Worauf freuen wir uns jetzt? by Fritz Müller-Partenkirchen

Worauf freuen wir uns jetzt?

Worauf
freuen wir uns jetzt?

Fröhliche Geschichten

von

Fritz Müller

1918
Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.

Copyright by Otto Rippel
Hagen i. W. 1918

Zeilenguß-Maschinensatz und Druck
von Oscar Brandstetter in Leipzig

Inhaltsverzeichnis

Worauf freuen wir uns jetzt?
Er kam mit dem Spruch schon auf die Welt. Glitzerig kugelten seine Äuglein aus der Wiege in die Zimmerrunde. „Sieht er nicht aus,“ sagte jemand, „als wenn er fragte: Worauf freuen wir uns jetzt?“

Das blieb ihm. Das saß zu Häupten seiner Wiege, wenn das Fieber sein Körperchen geschüttelt hatte. Das strich ihm die winzigen Fältchen vom Gesicht und sagte: „Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ Das wurde mit ihm größer, rutschte auf den Dielen mit herum, wo er sich einen Schiefer eingezogen hatte, und wischte ihm die Tränen fort: „Und worauf freuen wir uns jetzt, Maxli, he?“

Das klopfte ihm nach den ersten ängstlichen Schulgang vertraulich auf die Schulter: „Na, Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“

Das wuchs mit ihm und wich ihm nimmer von der Seite. Das sah ihm unausweichlich ins Gesicht, wenn der Ärger aufstieg: „Was ich noch sagen wollte, Max, worauf freuen wir uns jetzt?“

Was Wunder also, daß der Spruch ein Teil von ihm ward. Oder er ein Teil vom Spruch. In solchen Wiegenbrüderschaften lassen sich die[S. 8] Teile nicht mehr sondern, derselbe Herzschlag tickt durchs gleiche Blutgeäder: „Wo-rauf-freuen-wir-uns-jetzt?“

Es ist schon richtig: schlicht und bescheiden, wie der Max war, wurde er kein Großer, wurde nicht berühmt. Eher schon sein Spruch, den sie nach und nach belächelten.

„Hör’ mal, Max,“ sagte einer seiner Freunde, „ein Wahlspruch ist schon recht. Aber er muß auch darnach sein. Zum Beispiel: Morgenstund hat Gold im Mund. Oder: Erst besinn’s, dann beginn’s. Oder: Rom ist nicht an einem Tag erbaut. Siehst du, das sind anerkannte Sprüche.“

„Jawohl,“ sagte Max, „und worauf freuen wir uns jetzt?“

Max sei ja soweit ein guter Kerl, sprach dann dieser Freund herum, aber doch beschränkt. Und es solle ihn nicht wundern, wenn er in der Prüfung nicht bestehe. Wirklich fiel er durch.

„Junge, Junge,“ klagte Maxens Vater, „wohin soll das führen?“

„Zum Erfolg beim zweiten Male. Vater — und worauf freuen wir uns jetzt?“

Vater seufzte, Mutter strich dem Sohne übers Haar: „Max, nicht wahr, von jetzt ab für nichts anderes als zum Studium zu haben sein, willst du mir’s versprechen?“

„Ja, Mutter — und worauf freuen wir uns jetzt?“

[S. 9]

Tja, er war nicht zu ändern. „Schade um ihn,“ sagten die gesetzten Leute, „er hat eine fixe Idee.“ Und sie behandelten ihn nachsichtig und blieben bei der ihren.

Bei einer politischen Versammlung kampelten sich die Gegner, daß es im Saale gellte. Dann trat eine kleine Erschöpfungspause ein. Ruhig kam aus einer Ecke eine Stimme: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ Gelächter. Sie bengsten in Max: „Laß dir’s nicht gefallen — sprich doch — Silentium für — ha, er spricht wirklich —“

„Meine Herren,“ sagte Max, „ich freue mich, daß Sie sich freuen.“ Das Gelächter wuchs, trotzdem einer sagte, ihm dünke, das sei das Gescheiteste gewesen, was die Versammlung bis jetzt ergeben habe. Aber niemand hörte darauf. Sie kampelten sich schon wieder, daß die Haare flogen.

Ein Osterausflug ward verregnet. Mißmutig saßen sie in einer Bauernstube. Max sah im Kreis herum. „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ sagte er lächelnd und im inneren Taktmaß des draußen plätschernden Regens. Darob wurden einige wieder vergnügt. Ernst aber hob ein Professor an: „Junger Mann, alles zu seiner Zeit. Gereifte Einsicht muß verstehen, daß die Freude nicht am Platz ist, wenn die Gründe zur Verdrossenheit derart ausreichend sind, daß —“

„Gewiß,“ sagte Max, „aber worauf freuen wir uns jetzt?“

[S. 10]

Darauf machte der Professor in seinem Wörterbuch der Psychologie einen neuen Eintrag: Unter Idioten der Freude versteht man…

Das war lieblos. Freundlicher drückten’s seine Freunde aus: „Max ist der reinste Freuden-Cato: Ceterum censeo…“

„Ja,“ ward ihnen beigepflichtet, „er rennt mit seinem Spruche gegen das Carthago alles Mißvergnügens an.“

„Ob sein Grundsatz aber standhält,“ zweifelte ein anderer, „wenn’s bei ihm selber um die Wurst geht?“

Er hat standgehalten. Die Bank, die sein Erspartes hatte, fiel. Als er’s erfuhr, zuckte er zusammen und ging an seine Arbeit, fest aber stumm. „Aha, nun hat es ihm sein Sprüchlein doch verschlagen“, sagte einer, der nicht wußte, daß sich ein Spruch auch einwärts wenden läßt.

Nur ein einzig Mal hat auch das Einwärtswenden fast versagt. Das war damals, als ihm einer seine Liebste stahl. Da sank sein Gleichmut, da hob sich ihm die Hand zum Schlage. Freilich, ohne zuzuschlagen. „Nein, nein,“ hat er gemurmelt, „Menschen können einem nicht gestohlen werden, sie stehlten sich denn selber.“ Einen Winter lang hat’s ihn herumgetrieben, bis er gepreßt und scheu zwar, aber dennoch hörbar wieder sagen konnte: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“

Nun aber ist ein Spruch, der nie versagt, kein Spruch mehr, sondern ein Tyrann. Eines Tags[S. 11] verbeugte sich vor dem erschrocknen Max ein Riesenschatten: „Sie gestatten — bin der Weltkrieg — und erlaube mir, um Ihren Spruch zu bitten.“

„Meinen Spruch?“ stotterte der Max, „was wollen Sie damit?“

Der Weltkrieg machte eine halsabschneidende Bewegung.

Fuhr der Max auf: „Mit welchem Rechte —?“

„Tun Sie doch nicht so — bedenken Sie, wenn Sie, wie andre, statt des Spruchs, sich selbst zum Opfer —“

„Mich magst du nehmen — was liegt groß an mir — aber alles liegt an meinem Spruch.“

„Dummes Zeug — zuviel Federlesen mach’ ich schon — her mit dem Spruch!“ Roh griff er Max ins Herz. Aber heimlich war der Spruch daraus entwichen, flüsternd: „Verzage nicht, Max, auf Wiedersehn!“ Fort der Spruch, ihm nach der Krieg.

Reihum im Lande hat der Spruch sich auf die Flucht begeben, immer hart vom Krieg verfolgt und immer guten Muts. Kaum einer, den er nicht besucht hat, am liebsten die Verdrossenen und Schmerzgeschlagenen, die ihn am wenigsten erwarten. Ich habe ihn an Witwenherzen klopfen seh’n: „Mich schickt der Max.“

„Kenn’ ich nicht.“

„Eben darum komm’ ich, von ihm erzählen soll ich, damit auch Ihr auf eine kleine Weil’ mich so gut aufnehmt, wie ich’s bei ihm gehabt.“

[S. 12]

Da nahmen sie ihn auf. Freilich nur für eine kleine Weile. Aber lang genug, um, wenn der Krieg aufs neue angepoltert kam: „Wo ist der Flüchtling, daß ich ihm den Hals umdrehe?!“ mit wieder ausgeglich’nem Herzen lächelnd zu erwidern: „Bedaure, schon verzogen, wenn Sie ihn treffen, bitte ihn von mir zu grüßen.“

Er hat ihn nie erwischt, der Weltkrieg, solang’ er auch schon währt. Immer ist er anderswo, als wo er grad’ gemordet werden sollte. Und er hat schrecklich viel zu tun. Wenn mich nicht alles täuscht, demnächst mehr noch als der Weltkrieg. Und immer größer wird er, immer stärker, trotz des Weltkriegs. Wenn ich recht berichtet bin, demnächst größer gar und stärker, als der Weltkrieg selbst. Und es geht ein Tuscheln um im Land, daß die Jagd sich demnächst umdreht. Daß aus dem Verfolgten ein Verfolger wird. Dann aber mag es sein, weil der Spruch um soviel flinkre Füße als der Weltkrieg hat, daß dem der Hals herumgedreht wird vom „Worauf-freuen-wir-uns-jetzt?“

Noch ist es nicht so weit. Noch hat er ihm den Hals nicht umgedreht. Noch hilft er anderen beim Sterben. Vor kurzem seinem eignen alten Herrn, dem Max. Ich selber hab’ ihn sterben sehn. Er ging geschwind durchs Tal der letzten Schmerzen auf den Kamm, der vom Jenseits scheidet. Jetzt stand er droben und überdachte in den Kissen seine eingesunkenen Augen: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“

[S. 13]

In deinem Alter
Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern?

Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir:

„Laß das, Hansi…“

„Pfui, Lotte…“

„Schämst dich denn gar nit, Mariele…“

„Nein, jetzt aber so was, Trudi…“

„Fritz, Fritz…“

„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max…“

„Ei ei, Maxeli…“

„Potz Blitz und Karawanken, Junge…“

„Na, warte, Karl…“

„Junge, Junge, Junge…“

[S. 14]

Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen einzigen Schlußsatz aus:

„In deinem Alter habe ich…“

Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren, taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander, aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten:

„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot bekommen…“, oder

„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von innen ausschaut…“, oder

„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut…“, oder

„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von…“, oder

„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu…“, oder

„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn…“, oder

„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben, wenn unsere Eltern…“, oder

„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn…“, oder

[S. 15]

„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen, sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten…“

Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht. Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte:

„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“

Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus.

„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt ihr ja fliegen müssen, Vater.“

Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in Dingen der Ermahnung … nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt.

Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig, oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst angelangt waren und[S. 16] mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben schienen.

So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor Lachen.

Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte:

„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt — mach’, daß du vor die Türe gehst, damit — damit du weißt, wie man sich bei Tisch anständig beträgt.“

Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt, ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe.

„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker etwas unsicher zu mir.

[S. 17]

„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht besser, aber dafür schlimmer.“

„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat.

„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen, der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze hatte.“

„Soo?“

„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll und schließlich fröhlich.“

„So?“

„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie sich beinahe kugelten vor Lachen.“

„So, am Tisch?“

„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“

„Der Heinrich?“

„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“

„Dich? und der andere —?“

„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“

[S. 18]

„Soso — hm ja — soso —“

In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft, warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte.

Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen.

„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich, „so muß ich dir schon sagen…“ Ich merkte sofort, daß es eine umfängliche Predigt werden sollte und sagte:

„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch — dein Sohn ist im übrigen ein famoser Kerl.“

„Famoser Kerl, wieso?“

„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“

„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen — hm ja, ich meine, ich glaube, du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr erinnere, nicht gerade jetzt — und im übrigen vermute ich, daß ich damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin — wenn du’s schon erzählen[S. 19] mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch diesen Unterschied —“

„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied —“

„Welchen andern Unterschied, bitte?“

„Nun, du hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als du in seinem Alter damals —“

„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart bloßzustellen —?“

„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so unbekümmert und so — kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als eben diese Söhne.“

[S. 20]

Der Rauchtisch
Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher haben sie erfunden.

Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher keine Streifenspule war.

„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich.

„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“

„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es halten.“

„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß —“

„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“

„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt und —“

Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich wurde feig. Ich hob drei[S. 21] Finger. Ich verleugnete meinen gesunden Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht.

„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch nicht alles, wenn er in Gefahr ist.

Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er zugedeckt, unsichtbar und gnädig.

Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam der Arzt.

„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“

„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen Briefkasten zu halten!“

Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen Augenblick allein sprechen:[S. 22] „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien Sie mich von diesem Ding da!“

„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber —“

Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein. Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen niederließ.

Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem Bett und grinste verdrehter und hämischer als je.

Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne.

Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“, sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha, gewonnen — leer kam sie zurück.

[S. 23]

„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach, Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal —

Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster —

„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust, gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“

Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch. Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch. Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen Rauchtisch.

Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn es überhaupt nie fertig würde.“

[S. 24]

Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch.

„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“

„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn unterwegs verlieren sollten — hier sind drei Mark — Sie verstehen.“

Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim. „Gnä’ Frau — huhu — stehen lassen in der Straßenbahn — huhu —!“

Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab — marsch, ins Fundbureau!“

Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein zweitesmal erheblich gründlicher.

Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden hat und behält, erhält zehn Mark.“

Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n[S. 25] will, wenn ich ihm das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’…“

Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen — darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete —“

„Sie — Sie sind —“

„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau Gemahlin —“

Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören. Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer.

„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben.

„Um Gottes willen —“

„Sei getrost, ich verzeihe dir.“

„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr kommen lassen?“

„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“

Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend.

„Mann, verstell’ dich nicht — Kassabüchlein — monatlich zehn Mark — Kreszenz Hasenfratz — wir wissen alles —“

[S. 26]

„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“

Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn — meine Tochter schrieb mir alles — wir wissen wohl um deine Jugendsünde — laß das arme Kind nur kommen —“

„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich.

„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen, habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen…“

[S. 27]

Der Familienaufsatz
Montag brachte Hans das Aufsatzthema heim: „Der Krieg, eine Geißel der Menschheit.“ „Konzept am Sonnabend abzuliefern“, hatte der Lehrer gesagt. „Schreibt diesmal frei, ganz aus euch selbst heraus.“

„Herrgott, ist bis zum Sonnabend lang“, dachte Hans und schlug die Geißel in den Wind. In den Wind geschlagene Geißeln knallen irgendwann. Beim Hans am Freitag. Es war ein Gewissensknall. Die Familie knallte mit. „Der arme Bub,“ sagte die Mutter, „von heut auf morgen einen ganzen Aufsatz.“ — „Gott,“ sagte Vater, „ich habe zu manchem verzwickten Geschäftsbrief nicht mal soviel Zeit.“

„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der Menschheit.“ — „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur mal dran, Hans.“

Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der Krieg, eine Geißel der[S. 28] Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der — Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ — „Einen schönen Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ — „Er meint einen stilistisch schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ — „Ach was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration —“ — „Schuß? Er braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ — wenn ich denke: von heut auf morgen eine ganze Geißel —“

Das war um 6¼. Um ½7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch. „Einen schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite 63, Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ — „Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“

Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ — „Na, nicht so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration — und nun machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“

Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu werden. „Onkel Franz, bitte[S. 29] noch einen schönen Satz.“ — „Jetzt kann dir mal die Tante helfen, Junge.“ — „Tante, bitte, noch einen schönen Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen: Krieg überall.“ — „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte Tante Lotte.

Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. — „Jetzt einen Satz von dir, Mutter“, bat Hans. — „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig, ich kann keine schönen Sätze kochen.“ — „Aber Mutter, irgendeinen Satz wirst du doch —“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz.

Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr geehrten…“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und sagte auf und ab gehend:

[S. 30]

„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu eskomptieren.‘“

Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den andern solchen schweren Aufsatz…“ Damit schlief er befriedigt ein.

Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’ mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor: „Mir ist mein Sohn gefallen…“ Es war ein erschütternder Bericht in einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich bin gefallen in der Sommeschlacht …“ Stoßweise, wie das Volk spricht, erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg verbrannt…“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus[S. 31] auf. Sie standen auf und sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit.

„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ — „Einen — einen Aufsatz“, stotterte Hans. — „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale…“ Und er trommelte alle schönen Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was sagen Sie nun, Herr Petrus?“

„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid. Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt. Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich und wachte auf. Schon war es hell.

Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den Aufsatzseiten.[S. 32] Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog. Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht…

Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen abschreiben!“

„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“

„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“

Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht.

„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale —“

„Aber Balthasar, das sind ja — das ist ja —!“

„Kenn’ ich schon — möchtest mir’s wieder abluchsen — da wird nichts draus — in der Religionsstund’ schreib’ ich’s ab.“

Und während in den ersten Bänken der Katechismus abgefragt wurde, schrieb der Balthasar in der letzten Bank aus Raschelblättern ab und ab.[S. 33] Eben war er fertig, als der Aufsatzlehrer eintrat: „Konzepthefte einsammeln!“

Eine Woche verging. Hans war recht still. Stiller als die Seinigen zu Hause. Alle Augenblicke stellte ihn dort jemand auf der Treppe, im Korridor, im Zimmer: „Nun, Hans, ist dein Aufsatz schon zurückgegeben?“ fragte Mutter. — „Na, Hans“, sagte Onkel Franz, „und der Aufsatz?“ — „Hans, hast du deine Eins schon abgekriegt im Aufsatz?“ sagte Tante Lotte. — „Hannes, Hannes,“ sagte am zuversichtlichsten der Vater, „diesmal hat er dich wohl übern Schellenkönig gelobt, dein Aufsatzlehrer, he?“

„Die Aufsatzhefte werden erst am nächsten Sonnabend zurückgegeben“, sagte Hans leise. Fast geduckt ging er weiter. Sie sahen ihm nach:

„Ich weiß nicht, was der Junge hat,“ sagten sie kopfschüttelnd, „wenn uns jemand so geholfen hätte mit den schönsten Sätzen, als wir in die Schule gingen…“

Da war der Sonnabend da. Und da lag der Stoß Aufsatzhefte am Katheder, so hoch, daß des Lehrers Angesicht darüber kaum zu sehen war.

„Zunächst die beste Arbeit,“ sagte der Lehrer, ernst ein Heft in seinen Händen wägend, „Hans, das war deine beste Arbeit. Ganz warm ist mir dabei geworden. Hört mal…“

Mäuschenstill hörte die Klasse Hansens Aufsatz[S. 34] an. Nur der lange Balthasar in der letzten Bank rutschte etwas hin und her.

„Hans, bei dieser Nummer magst du bleiben. Note 1. Wie einem das wohl tut, wenn man all den andern aufgeblasenen Sums — zum Beispiel den da — hört mal: ‚Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale‘ und so weiter und so weiter. Sag’ mal, Balthasar, wo hast du dir denn diesen abgestandenen Schmarr’n zusammengestohlen?“

„Von — von — vom Hans!“

„Na, das ist denn doch! — Hans kann solches aufgepapptes Zeug überhaupt nicht schreiben. Hans, dieser Aufsatz soll von dir sein?“

„Nein, Herr Lehrer.“

Zu Hause sah man es ihm an. Sie umdrängten ihn: „Na, Hans, der Aufsatz ist zurück?“ Hans nickte selig. „Und du hast den Vogel abgeschossen, Hans?“ Hans nickte seliger. „Na, kein Wunder, lieber Hans — aber danken hättest du uns wenigstens ’n bißchen können…“

Auf dem nächsten Schulweg warnte den Hans ein Kamerad: „Du, nimm dich vor dem Balthasar in acht. Er sagt, du hättest ihn mit dem letzten Aufsatz schauderhaft hereingelegt. Und er will dich ebenso verhauen.“

Da straffte sich dem Hans etwas im vierten Rückgratswirbel, wo der Mut sitzt, gleich hinter der Wahrhaftigkeit: „Soll nur kommen!“

[S. 35]

Der Hunderter
Ich habe einen sonderbaren Hunderter. Der will nicht aus meiner Kasse. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck auszugeben, er knistert: Nein. Vielleicht kann ihm jemand helfen? Aber dazu muß ich seine Geschichte erzählen.

Der Hunderter gehörte früher meiner Tante. Und noch früher der Frida. Und noch früher, das weiß ich nicht. Niemand weiß, woher ein Hunderter kommt, niemand weiß, wohin er geht. Hunderter sind wie Schienenstrangstücke in Untergrundbahnhöfen: Dunkel, kurzes Blitzen, wieder Dunkel. Das Blitzen meines Hunderters trug sich so zu: Die Frida diente bei meiner Tante. Grundehrlich, stand in ihrem Dienstbuch. Aber das steht in vielen. Was in Dienstbüchern steht, ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, was nicht darin steht. Nicht darin stand, daß sie von der stillen Art war. Kein Klappern, kein Geschrei, kaum ein Fragen. Und wenn man selber eben fragen wollte: „Frida haben Sie…“ oder „Frida, ist schon…“, so war schon immer alles fertig. Leise schwangen ihre langen Arme an den[S. 36] breiten Hüften: „Und was jetzt?“ Mit diesem „Und was jetzt?“ ging sie durch das Leben.

Meine Tante wußte, was sie an ihr hatte. Aber einmal fehlte ein Hunderter. Die Tante hatte ihn in die Schreibtischschublade geschoben, als es klingelte. Dabei vergaß sie, den Schlüssel umzudrehen. Dann unterschrieb sie auf dem Gang den Einschreibebrief, während die Frida den Schreibtisch abstaubte. Erst am Abend erinnerte sich meine Tante an den nicht umgedrehten Schlüssel. Der Hunderter war verschwunden.

Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ — „Nein, gnä’ Frau.“ — „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ — „Jawohl, gnä’ Frau“ — Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. — „Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ — „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. — „Frida, den Hunderter kann niemand anders genommen haben.“ — „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida, geben Sie ihn her.“ — „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ — „Also ist er schon bei einem Helfershelfer?“

Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen. Sie weinte. „Gut, ich[S. 37] gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte Tante.

Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ — „Ich hab’ ihn nicht, ich versteh’s nicht.“ — „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der Polizei…“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ — „Für jetzt will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“

Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer. Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer gütlich zu. — „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht entlasten.“ — „Jawohl, Hochwürden.“ — „Nicht drängen darf ich Sie, Sie müssen selber…“

Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben, daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas Arme: „Und was jetzt?“ — „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht entlassen werden.“

Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr[S. 38] die Tante zwei Mark am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen dient: „Und was jetzt?“

Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu treten, sie war gar so tüchtig. Aber so… So war’s schon besser, daß sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte.

Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging schwer, er zog und zog… „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten Hunderter in der Hand.

Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben — ich habe sie nicht mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“

Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste — mein Hunderter knistert: Nein.

Vielleicht kann ihm jemand helfen?

[S. 39]

Der Spohrer
Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“

Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an?

„Mi—iller!“ schrie es ärger.

Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘ dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast bekannt vor — na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp, holte schon die Feder aus zum nächsten Satz.

„Mi—i—i—ille—e—er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt — stand da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu einem verstärkten Millergedröhn.

„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“

„Ich geh zum Schlittenfahr’n — der Miller soll[S. 40] ’runterkommen mit sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf.

Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns irgendeinen Miller —

„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube, er meint unsern — unsern Hansi.“

„Unsern — unsern —?“ stammelte ich verbindungslos.

Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen.

„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah, bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke bogen.

„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln. Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem Hansi abgeblättert.

„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und[S. 41] fuhr mir über die Schläfe, als habe sich da was Fremdes angesetzt.

An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit.

Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger.

„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können, hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte. Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen, warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre.

„Weil er — weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“, platzte Hansi heraus.

„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“,[S. 42] fühlten wir uns verpflichtet, für den Spohrer einzutreten.

„Ja, und dann — und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß draufgetreten, der — der gemeine Kerl!“

„Aber Hansi, das kann Zufall sein und —“

„Und dann — und dann — und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Der Hansi heulte.

Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer lacht mich aus damit“, sagte er.

Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben: „Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser ganz gemeine Kerl.

„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal.

„Wirklich, Hansi?“

„Ja — beinah — der — der gemeine Kerl!“

„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge—“ Aber da war er schon aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi.

In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem Schulgang.

[S. 43]

„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter.

„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf — mit’m Stecken — der — der gemeine Kerl!“

Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer hätte — der Spohrer wäre — der Spohrer könnte — der Spohrer würde. Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere. Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der Spohrer… Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi ab.

Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche.

„Doch nicht der Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es wirklich dem Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich.

„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können,[S. 44] so lang und hager, wie Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir.

Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi. „Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi behandle ihn zu schlecht.“

„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.

„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er — dann habe er ihm einmal beinah eine ’neingehauen — und auf dem Schulweg passe er ihm auf, der — der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat — der Miller ist — der Miller wird — mit einem Wort, wir sind vermillert auf und ab.“

Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von Spohrern und von Millern sei.

„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt steht, wird sie auch verspohrert —“

„— Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu einer — einer stillen Liebe.“

[S. 45]

Glück
Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat — Herr im Himmel, was hat der Glück gehabt — jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine Einladung auf den nächsten Sonntag.

Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid, das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das Benehmen anbeträfe — „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der Schule sein mußt — nicht etwa kriechend — wir sind auch was, wenn wir auch kein Staatsrat sind — du hast da einmal einen Klassenkameraden mitgebracht — Mathias, glaub’ ich — der trägt den Kopf aufrecht, weiß was er will und läßt sich gar[S. 46] nicht extra imponieren — an dem nimm dir ein Beispiel.“

Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp: „Bin hier fast jeden Sonntag — der Staatsrat ist mein Onkel — komm.“

Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein — „Mathias, nimm dich seiner an!“

Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben, wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“

Sie machte mir über eine halbe Stunde Spaß. Dann kamen wir an einen Weiher mit einem entzückenden Boot. Ob ich rudern dürfe? „Meinetwegen, wenn dir solche Wasserplantscherei Vergnügen macht“, sagte er mit hochgezogenen Mathiasaugenbrauen. Und ich durfte ihn rudern, während er gähnte.

Dann war ein zahmes Reh hinter einem Zaun, ein allerliebstes Reh. Ob ich’s betrachten dürfe? Er nickte nachlässig mit dem Mathiaskopfe: „Meinetwegen, wenn du sonst nichts besseres weißt.“ Und wieder wußte ich eine halbe Stunde lang[S. 47] nichts besseres und konnte mich nicht satt sehen an den großen Rehaugen und den zarten Bewegungen, während der Mathias, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend um den Zaun ging.

Dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne. Ob er je was besseres gegessen hätte, fragte ich begeistert den Mathias. Da riß er langsam den Mathiasmund auf und sagte gähnend: „Gott, man kann doch alle Schlagsahnen, die man schon verzehrt hat, nicht im Kopfe haben.“

Darauf holte er sich ein dickes Buch und las es, während ich im weichen Grase hinter einer blütenüberschneiten Hecke lag und träumte, träumte…

Ich habe es noch lange Jahre später bekannt: das war mein schönster Tag. Dann bin ich alt geworden und es versanken nacheinander meine Eltern, der Park, der Staatsrat, der Mathias — nein, den Mathias habe ich gestern in einem Wartesaal wiedergetroffen, sehr vornehm, knapp vorm Staatsrat, glaube ich. Aber er plauderte sehr gütig mit mir, denn bis zu seinem Anschlußzuge hätte sich ihm sonst die Langeweile angeschlossen. Als der Gesprächsstoff auszugehen drohte, sagte ich: „Weißt du noch, Mathias: der gemeinsame Parknachmittag damals bei deinem Onkel, dem Staatsrat —“

„N—ja, erinnere mich dunkel. Aber sprich nur zu, vielleicht daß ich mich dann an die Einzelheiten —“

[S. 48]

„Ja, da war vor allem die Schaukel — dann der Weiher mit dem Boot — dann hinterm Zaun das Reh — dann die Erdbeeren mit Schlagsahne — schließlich im Grase hinter der Hecke —“

„Ja ja, jetzt weiß ich’s wieder: es war gräßlich, nicht — ah, eben rufen sie den Zug ab — du entschuldigst —.“

[S. 49]

Das blaue Band
Wie soll man sich zum blauen Band stellen?

Hm, es kommt darauf an. Es gibt verschiedene blaue Bänder. Da wäre zunächst ein blaues Band, das unsere Liebste trug, das unserer kinderjungen Liebsten sich um den blonden Haarzopf schleifelte — ich weiß noch, wie lustig die seidenblauen Bänderenden in den Wind flatterten.

Nein, nicht dieses blaue Band. Ich bitte euch, wer spricht denn heute noch von blauen Liebesbändern.

Dann weiß ich noch ein anderes blaues Band, das ist es französisch: Le cordon bleu, sagen sie hinter den Vogesen und verleihen es der Köchin, die am besten kocht.

Das ließe sich schon eher hören, zum mindesten ist es substantieller. Aber noch nicht, wie soll ich sagen — noch nicht aktuell genug. Habt ihr denn nie von einem dritten blauen Band gehört, dem blauen Bande, das von England ausging, The blue ribbon, nach dem ein Hetzen ist und Jagen? —

So will ich euch seine Geschichte erzählen, wenn ihr Zeit habt, die Geschichte vom blauen Band.

