Sämtliche Werke 7-8: Der Jüngling by Fyodor Dostoyevsky

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Erste Abteilung: Siebenter und achter Band

F. M. Dostojewski

Der Jüngling
Roman

R. Piper & Co. Verlag, München

Dünndruck-Ausgabe in einem Bande
R. Piper & Co. Verlag, München, 1922
12. bis 16. Tausend
Druck: Otto Regel G. m. b. H., Leipzig

Copyright 1922 by R. Piper & Co.,
Verlag in München.

Zur Einführung.
Der Jüngling
Die „Idee“ des Jünglings (des jungen Dolgoruki), dieses bis zur äußersten Grenze geführte persönliche Prinzip, erinnert an die Idee Raskolnikoffs, nur kommt der Jüngling der religiösen Erkenntnis und Rechtfertigung näher als jener.

Raskolnikoff ist bereits vor dem „Verbrechen“ krank von seinen furchtbaren Gedanken, krank auch von der Einsamkeit und schließlich auch von der körperlichen Erschöpfung, dem Hunger. „Das kommt daher, daß ich sehr krank bin,“ erklärt er es sich selbst. Und auch die Ermordung der Alten ist, wenn auch nicht ausschließlich, so doch in bedeutendem Maße – Krankheit, „Fiebereinflüsterung“. „Der Teufel hat mich dorthin geschleppt.“ „Die Alte ist Unsinn, die Alte ist vielleicht auch ein Irrtum,“ sagt er sich. Nun, selbstverständlich ist sie das oder wenigstens ein im höchsten Grade mißglückter Versuch, der so gut wie überhaupt nichts beweist und auch nichts widerlegt. In der Alten hat er gerade nicht das „Prinzip“, sondern eben nur ein altes Weib erschlagen. Als er aus dem ihm eigensten Gebiete der Anschauung, der Theorie, in das ihm fremde Gebiet der Handlung trat, unterwarf er seine innere Logik der Logik äußerer roher Zufälle. Jetzt leidet er zu sehr darunter, um frei denken zu können. Er hat es nicht getan, weil er so denkt, sondern umgekehrt, er denkt so, weil er so getan hat. Wenn seine abstrakten Gedanken von der lebendigen Leidenschaft auch vertieft und geschärft worden sind, so hat sie dieselben zu gleicher Zeit doch des Gleichgewichts, des Maßes und der Klarheit beraubt.

In der „Idee“ des Jünglings ist vielleicht noch mehr Bücherweisheit, Unerfahrenheit, Jünglingshaftigkeit, sogar ausgesprochen Kindisches, als in der Idee Raskolnikoffs. Er ist ja auch in der Tat noch ein Jüngling, fast noch ein Knabe. Jung und grün ist er. Aber die unreife Schale verbirgt doch nicht die späterhin mögliche, tiefe innere Bedeutung seiner „Idee“ an sich. Auch diese gar zu frühreife Frucht wird einmal reif werden. Übrigens kann man schon jetzt erkennen, von welch einem Baume sie stammt. Der Jüngling ist gesunder, ist mehr im Gleichgewicht, seine Gedanken sind freier, klarer und vor allem bewußter als die Gedanken Raskolnikoffs.

Im tätigen Leben, in der Entwicklung des Herzens und Willens ist sein Ausgangspunkt derselbe, den auch Raskolnikoff, den Puschkins Hermann und Onegin, Lermontoffs Petschorin – kurz, alle napoleonischen und petrischen Helden unserer Literatur haben: zügellos rebellischer Aristokratismus, Auflehnung der Persönlichkeit gegen die Gesellschaft. „Ja, ich bin ein düsterer Mensch, ich verschließe mich fortwährend. Oft habe ich Lust, mich von den Menschen ganz und gar abzusondern. Vielleicht werde ich den Menschen auch Gutes tun, aber zumeist kann ich nicht den geringsten, einigermaßen einleuchtenden Beweggrund dazu entdecken … Ich glaube, schon in meinem zwölften Lebensjahr, also fast mit dem eigentlichen Erwachen meines Bewußtseins, begann ich, die Menschen nicht zu lieben.“ So beginnt der Jüngling in seinem denkenden Leben damit, womit Raskolnikoff endigt: bei ihm ist bereits nicht die geringste Verbindung mit der „Anschauung der Sozialisten“ zu finden, mit dem mathematisch errechenbaren „allgemeinen Nutzen“, und das, was Raskolnikoff kaum sich selbst zu gestehen wagt – „ich will auch selbst leben“, „ich habe nur für mich erschlagen, für mich allein“, – das schreckt den Jüngling schon nicht mehr. Er braucht sich nicht zu beweisen, daß darin nichts „Verbrecherisches“ liegt: für ihn hat sich tatsächlich die Quelle eines neuen „kategorischen Imperativs“ in der Liebe zu sich selbst aufgedeckt, in der uneigennützigen Liebe zu sich selbst, in der Liebe nicht zu seinem kleinen, nahen, sondern zu seinem großen, fernen Ich. Und der höchste Gipfel dieser Liebe, der „Wille zur Macht“ – ist die erste, nicht nur sittliche, sondern fast schon metaphysische, fast sogar religiöse Grundlage seiner ganzen „Idee“.

„Ja, mich hat mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, nach Macht und Einsamkeit.“

Das Mittel, das er zur Verwirklichung seiner Idee erwählt, ist nicht mehr rohe äußere Vergewaltigung, nicht anarchistischer Mord, der schließlich doch nichts beweist, der fruchtlos und, als bewußte Tat zu einem bestimmten Zweck, unter den Verhältnissen der heutigen kultivierten Gesellschaft sogar einfach unmöglich ist, – sondern innere Vergewaltigung, ein unvergleichlich verfeinerteres und vergeistigteres Vergewaltigen: Vergewaltigung durch die Macht des Geldes. „Ich brauche das Geld nicht, oder sagen wir richtiger, ich brauche nicht das Geld und nicht einmal Macht; ich brauche nur das, was man durch Macht erwirbt, und was man auf keine Weise ohne Macht erlangen kann; und das ist das einsame und ruhige Bewußtsein der Kraft! Das ist die erschöpfendste Bezeichnung dessen, was man ‚Freiheit‘ nennt, und um die sich die ganze Welt so abquält! ‚Freiheit!‘ Endlich habe ich es hingeschrieben, dieses große Wort … Ja, das einsame Bewußtsein der Kraft – ist berauschend und wundervoll. Ich habe Kraft, und ich bin ruhig … Habe ich aber erst einmal die Macht, so werde ich ihrer überhaupt nicht mehr bedürfen. Ich versichere, daß ich dann freiwillig und aus eigenem Antriebe überall den letzten Platz einnehmen werde … Das Bewußtsein meiner Macht wird mir genügen –

‚… denn mir genügt

vollauf das Bewußtsein …‘

Schon als Kind habe ich den Monolog des ‚Geizigen Ritters‘ von Puschkin auswendig gelernt; als Idee hat Puschkin nichts Höheres geschaffen! Der Meinung bin ich auch heute noch.“

Die Idee des persönlichen Prinzips in Raskolnikoff und dem Jüngling ist durch die Gestalten des Hermann (des Helden in Puschkins „Pique-Dame“) und des „Geizigen Ritters“ mit Puschkin verbunden, und durch Puschkin – hier wie überall bei Dostojewski, wie überall in der russischen Literatur – mit den tiefsten Wurzeln nicht etwa nur des westeuropäischen, sondern auch des russischen Volksgeistes.

„‚Ihr Ideal ist niedrig‘, wird man mir mit Verachtung vorhalten, ‚Geld, Reichtum! Etwas ganz anderes sind doch gemeinnützige Unternehmungen, menschenfreundliche Taten!‘

Aber wer weiß es denn, wie ich meinen Reichtum verwenden würde? Was ist dabei Unsittliches und Niedriges, daß diese Millionen aus vielen jüdischen, schädlichen und schmutzigen Händen in die Hand eines nüchternen und standhaften Asketen, der mit scharfem Blick in die Welt schaut, zusammenfließen? … In meinen Träumen habe ich schon mehr als einmal an jenen zukünftigen Augenblick gedacht, wo mein Machtbewußtsein übersättigt sein, die ‚Macht‘ mir aber immer noch nicht groß genug erscheinen wird. Dann werde ich – nicht aus Langeweile und nicht aus Rührseligkeit oder Überdruß, sondern weil mich nach uferlos Größerem verlangen wird – alle meine Millionen den Menschen hingeben, mag die Gesellschaft meinen ganzen Reichtum verteilen und verwalten, ich aber – ich aber tauche wieder hinab und verschwinde unter den Namenlosen.“ Das Bewußtsein, daß Millionen in seinen Händen waren, und er sie in den Schmutz geworfen hat – würde ihn wie ein Rabe in seiner Wüste speisen. „Ja, meine ‚Idee‘,“ fährt er fort, „ist die Festung, in die ich mich jederzeit und unter allen Umständen zurückziehen und vor allen Menschen verbergen kann, selbst als Bettler. Das ist nun meine Dichtung! Und wißt, ich brauche meinen lasterhaften Willen ganz, – nur um mir selbst beweisen zu können, daß ich imstande bin, auf ihn zu verzichten.“

Bedurfte nicht ebenso auch Raskolnikoff seines „lasterhaften Willens ganz“? Vergoß er doch nur deshalb das Blut, „um sich selbst zu beweisen“ („ich mußte so bald als möglich erfahren, ob ich ein Ungeziefer bin oder ein Mensch“), daß er diesen Willen, dieses „Recht auf Macht“ habe.

Aber mag auch, ich wiederhole es, die praktische Seite der „Idee“ des Jünglings oder richtiger, seines „Traumes“, kindisch, naiv, sogar lächerlich sein; mag man in ihr auch noch die ungefestigte Stimme des fünfzehnjährigen Knaben hören: für uns ist doch nicht die Verwirklichung, sondern nur die Richtung seiner Gedanken wichtig; wichtig ist hier nicht die äußere grüne Schale der Frucht, sondern vor allem gerade die Entstehung jenes Samenkornes, aus dem einst ein neuer Baum der „Erkenntnis des Guten und Bösen“, und vielleicht auch ein neuer „Lebensbaum“ hervorwachsen wird.

Und was dabei am bemerkenswertesten ist: die Erwerbung der Macht ist für ihn nicht Zweck, sondern nur Mittel, ist Weg, vorbereitende „Wüste“, Heldentat, Prüfung; ist nicht anarchische Zügellosigkeit, sondern die größte asketische Zügelung des „Fleisches und der Lust“, der größte Sieg über Fleisch und Lust. Ein „nüchterner und standhafter Asket“ soll aus dieser Prüfung hervorgehen. Er bedarf seines „lasterhaften Willens ganz“, er will nur für sich allein freien Willen, – für sich, für sich ganz allein. Aber ist das nun alles, ist das der höchste seiner Wünsche? Nein, ihn wird „nach uferlos Größerem verlangen“, – „die Macht wird ihm immer noch nicht groß genug erscheinen“.

Und so schenkt er sie den Menschen, verschwendet sie, wirft sie in den Schmutz, sagt sich los von seinem Willen und geht in eine noch größere Wüste. Selbstverneinung – um der Selbstbejahung seiner Persönlichkeit willen; neue höhere Selbstverneinung – um neuer, höherer Selbstbejahung willen; Schritt für Schritt, Stufe nach Stufe auf der unendlichen Leiter seiner Wünsche, die hinauf zum „unbegrenzten“, letzten Wunsch führt. Es ist, wenn auch nicht dem Jüngling selbst, so doch uns nur zu klar, daß jenes Bewußtsein, das ihn in der Wüste wie ein Rabe speisen wird, kein anderes als ein religiöses Bewußtsein ist, daß hier der Anfang einer Religion liegt.

Nun fragt es sich: ist diese Religion derjenigen entgegengesetzt, welcher der unvermutete Freund und Lehrer des Jünglings angehört, der rechtmäßige Gatte seiner unrechtmäßigen Mutter, der gewesene Leibeigene Werssiloffs, der russische Bauer, Gottesgreis und Pilger Makar Iwanowitsch (das fraglose Vorbild des Staretz Sossima in den „Brüdern Karamasoff“)? Makar Iwanowitsch errät alles, was in der Seele des Jünglings vorgeht – seine Auflehnung, seine Einsamkeit, seinen Haß auf die Menschen – und mit wundernehmendem Freisinn verzeiht er ihm alles. Mit seinem stillen, fast ein wenig verschmitzten Lächeln freut er sich über den „Jungling“, wie er ihn nennt, und zweifelt keinen Augenblick daran, daß er, wenn auch auf einem anderen Wege, doch schließlich zu Gott kommen werde, daß „Gottes Geheimnis“ sich früher oder später doch in diesem sich quälenden Gewissen offenbaren wird: „Und daß die Welt ein Geheimnis ist, das macht sie ja noch schöner; furchtbar ist es dem Herzen und wundervoll; und diese Furcht gereicht dem Menschenherzen zur Freude: ‚Alles ist in dir, Herr, und auch ich bin in dir, so nimm mich auf!‘ Murre nicht, Jungling: um so wundervoller ist es noch, als es ein Geheimnis ist.“ – „Ich freue mich, daß Sie gekommen sind,“ sagt der Jüngling zum Greis. „Ich habe Sie vielleicht schon lange erwartet. Ich liebe keinen einzigen von ihnen allen: sie haben keine Vornehmheit …“ Der Greis aber hat sie, das fühlt der Jüngling sofort heraus: hat eine altertümliche, nicht nur russische, gleichsam byzantinische, an alte Heiligenbilder gemahnende Schönheit, aber auch eine neue, zukünftige, vielleicht dieselbe, die der Jüngling sich in dem „nüchternen und standhaften Asketen“ der letzten Macht und Einsamkeit, der letzten Freiheit, „jenseits von Gut und Böse“ vorstellt.

Das ist der Grund, warum sie sich immer näher treten, sich immer tiefer gegenseitig verstehen, ganz als glaubten sie schon jetzt an ein und dasselbe, als hätten sie das gleiche Ziel vor Augen. Und noch kurz vor dem Tode ruft der Alte seinen „Jungling“ zu sich und segnet ihn, als läge das Zukünftige sichtbar vor ihm:

„Ich hab’ mir vorgenommen, Kinderchen, euch ein paar Wörtchen zu sagen, es ist nicht viel,“ – fuhr er mit seinem stillen, wundervollen Lächeln, das ich nie vergessen werde, fort, und plötzlich wandte er sich an mich:

„Du, Lieber, eifere für die heilige Kirche, und wenn die Zeit ruft, so geh auch in den Tod für sie – aber wart doch, erschrick nicht, es ist ja nicht gleich nötig,“ unterbrach er sich lächelnd. „Jetzt denkst du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken. Und dann noch eines: was du auch Gutes zu tun gedenkst, das tue für Gott, nicht aber um des Neides willen. Nun, und das ist auch alles, was du zu hören brauchst.“ Wie es scheint, entscheiden diese „paar Wörtchen“ tatsächlich alles in der Zukunft des Jünglings und vielleicht auch in der Zukunft Raskolnikoffs: „tue es für Gott, nicht aber um des Neides willen“. Raskolnikoff tat das, was er tat – „für sich, für sich allein“; könnte er hinzufügen „und für Gott“, so wäre er gerettet. Das aber kann er nicht, das wagt er nicht, hinzuzufügen. Gerade Gott hat er ja vergessen! Er schämt sich und fürchtet sich, an Ihn zu denken. Er hat nicht nur für sein höheres, fernes, sondern auch für sein niedriges, nahes Ich „das Blut vergossen“; also doch nicht nur für seinen Gott, wie dieser Gott auch sein mag, an den er vorläufig noch nicht denkt, dessen er sich aber einmal wohl erinnern wird, sondern auch „um des Neides willen“. Nicht große Liebe zu sich selbst, sondern kleiner Neid auf die Menschen hat ihn ins Verderben gestürzt. Er liebte sich nicht „bis zu Ende“, nicht bis zu Gott; er liebte sich mit einer ungenügenden, nicht mit der letzten und äußersten Liebe. Der Jüngling dagegen ist in seiner Einöde, wo ihn das Bewußtsein der neuen Freiheit „wie ein Rabe speisen“ wird, näher bei Gott. Aber auch in seinem Gedanken an die unsauberen Rothschildschen Millionen (im Grunde sind sie ja dasselbe wie der rote Kasten unter dem Bett der alten Wucherin, an den Raskolnikoff denkt, oder das Kartengeheimnis, das Puschkins Hermann der Pique-Dame entlocken will), ist noch „Neid“, jedoch bereits weniger versteckter und nicht so dunkler, nicht so vergifteter und vergiftender Neid wie bei Raskolnikoff, da der Jüngling offenherziger, kindlicher ist. Dieser junge Wein wird vielleicht noch gären, lagern und klar werden, und dann wird der „Jungling“ begreifen, was der sonderbare Segen und die Prophezeiung Makar Iwanowitschs zu bedeuten haben.

Vorläufig aber erscheint es in der Tat sehr sonderbar: wie? der dem Geiste, der Idee nach leibhaftige Bruder des Anarchisten und Mörders Raskolnikoff und aller aufständischen, raubtierhaften, dämonischen Helden, die nur „für sich allein Willen verlangen“, die ihres „lasterhaften Willens ganz bedürfen“, – der wird gesegnet zum Tode für die „heilige Kirche Christi“, für die soll er eifern? Hat sich der Greis nicht getäuscht, hat er sich nicht verrechnet? Hat er denn auch richtig erkannt, „wes Geistes“ der Jüngling ist? Übrigens scheint Makar Iwanowitsch auch diese Zweifel vorauszufühlen. „Wart, erschrick nicht,“ unterbricht er sich mit seinem prophetischen Lächeln, „jetzt denkst du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken“. Selbstverständlich denkt der Jüngling vorläufig noch ebensowenig an die Kirche wie Raskolnikoff. Aber dafür denken späterhin für Raskolnikoff – Iwan Karamasoff, und für den Jüngling Aljoscha Karamasoff an die Kirche, und dieses Nachdenken hat selbst bis zum heutigen Tage noch nicht aufgehört und wird mit jedem Tage immer tiefer, immer unablässiger und drängender. Nicht umsonst ist im Jüngling auch schon das neue Gesicht des „nüchternen und standhaften Asketen“, des Kämpfers oder vielleicht des Novizen Aljoscha entstanden. Nicht umsonst sucht auch schon dieser Jüngling nicht nur prometheische, napoleonische, westeuropäische „Macht und Einsamkeit“, sondern auch russische, autochthone, allerälteste und allerneueste, zukünftige Schönheit. Und diese Schönheit findet er dann im Staretz Sossima. Trotz der Träume von den unsauberen Millionen ist der Jüngling im Herzen rein: er ist fast ein ebenso „Uneigennütziger“ wie Aljoscha Karamasoff; und trotz des Werssiloffschen „bösartigen und wollüstigen Insekts“, das auch in ihm lebt, ist er ein fast ebenso unberührter, keuscher Knabe wie Aljoscha; denn auch in diesem ist ein Werssiloffsches oder Karamasoffsches: „Wir Karamasoffs sind alle so, und auch in dir, du keuscher Knabe, lebt dieses Insekt und gebiert schon Stürme in deinem Blut.“ Ja, der Jüngling befindet sich auf dem halben Wege von Raskolnikoff, von Iwan Karamasoff zum „reinen Cherub Aljoscha“. Auf diesem Wege nun segnet ihn der Greis. Und dieses erste Paar, der junge Dolgoruki, der gleichfalls Novize sein könnte, und der Greis Makar Iwanowitsch, ist das Vorbild des zweiten Paares Aljoscha Karamasoff und Staretz Sossima.

Nein, Makar Iwanowitsch hat sich nicht geirrt, hat nicht falsch vorausgesehen: nur vom Gesichtspunkte der ersten Erscheinung des Herrn, ohne die zweite, die verhießene Wiederkunft, – d. h. der einen, ersten, sichtbaren Menschwerdung, ohne die zweite, geheimnisvolle – also vom Gesichtspunkte unseres gegenwärtigen, ertötenden, tolstoischen, buddhistischen Christentums gesehen, scheint es, daß der Greis, der in seinem Jünger den Fels des persönlichen Prinzips, die uneinnehmbare Festung der „Einsamkeit und Macht“ segnet, damit etwas Christus Entgegengesetztes, etwas „Antichristliches“ gesegnet habe. „Jetzt denkst du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken.“ O ja, selbstverständlich wird er später auch noch an vieles andere denken. „Vieles noch habe ich euch zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht fassen, wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, dann wird er euch auch in der Wahrheit unterweisen.“ Wie es scheint, haben Makar Iwanowitsch und der Staretz Sossima es teilweise bereits „erfaßt“, sind sie teilweise schon „unterwiesen“ nicht nur vom Vater und Sohne, sondern auch vom Geiste der Wahrheit. Man soll die anderen lieben – wie sich selbst? Aber man soll die anderen nicht für die anderen lieben, sondern für Gott, in Gott: das ist das Gebot Christi. Doch bevor man die anderen so lieben kann, muß man zuerst sich selbst nicht für sich selbst, wohl aber für Gott, in Gott lieben, – sollte das wirklich das Gebot des Antichrist sein? Nein, die anderen und sich selbst in Gott lieben, ist nicht zweierlei, sondern ist eins. Mit unendlicher Liebe kann man weder sich selbst noch andere lieben, – unendlich kann man nur Unendliches, kann man nur Gott lieben. Unendliche Liebe zu sich selbst, unendliche Liebe zu anderen ist ein und dieselbe Liebe zu Gott. Man soll sich anderen hingeben! Aber um sich hinzugeben, muß man zuerst sich selbst besitzen, sich selbst finden, sich seiner selbst bemächtigen. Doch wie viele von uns haben sich denn wirklich gefunden oder sich gar ihrer selbst bemächtigt? Ist die Gabe jener nicht leichter, als es scheint, die, wenn sie ihren Nächsten alles hingeben, was sie haben, so gut wie nichts hingeben, da sie so gut wie nichts haben? Ich soll meine Seele für meinen Bruder hingeben? Aber das heißt doch, daß ich für meinen Bruder nichts Geringes und nichts Wertloses hingeben soll, sondern das Größte, das meine Seele nur sein kann. Ich muß meine Seele nicht nur bis zum Bruder, nein, bis zu Gott muß ich sie erheben, auf daß meine Gabe Gottes würdig sei, nicht aber ihm etwas hingeben, was ich selbst nicht brauche, womit ich selbst nichts anzufangen weiß, – nicht meine erniedrigte, vernichtete, mir zum Überdruß gewordene Seele soll ich meinem Gott geben!

Die „nüchternen, standhaften Asketen“ der vergangenen Jahrhunderte, die besaßen sich in der Tat, die konnten über sich selbst herrschen, die hatten sich ihrer selbst bemächtigt: wie die Geizigen sammelten sie sich, entführten sie sich selbst aus der Welt, häuften sie Schätze geistiger Einsamkeit, Macht, letzter Freiheit auf – und allein schon das Bewußtsein dieser Freiheit speiste sie „wie ein Rabe“ in der Wüste –

„… denn mir genügt

vollauf das Bewußtsein!“

Auf wolkennahen Gipfeln, in unterirdischen Höhlen lebten sie wie die Adler, wie die Löwen, wie Raubtiere. Heilige Raubgier, heiliger Geiz war in ihnen. Nein, die Lehre Christi ist nicht nur die größte Selbstverneinung, sondern auch die größte Selbstbejahung der Persönlichkeit, ist nicht nur ewiges Golgatha, ewige Kreuzigung, sondern auch ewiges Bethlehem, ewige Geburt, Wiedergeburt der Persönlichkeit. Bis heute haben die Menschen nur die eine Hälfte der Lehre Christi klar erschaut: die Selbstverneinung; bald wird die Zeit kommen, wo sie endlich ebenso klar auch die andere Hälfte dieser Lehre erblicken werden, hinter dem ersten, bereits erschienenen Antlitz des Herrn – das zweite, verborgene, hinter dem Antlitz der „Taubeneinfalt“ – das Antlitz der „Schlangenweisheit“, hinter dem Gesicht der Sklaverei und Demut – das Antlitz der Kraft und Größe. Bis jetzt hat dieses zweite Angesicht entweder erschreckt oder – in Versuchung gebracht. So erschrak vor unseren Augen Leo Tolstoi, so ließ Nietzsche sich verführen: beide hielten sie, von den entgegengesetztesten Gesichtspunkten aus, das zweite Angesicht Christi für das Angesicht des Antichrist. „Aber wart doch, erschrick nicht,“ unterbricht sich der Greis mit seinem furchtlosen Lächeln.

„Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und wieder über ein kleines werdet ihr mich sehen.“ Da sprachen etliche von seinen Jüngern untereinander: Was ist das, was er zu uns sagt: ‚Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und wieder über ein kleines werdet ihr mich sehen‘ … Da sprachen sie: Was ist das, das er sagt, über ein kleines? Wir wissen nicht, was er redet. Auch seine Jünger ließen sich anfechten, auch sie erschraken. Und es ist ja wahr: wieviel Rätsel gibt es, wieviel Anfechtungen! Sind ihrer nicht gar zu viele? Gibt es überhaupt eine Religion mit größeren Rätseln und Versuchungen? „Anfechtung muß in der Welt sein, doch wehe dem, durch den sie in die Welt kommt.“ – „Selig, wer nicht an mir zweifelt.“ – Schwer ist es, nicht an ihm zu zweifeln, fast ist es sogar unmöglich, besonders in unserer Zeit, da diese allerrätselhafteste und verführerischeste seiner Prophezeiungen anfängt, in Erfüllung zu gehen: „Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen“, und „wieder über ein kleines werdet ihr mich sehen“. So ist es ja in der Tat: schon sehen wir ihn nicht mehr, und „wieder“ haben wir ihn noch nicht gesehen. Was ist das, das er zu uns sagt: „wieder?“ Wir wissen nicht, was er redet. Makar Iwanowitsch aber und der Staretz Sossima und teilweise vielleicht auch Dostojewski selbst – wissen es schon: sie haben ihn schon „wieder“ gesehen.

Dmitri Mereschkowski.

Vorbemerkung
Der Roman „Der Jüngling“ ist im Jahre 1875 erschienen, steht also in der Reihenfolge der fünf großen Romane Dostojewskis zwischen den „Dämonen“ und den „Brüdern Karamasoff“. Schon während der Arbeit an diesem Roman hatte Dostojewski in seinen Aufsätzen, die er in den Jahren 1873–74 unter dem Titel „Tagebuch eines Schriftstellers“ zunächst im „Bürger“, und vom Jahre 1876 an als selbständige Monatsschrift erscheinen ließ, zu Tagesfragen Stellung genommen und eine Tätigkeit eröffnet, mit der er unmittelbar erzieherisch wirkte. Dieselben Ideen, die er seinen Romanen zugrunde legte, kehrten in diesen Aufsätzen wieder, und umgekehrt finden wir, daß er sich in seinen Aufsätzen mit einzelnen Ideen seiner Romane beschäftigte. So kam er auf das Thema des „Jünglings“, insofern es das Thema der russischen Familie ist, in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ immer wieder zu sprechen. Es sind Ausführungen, die sich mit einer Äußerung Dostojewskis am Schluß dieses Romans begegnen, wo er den Begriff einer „zufälligen Familie“ aufstellt. Im Roman selbst hat er diesen Ausdruck nicht weiter erläutert. Die Tagebuchstellen handeln von der russischen Familie, als einer zufälligen Familie, weshalb sie hier mitgeteilt sein mögen:

„Noch nie hat es in unserem russischen Leben eine Zeit gegeben, in der die russische Familie so zerrüttet, zersetzt und ungeordnet gewesen ist wie jetzt. Wo findet man heutzutage noch eine Kindheit und Jugend, die in einer so einheitlichen, ruhigen und klaren Darstellung wiedergegeben werden könnte, wie z. B. Graf Leo Tolstoi uns seine Jugendzeit und sein Elternhaus in der Erzählung ‚Kindheit und Jugend‘ und in ‚Krieg und Frieden‘ geschildert hat? Alle diese Werke sind heute nur noch historische Bilder aus einer längst vergangenen Zeit. Oh, ich will damit durchaus nicht sagen, daß es schöne Bilder wären, ich wünsche auch keineswegs ihre Wiederholung in unserer Zeit, nicht davon rede ich. Ich spreche nur von ihrem Charakter, von der Vollendung, Ausgesprochenheit und Bestimmtheit ihres Charakters … Heutzutage gibt es das nicht: Es gibt keine Bestimmtheit, es gibt keine Klarheit. Die russische Familie von heute wird immer mehr zu einer zufälligen Familie. Ihre alte Form hat sie verloren, und zwar ganz plötzlich, ohne daß es vorherzusehen gewesen wäre; die neue Form aber – ja, da fragt es sich nun: wird unsere Familie imstande sein, sich eine neue, wünschenswerte, das russische Herz befriedigende Form zu schaffen? Sagen doch schon manche und sogar sehr ernste Leute, daß es eine russische ‚Familie‘ jetzt überhaupt nicht mehr gäbe. Natürlich ist damit nur die Familie der russischen Intelligenz gemeint, d. h. der höheren Kreise, nicht des Volkes. Aber wie, ist denn im Volk die Familie heute nicht auch eine ‚Frage‘?“ … „Worin besteht nun diese ‚Zufälligkeit‘, was verstehe ich darunter? Die ‚Zufälligkeit‘ der russischen Familie besteht, meiner Meinung nach, darin, daß die russischen Väter von heute jede gemeinschaftliche Idee in ihrem Verhältnis zu ihrer Familie eingebüßt haben. Es fehlt eine allen Vätern eigene, sie untereinander verbindende Idee, an die sie selbst glauben, und die sie ihren Kindern als Glaubensbekenntnis fürs ganze Leben hinterlassen könnten. Wohlgemerkt: diese Idee, dieser Glaube wäre – selbst wenn er fehlerhaft ist, so daß die fähigeren Kinder sich in der Folge von ihm lossagen oder ihn wenigstens für ihre Kinder umändern müßten – so wäre doch schon das bloße Vorhandensein dieses Glaubens oder dieser gemeinsamen, die Gesellschaft und die Familie verbindenden Idee immerhin der Anfang einer Ordnung, d. h. einer sittlichen Ordnung, die natürlich der Veränderung, sagen wir meinetwegen, dem Fortschritt, der Verbesserung unterworfen wäre – jedenfalls der Ordnung. Statt dessen kann man heute nur Folgendes beobachten: erstens, eine ausnahmslose Verneinung des Früheren (also doch nur etwas Negatives und nichts Positives); zweitens, Versuche, etwas Positives zu sagen, aber nichts Gemeinsames und Verbindendes, – Versuche ohne Erfahrung, ohne Praxis, ja sogar ohne vollen Glauben an sie auf seiten der Versuchenden selbst. Diese Versuche können manchmal sogar von einem prachtvollen Grundsatz ausgehen, aber sie werden nicht durchgehalten, sie bleiben unausgetragen; manchmal sind sie auch ganz unsinnig, so die Erlaubnis alles dessen, was früher verboten war, nach dem Grundsatz, daß alles Alte dumm sei. Und schließlich drittens: schlaffe und faule, egoistische Väter, die nur an sich und den Augenblick, nicht an die Kinder und deren Zukunft denken. So ist denn das Endergebnis – Unordnung, Zerstückelung und eben diese ‚Zufälligkeit‘ der russischen Familie, von der ich sprach.“

E. K. R.

Verzeichnis der Hauptpersonen
Andreí Petrówitsch Werssíloff – russischer Edelmann.
Andreí Andréjewitsch Werssíloff, Leutnant } seine ehelichen Kinder.
Anna Andréjewna Werssíloff
Arkádi Makárowitsch Dolgorúki, der Jüngling } seine unehelichen Kinder.
Lísa Makárowna Dolgorúki
Frau Ssófja Andréjewna Dolgorúki – die Mutter der unehelichen Kinder Werssíloffs.
Makár Iwánowitsch Dolgorúki – ihr rechtmäßiger Mann, ein ehemaliger Leibeigener Werssíloffs.
Fürst Nikolaí Iwánowitsch Ssokólski – ein früherer Freund Werssíloffs.
Katerína Nikolájewna Achmákoff – die junge Witwe des Generals Achmákoff und die einzige Tochter des Fürsten N. I. Ssokólski.
Lydia Achmákoff – ihre verstorbene Stieftochter.
Tatjána Páwlowna Prútkoff – eine entfernte Verwandte Werssíloffs.
Fürst Ssergeí Petrówitsch Ssokólski – genannt „Fürst Sserjósha“, Leutnant in einem Garderegiment, ein entfernter Verwandter des alten Fürsten N. I. Ssokólski.
Dárja Oníssimowna – eine Witwe aus der Provinz.
Ólä – ihre Tochter.
Andrónikoff – ehemals ein guter Bekannter Werssíloffs und des alten Fürsten N. I. Ssokólski.
Márja Iwánowna – Andronikoffs Nichte, bei der der Jüngling als Gymnasiast in Moskau in Pension gelebt hat.
Nikolaí Ssemjónowitsch – ihr Mann.
Jefím Swerjóff } Bekannte des „Jünglings“
Dergatschóff
Wássín
Stebelkóff
Tríschátoff u. a.
Erster Teil
Erstes Kapitel.
I.
Nun habe ich mich doch nicht bezwingen können und mich hingesetzt, um die Geschichte meiner ersten selbständigen Schritte niederzuschreiben – obwohl ich das eigentlich auch unterlassen könnte … Eines aber weiß ich genau: meine ganze Lebensgeschichte würde ich niemals schreiben, und sollte ich auch hundert Jahre alt werden. Da muß man denn doch gar zu erbärmlich in die eigene Person verliebt sein, um ohne sich vor sich selbst zu schämen, über sich selbst schreiben zu können. Was mich diesmal noch entschuldigt, ist ja nur, daß ich nicht aus dem Grunde schreibe, der alle anderen zum Schreiben veranlaßt, das heißt, ich schreibe nicht, um vom Leser bewundert zu werden. Wenn es mir trotzdem in den Sinn gekommen ist, alles wortgetreu aufzuzeichnen, was ich in diesem letzten Jahr erlebt habe, so ist das aus einem inneren Bedürfnis heraus geschehen: einen so großen Eindruck haben diese Erlebnisse auf mich gemacht. Ich will nur die Ereignisse wiedergeben, Beiläufiges aber nach Möglichkeit übergehen, und vor allem die üblichen literarischen Verzierungen und Einleitungen vermeiden. Ein Literat schreibt mitunter ganze dreißig Jahre lang in einem Strich, zu guter Letzt aber weiß er oft selbst nicht, was er nun eigentlich so lange geschrieben hat. Ich dagegen bin kein Literat und möchte auch gar keiner sein; ja, ich würde es geradezu für eine Geschmacklosigkeit halten, das Innerste meiner Seele und eine schöne Schilderung meiner Gefühle auf ihren Literaturmarkt zu schleppen. Nur habe ich zu meinem Ärger so eine Vorahnung, als ob man ganz ohne Gefühlsschilderungen und Betrachtungen (vielleicht sogar recht abgeschmackte Betrachtungen) doch nicht gut auskommen könne: dermaßen verderblich wirkt jede literarische Betätigung auf den Menschen, auch wenn er ausschließlich für sich selbst schreibt. Nun werden meine Betrachtungen vielleicht sogar sehr trivial erscheinen; denn es ist leicht möglich, daß andere gerade das völlig wertlos finden, was man selbst am höchsten schätzt. Aber genug davon. Da habe ich also doch eine regelrechte Vorrede geschrieben. Weiteres von dieser Art soll es nun wirklich nicht mehr geben. Jetzt fange ich endgültig meine Geschichte an, obschon nichts so schwierig ist, wie eine Sache anzufangen, vielleicht sogar überhaupt etwas in der Welt anzufangen.

