Das erste Wort von ihren Zungen,

Das war der Name Maria.

Vermuthlich haben die Kameraden

Sie auch dies erste Wort gelehrt,

Und so der Mutter Gottes Gnaden

An diesen Kindern neu bewährt.

Der Cölibat.

Also gefällst Du mir, wenn die Soutane,

Das Kleid der Demuth, Deinen Leib umschmiegt,

Und wenn Dein Auge strahlt, als wenn es ahne

Den Himmel, der in Deiner Zukunft liegt,

Und wenn Dein Blick begeist’rungsvoll der Fahne,

Die der Erlöser schwingt, entgegenfliegt;

Wenn Deine Seele schmachtet in Verlangen,

Zum Dienst des Heil’gen dorthin zu gelangen.

Freund, eine Welt liegt vor Dir ausgebreitet,

Doch nicht die Welt, an die die Welt gewöhnt,

Zu heil’gen Bergen wirst Du hingeleitet,

Die kein Pallast der Residenz verschönt;

Hoch auf die Alpe, wo der Hirte weidet,

Und wo sein Horn das Thal herniedertönt;

Dort steig’ hinauf, in’s freie Reich der Geister,

Ein treuer Diener ihrem Herrn und Meister.

Denn auf der Höh’ des Lebens steht der Priester;

Um seinen Scheitel glänzt des Frühroths Strahl;

Den Schrein des Himmels öffnet und erschließt er,

Und speis’t die Gläub’gen mit dem Opfermahl,

Und wie der frische Thau des Morgens gießt er

Des Himmels Gnade hoch herab in dieses Thal,

Und alle Gläub’gen sich verneigend beben,

Wenn seine Händ’ empor die Hostie heben.

Und weil Du nun bereit, hinaufzusteigen,

Legst Du darum dein menschlich Herz nicht ab;

Es mag sich ferner zu der Liebe neigen,

Der Gott die Heiligung in Christo gab,

Und was wir lieben, blieb auch Dir treu eigen,

Das Priesterkleid ist nicht der Freuden Grab:

Ein einz’ges nur von allen schönen Loosen

Mußt Du zurück in die Entsagung stoßen.

Und doch dies Eine hat der Herr gesegnet,

Zum Sakramente hat’s sein Wort gemacht,

Es ist ein Band, auf das die Gnade regnet,

Wenn’s fromm im Geiste Gottes wird vollbracht;

Ein süßer Reiz, dem schon Dein Blick begegnet,

Als Du zum ersten Mal der Welt gelacht;

Den stärksten Fürsten irdischer Gewalten

Sollst Du mit stärkerm Fuß im Staube halten.

Die milde Liebe sollst Du stumm verachten,

Auf ihre Zauber stolz herniederseh’n;

Vergeblich soll mit ihrem süßen Schmachten,

Sie an der Pforte Deiner Seele steh’n;

Ein ros’ges Glück sollst Du im Herzen schlachten,

An seiner Wonne kalt vorübergeh’n;

Und, wie den Weihrauch am Altar, verbrennen,

Was wir der Erde höchste Schätze nennen.

Kein schönes Auge soll Dein Herz durchdringen,

Kein süßer Traum, der Deine Seel’ umspinnt;

Kein schöner Arm sich um den Dein’gen schlingen,

Kein Weib Dich lieben, das Dich selbst gewinnt,

Von keiner Lippe Dir melodisch klingen

Das Wort mit dem des Herrn Gebet beginnt,

Und Deine Seele, Freund, bleibt unbetheiligt

An einem Glück, das uns entzückt und heiligt.

Denn wie der Herr vom Himmel ist gestiegen,

So sollst auch Du, ein jungfräulicher Mann,

Hinauf zu seinem heil’gen Dienste fliegen,

Ein freier Jüngling, den kein Weib gewann,

Dem nie die Sehnsucht nach verbot’nen Siegen

In feigen Thränen vom Gesichte rann,

Der, was dem Herrn geweiht ist, Dienst und Leben,

Nicht allzufrüh der Creatur gegeben.

Nur eine Jungfrau hat der Christ erkoren,

Ein jungfräuliches Weib der Perle gleich;

Aus einer Jungfrau ist der Herr geboren,

Gleichwie die Lotosblum’ auf Hesper’s Teich.