[S. 50]

Also dieses blaue Band bekam der Mast auf dem Schiff, das am schnellsten durch den Ozean fuhr. The blue ribbon ging von einem Schiff zum anderen. Erst waren sie alle englisch, diese Schiffe. Das erste war ein Zehnknotenschiff. Zum Lachen — das haben sie damals schnell geheißen. Dann entriß es diesem Schiff ein Dreizehnknoter. Darauf mit einem scharfen Sprung ein sechzehnknotiger Ozeanrenner. Und beim Siebzehnknotigen, dessen Mast das blaue Band umschlang, da war es, daß ein Dichter die Bezeichnung „Windhunde des Meeres“ prägte. Und reihum weiter wanderte das blaue Band, das vielbegehrte, heißumstrittene. Ganze Völker waren an der Jagd beteiligt. Das war eine Freude rechts und ein Jammer links, als hinter zwanzig Knoten das blaue Band von England über den Kanal nach Deutschland flatterte.

Nun ging erst recht das Jagen an. Herunter glitt das blaue Band vom Mast und legte sich beklemmend den Kapitänen auf die Brust: Fahrt zu, fahrt zu, heizt die Kessel, bis sie glühen — das Band, das blaue Band, wir müssen’s wieder haben! Was sagt ihr — der Eisberg? Der Teufel soll den Eisberg holen, wenn das blaue Band dahinter schimmert!

Und dann war es, daß das blaue Band pfeilgeschwind durch die Schiffsluke hinunterschoß über Treppen und Gestänge, daß es den Heizern um die Ohren knallte: Vorwärts, vorwärts, schaufelt ein![S. 51] Daß es um die Kessel schwirrte, bis sie rot vor Zorn erglühten. Daß es im Manometer die Dampfdrucksäule schob und zerrte, bis das blaue Band den roten Explosionsstrich überdeckte…

Und wenn dann der Kessel barst, und wenn dann der Eisberg einen Schiffsleib aufriß, wie man eine Naht auftrennt, so sahen sie den Kessel und den Eisberg, nicht das blaue Band.

Und über das vergurgelnde Schiff wehte das blaue Band weiter übern Ozean.

Herüber und hinüber flatterte es zwischen den Nationen, ohne Rast und Ruh. Und wenn’s des Meeres überdrüssig war, so flog’s aufs Land. So tauschte es den Mast mit rauchenden Kaminen: in der Fabrik erstand soeben eine neue Schraube, die dem besten Schiffe ein paar neue Knoten zulegt; oder es webte blau durchs offene Fenster in ein Erfinderzimmer und legte sich um seine hohe Stirne, just im Augenblicke, wo daraus die Lösung einer neuen Dampfturbine sprang.

Das blaue Band sah einen langen Weg zurück. Weit um die Erde ging der unerbittlich schnurgerade Weg. Meilensteine standen klotzig an den Rändern — fünfundzwanzig Knoten — sechsundzwanzig Knoten — siebenundzwanzig Knoten… Was lag daran, daß da und dort ein Meilenstein auch eine Grabinschrift auf seiner anderen Seite trug?

[S. 52]

Als ob die Leichensteine nicht an jedem Fortschrittswege stehen müßten!

Und ein Fortschritt war es, als der dreißigknotige Schiffskoloß dem blauen Bande seine Reverenz erwies. Als der Fünfunddreißigknotige den Golfstrom schnitt, und als das Vierzigknotenschiff mit schwarzem Atem den Wendekreis des Krebses heraufkeuchte.

Nun gab’s kein Halten mehr im Rasen. Erfindung auf Erfindung holte sich das blaue Band aus den Gehirnen. Wütend, immer wütender peitschte es die Meere und die Menschen: fünfzig Knoten, sechzig Knoten, siebzig Knoten.

„Und ich gebe eher keine Ruh,“ sagte Mister Hobbledihoi, „als bis mein ‚Thunderer‘ fünfhundert Kilometer in der Stunde macht.“

Und Mister Hobbledihoi war der Mann, das durchzusetzen. Und eines Tages fauchte sein „Thunderer“ wie ein Geschoß übers Meer. Am Bug, das blaue Band, es ringelte sich vor Freude und schrieb die Zahl 500 in die zerschnittenen Lüfte.

Fünfhundert Kilometer in der Stunde waren überschritten.

„Und ich gebe eher keine Ruhe,“ sagte Brinkmann, der Schiffsmagnat, „bis mein ‚Blitzstrahl‘ die drei Nullen mit dem Einser vorne aus den Wassern holt.“

Und Herr Brinkmann war der Mann, das wahrzumachen. Ein Heer von Ingenieuren hetzte er mit[S. 53] Geld und Ehren. Ein Volk verfieberte er zu wütender Begeisterung. Ein Kohlenbergwerk warf er in sein Schiff und zwang es zu den tausend Kilometern in der Stunde. Das war in einer Nacht, als an Bord die tausend Lichter glänzten. Im Luftschiff drüber sahen es die Leute. Und es war ihnen, als blitzte eine riesige Sternschnuppe durch den Weltenraum.

Auf der Kommandobrücke stand der Schiffsherr Brinkmann neben seinem Kapitän. Der Kapitän las beim Scheine einer Glühlampe den Geschwindigkeitsmesser ab und legte salutierend seine Hand an die Mütze.

„Ich gratuliere, Herr Brinkmann,“ sagte er, „der Zeiger hat die Tausend überschritten. Darf ich es der Welt verkünden?“

Brinkmann nickte. Es war ein eisernes Nicken.

Und als jetzt der Kapitän auf einen Knopf drückte, zerriß ein ungeheurer Pfiff die Lüfte. Der sollte es der Menschheit sagen, daß eine Riesentat vollbracht war. Eine Tat, die dieser Eisenmensch auf der Brücke in die Welt warf.

Der?

Ein blaues Band kam auf den Schwingen jenes Pfiffes herangeflattert:

„Mir galt der Pfiff,“ raschelte das Band, „ich danke…“ Und dann ergriff es von dem Schiff Besitz. Und geruhig sah es, wie im nächsten Hafen unter ihm die Kränze und die Sträuße sich zu[S. 54] Bergen häuften, wie die Weihereden stiegen, wie die verstolzte Menschheit sich vor Hochmut in die Brust warf…

Und noch während dem Gerede drunten schaute das blaue Band am Mast nach neuen Siegen aus.

Die kamen. Die stampften gleichmütig über den Schiffskoloß und seinen Herrn. Das war an jenem Tage, als Mister Hobbledihoi die bis dahin allgewaltige Kohle aus seinem neuen Schiffe „Zeitlos“ warf und die elektrischen Ströme, die verschwiegen die Erde umkreisten, zwang, seinen „Zeitlos“ um die Erde zu jagen. Das war, als Mister Hobbledihois „Zeitlos“ beim Sonnenaufgang von Europa fortschoß gegen Westen. Das war, als fünfzehnhundert Kilometer in der Stunde überschritten wurden. Das Wasser kochte vorn am Bug, der die Längengrade in sich hineinfraß. Das Wasser kochte hinten am Kiel, wo die Schrauben wahnsinnig geworden waren. Weit und breit kein kleinstes Fischlein in der Wasserwüste — sie waren vor dem Donnergang des „Zeitlos“ jäh geflohen. Die schnellsten Vögel riß der Luftwirbel aus ihrem Reich, ihre plattgedrückten Leiber klebten vorn am Buge.

„Mister Hobbledihoi,“ sagte der Kapitän, „Brinkmann ist geschlagen.“

„Ich weiß es und ich ehre ihn, denn ich stehe auf seinen Schultern.“

In diesem Augenblicke kam der König auf die[S. 55] Brücke. Und es war der König, welcher sich verneigte vor dem Schiffsherrn und ihm eigenhändig ein blaues Band ins Knopfloch seines Rockes schlang. Nein, schlingen wollte. Denn ein Windstoß kam und riß es in die Lüfte.

„Wenn wir am Land sind, habe ich ein anderes,“ sagte der König: „nur eine Frage hätte ich.“

„Bitte, Majestät.“

„Warum heißen Sie Ihr Schiff denn ‚Zeitlos‘?“

Der Schiffsherr wies stumm nach der noch immer aufgehenden Sonne, die seit geraumer Zeit nicht um einen Zoll höher gegangen war am Horizonte.

Der König verstand nicht gleich.

„Das bedeutet?“ wandte er sich fragend an den Kapitän.

„Das bedeutet,“ sagte dieser, „daß unser Schiff sich mit der gleichen Geschwindigkeit von Osten nach Westen bewegt, als sich die Erde in der umgekehrten Richtung um sich selbst bewegt, Majestät!“

„Und somit,“ ergänzte der Schiffsherr ruhig, „somit kann es auf unserm Schiff nicht — nicht später werden, solange wir nach Westen fahren.“

„Und auf unserm Schiff wird es immer Sonnenaufgang sein“, sagte der Kapitän.

Lange schwieg der König. Dann sagte er:

„Ich hatte einen Vorfahren, der von sich sagen konnte, in seinem Reiche ginge nie die Sonne unter. Ihr habt sein Reich zusammenschnurren lassen auf ein stampfendes Schiff. Auch auf eurem Schiffe[S. 56] geht die Sonne nicht mehr unter. Meines Vorfahrens Reich — und euer Schiff — meine Herren, mich dünkt, wir könnten uns die Hände reichen…“

Hier brach der Erzähler ab.

Der zu seinen Füßen saß und horchte, sagte traumverloren:

„Aber dann würden ja die Menschen auf diesem Schiffe auch nicht — nicht älter werden können?“

Der Erzähler lächelte:

Der Ruhm des „Zeitlos“ hallte über die Erde. Die Menschen rissen sich um einen Platz in den Kajüten.

„Man altert nicht auf diesem Schiffe“, riefen sie, „die Uhr des Lebens kann nicht einen Pendelschlag auf diesem Schiff tun. Auf seinen Planken hat die Zeit die Macht verloren, nicht eine Runzel kann sie neu auf unserem Gesichte ziehen.“

Um solches zu erlangen, war ihnen nichts zu teuer. Und die Schiffswerften der Erde bauten Tag und Nacht an neuen „Zeitlos“-Schiffen.

Und in den Häfen drängten sich die Menschen:

Wir wollen zeitlos werden, zeitlos! schrien sie und stürmten auf die Schiffe…

Aber da war es, daß eine neue Nachricht die aufgescheuchte Welt durchzitterte:

Brinkmann, der Besiegte, hatte sich erhoben. Brinkmann, der Besiegte, hatte ein neues Schiff[S. 57] gebaut. Das hieß er „Die Vergangenheit“. Warum denn „Die Vergangenheit“? Die Antwort spielte der Telegraph um die Erde:

Das neue Schiff läuft schneller als der „Zeitlos“, also schneller auch als sich die Erde um sich selbst bewegt. Mithin…

Die zum ersten Male auf der „Vergangenheit“ fuhren, konnten sich vor Staunen gar nicht fassen: eben, bei der Abfahrt, war die Sonne im Westen in das Meer gesunken. Los schnellte das Schiff vom alten Kontinent, wie vom Himmelsbogen ein Pfeil, den der Allmächtige in den Weltenraum hinausschießt. Und, o Wunder, da sah man die untergegangene Sonne wieder zurückgehen, wieder aus dem Meere aufwärtstauchen, wieder zu einem neuen Nachmittage, nein, einem schon vergangenen Nachmittage rückwärtswandern…

Die Menschen auf dem Schiffe wurden nicht älter. Die Menschen auf dem Schiffe blieben auch nicht stehen in der Zeit.

„Wir werden jünger — jünger — jünger!“ riefen sie in überquellender Begeisterung.

„Wir wandern in unsere eigene Vergangenheit hinein!“ schrien sie.

Und so war es.

Die Menschheit, die nicht sterben wollte, flüchtete sich auf das letzte Riesenschiff, auf „Die Vergangenheit“. Kaum, daß sie abgestoßen waren vom Ge[S. 58]stade der Gegenwart, schwenkten sie die Hüte, schwenkten sie die Tücher:

„Wir fahren in unser Jugendland, in unser Jugendland zurück!“

Das war ein sonderbares Rückwärtstauchen in die Vergangenheit.

Da hatte man eben zärtlich Abschied genommen von den Seinen, als man über die Schiffstreppe heraufstieg. Und gleich darauf durchlebte man die Abschiedszärtlichkeit von neuem.

Da hatte man ein großes Glück genossen vor der Reise. Und gleich darauf wiederholte sich zwangsläufig alles Glücksgefühl von rückwärts.

„Wie ist mir denn?“ sagten die Passagiere der „Vergangenheit“, „hatte ich diesen Gedanken nicht schon früher einmal gefaßt?“

Und die, welche weiße Haare im Vollbart hatten, sahen mit Erstaunen das vergangene Schwarz von neuem aus den Spitzen in die Höhe gehen und das vertriebene Weiß verkroch sich in die Wurzeln.

Und was das Sonderbarste war! Sie erlebten jetzt die Wirkung vor der Ursache.

Eines Jungen Wangen fingen rot zu brennen an. „Uh,“ heulte er, „uh“, und hielt sich die Backe. Und danach erst bekam er von seinem Vater die Ohrfeige, und wieder danach beging er jenen Streich, für den die Ohrfeige vermeint war. Alles war jetzt umgekehrt wie früher.

Erst kam die Sättigung, und wenn man trotzdem[S. 59] aß, so stellte sich der Appetit am Schlusse ein. Man gab sich einen Kuß und fragte danach erst, ob man sich einen geben dürfte. Man legte sich des Morgens ausgeruht ins Bett und schlief sich müd zum Abend vor, stand auf und fing die Arbeit an und wurde munter, immer munterer. Man machte die Entdeckung, daß man mit einer Arbeit fertig war, und war im Handumdrehen erst am Anfang, wo man an dem Federhalter kaute…

Wieder stand Brinkmann neben dem Kapitän auf der Schiffsbrücke.

„Es ist sonderbar,“ sagte der Kapitän, „ich habe darüber nachgedacht und finde, daß jetzt die Welt gerade infolge des rasenden Fortschritts rückwärts geht.“

„Ich denke, wir treiben hier keine Philosophie, Kapitän“, sagte Brinkmann, der Eisenmann.

„Nein,“ sagte der Kapitän, „wir treiben Schnelligkeit, und wir selber treiben mitten in der Schnelligkeit, ein wenig hilflos, will mir schei—“

Es knitterte vom Mast. Ein Funkspruch wurde überbracht. Brinkmann las.

„Rasch, Kapitän,“ sagte er, „steuern Sie sofort zum Pol. Ich erhalte hier eine sonderbare Nachricht von meinem alten Feind, dem Mister Hobbledihoi — ich muß sehen, ob das wahr ist…“

Und dann flog die „Vergangenheit“ zum Pol.