II.
Ich beginne, das heißt, ich wollte mit dem neunzehnten September des vorigen Jahres beginnen, also genau mit dem Tage meiner ersten Begegnung mit …

Aber so ohne weiteres zu sagen, wem ich damals begegnet bin, noch bevor man das geringste weiß, wäre dumm. Ja, dieser ganze Ton scheint dumm zu sein. Ich habe mir doch geschworen, alle literarischen Albernheiten zu vermeiden, und nun habe ich von der ersten Zeile an überhaupt nichts anderes geschrieben. Außerdem scheint mir jetzt, daß der Wunsch allein, vernünftig zu schreiben, noch nicht genügt, um es zu können. Ich möchte auch bemerken, daß in keiner europäischen Sprache das Schreiben so schwierig ist wie in der russischen. Wenigstens muß ich mir jetzt gestehen, nachdem ich das soeben Geschriebene überlesen habe, daß ich viel klüger bin, als das hier Geschriebene vermuten läßt. Woher kommt es nur, daß bei einem klugen Menschen das von ihm Ausgesprochene so viel dümmer erscheint als das, was unausgesprochen in ihm zurückbleibt? Diese Beobachtung habe ich an mir auch in meinem mündlichen Verkehr mit Menschen des öfteren gemacht und mich deshalb in diesem ganzen verhängnisvollen letzten Jahr nicht wenig gequält und geärgert.

Aber wenn ich nun einmal mit dem neunzehnten September beginnen will, muß ich vorher doch wenigstens kurz erklären, wer ich bin, wo ich gelebt habe, und wie es am Morgen jenes neunzehnten September in meinem Kopf ungefähr aussah, damit das Folgende dem möglichen Leser und vielleicht auch mir selbst verständlicher werde.

III.
Ich bin – ein Gymnasiast, der sein Abiturium bestanden hat und jetzt einundzwanzig Jahre zählt. Ich trage den Namen Dolgoruki; denn mein gesetzmäßiger Vater ist Makar Iwanoff Dolgoruki, ein ehemaliger Hofbauer des Adelsgeschlechts der Werssiloff. So bin ich denn nach dem Gesetz ein legitimer Sohn, während ich in Wirklichkeit ein höchst illegitimer bin und meine uneheliche Herkunft nicht dem geringsten Zweifel unterliegt. Die Sache verhält sich so:

Vor zweiundzwanzig Jahren besuchte der Gutsbesitzer Werssiloff (mein natürlicher Vater) wieder einmal sein Stammgut im Gouvernement Tula. Ich vermute, daß er damals als fünfundzwanzigjähriger junger Mann noch etwas recht Unpersönliches war. Es ist gewiß nicht bedeutungslos, daß dieser Mensch, der auf mich schon in der Kindheit einen so mächtigen Eindruck gemacht und auf meine ganze innere Entwicklung einen so ungeheuren Einfluß gehabt hat – einen Einfluß, der vielleicht in meinem ganzen Leben weiterwirken wird – daß dieser Mensch mir auch heute noch in vielen Dingen ein vollständiges Rätsel ist. Doch davon später. Das läßt sich nicht gleich so erzählen. Von diesem Menschen wird ja ohnehin in meinen Aufzeichnungen schon genug die Rede sein.

Damals, also in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, hatte er gerade seine Frau verloren. Sie war aus vornehmer Familie, aber nicht sehr reich gewesen, eine geborene Fanariotoff, und hatte ihm einen Sohn und eine Tochter geschenkt. Leider habe ich nur sehr wenig Näheres über diese seine erste Frau erfahren können, und selbst dies wenige ist nicht ganz verbürgt. Auch aus dem Privatleben Werssiloffs ist mir vieles unbekannt oder wenigstens unerklärlich geblieben, so stolz, unnahbar, verschlossen und doch wiederum nachlässig war er im Verkehr mit mir, obschon er sich mitunter geradezu wie mit einer inneren Demut zu mir verhielt, die mich jedesmal stutzig machte. Einstweilen aber will ich doch vorausschicken – gewissermaßen als Charakteristikum –, daß er in seinem Leben drei Vermögen durchgebracht hat, und sogar recht bedeutende, so einige viermalhunderttausend Rubel, vielleicht aber noch viel mehr. Augenblicklich hat er selbstverständlich nichts.

Auf sein Gut war er damals „Gott weiß warum“ gekommen, wenigstens drückte er sich auf meine Frage hin so aus. Seine kleinen Kinder brachte er nicht mit, er ließ sie bei Verwandten: so pflegte er sein Leben lang mit seinen Kindern umzugehen, sowohl mit den ehelichen wie mit den unehelichen. Das Hofgesinde auf dem Gut war überaus zahlreich, und zu diesem gehörte auch der Gärtner Makar Iwanoff Dolgoruki. Ich will hier gleich bemerken, um es ein für allemal abzutun, daß wohl selten jemand sich zeitlebens dermaßen über seinen Familiennamen geärgert hat, wie ich mich über den meinigen, von Kindesbeinen an. Das war selbstverständlich dumm von mir, doch ist es nichtsdestoweniger Tatsache. Jedesmal, wenn ich z. B. irgendwo eintrat, in eine Schule etwa, oder wenn ich mit Leuten zusammenkam, denen ich als kleiner Junge oder Halbwüchsling antworten mußte, ob ich wollte oder nicht, kurz, jeder letzte Schul- oder Privatlehrer, Gymnasialinspektor oder Pope – ein jeder, wirklich ein jeder, der auf die Frage nach meinem Namen gehört hatte, daß ich Dolgoruki hieß, hielt es für unbedingt notwendig, zu fragen:

„Fürst Dolgoruki?“[1]

Und jedesmal mußte ich jedem dieser müßigen Leute erklären:

„Nein, einfach Dolgoruki.“

Dieses „einfach“ drohte schließlich, mich einfach um meinen Verstand zu bringen. Übrigens verdient es gewissermaßen als Phänomen erwähnt zu werden, daß ich mich tatsächlich keines einzigen Menschen entsinne, der nicht so gefragt hätte, kein einziger machte eine Ausnahme! Viele interessierte diese Feststellung offenbar überhaupt nicht, es lag ihnen nichts an der Antwort, und ich begreife wirklich nicht, zu welch einer Teufelei sie auch nur einen von ihnen hätte interessieren sollen! Aber sie fragten alle, alle ohne Ausnahme. Und wenn ich dann gesagt hatte, daß ich einfach Dolgoruki hieße, maß mich der Betreffende gewöhnlich mit einem stumpfen, dumm-gleichgültigen Blick (der mir nur bestätigte, daß er selbst nicht wußte, wozu er gefragt hatte) und wandte sich von mir ab. Am kränkendsten fragten die Schulkameraden. Wie wird überhaupt ein Neuling von einem Mitschüler gefragt? Bekanntlich ist der verwirrte, eingeschüchterte Junge an seinem ersten Schultage – gleichviel in welcher Schule – das allgemeine Opfer: ihm wird verschiedenes befohlen, er wird geneckt und von allen Seiten unter die Lupe genommen. Und da pflanzt sich denn ein gesunder, dicker Junge breitspurig vor ihm auf und betrachtet ihn geraume Zeit mit strengem, hochmütigem Blick: der Neuling steht vor ihm, schweigt, sieht zu Boden oder zur Seite oder sieht ihn an, wenn er kein Feigling ist, und wartet, was jetzt wohl geschehen werde.

„Wie heißt du?“

„Dolgoruki.“

„Fürst Dolgoruki?“

„Nein, einfach Dolgoruki.“

„Ah so, einfach! – Esel!“

Und er hat recht: es gibt nichts Dümmeres, als Dolgoruki zu heißen, wenn man nicht auch Fürst ist. Und den Fluch dieser Dummheit muß ich ohne mein Verschulden ewig mit mir herumschleppen. Später, als es mich doch zu sehr zu ärgern begann, antwortete ich auf die Frage:

„Bist du ’n Fürst?“

jedesmal:

„Nein, ich bin der Sohn eines Hofbauern, eines ehemaligen Leibeigenen.“

Und als meine Wut ihren Höhepunkt erreicht hatte, antwortete ich auf die Frage, ob ich Fürst sei, laut und mit fester Stimme:

„Nein, ich heiße einfach Dolgoruki und bin der uneheliche Sohn meines früheren Gutsherrn Werssiloff.“

Das hatte ich mir in der sechsten Klasse des Gymnasiums ausgedacht, und wenn ich mich auch bald überzeugte, daß es dumm von mir war, so hörte ich doch nicht so bald auf, diese Dummheit zu begehen. Ich entsinne mich noch, wie einer meiner Lehrer – übrigens war er der einzige – einmal von mir sagte, daß ich von der „rachsüchtigen sozialen Idee“ erfüllt sei. Im allgemeinen nahm man aber solche Ausfälle meinerseits mit einer Nachdenklichkeit auf, in der für mich entschieden etwas Verletzendes lag. Einmal aber sagte mir ein Mitschüler, einer, der nicht auf den Kopf gefallen war, doch geschah es nur selten, daß wir ein paar Worte wechselten, mit seltsam ernstem Gesicht, indem er zur Seite blickte:

„Solche Gefühle machen Ihnen natürlich nur Ehre, und zweifellos werden Sie auch alle Ursache haben, darauf stolz zu sein; aber an Ihrer Stelle würde ich mit einer unehelichen Geburt doch nicht gar so sehr prahlen … Sie dagegen scheinen sich darüber zu freuen, als wären Sie heute Geburtstagskind.“

Seitdem „prahlte“ ich nicht mehr mit meiner unehelichen Geburt.

Wie gesagt, es ist tatsächlich sehr schwer, glaubhaft zu schreiben: da habe ich nun ganze drei Seiten beschrieben, um zu erzählen, wie ich mich über meinen Familiennamen geärgert habe, während der Leser sicherlich schon nach der ersten Seite vermutet haben wird, mein Ärger über meinen Namen sei nichts anderes gewesen, als der Ärger darüber, daß ich nicht „Fürst“, sondern „einfach“ Dolgoruki heiße. Dies nun zu widerlegen und womöglich eine Art Rechtfertigung zu versuchen, wäre aber doch zu erniedrigend für mich!

IV.
Unter dem Hofgesinde, das, wie erwähnt, sehr zahlreich war, befand sich auch ein junges Mädchen, das kaum sein achtzehntes Lebensjahr erreicht hatte, als der fünfzigjährige Makar Dolgoruki plötzlich die Absicht äußerte, dieses Mädchen zu heiraten. Die Ehen des Hofgesindes wurden früher, zur Zeit der Leibeigenschaft, bekanntlich nur mit Erlaubnis der Gutsherrschaft geschlossen oder sogar einfach auf deren Befehl. Auf dem Gute Werssiloffs aber lebte damals als einzige Vertreterin der Herrschaft nur Tantchen – d. h. sie ist eigentlich niemandes Tante, nur wird sie, ich weiß selbst nicht weshalb, schon ihr Leben lang von allen „Tantchen“ genannt, nicht etwa als meine Tante, sondern als Tante überhaupt, was auch von seiten der Familie Werssiloff geschieht, mit der sie allerdings so etwas wie entfernt verwandt sein soll. Dieses „Tantchen“ heißt sonst Tatjana Pawlowna Prutkoff, und damals besaß sie noch in demselben Gouvernement und sogar in demselben Bezirk, in dem Werssiloffs Stammgut lag, fünfunddreißig Leibeigene. Auf dem Gute Werssiloffs aber, wo sie als Nachbarin und halbwegs Verwandte zu der Zeit ständig lebte, war sie – nun, wohl nicht gerade die Verwalterin (zum Gut gehörten über fünfhundert Leibeigene), aber doch so etwas wie eine Aufseherin, und diese Aufsicht soll, wie ich gehört habe, derjenigen eines studierten Oberverwalters in nichts nachgestanden haben. Übrigens gehen mich ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse nichts an; ich wollte hier nur sagen, daß diese Tatjana Pawlowna – ohne jede Schmeichelei – ein wirklich edeldenkendes und im übrigen originelles Wesen ist. Nun, und eben diese Tatjana Pawlowna suchte damals den finsteren Makar Dolgoruki (er soll damals sehr finster gewesen sein) von den Heiratsgedanken nicht etwa abzubringen, sondern soll ihm aus einem unbekannten Grunde sogar noch zugeredet haben. Die achtzehnjährige Ssofja Andrejewna – meine Mutter – war schon seit einigen Jahren Ganzwaise. Ihr verstorbener Vater, der gleichfalls Hofbauer und dem Makar Dolgoruki in irgendeiner Sache zu Dank verpflichtet gewesen war, hatte diesen Makar sein Lebtag sehr geachtet und soll deshalb auf dem Sterbebett, nur eine Viertelstunde vor seinem Tode (so daß man es zur Not auch als bewußtloses Irrereden hätte auffassen können, ganz abgesehen davon, daß er als Leibeigener überhaupt nichts zu bestimmen hatte) den alten Makar Dolgoruki zu sich gerufen und ihm in Gegenwart des Geistlichen und aller versammelten Gutsbauern laut und bestimmt, auf seine zwölfjährige Tochter weisend, gesagt haben:

„Erzieh sie und nimm sie zum Weibe.“

Das haben alle gehört. Was nun aber den alten Makar Iwanoff betrifft, so weiß ich nicht, aus welcher Überlegung er sie dann später geheiratet hat, ich meine, ob mit Vergnügen oder nur aus Pflichtgefühl. Anzunehmen ist, daß er sich vollkommen gleichmütig dazu verhielt. Er war ein Mensch, der sich auch damals schon „hervorzutun“ verstand. Ich will damit nicht sagen, daß er etwa sehr belesen oder sehr bibelkundig gewesen sei, obschon er die ganze Liturgie auswendig kannte und namentlich die Heiligenlegenden, diese allerdings, ohne sie selbst gelesen zu haben. Nein, er war auch nicht einmal ein sogenannter Bauernräsonnör, sondern einfach ein eigensinniger Charakter, ja, mitunter sogar gewagt eigensinnig: er redete selbstbewußt, urteilte unwiderruflich, und führte zum Überfluß ein „ehrsames Leben“, wie er sich selbst ausdrückte. Ja, so war er zu jener Zeit. Natürlich wurde er von allen geachtet, doch war er nichtsdestoweniger allen unausstehlich. Das sollte erst später anders werden, als er sein Pilgerleben begann: dann sah man in ihm nahezu einen Heiligen oder jedenfalls einen großen Dulder.

Über den Charakter meiner Mutter läßt sich nicht viel sagen: bis zu ihrem achtzehnten Jahr hatte Tatjana Pawlowna sie bei sich behalten, trotz aller Ratschläge des Verwalters, sie doch nach Moskau zu schicken, um sie dort etwas lernen zu lassen. Tatjana Pawlowna hatte sie statt dessen selbst in manchem unterrichtet, im Nähen, im Zuschneiden, wie sie sich als Mädchen zu benehmen habe, und sogar ein wenig im Lesen. Schreiben konnte meine Mutter nie so recht. Die Heirat mit Makar Iwanoff war in ihren Augen eine schon längst beschlossene Sache, und überhaupt fand sie alles, was mit ihr damals geschah, vortrefflich und sogar besser, als sie es sich zu wünschen gewußt hätte. Zum Altar ging sie mit der ruhigsten Miene, die man in einem solchen Fall nur haben kann, so daß selbst Tatjana Pawlowna sie einen Fisch genannt hat. Dies alles hat mir Tatjana Pawlowna selbst erzählt.

Als Werssiloff auf sein Gut kam, war sie gerade erst ein halbes Jahr verheiratet.

V.
Ich muß vorausschicken, daß ich niemals habe erfahren oder auch nur erraten können, womit es eigentlich zwischen ihm und meiner Mutter begonnen hat. Ich bin durchaus zu glauben bereit, daß es, wie er mir in diesem letzten Jahr einmal gestand – bis über die Stirn errötend, obgleich er mit der ungezwungensten und „geistvollsten“ Miene davon sprach –, daß es einen Roman zwischen ihnen überhaupt nicht gegeben habe, sondern alles einfach „so“ gekommen sei. Das glaube ich ihm gern, und gerade dieses Wort und dazu noch in diesem Ton gesagt, wie nur der Russe es zu sagen pflegt, ist ganz vorzüglich und drückt tatsächlich alles aus. Nur wollte ich trotzdem wissen, was die eigentliche Ursache oder Veranlassung gewesen ist. Ich für meine Person hasse alle diese Abscheulichkeiten, habe sie immer gehaßt, und werde sie mein Leben lang hassen. Es ist also meinerseits keineswegs etwa schamlose Neugier, wenn ich das ergründen will. Meine Mutter habe ich erst vor einem Jahr kennen gelernt, bis dahin hatte ich sie so gut wie überhaupt nicht gesehen: Schon als kleines Kind war ich bei fremden Menschen untergebracht worden, da Werssiloff es so bequemer hatte – worauf ich übrigens noch später zu sprechen kommen werde. Deshalb kann ich auch nicht wissen, wie sie zu jener Zeit ausgesehen hat. Wenn sie aber gar nicht so schön gewesen ist, wodurch hat sie dann einen Menschen wie Werssiloff, und noch dazu den erst fünfundzwanzigjährigen Werssiloff, zu fesseln vermocht? Das ist die Frage. Und wichtig ist sie für mich nur deshalb, weil sie an diesem Menschen noch eine ganz andere Seite ahnen läßt. Nur deshalb frage ich also, und nicht, wie man glauben könnte, aus jugendlicher Verderbtheit. Er selbst, dieser finstere und verschlossene Mensch, sagte mir einmal mit seiner ganzen entzückenden Treuherzigkeit, die er jedesmal weiß der Teufel woher nahm (gleichsam aus der Tasche), wenn er sah, daß es anders nicht ging – ja, er selbst sagte mir, er sei damals noch ein „ganz dummer junger Hund“ gewesen, nicht gerade sentimental, aber „so“, nachdem er „Anton Goremyka“[2] und „Polinka Ssachs“[3] gelesen, zwei literarische Werke, die einen großen, einen bildenden und bestimmenden Einfluß auf die bei uns damals heranwachsende Generation gehabt haben. Er fügte noch hinzu, daß er vielleicht sogar einzig infolge der Lektüre des „Anton Goremyka“ auf sein Gut gekommen sei – und zwar fügte er es mit vollkommenem Ernst hinzu! Wie also, auf welche Weise hatte dann dieser „dumme junge Hund“ mit meiner Mutter anzubändeln vermocht? Ich sage mir soeben, daß, wenn ich auch nur einen einzigen Leser haben sollte, dieser jetzt sicherlich laut über mich lachen würde, wie über den lächerlichsten, unerfahrenen Jüngling, der sich noch seine dumme Unschuld bewahrt hat und sich dabei doch unterfängt, über Dinge zu reden und zu philosophieren, von denen er überhaupt nichts versteht. Ja, es ist wahr, ich habe noch keinen Begriff davon, doch sage ich das jetzt nicht aus Stolz; denn ich weiß ganz gut, wie maßlos dumm eine solche Unkenntnis an einem einundzwanzigjährigen Tölpel ist. Nur kann ich diesem verehrten Leser sagen, daß er, wenn er lacht, dann selbst von manchen Dingen keine Ahnung hat, und ich werde ihm das beweisen! Es ist wahr: von Frauen weiß ich nichts und will ich auch nichts wissen; denn ich habe mir das Wort gegeben, mein Leben lang nichts von ihnen wissen zu wollen. Aber so viel weiß ich doch, daß das eine Weib durch Schönheit berückt, oder wodurch es da sonst zu berücken versteht, und zwar sofort, in einem Augenblick; eine andere dagegen muß man erst ein ganzes Jahr lang kennen lernen, um zu begreifen, was in ihr ist; und um eine solche ausfindig zu machen und sich in sie zu verlieben, genügt nicht, daß man bloß zu allem bereit ist, sondern man muß außerdem noch mit etwas ganz Besonderem begabt sein. Davon bin ich überzeugt, obschon ich nichts weiß, und wenn dies nicht wahr wäre, müßte man sofort alle Frauen auf die Stufe der Haustiere herabziehen und sie nur als solche bei sich halten, was manche vielleicht sogar sehr gern täten.

Wie ich aus verschiedenen und glaubwürdigen Quellen weiß, ist meine Mutter keine Schönheit gewesen, – ihr Bild aus jenen Jahren, das irgendwo noch existieren soll, habe ich freilich nicht gesehen. Jedenfalls konnte man sich nicht auf den ersten Blick in sie verlieben. Zur gewöhnlichen „Zerstreuung“ hätte Werssiloff eine andere wählen können, eine hübschere, und eine solche soll es damals auf seinem Gute auch gegeben haben, sogar eine unverheiratete: eine gewisse Anfissa Ssaposhkoff, die im Herrenhause Stubenmädchen war. Und nicht zu vergessen: er war obendrein noch unter dem Eindruck der Lektüre des „Anton Goremyka“ in die Heimat gekommen, dann aber auf Grund der Gutsherrenrechte die Heiligkeit der Ehe zu schänden – und wenn es sich auch nur um die Ehe seines Leibeigenen handelte –, gleichviel, das hätte doch vor dem eigenen Gewissen noch um so beschämender sein müssen! Wie gesagt, von diesem „Anton Goremyka“ hat er vor nicht mehr als ein paar Monaten, also noch nach mehr als zwanzig Jahren, mit vollkommenem Ernst gesprochen! Aber diesem Anton wurde ja nur das Pferd fortgenommen, hier dagegen handelte es sich doch um die Frau! Es muß also etwas Ungewöhnliches geschehen sein, weshalb denn auch Mademoiselle Ssaposhkoff verspielte (meiner Meinung nach gewann sie). Ich habe im Laufe des letzten Jahres mehr als einmal etwas aus ihm herauszubringen versucht, sobald man nur mit ihm reden konnte (denn nicht allemal konnte man mit ihm reden), doch ist mir dabei zunächst nur aufgefallen, daß er sich trotz seiner ganzen gesellschaftlichen Sicherheit und der inzwischen vergangenen zwanzig Jahre stets ungemein geniert fühlte, sobald ich darauf zu sprechen kam. Aber ich ließ nicht nach. Und so erreichte ich wenigstens, daß er einmal in jenem gewissen Ton gereizten Widerwillens, den er sich oft genug mir gegenüber erlaubte, etwas seltsam vor sich hinbrummte, meine Mutter sei eine von jenen Hilflosen, jenen gleichsam Verteidigungsunfähigen gewesen, in die man sich nicht, wie man so sagt, verliebe – im Gegenteil, durchaus nicht –, sondern die man plötzlich aus irgendeinem Grunde bemitleide, vielleicht wegen ihrer keuschen Bescheidenheit, oder übrigens, wie soll man’s wissen, weshalb? Den Grund könne man niemals genau angeben, jedenfalls bemitleide man sie nicht nur für einen kurzen Augenblick; man bemitleide sie und empfinde sofort Zuneigung zu ihnen … „Mit einem Wort, lieber Junge, zuweilen ist es so, daß man sich dann nicht mehr losreißen kann.“ – Das sind seine eigenen Worte. Und wenn es wirklich das gewesen ist, so bin ich gezwungen, ihn als Fünfundzwanzigjährigen durchaus nicht für einen so „dummen jungen Hund“ zu halten, wie er selbst zu jener Zeit gewesen zu sein glaubt. Das ist es, was ich zuvor feststellen wollte.

Übrigens begann er gleich darauf, d. h. gleich nach diesem Geständnis, zu versichern, meine Mutter habe ihn „aus Unterwürfigkeit“ geliebt. Es fehlte noch, daß er gesagt hätte „aus Leibeigenschaftsgehorsam“! Das hat er einfach gelogen, nur weil es sich „schick“ anhört, – gegen sein Gewissen, gegen Ehre und Anstand gelogen!

Alles das habe ich natürlich gewissermaßen wie zum Lobe meiner Mutter hier wiedergegeben, und doch habe ich schon gesagt, daß ich sie in ihren jüngeren Jahren weder gekannt, noch bis jetzt Genaueres über ihr Wesen als junges Mädchen in Erfahrung gebracht habe. Im Gegenteil, ich kenne gerade die ganze Unbesiegbarkeit, die ganze Starrheit der kläglichen Begriffe jener Umgebung, in der sie aufgewachsen war und mit deren Anschauungen sie alt geworden ist. Und dennoch geschah das Unglück. Übrigens habe ich ganz vergessen, von der Tatsache zu reden, wie gewöhnlich, wenn ich mich in Wolken verliere, während doch das Geschehnis stets ganz zuerst hervorgehoben werden müßte. Also: es begann bei ihnen unmittelbar mit dem Unglück. (Ich hoffe, der Leser wird sich nicht so weit verstellen, daß er nicht sofort begreift, was ich meine.) Kurz, es begann gerade so nach Gutsbesitzerart, ungeachtet dessen, daß es doch so ganz anders begann und Mademoiselle Ssaposhkoff verschmäht worden war. Hier muß ich aber auch für mich eintreten und bemerken, daß ich mir nicht im geringsten widerspreche. Denn, mein Gott, wovon hätte ein Mensch, wie Werssiloff, mit einer Person wie meine Mutter, selbst im Fall der unbezwingbarsten Liebe reden können? Ich habe von verderbten Lebemännern gehört, daß manche Männer bisweilen, wenn sie mit einer Frau zusammenkommen, vollkommen stumm beginnen, was natürlich der Gipfel aller Abscheulichkeit und allen Ekels ist. Nichtsdestoweniger hätte Werssiloff – selbst wenn er gewollt hätte – wahrscheinlich überhaupt nicht anders mit meiner Mutter beginnen können. Er konnte ihr doch nicht „Polinka Ssachs“ erklären! Und übrigens wird es ihnen damals wohl nicht um russische Literatur zu tun gewesen sein. Im Gegenteil, nach seinen Worten (er ging einmal ganz zufällig etwas mehr aus sich heraus) haben sie sich in allen Winkeln versteckt, auf Treppen einander erwartet, ja, wie Bälle sind sie mit roten Gesichtern zurückgeschnellt, wenn jemand kam, und der „Tyrann und Gutsherr“ hat vor jeder letzten Scheuermagd gezittert, trotz all seiner Rechte, die er als Herr seiner Leibeigenen besaß. Aber wenn es auch nach Gutsherrenart begonnen hatte, so endete es doch ganz anders, das heißt … aber ich sehe schon, im Grunde läßt sich doch nichts erklären. Es wird sogar nur noch unverständlicher. Allein schon die Tragweite, die ihre Liebe gewann, ist und bleibt ein Rätsel; denn die erste Bedingung solcher Menschen wie Werssiloff ist doch: sofort zu verlassen, sobald das Ziel erreicht ist. Hier aber geschah etwas ganz anderes. Mit einem netten, flatterhaften Hofmädel zu sündigen (meine Mutter gehörte nicht zu diesen), war für einen verderbten „jungen Hund“ (und sie waren alle verderbt, alle ohne Ausnahme, sowohl die Liberalen als die Konservativen) nicht nur möglich und sozusagen „erlaubt“, sondern sogar unvermeidlich und selbstverständlich, besonders wenn man noch seine romantische Stellung als junger Witwer und Müßiggänger in Betracht zieht; sie aber fürs ganze Leben liebzugewinnen – das war denn doch zuviel! Ich will nicht dafür einstehen, daß er sie so lange wirklich geliebt hat, jedenfalls aber hat er sie sein Leben lang überallhin mit sich herumgeschleppt.

Ich habe zwar oft genug ganz ohne Umschweife und Rücksicht gefragt, was ich wissen wollte, die wichtigste Frage aber habe ich doch nicht offen an meine Mutter zu richten gewagt, obwohl wir uns in diesem letzten Jahr so nahe getreten sind und ich überdies als roher und undankbarer Grünschnabel lange Zeit der Meinung war, sie, meine Eltern, hätten mir noch ein Unrecht abzubitten. Deshalb war ich auch im Verkehr mit meiner Mutter zumeist sehr wenig rücksichtsvoll. Diese Hauptfrage, wie ich sie nennen möchte, bestand in folgendem: wie hatte sie, sie selbst, nachdem sie schon ein halbes Jahr in der Ehe gelebt, wie hatte sie, die an die Heiligkeit der Ehe bis zur Ohnmacht glaubte und ihren Makar Iwanowitsch nicht weniger als irgendeine Gottheit verehrte, wie hatte sie trotzdem in kaum zwei Wochen eine solche Sünde begehen können? Sie war doch kein verderbtes Weib! Im Gegenteil, ich kann ruhig behaupten, daß es eine reinere Seele, als die meiner Mutter, überhaupt nicht gibt. Wenigstens ist es schwer, sich etwas noch Reineres, als es meine Mutter bis zum heutigen Tage ist, auch nur vorzustellen. Erklären könnte man sich ihren Fehltritt höchstens damit, daß sie ihn nicht bei voller Besinnung getan, – jedoch nicht in dem Sinne, wie jetzt die Verteidiger von ihren Klienten, von Mördern und Dieben, vorgeben, sondern wie im Bann eines mächtigen, überwältigenden Eindrucks, der bei einer gewissen Harmlosigkeit des Herzens sich verhängnisvoll und tragisch seines Opfers bemächtigen kann. Vielleicht hatte sie sich sterblich in … seinen Rockschnitt verliebt, oder in seinen Scheitel à la parisien[1] oder in seine Aussprache des Französischen – gerade des Französischen, von dem sie keinen Ton verstand – oder in ein Lied, das er einmal gesungen? – jedenfalls in etwas noch nie Gesehenes, noch nie Gehörtes (er war übrigens eine sehr schöne Erscheinung) – und verliebte sich dann mit eins in den dazugehörenden Menschen, so wie er war, zusammen mit allen Kleiderschnitten und Liedern? Das soll, wie ich gehört habe, mit den Hofmädchen zur Zeit der Leibeigenschaft bisweilen geschehen sein, und zwar gerade mit den keuschesten. Ich kann das sehr gut verstehen, und ein Schuft ist, wer das im Ernst nur mit der Gewohnheit an Leibeigenschaftsgehorsam erklären wollte! Folglich aber mußte doch dieser junge Mann so viel unverfälschte, so echte berückende Macht besessen haben, daß er ein bis dahin so reines und, was noch mehr sagen will, ein so anders geartetes Geschöpf, das in einer ganz anderen Welt aufgewachsen war, zu fesseln und in so offenkundiges Verderben zu ziehen vermochte. Daß es aber „Verderben“ war, das hat, hoffe ich, auch meine Mutter ihr Leben lang gewußt; höchstens damals, als sie ging, wird sie nicht an das Verderben gedacht haben. Aber so ist es ja gewöhnlich mit diesen Schutzlosen: sie wissen ganz genau, daß es ihr Verderben ist, und dennoch gehen sie!

Nachdem meine Eltern sich aber vergessen, hatten sie sogleich alles gebeichtet. Er erzählte mir sogar mit sehr viel Scharfsinn, daß er an der Schulter Makar Iwanowitschs, den er zu sich ins Kabinett hatte rufen lassen, geschluchzt habe. Sie aber – sie lag währenddessen einsam irgendwo dort in ihrer armseligen Bauernhütte …

VI.
Doch genug der Fragen und peinlichen Einzelheiten! Werssiloff reiste, nachdem er meine Mutter von Makar Dolgoruki freigekauft hatte, bald wieder irgendwohin fort, und seitdem hat er sie fast überallhin mitgenommen, außer in den wenigen Fällen, wenn er ganz plötzlich aufbrach und dann gewöhnlich längere Zeit wie verschollen blieb. In solchen Fällen war jedoch sogleich Tantchen zur Stelle, oder vielmehr Tatjana Pawlowna Prutkoff, die dann meine Mutter ohne weiteres unter ihre Obhut nahm. So hatten Werssiloff und meine Mutter in Moskau gelebt, auf verschiedenen anderen Gütern, in verschiedenen anderen Städten, sogar im Auslande, und schließlich in Petersburg. Doch von diesem Leben soll noch später die Rede sein, oder auch nicht, – wozu schließlich? Ich will nur sagen, daß ein Jahr nach dem Loskauf meiner Mutter von ihrem rechtmäßigen Manne ich zur Welt kam, darauf, wieder nach einem Jahr, meine Schwester, und dann nach zehn oder elf Jahren ein kränklicher Knabe, mein jüngster Bruder, der aber nur wenige Wochen lebte. Nach der qualvollen Geburt dieses Kindes war auch die Schönheit meiner Mutter dahin, wenigstens erzählte man mir so; sie begann zu altern und zu kränkeln.