Hast Du dem Geiste Deinen Dienst geschworen,

Bekriegst das Fleisch und seiner Lüste Reich,

Schmückst Deine Seele mit den Myrthenzweigen:

So magst Du auf zu jenen Höhen steigen.

Mehr als vom Laien wird von Dir gefordert:

So lang’ Dein Puls dem Weib entgegenschlägt,

So lang’ die Flamm’ in Deinem Blute lodert,

Die losgelassen Dich in Asche legt,

So lang’ die gift’ge Lust noch unvermodert

Mit Angst und Sehnsucht Deine Brust bewegt:

Magst Du mit Laien sein und beten,

Doch nimmermehr zum Tabernakel treten.

Zwar sind’s nur wenige, die so hoch berufen,

Doch wenn auch einer nur, der also denkt,

Ein einz’ger Priester, der an heil’gen Stufen

Die ird’sche Liebe hinter sich versenkt,

Den frei von Schuld die Hände Gottes schufen,

Zu Gott die jungfräuliche Seele lenkt:

Sie sollen strömen aus entfernten Zonen,

Um seinem reinen Opfer beizuwohnen.

Wohl soll ein schönes Auge Dich durchdringen,

Und eine Sehnsucht, die Dein Herz umspinnt,

Ein schönes Weib soll Deine Seel’ umschlingen,

Ein Weib Dich lieben, das Dich selbst gewinnt,

Von ihren Lippen wird’s melodisch klingen:

Du bist mein Bräutigam, mein Kind!

Um diese Heil’ge sollst Du frei’n und werben,

Dann wird Dein Herz in Wonn’ und Liebe sterben.

Auch jene Worte sollen Dich entzücken,

Die mir der Knab’ auf meinen Knien lallt:

Denk Dir die Seele, die sich ließ berücken,

Die sich von Gott gewendet, todt und kalt –

Du kannst mit neuem Leben sie beglücken,

Und im Triumph, mit geistiger Gewalt,

Aus ihrer Nacht zu jenen gold’nen Thüren

Der Gnade und des Lichts zurückeführen.

Und wenn dann jene Seel’ in sanftem Weinen,

Ein dankbar Kind, sich an Maria schmiegt,

Und vor dem Bilde Deiner Braut, der Reinen,

Entzückt in jubelndem Gebete liegt:

Schau hin, mein Priester, das ist eins der Deinen,

Das ist ein Kind, das Gott entgegenfliegt,

Dein neugebor’nes Kind, dem Du das Leben,

Dein Sohn, dem Du die Mutter hast gegeben.

Kennst Du die Jungfrau in dem Schweizerlande,

Den Berg, den ehrfurchtsvoll der Führer zeigt?

Früh morgens, eh’ noch hinterm Alpenrande

Empor die schöne Fackel Gottes steigt;

Wenn rings noch still, in nächtlichem Gewande,

Die Gletscher schlafen und die Erde schweigt,

Glüht still und einsam, wie in Andachtwonne

Die Jungfrau dort im frühen Kuß der Sonne.

Also dort oben, auf der Menschheit Höhen,

Wenn Nacht im Thal und rings die Erde schweigt,

Dort oben, wo die rein’ren Lüfte wehen,

Und wo sich keine Sorge hin versteigt,

Sollst Du ein jungfräulicher Priester stehen,

Der hoch herab uns Gottes Fackel zeigt;

Wie jene Alpe soll in heil’gen Frühen

Ein jungfräulicher Glanz Dein Haupt umglühen.

Arion.

1850.

Es rauschet das Meer, es schlagen die Wogen,

Stolz kommen die Segel einhergezogen

Mit herrlicher Fracht von Hesperiens Strand.

Sie bringen den Freund dem Freunde wieder,

Dem König den Sänger der göttlichen Lieder,

Sie führen Arion zum Heimathland.

Hoch steht er am Bord im Abendglanze,

Sein Blick folgt träumend dem Wellentanze,

Schon seit zwei Tagen verließ er Tarent.

„O Freund! daß dich nicht mehr die Sorge berücke!

Nun kehr’ ich dir wieder im größten Glücke,

Mit Schätzen, wie sie kein König kennt.“

Da sieht er die Wolken den Himmel umdüstern,

Und höret der Schiffer heimliches Flüstern.

In die grollenden Fluthen ruft er hinab:

„Poseidon, schütz’ uns, du Wogendränger!