Der war auf einer Insel. Dort hielt die „Ver[S. 60]gangenheit“. Brinkmann und der Kapitän nahmen ihre Fernrohre an die Augen.

„Sehen Sie ihn, Kapitän?“

„Ja, ich sehe Mister Hobbledihoi haarscharf auf der Erdachse sitzen.“

„Auf einem Stuhle, glaub’ ich?“

„Ja, ein Klavierstuhl, der sich ohne Ende dreht. Wie rasend dreht sich der Mensch um die Polachse, warten Sie, von — von Ost nach West —“

Da tat Brinkmann, der Eisenmann, einen fürchterlichen Fluch.

„Kapitän, Kapitän, nun hat uns dieser dennoch überwunden!“ schrie er.

„Wieso?“

„Zum Teufel, verstehen Sie denn nicht: so oft sich dieser Mensch auf dem Klavierstuhl herumgedreht hat, so oft sich seine Beine einmal um die Polachse geschlenkert haben, hat er dasselbe getan, dasselbe, was wir —“

„Was wir in einer Erdumschiffung taten — in der Tat, das hat er, und bei jeder Drehung wird er in viel, viel kürzerer Zeit um einen Tag jünger, als wir es auf unserer ‚Vergangenheit‘ jemals werden können.“

Und dann sahen sie mit ihrem Fernglas, wie der Mann sich auf dem Klavierstuhl schneller drehte, immer schneller.

„Weiß Gott,“ schrie Brinkmann, „jetzt ist er gut[S. 61] um dreißig Jahr jünger, als ich ihn das letzte Mal sah.“

„Nein, um vierzig“, sagte der Kapitän.

„Ein Junge ist er jetzt, ein Junge!“

„Wahrhaftig, nicht mal mehr ’n Bart.“

„In den Windeln liegt er, in den Windeln!“

„Und jetzt, Kapitän, was sehen Sie jetzt?“

„Jetzt sehe ich gar nichts mehr.“

„Das ist doch nicht möglich — schauen Sie schärfer!“

„Keine Täuschung — leer ist der Klavierstuhl, rattekahl leer.“

„Kreuzteufel, wie erklären Sie das, Kapitän?“

„Wie ich mir das erkläre? Ei ganz einfach — der Mann hat sich durch die Schnelligkeit über seine eigene Geburt hinausgelebt — weg ist er — nicht mehr wiederkommen tut er.“

„Aber wenn wir ausstiegen, Kapitän — wenn wir den Klavierstuhl in der anderen Richtung drehten?“

„Was futsch ist, das ist futsch und wird nicht mehr lebendig.“

„Kapitän, drehen Sie um — wir fahren heim.“

„Mit welcher Geschwindigkeit?“

„Mit — mit einer — vernünftigen.“

„Vielleicht fünfzig Kilometer über Erdachsengeschwindigkeit?“

[S. 62]

„Zum Teufel mit der Übererdgeschwindigkeit — wir fahren einfach fünfzig Kilometer in der Stunde.“

„Sehr wohl.“

Brinkmann wollte gehen. Da löste sich vom Mast ein blaues Band, ein blaues Schleifchen. In zierlichen Spiralen schaukelte es dem Kapitän zu Füßen. Der hob es auf.

„Meister,“ rief er Brinkmann nach, „Meister, das blaue Band ist vom Mast gefallen — was soll ich tun damit — soll ich’s wieder —?“

Der eiserne Brinkmann drehte sich um:

„Das blaue Band“, sagte er langsam. „— Sie haben ein junges Mädel zu Hause, nicht wahr, Herr Kapitän?“

„Ja, allerdings.“

„Dem flechten Sie’s ins Haar, Kapitän…“

[S. 63]

Die Rundfrage
In der Redaktion war es schwül. Der Verleger hatte angeklingelt: täglich der alte Schnee im Blatt, ob das eine Leistung sei — hopla, meine Herren, mal ’nen Bauchaufschwung, Rundfrage oder so was, aber fix und or’j’nell, wenn ich bitten darf…

Die Redaktion stützte den Kopf in die Hand: Rundfrage? Als ob die andern Blätter nicht schon alles Denk- und Undenkbare rundgefragt hätten vom Säugling bis zum Sarg! Hm, ob vielleicht jenseits des Säuglings unabgegrastes Rundfragsland sich dehnte? Etwa: „Wie denken Sie über vorgeburtliche Erziehung?“

Die Redaktion schlug im Konkurrenzregister nach. Richtig: „Aufsehenerregende Umfrage über Vorgeburtserziehung durch die Redaktion der ‚Morgenröte‘.“ Diese „Morgenröte“ schnappte aber auch schon alles weg!

Dann vielleicht jenseits des Sarges? Etwa: „Wie denken Sie über ein Fortleben der Seele nach dem Tode?“ Wenn man nur gleich wüßte, ob man’s im Register unter F, S oder T zu kontrollieren hatte. Ha, da stand es: „Rundfrage über[S. 64] die Unsterblichkeit“, veranstaltet von der „Abendröte“, von der „Mittagsröte“, von der „Nachmittagsröte“, von der „Five-o’clocks-tea-Vorabend-Röte“. Alles dagewesen —

Ha, da kam ihm ein Gedanke:

„Herr Kollege, was sagen Sie zu der or’j’nellen Idee einer Umfrage über ‚Wie denken Sie über Umfragen?‘“

„Mensch, lesen Sie denn nicht die Konkurrenz? ‚Umfrage über Umfragen‘, letzte Woche veranstaltet von der Vormittagsröte —“

„Na, denen können wir nicht nachklappen. Aber was ganz Apartes: ‚Wie denken Sie über Rundfragen über Rundfragen über Rundfragen?‘ — he, Kollege?“

„Sie sollten ein halbes Stündchen an die frische Luft gehn, Kollege. — Aber wir wollen mal die Setzerlehrlinge befragen — die sind nicht so ausgekocht.“

Die Setzerlehrlinge machten es wie die Redaktion und stützten ihr Haupt in die Hand. — „Na, Heinrich, haste dir noch nie Gedanken über irgendwas Merkwürdiges gemacht?“

„Wenn ick uff’m Randstein langjehe, muß ick’s immer mit de Fieße so inrichten, dat ick nich uff ’ne Fuge komme; warum mag det woll so sind?“

Noch am gleichen Tage knatterte die Setzmaschine den Umfragbogen in den Schmelztiegel, der sie an die Druckerschwärze weitergab:

[S. 65]

Randstein-Fugen-Tritt-Vermeidungs-Umfrage.

I. Haben Sie in Ihrer Jugend vermieden, auf Randsteinfugen zu treten?

a) wenn ja, 1. warum? 2. mit welchem Erfolg?

b) wenn nein, hat sich diese Neigung 1. später eingestellt? 2. in welchem Alter? 3. mit welchen Begleiterscheinungen? normal? abnorm?

In der Ersten-Frühstücks-Ausgabe der Zweiten-Frühstücks-Röte erschien der Umfragbogen. Dann begann der zweite Umfragsauftakt, das Verschicken an sämtliche hervorragende Leute an der Hand eines gleichlautenden Begleitbriefes:

Hochverehrter Herr und Meister!
Aus der Fülle des uns täglich zuströmenden psychologischen Materials hat eine eigenartige Menschheitsfrage immer dringlicher ihr Rätselhaupt erhoben, eine Frage, die, so unscheinbar sie erscheint, vielleicht in ihrer gründlichen Beantwortung dennoch geeignet ist, unabsehbares Licht in dunkle Seelentiefen zu werfen. Indem wir Ihnen die restlose Zergliederung dieser Frage in dem beiliegenden Fragebogen unterbreiten, sind wir uns bewußt, daß vor allem Ihr umfassendes Wissen und durchdringender Geist, verehrter Herr und Meister, geeignet erscheint usw.

Wir werden das Ergebnis der Rundfrage systematisch aufarbeiten und veröffentlichen, ebenso wie wir nicht verfehlen werden, die auf Grund einer Separatumfrage innerhalb des Schoßes unserer Re[S. 66]daktion sich ergebende beste Antwort mit einem Freibezug unserer „Zweiten-Frühstücks-Röte“ für ein ganzes Jahr auszuzeichnen…

Für die führenden Köpfe des Landes begann eine nachdenkliche Zeit. Denn das verstand sich, daß sie ihre laufenden Arbeiten sofort zugunsten dieser Umfrage zu unterbrechen hatten. In einem raschen Hochschwall begannen alsdann die Umfragantworten einzulaufen. Sie wurden zunächst ohne Zusatz in der Reihenfolge ihres Einlaufs in der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ veröffentlicht.

Professor Schmalzbrunner war der erste, der sich so vernehmen ließ: „In umgehender Umfragserledigung und umseitiger Überreichung des ausgefüllten Umfragbogens erlaube ich mir, die Redaktion der ‚Zweiten-Frühstücks-Röte‘ zu der lichtvollen Erfassung des Zeitgeistes an der Stirnlocke um so mehr zu beglückwünschen, als ich selbst schon lange die Absicht hatte, der nunmehr auch von Ihnen angeschnittenen psychologischen Frage eine gründliche Untersuchung angedeihen zu lassen, auf welchen Umstand ich Sie bitte, in Ihrem redaktionellen Teile aus Gründen des geistigen Erstgeburtsrechts ausdrücklich hinzuweisen…“

Geheimrat Nasenschaber schrieb: „Vor Ausfüllung des Umfragbogens bitte ich um gefällige Mitteilung, ob sich etwa auch Geheimrat Hinthinlang an der Umfrage beteiligen wird, in welchem Falle ich unter Berücksichtigung der minderwertigen Qua[S. 67]litäten dieses Herrn leider nicht in der Lage wäre, auch nur vorübergehend unter dem gemeinsamen geistigen Dache einer Umfrage meine gemessene Zeit zuzubringen. Im übrigen habe ich gegen eine öffentliche Notiznahme von meinem Vorbehalt, den ich meinem Rufe schuldig bin, nichts einzuwenden usw.“

Professor Doktor Spalthaar teilte mit: „Ich beantrage die Absendung eines Vorfragebogens behufs Feststellung des Materials, aus welchem besagte Randsteine in jedem einzelnen Falle angefertigt waren, da es nicht unwahrscheinlich ist, daß je nach der granitenen, zementenen, kalkigen oder kunststeinigen Beschaffenheit derselben die ursächliche Festlegung der Fugenvermeidung des schreitenden Fußes, dessen Beschuhungsart aus Leder, Holz, Filz oder Stroh, beziehungsweise seine Unbeschuhung in Parallelkoinzidenz mit dem Material des Randsteins…“

Sogar General a. D. Festruff, der alte Haudegen, meldete sich, leider in einer Form, die der öffentlichen Wiedergabe Beschränkung auferlegte: „Warum man beim Gehen auf dem Randstein und so weiter und so weiter. Ist mir wurscht. Hochachtungsvoll Festruff, General a. D.“

Die knappste Antwort erfolgte auf die Anfrage an Professor Schrankelmaier: „Adressat seit zwanzig Jahren verstorben. Schwienecke, Briefträger.“

Als konzentriertes Resultat der Umfrage ergab sich: 31 v. Hundert der Befragten erklären das Überschreiten der Randsteinfuge als einen körper[S. 68]lichen Zwangsreflex, 27 vom Hundert als eine seelische Reizhandlung, während die restlichen 42 vom Hundert einer psycho-physischen Mischung den Vorzug gaben. Genaueres ergab sich nicht.

Blieb am Ende noch die offene Frage nach der besten Antwort mit dem Freibezug der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ als Preis dafür. Im Schoß der Redaktion ergab sich keine Einigkeit. Schlug einer einen vor: „Gewiß, soweit ganz nett,“ erklärten alle andern, „aber doch nicht or’j’nell genug.“ Also erweiterte man den Wettbewerb: auch Nichtbefragte durften ihre Meinung sagen.

Wieder gab es eine Unzahl Lösungen. Der Redaktionsschoß lag und hörte, nickte und bekannte: „Na ja, aber or’j’nell?“ „Nee, grad so oder doch so ähnlich haben wir’s schon irgendwo gelesen.“

Die Zeit verrann. Einer mußte schließlich doch bepreist sein. Man war verlegen. Man ließ, wie immer, wenn ein Krach in Aussicht stand und im Zusammenhang damit ein Blitzableiter nötig werden konnte, die Setzerjungen kommen.

„Na, Jungens, was empfindet ihr beim Überschreiten einer Randsteinfuge?“ Die Jungen schwiegen. „Nu, der von euch, der auf die Preisaufgabe kam, der wird doch was empfinden?“ — „Jawoll, Herr Doktor.“ — „Na?“ — „Nischt, Herr Doktor.“ — „Nanu?“ — „Weil ’n verninft’jer Mensch prinz’b’jell immer nur direktemang uff die Fuge stapft.“

[S. 69]

Die Redaktion war baff. Die Redaktion erklärte einstimmig: „Blödsinnig, wahnsinnig, blödsinnig, — aber or’j’nell.“

Und so sprach man dem Umfragsetzerjungen auch den Umfragpreis zu. Leider hat er ihn abgelehnt: „Gott behiete mir,“ sagte er, „det langt zu, dat ick an dem Mist für det Wurstblatt mitsetze — nu’ soll ick’t ooch noch lesen? Is nich.“

[S. 70]

Das Kugelzimmer
Der Bomhard war sonst nie, was man ein verrücktes Huhn nennt. Aber da erbte er. Massig.

„Kinder,“ sagte er, „ich habe eine Idee.“

„Ah, eine Idee, und die wäre, lieber Bomhard?“ Ideen eines Erben sind ja stets beachtenswert.

„Unsere Zimmer sind alle falsch gebaut, ist euch das noch nie aufgefallen?“

„Gewiß — natürlich — grundfalsch sogar — das heißt — zu klein, nicht wahr?“

„Nee, zu eckig.“

„Eckig? hm, allerdings, man könnte sie ’n bißchen weniger eckig — sozusagen ein wenig rund —“

„Nee, ganz rund, eine Kugel ist das beste.“

Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, „Kugel?“ hätten wir ihm ins Gesicht gelacht, „das ist ja zum Kugeln!“ So aber: „Kugel? das ist ja — ist ja sehr interessant. Lieber Bomhard, möchtest du uns diese ebenso originelle als — als — na ja, du weißt schon — nicht ein wenig näher —“

Im Telegrammstil, aber immerhin leutselig, schmiß er die Begründung hin: „Erde rund — Himmelskörper rund — Köpfe rund — Stämme rund[S. 71] Früchte rund — alles Vernünftige rund — man sollte meinen, Menschen hätten von Anfang an nur runde Zimmer — anstatt dessen — alles eckig — toll — einfach toll —“

„Ja der Tat, wenn man bedenkt, wie oft man sich an Ecken stößt —“

„Nicht nur das — da ist auch die Ästhetik — gibt es etwas Vollkommeneres als eine Kugel?“

„Es käme drauf an, was in der Kugel drinnen ist“, wagte ich.