Doch ungeachtet des Loskaufs unterließ Makar Iwanowitsch es nie, „seine Familie“ von Zeit zu Zeit über sein Befinden zu unterrichten, gleichviel ob „Werssiloffs“ von Ort zu Ort reisten oder sich irgendwo auf längere Zeit niedergelassen hatten. So kam es, daß sich allmählich recht sonderbare Beziehungen zwischen ihnen herausbildeten, ein Verhältnis, das zum Teil feierlich und nicht ohne gegenseitige Ehrfurcht war. Wenn man nun das früher übliche Verhalten der Gutsherren zu ihren Leibeigenen in Betracht zieht, so hätten solche Beziehungen unfehlbar etwas Lächerliches annehmen müssen, doch hier war das nicht der Fall. Er schrieb zweimal jährlich, nicht mehr und nicht weniger, und die Briefe unterschieden sich kaum voneinander. Ich habe sie gelesen: nicht die geringste persönliche Note ist in ihnen zu entdecken; sie enthalten nach Möglichkeit nur feierliche Berichte über die gewöhnlichsten Ereignisse und dann Bezeugungen der unpersönlichsten Gefühle, wenn man sich so ausdrücken darf. Zu Anfang immer eine Schilderung des eigenen Gesundheitszustandes, dann Erkundigungen nach der Gesundheit der Betreffenden, dann Wünsche, daß es ihnen wohlergehen möge, feierliche Grüße und feierlichst erteilter Segen – und das war alles. Gerade in dieser Unpersönlichkeit scheinen Leute von der Bildungsstufe eines Makar Iwanowitsch die ganze Wohlanständigkeit und höhere Umgangskunst zu vermuten. „Unserer liebwerten und ehrsamen Ehefrau Ssofja Andrejewna unsere untertänigste Verbeugung …“ „Unseren liebwerten Kindern meinen väterlichen, ewig unerschütterlichen Segen.“ Die Kinder wurden alle der Reihe nach aufgezählt, ich als Ältester an der Spitze. Übrigens war Makar Iwanowitsch doch klug genug, „Se. Hochgeboren, den ehrenwerten Herrn Andrei Petrowitsch“ (so hieß Werssiloff), nie seinen „Wohltäter“ zu nennen, wie es sonst üblich ist, obschon er ihm unentwegt in jedem Brief seinen untertänigsten Gruß sandte, ihn für sich um seine Wohlgeneigtheit bat und für ihn wiederum Gottes Segen herflehte. Die Antwort auf seine Briefe erhielt Makar Iwanowitsch von meiner Mutter immer postwendend – Werssiloff beteiligte sich natürlich nie an dieser Korrespondenz – und auch ihre Briefe unterschieden sich fast in nichts voneinander. Makar Iwanowitsch schrieb aus allen Gegenden Rußlands, bald aus Städten, bald aus Klöstern, in denen er sich mitunter auf lange Zeit niederließ. Er führte damals bereits ein Pilgerleben. Niemals bat er um etwas, dafür aber kam er alle drei Jahre einmal unfehlbar „nach Haus“ und erschien dann regelmäßig bei meiner Mutter, die, wie es sich immer so traf, ihre eigene Wohnung hatte, getrennt von derjenigen Werssiloffs. Darauf werde ich übrigens noch später zu sprechen kommen, hier aber will ich nur bemerken, daß Makar Iwanowitsch es sich dann nicht etwa im Gastzimmer auf den Sofas bequem machte, sondern bescheidentlich mit einer Schlafstelle irgendwo hinter einem Bettschirm fürliebnahm. Er blieb auch nicht lange, gewöhnlich nur fünf Tage, höchstens eine Woche. Ich habe bisher ganz vergessen zu sagen, daß sein Familienname Dolgoruki ihm unendlich gefiel und er ihn ungeheuer achtete. Natürlich war das nur eine lächerliche Dummheit von ihm. Am dümmsten aber war, daß er ihm gerade deshalb so gefiel, weil es Fürsten dieses Namens gibt. Gott weiß, wie er zu dieser verdrehten Auffassung gekommen sein mag!

Wenn ich gesagt habe, daß die ganze „Familie“ stets beisammen war, so war sie das, versteht sich, nur mit Ausnahme meiner Person. Ich war wie ein Überflüssiger aus dem Nest geworfen: fast schon seit meiner Geburt hatte man mich bei fremden Menschen untergebracht. Doch lag dieser Handlungsweise keinerlei besondere Absicht zugrunde, es hatte sich eben ganz von selbst so gemacht. Als meine Mutter mich geboren hatte, war sie noch jung und hübsch, und daher brauchte er sie; ein kleiner Schreihals aber wäre sehr hinderlich gewesen, besonders noch auf Reisen. So ist es denn gekommen, daß ich meine Mutter vor meiner Übersiedlung nach Petersburg, also bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr, nur zwei- oder dreimal ganz flüchtig gesehen habe. Das war freilich nicht auf die Gefühle meiner Mutter zurückzuführen, sondern auf den Hochmut Werssiloffs den Menschen gegenüber.

VII.
Jetzt von etwas ganz anderem.

Einen Monat vorher, d. h. einen Monat vor jenem neunzehnten September, beschloß ich damals in Moskau, mich endgültig von ihnen allen loszusagen und hinfort nur noch meiner Idee zu leben, d. h. restlos in ihr aufzugehen. Ich sage und schreibe es auch so hin: „restlos in ihr aufzugehen“; denn dieser Ausdruck deckt sich am besten mit meinem Hauptgedanken – eben mit der Idee, für die allein ich auf Erden leben will. Was das für eine „Idee“ ist, das werde ich später noch ausführlich erklären. In der jahrelangen verträumten und verschwärmten Einsamkeit meines Moskauer Lebens hatte sie sich langsam entwickelt, dann aber, in der sechsten Klasse des Gymnasiums, hatte sie fast plötzlich von mir vollständig Besitz ergriffen und mich dann vielleicht keinen einzigen Augenblick mehr verlassen. Es war seitdem, als habe diese Idee mein ganzes Leben verschlungen. Auch vorher schon hatte ich mehr in Träumen als in der Wirklichkeit gelebt, ja eigentlich hatte ich schon von Kindheit an mein Leben in einer Traumwelt zugebracht, in einer Traumwelt von jener bewußten Art. Doch mit der Entstehung dieser größten und alles übrige in mir verschlingenden Idee wurden auch meine Träume bestimmter, gewannen sie feste Umrisse und feste Gestalt: aus kindisch dummen Phantastereien wurden fast über Nacht vernünftige Zukunftspläne. Die Schule hatte das Träumen nicht verhindert, so konnte sie auch meiner „Idee“ nichts anhaben. Übrigens will ich hier doch bemerken, daß ich das Gymnasium im letzten Jahr als schlechter Schüler beendete, während ich bis dahin immer einer der ersten gewesen war, und schuld daran war natürlich nichts anderes als diese Idee, infolge eines (vielleicht falschen) Schlusses, den ich aus ihr gezogen hatte. So war denn nicht das Gymnasium ein Hindernis für die Idee, sondern umgekehrt, die Idee ein Hindernis für das Gymnasium. Und ebenso verhinderte sie das weitere Studium, ich meine den Besuch einer Universität. Nach dem Abiturium beabsichtigte ich, nicht nur unverzüglich mit allen Verwandten zu brechen, sondern falls nötig auch mit der ganzen Welt – und das, obschon ich damals erst zwanzig Jahre alt war. So schrieb ich nach Petersburg, daß man mich hinfort in Ruhe lassen, kein Geld mehr zu meinem Unterhalt senden, und mich, wenn möglich, vollständig vergessen solle (letzteres, versteht sich, falls man sich meiner überhaupt noch erinnerte). Und zum Schluß erklärte ich unumwunden, die Universität „um keinen Preis“ besuchen zu wollen. Sah ich mich doch damals vor ein unvermeidliches Dilemma gestellt: entweder verzichtete ich auf die Universität und die Weiterbildung, oder ich schob die Umsetzung der Idee in die Tat noch auf ganze vier Jahre hinaus. Furchtlos und ohne zu zögern entschied ich mich für die Idee und gab das Studium auf, zumal ich alles schon mathematisch berechnet hatte und vom Erfolg überzeugt war.

Auf meinen Brief erhielt ich eine Antwort von Werssiloff, meinem natürlichen Vater, den ich bis dahin bloß einmal, und auch da nur einen Augenblick lang gesehen hatte (und doch hatte er, so kurz der Augenblick auch war, einen mächtigen, ja bestrickenden Eindruck auf mich gemacht). Er antwortete auf meinen Brief, der übrigens gar nicht an ihn gerichtet gewesen war, mit einem eigenhändigen Schreiben, in dem er mich nach Petersburg zu kommen aufforderte und mir daselbst eine private Anstellung versprach.

Eine solche Aufforderung von diesem verschlossenen, stolzen Menschen, der sich so hochmütig und nachlässig zu mir verhalten und sich bis dahin, nachdem er mich gezeugt und dann unbekümmert unter fremden Leuten meinem Schicksal überlassen hatte, der mich nicht nur nicht kannte, sondern sein Verhalten zu mir nicht einmal bereute (vielleicht aber, wer kann’s wissen, hatte er von meinem ganzen Dasein kaum mehr als eine dunkle und jedenfalls ungenaue Vorstellung; denn, wie es sich später herausstellte, hatte nicht er für meinen Unterhalt in Moskau gezahlt, sondern auch das war von anderer Seite geschehen), – ja, die Aufforderung dieses Menschen, sage ich, der sich so plötzlich meiner erinnerte und mich eines eigenhändigen Schreibens würdigte, – diese Aufforderung verführte mich und entschied mein Schicksal. Unter anderem gefiel mir sein Brief (eine einzige Seite kleinen Formats) auch deshalb, weil er in ihm mit keinem Wort vom Studium sprach: weder bat er mich, meinen Entschluß zu ändern, noch machte er mir deshalb einen Vorwurf, – kurz, er kam mir mit keiner einzigen der in solchen Fällen üblichen elterlichen Redensarten. Und eben das gefiel mir, obschon es, genau genommen, gerade kein hübscher Zug von ihm war, da dieses Verhalten noch deutlicher seine Gleichgültigkeit mir gegenüber bewies. Ich entschloß mich aber auch noch aus dem Grunde zur Fahrt, weil dieser „Abstecher“ meiner Idee und ihrer Ausführung schließlich nichts anhaben konnte. „Ich kann mir ja die Geschichte dort mal ansehen,“ philosophierte ich, „jedenfalls aber bleibe ich nur für einige Zeit bei ihnen, vielleicht nur für die allerkürzeste. Sollte ich jedoch sehen, daß dieser Schritt, so bedingt und klein er auch ist, mich dennoch von meinem Hauptziel ablenken könnte, so breche ich unverzüglich mit allen, soviel ihrer dort sind, lasse alles liegen und ziehe mich sofort zurück in mein Gehäuse. Ja, gerade in mein ‚Gehäuse‘! Ich verkrieche mich in ihm wie eine Schnecke, verstecke mich wie eine Schildkröte in ihrer Schale.“ Dieser Vergleich gefiel mir sehr. „Ich werde nicht allein sein,“ fuhr ich in Gedanken fort, während ich die letzten Tage in Moskau wie in einem Rausch umherging, „jetzt werde ich niemals mehr allein sein, wie bisher alle die langen entsetzlichen Jahre. Jetzt habe ich meine Idee, von der ich nie mehr lassen werde, selbst dann nicht, wenn sie mir dort auch alle, Gott weiß wie sehr, gefallen, mich vielleicht relativ sogar glücklich machen sollten, und ich womöglich ganze zehn Jahre bei ihnen verbliebe!“ Eben diese Überzeugung aber war es, die in meine Pläne und Ziele einen Zwiespalt brachte und mich die ganze Zeit über in Petersburg unfrei machte (denn ich weiß wirklich nicht, ob ich in Petersburg auch nur einen einzigen Tag erlebt habe, an dem ich nicht an meine Idee gedacht und nicht den nächsten Tag als meinen letzten Termin festgesetzt hätte, um mit allen zu brechen und fortzugehen). Und dieser Zwiespalt war, glaube ich, die Hauptursache oder zum mindesten eine von den Hauptursachen, warum ich im Laufe dieses Jahres so viele Unvorsichtigkeiten, so viele Häßlichkeiten, ja sogar Niedrigkeiten und, versteht sich, auch unzählige Dummheiten begangen habe.

Natürlich, wie hätte es anders sein sollen: ich bekam plötzlich einen Vater, etwas, was ich bis dahin noch nie besessen! Dieses Geschenk berauschte mich, der Gedanke daran verdrängte während der Reisevorbereitungen und der Fahrt fast alle anderen Gedanken. Das heißt, daß er mein „Vater“ war, bedeutete für mich eigentlich noch nicht einmal so viel; denn ich bin kein Freund von Zärtlichkeiten; aber dieser Mensch hatte mich nicht kennen wollen und sich so ohne jede Achtung zu mir verhalten, während ich mich von Kindheit an mit allen Fibern, allen Gedanken und Träumen gleichsam an ihn festgesogen hatte (wenn man sich im übertragenen Sinne so ausdrücken darf). Jeder meiner Träume hatte, so weit ich zurückdenken kann, mit ihm in Zusammenhang gestanden, sich gewöhnlich nur mit ihm beschäftigt, oder war wenigstens im Endergebnis auf ihn hinausgelaufen. Ich weiß nicht, liebte ich ihn, oder haßte ich ihn? – ich weiß nur, daß alle meine Zukunftspläne und Träume nur um ihn kreisten, er war der Mittelpunkt des ganzen Lebens, das noch vor mir lag, – und das hatte sich ganz von selbst so gemacht, das war mit meiner Entwicklung Schritt für Schritt mitgegangen.

Zu meinem Entschluß, der Aufforderung nach Petersburg Folge zu leisten, trug auch noch ein mächtiger Umstand bei, der durch einen gewissen verlockenden Reiz vielleicht sogar zum ausschlaggebenden für mich wurde. Das war etwas, was mein Herz schon ganze drei Monate vor meiner Abreise aus Moskau (als von Petersburg noch gar keine Rede war) schneller hatte schlagen lassen: es zog mich in jenen unbekannten Ozean namentlich deshalb so mächtig hinein, weil ich sogleich als Herrscher und Herr sogar über fremde Schicksale – und noch wessen Schicksale! – dort auftreten konnte. Aber es waren nur großmütige und nicht despotische Gefühle, die in mir kochten, – das sei hier vorausgeschickt, damit man aus meinen Worten keine falschen Schlüsse ziehe. Dachte doch Werssiloff gewiß nichts anderes von mir (d. h. wenn er mich überhaupt dessen würdigte, sich über mich ein paar Gedanken zu machen), daß da nun ein kleiner Knabe angereist kommen werde, ein Gymnasiast, ein grüner Jüngling, der beim Anblick dieser ihm neuen Welt die Augen vor Verwunderung weiß Gott wie weit aufreißen werde. Ich aber kannte indessen schon sein größtes Geheimnis und hatte ein Dokument in Händen, für das er (jetzt weiß ich es und kann es mit der größten Sicherheit behaupten) damals, gerade damals, mehrere Jahre seines Lebens hingegeben haben würde, wenn ich ihm nur für diesen Preis das Dokument ausgeliefert hätte. Übrigens sehe ich soeben, daß ich hier in Rätseln rede, während doch in erster Linie Tatsachen vonnöten sind. Ohne Tatsachen lassen sich Gefühle nicht beschreiben, wenigstens nicht so, daß ein anderer sie nachfühlen könnte. Zudem wird von diesen meinen Empfindungen noch genug die Rede sein – habe ich doch nur deshalb zu schreiben angefangen, um auch mir selbst Klarheit zu verschaffen. So aber, so ohne Anhaltspunkte zu schreiben – da gleicht das Geschriebene Fiebertraumgesichten oder Wolken.

VIII.
Doch um endlich zu jenem neunzehnten September zu kommen, will ich vorher nur noch kurz erwähnen, daß ich sie alle, d. h. Werssiloff, meine Mutter und meine Schwester (letztere sah ich, nebenbei bemerkt, zum erstenmal im Leben) in den bedrängtesten Verhältnissen, fast gänzlich mittellos oder sogar buchstäblich vor der Bettelarmut antraf. Ich hatte davon schon in Moskau gehört, aber das, was ich dann vorfand, hatte ich doch nicht erwartet. Schon von Kindheit an war ich gewöhnt, diesen Menschen, diesen meinen „zukünftigen Vater“ mir geradezu in einem Glorienschein vorzustellen; ich konnte ihn mir überhaupt nicht anders denken, als überall auf dem ersten Platz. Werssiloff hatte mit meiner Mutter bis dahin noch niemals zusammen in einer Wohnung gelebt, sondern für sie immer eine andere gemietet, und das hatte er natürlich nur getan, um jenen erbärmlichen „Anstand“, was diese Kreise so nennen, in den Augen der Welt zu wahren. Jetzt aber lebten sie alle zusammen in einem hölzernen Gartenhaus, oder richtiger, in einem Flügel eines Mietwohnhauses in einer kleinen Querstraße im Stadtteil „Ssemjonowski Polk“. Von ihren Sachen war fast alles schon versetzt, so daß ich meiner Mutter, natürlich ohne Werssiloffs Wissen, meine heimlichen sechzig Rubel gab. Ja, mein „heimliches“ Geld; denn niemand wußte es, daß ich es mir von meinem Taschengelde – ich bekam in jedem Monat fünf Rubel – im Laufe von zwei Jahren zusammengespart hatte. Angefangen zu sparen hatte ich gleich am ersten Tage meiner „Idee“, und deshalb durfte Werssiloff kein Wort von diesem Gelde erfahren. Davor zitterte ich.

Doch diese Hilfe war nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Meine Mutter arbeitete und meine Schwester gleichfalls – sie stickten für Geld. Werssiloff dagegen tat nichts, war launisch wie ein verzogenes Kind, und ließ sich durch nichts abhalten, sein früheres Leben mit all den vielen kostspieligen Gewohnheiten weiterzuführen. Nichts war ihm recht, namentlich bei Tisch, wo er an jeder Speise herummäkelte, und überhaupt war sein ganzes Verhalten zu den anderen geradezu despotisch. Aber meine Mutter, meine Schwester, Tatjana Pawlowna und die ganze Familie des seligen Andronikoff (eines etwa drei Monate vor meiner Ankunft verstorbenen Bürochefs, der nebenbei auch Werssiloffs Vermögen verwaltet hatte), auch diese ganze Familie, die aus lauter Frauenzimmern älterer Jahrgänge bestand, kurz: alle diese Frauen verhielten sich zu ihm in nahezu andachtsvoller Ehrfurcht und dienten ihm wie einem Götzen. Ich hätte so etwas gar nicht für möglich gehalten. Vor neun Jahren war er eine unvergleichlich elegantere, auffallendere Erscheinung gewesen. In meiner Erinnerung hatte ich ihn, wie ich bereits erwähnt habe, förmlich in einem Glorienschein gesehen, weshalb ich denn auch nicht begriff, wie er in so kurzer Zeit – in ungefähr neun Jahren – so merklich hatte altern und sich äußerlich verändern können. Es machte mich geradezu traurig, und er tat mir leid, und ich schämte mich fast für ihn. Sein Anblick war mir einer der schwersten ersten Eindrücke nach meiner Ankunft. Übrigens machte er deshalb noch längst nicht den Eindruck eines alten Mannes: er war ja auch erst fünfundvierzig; und als ich mich aufmerksamer in ihn hineinsah, fand ich in seinen Gesichtszügen sogar etwas noch weit Auffallenderes, Fesselnderes, als es seine frühere Schönheit, deren ich mich noch so gut entsann, gehabt hatte. Es war weniger Glanz, weniger äußere Schönheit, ja sogar weniger Vornehmheit in ihm, aber das Leben hatte doch etwas weitaus Interessanteres in dieses Gesicht hineingezeichnet, als es jene ganze frühere Schönheit jemals gewesen war.

Indessen bildete die Armut nur einen zehnten oder zwanzigsten Teil von allem Widerwärtigen, das ihm in letzter Zeit zugestoßen war, das wußte ich. Außer der Armut gab es da etwas noch weit Ernsteres, – ganz abgesehen davon, daß er immer noch Aussicht hatte, den Erbschaftsprozeß, den er schon seit einem Jahr gegen den Fürsten Ssokolski führte, zu gewinnen und somit schon in nächster Zeit in den Besitz eines Gutes im Werte von über siebzigtausend Rubel zu gelangen. Ich habe bereits erwähnt, daß dieser Werssiloff schon ganze drei Erbschaften in seinem Leben durchgebracht hatte, und da sollte ihn nun wieder eine herausreißen! Die Sache mußte in den nächsten Tagen zur Verhandlung kommen. Daraufhin war ich auch nach Petersburg gerufen worden – in der Hoffnung, daß auch dieses Vermögen ihnen zufallen werde. Nichtsdestoweniger hielt es schwer, irgendwo Geld aufzutreiben, da die bloße Hoffnung auf den günstigen Ausgang des Rechtsstreites für Geldleiher eine zu unsichere Bürgschaft war, und so mußte man eben geduldig ausharren.

Aber Werssiloff suchte auch niemanden auf, obschon er zuweilen auf den ganzen Tag fortging. Er war schon seit länger als einem Jahr aus der Gesellschaft „ausgestoßen“. Die Vorgeschichte dieser Ausstoßung war mir trotz meiner größten Bemühungen in der Hauptsache leider völlig unaufgeklärt geblieben, obgleich ich damals schon einen ganzen Monat nach der Ursache geforscht hatte. War Werssiloff schuldig oder unschuldig – das allein wollte ich wissen, und deshalb war ich nach Petersburg gekommen! Alle hatten sich von ihm abgewandt, unter anderen auch alle einflußreichen Aristokraten, mit denen zu verkehren und in Beziehung zu bleiben er eigentlich immer vorzüglich verstanden hatte. Und die Ursache dieser allgemeinen Abwendung war das Gerücht von seinem „feigen“ und, was in den Augen der „Gesellschaft“ noch weit schlimmer ist, „skandalösen“ Verhalten in einer Sache, die vor einem Jahre in Deutschland sich zugetragen haben sollte. Ja, man sprach sogar von einer Ohrfeige, die er eben damals nahezu öffentlich bekommen habe, und zwar von einem der Fürsten Ssokolski, und auf die er nicht mit einer Forderung geantwortet hatte. Sogar seine Kinder (die ehelichen), sein Sohn und seine Tochter, hatten sich daraufhin von ihm zurückgezogen und vermieden es, mit ihm in Berührung zu kommen, was ihnen ja nicht schwer fiel, da sie nicht bei ihm lebten. Beide waren sie durch die Fanariotoffs, ihre Verwandten mütterlicherseits, und den alten Fürsten Ssokolski, Werssiloffs ehemaligen Freund, in den höchsten Kreisen zu Hause. Übrigens konnte ich in Werssiloff, nachdem ich ihn doch schon einen ganzen Monat beobachtet hatte, nichts anderes sehen als einen unglaublich hochmütigen Menschen, der nicht etwa von der Gesellschaft ausgestoßen worden war, sondern der vielmehr selbst die Gesellschaft hinausgeworfen hatte – so unbeirrt und überlegen war sein ganzes Verhalten. Aber, fragt es sich, hatte er auch das Recht zu diesem Verhalten? – das war es, was mich quälte. Ich mußte unbedingt die ganze Wahrheit in kürzester Zeit erfahren; denn ich war gekommen, – um diesen Menschen zu richten. Noch verbarg ich meine Macht vor ihm, aber lange durfte das nicht mehr währen; denn ich wollte wissen, wofür ich mich zu entscheiden hatte: ihn anzuerkennen oder mich für immer von ihm loszusagen. Letzteres wäre mir zu schwer gewesen, und ich litt darunter … Ich will endlich ein volles Geständnis ablegen: dieser Mensch war mir teuer!

Inzwischen lebte ich bei ihnen in ihrer Wohnung, arbeitete und tat mir Zwang an, um ihnen keine Grobheiten zu sagen. Oder richtiger: sehr oft bezwang ich mich nicht. Ich lebte schon einen Monat bei ihnen und kam mit jedem Tage mehr zu der peinlichen Überzeugung, daß ich es entschieden um keinen Preis fertig brächte, mich mit einer direkten Frage nach dem tatsächlichen Sachverhalt an ihn selbst zu wenden. Dieser stolze Mensch stand förmlich wie ein leibhaftiges Rätsel vor mir, und noch dazu wie eines, das mich aufs tiefste gekränkt hatte und täglich von neuem kränkte. Er war ja sogar sehr nett zu mir, scherzte und unterhielt sich ganz unbefangen, mir aber wäre Streit und Widerspruch lieber gewesen als diese scherzhafte Behandlung seinerseits. Alle meine Gespräche mit ihm hatten stets etwas Zweideutiges, d. h. es lag in seinem Ton immer ein leiser, seltsamer Unterton wie von ganz feinem Spott. Er hatte mich von Anfang an, kaum daß ich aus Moskau eingetroffen war, gewissermaßen nicht ernst genommen. Warum aber und wozu er mich das überhaupt merken ließ, konnte ich mir nicht erklären. Allerdings erreichte er damit, daß er für mich ein Rätsel blieb und ich ihn nicht zu durchschauen vermochte; nur wollte ich mich deshalb noch längst nicht so weit erniedrigen, ihn zu bitten, in ernstem Tone mit mir zu reden. Überdies lag auch etwas geradezu wunderbar Unwiderstehliches in seiner ganzen Art und Weise, ein Etwas, womit ich nichts anzufangen wußte, d. h. wie ich mich dem gegenüber verhalten sollte. Kurz, er ging mit mir um wie mit dem grünsten Jüngling, was ich bald kaum noch zu ertragen vermochte, obschon ich im voraus gewußt hatte, daß es so und nicht anders sein würde. Infolgedessen hörte auch ich auf, ernst mit ihm zu sprechen; ich wollte abwarten, wie lange das noch so weitergehen und was dann kommen werde. Ja, eigentlich hörte ich sogar ganz auf zu sprechen. Ich erwartete jemand, und erst nach dessen Eintreffen in Petersburg konnte ich die Wahrheit zu erfahren hoffen. Jedenfalls bereitete ich mich schon auf den endgültigen Bruch mit ihnen vor und richtete mich bereits danach ein. Meine Mutter tat mir leid; aber … „entweder er oder ich“ – das war es, was ich ihr und meiner Schwester als Letztes vorschlagen wollte. Sogar den Tag, an dem dies geschehen sollte, hatte ich schon im voraus bestimmt. Vorläufig aber versah ich meine Obliegenheiten in jener privaten Anstellung, die man mir verschafft hatte.

Zweites Kapitel.
I.
An diesem neunzehnten September sollte ich mein erstes Gehalt für den ersten Monat Dienst in meiner Petersburger „privaten“ Anstellung erhalten. Wegen dieser Anstellung hatte man mich überhaupt nicht gefragt, sondern mich einfach hingeschickt, wenn ich nicht irre, sogar schon am Tage meiner Ankunft. Das war beinahe eine Roheit von ihnen, und es wäre eigentlich meine Pflicht gewesen, dagegen zu protestieren. Es handelte sich um eine Anstellung im Hause des alten Fürsten Ssokolski. Doch so schon am ersten Tage zu protestieren, – wäre gleichbedeutend gewesen mit einem sofortigen Bruch, der mich zwar durchaus nicht abschreckte, doch hätte er mich von der Verfolgung meines Zieles abgelenkt, und somit wäre der Zweck meiner Reise vorläufig oder auch auf längere Zeit, wenn nicht gar für immer ein problematischer geblieben. Deshalb nahm ich denn die Stelle an, ohne dazu ein Wort zu sagen, um auf diese Weise meine Würde durch Schweigen zu wahren. Zur Erklärung will ich hier gleich bemerken, daß dieser alte Fürst Ssokolski, ein reicher Mann und Geheimrat, mit jenen Moskauer Fürsten Ssokolski, die schon seit mehreren Generationen verarmt sind und gegen die Werssiloff damals gerade seinen Prozeß führte, nicht einmal entfernt verwandt ist. Sie haben nur zufällig denselben Namen. Nichtsdestoweniger interessierte sich der alte Fürst sehr für sie, und namentlich der ältere von den zwei Brüdern und der älteste ihres Geschlechts – ein junger Offizier – galt geradezu für seinen Liebling. Werssiloff hatte auf diesen alten Fürsten vor noch gar nicht so langer Zeit mächtigen Einfluß gehabt und war sein Freund gewesen – ein etwas sonderbarer Freund; denn wie ich bemerkte, fürchtete ihn der arme Fürst nicht nur zu jener Zeit, als ich in seinen Dienst trat, sondern offenbar schon von jeher, seitdem er überhaupt mit ihm befreundet war. Übrigens hatten sie sich lange nicht mehr gesehen: das ehrlose Verhalten, das man Werssiloff zum Vorwurf machte, ging nämlich unmittelbar die Familie des alten Fürsten an. Doch da griff Tatjana Pawlowna in die Angelegenheit ein, und durch ihre Vermittlung wurde ich dann bei dem alten Fürsten untergebracht, der einen „jungen Mann“ in seinem Kabinett, also so etwas wie einen Privatsekretär zu haben wünschte. Bei der Gelegenheit zeigte sich, daß es sein größter Wunsch war, Werssiloff irgendwie einen Dienst zu erweisen, also gewissermaßen den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun, und Werssiloff erlaubte es ihm, d. h. er ließ es ruhig geschehen. Dieses Arrangement traf der Fürst in Abwesenheit seiner Tochter, der Witwe eines Generals, die diesen Schritt ganz entschieden nicht zugelassen hätte. Doch davon später; hier will ich nur bemerken, daß mich gerade dieses seltsame Verhalten des Fürsten zu Werssiloff stutzig machte, und zwar in dem Sinne, daß es mir zugunsten Werssiloffs zu sprechen schien: ich sagte mir, wenn das Haupt der beleidigten Familie Werssiloff immer noch achtet, so können doch die Gerüchte von jener angeblichen Gemeinheit nicht auf Wahrheit beruhen oder zum mindesten doch nicht ganz dem Vorgefallenen entsprechen. Dieses rätselhafte Verhalten des Fürsten war denn zum Teil auch der Grund, weshalb ich mich nicht gegen das Ansinnen auflehnte: ich hoffte, vielleicht auf diesem Wege hinter das Geheimnis kommen zu können.

Diese Tatjana Pawlowna, das „Tantchen“, von dem ich bereits gesprochen habe, spielte zu jener Zeit in ihrem Petersburger Bekanntenkreise eine sehr bedeutsame Rolle. Ich hatte ihre Existenz fast schon ganz vergessen und hätte natürlich nie im Leben vermutet oder für möglich gehalten, daß sie eine so einflußreiche Persönlichkeit sein könnte. Ich hatte sie bis dahin drei- oder viermal gesehen, und jedesmal war sie dann Gott weiß woher wie auf jemandes Befehl erschienen, jedesmal, wenn ich wieder irgendwo untergebracht werden sollte – sowohl als ich in jene elende Pension des Monsieur Touchard kam, wie auch zweieinhalb Jahre später bei meinem Eintritt ins Gymnasium: da erschien sie wieder in Moskau, um mich bei dem unvergeßlichen Nikolai Ssemjonowitsch unterzubringen. Wenn sie kam, blieb sie den ganzen Tag bei mir, revidierte meine Wäsche, meine Kleider, fuhr mit mir nach dem Kusnetzki,[4] kaufte mir alle Sachen, die ich nötig hatte, kurz, sie versah mich mit allem, bis zum letzten Löschblatt und Federmesser. Bei der Gelegenheit schalt sie mich die ganze Zeit ununterbrochen, machte mir Vorwürfe, examinierte mich und nannte mir fortwährend andere Knaben als Muster aller Tugenden, obwohl ich doch diese ihre jungen Anverwandten, die alle viel besser sein sollten als ich, gar nicht kannte, und dabei puffte und kniff sie mich bei jeder Gelegenheit – wirklich, ich lüge nicht – und mitunter sogar so stark, daß es ordentlich weh tat. Und war ich dann eingekleidet, untergebracht und versorgt, dann verschwand sie wieder spurlos für mehrere Jahre. Ähnlich geschah es auch diesmal: kaum war ich angekommen, da tauchte sie schon auf, um mich sogleich wieder irgendwo „unterzubringen“. Sie ist ein hageres Persönchen mit einer spitzen, kleinen Vogelnase und scharfen, kleinen Vogelaugen. Werssiloff diente sie wie eine Sklavin, und erwies ihm eine Ehrerbietung, als wäre er der Papst, doch tat sie es aus Überzeugung. Aber zu meiner größten Verwunderung bemerkte ich bald, daß sie entschieden von allen und überall sehr geachtet wurde, und alle Welt mit ihr bekannt war. Der alte Fürst Ssokolski begegnete ihr mit geradezu auffallender Hochachtung, und dasselbe ließ sich von seinem ganzen Hause sagen, wie auch von Werssiloffs stolzen legitimen Kindern und deren Verwandten, den Fanariotoffs, – und dabei lebte sie von Näharbeit und der Reinigung kostbarer Spitzen und von Stickereien, die sie im Auftrage von verschiedenen Geschäften anfertigte. Ich aber geriet mit ihr schon bei den ersten Worten in Streit, da sie es sich einfallen ließ, mich wie früher als kleinen Schulbengel zu behandeln. Und seitdem gab es jeden Tag Streit zwischen uns, was jedoch nicht hinderte, daß wir uns bisweilen auch verständig unterhielten, und ich muß gestehen, gegen Ende des Monats fand ich schon Gefallen an ihr: weil sie ein so selbständiger Charakter war. Doch das habe ich ihr, versteht sich, nicht verraten.

Ich begriff natürlich sofort, daß man mich zu diesem kranken alten Fürsten nur zu dem Zweck schickte, damit er Unterhaltung und Zerstreuung habe, und daß darin mein ganzer Dienst bestehen sollte. Das war aber doch eine Erniedrigung, und ich bereitete mich denn auch dementsprechend auf das Weitere vor: um nötigenfalls sogleich Maßregeln ergreifen zu können. Doch dieser alte Sonderling machte auf mich einen ganz anderen Eindruck, als ich erwartet hatte, ich empfand förmlich so etwas wie Mitleid mit ihm, und gegen Ende des Monats hatte ich mich bereits ganz eigentümlich an ihn angeschlossen. Wenigstens gab ich meine anfängliche Absicht auf, ihm, sobald er den geringsten Anlaß dazu böte, gründlich die Wahrheit zu sagen und dann kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er war übrigens noch nicht über sechzig. Doch ich muß jetzt etwas zurückgreifen.