Poseidon, du mächtiger, schütze den Sänger,

Und laß mir in heiliger Erde mein Grab!“

Jetzt plötzlich heran tritt der Schiffer Rotte:

„Und willst du erhört sein vom nahenden Gotte,

So tödte dich selbst an des Schiffes Bord.

Uns verlangt nach den Schätzen, die wir geladen,

Lebendig wirst du uns dem König verrathen,

Den Leichnam bringen wir sicher in Port.“

Und jener bittet und flehet vergebens.

„Erbarmet sich Niemand des jungen Lebens?

Und soll ich verderben auf einsamer Fluth?

So gebt mir mein Festgewand, laßt mich mit Tönen

Begrüßen den Tod und den Hades versöhnen,

Und wenn ich gesungen, dann ströme mein Blut.“

Die eben noch unerbittlich waren –

Arion zu hören, reizt die Barbaren.

Er kleidet sich d’rauf in köstlich Gewand.

Den Kranz auf dem Haupte, im Purpurtalare,

Mit goldenen Spangen, mit fliegendem Haare,

So steht er, die Cither in seiner Hand.

„Rauschet meine letzten Klänge!

Rauschet wie Triumphgesänge

Meiner Lieder schönstes Lied!

Kühn, wie zu des Himmels Bogen

Sturmbewegt die Welle flieht,

Schlage deine großen Wogen,

Jubelharmonienmeer,

Majestätisch um mich her!

Denn ich geh’ zu meinen Göttern.

In des Sturmes Donnerwettern

Grüßen sie Arion schon.

Durch der Wogen wildes Brausen

Hör’ ich Orpheus süßen Ton.

Hin, wo uns’re Helden hausen,

Sink’ ich, hellumstrahlt vom Ruhm,

Selig in’s Elysium.

Rauschet, meiner Cither Klänge,

Rauschet, wie Triumphgesänge,

Meiner Lieder letztes Lied!

Du Thalassa, die den Bogen

Um der Menschen Länder zieht,

Schlage deine großen Wogen,

Wie ein Harmonienmeer,

Majestätisch um mich her!“

Nun springt er hinaus in der Wellen Toben,

Die sich bei dem Klange des Liedes erhoben.

Und, gelockt von seinem erhabenem Spiel’,

Umschwimmen erstaunt, und umhüpfen munter

Der bläulichen See lebendige Wunder,

Nereiden, Tritonen und Fische, den Kiel.

Und sieh! ein Delphin beut Arion den Rücken,

So zieht er dahin; mit Gesang zum Entzücken

Durchrudert er stolz die beruhigte Fluch.

Als der Fährmann kommt zu Tänaros Strande,

Da steiget Arion gerettet zum Lande. –

Der Sänger steht in der Götter Hut.

Militär-Toast.

1850.

Wie glänzt der Tisch im festlichen Gepränge,

Geschütz erschallt, das Echo hallt,

Das Herzblut wallt, der Pfropfen knallt,

Und vom Orchester strömen lust’ge Klänge,

Wer sagt’s noch, daß das Herz ihm schwer und enge?

Wer sagt’s, wer wagt’s? Hurrah, die Augen blinken!

Reicht ihm das Glas mit dem goldenen Winken,

Und laßt’s ihn aus bis auf den Boden trinken!

Kennt ihr das Bild dort aus dem Lorberkranze?

Ihm klingt das Mahl, klingt der Pokal,

Und allzumal die Lust im Saal.

Wer beugt sich nicht vor seinem hohen Glanze?

Wer schlägt für ihn sein Blut nicht in die Schanze?

Wer sagt’s, wer wagt’s? Hurrah, auf von den Sitzen,

Und füllt die Gläser mit den gold’nen Blitzen,

Gebt das Signal den donnernden Geschützen.

Gott grüß dich, Vaterland, du uns’re Wiege!

Das Auge glüht, die Seele sprüht,

Das Herz durchzieht ein heilig Lied!

Gott schütze dich im Frieden und im Kriege!

Wer schmäht dich, deinen Ruhm und deine Siege?

Wer sagt’s, wer wagt’s? Hurrah, die Hand zum Stahle!

Und füllt mit schaum’gen Regen die Pokale,

Hoch lebe Preußen, hoch! im Siegesstrahle!