„Vier drittel r hoch drei pi ist drin, das weiß ja jeder Schulbub, und die Raumausnützung im Verhältnis zur Wandfläche ist zweimal größer als beim Würfel, Mensch, was meinst du, wie sich in solchem Kugelzimmer atmen läßt!“ Er schnaufte plastisch.

„In einem Zimmer ist nicht nur Luft drin,“ beharrte ich, „da sind auch Möbel. Wie willst du an den Kugelwänden ein Bild, einen Schrank, ein Bett, ein Nachtkästchen —“

„Blödsinnig einfach!“ sagte Bomhard hitzig, „man baut Kugelbilder, Kugelschränke, Kugelbetten, Kugelnachtkästchen, Kugel—“

„Schön, aber den Zimmerboden wenigstens mußt du doch eben und gerade —“

„Fällt mir gar nicht ein, Kugel, alles Kugel —“

„Und wenn diese Möbel nun ins Rutschen kommen?“

„Dummes Zeug, werden angenagelt!“

[S. 72]

„Und die Kugelstühle, Kugeltische, Kugelschemel, Kugelkohlenkübel?“

„Werden dito angenagelt!“

Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, weiß Gott, ich hätte mir den Witz, daß ein vernageltes Kugelzimmer auf den dito vernagelten Besitzer schließen lasse, nicht verkneifen können. So beschränkte ich mich auf: „Und die vielen kleinen Sachen, wie Schirme, Stöcke, Federhalter, Bleistifte —?“

„— haben nach dem Gravitationsgesetz dauernd das Bestreben, nach dem tiefsten Kugelzimmerpunkt zu rutschen“, sagte er vergnügt.

„Aber ist das nicht — nicht unpraktisch?“

„Im Gegenteil, eminent praktisch! Bedenkt doch den Ärger, wenn in den Würfelzimmern was verloren ging, sagen wir mal, eine Brille, eine Haarnadel, ein Notizbuch, ein Schlips, ein Metermaßstab, ein Geldschein, ein Pantoffel, ein —“

„Jaja,“ nickten wir in Erinnerung, „elende Sucherei —“

„Na, seht ihr, so was ist in meinem Kugelzimmer ausgeschlossen. Mein Kugelzimmer verliert nichts. Mein Kugelzimmer präsentiert von selber jede ausgekniffene Brille, jeden verlorenen Bleistift, jeden verschlampten Pantoffel im Kugeltiefpunkt der Zimmermitte: bitte, bedienen Sie sich.“

„Großartig,“ sagte einer augenzwinkernd, „großartig, bis auf eines.“

[S. 73]

„Bitte?“ sagte der Kugelzimmererfinder feindselig.

„Wie willst du mit den von Mutter Natur nun einmal platt konstruierten Füßen —“

„Falsch, grundfalsch! von Natur aus hätten wir nur Kugelfüße. Aber die seit Jahrtausenden platten Würfelzimmer haben auch die Füße platt gedrückt. Meine Kugelzimmer werden sie mit der Zeit schon wieder sphärisch biegen. Und bis dahin kann man sich ja mit entsprechend konstruierten Kugelstiefeln behelfen.“

„Famos,“ sagte der Zwinkerer, „ganz famos, alle Einwände räumt er weg. Seine Kugelzimmer sind theoretisch einwandfrei. Freilich, ob er praktisch einen Kugelarchitekten findet, der —“

„Schon gefunden. Hier der Aufriß. Da der Grundriß, bitte.“ Er entfaltete Blätter, auf welchen lauter Kreise Kegel schoben. Der Zwinkerer schien sie eifrig zu studieren.

„In der Tat — in der Tat — schlechterdings vollkommen bis auf — bis auf die Zwickel.“

Bomhard wurde unsicher. „Welche Zwickel?“ stotterte er.

„Nun, diese Hohlräume zwischen den aneinander liegenden Kugelzimmern sind doch unnütz, platterdings unnütz.“

Bomhard erbleichte: „Allerdings — allerdings — ich werde darüber nachdenken — ich werde sie[S. 74] wegkonstruieren oder sonst eine Lösung — eine praktische Lösung…“ Er ging verstört.

„Mensch!“ berannten wir den Zwinkerer, „du hast kein Herz, kein Kugelherz. Du hättest ihm mit seinem Kugelwahne ruhig glücklich werden lassen sollen, wo er doch die Gelder dazu hat.“

„Seh ich nicht ein, da wir mit unsern Wahngebilden auch nicht glücklich werden dürfen.“

„Erlaube mal, wir haben keine Wahngebilde —“

„Allerdings,“ sagte er sarkastisch, „solange wir nicht erben, müssen wir sie schlafen lassen, müssen wir sie zurückstopfen, verstecken in den Hohl—“ Er brach ab.

„Warum schweigst du?“

„Weil ich sonst die Lösung, die Bomhard sucht, vergeblich suchen wird, verraten hätte.“

Recht bekam er. Bomhard fand die Lösung nicht. Er hat eine Unmenge vergnüglich lächelnder Architekten mit einer Unmenge Geld versorgt. Probekugelzimmer standen auf und rollten durch das Land. Wie sie aber standen und die zweite Kugelzimmerzelle an der ersten sich zum Hausbau fügen sollte, ließ er sie des Zwickels wegen gleich erschlagen. Er selber konstruierte unzählige Kreise auf unzähligen Bögen. Aber die Zwickel dazwischen, die nutzlosen Hohlräume grinsten immer spitzer und verbogner: „He, und wir? was willst du aus uns machen, he?“

Vergrämt hat er sich angeschickt zu sterben. Der[S. 75] Zwinkernde ist an seinem Bett gesessen. „Man hat mir mitgeteilt,“ sagte Bomhard schwach, „daß du eine Lösung wüßtest, um die Hohlraumzwickel —“

„Ist noch Geld da?“

„Leider nicht, alles verzwickelt.“

„Gut,“ murmelte der Zwinkerer befriedigt, „dann können anderer Menschen Hirnhohlräume nicht mehr vom Erbrest angestopft werden.“ Laut aber sagte er: „Die alte Wäsche von den Kugelzimmern hätte man in den Zwickeln ganz bequem —“

„Gott,“ stammelte der Sterbende, „daß ich daran nicht gedacht — wer denkt auch, wenn er erbt, an seine alte Wäsche!“ Und sein letztes Wort war in Verklärung: „Also doch vollkommen!“

[S. 76]

Schmuckel
Der Schmuckel war immer ein heller Kopf gewesen. Schon in der Schule sagte der Herr Lehrer zu den anderen Schülern: „Den Schmuckel seht euch an, so fix wie der im Rechnen sollten alle werden.“ Aber nicht nur im Rechnen war es so. So einen deutschen Aufsatz schmiß er aus dem Handgelenk ins Heft, daß es nur so schnackelte. Von der Geographie gar nicht zu reden, wo die Nebenflüsse links und rechts des Rheins förmlich aufeinander schnalzten. Heißt das, wenn der Schmuckel sie aufsagte. Bei den andern schob sich zwischen der Kinzig und der Murg ein „Äh“ und zwischen der Nahe und der Mosel eine Einsagpause, und zwischen Lahn und Wupper gähnten ganze Reihen ausgelassener Nebenflüsse.

Wenn aber der Inspektor kam, vor dem man doch ein bissel glänzen wollte, wurde der Schmuckel in der Geometrie aufgerufen. So ein Inspektor ist Paraderösser sicherlich gewöhnt. Aber wie der Schmuckel in die Arena ritt, wenn der Lehrer scheinheilig sagte:

„Na, jetzt könnte vielleicht der — der — Schwiefke[S. 77] — nein, der war schon daran — nun, sagen wir mal, der Schmuckel noch sein Paralleltrapez konstruieren, von dem gegeben ist die Mittellinie, die Höhe, ein Winkel im Schnittpunkt der Diagonalen …“

Der Inspektor müßte nicht der Inspektor gewesen sein, hätte er nicht gewußt, daß diese Paralleltrapezgeschichte die allerverschwefelste Aufgabe im ganzen Dicknether, Ausgewählte Konstruktionen für Mittelschulen war, und — unter uns — ihn wenn der Lehrer jetzt aus Versehen, anstatt des Schmuckels an die Tafel gerufen hätte, er wäre aufgesessen, glatt aufgesessen, statt anderen aufsässig zu sein. Und es brach ihm jetzt wahrhaftig ein gelinder Schweiß aus, wenn er daran dachte: wenn jetzt der Schmuckel stecken blieb, und wenn ein anderer Schüler auch nicht weiter wußte, und wenn der Lehrer auch verdattert würde, und wenn es dann seine verdammte Schulinspektorpflicht sein würde, selbst an das verflixte Paralleltrapez zu treten: „Aber Herr Kollege, ist ja kinderleicht — das macht man so und so und so…“

Unnütze Sorge. Der Schmuckel, der fixe Schmuckel, war schon mitten in der Konstruktion und turnte mit der Kreide und dem Zirkel auf dem Paralleltrapez herum, daß einem ganz schwindlig wurde — Winkel rissen ihre Mäuler auf — Parallele spielten Fangeinmandel, ohne sich zu kriegen — Diagonalen kreuzten sich mit Würde, wie die Bandeliere auf[S. 78] der Brust eines Napoleonssoldaten — Kongruenzen führten Menuette auf, und Mittellinien schmiß er an die Tafel, ohne Rast und ohne Wenn und ohne „Äh“… ja, so einer war der Schmuckel.

„’n verdammt fixer Kerl!“ preßte es dem Inspektor heraus, trotzdem ein Schulinspektor „verdammt“ und „fix“ und „Kerl“ eigentlich nicht sagen durfte, sondern höchstens „bemerkenswert“ und „anstellig“ und „Individuum“.

Nach der Schule hat sich der fixe Schmuckel mit dem Paralleltrapez nicht weiter aufgehalten, sondern hat fix eine Stelle bekommen, hat fix verdient, hat sich fix verheiratet, war der fixeste Häuseragent geworden weit und breit. Es mag ja sein, daß der Schulinspektor damals sich noch einen ganz andern Bauchaufschwung als bis zum Häuseragenten von dem Musterschüler Schmuckel erwartet hatte. Etwa einen Gelehrtenaufschwung, Dichteraufschwung oder so was. Aber derartige Aufschwünge erfordern Wenn und Aber, „Ähs“ und lange Pausen der Überlegsamkeit zwischen hinein. Womit der fixe Schmuckel sich aber wirklich nicht aufhalten konnte, wenn er’s fix zu einem fixen Kerl mit einem fixen Bankkonto bringen wollte.

Und das hatte er nun. Sogar eine fixe Frau zu seiner fixen Häuseragentur. „Das muß man sagen,“ sagten die Leute, „ein patenter Häusermakler ist er, dieser Schmuckel, wahnsinnig patent!“ Denn von dreißig Jahren an sagt man nicht mehr[S. 79] fix, sondern patent. Das gehört sich so, und außerdem ist es patenter. Patent ist übrigens hinter dreißig Jahren jeder Mensch, der etwas auf sich hält. Schmuckel aber war unter den patenten Häusermaklern eben auch wieder derjenige, wo — mit einem Wort, er war wahnsinnig patent. Man hätte auch „furchtbar patent“ oder „rasend patent“ oder „blödsinnig patent“ sagen können. Aber das waren andere Häusermakler auch zur Not. Schmuckel allein war wahnsinnig patent.

„Wenn du irgendeinem Hausmakler ein Haus zu verkaufen gibst,“ hieß es, „was hat der für Bedenklichkeiten und Geschichten. Dagegen der Schmuckel — eins zwei drei, hat’s schon wegverkauft.“

„Ja, und gar wenn du ihn eins kaufen lässest, brauchst du nicht einmal bis drei zu zählen — hat’s schon gekauft für dich, bevor du überhaupt noch selber wußtest, daß du ein Haus gewollt hast — wahnsinnig, einfach blödsinnig wahnsinnig, dieser Schmuckel.“ „Blödsinnig wahnsinnig“ ist der höchste Orden, der für Fixigkeiten zu verteilen ist.

Nun erkennen Frauen sonst die öffentlichen Eigenschaften ihrer Männer selten an. Nicht so Schmuckels Frau, ein stilles, kleines und verträumtes Dingchen. Gegen andere sprach sie sich freilich nicht so aus. Aber wenn sie sich selber fragte, was sie eigentlich von ihrem hin- und hergehetzten fixen Manne habe, so sagte sie sich insgeheim: „Wahnsinnig wenig, blödsinnig wahnsinnig wenig.“

[S. 80]

Nun aber begab es sich, daß besagter Schmuckel einen Weinkeller hatte. Einen wahnsinnig patenten Weinkeller. Was schließlich für einen erfolgreichen Häusermakler nicht mehr als recht und billig ist. Vor allem billig. Denn Schmuckel kaufte auch seine Weine einfach rasend wahnsinnig blödsinnig billig ein.

Und weiterhin begab es sich, daß er sich einmal selbst in den Keller begab, um einen solchen rasenden Wein am Spundloch zu probieren — nein, um einen solchen Wein am rasenden Spundloch — nein, es ist zum rasend werden: um einen solchen Wein am Spundloch rasend zu probieren.

Als er den Becher untern Hahn hielt und diesen aufgedreht hatte, fiel ihm ein solider Holzschlegel gegen die linke Schläfe. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, eine Idee auf die Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um Schmuckels Denkapparat nach einer andern Richtung einzuschalten.

Der Wein lief in den Becher, bis er überfloß, während Schmuckel sinnend vor dem Spundloch saß und dachte: „— und wenn ich damals in der Schule nicht so fix gewesen wäre… hm ja, es konnte immerhin doch sein… hm ja, und wenn ich die Konstruktion mit dem Paralleltrapez auch nicht so fix gekonnt hätte… hm ja, und genau genommen,[S. 81] weiß man ja nicht einmal, ob alle diese fixen Lehrsätze auch ganz richtig sind… hm ja, man braucht nur anzunehmen, daß wir keine körperhaften Menschen, sondern — hm ja — zweidimensionale Menschen wären, die auf — hm ja, hm ja — auf Eierschalen lebten… hm ja, so daß der pythagoräische Lehrsatz keinen Sinn hätte… hm ja, dann würde auch das Paralleltrapez ein Blödsinn…“

Unterdessen lief der Wein und lief und stand schon knöcheltief im Keller.