Etwa anderthalb Jahre, bevor ich ihn kennen lernte, hatte er einen Anfall gehabt, d. h. er war irgendwohin gereist und unterwegs, wie es hieß, „unzurechnungsfähig“ geworden; und dieser Umstand hatte einen kleinen Skandal zur Folge gehabt, über den in der Petersburger Gesellschaft viel geredet worden war. Wie es in solchen Fällen üblich ist, hatten seine Nächsten ihn schleunigst ins Ausland geschickt, aber schon nach fünf Monaten war er wieder in Petersburg erschienen, und zwar vollkommen gesund. Trotzdem hatte er den Abschied genommen. Werssiloff beteuerte allerdings (und geradezu mit Leidenschaft), daß von einer Geistesstörung bei ihm überhaupt nicht habe die Rede sein können, es sei nichts als eine Nervenattacke gewesen. Den Eifer aber, mit dem er seine Behauptung verteidigte, merkte ich mir einstweilen. Übrigens muß ich sagen, daß ich eigentlich seine Ansicht teilte. Der alte Herr erschien mir zuweilen nur etwas jugendlich leichtsinnig, was in seinen Jahren vielleicht nicht mehr ganz statthaft war, und eben dies hatte man ihm vor jenem Anfall nicht nachsagen können. Wie ich hörte, soll er früher irgendwo in einer Behörde als Rat oder Geheimrat keine geringe Rolle gespielt und einmal bei einem ihm zuteil gewordenen Auftrag sich ganz besonders hervorgetan haben. Doch inwiefern er sich so besonders zum Rat hatte eignen können, vermochte ich trotz redlicher Mühe mir nicht zu erklären, obschon ich ihn damals bereits seit einem ganzen Monat kannte. Man wollte an ihm die Beobachtung gemacht haben (ich selbst habe sie freilich nicht gemacht), daß nach jenem „Anfall“ eine besondere Neigung zum Heiraten sich in ihm entwickelt habe, und angeblich sei er im Laufe dieser anderthalb Jahre bereits mehrmals im Begriff gewesen, das Vorhaben auch auszuführen. Und darüber, hieß es, sei man in der Gesellschaft gut unterrichtet, und besonders einzelne Damen interessierten sich deshalb sehr für ihn. Da nun aber die tatsächliche Ausführung dieses Vorhabens keineswegs den Interessen gewisser Personen aus der Umgebung des Fürsten entsprach, so wurde er von dieser Seite mit Argusaugen bewacht. Seine eigene Familie war klein: seine Frau hatte er schon vor zwanzig Jahren verloren, und so war ihm nur seine einzige Tochter geblieben, eben jene Generalswitwe, die jetzt täglich aus Moskau zurückerwartet wurde, eine noch ganz junge Frau, vor deren Charakterfestigkeit der alte Fürst zweifellos Angst hatte. Um so zahlreicher war aber die Verwandtschaft seiner verstorbenen Frau, deren ganze Sippe sich vornehmlich durch Armut auszeichnete. Und außer diesen Verwandten hatte er noch unzählige Pflegesöhne und Pflegetöchter, die alle schon viel Gutes von ihm erfahren hatten und nun fest darauf rechneten, in seinem Testament noch mit einem Sümmchen bedacht zu werden, weshalb sie denn auch der Generalin getreulich halfen, den alten Herrn zu überwachen. Übrigens hatte er schon von Jugend auf eine seltsame Eigenheit, von der ich nicht weiß, ob ich sie lächerlich nennen soll oder nicht: er liebte es, arme Mädchen zu verheiraten. Er verheiratete sie schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren – gleichviel ob es entfernte Verwandte von ihm oder Stieftöchter irgendwelcher Vettern seiner Frau oder auch nur deren Tauftöchter waren. Ja, sogar die Tochter seines Portiers hat er verheiratet. Zuerst nahm er sie als kleine Mädchen in sein Haus, erzog sie mit Hilfe von Gouvernanten und Französinnen, dann steckte er sie in die besten Institute, und zuletzt verheiratete er sie und gab ihnen noch eine Mitgift. Und alle diese drängten sich nun fortwährend an ihn heran. Die Pflegetöchter bekamen in der Ehe natürlich wieder Töchter, und diese erhoben wiederum Ansprüche, gleichfalls als Pflegetöchter von ihm erzogen und verheiratet zu werden; überall mußte er Taufpate sein, alle diese Menschen kamen dann an seinem Namenstage, um ihm zu gratulieren, und alles das war ihm äußerst angenehm.

Als ich bei ihm meine Stellung antrat, merkte ich sofort, daß sich in dem alten Herrn eine quälende Überzeugung eingenistet hatte – und es war unmöglich, das nicht zu bemerken – die Überzeugung, daß alle sich jetzt anders zu ihm verhielten als früher, d. h. als er noch gesund gewesen war, oder richtiger: als ihn noch niemand für krank oder geistesgestört gehalten hatte. Diese Empfindung den Menschen gegenüber verließ ihn selbst in der lustigsten Gesellschaft nicht. So war er argwöhnisch geworden und glaubte in aller Augen ein gewisses Etwas zu lesen. Der Gedanke, daß alle ihn für nicht mehr ganz „normal“ hielten, quälte ihn sichtlich; selbst mich beobachtete er oft genug mit merklichem Mißtrauen. Und hätte er von einem Menschen erfahren, daß dieser jenes Gerücht von seinem Geisteszustand verbreite oder bestätige, – ich glaube, er wäre trotz all seiner Gutmütigkeit fähig gewesen, ihn bis in den Tod für seinen größten Feind zu halten (ein Umstand, der von großem Einfluß sein sollte). Diese Beobachtung war schon am ersten Tage der Grund, weshalb ich ihn nicht meinem Vorsatz gemäß kränkte; ja, es freute mich sogar, wenn es mir gelang, ihn zu erheitern oder auch nur zu zerstreuen. Ich glaube nicht, daß dieses Geständnis einen Schatten auf meine Ehre werfen kann.

Sein Vermögen hatte er zum größten Teil in Aktien angelegt. Er war, und zwar erst nach seiner Krankheit, Teilhaber einer großen Aktiengesellschaft geworden, übrigens einer sehr soliden. Das Unternehmen wurde allerdings von anderen geleitet, doch wollte auch er überall dabei sein; er interessierte sich sehr für alle Beschlüsse, besuchte die Versammlungen der Aktionäre, wurde in den Ausschuß gewählt, wohnte den Beratungen bei, hielt lange Reden, widerlegte, befürwortete, regte die Geister auf, und tat das alles offenbar mit Vergnügen. Reden zu halten, das liebte er sehr: da konnte er doch allen seinen gesunden Verstand und noch einiges mehr beweisen. Und überhaupt wurde es für ihn geradezu zum Bedürfnis, selbst in ganz belanglose Privatgespräche die tiefsinnigsten Dinge einzuflechten, mitunter auch ein Bonmot, und dieses Bedürfnis finde ich schließlich nur zu erklärlich.

In seinem Hause war unten im ersten Stock eine Art Büro eingerichtet, in dem ein Beamter die Bücher führte, als Sekretär alles Schriftliche erledigte und außerdem noch das Haus verwaltete. Dieser Beamte, der nebenbei auch noch im Staatsdienst einen Posten bekleidete, hätte für die zu leistende Arbeit vollkommen genügt; auf besonderen Wunsch des Fürsten aber wurde ich noch hinzugenommen, angeblich als Gehilfe für den „mit Arbeit überhäuften“ Beamten; doch schon am ersten Tage mußte ich in das Kabinett des Fürsten übersiedeln, und oft hatte ich nicht einmal, wie sonst meistens, eine Scheinarbeit vor mir, weder Bücher noch Papiere.

Ich schreibe jetzt wie einer, der schon längst aus dem Rausch erwacht ist, und in vieler Hinsicht fast sogar wie ein ganz objektiver Beobachter; wie aber soll ich jetzt meine Qual beschreiben, diese unruhige Qual jener Tage, die sich in meinem Herzen eingenistet hatte (gerade jetzt steht sie wieder wie lebendig vor mir, und ich empfinde sie wie damals!), – und wie meine Aufregung, die zu einem so unklaren, leidenschaftlich gespannten Zustande geworden war, daß ich nachts nicht mehr schlafen konnte vor lauter Ungeduld und Erwartung und bangen Rätseln, die ich selbst vor mir aufgetürmt hatte?

II.
Geld zu fordern – ist immer eine höchst widerwärtige Sache, und wenn es auch ein Gehalt ist, es bleibt doch unangenehm; und um so mehr ist es das, wenn man dabei noch irgendwo in den verborgensten Falten seines Gewissens verspürt, daß man es eigentlich nicht ganz verdient hat. Indessen hatte ich am Abend vorher gehört, wie meine Mutter und meine Schwester heimlich flüsterten (damit Werssiloff nichts davon erführe; denn man wollte ihn „nicht betrüben“) und wie beschlossen wurde, ein Heiligenbild, das der Mutter aus irgendeinem Grunde ganz besonders teuer war, zu versetzen. Ich sollte für meine „Arbeitsleistung“ monatlich fünfzig Rubel erhalten, hatte aber keine Ahnung, wer sie mir denn nun auszahlen würde; davon hatte mir noch niemand etwas gesagt. Vor etwa drei Tagen hatte ich unten den Beamten bei der Arbeit angetroffen und mich bei ihm erkundigt, wer hier die Gagen auszahlte. Er hatte mich aber darauf nur mit dem Lächeln eines verwunderten Menschen angesehen (er war mir nicht gerade gewogen) und gefragt:

„Bekommen Sie denn ein Gehalt?“

Ich dachte mir, er würde nach meiner Bejahung hinzufügen: „Aber wofür denn das?“ Doch er versetzte nur trocken, er wisse nichts, und beugte sich wieder über sein sauber liniiertes Hauptbuch, in das er aus verschiedenen Papieren Zahlen eintrug.

Es war ihm übrigens nicht unbekannt, daß ich immerhin etwas leistete. Vor zwei Wochen hatte ich vier Tage über einer Arbeit gesessen, die er mir noch selbst zugewiesen: es galt einen Entwurf abzuschreiben, wie er sagte, doch stellte sich heraus, daß ich fast alles von neuem verfassen mußte. Dabei handelte es sich um einen ganzen Stoß „Gedanken“ des Fürsten, die er in nächster Zeit dem Komitee der Aktionäre unterbreiten wollte. Dieses Material mußte zu einem zusammenhängenden Ganzen verarbeitet und der Stil hier und da etwas gefeilt werden. Nachher saßen wir, der Fürst und ich, noch einen ganzen Tag über diesem Manuskript, und er stritt mit mir äußerst lebhaft, wenn unsere Meinungen auseinandergingen, doch schien meine Arbeit trotzdem zu seiner vollen Zufriedenheit ausgefallen zu sein. Nur weiß ich nicht, ob er die Schrift dann auch wirklich eingereicht hat oder nicht. Von den zwei oder drei Geschäftsbriefen, die ich auf seine Bitte geschrieben habe, will ich weiter gar nicht reden.

Es war mir aber noch aus einem weniger allgemeinen Grunde peinlich, um mein Monatsgehalt zu bitten: ich hatte nämlich schon beschlossen, diese Anstellung aufzugeben, infolge der Vorahnung, daß ich mich ohnehin und wohl schon in kürzester Zeit zwingender Umstände halber würde entfernen müssen. Als ich an jenem Morgen aufstand und mich in meinem Dachstübchen ankleidete, fühlte ich, wie mein Herz zu klopfen begann, und dieselbe Aufregung empfand ich, obschon ich im Grunde auf alles pfiff, als ich das Haus des Fürsten betrat. An jenem Morgen sollte endlich jene Frau hier eintreffen, von deren Erscheinen ich die Aufklärung aller Rätsel erwartete, alles dessen, was mich quälte! Und diese Frau – das war die Tochter des Fürsten, die jung verwitwete Generalin Achmakoff (ich habe von ihr bereits gesprochen), die mit Werssiloff unversöhnlich verfeindet war. Da habe ich nun diesen Namen endlich hingeschrieben! Sie selbst hatte ich damals natürlich noch nie gesehen und konnte es mir auch gar nicht vorstellen, wie ich mit ihr sprechen und ob es überhaupt dazu kommen würde. Aber ich hatte doch die Empfindung (und vielleicht auch allen Grund dazu), daß mit ihrer Ankunft jenes Dunkel sich aufklären werde, welches Werssiloff vor meinen Augen immer noch verhüllte. Ich konnte mich nicht beherrschen und ruhig bleiben: es ärgerte mich furchtbar, daß ich mich schon vom ersten Schritt an so kleinmütig und täppisch fühlte; ich war gespannt neugierig und doch angewidert – alles zusammen. So hatte ich zu gleicher Zeit drei verschiedene Empfindungen. Oh, ich habe diesen ganzen Tag gut im Gedächtnis behalten!

Mein Fürst ahnte inzwischen noch nichts von der voraussichtlichen Rückkehr seiner Tochter und erwartete sie nicht früher als erst in einer Woche. Ich aber war am Abend vorher ganz zufällig in das Geheimnis eingeweiht worden: Tatjana Pawlowna hatte von der Generalin einen Brief erhalten und meiner Mutter in flüsternd geführtem Gespräch die Nachricht mitgeteilt. Sie flüsterten allerdings nur ganz leise, und Tatjana Pawlowna drückte sich auch noch ziemlich indirekt aus, doch ich erriet bald, um was es sich handelte. Natürlich habe ich ihr Gespräch nicht absichtlich belauscht: ich mußte einfach aufmerksamer hinhören, als ich sah, wie meine Mutter bei der Nachricht von der Rückkehr dieser Frau erschrak, und wie groß ihre Erregung war. Werssiloff war gerade nicht zu Hause.

Dem alten Fürsten wollte ich nichts davon sagen; denn – wie hätte ich es in diesem ganzen Monat nicht merken sollen, daß er sich vor ihrer Heimkehr förmlich fürchtete. Ja, er hatte sogar nur wenige Tage vorher gesprächsweise verlauten lassen – natürlich nur ganz entfernt und selbst etwas zaghaft –, daß er für mich fürchte, wenn sie zurückkehre, d. h. in dem Sinne, daß es dann um meinetwillen Szenen geben werde. Doch übrigens muß ich hier einschalten, daß er als Familienoberhaupt trotz allem seine Selbständigkeit zu wahren und seinen Willen durchzusetzen wußte, so vor allen Dingen, was die Verfügung über seine Gelder betraf. Anfangs hielt ich ihn für nichts anderes, als ein richtiges altes Weib; dann aber mußte ich meine Auffassung dahin ändern, daß er, wenn er auch ein Weib sein mochte, zum mindesten noch einen gewissen Eigensinn besaß, wenn man es nicht wirkliche Männlichkeit nennen wollte. Es gab Augenblicke, wo mit seinem scheinbar so ängstlichen und nachgiebigen Charakter nicht das geringste anzufangen war. Später hat mir Werssiloff seinen Charakter eingehender erklärt. Soeben fällt mir eine Tatsache ein, die hier erwähnt sei: Der Fürst und ich hatten bis dahin noch niemals von der Generalin gesprochen, und es war, als hätten wir das beide vermieden: ich vermied es absichtlich, er aber vermied wiederum, von Werssiloff zu sprechen. Schon damals erriet ich, daß ich entschieden keine Antwort von ihm erhalten würde, wenn ich die eine oder andere von den kitzlichen Fragen, die mich so sehr interessierten, direkt an ihn richten wollte.

Wenn nun jemand wissen will, wovon wir den ganzen Monat miteinander geredet hatten, so muß ich sagen: von allem möglichen, meistens aber waren es doch etwas eigentümliche Themata, die wir erörterten. Ganz besonders gefiel mir an ihm die Offenherzigkeit, mit der er zu mir sprach. Oft betrachtete ich ihn ganz verwundert und fragte mich: „Ja, aber – wie ist er denn Geheimrat geworden? Der paßte doch noch vorzüglich in unser Gymnasium, aber höchstens in die vierte Klasse, und gäbe dort einen famosen Schulkameraden ab!“ Auch über sein Gesicht habe ich mich oft genug gewundert: es war dem Anscheine nach das Gesicht eines vollkommen ernsten Menschen (und sogar hübsch zu nennen), schmal und hager; dichtes graues, etwas welliges Haar, ein offener Blick; auch seine Gestalt war hager und von gutem Wuchs. Aber dieses Gesicht hatte eine gewisse unangenehme, fast sogar unschickliche Eigenschaft: es konnte sich ganz plötzlich, wie mit einem Schlage aus einem ungewöhnlich ernsten in ein etwas schon gar zu vergnügtes verwandeln, so daß man ihn, wenn man diese Verwandlung zum erstenmal sah, vor Überraschung ganz verdutzt anstarrte. Ich sprach auch einmal zu Werssiloff von dieser meiner Beobachtung, und wie ich bemerkte, horchte er interessiert auf. Ich glaube, er hatte von mir nicht erwartet, daß ich solche Beobachtungen machen könnte. Als Antwort darauf bemerkte er nur leichthin, diese Erscheinung sei erst nach der Krankheit des Fürsten bei ihm aufgetreten, eigentlich erst in der allerletzten Zeit.

Vornehmlich drehten sich unsere Gespräche um zwei abstrakte Gegenstände: um Gott und sein Dasein, d. h. um seine Existenz oder Nichtexistenz, und dann – um die Frauen. Der Fürst war sehr religiös und gefühlvoll. In seinem Kabinett hing ein riesiges Heiligenbild, vor dem das ewige Lämpchen brannte. Aber bisweilen kam es vor – daß er plötzlich der Anfechtung unterlag: dann zweifelte er am Dasein Gottes und sprach wunderliche Dinge, womit er mich zum Widerspruch herausforderte. Dieses Thema war mir, im allgemeinen gesprochen, zwar ziemlich gleichgültig, aber wir gerieten doch jedesmal sehr in Hitze, und das sogar wirklich aufrichtig. Überhaupt kann ich sagen, daß ich auch heute noch mit Vergnügen an jene Gespräche zurückdenke.

Aber am liebsten plauderte er doch von Frauen. Zu seinem Leidwesen konnte ich nur, erstens schon aus Abneigung gegen solche Gespräche, auf diesem Gebiet kein unterhaltender Partner sein. Das schien ihn oft fast zu betrüben.

An jenem denkwürdigen Morgen des neunzehnten September begann er zufällig, kaum daß ich eingetreten war, wieder von den Frauen zu reden. Er war bei selten guter Laune, was mich ein wenig wunderte, da ich ihn am Abend vorher in der traurigsten Stimmung verlassen hatte. Indessen mußte unbedingt noch am Vormittag die bewußte Geldangelegenheit erledigt werden – unbedingt noch vor der Ankunft einer gewissen Person. Ich ahnte, daß man uns bestimmt unterbrechen werde (klopfte doch mein Herz nicht umsonst schon seit dem Morgen!), – und dann würde ich mich vielleicht nicht mehr entschließen können, auf das Geld zu sprechen zu kommen. Als nun der Fürst von etwas so ganz anderem begann und ich nicht mit meiner Frage herauszurücken verstand, da ärgerte ich mich natürlich über meine Dummheit, und die Folge davon war, daß ich über eine etwas zu weitgehende scherzhafte Frage seinerseits fast in Wut geriet und mit meinen Anschauungen über die Frauen ganz plötzlich und nahezu jähzornig herausplatzte. Ich ärgerte mich in der Tat. Doch mit meiner zornigen Auslassung erreichte ich nur, daß ich ihn amüsierte und er noch interessierter bei diesem Thema verharrte.

III.
„… mit einem Wort, ich liebe die Frauen nicht, weil sie roh sind, weil sie ungeschickt sind, weil sie unselbständig sind, und weil sie unanständige Kleider tragen!“ schloß ich nicht gerade logisch meine lange Tirade.

„Hab’ Erbarmen! Hab’ Erbarmen!“ fiel er mir unsäglich erheitert ins Wort, was mich noch mehr erboste.

Ich pflege nur in Kleinigkeiten nachgiebig zu sein, in wichtigen Fragen dagegen gebe ich nie nach. In Kleinigkeiten, oder wenn es sich z. B. um irgendwelche gesellschaftlichen Anforderungen handelt, kann man Gott weiß was alles mit mir machen – und diesen Zug werde ich ewig an mir verwünschen. Zuweilen bin ich einfach aus geradezu stinkender Gutmütigkeit bereit, selbst dem erstbesten Geck beizustimmen, einzig, weil mich seine Höflichkeit gefangen nimmt, oder ich lasse mich mit einem Dummkopf in einen Streit ein, was noch unverzeihlicher ist. Doch das kommt nur daher, daß ich keine Ausdauer habe und im Winkel aufgewachsen bin, und ich ärgere mich dann jedesmal weidlich über mich selbst, aber am nächsten Tage geschieht dasselbe. Und das ist auch der Grund, warum man mich bisweilen fast für einen Sechzehnjährigen gehalten hat. Doch anstatt mir nun Ausdauer und bessere Umgangsformen anzugewöhnen, ziehe ich es auch jetzt noch vor, mich noch mehr in meinen Winkel zu verkriechen, und das meinetwegen sogar auf die menschenfeindlichste Weise. „Nun gut, dann bin ich ungeschickt! Ich gehe, und – lebt wohl!“ – d. h. ihr geht mich nichts an. Das sage ich jetzt vollkommen im Ernst und ein für allemal. Übrigens schreibe ich es diesmal nicht etwa nur anläßlich dieses Zwischenfalles mit dem Fürsten, und auch nicht einmal anläßlich jenes Gesprächs. „Ich rede nicht, um Sie zu erheitern!“ schrie ich ihn beinahe an. „Ich habe nur meine Überzeugung ausgesprochen!“

„Aber inwiefern sind denn die Frauen roh und weshalb unanständig gekleidet? Das ist mir neu!“

„Doch! Sie sind roh! – gehen Sie ins Theater, gehen Sie auf die Promenade und sehen Sie einmal zu: jeder Herr weiß, wo rechts und wo links ist, sie begegnen sich und gehen aneinander vorüber, er biegt nach rechts aus, und ich biege nach rechts aus. Die Frau dagegen, das heißt, die Dame – ich rede von den Damen – die rennt schnurstracks auf einen los, ohne einen auch nur zu bemerken, ganz, als wäre man unbedingt verpflichtet, zur Seite zu treten und ihr den Weg freizugeben. Ich bin ja gern bereit, ihr, als einem schwächeren Geschöpf, den Weg freizugeben, warum aber tut sie, als wäre es ihr Vorrecht, warum ist sie so fest überzeugt, daß ich es tun muß – das ist es, was mich kränkt! Ich habe immer ausgespien, wenn ich so einer begegnet bin. Und dann schreien sie noch, sie seien erniedrigt und verlangen Gleichberechtigung! Wo ist hier Gleichberechtigung, wenn sie mich unter die Füße tritt oder mir Sand in den Mund wirbelt!“

„Sand?!“

„Ja! Denn sie sind unanständig gekleidet – das kann nur einem Lebemann nicht auffallen. Werden doch bei Gerichtsverhandlungen die Türen geschlossen, wenn es sich um Unanständigkeiten handelt, warum erlaubt man sie dann auf der Straße, wo doch noch mehr Menschen zugegen sind? Sie binden sich öffentlich Seidenrüsche unter den Rock, um belle femme[2] zu sein, – öffentlich! Ich kann es doch unmöglich nicht bemerken, ein Jüngling wird es doch ebenso bemerken, und ein Kind, ein kaum erwachender Knabe gleichfalls! Das ist einfach schändlich! Alte Lüstlinge mögen sich daran ergötzen und ihnen mit heraushängender Zunge nachlaufen, aber es gibt doch eine reine Jugend, die man schonen muß … Bleibt also nichts übrig, als auszuspeien. Da geht sie auf dem Boulevard und wirbelt mit ihrer zwei Meter langen Schleppe den Staub auf! – danke fürs Vergnügen, dann hinter ihr zu gehen! Also lauf entweder voraus oder spring zur Seite; denn sonst fegt sie einem mit ihrer Schleppe fünf Pfund Sand in Ohren, Mund und Nase. Und zudem ist es noch Seide, was sie so drei Werst weit auf den Straßensteinen nachschleift, nur weil es mal Mode ist, während ihr Mann sich als Beamter in seiner Kanzlei auf nicht mehr als fünfhundert Rubel jährlich steht. Sehen Sie, da sitzen die Sporteln! Ich habe immer ausgespien, wenn ich solch einer begegnet bin, ganz öffentlich ausgespien und geschimpft.“

Ich gebe dieses Gespräch jetzt allerdings mit Humor und zugleich mit meiner derzeitigen Charakteristik wieder, doch selbstverständlich bin ich auch heute noch ganz derselben Meinung.

„Und es ist immer noch gut abgegangen?“ fragte der Fürst neugierig.

„Ich speie einfach aus und gehe fort. Natürlich hört sie es, zuckt aber mit keiner Miene und segelt majestätisch weiter, ohne auch nur den Kopf nach mir umzuwenden. Geantwortet haben sie mir nur ein einziges Mal, zwei auf dem Boulevard, beide mit meterlangen Schwänzen. Ich beschimpfte sie, doch versteht sich: nicht mit groben Worten, aber so … ich bemerkte nur eben hörbar, daß solche Schwänze eine Unverschämtheit seien.“

„Du drücktest dich wirklich so aus?“

„Ja. Erstens treten sie alle gesellschaftlichen Formen mit Füßen und zweitens – sie wirbeln Staub auf, der Boulevard aber ist für alle da: ich gehe, ein anderer geht, ein Dritter, Vierter, Fedor, Iwan, gleichviel wer. Und das äußerte ich eben. Überhaupt … ich liebe die weibliche Gangart nicht, besonders von hinten gesehen. Das äußerte ich gleichfalls, aber nur andeutungsweise.“

„Mon ami,[3] du kannst dich noch in eine ernste Geschichte verwickeln, wenn du es so toll treibst! Denk nur, sie hätten dich doch vor den Friedensrichter schleppen können!“

„Gar nichts hätten sie können! Was hatte ich ihnen denn getan? Es geht ein Mensch neben ihnen einher und redet mit sich selbst. Jeder Mensch hat das Recht, seine Überzeugung in die Luft zu äußern. Ich sprach ja ganz abstrakt, wandte mich überhaupt nicht an sie. Sie fingen selbst an; und sie schimpften sogar viel gröber als ich: ein Grünschnabel sei ich, und ohne Essen müsse man mich lassen, ein Nihilist sei ich, und sie würden mich einem Polizeioffizier übergeben, und ich verfolgte sie nur deshalb, weil sie allein und schutzlose, schwache Frauen seien, wären sie dagegen in Begleitung eines Mannes, so würde ich mich sofort kleinlaut aus dem Staube machen. Hierauf riet ich ihnen kaltblütig, mich gefälligst nicht zu attackieren; um ihnen jedoch zu beweisen, daß ich ihre Männer nicht fürchte und selbst eine Herausforderung anzunehmen bereit sei, würde ich ihnen auf zwanzig Schritt bis zu ihrem Hause folgen und mich dort aufstellen, um ihre Männer zu erwarten. Und so tat ich’s auch.“

„Tatsächlich?“

„Es war natürlich eine Dummheit, aber ich war gereizt. Und so schleppten sie mich denn gute drei Werst in der Hitze bis in die äußerste Vorstadt, traten in ein einstöckiges hölzernes Wohnhaus – das übrigens, ich muß gestehen, ganz anständig aussah: durch die Fenster sah man drinnen viele Blumen, zwei Kanarienvögel, drei Schoßhündchen – Spitze, glaube ich – und eingerahmte Stahlstiche an den Wänden. Ich stand eine gute halbe Stunde mitten auf der Straße vor dem Hause. Dreimal lugten sie heimlich durch die Gardinen, um nach mir zu sehen, dann ließen sie alle Fenstervorhänge herab. Endlich trat aus der Hofpforte ein schon bejahrter Beamter heraus. Seinem Aussehen nach zu urteilen, hatte er geschlafen und war von ihnen erst geweckt worden. Er erschien nicht gerade im Schlafrock, aber doch in etwas sehr Häuslichem. Vor dem Pförtchen blieb er stehen, kreuzte die Hände auf dem Rücken und fing an, mich zu betrachten; ich ihn gleichfalls. Mitunter wandte er den Blick von mir ab, sah mich dann aber wieder von neuem an. Und plötzlich begann er mir zuzulächeln. Da drehte ich mich um und ging fort.“

„Mein Freund, das ist ja fast etwas à la Schiller! Ich habe mich immer gewundert, – du bist ein so rotwangiger Junge, du strotzt ja geradezu vor Gesundheit – und dabei eine solche, man muß sagen, Abneigung gegen Frauen! Wie ist es möglich, daß die Frau in deinem Alter nicht einen gewissen Eindruck auf dich macht? Mir, mon cher,[4] hat mein Erzieher, als ich erst elf Jahre alt war, schon gesagt, daß ich denn doch gar zu interessiert die nackten Statuen im Sommergarten betrachtete.“

„Sie würden es furchtbar gern sehen, daß ich zu irgendeiner hiesigen Josephine ginge und Ihnen dann Bericht erstattete! Sie täuschen sich aber in mir. Ich habe schon mit dreizehn Jahren ein nacktes Weib gesehen; seitdem sind sie mir ekelhaft.“

„Im Ernst? Aber, cher enfant,[5] ein schönes, frisches Weib duftet wie ein Apfel, was kann denn da ekelhaft sein?“

„Ich hatte in meiner ersten elenden Pension, bei Touchard, noch bevor ich ins Gymnasium kam, einen Kameraden, Lambert mit Namen. Er prügelte mich täglich; denn er war drei Jahre älter als ich, und ich bediente ihn und zog ihm die Stiefel aus. Als er konfirmiert wurde, kam der Abbé Rigaud zu ihm gefahren, um ihm zur ersten Kommunion zu gratulieren, und beide fielen unter Tränen einander um den Hals, Abbé Rigaud jedoch begann ihn krampfhaft an seine Brust zu drücken, und zwar mit verschiedenen Gesten. Ich weinte gleichfalls und beneidete ihn sehr. Als sein Vater starb, trat er aus, und zwei Jahre lang sah ich ihn hierauf nicht wieder; nach zwei Jahren aber begegnete ich ihm einmal auf der Straße. Er sagte mir, er werde zu mir kommen. Damals war ich schon Gymnasiast und lebte bei Nikolai Ssemjonowitsch. Er kam auch richtig schon am nächsten Morgen, zeigte mir fünfhundert Rubel und sagte, ich solle mitkommen. Wenn er mich vor zwei Jahren auch geprügelt hatte, so hatte er mich doch nötig, und das nicht nur zum Stiefelausziehen, sondern in erster Linie, um mir sein Herz ausschütten zu können. Von dem Gelde sagte er, er habe es an demselben Morgen aus der Schatulle seiner Mutter entwendet – er hätte sich einen passenden Schlüssel verschafft –; denn das ganze Geld seines Vaters gehöre gesetzlich ihm, und sie habe kein Recht, es ihm vorzuenthalten; gestern sei der Abbé Rigaud zu ihm gekommen, um ihn zu ermahnen; er sei eingetreten, habe sich vor ihm aufgestellt, habe angefangen zu weinen, vor Entsetzen die Hände zu ringen und zum Himmel zu erheben, – ‚ich aber zog das Messer und sagte, daß ich ihn erstechen oder erdrosseln werde,‘ erzählte er. (Übrigens schnarrte er abscheulich, erdrosseln sprach er zum Beispiel ‚erdchosseln‘ aus.) Wir fuhren nach dem Kusnetzki. Unterwegs teilte er mir mit, daß seine Mutter mit diesem Abbé Rigaud ein Verhältnis habe, er habe es bemerkt, pfeife aber darauf, und ferner, daß alles, was sie da von der Kommunion redeten, Unsinn sei. Er sagte noch vieles andere, ich aber fühlte mich sehr unbehaglich. Auf dem Kusnetzki machte er auch seine Einkäufe: er kaufte ein doppelläufiges Gewehr, eine Jagdtasche, fertige Patronen, eine Reitpeitsche und nachher noch ein Pfund Konfekt. Dann fuhren wir weiter, um außerhalb der Stadt zu schießen. Unterwegs begegneten wir einem Vogelhändler mit vielen Vogelbauern und Vögeln. Von dem kaufte Lambert einen Kanarienvogel. Im nächsten Wäldchen gab er den Vogel frei, da ja Vögel nach langer Haft im Bauer bekanntlich nicht weit fliegen können, und dann schoß er nach ihm, traf ihn aber nicht. Er schoß zum erstenmal in seinem Leben, ein Gewehr aber hatte er sich schon längst kaufen wollen, auch als er noch bei Touchard war, und wir hatten uns oft ausgemalt, wie wir es kaufen würden. Er schien vor Erregung ganz außer sich zu sein. Sein Haar war pechschwarz, sein Gesicht weiß und rosig, wie eine Maske, die Nase lang und gebogen, wie sie die Franzosen gewöhnlich haben; dazu weiße Zähne, schwarze Augen. Schließlich band er den Kanarienvogel mit einem Faden an einen Ast und schoß dann auf drei Zentimeter Entfernung aus beiden Läufen zugleich, und der Vogel zerstob in hundert Federchen. Darauf kehrten wir in die Stadt zurück, fuhren in ein Hotel, mieteten ein Zimmer und begannen zu essen und Champagner zu trinken. Eine Dame trat ein … Ich entsinne mich noch, daß ich sehr erstaunt war über ihr elegantes, kostbares Kleid, – sie trug eine grünseidene Toilette. Da sah ich denn alles das … wovon ich Ihnen erzählte … Darauf, als wir uns wieder an den Champagner machten, fing er an sich über sie lustig zu machen und sie zu beschimpfen. Sie saß ganz nackt da; er hatte ihr alle Kleidungsstücke fortgenommen, und als sie gleichfalls zu schimpfen begann und ihre Sachen zurückverlangte, da fing er an sie mit seiner Reitpeitsche aus allen Kräften zu peitschen, und ich weiß noch, er traf gerade ihre nackten Schultern. Ich sprang auf und packte ihn an den Haaren, und mit einem einzigen Ruck warf ich ihn zu Boden. Er aber hatte schon eine Gabel erfaßt, und die stieß er mir in den Schenkel. Da stürzten auf das Geschrei hin Leute ins Zimmer, und es gelang mir, fortzulaufen. Seitdem ist es mir ekelhaft, an Nacktheit zu denken. Und doch war sie eine Schönheit, ich versichere Ihnen …“

Das Gesicht des Fürsten hatte sich während meiner Erzählung aus einem lächelnden nach und nach in ein sehr trauriges verwandelt.