Und wenn du rufst mit feierlichem Mahnen

Vom Memelstrand bis hier in’s Land,

Ein einiges Band, ’ne einz’ge Hand –

So steh’n wir auf, werth uns’rer tapfern Ahnen!

Wem ist sein Blut noch lieb für deine Fahnen?

Wer sagt’s, wer wagt’s? Hurrah, Tod sei der Schande,

Und laßt die Gläser schäumen bis zum Rande:

Treu unserm König und dem Vaterlande!

Ja treu! das ist der Wahlspruch, den wir wählen;

Vom Feind bedroht, vom Brand umloh’t,

In Sturm und Noth, bis in den Tod,

Soll Fürst und Land auf seine Söhne zählen.

Wer zweifelt an dem Schwur von Männerseelen!

Wer sagt’s, wer wagt’s? Wer will uns dort verdammen?

Reicht mir den Becher mit den gold’nen Flammen;

Wir bleiben treu, und bräch’ die Welt zusammen.

Ein Geister-Ständchen.

Zum sechzigjährigen Dienstjubiläum
Sr. Exc. des Herrn Militär-Gouverneurs,
Generals der Cavallerie,
von Wedell,
zu Luxemburg, am 15. April 1856.

Die Nacht war still, kein Lüftchen ging,

Es war zwölf Uhr, und am Himmel hing

Der Mond wie eine bleiche Laterne.

Die Welt schlief fest, kein Laut war wach,

Als die knarrende Fahne vom Kirchendach

Und der Posten Ruf in der Ferne.

Da plötzlich tönt von der Schloßwacht her

Ein lautes Werda, sie tritt in’s Gewehr –

D’rauf ein Rasseln und Rauschen ohn’ Ende –

Ein blut’ges Regiment, ein bleiches Corps,

Als kämen sie just aus den Gräbern hervor,

Dringt über den Fischmarkt behende.

Mit Büchsen und Flinten, mit Lanz’ und mit Schwert

Das trippelt und trappelt, zu Fuß und zu Pferd,

Und stehet nicht Antwort und Rede.

Sie drängen sich links, sie wissen wohin,

Und schwenken sich auf vor St. Maximin,

Ein junger Major an der Tete.

Sie tragen von allerhand Farben Gewand,

Und Keinem ist die Montirung bekannt

Der blutigen Geisterschaaren.

Auf Manchen hängt sie in Fetzen nur –

Doch trägt der Major die Parade-Montur

Der brandenburg’schen Husaren –

Und trägt auf der Brust, wie als er noch stritt,

Das stattliche Ordenskreuz pour le mérite,

Mit der kleinen Krone von Perlen.

D’ran haben sie den Feldherrn wieder erkannt,

Als er todt da lag am Ostseestrand,

Zerfetzt von den dänischen Kerlen.

Und er winkt, der Trompeter bläst zum Appell,

Compagnien und Schwadronen sie ordnen sich schnell,

Und erheben die blut’ge Standarte.

Der Feldherr ruft die Schlachtfelder auf,

Und es treten hervor aus dem düstern Hauf,

Die man dort im Sande verscharrte.

Beim Ruf Dodendorf vor die Fronte tritt

Diezelsky, geschmückt mit dem Kreuz du mérite,

Auch Stössel und Voigt auf den Rossen,

Und Kettenburg, Stankar, auch Stock der Lieutenant,

Mit dem Parlamentärtuch in seiner Hand,

Den sie meuchlerisch todt geschossen.

Auch siebenzig Gemeine folgen dem Ruf,

Sie reiten herbei auf leichtem Huf –

Zerhau’ne, verweg’ne Gesichter.

D’rauf von Dömitz und Dammgarten rückt’s herbei,

Was dorten durchbohret vom Schwert und vom Blei,

Und der Haufen wird immer dichter.

Da öffnet der Feldherr wieder den Mund,

Und schwingt den Säbel und ruft: Stralsund!

Und es melden sich tausend Männer.

Voran ein wilder Husarenschwarm,

Ohne Rosse, mit Binden am rechten Arm,

Die Andern auf luftigem Renner.

Auch Billerbeck, Eyb und Halletius,

Und Heiligenstedt, welche getroffen ein Schuß

Zu Stralsund am Knieperthore,

Von Alvensleben auch, der wackere Held,

Und der tapfere Wachtmeister Sommerfeld,

Sie treten hervor aus dem Chore.

Da ruft der Major: Sanct Leonhard!