„— hm ja, und wer weiß, ob ich dann ein fixer Häusermakler geworden wäre, der hin und her verkauft und den ganzen Tag nur auf der Hetze ist… hm ja, so daß für mein kleines Frauchen eigentlich nichts übrig bleibt von mir, als ein bißchen Fixigkeit… hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten… hm ja, ja hm, dafür aber glücklich wären — hm ja, furchtbar glücklich, wahnsinnig glücklich, blödsinnig glücklich… nein, ist ja Unsinn, einfach glücklich, das genügte —“

Hier war es, daß der Wein ihm an die Waden reichte, und daß das Schmuckelsche Dienstmädchen herunterkam, um nachzuschauen, wo ihr Herr solange bliebe: „Aber gnädiger Herr,“ rief sie, „was machen Sie denn da?“

„Ich habe darüber nachgedacht, Kathi wenn ich nicht immer so fix gewesen wäre… hm ja, es hätte doch sein können… hm ja, und wenn wir zweidimensional auf Eierschalen lebten… hm ja, und[S. 82] wenn wir dann auch weniger verdienten… hm ja, und wenn ich dann mit meiner Frau viel glücklicher wäre… hm ja, Sie verstehen, Kathi —?“

Da wurde die Kathi auch besinnlich, setzte sich auf einen Kellerstuhl und sagte langsam: „Hm ja, freilich kann ich Sie verstehn, Herr Schmuckel… hm ja, und wenn Sie dann mit Ihrer Frau so glücklich wären… hm ja, auf zwei sinidale Eierschalen … hm ja, hm ja…“

Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen schon bis beinahe an die Knie, als die stille, kleine und verträumte Frau Schmuckel auch herunterkam, um nachzusehen, was aus ihrem Mann und der Kathi geworden wäre: „Aber Kinder,“ rief sie, „was macht Ihr denn da?“

„Wir haben darüber nachgedacht, liebe Frau, wenn ich nicht so fix geworden wäre, so wahnsinnig — so fürchterlich wahnsinnig fix, weißt du… hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten —“

„Hm ja, auf zwei simidale Eierschalen nämlich, gnädige Frau, hm ja“, erläuterte die Kathi.

„Hm ja, und wenn wir dann erst glücklich geworden wären, liebe Frau… hm ja, einfach glücklich, schlecht und recht…“

Hier war es, daß sich die stille, kleine Frau still zu ihrem Mann gesetzt hatte, daß sie langsam ihr gutes Köpfchen zu ihm neigte: „Ach ja, lieber Mann, glücklich wenn wir wären… hm ja, wir sind ja glücklich… glücklich um und um… und ich wünsche[S. 83] mir nur, daß es jetzt so bliebe… hm ja, mein lieber Mann, hm ja…“ Und sie verlebten zum ersten Male selige Minuten ungetrübten Glückes.

Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen jetzt schon glücklich bis an die Lenden, als auf einmal ein zweiter solider Holzschlegel von dem großen Weinfaß herab auf Herrn Schmuckels rechte Schläfe fiel. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, wieder eine Idee auf die andere Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um den alten Schmuckel wieder einzuschalten:

„Was ist denn das für eine Schweinerei!“ schrie er aufspringend, „fix, den Hahn zu — fix, Kathi, holen Sie die Feuerwehr — nein, Kathi, bleiben Sie, fix, Frau, fix, die Eimer her und wieder eingefüllt ins Faß — fix, Kinder, fix — zum Donnerwetter, sag’ ich: fix…!“

[S. 84]

Jod
Es ist kein Zweifel mehr. Die Wissenschaft hat’s festgestellt:

Das Blut wird von der Schilddrüse stündlich mit ein drittel millionstel Gramm Jod gespeist. Ohne dieses Jod wird der Mensch ein Idiot trotz aller Schulen, allen guten Willens. Ein Hundertstel Gramm Jod mehr in unserm Blut, und wir fliegen dahin mit lockigem Haar, blitzenden Augen, überschäumender Lebenslust. Ein Tausendstel Gramm weniger, und mit erloschenen Augen schleicht ein Kümmerling zum Grabe.

So die Wissenschaft. Wie das Leben?

Unsere Schulzeugnisse müssen eine neue Spalte kriegen:

Fritz Kugelmaier, Jodgehalt: Befriedigend.

Hans Stoppinger, Jodgehalt: Sehr gut.

Max Steinhofer, Jodgehalt gleich Null. Aufsteigen in die nächste Klasse nur bei energischer Nachhilfe in der Jodzufuhr gestattet.

Die Begegnungsformel „Wie geht es Ihnen?[S. 85]“ ist veraltet. „Und wie steht’s mit Ihrem Jodinhalt?“ wird es hinfort heißen müssen.

„Sage mir, wieviel Jod du hast, und ich sage dir, wer du bist.“

Ein Beamter hat in einer Stellung ganz versagt. „Kein Wunder,“ wird der Personalreferent angefahren, „wie konnten Sie einen Menschen mit solchen Jodverhältnissen…!“

Der künftige Adolar erklärt der künftigen Kunigunde seine Liebe. „Schön, mein Herr,“ sagt sie, „darf ich um Ihre Hand bitten.“

„Aber,“ stottert er, „eben darum wollte ich Sie bitten — au!“ Denn sie hat mit der Pinzette aus seinem Ringfinger ein Tröpflein Blut entnommen, es im Reagenzröhrchen mit Säuren aufgeschüttelt und die Stirn gerunzelt: „Mein Herr, Ihr Antrag ehrt mich, aber bei Ihren dürftigen Verhältnissen —“

„Ich muß doch bitten, ich habe —“

„— viel zu wenig Jod, mein Herr — der nächste, bitte.“

Der Nürnberger Trichter wird das Zeitliche segnen müssen. Eine Reichsjodanstalt wird aufgehen. Jodärzte werden von Injektionszelle zu Injektionszelle rennen, mit Spritzen:

„Unter uns, Herr Kollege, wie könnten Sie den Mann nach Tabelle B mit so wenig Jod injizieren — der Mann ist Wagenführer und muß etwas leisten!“

[S. 86]

„Na, wenn Sie schon so kritisch sind, so muß ich Ihnen sagen, Herr Kollege, daß es von Ihnen Unsinn war, an den Mann auf Nummer 37 soviel Jod zu wenden, wo die Magistratstabelle nur die Hälfte vorsieht.“

Der künftige Friedenskongreß. Verschiedene Regierungen beharren auf Erörterung der Schuldfrage. Andere widersprechen. Der Kongreß droht schon zu scheitern. Da erhebt sich der Professor Spyribingel: „Meine Herren, die exakten Forschungen der Wissenschaft ergaben, daß, wenn Napoleon zwei Milligramm Jod weniger im Blut gehabt hätte, er es höchstens zum Stadtkommandanten von Ajaccio hätte bringen können. Die ganze Geschichte Europas wäre eine andere geworden. Es hätte kein 1914 gegeben. Ich beantrage die Schlamperei des Impfarztes von Ajaccio für schuldig am Ausbruch des Weltkrieges zu erklären…“

Es ist klar, daß von da ab alle Herrschenden der Erde abzutreten haben werden. Herrschen wird von da ab nur mehr seine Wissenschaft, der Pinsel — Jodpinsel selbstverständlich.

So weit wäre alles gut und wissenschaftlich in der Welt geworden. Aber eine Besorgnis habe ich doch. Nein, keine Besorgnis, sondern eine Angst: gesetzt den Fall, es stürbe einmal Hindenburg — mög’ es lange nach dem Kriege sein — und gesetzt den Fall, man hätte ihn seziert — jetzt noch die Blut[S. 87]probe — es erbleichet das Konsilium, und ein Raunen geht durchs Haus der Wissenschaft, daß es klingt, als bröckelten die Wände: „Um Gottes willen, meine Herren, nicht verlauten lassen, daß wir den Weltkrieg mit Null Komma Null Gramm Jod gewonnen haben…“

[S. 88]

Morgan
Man hat Bücherbretter voll Rezepte geschrieben über „Wie man reich wird“. Aber es gibt nur ein Rezept dafür: keine Nerven haben.

Als Morgan anfing, Eisenbahnsysteme und Millionen aufzuschachteln, hätte einer seinen Körper mit dem Ultramikroskop durchsuchen dürfen: nicht die Spur von Nerven.

Keine Nerven? — Dummes Zeug, womit hätte er denn da Lust gefühlt und wäre aufgezuckt in Schmerzen? — Ei, mit den Eisenbahnsträngen, die für seine Rechnung vom Atlantischen Ozean an den Stillen Ozean liefen.

Diese Stränge zogen ihm die erste Milliarde in den kräftig pulsierenden Kassenschrank. Daß Morgan an Stelle eines Herzmuskels einen feuerfesten Kassenschrank besaß, darf ich als bekannt voraussetzen. Auch daß dieser Schrank so konstruiert war, um gemünztes Blut hineinzulassen, aber keins heraus.

Nach der ersten Bahnmilliarde fing es in den Dividendenkanälen zu diesem Kassenschrank an, da und dort ein wenig weißlich aufzuglänzen.

[S. 89]

„Doch keine Nerven?“ fragte er besorgt den Hausarzt.

„Hm, es kann auch Stahl sein, weißer Stahl von Ihrem neuen Eisentrust, Herr Morgan.“

Morgan war beruhigt und häufte jetzt Milliarden, wie er vorher Millionen häufte. Nach dem Bahntrust und dem Stahltrust kam der Schiffahrtstrust. Das weißliche Geäder trat auf der Auskleidung seiner Dividendenblutbahn deutlicher hervor.

„Also doch Nerven?“ rief Morgan und packte seinen Hausarzt am Geldbeutel.

„I bewahre, die Kielwasserbahnen Ihrer Schiffe sind es.“

Es waren aber doch die Nerven, die still und zähe mitten durch die Aktienmuskelbündel und die Obligationsfettpolster durchgewachsen waren.

Man holte einen Nervenspezialisten.

„Schade,“ sagte der und liquidierte hunderttausend Dollar, „schade, ein paar Jahre früher, wenn Sie mich gerufen hätten, würde man sie ziehen haben können.“

„Und jetzt?“ fragte Morgan angstvoll.

„Man könnte es mit dem Verwässern der Aktienmuskelbündel und der Obligationenfettpolster versuchen“, sagte der Spezialist und liquidierte wieder hunderttausend Dollar.

Morgan wässerte und wässerte, wurde aber dadurch nur noch reicher, ohne seine Nerven zu verlieren. Ein Heer von Spezialisten kurierte dran[S. 90] herum. Natürlich wurden da die Nerven ungebärdig und gereizt. Sie bäumten sich und dehnten sich und schnurrten wieder zusammen und zupften und rissen ihn an allen Enden.

Nicht mehr zu ertragen war es. Zwischen seinen Milliarden rannte er herum. An ihren stahlharten Wänden brach sich sein Gestöhne und klatschte mitleidlos auf ihn zurück.

Zerfasert und zersetzt rannte Morgan von den Spezialisten zum Schäfer Ast. Der behandelte ihn genau wie alle andern: drei Nackenhaare ausgerissen, ins Weiße der Augen gestarrt und abermals drei Nackenhaare ausgerissen.

„Es war die höchste Zeit,“ sagte der Schäfer Ast, „denn Sie hatten gerade noch sechs Nackenhaare.“ Und dann stellte er die Diagnose:

„Sie leiden an Ihren Milliarden, Herr Morgan“, sagte er.

„Sie meinen an den Nerven?“

„Ihre Nerven sind wie Spargeln aus dem Miste Ihrer Milliarden herausgewachsen,“ sagte Schäfer Ast, der sich landwirtschaftlich auszudrücken liebte, „schmeißen Sie den Mist hinaus, so hören auch die Spargeln auf zu treiben.“

„Sie können mit dem Misten meinetwegen gleich bei mir den Anfang machen“, setzte er hinzu und rollte einen leeren Mistkarren herbei.

Mit der lumpigen Million, die da hineinging, war es freilich nicht getan. Morgan fing nach allen[S. 91] Seiten auszumisten an. Aber wie er auch verschenkte und verschenkte, noch größer war der Zustrom seiner Dividenden. Er war zu reich geworden, als daß er sich mit Schenken hätte helfen können. Immer unbarmherziger schossen Spargel durch die Beete, zappelten die Nerven am Gerüste, so sich Morgan nannte.

Morgan floh aus Kontor und Börse weit hinaus ins Land. Gleich schoß ihm ein dünner Kupfernerv nach, der tickte, tickte: der Telegraph.

Morgan floh aufs Meer. Erschöpft lehnte er am Mast und murmelte:

„Gott sei Dank, daß in die Ozeanwüste keine Nervendrähte reichen.“

„Tick — tick — tick“, machte es oben am Mast und rann in den zuckenden Körper Morgans ein. Es war der Auffangapparat für drahtlose Telegraphie.

Morgan floh unerkannt in die telegraphenlosen Sabiner Berge. Das Leben eines Hirten wollte er da führen. Aber unter seinen Händen organisierte sich sein Schafgewerbe lukrativer, als bei allen anderen Hirten. Daran erkannten sie ihn auch da und riefen:

„Du bist Morgan“, und begannen ihn anzubetteln.

Da erkannte er, daß er sich selber nicht entrinnen könne und floh, ein zuckendes, zerflackerndes Nervenbündel, in die nächste Stadt. Das war Rom.

Seine Leute wollten das erste Hotel für ihn[S. 92] mieten. Aber es war ein Kongreß in der Stadt. Alle Gasthöfe waren überfüllt. In zwei Zimmern eines kleinen Gasthofes landete der Abgehetzte. Fieberschauer warfen ihn ins Bett. Der Hausarzt sah, es ging aufs Ende.

Die Nervenempfindlichkeit hatte derart zugenommen, daß ein umgewendetes Blatt in seinem Buche ihn zum Rasen brachte.

Gegenüber klopfte ein Schuster und sang dazu. Morgan schäumte. „Aufhören, auf der Stelle!“ ließ er ihm sagen. „In Rom gibt’s gegen Klopfen und Singen kein Gesetz“, erwiderte der Schuster und sang und klopfte weiter.

Morgan ließ ihm 1000 Dollar bieten. Der Schuster lachte und machte Fenster und Laden zu. Aber Morgans Nerven wuchsen durch Ladenritzen und durch Glas und hörten den Schuster immer noch.

10000 Dollar bot er ihm, wenn er das Klopfen ließe. Der Schuster lachte und hörte auf zu klopfen. Aber noch immer sang er.