„Mon pauvre enfant![6] Ich bin immer überzeugt gewesen, daß es in deiner Kindheit sehr viele unglückliche Tage gegeben hat.“

„Oh, bitte, beunruhigen Sie sich deshalb nicht.“

„Aber du bist allein gewesen, du hast es mir selbst gesagt … und dieser Lambert – du hast es so lebendig zu schildern gewußt: dieser Kanarienvogel, diese Konfirmation mit Tränen, an der Brust liegen … und dann, es vergeht kaum ein Jahr, und er spricht von seiner Mutter mit dem Abbé … Oh, mon cher, diese Kinderfrage ist in unserer Zeit geradezu grauenvoll geworden! Solange sie noch in den ersten Jahren mit ihren blonden Lockenköpfchen vor einem einhertrippeln und uns mit ihrem hellen Lachen und ihren hellen Augen so unschuldig ansehen – sind sie wie Gottes Engelchen, wie reizende Vöglein, dann aber … dann wäre es oft besser, sie würden überhaupt nicht heranwachsen.“

„Wie sentimental Sie geworden sind, Fürst! Man könnte fast glauben, daß Sie selbst noch kleine Kinder haben. Sie haben aber doch keine Kinder und werden sie auch nie mehr haben.“

„Tiens!“[7] Im Nu veränderte sich sein ganzes Gesicht. „Da sagte mir gerade Alexandra Petrowna – vor drei Tagen, hehehe! – Alexandra Petrowna Ssinitzkaja – du mußt sie vor einiger Zeit noch hier gesehen haben –, denk dir, ja, vor drei Tagen plötzlich sagt sie mir, auf meine scherzhafte Bemerkung, daß ich, falls ich jetzt heiraten sollte, wenigstens insofern ruhig sein könnte, als ich keinen Kindersegen mehr zu fürchten hätte, – und darauf plötzlich sagt sie mir, und noch dazu mit einer solchen Schadenfreude: ‚Im Gegenteil, gerade Sie werden Kinder haben: gerade solche, wie Sie, haben sie unfehlbar! Sogar schon vom ersten Jahre an, das werden Sie sehen!‘ Hehehe … Und alle glaubten sie plötzlich, ich würde mich unfehlbar noch verheiraten. Aber wenn es auch boshaft gesagt war, so war es doch, das mußt du zugeben, immerhin ganz witzig.“

„Witzig, ja, und – beleidigend.“

„Nun, cher enfant, nicht ein jeder kann uns beleidigen. Was ich am meisten an den Leuten schätze, ist der Esprit. Leider scheint mir aber, daß er heutzutage allen immer mehr abhanden kommt. Was aber da so eine Alexandra Petrowna sagt – zählt denn das überhaupt?“

„Wie, wie sagten Sie?“ – griff ich schnell den Gedanken auf, „‚nicht ein jeder kann uns‘ … das ist richtig! Nicht ein jeder ist es wert, von uns soweit beachtet zu werden – ein vorzüglicher Grundsatz! Und gerade ich kann ihn brauchen! Den werde ich mir merken. Sie, Fürst, Sie sagen mitunter ganz vorzügliche Sachen!“

Sein ganzes Gesicht erhellte sich sofort, und er schmunzelte sogar.

„N’est-ce pas? Cher enfant,[8] der echte Esprit verschwindet je weiter desto mehr. Eh, mais … C’est moi qui connaît les femmes![9] Glaub’ mir, das Leben eines jeden Weibes, was sie da auch reden mag, ist – ein ewiges Suchen, wem sie sich unterordnen könnte, ist gewissermaßen eine Sehnsucht nach Unterwerfung. Und das – merk’ es dir – gilt von allen, ohne jede Ausnahme.“

„Da haben Sie recht, das ist vorzüglich gesagt, ausgezeichnet!“ ganz entzückt rief ich es aus. Zu jeder anderen Zeit hätten wir uns sogleich philosophischen Betrachtungen über dieses Thema hingegeben und hätten wohl eine Stunde darüber geredet; plötzlich aber war es mir, als steche mich etwas, und ich errötete bis über die Ohren: mir kam der Gedanke, daß ich, indem ich sein Bonmot lobte, mich vielleicht des Geldes wegen gut mit ihm stellen wollte, oder wenigstens, daß er das unbedingt denken werde, wenn ich ihn nun um das Geld bäte. Ich erwähne dies hier nicht ohne Absicht.

„Fürst, ich bitte Sie sehr, mir sogleich die fünfzig Rubel, die Sie mir für diesen Monat schulden, auszahlen zu wollen,“ platzte ich plötzlich wie eine Bombe los, und in einem so gereizten Tone, daß es fast an Grobheit grenzte.

Ich weiß noch (da ich mich dieses Vormittags noch bis in die kleinsten Einzelheiten entsinne), daß sich damals eine in ihrer krassen Realität geradezu widerwärtige Szene abspielte. Zuerst verstand er mich überhaupt nicht, er sah mich an und begriff nicht, von was für einem Gelde ich sprach. Natürlich hatte er es sich nicht träumen lassen, daß ich auf ein monatliches Gehalt Ansprüche erheben könnte – wofür auch? Freilich begann er mir dann, als er endlich erraten hatte, um was es sich handelte, sogleich zu versichern, daß er es unverzeihlicherweise ganz vergessen habe und zog sogleich sein Portefeuille hervor. Er beeilte sich so, daß er in der Verwirrung gar nicht die richtige Tasche finden konnte, und er wurde sogar rot im Gesicht. Da erhob ich mich und sagte schroff, ich könne das Geld nicht annehmen, man habe mir offenbar irrtümlicherweise von dem Gehalt gesprochen, oder vielleicht auch, damit ich mich nicht weigere, auf den Vorschlag einzugehen; doch begriffe ich jetzt sehr wohl, daß durchaus kein Grund vorliege, mich zu honorieren, da jedes Honorar Dienst voraussetzte, hier aber von einem solchen nicht die Rede sein könne. Der Fürst erschrak und begann zu versichern, daß ich ihm unendlich viel Dienste erwiesen hätte und ihm fernerhin noch viel größere erweisen könne, fünfzig Rubel dagegen eine so nichtssagende Summe seien, daß er mir noch einen Zuschuß geben werde, ja, das sei sogar seine Pflicht und Schuldigkeit, zumal er es mit Tatjana Pawlowna so abgemacht habe, doch habe er unverzeihlicherweise nicht daran gedacht, daß jetzt ein Monat um sei. Mir stieg das Blut ins Gesicht, und ich erklärte ihm unumwunden, meine Ehre verbiete mir, für unanständige Unterhaltung ein Gehalt zu beziehen; ich sei nicht engagiert, um ihn zu zerstreuen, sondern um zu arbeiten, wenn es aber hier keine Arbeit gäbe, so müsse ich gehen, usw. usw.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ein Mensch so erschrecken kann, wie er nach diesen meinen Worten erschrak. Es endete aber damit, daß ich aufhörte, ihm zu widersprechen, und mir doch die fünfzig Rubel aufdrängen ließ. Noch jetzt erröte ich vor Scham, wenn ich daran denke, daß ich das Geld tatsächlich annahm! Es pflegt ja so ziemlich alles in der Welt mit einer Gemeinheit zu enden, doch das Gemeinste an dieser Sache war, daß es ihm beinahe wirklich gelang, mir zu beweisen, daß ich das Honorar unanfechtbar verdient hätte. Und ich war dumm genug, es ihm zu glauben! – jedenfalls aber war es mir ganz unmöglich, bei der Weigerung zu bleiben und das Geld nicht anzunehmen.

„Cher, cher enfant!“ rief er darauf nahezu gerührt aus und umarmte und küßte mich (ich muß gestehen, daß ich selbst, weiß der Teufel weshalb, fast dem Weinen nahe war, obschon ich mich im Augenblick wieder zusammennahm. Soeben fühle ich, daß mir auch jetzt, während ich dies schreibe, das Blut wieder ins Gesicht gestiegen ist) – „mein lieber Freund, du stehst mir jetzt so nah, so nah wie ein Verwandter, du bist mir in diesem Monat zu einem Stück von meinem eigenen Herzen geworden! In der ‚Gesellschaft‘ ist nur ‚Gesellschaft‘ und nichts weiter. Meine Tochter Katerina Nikolajewna ist eine entzückende Frau, und ich bin stolz auf sie, aber sie hat mich oft, mein Lieber, sehr, sehr oft gekränkt … Nun, diese Mädelchen aber – elles sont charmantes[10] – und deren Mütter, die mich an meinem Namenstage besuchen –, die bringen mir doch immer nur ihre Kanevasquadrate her, selbst aber verstehen sie nichts zu sagen. Ich habe schon für mindestens sechzig Sofakissen solche Kanevasstickereien von ihnen erhalten, lauter Hunde und Hirsche. Ich liebe sie ja auch sehr, aber zu dir fühle ich mich wie zu einem Verwandten hingezogen, – nicht wie zu einem Sohne, sondern eher wie zu einem Bruder, und am meisten liebe ich an dir deine Entgegnungen: du bist literarisch gebildet, du hast viel gelesen, du bist begeisterungsfähig …“

„Ich habe nichts gelesen und bin keineswegs literarisch gebildet. Früher habe ich gelesen, was mir in die Hände kam, in den letzten zwei Jahren aber habe ich nichts gelesen und werde es auch überhaupt nicht mehr tun.“

„Warum nicht?“

„Ich habe andere Ziele.“

„Cher … es wäre schade, wenn du dir am Ende des Lebens sagen müßtest wie ich: je sais tout, mais je ne sais rien de bon.[11] Ich weiß entschieden nicht, wozu ich in der Welt gelebt habe! Aber … ich bin dir so dankbar … und ich wollte sogar …“

Er brach seltsam ab, wurde ganz schlaff und matt und versank in Nachdenken. Nach jeder Erschütterung (und solche Erschütterungen konnten jeden Augenblick durch den geringfügigsten Anlaß hervorgerufen werden) machte er gewöhnlich den Eindruck, als sei er eine Zeitlang nicht recht bei voller Vernunft und unfähig, sich zusammenzunehmen, körperlich ebensowenig wie geistig. Übrigens dauerte dieser Zustand nie lange an, so daß er schließlich nichts schadete.

Wir saßen so reichlich über eine Minute stillschweigend einander gegenüber. Seine Unterlippe, die sehr voll war, hing schlaff herab … Am meisten wunderte es mich, daß er so plötzlich auf seine Tochter zu sprechen gekommen war, und noch dazu mit einer solchen Offenheit. Ich schrieb das natürlich seiner augenblicklichen Verwirrung zu.

„Cher enfant, du nimmst es mir doch nicht übel, daß ich du zu dir sage, nicht wahr?“ fuhr er plötzlich aus seiner Versunkenheit auf.

„Nicht im geringsten. Ja anfangs, das erstemal, da fühlte ich mich, offengestanden, allerdings etwas verletzt und wollte Sie gleichfalls duzen, sah aber noch rechtzeitig die Dummheit ein; denn Sie duzen mich doch nicht, um mich zu erniedrigen?“

Er hörte nicht mehr darauf, was ich sagte, und schien auch seine Frage schon vergessen zu haben.

„Nun, und was macht dein Vater?“ fragte er plötzlich, indem er gedankenverloren zu mir aufsah.

Ich fuhr am ganzen Körper zusammen. Er hatte Werssiloff als meinen Vater bezeichnet, was er sich bis dahin noch nie mir gegenüber erlaubt hatte, und dann: daß er überhaupt im Gespräch mit mir auf Werssiloff zu sprechen kam!

„Sitzt ohne Geld und ist schlecht gelaunt,“ antwortete ich kurz, doch innerlich verging ich vor Neugier.

„Hm, ja, was das Geld betrifft! Heute entscheidet sich doch ihr Rechtsstreit vor dem Bezirksgericht – ich erwarte den Fürsten Sserjosha.[5] Wer weiß, welch eine Nachricht er bringen wird. Er wollte sogleich zu mir kommen. Davon hängt für sie alles ab. Hier handelt es sich um sechzig- oder achtzigtausend Rubel. Natürlich habe ich Andrei Petrowitsch (d. h. Werssiloff) von jeher das Beste gewünscht, und ich glaube, das Vermögen wird auch ihm zugesprochen werden, und die Fürsten gehen dann leer aus. Gesetz ist Gesetz!“

„Heute vor dem Bezirksgericht?“ rief ich, aufs höchste überrascht.

Der Gedanke, daß Werssiloff mir auch das nicht mitgeteilt, nicht für mitteilenswert gehalten hatte, frappierte mich außerordentlich. „Dann hat er es wohl auch der Mutter nicht gesagt, vielleicht überhaupt keinem Menschen,“ dachte ich mir sogleich, – „da sieht man den Charakter!“

„Aber ist denn Fürst Ssergei Ssokolski in Petersburg?“ fragte ich, plötzlich selbst ganz betroffen bei dieser Vorstellung.

„Seit gestern. Direkt aus Berlin eingetroffen, einzig wegen dieser Gerichtsverhandlung.“

Das war gleichfalls eine für mich sehr bedeutsame Mitteilung. Und dieser Mensch, der ihn geohrfeigt hatte, sollte heute herkommen!

„Na, und was macht er sonst,“ fuhr der alte Fürst, dessen Gesicht sich plötzlich wieder veränderte, lächelnd fort, „verkündet Gott wie früher und … na ja, stellt wieder den Mädelchen nach, den noch nicht flügge gewordenen? Hehe … Da fällt mir soeben ein amüsantes Histörchen ein, hehe …“

„Wer verkündet … was? wann?“

„Andrei Petrowitsch natürlich. Was glaubst du wohl, er rückte uns doch damals so auf den Leib, daß wir gar keine Seelenruhe mehr vor ihm hatten. Was eßt ihr, an was denkt ihr, – das heißt, es fehlte faktisch nicht mehr viel, so wäre es schließlich noch so weit gekommen. Er wollte uns bange machen, bekehren. ‚Wenn du religiös bist, warum wirst du dann nicht Mönch?‘ Nein wirklich, fast war es das, was er von uns verlangte. Mais quelle idée![12] Wenn es im Grunde vielleicht auch richtig sein mag, so, fragt es sich – ist es nicht doch zu viel verlangt? Namentlich mich liebte er mit dem Jüngsten Gericht zu schrecken, mich ganz besonders.“

„Davon habe ich nichts bemerkt, und ich lebe doch schon über einen Monat mit ihm zusammen,“ versetzte ich, mit größtem Interesse aufhorchend. Es ärgerte mich weidlich, daß er sich noch nicht erholt hatte und so zusammenhanglos vor sich hinredete.

„Er spricht jetzt bloß nicht davon, aber glaube mir, es ist so, wie ich dir sage. Er ist ein geistreicher Mensch, zweifellos auch von umfassender Bildung und tiefem Wissen, nur fragt es sich, ob sein Wissen auch wirklich gerade das richtige Wissen ist. Das war damals alles nach seinem dreijährigen Aufenthalt im Auslande. Ich gestehe, er hat mich tief erschüttert … und überhaupt uns alle … Cher enfant, j’aime le bon Dieu[13] … Ich glaube an ihn, ich glaube soviel ich kann, aber – damals geriet ich doch entschieden außer mir. Nun ja, schön, nehmen wir an, daß es von mir leichtfertig war, mich hinter diesem Verteidigungsmittel zu verschanzen, aber ich wählte mit Absicht gerade dieses; denn ich war gereizt, ich ärgerte mich, – und übrigens war der Kern meiner Entgegnung, das Wesentliche, genau so ernst, wie seit dem Anfang der Welt: ‚Wenn das höchste Wesen‘ – das war meine Entgegnung –, ‚wenn das höchste Wesen persönlich existiert, und nicht da in Gestalt irgendeines Geistes in der Schöpfung ausgegossen ist, etwa wie eine Flüssigkeit oder so ungefähr (denn das ist ja noch schwerer zu begreifen), so frage ich: wo lebt es dann eigentlich? Mein Freund, c’était bête,[14] natürlich, aber im Grunde laufen doch alle Entgegnungen nur auf diese eine Frage hinaus. Un domicile[15] – das ist ein wichtiger Punkt.‘ Er ärgerte sich furchtbar. Er trat dort zum Katholizismus über.“

„Davon habe ich gleichfalls gehört. Selbstverständlich ist das nur dummes Geschwätz.“

„Ich versichere dir bei allem, was heilig ist, es war so. Betrachte ihn nur aufmerksamer … Übrigens – du sagst, er habe sich verändert. Nun, aber damals – wie hat er uns da alle gehetzt und gequält! Wirst du’s mir glauben, er hielt sich doch, als ob er ein Heiliger wäre und sein Leib nach dem Tode nicht verwesen würde. Seine Gebeine also Reliquien! Er verlangte von uns Rechenschaft über unser Leben, ich schwöre es dir! Reliquien! En voilà une autre![16] Nun gut, ich will ja nichts sagen, wenn es irgend so ein Mönch oder Einsiedler ist, – ein Mensch aber, der hier unter uns im Frack einhergeht …, und auch alles übrige wie es sich gehört … und plötzlich – heilige Gebeine! … Ein seltsamer Wunsch für einen Gentleman, und, offengestanden, auch ein recht sonderbarer Geschmack. Das heißt, ich will ja nichts dagegen sagen; das gehört natürlich alles zur Geschichte der Heiligkeiten, und was kann denn schließlich nicht vorkommen … Und überdies ist das alles de l’inconnu,[17] aber für einen Menschen, der in der Gesellschaft lebt, ist so etwas doch einfach unschicklich, sogar direkt unstatthaft, meiner Meinung nach. Wenn das zum Beispiel mit mir geschehen sollte, oder sagen wir, wenn man es mir anböte, so würde ich es, mein Wort darauf, doch lieber ablehnen. Wie, heute speise ich im Klub, und dann plötzlich – erscheine ich verklärt! … Aber ich würde mich doch einfach lächerlich machen! Das habe ich ihm damals auch alles auseinandergesetzt … Er trug damals nach Art der Büßer Ketten auf dem Leibe.“

Mir stieg vor Zorn das Blut ins Gesicht.

„Haben Sie die selbst gesehen?“

„Selbst habe ich sie nicht gesehen, aber man hat mir …“

„Dann erkläre ich Ihnen, daß das nichts als Lüge ist, die gemeine Verleumdung seiner Feinde, oder richtiger, seines größten und unmenschlichsten Feindes; denn im Grunde hat er ja überhaupt nur einen einzigen Feind, und dieser ist – Ihre Tochter!“

Jetzt war er es, dem Zornesröte ins Gesicht stieg.

„Mon cher, ich bitte dich und wünsche, daß der Name meiner Tochter hinfort nie mehr vor meinen Ohren mit dieser schändlichen Geschichte in Verbindung gebracht werde.“

Ich erhob mich. Er war empört; sein Kinn zitterte.

„Cette histoire infâme![18] … Ich habe nicht an sie geglaubt, niemals würde ich an sie glauben, aber … wenn man mir von allen Seiten sagt: glaube daran, glaube, so …“

Da trat der Diener ins Zimmer und meldete unerwarteten Besuch. Ich setzte mich wieder auf meinen Platz.

IV.
Ins Zimmer traten zwei junge Damen: die eine war die Stieftochter eines Vetters der verstorbenen Frau des Fürsten, oder etwas ähnliches, die von ihm erzogen worden war, und der er bereits eine Mitgift ausgesetzt hatte, obschon sie (dies sei wegen des Folgenden bemerkt) auch selbst nicht arm war.

Die andere war – Anna Andrejewna, Werssiloffs legitime Tochter, die drei Jahre älter war als ich. Sie lebte mit ihrem Bruder bei den Fanariotoffs, und ich hatte sie bis dahin nur ein einzigesmal ganz flüchtig auf der Straße gesehen. Mit ihrem Bruder dagegen war ich in Moskau bereits einmal zusammengekommen, allerdings auch nur flüchtig. (Vielleicht werde ich noch bei Gelegenheit auf diese Begegnung in Moskau zu sprechen kommen, obwohl sie es eigentlich nicht wert ist.) Diese Anna Andrejewna war schon von Kindheit an der ganz besondere Liebling des alten Fürsten gewesen (seine Freundschaft mit Werssiloff datierte ja schon seit undenklichen Zeiten). Ich war durch die zuletzt zwischen uns gefallenen Worte so verwirrt, daß ich, als sie eintraten, nicht einmal aufstand, während der Fürst sich sogleich erhob und ihnen entgegenging. Dann aber war es zu spät, – ich schämte mich, noch „nachträglich“ aufzustehen, und so blieb ich sitzen. Ich war hauptsächlich deshalb so verwirrt, weil der Fürst mich vor ein paar Augenblicken so angefahren hatte, daß ich nicht wußte, ob ich fortgehen oder bleiben sollte. Doch der Alte hatte seiner Gewohnheit gemäß schon wieder alles vergessen und schien durch den Anblick der jungen Damen förmlich neu belebt zu sein: sein ganzes Mienenspiel veränderte sich im Nu, und er raunte mir noch, während jene bereits eintraten, mit einem vielsagenden Augenzwinkern unbemerkt zu:

„Betrachte die Olympia, aber aufmerksam, aufmerksam, werde dir später erzählen …“

Ich betrachtete sie denn auch wirklich ziemlich aufmerksam, konnte aber nichts Besonderes an ihr entdecken: ein nicht sehr großes Mädchen, rundlich und mit auffallend roten Wangen. Das Gesicht war eigentlich ganz sympathisch, eines von jenen, die den Materialisten gefallen. Vielleicht lag in ihm auch ein Ausdruck von Güte, jedoch – mit Vorbehalt. Durch besondere Intelligenz konnte sie sich entschieden nicht auszeichnen – ich meine Intelligenz im höheren Sinne –; denn Schlauheit verrieten ihre Augen sogar in hohem Maße. Alter – höchstens neunzehn. Mit einem Wort, nichts Besonderes. Bei uns im Gymnasium hätte man gesagt: ein Kissen. (Wenn ich jetzt alles so ausführlich beschreibe, so geschieht das einzig im Hinblick auf das Folgende.)

Übrigens dient auch alles andere, was ich bisher scheinbar mit ganz überflüssiger Ausführlichkeit wiedergegeben habe, nur zur Erläuterung des Weiteren. Somit ist denn nichts überflüssig; ich habe es nicht verstanden, Einzelheiten zu übergehen, doch wen sie langweilen, der braucht sie ja nicht zu lesen.

Eine ganz andere Erscheinung war dagegen Werssiloffs Tochter. Groß, schlank, mit einem länglichen, auffallend bleichen Gesicht; dazu dunkles, fast schwarzes wundervolles Haar; und ebenso dunkle Augen, dunkel und groß, mit einem tiefen Blick; schmale, blaßrosa Lippen, ein frischer Mund. Das erste Weib, das mich durch seinen Gang nicht angeekelt hat, – freilich war sie, wie gesagt, sehr schlank, fast sogar mager. Ihr Gesichtsausdruck sprach nicht gerade von Güte, aber es lag in ihm Vornehmheit und Würde. Zweiundzwanzig Jahre alt. Doch sonderbar: fast kein einziger Zug im Gesicht, der eine Ähnlichkeit mit Werssiloff gehabt hätte, indessen aber, wie durch ein Wunder, lag eine ungeheure Ähnlichkeit mit ihm im ganzen Gesichtsausdruck. Ich weiß nicht, ob ich sie schön nennen soll. Es kommt auf den Geschmack an. Gekleidet waren sie beide so schlicht, daß es sich nicht lohnt, die Kleider näher zu beschreiben. Ich war darauf gefaßt, daß die Werssilowa mich sogleich beleidigen werde, sei es mit einem Blick, einem Achselzucken oder gleichviel wie, und ich bereitete mich schon darauf vor. Hatte doch ihr Bruder in Moskau auch schon bei unserer ersten Begegnung die Gelegenheit wahrgenommen, mich zu beleidigen! Sie konnte zwar nicht wissen, daß ich es war, sie hatte mich noch niemals gesehen, aber natürlich hatte sie schon gehört, daß ich zum Fürsten kam. Es erregte eben alles, was der Fürst tat oder unterließ, in der ganzen Schar seiner Verwandten, die ja alle auf ihn „hofften“, von vornherein das größte Interesse, weshalb denn auch die geringfügigsten Dinge zu wahren Ereignissen aufgebauscht wurden, – um wievielmehr mußte das nun noch mit seiner plötzlichen Neigung zu mir der Fall sein. Ich wußte bereits, daß der Fürst sich für das Schicksal Anna Andrejewnas ausnehmend interessierte und ihr einen Gatten verschaffen wollte. Nur war es unvergleichlich schwerer, für die Werssilowa einen Liebhaber zu finden als für jene, die auf Kanevas stickten.

Doch siehe da, es kam ganz anders und wider alle Erwartung: Nachdem die Werssilowa dem Fürsten die Hand gereicht und ein paar scherzhafte, wenn auch konventionelle Worte mit ihm gewechselt hatte, sah sie plötzlich gespannt nach mir hin. Ich sah sie gleichfalls an, und plötzlich nickte sie mir mit einem Lächeln zu. Das hätte freilich nicht viel zu bedeuten gehabt, sie grüßte eben, wie man es immer tut, wenn man in ein Zimmer tritt, in dem ein fremder Gast des Hausherrn anwesend ist. Aber ihr Lächeln – nein, dieses Lächeln war so gütig, daß es augenscheinlich nur vorbedacht sein konnte. Und ich erinnere mich noch, ich hatte dabei eine ungewöhnlich angenehme Empfindung.

„Und das … dies ist – mein junger und lieber Freund Arkadi Andrejewitsch Dol…“ begann der Fürst, der ihren Gruß bemerkt hatte, während ich immer noch saß, – und plötzlich stockte er mitten im Satz: vielleicht besann er sich darauf, wen er da vorstellte – im Grunde doch den Bruder der Schwester. Das „Kissen“ grüßte daraufhin gleichfalls, ich aber ärgerte mich plötzlich höchst dummerweise und sprang auf, – es war eine Anwandlung falschen, sinnlosen Stolzes, natürlich nur aus Eigenliebe.

„Entschuldigen Sie, Fürst, ich heiße nicht Arkadi Andrejewitsch, sondern Arkadi Makarowitsch,“ versetzte ich schroff, ohne daran zu denken, daß ich den jungen Damen zuvor eine Verbeugung schuldig war. Hol’ der Teufel diesen peinlichen Zwischenfall!

„Mais … Tiens!“[19] Der Fürst besann sich sogleich und tippte sich mit dem Finger vor die Stirn.

„Wo haben Sie die Schule besucht?“ ertönte da in meiner Nähe eine kindlich dumme Frage in kindlich langsamer Sprechweise: das „Kissen“ war näher zu mir getreten.

„In Moskau, im Gymnasium.“

„Ah! Ich habe davon gehört. Wie, wird dort gut unterrichtet?“

„Sehr gut.“

Ich stand immer noch und antwortete wie ein Soldat, der rapportieren muß.

Die Fragen dieses Fräuleins waren wohl nichts weniger als geistreich, aber immerhin hatte sie die Geistesgegenwart, meinen dummen Ausfall durch irgendeine Frage vergessen zu machen und dem Fürsten aus seiner Verlegenheit zu helfen. Übrigens hörte dieser schon mit einem heiteren Lächeln dem geheimnisvollen und munteren Geflüster der Werssilowa zu, das augenscheinlich nicht mich zum Gegenstande hatte. Ich frage mich: Weshalb nahm es dieses Mädchen, das mir doch völlig fremd war, ungebeten auf sich, meinen dummen Ausfall gutzumachen? Und überdies war es ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß sie sich nur so, nur zufällig an mich wandte: die Absicht war zu deutlich. Sie sah mich gar zu interessiert an, ganz als hätte sie gewünscht, von mir ebenso betrachtet zu werden, so interessiert wie nur möglich. Das habe ich mir natürlich erst nachher gesagt und mich auch nicht getäuscht.

„Wie, schon heute?“ rief plötzlich der Fürst ganz erschrocken aus.

„Haben Sie es denn nicht gewußt?“ fragte die Werssilowa verwundert. „Olympia! Der Fürst hat es gar nicht gewußt, daß Katerina Nikolajewna heute ankommt! Aber wir sind doch deshalb hergekommen, weil wir dachten, sie sei schon mit dem Frühzuge eingetroffen und schon längst zu Haus. Statt dessen trafen wir sie gerade erst bei der Vorfahrt, als wir ausstiegen: sie kam direkt von der Bahn und sagte uns, wir sollten nur zu Ihnen gehen, sie werde sogleich nachkommen … Aber da ist sie ja schon!“

Eine Tür tat sich auf und – jene Frau erschien!

Ich kannte bereits ihr Gesicht. Im Kabinett des Fürsten hing ein wundervolles Porträt von ihr, und den ganzen Monat hatte ich es Zug für Zug studiert. Während ihrer Anwesenheit verbrachte ich höchstens drei Minuten im Kabinett und wandte die ganze Zeit keinen Blick von ihrem Gesicht. Doch wenn ich das Porträt nicht gekannt und jemand mich nach jenen drei Minuten gefragt hätte: wie sieht sie aus? – ich hätte ihm nichts antworten können; denn ich wußte es nicht, es war da alles in mir zu einem Chaos geworden.

Ich entsinne mich, wenn ich an diese drei Minuten zurückdenke, nur noch einer tatsächlich wunderschönen Frau, die der Fürst mehrmals küßte und bekreuzte, und die sich dann plötzlich – ganz offen und unverhohlen, kaum daß sie eingetreten war – mir zuwandte und mich anstarrte. Ich hörte noch ganz deutlich, wie der Fürst, der offenbar auf mich gewiesen hatte, etwas von seinem neuen Sekretär mit einem unsicheren, halben Lachen äußerte, und zum Schluß meinen Familiennamen nannte. Sie warf eigentümlich den Kopf in den Nacken, blickte mich häßlich an und lächelte dann so beleidigend, daß ich plötzlich vortrat, zum Fürsten schritt und zitternd, wohl nur halb verständlich, die Worte durch die Zähne hervorstieß:

„Jetzt … ich habe anderes zu tun … für mich. Ich gehe.“

Und ich kehrte ihnen den Rücken und ging. Niemand sagte mir ein Wort, nicht einmal der Fürst. Aller Augen sahen mich nur unverwandt an. Später sagte mir der Fürst, ich wäre so erbleicht, daß ihm „einfach angst und bange“ geworden sei.

Das war nun freilich ganz überflüssig!

Drittes Kapitel.
I.
Er hatte wirklich nichts zu befürchten: meiner höheren Erwägung erschien das Augenblickliche klein und nebensächlich, und ein mächtiges Gefühl entschädigte mich für alles andere. Ich empfand nichts als Genugtuung, ich war entzückt, war förmlich begeistert, als ich sie verließ; und als ich auf die Straße hinaustrat, hätte ich am liebsten gesungen. Es war aber auch gerade ein herrlicher Morgen, so richtig zu meiner Stimmung passend: Sonne, viele Menschen, Lärm, Bewegung, Frohsinn, Gedränge. – Wie, hatte mich denn diese Frau wirklich nicht beleidigt? Von wem hätte ich mir sonst einen solchen Blick und ein so gemeines Lächeln gefallen lassen, ohne sofort zu protestieren? – und wenn mein Protest auch noch so albern ausgefallen wäre – gleichviel! Und nicht zu vergessen: sie war ja doch gerade mit der Absicht heimgekehrt, mich sobald als möglich zu beleidigen, obgleich sie mich noch nie gesehen hatte! In ihren Augen war ich der „heimliche Abgesandte Werssiloffs“, und damals, wie auch noch lange nachher, war sie fest überzeugt, daß Werssiloff ihr ganzes Schicksal in Händen hielt, d. h. daß er die Möglichkeit hätte, sie, sobald er nur wollte, ins Elend zu stürzen. Kurz, sie glaubte ihn im Besitze eines gewissen Dokuments oder vermutete wenigstens stark, daß er es besaß. So war denn ihr Kampf gegen Werssiloff ein Kampf auf Leben und Tod. Und siehe da – ich war nicht beleidigt! Ihr Benehmen war eine Beleidigung gewesen, ich aber hatte die Beleidigung nicht empfunden. Ja, und nicht nur das! Ich war sogar unbändig froh, als wäre mir eine große Freude widerfahren! Ich war gekommen, um sie zu hassen, und nun fühlte ich, wie ich sie schon zu lieben begann.

„Ich weiß nicht, ob eine Spinne die Fliege hassen kann, auf die sie es abgesehen und die sie schon so gut wie umsponnen hat? Süße, kleine Fliege! Ich glaube, man liebt sein Opfer; wenigstens kann man es lieben. Da liebe ich doch jetzt meinen Feind: Zum Beispiel gefällt es mir furchtbar, daß sie so schön ist. Es gefällt mir ungeheuer, meine Gnädigste, daß Sie so hochmütig und stolz sind: wären Sie bescheidener, würde ich nicht dieses Vergnügen auskosten, oder wenigstens kein so großes. Sie haben mich gewissermaßen angespien mit Ihrem Blick, ich aber triumphiere. Und wenn Sie mir tatsächlich ins Gesicht gespien hätten, so würde ich mich vielleicht wirklich nicht einmal darüber geärgert haben; denn Sie sind – mein Opfer, mein Opfer und nicht seins. Wie bezaubernd dieser Gedanke ist! Rein, das Bewußtsein der eigenen geheimen Macht ist unvergleichlich angenehmer als offenkundige Überlegenheit und Herrschaft. Wenn ich ein hundertfacher Millionär wäre, ich glaube, da würde es mir die größte Wonne bereiten, in ganz schäbigen Kleidern zu gehen, damit man mich für einen ganz armen Kauz halte, womöglich für einen, der nahe daran ist, um Almosen zu bitten: denn – ‚mir genügte das Bewußtsein‘ …“

So ungefähr könnte ich meine damaligen Gedanken ausdrücken, wie überhaupt meine Freude und vieles von dem, was ich empfand. Ich will nur noch bemerken, daß hier in dem soeben Geschriebenen alles viel oberflächlicher klingt: in Wirklichkeit war ich tiefer und schamhafter. Vielleicht bin ich auch jetzt im Grunde meines Wesens schamhafter als in meinen Worten und Taten. Das gebe Gott!

Vielleicht war es sehr falsch von mir, daß ich überhaupt angefangen habe, alles dies niederzuschreiben: es bleibt doch so unendlich viel mehr in einem zurück als das, was man in Worten auszudrücken vermag. Jeder Gedanke, selbst der unbedeutendste, ist, solange er in uns bleibt, immer tiefer, als in Worten ausgedrückt: ausgesprochen erscheint er auch uns selbst lächerlicher und gleichsam – ehrloser. Werssiloff sagte mir einmal, nur bei schlechten Menschen sei es umgekehrt. Die lügen eben nur, da haben sie es leicht. Ich dagegen mühe mich, die ganze Wahrheit zu schreiben – das aber ist furchtbar schwer!

II.
An diesem neunzehnten September entschloß ich mich außerdem noch zu einem „Schritt“.

Seit meiner Ankunft in Petersburg hatte ich zum erstenmal Geld in der Tasche; denn meine in zwei Jahren zusammengesparten sechzig Rubel hatte ich, wie bereits erwähnt, sogleich meiner Mutter gegeben; ein paar Tage zuvor aber hatte ich mir fest vorgenommen, an dem Tage, an dem ich mein Monatsgehalt erhielt, einen „Versuch“ zu machen, wie ich ihn schon seit langem beabsichtigte. Und gerade am Abend vorher hatte ich im Inseratenteil einer Zeitung etwas gefunden, auf alle Fälle ausgeschnitten und zu mir gesteckt: es war das eine „Bekanntmachung vom St. Petersburger Bezirksgericht“ usw., daß am 19. September cr. um 12 Uhr vormittags im Kasaner Viertel, in der und der Gegend, im Hause Nummer soundso die gerichtliche Versteigerung des Mobiliars einer gewissen Frau Lebrecht stattfinden werde, und daß die Taxationsliste der betreffenden Gegenstände, und natürlich auch diese selbst, am Tage der Versteigerung dem Publikum zur Orientierung und Besichtigung in besagtem Hause bereitgestellt sein würden usw.