D’rauf kommen sie, die man bei Braunschweig verscharrt,

Die vierzehn gefangenen Krieger.

Sechs Kugeln trägt jeder in seiner Brust,

Sie starben sich ihres Ruhmes bewußt,

Und waren im Tode Sieger.

Nun bleiben noch elf Offiziere zurück –

Der Major ruft: Wesel! und verhüllt den Blick,

Und die Elfe beschließen die Schaaren –

Gar edle Jünglinge, hingestreckt,

Wo jetzt sie ein einziger Sarg bedeckt,

Die im Leben nur Ein Herz waren.

Und als sie versammelt sind Mann für Mann,

Da heben die Trompeter zu blasen an

Die schönste der Serenaden,

Ein Jubellied, das zum Herzen dringt

Und hell majestätisch die Nacht durchklingt,

Zum Gruß ihrem alten Kameraden.

Und ein Hurrah, dreifach wie aus einem Mund,

Ein Hurrah, wie dazumal zu Stralsund,

Ein Hurrah folgt auf die Fanfaren.

So schauerlich hörte die Stadt noch keins –

Da schlug die Uhr vom Kirchthurm Eins –

Und zerstoben war Schill mit den Schaaren.

Die St.-Helena-Medaille.[16]

Weis’ her die wälsche Medaille!

Wie funkelt so neu das Ding!

Und so alt schon ist die Bataille,

Wo Dein Arm zum Teufel ging.

Wär’ weiter nichts mitgegangen,

Nicht Dein Herz, Dein größter Schatz,

Sie hätten Dir nicht gehangen

Die Medaille an seinen Platz.

Sie hätten es nicht probiret,

Nach fünfzig Jahren auf’s Neu’,

Und zweimal speculiret

Auf Deine Kaisertreu’.

Der Kaiser liegt im Grabe

Und seine Garde dazu.

Gott geb’ ihm und seinem Stabe

Pardon und die ew’ge Ruh’.

Viel Jahre sind gezogen

Wohl über die Gruft daher.

Kaum rauschen noch die Wogen

Die blutige Kaisermähr.

Und Gras ist viel gewachsen

Ueber Ehr’ und über Schand’,

In Preußen und in Sachsen

Und im Franzosenland.

Nun kommen sie wieder und äffen

Und schmücken sich mit dem Ding

Und werben Dich für den Neffen

Um einen Silberling.

Kämen sie im Schlachtgebrause

Zu hunderttausend Mann,

Wir schickten sie nach Hause,

Wie wir es schon gethan.

Und Du greifst nach dem Bande?

Du heftest Dir es an?

Du brüstest Dich mit der Schande!

O, schäme Dich, alter Mann!

Testament.

(November 1858.)

Wenn ich ausgelitten hab’

Und mich von euch wende,

Macht mir doch mit meinem Grab’

Nicht viel Complimente.

Setzt mir keinen Stein daher,

Der’s den Leuten sage:

Freut euch, daß ich keinen mehr

Auf dem Herzen trage.

Auch mit Rosen bleibt mir fort,

Kränzen oder Kronen,

Flechtet sie, wo hier und dort

Frohe Menschen wohnen.

Weder Schutt noch Blumenfeld,

Scherben oder Kräuter,

Machen mir die and’re Welt

Länger oder breiter.

Viel Poeten haben’s gern

Wenn sich Vöglein’s Flügel

Um die Zeit vom Abendstern

Senkt auf ihren Hügel,

Oder wenn vom nahen Baum

Nachtigallen pfeifen,

Während durch den stillen Raum

Laue Weste streifen.

Nichts begehr’ ich von dem All’n

Wollt’ auch eh’r erdolcht sein,

Als von Mond und Nachtigall’n

Bis in’s Grab verfolgt sein.

Im November jedes Jahr

Soll’t ihr mich besuchen,

Dort, wohin mich auf der Bahr

Fremde Schultern trugen.

Ob vielleicht schon Schnee und Frost

Mich bedeckt da draußen,

Ob die Stürm’ aus Nord und Ost

Durch die Felder brausen –

Grade wenn’s recht stürmisch ist,

Sollt ihr zu mir treten,

„Vater unser, der du bist“,

Herzhaft für mich beten.

So befohlen und gestift’t

Hier in dem Gedichte,

Auf daß Jeder, den’s betrifft,

Demgemäß sich richte.