„Was verlangst du für deinen verfluchten Gesang?“ ließ Morgan sagen.

„Der Gesang ist mir das teuerste“, antwortete der Schuster und verlangte 100000 Dollar.

Als der Schuster so erledigt war, fingen Straßenbuben zu pfeifen an. Zwei Abgesandte Morgans stellten sich an beiden Straßenenden auf und kauften jedem, der den Mund zu spitzen anfing, jeden Pfiff für schweres Geld ab.

[S. 93]

Als so die Straße pfiffefrei war, kamen die Zeitungen heraus. Brüllend stürzten sich die Zeitungsjungen in die Straße. Wieder blieb nichts anderes übrig, als ihnen alle Nummern schon am Straßeneingang abzukaufen. Das war nicht so billig als es aussieht. Denn kaum hatten die Druckereien erfahren, wer die Nummern kaufte, als sie ihre Rotationsmaschinen aufs neue laufen ließen und die herausgeschleuderten Zeitungsbündel alle nach der einen Straße schickten. Es begann ein Kampf zwischen den Rotationspressen und Morgans Geld. Das Geld blieb Sieger.

Schon glaubten Morgans Leute ihren Kampf gewonnen, als es über den Zimmern zu dudeln und zu schleifen anfing. Ein Strohflechter feierte seine Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten ein Jahrzehnt für diesen Tag gespart und wollten sich den Tanz, das Essen und die frohe Laune etwas kosten lassen.

Morgans Bote kam heraufgestürzt: „Unser Herr ist außer sich. Ich kaufe euch eure Hochzeit ab. Was kostet sie?“

Der Strohflechter und die Strohflechterin sahen sich an und lächelten glücklich:

„Nein,“ sagten sie, „unser Hochzeitstag ist nicht verkäuflich.“

„Aber bedenkt doch, es ist Morgan, der eure Hochzeit kaufen will.“

„Wir kennen keinen Morgan.“

[S. 94]

„Was, den kennt ihr nicht? Er ist der reichste Mann der Welt!“

Da sah der Strohflechter die Strohflechterin zum zweitenmal glückselig an: „Der reichste Mann der Welt?“ lächelte er ungläubig, „nein, mein Lieber, da irrt ihr euch, beim Blut der heiligen Madonna. Denn der reichste Mann der Welt bin heute ich — hopp, Kinder, einen neuen Tanz!“

„Deine Millionen haben da droben nichts ausrichten können, o Herr“, berichteten Morgans Leute ängstlich vor seinem Bett.

Da ergrimmte das zuckende Nervenbündel, raffte sich zum letzten Male auf und warf ihnen Armleuchter, Uhren, Stühle, Stiefel an den Kopf. Und so gräßlich war er anzuschauen in seiner unglückseligen Tobsucht, daß sie sich entsetzten und flohen. Der wimmernde Milliardär lag allein im Bett.

Der kleine Laufjunge, der auch die Stiefel im Gasthof reinigte, war zur Hochzeit hinaufgeschlichen, stieß die tanzende Braut an und flüsterte ihr zu:

„Du, Maria, unter deinen Füßen liegt einer im Sterben…“

Die Musik hatte schon lange ausgesetzt. Kein neuer Tanz konnte beginnen. Es fehlte ja die Braut. Wo sie nur blieb.

Unruhig stieg der Strohflechter eine Treppe tiefer. Da war eine Tür. Klang hinter ihr nicht ihre Stimme? Vorsichtig klinkte er sie auf:

Ein unsäglich zermürbter Mann lag in den Kissen[S. 95] im Sterben. Die Strohflechterin kniete im Hochzeitsstaat am Bett, wie Mütter an Kinderbetten knien. Sie gab ihm zu trinken. Sie kühlte ihm mit ihrer Hand die verwüstete Stirne. Sie sprach ihm zu, wie man Kindern liebreich zuspricht:

„Povero — poverino — poverissimo…“

Und der sterbende Milliardär stammelte, wie Gehetzte stammeln:

„Oh, thank you — thank you — I’ll get you a million I’ll get you more — eine Million sollen Sie haben — mehr sollen Sie haben — thank you — oh, I thank you so much…“

Nun verstand freilich Morgan kein Italienisch, und die Strohflechterin verstand kein Englisch. So zerstäubte das Millionenversprechen in der Luft des Sterbezimmers.

Übrig blieb von allen Millionen ein gütiges und kostenloses „Povero — poverino — poverissimo“ zwischen zwei Hochzeitstänzen einer Strohflechterin, und der befreite Dankblick eines zerquälten Milliardärs, der in seiner Sterbestunde das einzige geschenkt bekam, was er nimmermehr bezahlen hätte können.

[S. 96]

Tag- und Nachtärger
Da hatte ich mich wieder einmal schandbar geärgert wegen irgendwas.

„Sie sollten sich doch nicht so ärgern am hellichten Tage“, sagte jemand.

„Am hellichten Tage?“ sagte ich verwundert und ärgerlich zugleich, „wissen Sie vielleicht ein Mittel, um den Ärger aus dem wachen Tag in die dunkle Nacht zu schieben?“

„Ich nicht, aber der Doktor Switschbidiwitsch weiß eines.“

Stracks lief ich zum Doktor Switschbidiwitsch.

„Ist es wahr?“ sagte ich, „daß Sie den Tagärger in die schlafende Nacht hineinzaubern können?“

„Gewiß kann ich das.“

„Dann bitte ich darum.“

„Hm, von welchem Tagärger werden Sie geplagt?“

„Es kommt hie und da ein Manuskript von einer Redaktion zurück.“

„Sonst nichts?“

[S. 97]

„Es regnet stets in meinen Ferien.“

„Sonst nichts?“

„Meine Frau ist manchmal anderer Meinung.“

„Sonst nichts?“

„Und hat dazu noch meistens recht.“

„Hm, das letzte läßt sich hören — aber ich mache Sie darauf aufmerksam, ich kann den Ärger nicht verschwinden lassen — das kann niemand — nur in den Schlaf abschieben.“

„Im Schlaf ertrage ich den Ärger gern, wenn nur der Tag von Ärger frei ist.“

„Und ferner möchte ich bemerken, daß sich der in die Nacht geschobene Tagärger zu wandeln pflegt, alle möglichen bizarren Gestalten annimmt.“

„Was liegt daran. Geträumter Ärger kann beschaffen sein wie er mag, wenn ich nur den Tag vom wirklichen Ärger frei bekomme.“

„Hm, was den Unterschied von Traum und Wirklichkeit betrifft —“

„Zur Sache, Herr Doktor, ich spüre schon wieder einen Ärger unterwegs.“

„Nun, wie Sie wollen — switsch — bi — di — witsch — switsch — bi — di — witsch — zwanzig Märker, wenn ich bitten darf.“

Bei „Switschbidiwitsch“ hatte er ein paar magnetische Bewegungen meinen Schläfen entlang gemacht, und bei den „zwanzig Märkern“ verwandelte er die vertikale Handbewegung in eine horizontale.

[S. 98]

„Wie, schon fertig?“ fragte ich, die Börse ziehend.

„Wenn Sie im Laufe der nächsten vierzehn Tage den geringsten Ärger empfinden,“ sagte Doktor Switschbidiwitsch ein wenig beleidigt, „zahle ich Ihnen vierzig Mark zurück — freilich, was die Nacht betrifft…“

Doktor Switschbidiwitsch hatte nicht gelogen. Noch am gleichen Tage liefen mir soviel Dinge über den Weg, über die ich mich sonst totsicher geärgert hätte. Jetzt wunderte ich mich bloß ein wenig. Wunderte mich, wenn ich dreimal hintereinander den Straßenbahnanschluß verpaßte. Wunderte mich, als ich auf drei unter vier angekommenen Briefen schweres Strafporto zu zahlen hatte. Wunderte mich stärker, als meine Frau bei drei hintereinander aufgetretenen Meinungsverschiedenheiten viermal recht bekam. Und wunderte mich schließlich am stärksten darüber, daß ich mich über alle diese Dinge lediglich zu wundern vermochte, und keine Spur zu ärgern.

Ich sah schon, die Sache war in Ordnung: ich würde niemals vierzig Mark von Doktor Switschbidiwitsch erhalten.

Dann kam die Nacht. Mit der Nacht der Traum. Und mit dem Traum der erste prophezeite Traumärger.

In der ersten Nacht träumte mir, ich ginge nach dem Frühstück in mein Arbeitszimmer. Da saß[S. 99] schon einer an meinem Schreibtisch. Ein wildfremder Mensch. Und schrieb und schrieb.

„Herr,“ tippte ich ihm ärgerlich auf die Schulter, „hier schreibe ich.“

„Wie Sie sehen, ist das eine falsche Behauptung“, sagte der Fremde, ruhig weiterschreibend, ohne aufzusehen.

„Herr,“ ärgerte ich mich, „dieses Arbeitszimmer habe ich gemietet.“

„Stimmt.“

„Und bezahlt!“

„Stimmt auch.“

„Also arbeite ich auch darin.“

„Das ‚also‘ stimmt nicht.“

„Herr!“ schrie ich, „es ist mein Schreibtisch, auf dem Sie schreiben!“

„Seien Sie vergnügt, daß einmal was ordentliches drauf geschrieben wird“, sagte der Fremde, ohne mit dem Schreiben auch nur einen Augenblick anzuhalten.

Ich ärgerte mich schandbar. Aber es war nichts zu machen. Ich kam zu keinem Federstrich an diesem Morgen und mußte mich entschließen, in aller Frühe an meinen Stammtisch zu pilgern, wo ich meinen Ärger zu ersäufen hoffte, aber weiter nichts als einen dicken Kopf davontrug.

Nun wird man freilich sagen, was liegt an einem[S. 100] dicken Nachtkopf, der am Tage wieder dünn ist? Was liegt an einem dicken Nachtärger, den man beim Morgenkaffee lachend untern Tisch wischt:

„Denk’ mal, liebe Frau, was für komisches Zeug ich heute nacht geträumt…“

Aber ganz wohl war mir bei dieser Überlegung nicht, und ich erwartete mit einigen Bangen die zweite Nacht.

Darin träumte mir, ich hätte meinen Namen zu schreiben. Der weiße Bogen lag schon da. Auch die Feder, die eingetauchte.

„Ein bißchen rasch, wenn ich bitten darf“, sagte der Beamte, dem ich meine Namensunterschrift abzugeben hatte.

Ich setzte zu seinem großen F an und stockte schon nach einem Zug: hm, setzte man den oberen F-haken nach links an oder nach rechts? Es kam mir vor, als hätte ich schon ebensoviele linkshakige als rechtshakige F gesehen. Welche waren recht? Meine Feder zitterte und machte schließlich einen Haken links und einen Haken rechts. Na, der Haken war erledigt, Gott sei Dank. Jetzt den F-Strich durch die Mitte. Wieder stockte ich: zum Donner, machte man jetzt noch den F-Strich, oder war der nicht laut letzter Ministerialverordnung amtlich abgeschafft? Da konnte man sich ja fürchterlich blamieren bei der eigenen Unterschrift. Schließlich machte meine Feder einen solch haardünnen F-Strich,[S. 101] daß er ebensogut mittels eines schemenhaften Traummeineids abgeleugnet hätte werden können. Jetzt der zweite Buchstabe. Ich machte einen i-Strich mit weniger Mühe, als ich gefürchtet hatte. Auf einmal spürte ich — sehen konnte ich ihn nicht — den höhnischen Blick des königlichen Beamten, der mir beim Schreiben zusah: macht dieser Mensch das i vor dem r!

„Entschuldigen Sie!“ sagte ich fahrig und versuchte, das i in ein r umzukorrigieren. Das war eine endlose Arbeit. Ich drückte meinen Zeigefinger ächzend durch vor Mühsamkeit. Davon bog sich auch der Federhalter. Mit einem durchgebogenen Federhalter zu schreiben, war erst recht eine Heidenarbeit. Der Schweiß brach mir aus, der geschlängelte Federhalter fing zwischen meinen Fingern zu rutschen an. Aber schließlich stand das r doch da. Es war freilich das sonderbarste r, das ich je geschrieben hatte. Aber immerhin, es war ein r.

Jetzt kommt t und z, dachte ich, und wurde aufs neue unsicher: kam zuerst das t, oder kam zuerst das z? Es schien mir im höchsten Grade fraglich. Aber da spürte ich wieder den höhnischen Blick im Nacken und wußte gerade noch rechtzeitig, daß weder das t noch das z kam, sondern das i, das i von vorhin.

Wieder glückte der i-Strich verhältnismäßig rasch. Ach so, fehlte noch der Punkt, der I-Punkt. Na,[S. 102] das ist doch das allereinfachste bei der ganzen Namensschreiberei, der gotteslästerlichen, dachte ich, und machte frischweg einen Punkt. Teufel, war er über’s r gekommen. Ich strich ihn durch und machte ihn ein zweites Mal. Donner, jetzt saß er überm F. Wieder durchgestrichen und gezielt, wie man auf einen Feind zielt, scharf, unerbittlich. Ha, jetzt saß er überm i-Strich. Whupp, kollerte er von seiner Höhe und trieb sich wie ein Billardball ruhelos zwischen den Grund- und Haarstrichen der drei Buchstaben herum. Ich lief ihm nach, ich fing an ihn anzuflehen:

„I-Punkt, lieber i-Punkt, laß dich doch erwischen, laß dich doch ein einziges Mal erwischen.“

I-Punkte scheinen auch im Traume nicht ganz unbarmherzig zu sein. Denn er ließ sich wirklich erwischen, und ich hielt ihn mit beiden Händen über den i-Strich fest. Aber schon fing er wieder zwischen den Händen zu surren an. Gleich würde ich ihn nicht mehr halten können… Es war ein gräßlicher Traum. Ich wachte ärgerlich und schweißgebadet auf.

Wieder folgte ein glockenheller Tag ohne den geringsten Ärger. Wieder kam die Nacht. Ich schob den Schlaf so lang als möglich auf, mit Lesen, mit Summen, mit Liedersingen suchte ich mich im Bette wach zu halten. Aber da schlief ich doch.

[S. 103]

Da packte mich schon einer freundschaftlich-dringend am Ärmel:

„Gut, daß Sie da sind. Der Stelzenmaier ist erkrankt. Sie müssen für ihn einspringen.“

„Stelzenmaier? Ich kenne keinen Stelzenmaier“, sagte ich.