Es war kurz nach ein Uhr. Ich eilte zu Fuß nach dem Kasaner Viertel. Schon seit drei Jahren benutzte ich keine Droschke mehr, – ich hatte mir das so geschworen (anderenfalls hätte ich mir auch nicht diese sechzig Rubel ersparen können). Ich war noch nie zu einer Auktion gegangen, ich hatte mir das noch nicht erlaubt; und obschon mein erster Schritt auf diesem Gebiet nur ein Versuch sein sollte, so hatte ich mir doch von vornherein eines fest vorgenommen: nicht eher wollte ich mir diesen Versuch gestatten, als bis ich das Gymnasium beendet, mit allen gebrochen und mich in mein Gehäuse verkrochen hätte, also erst dann, wenn ich vollkommen frei sein würde. Freilich war ich nun noch längst nicht in meinem Gehäuse und auch noch weit davon entfernt, frei zu sein. Aber der Schritt sollte ja auch nur als Versuch in Frage kommen, als Probe, nur so, um zu sehen, wie es ist, fast nur, um meine Zukunftsträume danach gestalten zu können; dann aber wollte ich, vielleicht lange Zeit hindurch, nichts Derartiges mehr unternehmen, vielleicht sogar bis zu dem Zeitpunkt, wo ich damit ernstlich begänne. Für alle anderen war dies nur eine kleine, nichtssagende Auktion, für mich aber – der erste Balken des Schiffes, auf dem ich wie Kolumbus ausfahren wollte, um Amerika zu entdecken. Das waren ungefähr die Gefühle, die ich damals hatte.

Ich fand das Haus, ging, wie in der Notiz angegeben war, über den Hof und betrat die Wohnung der Frau Lebrecht. Diese Wohnung bestand aus einem Vorraum und vier nicht großen, niedrigen Zimmern. Im ersten Zimmer befanden sich viele Menschen, vielleicht ganze dreißig an der Zahl; aber nur die Hälfte von ihnen mochte sich aus Käufern zusammensetzen – die anderen waren augenscheinlich nur aus Neugier gekommen oder als Liebhaber jeglicher Versammlungen oder auch als heimlich Beauftragte der Frau Lebrecht. Es waren da außer Krämern und Juden, die es auf die Goldsachen abgesehen hatten, auch einige „sauber“ gekleidete Leute. Sogar die Physiognomien einzelner von ihnen haben sich meinem Gedächtnis eingeprägt. Im nächsten Zimmer rechts, dessen Tür offen stand, hatte man gerade zwischen die Türpfosten einen Tisch gestellt, so daß er den Eingang zu jenem Zimmer versperrte; dort aber befanden sich alle die unter den Hammer gekommenen Sachen, die verauktioniert werden sollten. Links lag ein anderes Zimmer, dessen Tür geschlossen war, doch von Zeit zu Zeit ein klein wenig geöffnet wurde, und dann sah man, daß jemand verstohlen durch den Spalt lauerte – wahrscheinlich jemand von den zahlreichen Sprößlingen der Frau Lebrecht, die sich an dem Tage natürlich in einer recht beschämenden Lage befanden. Hinter dem Tisch in der Tür saß, das Gesicht dem Publikum zugewandt, der Gerichtsvollzieher, der die Sachen zu versteigern hatte. Als ich eintrat, war ungefähr die Hälfte schon verkauft. Ich drängte mich sogleich bis dicht an den Tisch heran. Es wurden gerade zwei Bronzeleuchter ausgeboten. Ich sah mich nach den anderen Sachen um.

Dabei drängten sich mir sogleich Zweifel auf: was konnte ich hier überhaupt kaufen? Was finge ich zum Beispiel mit diesem Paar Bronzeleuchter an, wo brächte ich sie jetzt unter, und könnte ich denn so überhaupt jemals zum Ziel gelangen? Wird denn die Sache auch wirklich so gemacht, und wird meine Berechnung auch wirklich richtig sein? War es nicht schließlich eine ganz kindische Berechnung? Und während mir diese Gedanken durch den Kopf fuhren, stand ich und wartete, – etwa wie man am Spieltisch wartet, wenn man noch nicht gesetzt hat, obschon man mit der Absicht, unbedingt zu spielen, an den Tisch getreten ist und gerade noch denkt: „Wenn ich will, setze ich, wenn ich will, gehe ich fort – ganz wie ich will.“ Das Herz pocht dann noch nicht, aber es ist, als verlangsame sich sein Schlagen, und hin und wieder erbebt es nur so eigenartig, – eine Empfindung, die nicht ohne Reiz ist. Aber die Unentschlossenheit fängt bald an, einem lästig zu werden, und dann wird man plötzlich gleichsam blind und taub und streckt die Hand aus und nimmt eine Karte, aber alles ganz wie mechanisch, fast sogar wie gegen den eigenen Willen, als führte ein Fremder unsere Hand; und plötzlich ist es geschehen! – Da hat man gleich eine ganz andere Empfindung, die geradezu ungeheuer ist. Ich rede hier nicht von Auktionen, sondern nur von mir, – wer könnte denn sonst auf einer Auktion Herzklopfen bekommen?

Es waren da Leute, die sich sehr ereiferten, andere wiederum, die schwiegen und warteten, und wieder andere, die dies oder jenes kauften und es nachher bereuten. Doch kann ich nicht sagen, daß sie mir leid taten: ein Herr zum Beispiel, der sich verhört hatte und eine Milchkanne aus Neusilber für eine silberne kaufte und statt etwa zwei Rubel ganze fünf Rubel zahlen mußte, erweckte nicht das geringste Mitleid in mir, im Gegenteil, dieser Zwischenfall erheiterte mich sogar. Der Gerichtsvollzieher brachte übrigens auch nach Möglichkeit Abwechslung in die Versteigerung: nach den Leuchtern kamen Ohrringe zum Ausbot, nach den Ohrringen ein Sofakissen, dann eine Schatulle, – wahrscheinlich, um das Interesse wachzuerhalten, oder vielleicht auch, um den verschiedenen Wünschen der Kauflustigen nachzukommen. Ich hielt es nicht zehn Minuten aus, wandte mich zuerst dem Kissen zu, darauf der Schatulle, aber im entscheidenden Moment bot ich dann doch nicht mit: diese Gegenstände erschienen mir ganz unmöglich. Da hielt der Gerichtsvollzieher ein Album in der Hand.

„Ein Album, in einem roten Saffianeinband, gebraucht, mit Aquarell- und Tuschzeichnungen, in einem Futteral mit geschnitzter Elfenbeineinlage und mit silbernem Schloß – zwei Rubel!“

Ich trat näher: ein elegantes Ding, aber die Elfenbeinschnitzerei war an einer Stelle schon etwas schadhaft. Nur ich allein war nähergetreten, die anderen schwiegen. Konkurrenten gab es also nicht. Ich hätte ja das Schloß öffnen und das Album herausnehmen können, um es zu betrachten, ließ es aber bleiben – „gleichviel,“ dachte ich, „das ist ja egal“.

„Zwei Rubel fünf Kopeken,“ sagte ich mit vor Aufregung unsicherer Stimme.

Niemand bot mehr. So fiel es mir zu. Ich holte sogleich mein Geld hervor, bezahlte, nahm das Album und zog mich in einen Winkel des Zimmers zurück. Dort erst nahm ich es aus dem Futteral, um es schnell, fast fieberhaft zu durchblättern: das war nun, abgesehen von dem Futteral, das wertloseste Ding der Welt, – ein Stammbuch von der Größe eines Bogen Postpapiers kleinen Formats, ein dünnes Büchlein mit abgenutztem Goldschnitt, – genau von der Art, wie sie in früheren Jahren bei jungen Mädchen, die ein Institut besuchten, so überaus beliebt waren. Mit Tusche und Wasserfarben waren da Tempel auf Bergen gemalt, Amoretten, ein Teich, auf dem Schwäne schwammen, und dazu natürlich Gedichte.

„… Vor mir liegt eine weite Reise,

Weshalb ich Abschied nehmen muß,

Drum send’ ich Dir auf diese Weise

Hiermit noch einen letzten Gruß.“

(Da hab’ ich richtig noch eines von ihnen behalten!) Ich gestand mir, daß ich „hereingefallen“ war: wenn es etwas gab, was kein Mensch brauchen konnte, so war das dieses alte Album.

„Tut nichts,“ schloß ich schnell meinen Gedankengang, „die erste Karte verspielt man immer; das hat sogar eine gute Vorbedeutung.“

Ich war entschieden vergnügt.

„Ach, da bin ich zu spät gekommen! Sie haben es? Sie haben es erstanden?“ hörte ich plötzlich neben mir die Stimme eines Herrn, der sehr stattlich aussah und gut gekleidet war. Er war gerade erst eingetreten.

„Zu spät gekommen! Schade, sehr schade! – Für wieviel, wenn ich fragen darf?“

„Für zwei Rubel fünf Kopeken.“

„Ach, wie schade! – Würden Sie es mir nicht abtreten?“

„Gehen wir hinaus,“ flüsterte ich ihm zu, während mein Herzschlag stockte.

Wir gingen hinaus auf die Treppe.

„Ich trete es Ihnen für zehn Rubel ab,“ sagte ich, mit einem Gefühl von Kälte im Rücken.

„Zehn Rubel! Ich bitte Sie, was fällt Ihnen ein!“

„Wie Sie wollen.“

Er sah mich mit aufgerissenen Augen an und maß mich von oben bis unten: ich war gut gekleidet und glich wohl nicht im entferntesten einem Juden oder Trödler.

„Aber ich bitt’ Sie! – Das ist doch ein altes, lumpiges Album, das zu nichts mehr zu gebrauchen ist, auch das Futteral ist ja nichts mehr wert – wer wird denn so etwas noch kaufen?“

„Sie wollen es doch.“

„Aber doch nur aus einem besonderen Grunde! – Ich erfuhr es erst gestern, – und solcher, die das kaufen wollen, gibt es doch außer mir keinen einzigen! Was fällt Ihnen ein!“

„Ich hätte fünfundzwanzig Rubel fordern sollen; aber da Sie dann vielleicht doch zurückgetreten wären, so habe ich, um das Wagnis nicht zu übertreiben, nur zehn gefordert. Davon lasse ich keine Kopeke ab.“

Ich kehrte ihm den Rücken und ging.

„So nehmen Sie vier Rubel!“ rief er mir nach und holte mich mit schnellen Schritten ein, – ich war schon auf dem Hof. „Nun, meinetwegen: fünf!“

Ich schwieg und ging weiter.

„Nun denn – da haben Sie!“ Er nahm zehn Rubel aus seinem Portemonnaie, ich gab ihm das Album.

„Aber Sie müssen doch zugeben, daß das nicht ehrlich ist! Zwei Rubel und zehn – was?“

„Weshalb nicht ehrlich? Einfach Markt!“

„Was ist denn hier für ein Markt!“ (Er wurde wütend.)

„Wo Nachfrage ist, ist auch Markt. Hätten Sie sich nicht eingefunden, – keine vierzig Kopeken hätt’ ich dafür bekommen.“

Ich sagte es zwar ganz ernst, aber innerlich lachte ich, – lachte nicht gerade vor Entzücken, sondern – ja, ich weiß es eigentlich selbst nicht, weshalb ich lachte, jedenfalls aber geriet ich dabei etwas außer Atem.

„Hören Sie,“ wandte ich mich leise an ihn – ich konnte es nicht zurückhalten, was sich mir auf die Lippen drängte, und ich sagte es ganz freundschaftlich zu ihm und hatte ihn dabei sogar furchtbar lieb – „hören Sie, als James Rothschild, der Verstorbene – der Pariser, Sie wissen doch, der eintausendsiebenhundert Millionen Francs hinterlassen hat“ (er nickte mit dem Kopf), „als also dieser James Rothschild – damals war er noch jung – zufällig ein paar Stunden früher als alle anderen von der Ermordung des Herzogs von Berry erfuhr und davon ungesäumt gewissen Leuten Mitteilung machte, verdiente er allein dadurch in wenigen Minuten ein paar Millionen – sehen Sie, so machen es solche Leute!“

„Ja, sind Sie denn Rothschild?“ schrie er mich wütend an, als hätte er es mit einem Narren zu tun.

Ich ließ ihn stehen und ging fort. Ein einziger Schachzug – und ich hatte sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken verdient! Gut, sagen wir: es war ein Zufall, ein kindisches Spiel, ich gebe es zu, aber immerhin stimmte dieser „Zufall“ mit meiner Berechnung überein, und da war es nur natürlich, daß er einen ungeheuer tiefen Eindruck auf mich machte … Übrigens, wozu Gefühle beschreiben? Den Zehnrubelschein hatte ich in meiner Westentasche, ich steckte zwei Finger hinein, um ihn zu befühlen – und so ging ich weiter, ohne die Hand herauszuziehen. Als ich etwa hundert Schritte gegangen war, zog ich den Schein hervor, um ihn zu betrachten: ich besah ihn von allen Seiten und hätte ihn am liebsten geküßt. Da rollte eine Equipage vor das Haus, an dem ich gerade vorübergehen wollte. Der Portier öffnete die Tür, und aus dem Hause trat eine Dame, elegant, jung, schön, in Seide und Samt gekleidet, mit einer fast meterlangen Schleppe – und sie ging an mir vorüber zur Equipage. Plötzlich entglitt ihrer Hand ein entzückendes kleines Ledertäschchen und fiel hin, ohne daß sie es bemerkte: sie stieg ein. Der Diener bückte sich, um das Ding aufzuheben, doch schon war ich hinzugesprungen, hob es auf und reichte es der Dame, indem ich den Hut lüftete. (Ich trug einen Zylinder und war als selbständiger junger Mann gut gekleidet.) Die Dame sagte zurückhaltend, doch mit dem liebenswürdigsten Lächeln: „Merci m’sieu.“[20] Die Equipage rollte davon. Ich küßte meinen Zehnrubelschein.

III.
Ich mußte an jenem Tage noch unbedingt einen früheren Schulkameraden von mir aufsuchen, einen gewissen Jefim Swerjoff, der schon früher aus dem Gymnasium in Moskau ausgetreten war, um in Petersburg eine höhere Fachschule zu besuchen. Er selbst ist weiter keiner Erwähnung wert, und eigentlich war ich mit ihm auch nichts weniger als befreundet, doch hatte ich ihn trotzdem schon im ersten Monat in Petersburg aufgesucht: er konnte mir (infolge von Umständen, die gleichfalls nicht der Rede wert sind) die Adresse eines gewissen Menschen mitteilen, der mich sehr interessierte, und der bald aus Wilna zurückkehren sollte. Dieser Mensch hieß Krafft. Swerjoff hatte mir vor einiger Zeit mitgeteilt, daß er ihn gerade an jenem Tage oder spätestens am folgenden zurückerwartete. Ich mußte mich nach einem ganz anderen Stadtteil begeben, nach der „Petersburger Seite“, doch legte ich auch diese Strecke wieder zu Fuß zurück und wurde nicht einmal müde. Ich traf ihn (Swerjoff war mit mir in einem Alter, erst neunzehn geworden) auf dem Hof des Hauses seiner Tante, bei der er damals wohnte. Er hatte gerade zu Mittag gegessen und leistete sich das Vergnügen, im Hof auf Stelzen herumzugehen. Er sagte mir sogleich, daß Krafft schon tags zuvor angekommen und in seiner früheren Wohnung auf der Petersburger Seite abgestiegen sei und mich gleichfalls sobald als möglich zu sehen wünsche, da er mir etwas Wichtiges mitzuteilen habe.

„Er muß bald wieder irgendwohin verreisen,“ fügte Jefim noch hinzu.

Da es für mich unter diesen Umständen und noch aus besonderen Gründen von größter Wichtigkeit war, Krafft zu sprechen, so bat ich Jefim, mich sogleich zu ihm zu führen, zumal dessen Wohnung nur ein paar Schritte von dort entfernt war. Doch Jefim erklärte mir darauf, daß er Krafft schon vor einer Stunde getroffen habe: er sei zu Dergatschoff gegangen und werde dort wohl sitzengeblieben sein.

„Gehen wir doch einfach zu Dergatschoff, warum willst du immer nicht? – Hast du Angst?“

In der Tat, Krafft konnte bei Dergatschoff lange sitzenbleiben, und wo sollte ich auf ihn warten? Zu Dergatschoff zu gehen, davor fürchtete ich mich zwar nicht, aber es widerstrebte mir, obwohl es schon das drittemal war, daß Jefim mich hinschleppen wollte. Und dabei hatte er schon jedesmal dieses „hast du Angst?“ mit einem Lächeln angehängt, das mich für feig hielt. Nein, es geschah meinerseits nicht aus Feigheit, das sei vorausgeschickt, doch wenn ich ungern hinging, so hatte das einen ganz anderen Grund. Diesmal aber entschloß ich mich doch, mich hinführen zu lassen. Es war übrigens gleichfalls nicht weit zu gehen. Unterwegs fragte ich Jefim, ob er immer noch die Absicht habe, nach Amerika loszuziehen.

„Vielleicht schiebe ich es auch noch ein bißchen auf,“ erwiderte er mit leichtem Lachen.

Ich hatte ihn nicht sonderlich gern oder, wenn ich ganz aufrichtig sein soll, ich mochte ihn eigentlich gar nicht. Er war für meinen Geschmack gar zu blond, sein Gesicht schon gar zu weiß und rosig, geradezu unpassend zart, als wäre er noch ein Säugling, und dabei war er sogar länger als ich, doch konnte man ihn höchstens für einen Siebzehnjährigen halten. Eine ernste Unterhaltung mit ihm war ganz unmöglich.

„Wer ist denn da alles? Trifft man dort wirklich immer eine ganze Versammlung?“ erkundigte ich mich wissenschaftshalber.

„Warum hast du denn immer Angst?“ fragte er wieder höhnisch.

„Scher’ dich zum Teufel!“ sagte ich ärgerlich.

„Durchaus keine Versammlung. Es kommen nur Bekannte hin, lauter Gesinnungsgenossen, sei beruhigt.“

„Was, zum Teufel, geht das mich an, ob sie Gesinnungsgenossen sind oder nicht! Aber werde auch ich dort Gesinnungsgenosse sein? Woher wissen diese Leute, ob sie mir vertrauen können?“

„Ich bringe dich hin, das genügt. Sie haben aber auch schon von dir gehört. Und Krafft kann ihnen ja auch Auskunft über dich geben.“

„Hör’ mal, wird Wassin dort sein?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wenn er da ist, so stoß mich an, sobald wir eintreten, so mit dem Ellenbogen, und zeig ihn mir heimlich, damit ich weiß, welcher es ist. Gleich beim Eintreten, hörst du?“

Von diesem Wassin hatte ich schon viel gehört und interessierte mich schon lange für ihn.

Dergatschoff wohnte in einem kleinen Nebengebäude auf dem Hof eines großen Hauses, das einer Kaufmannsfrau gehörte, doch dafür bewohnte er das Häuschen ganz allein. Es waren dort nur drei Wohnzimmer, und an allen vier Fenstern waren die Stores herabgelassen. Er war Techniker und hatte in Petersburg eine Anstellung, doch wie ich gehört hatte, war ihm eine sehr vorteilhafte Anstellung in der Provinz angeboten worden, und zwar sollte er schon in nächster Zeit Petersburg verlassen.

Kaum waren wir in das kleine Vorzimmer getreten, da hörten wir schon laute Stimmen: man schien heftig zu streiten, und jemand rief: „Quae medicamenta non sanant – ferrum sanat, quae ferrum non sanat – ignis sanat!“

Ich fühlte mich allerdings etwas beunruhigt. Natürlich war ich nicht an Gesellschaft gewöhnt, gleichviel an welch eine. Im Gymnasium hatte ich mit meinen Mitschülern zwar auf du und du gestanden, doch kann ich nicht sagen, daß ich auch nur mit einem von ihnen wirklich Freundschaft geschlossen hätte. Ich hatte mir einen Winkel geschaffen und in diesem Winkel gelebt. Doch nicht das war es, was mich verwirrte: Für alle Fälle nahm ich mir aber fest vor, mich nicht auf einen Meinungsstreit einzulassen und überhaupt nur das Notwendigste zu sprechen, so daß man aus meinen Worten nicht die geringsten Schlüsse auf mich ziehen konnte; vor allen Dingen aber wollte ich mich nicht in ihren Streit hineinziehen lassen.

Im ersten Zimmer, das wirklich schon etwas gar zu klein war, waren sieben Herren anwesend und drei Damen. Dergatschoff war ein Mann von fünfundzwanzig Jahren und verheiratet. Die Schwester der Frau und noch eine Verwandte von ihr lebten gleichfalls bei ihnen. Das Zimmer war nur einfach möbliert, doch ausreichend, und es war sogar sehr sauber. An der einen Wand hing ein Porträt, eine ganz billige Lithographie, und in einer Ecke ein Heiligenbild ohne metallene Bekleidung, doch mit einem brennenden Lämpchen davor. Dergatschoff kam mir entgegen, drückte mir die Hand und bat mich, Platz zu nehmen.

„Setzen Sie sich, wir sind hier ganz unter uns.“

„Seien Sie so freundlich,“ forderte mich sogleich auch eine recht nett aussehende, doch sehr bescheiden gekleidete junge Frau auf, worauf sie nach einem freundlichen Gruß das Zimmer verließ.

Das war Dergatschoffs Frau, die offenbar auch ihre Meinung geäußert hatte und nun fortging, um ihr Kind zu stillen. So blieben nur noch zwei Damen im Zimmer: eine sehr kleine, von etwa zwanzig Jahren, in einem schwarzen einfachen Kleide und gleichfalls nicht häßlich, und die andere von etwa dreißig Jahren, eine hagere Person mit stechenden Augen. Sie saßen ganz still und hörten aufmerksam zu, beteiligten sich aber nicht am Gespräch.

Die Herren standen fast alle, nur Krafft und Wassin saßen, und dann als Dritter auch ich. Auf diese beiden hatte mich Jefim sogleich aufmerksam gemacht; denn auch Krafft sah ich zum erstenmal. Ich stand gleich wieder auf und trat auf ihn zu. Sein Gesicht werde ich nie vergessen: keine Spur von besonderer Schönheit, aber es lag in ihm ein Ausdruck von unendlicher Milde und von fast schon gar zu großem Zartgefühl, obgleich sich dabei doch in allem persönliche Würde bemerkbar machte. Er mochte ungefähr sechsundzwanzig Jahre alt sein, war ziemlich mager, über mittelgroß, blond, mit einem ernsten, doch weichen Gesicht. In allem an ihm war gleichsam eine große Stille. Indessen – so sonderbar das sein mag – ich hätte mein vielleicht sehr nichtssagendes Gesicht doch nicht gegen sein Gesicht, das mir so anziehend erschien, eingetauscht. Es lag etwas in seinem Gesicht, was ich in meinem Gesicht nicht hätte haben wollen, etwas denn doch schon gar zu Ruhiges im ethischen Sinne, etwas von der Art eines heimlichen, sich selbst unbewußten Stolzes. Übrigens habe ich damals gewiß noch nicht so eingehend urteilen können: es scheint mir wohl nur jetzt so, als hätte ich das alles schon bei der ersten Begegnung herausgefühlt, jetzt, nach dem Geschehnis.

„Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind,“ sagte Krafft zu mir. „Ich habe einen Brief, der Sie angeht. Wir können noch eine Weile hierbleiben, dann kommen Sie mit zu mir.“

Dergatschoff war mittelgroß von Wuchs, breitschulterig, kräftig, brünett und trug einen großen Bart. Aus seinen Augen sprach einsichtsvoller Verstand und Scharfblick, doch vor allem Zurückhaltung, die förmlich wie eine gewisse unablässige Vorsicht anmutete. Obschon er größtenteils schwieg, war er derjenige, der die ganze Unterhaltung leitete. Wassins äußere Erscheinung machte auf mich keinen gerade überraschenden Eindruck, was mich eigentlich ein wenig wunderte, da ich von ihm schon als von einem ungeheuer klugen Menschen hatte reden hören: er war blond, hatte große hellgraue Augen, ein sehr offenes Gesicht, in dem gleichzeitig ein Ausdruck von etwas vielleicht gar zu großer Charakterfestigkeit lag. Man merkte es ihm an, daß er wenig mitteilsam war, aber seine Augen verrieten Klugheit; sie waren sogar klüger als die Dergatschoffs und auch tiefer, – er hatte die klügsten Augen von allen Anwesenden. Doch übrigens – vielleicht übertreibe ich hier etwas. Von den übrigen sind mir nur noch zwei im Gedächtnis geblieben: ein langer brünetter Mensch mit einem dunklen Backenbart, etwa siebenundzwanzig Jahre alt, der Lehrer oder etwas Ähnliches war; und dann noch ein junger Bursche, ungefähr in meinem Alter, in einer russischen Bluse, mit faltigem Gesicht, einer von den Schweigsamen, die mit großem Interesse zuzuhören verstehen. Später stellte sich auch heraus, daß er ein Bauernsohn war.

„Nein, das ist nicht so aufzufassen,“ begann der Lehrer mit dem schwarzen Backenbart, der sich von allen am meisten ereiferte, indem er offenbar die Diskussion, die durch uns unterbrochen worden war, wieder aufnahm. „Von den mathematischen Beweisen will ich weiter nicht reden, aber diese Idee, an die zu glauben ich auch ohne mathematische Beweise gern bereit bin …“

„Warte mal, Tichomiroff,“ unterbrach ihn Dergatschoff mit ruhig-lauter Stimme, „die Eingetretenen wissen noch gar nicht, wovon die Rede ist. Wir streiten hier über eine Ansicht,“ wandte er sich plötzlich an mich ganz allein (und ich muß gestehen, wenn er mich als Neuling examinieren und zum Sprechen bringen wollte, so war das sehr geschickt von ihm angefangen; ich fühlte dies denn auch sogleich heraus und wappnete mich) – „über eine Ansicht dieses Herrn Krafft, dessen Charakter und Anschauungen wir alle schon kennen, ebenso wie seine Gewissenhaftigkeit, mit der er prüft, bevor er urteilt. Er ist nun infolge eines ganz gewöhnlichen Faktums zu einem so ungewöhnlichen Schluß gekommen, daß er uns alle damit in Erstaunen gesetzt hat. Er hat, wie gesagt, aus dem von ihm gesammelten Material den Schluß gezogen, daß das russische Volk ein Volk zweiten Ranges sei …“

„Dritten Ranges!“ rief jemand dazwischen.

„… ein Volk zweiten Ranges, das bestimmt ist, nur als Material für eine edlere Rasse zu dienen, nicht aber eine selbständige Rolle in den Geschicken der Menschheit zu spielen. Und in Erwägung dieses vielleicht auch ganz richtigen Schlusses ist Herr Krafft zu der weiteren Folgerung gelangt, daß durch eben diese Idee oder Erkenntnis jeder fernere Tatendrang in uns Russen paralysiert werden müsse, also mit anderen Worten, uns allen müßten die Hände einfach herabsinken …“

„Erlaub’, Dergatschoff, das ist nicht so aufzufassen,“ unterbrach ihn ungeduldig wieder jener mit dem Backenbart – Tichomiroff hieß er (und Dergatschoff überließ ihm auch sogleich das Wort). „In Anbetracht dessen, daß Krafft ernsthafte Studien gemacht, seine Schlüsse auf Grund physiologischen Wissens gezogen hat, weshalb er sie auch für mathematisch richtig anerkennt, und so vielleicht ganze zwei Jahre Studium seiner Idee geopfert hat (die ich mit der größten Ruhe auch a priori als bewiesen angenommen hätte) – in Anbetracht dessen, sage ich, das heißt also, wenn man in Betracht zieht, wie sehr ihn diese Sache aufgeregt und wie ernst er sie genommen hat, müssen wir sie als ein Phänomen auffassen, das von uns als solches untersucht werden will. Es ergibt sich nämlich aus dem Ganzen eine Frage, die Krafft nicht verstehen kann, und eben das ist es, womit man sich beschäftigen muß, also mit Kraffts Unfähigkeit, sie zu verstehen; denn eben diese seine Unfähigkeit ist das Phänomen. Jetzt heißt es: entscheiden, ob dieses Phänomen in die Klinik gehört, als ein Fall, der in seiner Art einzig dasteht, oder ob es nur der Ausdruck einer Eigenschaft ist, die sich normalerweise auch bei anderen vorfinden kann. Das festzustellen dürfte schon im Hinblick auf die allgemeine Sache von Interesse sein. Was dabei Rußland betrifft, so glaube ich ihm gern, was er sagt, ja, ich kann sogar gestehen, daß es mich beinahe freut; denn wenn alle sich diese Auffassung zu eigen machten, würde sie uns die Hände entfesseln und viele von ihrem patriotischen Vorurteil befreien …“

„Ich habe nicht aus Patriotismus gesprochen,“ bemerkte Krafft müde, gleichsam schwerfällig und mit Widerwillen.

Alle diese Debatten waren ihm, glaube ich, sehr unangenehm.

„Aus Patriotismus oder nicht, das kommt hier nicht in Frage,“ brummte Wassin vor sich hin, womit er zum erstenmal sein Schweigen brach.

„Aber inwiefern, bitte mir das zu sagen, inwiefern kann denn Kraffts Vernunftschluß einen abhalten, für die Sache der Allmenschheit zu wirken?“ schrie der Lehrer (nur er allein ereiferte sich so, alle anderen sprachen ruhig). „Mag Rußland zur Zweitrangigkeit verurteilt sein, man kann doch auch nicht nur für Rußland allein arbeiten! Und überdies, wie kann Krafft ein Patriot sein, wenn er schon aufgehört hat, an Rußland zu glauben?“

„Zudem ist er ja auch noch ein Deutscher,“ ertönte wieder die Stimme, die schon einmal dazwischengerufen hatte.

„Ich bin – Russe,“ sagte Krafft.

„Nein, das gehört nicht zur Sache, wenigstens nicht direkt,“ bemerkte Dergatschoff zu dem gewandt, der die Zwischenbemerkung gemacht hatte.

„Treten Sie aus der Enge Ihrer Idee heraus,“ fuhr Tichomiroff fort, ohne auf irgendwelche Zwischenrufe zu achten, „wenn Rußland nur das Material für edlere Völker ist, ja warum soll es dann nicht als Material dazu dienen? Das ist doch, meiner Meinung nach, eine immer noch ganz ansehnliche Rolle. Weshalb also soll man sich nicht, im Hinblick auf die Erweiterung der Aufgabe, mit dieser Idee zufrieden geben? Die Menschheit steht am Vorabend ihrer Wiedergeburt, die schon begonnen hat. Die Aufgabe, die vor uns liegt und unserer harrt, können nur Blinde nicht erkennen. So laßt doch Rußland Rußland sein, wenn ihr den Glauben daran verloren habt, und arbeitet für das Zukünftige, – für das zukünftige, uns noch unbekannte Volk, das aus der ganzen Menschheit hervorgehen wird, ohne Unterschied der Rassen. Sowieso wäre Rußland einmal doch gestorben; selbst die begabtesten Völker leben im ganzen nur anderthalb, höchstens zwei Jahrtausende; ist es da nicht ganz gleich, ob es nun zweitausend oder zweihundert Jahre sind? Die Römer haben nicht einmal anderthalb Jahrtausende als geschlossenes Volk gelebt und haben sich dann gleichfalls in Material verwandelt. Römer gibt es schon lange nicht mehr, aber sie haben eine Idee hinterlassen, und diese ist als Element späterhin in die Geschicke der Menschheit übergegangen. Wie kann man also einem Menschen sagen, daß es nichts zu tun gebe? Ich, für meine Person, kann mir ein Leben, in dem es nichts zu tun gibt, in dem Schaffen keinen Sinn hätte, überhaupt nicht vorstellen! So arbeitet für die Menschheit, und wegen des übrigen macht euch keine Sorgen. Arbeit aber gibt es so viel, daß das Leben nicht ausreicht, wenn man sich nur mal aufmerksam umschaut!“

„Man muß nach dem Gesetz der Natur und der Wahrheit leben,“ sagte hinter der Tür Frau Dergatschoff. Die Tür war nicht ganz geschlossen, und durch den Spalt sah man sie stehen, das Kind an der Brust, die sie bedeckt hatte, und mit brennendem Anteil lauschend.

Krafft hörte mit einem halben Lächeln zu, schließlich sagte er mit einem etwas müden, gequälten Ausdruck, doch übrigens mit tiefer Aufrichtigkeit:

„Ich verstehe nicht, wie man, wenn man unter dem Einfluß eines herrschenden Gedankens steht, dem sich unser Verstand und Herz vollkommen unterworfen haben, dann noch für etwas anderes, das außerhalb dieses Gedankens liegt, leben kann.“

„Aber wenn man Ihnen doch logisch und mathematisch beweist, daß Ihr Vernunftschluß falsch ist, daß der ganze Gedanke falsch ist, daß Sie nicht das geringste Recht haben, sich von der allgemeinen nutzbringenden Tätigkeit auszuschließen, nur weil Rußland vorherbestimmtermaßen zweitrangig ist! Wenn man Sie darauf hinweist, daß an Stelle des alten engen Horizonts die Unendlichkeit sich vor Ihnen auftut, daß an Stelle der engen Idee des Patriotismus …“

„Ach!“ fiel ihm Krafft mit einer müden Handbewegung ins Wort, „ich sagte Ihnen doch schon, daß Patriotismus hiermit nichts zu tun hat.“

„Hier liegt augenscheinlich ein Mißverständnis vor,“ mischte sich plötzlich Wassin ein. „Der Irrtum besteht darin, daß Krafft nicht nur einen logischen Schluß verficht, sondern einen Schluß, der für ihn sozusagen zu einem Gefühl geworden ist. Nicht alle Naturen sind von gleicher Art; bei vielen verwandelt sich ein logischer Schluß tatsächlich in das stärkste Gefühl, das ihr ganzes Wesen ergreift und beherrscht, und dies Gefühl zu bannen oder zu verändern, ist nicht leicht. Um einen solchen Menschen zu heilen, müßte man eben dieses Gefühl ändern, was nur möglich ist, wenn man es durch ein gleichstarkes anderes Gefühl ersetzen kann. Das ist unter allen Umständen schwer, in vielen Fällen aber einfach unmöglich.“

„Falsch!“ rief wieder der Lehrer, „der logische Schluß hebt schon an und für sich alle Vorurteile auf. Eine vernünftige Überzeugung gebiert dasselbe Gefühl, das heißt, nicht gerade dasselbe, sondern ein gleichwertiges, gleichstarkes. Der Gedanke geht aus dem Gefühl hervor, und sobald er vom Menschen Besitz ergriffen hat, erzeugt er seinerseits ein neues Gefühl!“

„Die Menschen sind sehr verschieden: einige ändern ihre Gefühle leicht, andere schwer,“ entgegnete Wassin ablenkend, als wolle er den Streit nicht fortsetzen; mich aber hatte seine Auffassung schon förmlich begeistert.

„So ist’s, geradeso wie Sie es sagen!“ wandte ich mich plötzlich an ihn, indem ich mit einemmal das Schweigen brach und zu sprechen begann, als hätte ich nie einen Vorsatz gefaßt. „Sie haben recht, man muß das eine Gefühl durch ein anderes ersetzen, um das erste überwinden zu können. In Moskau lebte, es sind jetzt vier Jahre her, ein General … Sehen Sie, meine Herren, ich habe ihn zwar nicht gekannt, aber … Vielleicht hat er auch so als Mensch gar keine besondere Beachtung verdient … Und außerdem kann einem der ganze Vorfall, genau genommen, als ein Beispiel von Unverstand erscheinen, aber … Übrigens, sehen Sie, er verlor ein Kind oder vielmehr zwei, zwei kleine Mädchen, beide starben kurz nacheinander, beide am Scharlach … Und was glauben Sie, das hat ihn so erschüttert, daß er sich nicht mehr aufzuraffen vermochte, er grämte sich und grämte sich, und sah bald so aus, daß man ihn nicht ansehen konnte, – und es endete damit, daß er starb, nach Verlauf kaum eines halben Jahres. Daß er wirklich nur deshalb gestorben ist, das ist Tatsache! Wodurch, fragt es sich nun, hätte man ihn wieder aufrichten können? Antwort: durch ein gleichstarkes Gefühl! Man hätte also diese beiden kleinen Mädchen herausgraben und ihm lebendig wiedergeben müssen – das war’s, das heißt, nur bildlich gesprochen. Und da das nicht anging, starb er eben. Indessen aber – was hätte man ihm da nicht alles für wunderschöne Schlüsse vorhalten können: daß das Leben vergänglich ist, und daß wir alle einmal sterben müssen, ja man hätte ihm sogar aus dem Kalender die Statistik vorlesen können, wieviel Kinder jährlich am Scharlach sterben, und so weiter … Er war General außer Dienst …“

Ich stockte, fast außer Atem, und sah mich im Kreise um.

„Aber das ist doch etwas ganz anderes,“ sagte irgend jemand.

„Die von Ihnen angeführte Tatsache entspricht zwar nicht ganz dem in Frage stehenden Fall, aber sie hat doch Ähnlichkeit mit ihm und erklärt die Sache anschaulicher,“ sagte Wassin, sich zu mir wendend.

IV.
Hier muß ich nun bekennen, weshalb mich Wassins Argument von der Idee, die zum Gefühl wird, so begeisterte, und gleichzeitig will ich etwas gestehen, dessen ich mich höllisch schämen muß.

Ja, ich hatte wirklich Angst gehabt, zu Dergatschoff zu gehen, wenn auch nicht aus dem Grunde, den Jefim annahm. Ich hatte Angst und hatte mich schon in Moskau vor ihnen gefürchtet. Ich wußte, daß sie (das heißt, ob es nun gerade diese oder andere waren, bleibt sich gleich, ich meine nur Leute von ihrer Art) – daß sie Dialektiker waren und mir womöglich meine „Idee“ in Trümmer schlagen konnten. Zwar glaubte ich fest an mich selbst, und daß ich ihnen meine Idee mit keiner Silbe verraten würde; aber schließlich könnten sie mir (das heißt wieder, sie oder ihresgleichen) irgend etwas sagen, was vielleicht ohne ihr Wissen einen solchen Eindruck auf mich machte, daß ich dann selbst und ohne fremden Beistand meine Illusionen über meine Idee zerstörte; und eine solche Ernüchterung war jederzeit möglich, auch wenn ich, getreu meinem Vorsatz, kein Wort über meine Idee verlauten ließ. In meiner „Idee“ gab es Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden hatte, aber ich wollte nicht, daß ein anderer für mich das Beantworten übernahm. In den letzten zwei Jahren hatte ich sogar das Bücherlesen aufgegeben, weil ich fürchtete, auf eine Stelle zu stoßen, die nicht zugunsten meiner Idee sprach und mich vielleicht wankend machen konnte. Und da hatte nun Wassin mit einem Satz das ganze Problem gelöst und mich beruhigt, – ich meine, im höheren Sinne beruhigt. In der Tat, was hatte ich denn gefürchtet, und was konnten sie mir mit ihrer ganzen Dialektik schließlich anhaben? Ich war dort vielleicht der einzige unter ihnen allen, der überhaupt begriff, was Wassin mit dieser „Idee, die zum Gefühl wird“, oder sagen wir, mit dem „Ideegefühl“, gemeint hatte. Es genügt noch nicht, daß man die uns beherrschende Idee widerlegt, man muß einen Ersatz für sie bieten, muß sie gegen etwas ebenso Großes eintauschen können; anderenfalls widerlege ich in meinem Herzen, da ich um keinen Preis meine Gefühle hergeben will, alles, was sie dort an Widerlegungen vorbringen, selbst wenn ich dabei meine Logik vergewaltigen muß. Was aber konnten sie mir als Ersatz anbieten? Deshalb hätte ich mutiger sein können, ja, es wäre sogar meine erste Pflicht gewesen, männlicher zu sein. So fühlte ich mich, während mich Wassins Idee begeisterte, tief innerlich doch beschämt und kam mir vor wie ein unmündiges Kind.

Und dann hatte ich mich noch aus einem anderen Grunde zu schämen. Nicht der erbärmliche Wunsch, mich mit meinem Verstande hervorzutun, hatte mich zum Sprechen veranlaßt, sondern vielmehr das Verlangen, mich ihnen an den Hals zu werfen. Dieses Verlangen, mich anderen „an den Hals zu werfen“, damit sie mich für gut und klug und Gott weiß was noch alles hielten (kurz, irgend so eine Schweinerei), halte ich für das Schmählichste und Ekelhafteste, dessen ich mich zu schämen habe. Ich hatte es schon lange geahnt, oder richtiger, mich selbst dieses Verlangens verdächtigt, und ich wußte auch damals schon, daß der Keim desselben in jenem „Winkelleben“, das ich solange geführt habe – was ich übrigens gar nicht bereue – zu suchen war. Ich wußte, daß ich unter Menschen verschlossener sein mußte. Aber nach jedem mich beschämenden Ausfall meinerseits konnte ich mich immer noch damit trösten, daß meine „Idee“ mir doch als mein unangetastetes geheimstes Eigentum verblieb, daß ich sie nicht preisgegeben, nicht verraten hatte. Mit Bangen versuchte ich zuweilen, mir vorzustellen, wie das wäre, wenn ich einmal einem anderen Menschen meine Idee schon verraten hätte: dann würde ich plötzlich nichts Eigenes mehr haben, dann würde ich plötzlich ganz so sein wie alle anderen, würde mich durch nichts mehr von ihnen unterscheiden und würde vielleicht auch die ganze Idee alsdann aufgeben. Deshalb hütete ich sie wie mein Kleinod und wußte mich mit ihr nur in der Einsamkeit sicher, und deshalb – deshalb zitterte ich davor, daß ich zum Reden und Schwatzen gebracht werden könnte. Und da hatte ich nun bei Dergatschoff, also schon bei der ersten Versuchung, nicht standzuhalten vermocht! Verraten hatte ich meine Idee freilich nicht, aber geschwatzt hatte ich doch in geradezu schmählicher Weise. Und das Ergebnis davon war natürlich eine beschämende Schlappe. Scheußliche Erinnerung! Nein, ich darf nicht mit Menschen zusammen leben. Das ist auch heute noch meine Meinung, und die werde ich nicht ändern; ich sage das für vierzig Jahre im voraus. Meine Idee ist gleichbedeutend mit einem Leben im Winkel. Meine Idee ist eins mit – Einsamkeit.

V.
Kaum hatte Wassin mir beigepflichtet, da erfaßte mich auch schon das unbezwingliche Verlangen, zu sprechen.

„Meiner Meinung nach hat jeder Mensch das Recht, seine Gefühle zu haben … wenn sie auf seiner Überzeugung beruhen … und – ohne daß jemand ihm ihretwegen Vorwürfe machen dürfte,“ wandte ich mich an Wassin. Ich sprach es zwar ganz verwegen aus, aber es war mir doch, als sei nicht ich es, der da sprach, und als bewege sich eine fremde Zunge in meinem Munde.

„Meinen Sie?“ fragte sogleich mit gedehnter Ironie dieselbe Stimme, die Dergatschoff unterbrochen und Krafft gesagt hatte, er sei ein Deutscher. Da ich ihn für ein ganz nichtswürdiges Subjekt hielt, wandte ich mich an den Lehrer, als hätte er gefragt.

„Es ist meine Überzeugung, daß ich niemanden richten darf,“ sagte ich, zitternd vor innerer Erregung; denn ich fühlte schon, daß meine Zurückhaltung nur noch von kürzester Dauer sein konnte.

„Weshalb denn so bescheiden?“ ertönte wieder die Stimme des Nichtswürdigen.

„Jeder hat seine Idee,“ sagte ich, immer noch zum Lehrer gewandt, den ich scharf ins Auge faßte, während dieser ruhig schwieg und mich mit einem Lächeln betrachtete.

„Und Ihre wäre?“ fragte wieder der Nichtswürdige.

„Das zu erzählen würde zu viel Zeit kosten … Aber zum Teil besteht meine Idee gerade darin, daß man mich in Ruh’ lassen soll. Solange ich noch zwei Rubel in der Tasche habe, will ich von keinem anderen abhängig sein (beunruhigen Sie sich nicht, ich kenne die Erwiderungen), und solange will ich auch nichts tun, – nicht einmal für jene gepriesene zukünftige Menschheit, für die zu arbeiten Sie Herrn Krafft aufforderten. Persönliche Freiheit, das heißt, ich rede nur von meiner eigenen, ist für mich die erste Bedingung, alles andere geht mich nichts an.“

Mein Fehler war nur der, daß ich mich ärgerte.

„Sie predigen also die Ruhe einer satten Kuh?“

„Meinetwegen. Eine Kuh beleidigt nicht. Ich bin keinem Menschen etwas schuldig, ich zahle dem Staat oder der Gesellschaft in Form von Steuern die Entschädigung dafür, daß man mich nicht bestiehlt, nicht verprügelt, nicht totschlägt, mehr aber darf niemand von mir verlangen. Vielleicht bin ich für mich persönlich auch anderer Meinung und will der Menschheit dienen, und werde es auch wirklich, und das vielleicht noch zehnmal mehr, als diese Prediger allesamt. Ich will aber in erster Linie, daß niemand von mir das zu fordern sich unterstehen darf, wie vor ein paar Augenblicken von Herrn Krafft. Es soll mein freier Wille sein, ob ich was tue oder nicht, und daß ich, wenn ich nicht will, nicht einen Finger zu rühren brauche. Aber herumzulaufen und vor lauter Liebe zur Menschheit allen um den Hals zu fallen und vor Rührung in Tränen zu zerfließen – das ist jetzt nur so Mode. Ja, warum soll ich denn unbedingt meinen Nächsten lieben oder da Ihre zukünftige Menschheit, die ich nie sehen werde, die von mir nichts wissen wird und die, wenn an sie die Reihe kommt, ebenfalls spurlos vergehen wird, ohne irgendwelche sichtbare Erinnerung zu hinterlassen (die Zeit spielt hierbei gar keine Rolle), wenn die Erde sich zuletzt in einen Eisblock verwandelt und im luftleeren Raum mit einer unendlichen Anzahl ganz genau solcher Eisblöcke herumfliegen wird, das heißt also, wenn etwas dermaßen Sinnloses geschieht, wie man sich Sinnloseres gar nicht mehr vorstellen kann. Da haben Sie Ihre ganze Lehre! So sagen Sie mir doch, warum soll ich denn unbedingt edel sein, und noch dazu, wenn doch alles nur eine Minute dauert?“

„Bah!“ ließ sich wieder die Stimme vernehmen.

Ich hatte das alles nervös und geärgert hervorgestoßen, als hätte ich alle Stricke mit einem Ruck zerrissen. Ich fühlte und wußte, daß ich, bildlich gesprochen, in eine Grube fiel, aber ich hielt mich nicht zurück, im Gegenteil, ich drängte mich vorwärts, ich überstürzte mich, denn ich fürchtete, unterbrochen zu werden. Ich fühlte es ja selbst nur zu gut, daß ich alles das wie durch ein Sieb aus mir herausschüttete, ohne Zusammenhang, ohne darauf zu achten, daß ich vom Hundertsten ins Tausendste geriet, aber es drängte mich, und ich beeilte mich, sie zu überzeugen, sie alle zu besiegen. Das war so wichtig für mich! Ich hatte mich drei Jahre lang vorbereitet! Eines war aber dabei doch bemerkenswert: sie verstummten plötzlich alle, ja, sie erwiderten so gut wie nichts, sondern hörten nur zu. Ich fuhr fort, und wieder wandte ich mich an den Lehrer.

„Ja. Ein äußerst kluger Mensch hat einmal unter anderem gesagt, daß nichts schwerer sei, als auf die Frage zu antworten: ‚Warum soll ich unbedingt edel sein?‘ Sehen Sie, es gibt drei Arten Schufte in der Welt: erstens die naiven Schufte – das sind die, die überzeugt sind, daß ihre Schuftigkeit der höchste Edelmut sei; zweitens die verschämten Schufte – das sind die, die sich der eigenen Schuftigkeit zwar schämen, dabei aber doch bei ihrer Schuftigkeit unbedingt verharren. Und schließlich einfach Schufte, sagen wir: echte Schufte oder Vollblutschufte. Erlauben Sie: ich hatte einen Schulkameraden, einen gewissen Lambert, der sagte mir mal, als er erst sechzehnjährig war, daß er, sobald er mit seiner Mündigkeit sein Erbe erhalte, als größtes Vergnügen sich die Wonne leisten werde, Hunde mit Brot und Fleisch zu füttern, wenn die Kinder der Armen Hungers sterben; und wenn sie nichts hätten, womit sie ihre Öfen heizen könnten, werde er einen ganzen Holzhof kaufen, das Holz auf freiem Felde aufstapeln und das Feld heizen, den Armen aber werde er kein Scheit geben. Das waren seine Gefühle! Nun sagen Sie mir, bitte, was ich einem solchen echten Schuft auf die Frage, warum er denn unbedingt edel sein müsse, antworten könnte? Und das noch dazu jetzt, in unserer Zeit, in der Sie doch alles so entstellt haben, daß man überhaupt nicht mehr weiß, woran man sich halten soll, denn etwas Schlimmeres als das, was jetzt ist, hat es noch nie gegeben. Ja, meine Herren, ich kann wohl sagen, daß in unserer Gesellschaft heute nichts weniger als Klarheit herrscht. Sie leugnen doch Gott, Sie leugnen den Tatendrang, – ja, was für eine taube, blinde, stumpfe Macht kann mich dann dazu bewegen, so zu handeln, wenn es für mich anders vorteilhafter ist? Sie sagen: ein vernünftiges Verhältnis zur Menschheit sei auch für mich am vorteilhaftesten. Aber wenn mir nun diese Vernünftigkeit als Unvernunft erscheint, alle diese Kasernen und Phalansterien? So hol’ sie doch der Teufel, was gehen sie mich an, sie, wie die ganze Zukunft überhaupt, wenn ich im ganzen nur ein einziges Mal auf der Welt lebe! Erlauben Sie mir, selbst besser zu wissen, was für mich am vorteilhaftesten ist, – so hat man auch mehr davon. Was geht es mich an, was nach tausend Jahren mit dieser Ihrer Menschheit sein wird, wenn mir für das, was Sie ‚vernünftiges Verhältnis zur Menschheit‘ nennen, nach Ihrem Kodex weder Liebe, noch ein Jenseits, noch die Anerkennung, daß ich eine große Tat vollbracht, zuteil wird? Nein, ich danke, wenn das so ist. Da werde ich doch lieber in der rücksichtslosesten Weise nur für mich leben, und die übrigen mag meinetwegen der Teufel holen!“

„Ein prachtvoller Wunsch!“

„Übrigens bin ich jederzeit bereit, mit von der Partie zu sein.“

„Noch besser!“ (Immer dieselbe Stimme.)

Die anderen schwiegen nach wie vor und musterten mich mehr oder weniger unverhohlen; doch schon glaubte ich, irgendwoher ein Kichern zu vernehmen, allerdings leise noch, aber sie grinsten mir alle ganz offen ins Gesicht. Nur Wassin und Krafft taten es nicht. Jener mit dem schwarzen Backenbart lächelte gleichfalls; dabei sah er mich die ganze Zeit unausgesetzt an und hörte aufmerksam zu.

„Meine Herren,“ fuhr ich fort, und ich zitterte schon am ganzen Körper, „glauben Sie nicht, daß ich Ihnen meine Idee preisgeben werde, das tue ich um nichts in der Welt. Aber ich werde Sie dafür von Ihrem Standpunkte aus fragen – glauben Sie nicht, ich fragte von meinem eigenen aus, denn ich liebe die Menschheit vielleicht tausendmal mehr, als Sie alle zusammengenommen! So sagen Sie mir doch – und Sie müssen mir jetzt Rede stehen, Sie sind verpflichtet, mir zu antworten, weil Sie lachen, – sagen Sie: Wodurch wollen Sie mich gewinnen, wodurch mich verlocken, daß ich mich Ihnen anschließe? Sagen Sie doch, womit Sie mir beweisen wollen, daß es bei Ihnen besser sein werde? Was werden Sie denn in Ihrer Kaserne mit dem Protest meiner Persönlichkeit anfangen? Ich habe, meine Herren, schon lange den Wunsch gehabt, mit Ihnen einmal zusammenzukommen. Sie werden dort in Ihrer Zukunft Kasernenbauten, gemeinsame Wohnungen, stricte nécessaire,[21] Atheismus und gemeinsame Frauen ohne Kinder haben, – das ist doch Ihr Finale, ich weiß es ja schon. Und für ein solches Leben, für dies bißchen Durchschnittsvorteil, den mir Ihre Vernünftigkeit sicherstellt, für einen satten Magen und ein warmes Zimmer – dafür fordern Sie von mir als Preis meine ganze Persönlichkeit! Erlauben Sie: nehmen wir an, ein anderer nimmt mir dort meine Frau fort: wollen Sie mir dann auch meine Persönlichkeit so weit nehmen, daß ich dem Gegner nicht den Schädel einschlagen darf? Sie werden mir jetzt darauf erwidern, ich würde dort schon ganz von selbst um so viel vernünftiger werden, daß ich unter diesen Umständen gar nicht mehr ein solches Verlangen verspüren könnte. Aber was wird denn die Frau zu einem so vernünftigen Manne sagen, wenn sie auch nur ein Atom von Selbstachtung hat? Das ist doch widernatürlich! Schämen sollten Sie sich!“

„Sie sind wohl, was Frauen betrifft – Spezialist?“ ertönte geradezu schadenfroh wieder die Stimme des Nichtswürdigen.

Einen Moment war ich im Begriff, mich auf ihn zu stürzen und meine Fäuste zu gebrauchen. Er war klein von Wuchs, rothaarig, mit Sommersprossen … Übrigens zum Teufel mit seinem ganzen Äußeren!

„Beruhigen Sie sich, ich habe noch nie ein Weib gekannt,“ versetzte ich schneidend, indem ich mich zum erstenmal an ihn wandte.

„Ein kostbares Bekenntnis, nur hätte es im Hinblick auf die anwesenden Damen etwas rücksichtsvoller ausfallen können!“

Doch da gerieten plötzlich alle in Bewegung: man griff nach den Hüten und brach auf – natürlich nicht meinetwegen, sondern einfach, weil es für sie alle an der Zeit war. Aber das Beschämende, das in ihrem schweigenden Verhalten zu mir lag, empfand ich bis zur Pein. Ich sprang natürlich sofort auf, um mich gleichfalls zu verabschieden.

„Erlauben Sie einstweilen, daß ich mich nach Ihrem Namen erkundige; Sie haben mich die ganze Zeit angesehen,“ sagte da der Lehrer, indem er mit dem gemeinsten Lächeln auf mich zutrat.

„Dolgoruki.“

„Fürst Dolgoruki?“

„Nein, einfach Dolgoruki, gesetzlich der Sohn des ehemaligen Leibeigenen Makar Dolgoruki, und in Wirklichkeit der uneheliche Sohn meines früheren Gutsherrn Werssiloff. – Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren: ich sagte das durchaus nicht, damit Sie mir gleich um den Hals fallen und wir alle vor lauter Rührung wie die Kälber zu heulen anfangen!“

Schallendes, ungeniertestes Gelächter war die Antwort, so daß der im Nebenzimmer eingeschlafene Säugling aufwachte und mit schwachem Stimmchen zu schreien begann. Ich bebte vor Wut. Alle drückten sie Dergatschoff die Hand und entfernten sich, ohne mich überhaupt noch zu beachten.

„Gehen wir,“ sagte Krafft, und er berührte mich am Arm. Ich trat auf Dergatschoff zu und drückte ihm aus aller Kraft die Hand und schüttelte sie außerdem noch ein paarmal gleichfalls aus aller Kraft.

„Entschuldigen Sie, daß Kudrjumoff (so hieß der Rothaarige) Sie die ganze Zeit gekränkt hat,“ sagte Dergatschoff zu mir.

Ich folgte Krafft, der schon hinaustrat. Ich schämte mich nicht im geringsten.

VI.
Selbstverständlich ist zwischen dem Menschen, der ich damals war, und dem, der ich jetzt bin, ein unermeßlicher Unterschied.

Als ich hinaustrat, fuhr ich noch fort, ‚mich nicht im geringsten zu schämen‘, und holte auf der Treppe Wassin ein, während ich Krafft, der mich im Augenblick weniger interessierte, vorausgehen ließ. Und als wäre nichts vorgefallen, fragte ich Wassin mit der unbefangensten Miene der Welt:

„Ich glaube, Sie kennen meinen Vater, ich meine Werssiloff?“

„Ich bin eigentlich nicht gerade bekannt mit ihm,“ antwortete mir Wassin sogleich mit größter Bereitwilligkeit (und ohne die geringste Spur von jener kränkenden, ganz besonderen Höflichkeit, die sonst zartfühlende Leute an den Tag zu legen pflegen, wenn sie mit einem, der sich gerade blamiert hat, sprechen müssen) „– aber ich kenne ihn immerhin ein wenig: ich bin mit ihm zusammengekommen und habe ihn reden hören.“

„Nun, dann kennen Sie ihn natürlich, denn Sie – sind eben Sie! Was halten Sie von ihm? Verzeihen Sie meine vorschnelle Frage, aber ich muß es wissen. Gerade wie Sie über ihn denken, gerade Ihre Meinung ist für mich von größter Wichtigkeit.“

„Sie fragen etwas viel auf einmal. Ich glaube, dieser Mensch ist fähig, ungeheure Anforderungen an sich selbst zu stellen und sie vielleicht auch zu erfüllen, – nur ist er ein Mensch, der keinem Rechenschaft gibt.“

„Das ist richtig, das ist sehr richtig, er ist wirklich ein sehr stolzer Mensch! Aber ist er auch ein reiner Mensch? Hören Sie, was halten Sie von seinem Katholizismus? Übrigens, ich vergaß, Sie wissen vielleicht noch nichts davon …“

Wenn ich nicht so erregt gewesen wäre, hätte ich ihn wohl nicht so überrumpelt mit meinen Fragen, wenigstens ihn nicht so blindlings mit ihnen angerannt, zumal ich doch nur durch andere von ihm gehört, aber noch nie persönlich mit ihm gesprochen hatte. Es wunderte mich nur, daß Wassin meine Verrücktheit gar nicht zu bemerken schien.

„Ich habe allerdings davon gehört, nur weiß ich nicht, wieviel daran Wahres ist,“ antwortete er ebenso ruhig und in ganz demselben Ton, wie er vorher gesprochen hatte.

„Nichts! Kein Wort! – glauben Sie mir. Das ist einfach eine Verleumdung! Hielten Sie es denn wirklich für möglich, daß er an Gott glauben könnte?“

„Er ist … ein sehr stolzer Mensch, wie Sie soeben selbst sagten, viele aber von diesen sehr Stolzen lieben es, an einen Gott zu glauben, besonders diejenigen, die für die übrigen Menschen eine gewisse Verachtung empfinden. Viele starke Menschen haben, wie mir scheint, geradezu ein natürliches Bedürfnis, jemand oder etwas zu finden, vor dem sie sich beugen können. Für einen starken Menschen ist es oft sehr schwer, seine eigene Stärke zu ertragen.“

„Hören Sie, das ist, glaube ich, eine grandiose Wahrheit!“ rief ich wieder ganz begeistert aus, „nur begreife ich nicht …“

„Der Grund ist hier doch ziemlich klar: sie wählen Gott, um sich nicht vor Menschen zu beugen; – natürlich ohne selbst zu ahnen, was sie innerlich dazu bewegt. Vor Gott sich zu beugen, ist für ihren Stolz nicht so erniedrigend. Man kann wohl sagen, daß aus ihrer Mitte die inbrünstigsten Gläubigen hervorgehen – oder richtiger: solche, die den inbrünstigsten Wunsch haben, zu glauben, und diesen Wunsch schon für den Glauben selbst halten. Gerade von diesen sind viele zum Schluß enttäuscht. Was Herrn Werssiloff betrifft, so denke ich, daß zu seinen Charakterzügen auch eine ungewöhnliche Aufrichtigkeit gehört. Und überhaupt hat er mein Interesse erweckt.“

„Wassin, Sie ahnen gar nicht, was für eine Freude Sie mir damit machen, daß Sie sich in dieser Weise über ihn äußern!“ rief ich. „Ich wundere mich nicht über Ihren Verstand und Ihre Urteilskraft, ich wundere mich vielmehr darüber, wie Sie, der Sie doch als Mensch so rein sind und so unermeßlich hoch über mir stehen, – wie Sie jetzt hier so mit mir gehen und so einfach und freundlich mit mir sprechen können, ganz als wäre nichts passiert!“

Wassin lächelte.

„Sie äußern sich doch wohl etwas zu überschwenglich über mich. Passiert ist dort nur das, daß Sie gar zu sehr abstrakte Gespräche lieben. Sie haben wahrscheinlich bis heute sehr lange geschwiegen.“

„Ich habe drei Jahre geschwiegen, ich habe mich drei Jahre lang vorbereitet zu sprechen … Als Dummkopf konnte ich Ihnen natürlich nicht erscheinen, dazu sind Sie selbst viel zu klug – obschon man sich schwerlich noch dümmer benehmen kann, als ich es vorhin tat. Dafür aber haben Sie mich für einen Schuft halten müssen!“

„Für einen Schuft?“

„Ja, zweifellos! Sagen Sie, verachten Sie mich denn nicht im stillen wegen meiner Mitteilung, daß ich Werssiloffs unehelicher Sohn bin … und wegen meiner Prahlerei, daß ich nach dem Gesetz der Sohn eines Leibeigenen bin?“

„Sie quälen sich selbst zu viel. Wenn Sie finden, daß es nicht gut war, so brauchen Sie es einfach ein nächstes Mal nicht wieder zu tun. Sie haben noch fünfzig Jahre vor sich.“

„Oh, ich weiß! – ich weiß, daß ich unter Menschen sehr schweigsam sein muß. Das schmählichste von allen Lastern ist – sich anderen an den Hals zu werfen. Das habe ich denen dort soeben erst gesagt, und da werfe ich mich hier schon wieder Ihnen an den Hals! Aber es ist doch ein Unterschied, es ist doch einer, nicht? Wenn Sie aber diesen Unterschied begreifen, wenn Sie fähig sind, ihn zu begreifen, so werde ich diese Stunde segnen!“

Wassin lächelte wieder.

„Besuchen Sie mich, wenn Sie Lust haben,“ sagte er. „Ich habe jetzt zwar eine Arbeit vor und bin sehr beschäftigt, aber Sie werden mir trotzdem eine Freude machen, wenn Sie kommen.“

„Als ich Sie vorhin sah, glaubte ich aus Ihrem Gesicht zu ersehen, daß Sie ein übermäßig charakterfester und unmitteilsamer Mensch sind.“

„Das ist vielleicht sehr richtig. Ich habe Ihre Schwester Lisaweta Makarowna im vorigen Jahr in Luga kennen gelernt … Krafft ist stehengeblieben und wartet auf Sie, wie’s scheint. Er muß hier von meinem Wege abbiegen.“

Ich drückte Wassin kräftig die Hand und holte mit schnellen Schritten Krafft ein, der die ganze Zeit, während ich mit Wassin sprach, außer Hörweite uns vorangegangen war. Schweigend gingen wir bis zu seiner Wohnung. Ich wollte und konnte noch nicht mit ihm sprechen. Im Charakter Kraffts war aber einer der hervortretendsten Züge ungeheures Zartgefühl.

Viertes Kapitel.
I.
Krafft hatte früher irgendwo eine Stellung gehabt, war aber gleichzeitig dem verstorbenen Andronikoff bei der Führung verschiedener Privatgeschäfte, mit denen sich dieser beständig noch neben seiner Amtstätigkeit befaßt hatte, behilflich gewesen (natürlich gegen eine materielle Entschädigung). Für mich war es nun von besonderer Wichtigkeit, daß Krafft, eben als ehemaliger Mitarbeiter Andronikoffs, in vieles von dem, was mich so sehr interessierte, eingeweiht sein konnte. Außerdem hatte mir Marja Iwanowna gesagt – die Frau Nikolai Ssemjonowitschs, bei dem ich als Gymnasiast lange Jahre gelebt habe, und die als leibliche Nichte und Pflegetochter Andronikoffs dessen Liebling gewesen war –, daß Krafft sogar „beauftragt“ sei, mir etwas zu übergeben. Deshalb hatte ich denn auch den ganzen Monat mit Spannung auf ihn gewartet.

Er lebte in einer kleinen Wohnung von zwei Zimmern, wohnte dort ganz allein, und jetzt, nach der Rückkehr von der Reise, sogar ohne Bedienung. Sein Koffer war zwar schon aufgeschlossen, doch noch nicht ausgepackt; ein Teil der Sachen lag auf den Stühlen umher, und auf dem Tisch vor dem Sofa lagen ein Reisesack, ein Necessaire, ein Revolver und noch verschiedenes andere. Als wir eintraten, war Krafft tief in Gedanken versunken und schien mich ganz vergessen zu haben; ja, vielleicht war es ihm überhaupt nicht zum Bewußtsein gekommen, daß ich unterwegs nicht mit ihm gesprochen hatte. Er begann sogleich irgend etwas zu suchen, doch als er dabei zufällig in den Spiegel sah, blieb er stehen und betrachtete sich eine ganze Weile aufmerksam. Das fiel mir zwar als sonderbar auf (und später habe ich mich alles dessen nur zu gut erinnert), aber in jenem Augenblick war ich sehr niedergeschlagen und verwirrt. Ich hatte nicht die Kraft, meine Gedanken zu konzentrieren. Plötzlich wollte ich kurz entschlossen fortgehen und „die ganze Sache für immer aufgeben“. Ja, und was war denn das alles, genau genommen? War es nicht eine ganz unnützerweise mir von mir selbst eingeredete Sorge? Der Gedanke war zum Verzweifeln, daß ich hier einzig aus Sentimentalität eine Menge Energie auf wertlose Kleinigkeiten verschwendete, während eine so große Aufgabe, wie ich sie vor mir sah, meiner ganzen Energie restlos bedurfte. Indessen aber hatte sich meine Unfähigkeit zu einer ernsten Sache, wie mir schien, durch das, was bei Dergatschoff geschehen war, schon selbst ein glänzendes Zeugnis ausgestellt.

„Sagen Sie, Krafft, werden Sie jemals wieder zu diesen da … hingehen?“ fragte ich ihn plötzlich. Er wandte sich langsam zu mir und sah mich an, als verstünde er mich nicht recht. Ich setzte mich auf einen Stuhl.

„Verzeihen Sie ihnen!“ sagte er da auf einmal.

Ich hielt das im ersten Augenblick natürlich für Spott; doch wie ich ihn prüfend ansah, gewahrte ich in seinem Gesicht einen Ausdruck so seltsamer und erstaunlicher Treuherzigkeit, daß es mich selber wundernahm, wie er mich denn so im Ernst hatte bitten können, ihnen zu „verzeihen“. Er nahm einen Stuhl und setzte sich neben mich.

„Ich weiß es selbst, daß ich vielleicht nur ein Konglomerat aller Ehrgeize bin und nichts weiter,“ begann ich, „aber um Verzeihung bitte ich nicht.“

„Und es ist ja auch niemand da, den Sie bitten könnten,“ sagte er ernst und leise. Er sprach die ganze Zeit leise und sehr langsam.

„Mag ich auch tausendmal vor mir selber schuldig sein … Ich liebe es, mich vor mir schuldig zu fühlen … Krafft, verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht die Wahrheit sage! – Sagen Sie, gehören Sie denn wirklich auch zu diesem Kreise? Das war es, was ich Sie fragen wollte.“

„Die dort sind nicht dümmer als andere und nicht klüger; sie sind – geisteskranke Menschen wie alle.“

„Sind denn alle geisteskrank?“ Ich wandte mich zu ihm und sah ihn mit unwillkürlicher Neugier an.

„Von den besseren sind jetzt alle geisteskrank. In jubilo gelebt wird nur von der geistigen Mittelmäßigkeit und Unbegabtheit … Übrigens, wozu davon reden, es lohnt ja nicht.“

Während er sprach, schaute er vor sich in die Luft, jedoch ohne etwas zu sehen, begann seine Sätze und brach sie wieder ab. Was mir ganz besonders auffiel, war eine gewisse wehmütige Mutlosigkeit in seiner Stimme.

„Sollte auch Wassin zu ihnen gehören? In Wassin steckt Verstand, Wassin hat eine sittliche Idee!“ rief ich.

„Sittliche Ideen gibt es jetzt überhaupt nicht; plötzlich erwies es sich, daß keine einzige vorhanden war, und die Hauptsache, es ist, als hätte es auch früher nie welche gegeben.“

„Wie, auch früher nicht?“

„Lassen wir dies lieber,“ sagte er sichtlich ermüdet.

Sein trauriger Ernst ging mir nahe. Ich schämte mich meiner Selbstsucht und versuchte, auf seinen Ton einzugehen.