„Ist auch nicht nötig. Hauptsache ist, daß Sie gleich seine Rolle übernehmen — sofort wird Ihr Stichwort fallen, machen Sie sich doch bereit.“

„Aber ich habe doch noch nie auf dem Theater gespielt.“

„Ausgezeichnet, das gibt Ihrer Rolle die beste Natürlichkeit.“

„Aber ich weiß ja gar nicht, welches Stück und welche Rolle, Heiligschockschwerenot…!“

„Das werden Sie alles wissen, wenn Sie vor dem Publikum stehen — ha, Ihr Stichwort — rasch!“

Da hatten sie mich schon durch die Kulissen hinausgeschoben in ein grelles mitleidsloses Licht…

Mitten in dieser Nacht mußte ich einen kalten Umschlag nehmen und wagte nicht mehr einzuschlafen. Um das zu erreichen, zog ich den Wecker auf, ließ ihn ablaufen, zog ihn wieder auf, immerzu. Aber schon beim drittenmal veranlaßte meine Gattin meinen Umzug in das Fremdenzimmer.

Hier erwartete ich den vierten Tag, der wieder seraphinenhaft ganz ohne Ärger aufzog. So sehr[S. 104] auch die Erinnerung an die drei Ärgernächte versuchte, sich in den Tag als Ärger einzuschleichen, es gelang nicht. Lächelnd schob der Tag jeden aufsteigenden Ärger mit der flachen Hand gegen Abend zu:

„Dahinein, wenn ich bitten darf, laut Doktor Switschbidiwitsch.“

„Ich weiß schon, was ich die vierte Nacht tue“, dachte ich und beschloß, mir sie in irgendeinem Gasthaus um die Ohren zu schlagen. Da saß ich still in einer Ecke und kämpfte und kämpfte gegen den Schlaf.

Auf einmal war ich nicht mehr im Gasthaus, sondern im Bahnhof am Schwanze einer langen Menschenschlange vor dem Fahrkartenschalter. Wie alle andern trippelte ich vor Ungeduld, wann ich endlich an die Reihe kommen würde. Wie die andern murmelte ich dann und wann: „Den Teufel auch, wenn ich nun den Zug nicht mehr erwische.“

Endlich, nach einer Viertelstunde, bin ich an der Reihe. Ein verärgertes Beamtengesicht mit gesträubtem Schnurrbart fährt mich aus dem Schalter an:

„Na, wohin, — so reden Sie doch!“

Heiliger Bimbam, jetzt hatte ich den Namen der Station vergessen.

„Nach — nach —“, stotterte ich. Die Schweiß[S. 105]perlen standen mir auf der Stirne. Der Name fiel mir um alles in der Welt nicht ein. Die Leute hinter mir drängten ungeduldig:

„Wir kommen nicht mehr mit — wir kommen nicht mehr mit — der Mensch dort vorne soll doch — soll doch — kruzitürkennocheinmal…“

„Nach — nach“, setzte ich verzweifelt wieder an.

„Nach — nach — wohin Sie halt meinen, Herr Sekretär.“

Hinter mir halb Höllengelächter:

„Ein solcher Depp — habt’s jetzt schon ein solchen Deppen g’sehn…“ Und halb Wutgeheul:

„Der Kerl ist ein Schuft — der hat sich nur hineingedrängt, damit wir unsern Zug versäumen — haut ihn!“

Fäuste hoben sich. Ich fiel unter den Tisch vor dem Fahrkartenschalter. Jemand hob mich auf und sagte:

„Es tut mir leid, wir schließen jetzt die Wirtschaft — Sie müssen nach Hause gehen.“

Zerschlagen wanderte ich durch die Straßen. Schon dämmerte der Morgen. Ich lief schnurstracks zum Doktor Switschbidiwitsch.

„Eigentlich habe ich jetzt keine Sprechstunde,“ sagte er, „aber wenn es dringend ist —“

„Es ist dringend,“ sagte ich, „ich pfeife auf den ärgerlosen Tag — der Nachtärger bringt mich um — ich möchte meinen alten Tagärger wieder haben.“

[S. 106]

„Das wird nicht so leicht gehen — es sei denn, daß es mir gelänge, das ärgerliche Tageis durch einen besonders dicken Tagärger zu brechen.“

„Tun Sie’s, Herr Doktor, tun Sie es sofort — ich gehe sonst in der nächsten Nacht darauf.“

Er machte wieder ein paar magnetische Striche längs meiner Schläfen, diesmal aber nach der umgekehrten Richtung. Dann zupfte er mich am Ohr.

„Na, ärgert Sie das vielleicht?“

„Keine Spur.“

Jetzt gab er mir einen Hirnschnalzer mittels Daumen- und Mittelfinger, daß alles krachte.

„Das wird Sie aber ärgern, nicht wahr?“ sagte er.

„Keine Idee“, sagte ich traurig-milde.

„Na, ich sehe schon, bei Ihnen hat sich die Tagesärgerlosigkeit in der kurzen Zeit so eingefressen, daß ich es mit dem stärksten Mittel probieren muß.“

Abermals machte er mit seinen Händen die vertikalen magnetischen Gegenstriche an meinen Schläfen und streckte dann plötzlich beide Hände horizontal aus:

„Hundert Mark, wenn ich bitten darf!“ sagte er energisch.

Irgend etwas in meinem Gehirn knackte.

„Das ist denn doch eine Unverfrorenheit!“ brauste ich auf, „hundert Mark! wo Sie noch nicht einmal erfolgreich —“

[S. 107]

„Gewonnen!“ lachte Doktor Switschbidiwitsch, „das Eis ist gebrochen — Sie haben Ihren soliden Tagärger wieder — gehen Sie nach Hause — Sie werden heute nacht vortrefflich traumlos schlafen — hier ist die Quittung über hundert Mark — Sie müssen es nicht tragisch nehmen — eine Heilung von der Heilung ist stets ein wenig teurer, wissen Sie…“

Von Fritz Müller erschienen:

Bei Otto Rippel, Hagen i. W.

Der Sepp im Krieg. 8. Tausend.

Hinter der Front. 5. Tausend.

Vergnügliche Geschichten. 11. Tausend.

Klassengold. 5. Tausend.

Ich dien. 5. Tausend.

Bei Eugen Salzer, Heilbronn a. N.

Das Land ohne Rücken. 14. Tausend.

Fröhliche Wissenschaft. 7. Tausend.

Bei Egon Fleischel & Co., Berlin.

O Frida! Novellen. 2. Tausend.

Zweimal ein Bub. 3. Tausend.

Die andre Hälfte. 2. Tausend.

Kurzehosengeschichten. 10. Tausend.

Bei Huber & Co., Frauenfeld (Schweiz).

Alltagsgeschichten. 2. Tausend.

Bei C. F. Amelang, Leipzig.

Die eisernen Kameraden. 2. Tausend.

Bei der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung, Hamburg.

Fröhliches aus dem Kaufmannsleben. 45. Tausend.

Fröhliches aus dem Krieg. 20. Tausend.

Rippels
Deutsche Hausbücher

(Umfang und Ausstattung wie vorliegender Band)
Jeder Band gebunden 1.70 M.
Teuerungszuschlag 50 Pf. — Bisher erschienen:

Wie die große Zeit kam. Erlebtes und Empfundenes von Fritz Müller, Rich. Voß, L. Schulze-Brück, Auguste Supper, Hans v. Zobeltitz. 5. Tausend.

Die bekannten Schriftsteller und Schriftstellerinnen schildern uns in diesem Buche, was sie in jenen unvergeßlichen Augusttagen erlebt und empfunden und welch herrlicher Geist in Ost und West, in der Stadt und auf dem Dorfe das deutsche Volk beseelte.

Nach der Schlacht. Ein Kriegsbuch von Helene Christaller, Otto Frommel, Hermann Hesse, Paul Natorp, Rich. Nordhausen, Fritz Philippi, L. Sternberg, Paul Wüst. 5. Tausend.

…. So ist denn „Nach der Schlacht“ ein sehr lesenswertes, inhaltreiches und abgerundetes Werk geworden, keine laute, aber doch sehr eindringlich wirkende literarische Gabe.

Kölnische Zeitung.

Stille Opfer. Den deutschen Frauen und Jungfrauen in großer Zeit von Helene Christaller, Agnes Harder, S. Ch. v. Sell, Auguste Supper. 21. bis 23. Tausend.

Den vielen Tausenden, die in dieser Zeit dem Vaterlande ihr stilles Opfer darbringen müssen, wird dieses Büchlein eine Herzensstärkung sein, das sie in ihrem Schmerze aufrichtet, stark und fähig macht für die hehre Aufgabe der Zukunft.

Auguste Supper, Vom jungen Krieg. Erzählungen.

„In fesselnder kraftvoller Schilderung bringt A. Supper in ihrem sehr geschmackvoll ausgestatteten Bändchen eine gute Auswahl gehaltvoller Erzählungen.“

Die schöne Literatur.

 Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.  

Helene Christaller, Wir daheim. Ein Kriegsbuch. 19. Tausend.

„Ich wollte, man könnte es in Tausenden von Exemplaren ins Ausland schleudern, besonders auch unter die Neutralen, damit sie aus diesen tief empfundenen lebenswarmen Skizzen ein Wirklichkeitsbild gewännen von dem kämpfenden Deutschland daheim.“

Christl. Welt.

Fritz Müller, Der Sepp im Krieg. Bayerische Geschichten. 8. Tausend.

„Das sind Perlen neudeutscher Erzählungskunst! Die Geschichten, so einfach und schlicht sie an sich sind, gehören zu dem Besten, was die deutsche Kriegsliteratur bis jetzt hervorgebracht hat. Wir können sie mit bestem Gewissen allen denen empfehlen, denen der klare, unerschöpfliche Born des deutschen Gemüts und des tiefinnerlichen deutschen Volkshumors eine Offenbarung bedeutet.“

Der Reichsbote.

Fritz Müller, Hinter der Front. Erzählungen von zuhause. 5. Tausend.

Das sind eigenartige Kriegsgeschichten von daheim, weit hinter der Front. Kein Pulverdampf und Kanonendonner wird vernommen und doch bringen uns diese tief empfundenen Erzählungen die große Zeit so nahe und zeigen uns, welch herrlicher Geist das deutsche Volk beseelt und welche Opfer es zu bringen imstande ist.

Helene Christaller, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an… Erzählungen. 6.–7. Taus.

„In dieser neuesten Gabe schenkt uns die beliebte Verfasserin eine besonders sorgfältig ausgewählte Sammlung ihrer besten und reifsten Erzählungen. Dieses Büchlein ist ein besonders geeignetes Geschenkwerk für das deutsche Haus.“

Fritz Philippi, Aus meinem Guckkasten. Erzählungen. 3. Tausend.

„Erzählungen aus Krieg und Frieden, die sowohl den Ernst und die Größe der Gegenwart widerspiegeln, wie auch den stillen Frieden vergangener Tage atmen. Das Büchlein wird dem Verfasser neue Freunde gewinnen, zeigt er sich doch in der humoristischen Erzählung ‚Peter Zwickel auf dem Lügengaul‘ von einer ganz neuen erfreulichen Seite.“

 Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.  

Helene Christaller, Aus ernster Zeit. Eine Kriegsgabe. 15. Tausend.

Den zahlreichen Freunden der bekannten Verfasserin wird dieses kleine hübsche Bändchen eine willkommene Gabe sein, schenkt sie doch aus ihrem reichen Schatz die besten Gaben aus dieser großen, ernsten Zeit.

Fritz Müller, Klassengold. Schulgeschichten aus dem Krieg. 5. Tausend.

„Diese herzerquickenden Erzählungen muten ungemein frisch und lebensfroh an, und doch steckt in allen ein tief versonnener Kern.“

Schulrat Dr. Mosapp.

Max Geißler, Der schwarze Stern im großen Bären. Roman. 5. Tausend.

„… Dem Meister deutscher Erzählerweise ist es vortrefflich gelungen, das farbenprächtige orientalische Gewand zu wahren. An ein türkisches Muster erinnert auch der Einband des hübsch ausgestatteten Büchleins, das einen neuen Baustein zum großen Bau der Weltliteratur bedeutet…“

Die schöne Literatur.

Fritz Müller, Vergnügliche Geschichten. 8.–11. Tausend.

Otto Frommel, Ein schweres Herz. Erzählungen.

„In diesem feinen, beschaulichen Buche bietet uns Frommel wahre Perlen deutscher Erzählungskunst. Tiefer Ernst, sonniger Humor wechseln in wohltuender Weise ab.“

Horst Wolfram Geißler, Die Rosen der Gismonda. Novelle. 4. u. 5. Tausend.

„Eine feine poesievolle Novelle aus der Vergangenheit. Die Lektüre ist ein rechter Genuß und eine Erholung.“

S. Ch. von Sell, Das Rosenhaus. Erzählung. 8.–10. Tausend.

„Die bekannte Verfasserin bietet ihren Freunden eine besonders feine Erzählung. Von dem Sieg der treuen, hingebenden, entsagungsvollen Liebe erzählt uns diese ergreifende Geschichte.“

 Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.  

Klara Hofer und Johannes Höffner, Friede im Krieg. Weihnachtliche Geschichten.

„Diese prachtvollen Weihnachtsgeschichten, die uns mitten in dieser vom Kriegslärm beherrschten Zeit vom Sieg des Friedens erzählen, verdienen die weiteste Verbreitung.“

Fritz Müller, Ich dien’. Geschichten. 5. Tausend.

„Des Verfassers eigenartige Gabe kommt in diesen echt deutschen, gemütvollen Geschichten voll zur Geltung. Dieses Büchlein, wie jede einzelne Geschichte, ist ein Zeugnis von dem herrlichen Geist unserer Zeit; es erquickt und richtet auf, macht stolz und stark.“

Max Geißler, Drei Mann unterm Glassturz. Roman. 5. Tausend.

„Ein kleiner aber feiner Roman aus dem Herzen Deutschlands. Kein sensationelles, prickelndes „modernes“ Buch. Ein zarter, erwärmender Hauch strahlt von ihm aus und wird dem Verfasser sicher dankbare Leser bringen.“

E. Müllenhoff, Im Hell-Dunkel. Erzählungen. 7.–9. Tausend.

Marie Diers, Unsere Mutter. Die Geschichte einer Reue. 6.–10. Tausend.

„Diese ergreifende Geschichte einer Mutter steht unter dem Leitmotiv: ‚O lieb, so lang du lieben kannst‘. Für Jung und Alt.“

Otto Ernst, Ruhe des Herzens. Ernstes und Heiteres.

Rudolf Greinz, Bergheimat. Zwei Erzählungen aus Tirol.

Hanns v. Zobeltitz, Nach dem Frieden. Eine Erzählung.

Ernst Zahn, Der Gerngroß. Eine Erzählung.

Fritz Müller, Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten.

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