„Unsere Zeit,“ begann er selbst wieder nach einer Weile, dabei immer noch vor sich in die Luft starrend, „unsere Zeit ist das Zeitalter der goldenen Mittelmäßigkeit und der Gefühlsstumpfheit, der größten Vorliebe für Unwissenheit und Faulheit, ist das Zeitalter der Unfähigkeit zur Tat und des Verlangens, alles fertig vorzufinden. Kein Mensch denkt nach; selten bringt es jemand bis zu einer eigenen Idee.“

Er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:

„Jetzt fällen sie in Rußland die Wälder, erschöpfen den Boden, verwandeln das Land in eine Steppe und bereiten es für die Kalmücken vor. Sollte aber ein Mensch noch Hoffnung haben und einen jungen Baum pflanzen – da würden sie ihn einfach auslachen: ‚Wirst du denn noch bis zur Nutznießung leben?‘ Die aber, die das Gute wollen, die verbringen ihr Leben in Debatten über das, was nach tausend Jahren sein wird. Jede festigende Idee fehlt den Menschen. Alle sind wie auf einer Bahnstation, und es ist, als müßten sie morgen schon hinaus aus Rußland, alle leben, als dächten sie: wenn’s nur für uns noch langt!“

„Erlauben Sie, Krafft, Sie sagten: die das Gute wollen, die dächten nur daran, was nach tausend Jahren sein wird. Nun, aber Ihr Verzweifeln … an Rußlands Schicksal … ist das – ist das nicht eine Sorge von derselben Art?“

„Das – das ist die erste und wichtigste Frage, die es für uns heute überhaupt gibt!“ stieß er gereizt hervor und erhob sich schnell.

„Ach so! Da hätte ich es fast vergessen!“ sagte er plötzlich, wie sich besinnend und mit ganz anderer Stimme, und dabei sah er mich wie selbst überrascht und gleichsam zweifelnd an. „Ich habe Sie wegen einer bestimmten Angelegenheit zu mir gebeten, und statt dessen … Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung.“

Es war, als wäre er aus einem Traum erwacht und deshalb etwas verwirrt. Er entnahm seinem Portefeuille, das auf dem Tisch lag, einen Brief und übergab ihn mir.

„Dies hier sollte ich Ihnen einhändigen. Dieser Brief hat die Bedeutung eines Dokuments, das von einer gewissen Wichtigkeit ist,“ begann er, sichtlich mit konzentrierter Aufmerksamkeit und sehr sachlich. Lange nachher habe ich ihn noch in der Erinnerung bewundern müssen wegen dieser seiner Fähigkeit, sich mit so aufrichtiger Teilnahme (und das noch in diesen Stunden!) einer fremden Angelegenheit widmen, so ruhig und gewissenhaft und unbeirrt den Sachverhalt klarlegen zu können.

„Es ist das ein Brief von eben jenem Stolbejeff, nach dessen Tode es wegen seiner Nachlassenschaft zwischen Werssiloff und den Fürsten Ssokolski zum Prozeß gekommen ist. Die Sache ist noch nicht entschieden, aber aller Voraussicht nach wird das Gericht die Erbschaft Werssiloff zusprechen; für ihn spricht jedenfalls das Gesetz. In diesem Brief aber, einem Privatbrief, der vor zwei Jahren geschrieben ist, spricht der verstorbene Stolbejeff seinen Willen in betreff des Vermächtnisses aus, oder richtiger gesagt, seinen Wunsch, und das eher zugunsten der Fürsten als zugunsten Werssiloffs. Wenigstens erhalten die Punkte, auf die sich die Fürsten bei der Anfechtung des Testaments berufen, durch diesen Brief eine starke Stütze. Werssiloffs Gegner würden deshalb viel für dieses Dokument geben, obschon dasselbe, wie gesagt, noch längst nicht von entscheidender Bedeutung ist. Alexei Nikanorowitsch Andronikoff, der sich mit Werssiloffs Angelegenheiten befaßte, bewahrte diesen Brief bei sich auf, und erst kurz vor seinem Tode gab er ihn mir mit der Bitte, ihn bei mir ‚aufzubewahren‘, – vielleicht fürchtete er für seine Papiere, da er seinen Tod wohl voraussah. Übrigens will ich mich nicht in Mutmaßungen über seine Beweggründe zu dieser Handlungsweise ergehen, aber – ich muß gestehen, daß ich mich nach seinem Tode in einer peinigenden Ungewißheit befand: ich wußte nicht, was ich mit diesem Dokument anfangen sollte, besonders da die gerichtliche Entscheidung in diesem Prozeß schon so nahe bevorstand. Aus dieser schwierigen Situation befreite mich zum Glück Marja Iwanowna, der Andronikoff bei seinen Lebzeiten, wie mir scheint, vieles anvertraut hat. Sie schrieb mir – ungefähr vor drei Wochen – mit aller Bestimmtheit, ich solle den Brief gerade Ihnen übergeben, das würde ‚wahrscheinlich‘ (dies ist ihr Ausdruck) auch mit dem Wunsch des verstorbenen Andronikoff übereinstimmen. So, und nun habe ich das Dokument Ihnen eingehändigt, und es freut mich sehr, daß ich das endlich habe tun können.“

„Hören Sie mal,“ sagte ich, noch ganz bestürzt durch diese unerwartete Neuigkeit, „aber was soll ich denn jetzt mit diesem Brief anfangen? Wie soll ich handeln?“

„Das hängt nun schon von Ihrem Ermessen ab; ganz wie Sie wollen.“

„Unmöglich, ich bin doch entsetzlich gebunden, das müssen Sie doch selbst zugeben! Werssiloff hat so auf diese Erbschaft gewartet … und wissen Sie, ohne diese Hilfe ist er einfach verloren – und da existiert nun plötzlich dieses Dokument!“

„Es existiert nur hier, in diesem Zimmer.“

„Ist das wirklich so?“ Ich sah ihn scharf an.

„Wenn Sie in diesem Fall nicht selber wissen, wie Sie handeln sollen, was kann ich Ihnen dann noch raten?“

„Aber dem Fürsten Ssokolski kann ich den Brief doch auch nicht geben: damit würde ich alle Hoffnungen Werssiloffs zerstören, und überdies würde ich dann geradezu als Verräter vor ihm dastehen … Andererseits, wenn ich den Brief Werssiloff gebe, so stürze ich Unschuldige in die größte Armut, und ihn selbst brächte ich in eine Zwangslage, aus der es keinen anderen Ausweg gibt, als – entweder auf die Erbschaft verzichten oder Diebstahl begehen.“

„Sie überschätzen die Bedeutung des Briefes gar zu sehr.“

„Sagen Sie mir eines: hat dieser Brief als Dokument einen endgültig entscheidenden Charakter?“

„Nein, den hat er nicht. Ich bin kein großer Jurist, aber der Anwalt der Gegenpartei würde natürlich wissen, wie er sich dieses Dokuments zu bedienen hätte, und selbstverständlich würde er den größtmöglichen Nutzen aus ihm herausschlagen; aber Andronikoff behauptete positiv, daß dieser Brief, wenn er vorgezeigt werden sollte, doch von keiner großen juridischen Bedeutung wäre, so daß Werssiloff dennoch den Prozeß gewinnen könnte. Die Bedeutung dieses Dokuments ist also, wenn man will, eher unter dem Gesichtswinkel einer Gewissenssache aufzufassen …“

„Ja, aber gerade das ist doch das wichtigste,“ unterbrach ich ihn, „eben deshalb käme Werssiloff in eine rettungslose Lage!“

„Er kann ja das Dokument auch vernichten, und dann wäre er, im Gegenteil, von aller Gefahr befreit.“

„Haben Sie besondere Gründe, eine solche Handlungsweise von ihm zu erwarten, Krafft? Das ist es, was ich wissen will: deshalb bin ich auch hier bei Ihnen!“

„Ich glaube, an seiner Stelle würde ein jeder so handeln.“

„Und Sie – Sie auch?“

„Mir fallen keine Erbschaften zu, daher kann ich es von mir nicht sagen.“

„Nun gut,“ sagte ich und steckte den Brief in die Tasche. „Diese Sache mag vorläufig abgetan sein. Aber jetzt hören Sie mich an, Krafft. Marja Iwanowna, die mir übrigens – ich versichere Sie – vieles anvertraut hat, sagte mir, nur Sie, Sie allein könnten mir die Wahrheit darüber sagen, was sich vor anderthalb Jahren in Ems zwischen Werssiloff und den Achmakoffs zugetragen hat. Ich habe auf Sie gewartet wie auf die Sonne, die mir alles erhellen werde. Sie kennen meine Lage nicht. Ich bitte, ich beschwöre Sie, Krafft, sagen Sie mir die ganze Wahrheit! Ich will, ich muß wissen, was für ein Mensch er ist, und jetzt – gerade jetzt ist das für mich mehr als je von allergrößter Wichtigkeit.“

„Es wundert mich, daß Marja Iwanowna Ihnen nicht selbst alles gesagt hat; sie konnte doch alles vom verstorbenen Andronikoff erfahren, und natürlich hat sie das auch, weshalb sie vielleicht mehr weiß als ich.“

„Ja, aber Andronikoff habe in dieser Sache selbst nicht ganz klar gesehen, sagte sie mir. Wie mir scheint, kann überhaupt kein Mensch diese verworrene Geschichte entwirren! Da würde selbst der Teufel mit den Beinen im Garn stecken bleiben! Von Ihnen aber weiß ich, daß Sie damals gleichfalls in Ems waren …“

„Nicht die ganze Zeit. Erst zum Schluß. Doch was ich weiß, kann ich Ihnen ja erzählen, nur fragt es sich, ob ich Sie damit zufriedenstellen werde?“

II.
Ich will das, was er mir damals erzählte, nicht wortgetreu wiedergeben, sondern beschränke mich auf eine gekürzte Darstellung des Sachverhalts, soweit ihm dieser bekannt war.

Vor anderthalb Jahren war Werssiloff mit der Familie Achmakoff, die er durch den alten Fürsten Ssokolski kennen gelernt hatte (alle hielten sich zu der Zeit in Bad Ems auf), sehr befreundet gewesen und hatte namentlich auf den General Achmakoff einen großen Eindruck gemacht. Der General war noch kein alter Mann, hatte aber in den drei Jahren seiner Ehe bereits die ganze große Mitgift seiner zweiten Frau, der Tochter des alten Fürsten Ssokolski, Katerina Nikolajewna, am Kartentisch verspielt, und infolge seines zügellosen Lebens schon einen Schlaganfall gehabt. Von diesem Schlaganfall erholte er sich im Auslande, in Ems aber lebte er wegen seiner Tochter, des einzigen Kindes aus seiner ersten Ehe. Es war das ein kränkliches Mädchen von siebzehn Jahren, brustleidend, und wie man erzählt, soll sie sehr schön gewesen sein, zugleich aber auch ungeheuer phantastisch. Eine Mitgift besaß sie nicht, doch man hoffte auch in der Beziehung, wie überhaupt, auf den alten Fürsten. Von Katerina Nikolajewna heißt es allgemein, daß sie eine gute Stiefmutter gewesen sei. Aber das junge Mädchen hing aus irgendeinem Grunde mit rührender Liebe an Werssiloff. Er predigte damals „etwas Leidenschaftliches“, wie Krafft sich ausdrückte, irgendein neues Leben, und war „im höheren Sinne religiös gestimmt“, nach einem seltsamen und vielleicht sogar spöttischen Ausdruck Andronikoffs, der mir auch von anderer Seite wiedergegeben worden ist. Merkwürdig bleibt aber trotzdem, daß ihn bald alle nicht mehr mochten. Ja, der General begann ihn sogar zu fürchten. Krafft stellte auch das Gerücht durchaus nicht in Abrede, wonach es Werssiloff gelungen sei, den kranken General mittelbar auf den Gedanken zu bringen, daß Katerina Nikolajewna gegen den jungen Fürsten Ssokolski, der damals schon Ems verlassen und sich nach Paris begeben hatte, nicht gleichgültig sei. Gesagt habe er ihm das nicht offen und unmißverständlich, sondern „nach seiner Art“, mit mehr allgemein gehaltenen Betrachtungen, Andeutungen und in ihrer Wirkung fein berechneten indirekten Bemerkungen, „in welcher Kunst er ja ein großer Meister ist“, wie Krafft sich ausdrückte. Überhaupt muß ich sagen, daß Krafft ihn eher für einen Betrüger und geborenen Intriganten hielt und halten wollte, als für einen wirklich von etwas Höherem erfüllten oder auch nur originellen Menschen. Ich hatte allerdings schon in Moskau gehört, daß Werssiloff anfangs einen ungeheueren Einfluß auf Katerina Nikolajewna gehabt, später sich aber mit ihr verfeindet habe. Wie es dazu gekommen und was hierbei mit im Spiel gewesen war, konnte ich nun leider auch von Krafft nicht erfahren. Er bestätigte nur, was ich schon wußte: daß beide nach ihrer großen Freundschaft die größten Feinde geworden waren. Dann aber war etwas sehr Sonderbares geschehen: die kranke Stieftochter der Katerina Iwanowna hatte sich augenscheinlich in Werssiloff verliebt; vielleicht war sie durch irgend etwas an ihm bestrickt worden, oder seine Worte hatten sie begeistert, oder – ja, ich weiß nicht, wie das zu erklären wäre. Jedenfalls aber hat Werssiloff eine Zeitlang jeden Tag bei dem jungen Mädchen verbracht. Es endete damit, daß das Mädchen eines Tages dem Vater erklärte, Werssiloff heiraten zu wollen. Diese Tatsache haben mir alle bestätigt, sowohl Krafft wie Andronikoff und Marja Iwanowna; und sogar der verschwiegenen Tatjana Pawlowna ist einmal in meiner Gegenwart unbedachterweise eine diesbezügliche Bemerkung entschlüpft. Desgleichen sagten alle übereinstimmend aus, daß Werssiloff die Ehe mit dem jungen Mädchen nicht nur gewünscht, sondern auf diesem Wunsch sogar unbedingt bestanden habe, und das Einverständnis dieser beiden so ungleichartigen Geschöpfe, des älteren Mannes und des kindlichen Mädchens, somit ein beiderseitiges gewesen sei. Aber den Vater erschreckte dieser Gedanke; er hatte, seitdem seine einst heiße Liebe zu Katerina Nikolajewna zu erkalten begann, seine Tochter fast zu vergöttern angefangen, besonders nach seinem Schlaganfall. Doch als erbittertste Gegnerin einer solchen Ehe war Katerina Nikolajewna selbst aufgetreten. Es kam zu unzähligen, meist heimlichen und höchst unerquicklichen Familienszenen, zu Streit und Kränkungen und – nun, mit einem Wort, zu verschiedenen Gemeinheiten. Der Vater begann schließlich nachzugeben, als er die Hartnäckigkeit seiner verliebten und, wie Krafft sich ausdrückte, „von Werssiloff fanatisierten“ Tochter sah. Aber Katerina Nikolajewna blieb bei ihrem Widerstand, und das sogar mit unerbittlichem Haß. Was nun weiter geschehen ist oder geschehen sein soll, ist eine Verwicklung, die niemand ganz verstehen kann. Ich kann nur wiedergeben, wie Krafft das Ganze auf Grund der ihm bekannten Tatsachen zu deuten versuchte, nur ist seine Auslegung bloß eine von vielen.

Er meinte, Werssiloff habe dem jungen Mädchen auf seine Art fein und glaubwürdig einzuflüstern verstanden, daß Katerina Nikolajewna nur deshalb so sehr gegen diese Heirat sei, weil sie sich selbst in ihn verliebt habe und ihn schon seit langer Zeit mit ihrer Eifersucht quäle, ihn verfolge, intrigiere, ihm sogar schon ihre Liebe gestanden habe und ihn jetzt aus Haß, weil er eine andere liebgewonnen, womöglich umzubringen fähig sei, – kurz, eine häßliche Einflüsterung von ungefähr dieser Art. Noch viel häßlicher war aber die Vermutung, er habe das auch dem General, dem Gatten der „ungetreuen“ Frau, „zu verstehen gegeben“, und gleichzeitig auf den Verkehr der Generalin mit dem jungen Fürsten Ssokolski zur Ablenkung der Aufmerksamkeit hingewiesen. Natürlich wurde nun das Familienleben der Achmakoffs zur Hölle. Von anderer Seite hatte ich aber gehört, daß Katerina Nikolajewna ihre Stieftochter innig geliebt habe und über diese Verleumdung geradezu verzweifelt gewesen sei, ganz abgesehen von der Pein des Zusammenseins mit ihrem kranken Mann. Aber es gibt noch eine Variante, der zu meinem Leidwesen auch Krafft am meisten Glauben schenkte, und die – auch ich am glaubwürdigsten fand (von allen diesen Sachen hatte ich schon früher gehört). Es wurde nämlich behauptet (Katerina Nikolajewna soll es Andronikoff selbst gesagt haben), daß, im Gegenteil, Werssiloff schon früher, das heißt noch bevor das junge Mädchen sich in ihn verliebt hatte, Katerina Nikolajewna seine Liebe angetragen habe; sie aber, die früher sein guter Freund und zeitweilig sogar seine glühende Freundin gewesen war, obschon sie ihm beständig nicht ganz getraut und immer widersprochen hatte, soll diese Liebeserklärung Werssiloffs mit Widerwillen vernommen und ihn mit Hohn zurückgewiesen haben. Und nach seinem unverblümten Vorschlag, nach dem bald zu erwartenden zweiten Schlaganfall und Tode ihres Gatten ihn, Werssiloff, zu heiraten, habe sie ihm dann in aller Form die Tür gewiesen. So war es denn nur zu erklärlich, daß Katerina Nikolajewna einen ganz besonderen Abscheu gegen Werssiloff empfand, als sie dann sah, wie er sich kurz darauf ganz unverhohlen um die Hand ihrer Stieftochter bewarb. Marja Iwanowna, die mir das alles in Moskau erzählte, glaubte selbst sowohl an diese wie an jene Variante, d. h. an beide zugleich: sie behauptete sogar ausdrücklich, daß beides sehr wohl gleichzeitig habe geschehen können, das wäre wie la haine dans l’amour,[22] wie gekränkter Liebesstolz beiderseits usw. usw., mit einem Wort, es lief schließlich auf eine an Romane erinnernde allerfeinste Gefühlsverwirrung hinaus, wie sie jedes ernsten und gesund denkenden Menschen unwürdig ist, und der zum Überfluß noch persönliche Gemeinheit beigemischt war. Doch übrigens braucht das, was Marja Iwanowna sagt, noch nicht maßgebend zu sein; ist sie doch von Kindesbeinen an mit Romanen vollgespickt, und noch jetzt liest sie Tag und Nacht Romane, trotz ihres an sich prächtigen Charakters. Kurz, das Endergebnis des Ganzen war, daß man Werssiloffs unzweifelhafte Niederträchtigkeit sah, – dazu ein Gewebe von Lüge und Intrige, etwas Dunkles und Häßliches, um so mehr, als es tatsächlich tragisch endete: das arme verliebte junge Mädchen vergiftete sich, und zwar, wie man erzählt, mit Phosphorstreichhölzern. Nur habe ich bis heute noch nicht festzustellen vermocht, ob dieses Gerücht auf Wahrheit beruht; jedenfalls hat man dasselbe nach Kräften zu vertuschen gesucht. Tatsache ist aber, daß das Mädchen im ganzen zwei Wochen lang krank war und dann starb. So ist die Auslegung mit den Streichhölzern immerhin zweifelhaft geblieben, aber Krafft glaubte dennoch bedingungslos an diese Todesursache. Bald darauf starb auch der General, wie man sagt, infolge der durch den Tod der geliebten Tochter verursachten schmerzlichen Erschütterung, die einen zweiten Schlaganfall hervorrief. Übrigens starb er doch erst drei Monate nach ihrem Tode. Inzwischen aber war der junge Fürst Ssokolski aus Paris nach Ems zurückgekehrt und hatte Werssiloff öffentlich im Kurpark eine Ohrfeige gegeben, war aber von diesem daraufhin nicht gefordert worden; im Gegenteil, Werssiloff war schon am nächsten Tage wieder auf der Promenade erschienen, als wäre nicht das Geringste vorgefallen. Da hatten sich denn alle von ihm abgewandt, was man später in Petersburg gleichfalls tat. Die wenigen, mit denen Werssiloff einen Verkehr noch fortsetzte, gehörten einem ganz anderen Kreise an. In der Gesellschaft wurde er einstimmig verurteilt, obschon kaum jemand näheres über den wahren Sachverhalt wußte: man hatte im Grunde nur von dem romantischen Tode des jungen Mädchens und von der Ohrfeige gehört. Vollständige Kenntnis von der Sachlage, d. h. soweit das möglich war, hatten nur zwei oder drei Personen; am meisten wußte der verstorbene Andronikoff, da er schon jahrelang zu den Achmakoffs in geschäftlichen Beziehungen gestanden hatte, und besonders in einer gewissen Angelegenheit Katerina Nikolajewnas Ratgeber gewesen war. Doch von allen diesen ihm anvertrauten Geheimnissen erfuhr selbst seine Familie nicht das geringste, nur Krafft und Marja Iwanowna teilte er einiges mit, und auch das nur, weil er sich dazu gezwungen sah.

„Die Hauptsache ist hier nun ein gewisses Dokument,“ schloß Krafft seine Mitteilungen, „vor dem Frau Achmakoff große Angst hat.“

Und er teilte mir folgendes mit:

Die Generalin Achmakoff hatte die Unvorsichtigkeit begangen, als ihr Vater, der alte Fürst Ssokolski, sich im Auslande von seinem Anfall schon zu erholen begann, einen sie selbst höchst kompromittierenden Brief an Andronikoff zu schreiben. Wie verlautet, soll der alte Fürst damals während seiner Genesung tatsächlich wie von einer Verschwendungssucht befallen gewesen sein und das Geld fast zum Fenster hinausgeworfen haben; so hatte er dort im Auslande verschiedene unnötige, doch teure Sachen zu kaufen angefangen, Gemälde, Vasen, hatte größere Summen zu Gott weiß welchen Unternehmungen und sogar zum Besten verschiedener dortiger Anstalten gestiftet, und von einem russischen Lebemann und Verschwender hätte er beinahe unbesehen für eine Riesensumme ein gänzlich heruntergewirtschaftetes und mit Schulden belastetes Gut gekauft; und schließlich soll er sich wirklich mit dem Gedanken an eine neue Heirat getragen haben. Angesichts dieser beängstigenden Aussichten hatte dann seine Tochter, die verwitwete Generalin Achmakoff, die während seiner Krankheit treu bei ihm aushielt, besagten Brief an Andronikoff geschrieben und ihm als Juristen und „alten Freunde“ einfach die Frage vorgelegt, „ob und wie es gesetzlich möglich wäre, den Fürsten unter Vormundschaft zu stellen oder ihn gerichtlich für rechtsunfähig zu erklären, und falls das anginge, welche Schritte man dann zu tun hätte, damit kein Skandal entstünde und niemand ihr irgendwelche Vorwürfe machen könne; doch müßten bei alledem die Gefühle des Vaters geschont werden usw.“ Andronikoff soll ihr davon abgeraten und die Gründe auseinandergesetzt haben, und als dann der Fürst wieder ganz gesund und vernünftig geworden war, da konnte von dieser Idee natürlich nicht mehr die Rede sein. Jener Brief aber verblieb im Besitz Andronikoffs. Da starb aber Andronikoff plötzlich; Katerina Nikolajewna fiel sofort wieder der Brief ein, und sie sagte sich: wenn er sich noch unter den Papieren des Verstorbenen befände und vielleicht auf Umwegen in die Hände ihres alten Vaters gelangte, so würde dieser sie zweifellos auf ewig verstoßen, ihr die ganze Erbschaft entziehen und ihr auch bei Lebzeiten keine Kopeke mehr geben. Der Gedanke, seine einzige Tochter zweifle an seinem Verstande und habe ihn für wahnsinnig erklären lassen wollen, hätte dieses Lamm zweifellos zu einem reißenden Tier gemacht. Sie aber war als Witwe dank der Spielleidenschaft ihres Mannes vollständig mittellos zurückgeblieben und war einzig auf ihren Vater angewiesen; von ihm hoffte sie, und mit Recht, nochmals eine nicht geringere Mitgift zu erhalten als das erstemal.

Von dem weiteren Schicksal jenes Briefes wußte Krafft nichts Näheres, bemerkte aber, Andronikoff habe „Papiere von irgendeiner Bedeutung niemals zerrissen“ und sei außerdem nicht nur ein Mann mit einem „weiten Blick“, sondern auch einer mit einem „weiten Gewissen“ gewesen. (Ich wunderte mich über ein so rücksichtsloses Urteil von seiten Kraffts, der doch den verstorbenen Andronikoff sehr geliebt und geachtet hatte.) Aber obschon Krafft nichts genau wußte, war er persönlich überzeugt, daß das verfängliche Schriftstück in den Besitz Werssiloffs geraten sei, infolge der nahen Bekanntschaft Werssiloffs mit der Witwe und den Töchtern Andronikoffs; es war bereits bekannt, daß diese auf Anordnung des Verstorbenen alle von ihm hinterlassenen Papiere Werssiloff eingehändigt hatten. Auch wußte Krafft, daß Katerina Nikolajewna die Vermutung, der Brief befinde sich in Werssiloffs Händen, bereits bekannt war, und daß gerade diese Möglichkeit sie am meisten ängstigte, da sie befürchtete, Werssiloff werde mit dem Brief alsbald zum alten Fürsten gehen. Er wußte ferner, daß sie nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande schon in Petersburg nach dem Brief geforscht hatte, auch schon bei Andronikoffs gewesen war und ihn auch jetzt noch suchte, immer in der Hoffnung, der Brief befinde sich vielleicht doch nicht im Besitze Werssiloffs, und daß sie ausschließlich dieses Briefes wegen nach Moskau gereist war, um dort Marja Iwanowna anzuflehen, die Papiere zu durchsuchen, die von ihr aufbewahrt wurden. Vom Dasein Marja Iwanownas und deren Beziehungen zum verstorbenen Andronikoff hatte sie erst kurz zuvor in Petersburg zum erstenmal gehört.

„Und Sie glauben, daß sie den Brief bei Marja Iwanowna nicht gefunden hat?“ fragte ich ausdrücklich und mit einem Hintergedanken.

„Wenn Marja Iwanowna nicht einmal Ihnen gegenüber etwas vom Brief hat verlauten lassen, dann hat sie ihn vielleicht auch nicht.“

„Und folglich nehmen Sie an, der Brief befinde sich bei Werssiloff?“

„Wahrscheinlich – ja. Übrigens … ich weiß nicht, alles ist möglich,“ sagte er langsam und sichtlich abgespannt.

Ich gab es auf, ihn weiter auszufragen. Wozu schließlich? Das Hauptsächliche war mir jetzt klar: trotz dieser ganzen unwürdigen Verwirrung hatte sich alles von mir erst nur Befürchtete – bestätigt.

„Das Ganze ist wie ein Fiebertraum,“ sagte ich in tiefer Traurigkeit und griff nach meinem Hut.

„Ihnen ist dieser Mensch wohl sehr teuer?“ fragte mich Krafft mit sichtlicher und großer Teilnahme – sie sprach aus seinen Augen, aus seinem ganzen Gesicht in diesem Augenblick.

„Mir hat schon eine Vorahnung gesagt, daß ich von Ihnen doch nicht alles erfahren würde,“ bemerkte ich. „So bleibt mir nur noch die Hoffnung auf die Achmakoff selbst. Eigentlich habe ich ja auch nur auf sie gehofft. Vielleicht gehe ich zu ihr, vielleicht auch nicht.“

Krafft sah mich etwas befremdet an.

„Leben Sie wohl, Krafft! Wozu sich Leuten aufdrängen, die einen nicht haben wollen? Da ist es doch besser, mit allen zu brechen, meinen Sie nicht?“

„Und dann wohin?“ fragte er eigentümlich hart, und indem er zu Boden sah.

„Zu sich selbst, zu sich selbst! Alle Bande zerreißen und fortgehen zu sich selbst!“

„Nach Amerika?“

„Ach, Amerika! – nein, zu mir selbst, zu mir allein! Sehen Sie, darin besteht ‚meine Idee‘!“ sagte ich begeistert.

Er sah mich seltsam forschend an.

„Und Sie haben einen solchen Ort, wohin Sie ‚zu sich selbst‘ gehen können?“

„Den habe ich. Auf Wiedersehen, Krafft. Ich danke Ihnen, und verzeihen Sie mir die Belästigung! Ich würde an Ihrer Stelle, wenn ich selbst ein solches Rußland im Kopfe hätte, alle zum Teufel jagen: packt euch, intrigiert, zankt euch dort so viel ihr wollt – was geht das mich an.“

„Bleiben Sie noch etwas bei mir,“ sagte er plötzlich, als er mich schon bis zur Tür begleitet hatte.

Ich wunderte mich ein wenig, kehrte aber zurück und ließ mich nieder. Krafft setzte sich mir gegenüber. Wir tauschten gegenseitig ein gewisses wortloses Lächeln – alles das sehe ich noch so deutlich, als geschehe es wieder vor meinen Augen. Ich erinnere mich noch gut, daß ich mich ein wenig über ihn wunderte.

„Mir gefällt an Ihnen besonders, daß Sie ein so höflicher Mensch sind,“ sagte ich unvermittelt.

„Ja?“

„Ich sage das deshalb, weil ich selbst nur selten höflich zu sein verstehe, obgleich ich es gern verstehen wollte … Übrigens, vielleicht ist es sogar besser, daß die Menschen einen kränken; wenigstens befreien sie einen auf die Weise von dem Unglück, sie lieben zu müssen.“

„Welche Stunde des Tages lieben Sie am meisten?“ fragte er plötzlich, offenbar ohne mich gehört zu haben.

„Welche Stunde? Ich weiß nicht. Den Sonnenuntergang liebe ich nicht.“

„So?“ Er sagte das mit einem ganz eigentümlichen Interesse, versank aber sogleich wieder in Gedanken.

„Sie wollen wieder verreisen?“

„Ja … ich verreise.“

„Bald?“

„Ja, bald.“

„Ist denn wirklich zu einer Reise nach Wilna ein Revolver nötig?“ fragte ich ohne den geringsten Hintergedanken, eigentlich sogar ohne überhaupt etwas zu denken. Ich fragte einfach so, weil mein Blick auf den Revolver fiel, und ich nicht recht wußte, wovon ich sprechen sollte.

Er blickte sich um und sah den Revolver unverwandt an.

„Nein, den pflege ich nur so, aus Gewohnheit …“

„Wenn ich einen Revolver besäße, so würde ich ihn irgendwo hinter Schloß und Riegel verbergen. Wissen Sie, es steckt doch, bei Gott, eine Versuchung in dem Ding! Ich selbst glaube vielleicht nicht einmal an die Selbstmordepidemie, aber wenn einem so ein Ding immer in die Augen funkelt – wahrhaftig, es gibt Minuten, wo es tatsächlich verführen könnte.“

„Sprechen Sie nicht davon,“ sagte er und stand plötzlich auf.

„Ich rede ja nicht von mir,“ fügte ich hinzu, mich gleichfalls erhebend, „ich würde das Ding nie gebrauchen. Mir könnten Sie meinetwegen ganze drei Menschenleben geben – auch die wären für mich noch zu wenig.“

„Leben Sie!“ kam es plötzlich gleichsam impulsiv über seine Lippen.

Er lächelte zerstreut und – sonderbar – er ging geradeswegs ins Vorzimmer zur Eingangstür, mich auf diese Weise einfach hinausführend, doch tat er das, versteht sich, ohne sich dessen bewußt zu sein.

„Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg, Krafft,“ sagte ich zum Abschied, auf die Treppe hinaustretend.

„Soll mir recht sein,“ antwortete er mit fester Stimme.

„Auf Wiedersehen!“

„Auch das soll mir recht sein!“

Ich erinnere mich noch seines letzten Blickes auf mich.

III.
Das war also der Mensch, um den mein Herz so viele Jahre lang geklopft hatte! Und was hatte ich denn von Krafft erwartet, was hätten denn das für neue Aufklärungen sein sollen?

Als ich aus seiner Wohnung auf die Straße trat, verspürte ich großen Hunger; es wurde schon Abend, und ich hatte noch nicht zu Mittag gegessen. Ich trat deshalb auf dem großen Prospekt der „Petersburger Seite“ in ein kleines Wirtshaus, mit dem Vorsatz, nur zwanzig oder höchstens fünfundzwanzig Kopeken auszugeben – mehr hätte ich mir damals um keinen Preis erlaubt. Ich bestellte eine Portion Suppe, und als ich sie gegessen hatte, setzte ich mich ans Fenster, um hinauszusehen; es waren viel Menschen im Lokal und es roch nach verbranntem Fett, alten Servietten und Tabak. Widerlich war es. Über meinem Kopf hing ein Vogelbauer, und eine stimmlose Nachtigall pickte trübsinnig und nachdenklich mit dem Schnabel auf den Boden ihres Käfigs. Im anstoßenden Billardzimmer wurde gelärmt, ich aber saß und grübelte. Der Sonnenuntergang (warum hatte Krafft sich darüber gewundert, daß ich die Stunde des Sonnenuntergangs nicht liebe?) rief in mir ganz neue und unerwartete Empfindungen hervor, die gar nicht am Platz waren. So glaubte ich die ganze Zeit den stillen Blick meiner Mutter vor mir zu sehen, ihre lieben Augen, die mich nun schon einen ganzen Monat so schüchtern ansahen, als wolle die Liebe selbst mich auskundschaften. In der letzten Zeit war ich zu Hause sehr grob gewesen, namentlich in meinem Verhalten zu ihr; ich wollte gegen Werssiloff grob sein, doch da ich es gegen ihn nicht zu sein wagte, quälte ich infolge meines schändlichen Charakters statt seiner die Mutter. Ich hatte sie sogar gänzlich eingeschüchtert; oft sah sie mich mit einem so flehenden Blick an, wenn Werssiloff eintrat, in der Angst vor einem Ausfall meinerseits … Sehr sonderbar war es, daß mir dort in diesem widerwärtigen Speisehaus zum erstenmal zum Bewußtsein kam, daß sie wie eine Fremde immer „Sie“ zu mir sagte, während Werssiloff mich duzte. Freilich hatte ich mich auch früher schon darüber gewundert und mir dabei manches gedacht, was für sie nicht gerade schmeichelhaft war, hier aber fiel mir das irgendwie noch besonders auf, und ich bedachte es tiefer – und lauter ähnliche Gedanken kamen mir einer nach dem anderen unaufhaltsam in den Sinn. Ich saß dort lange auf meinem Platz, bis zur dunkelsten Dämmerung. Ich dachte auch an meine Schwester …

Eine verhängnisvolle Stunde. Ich stand vor der Entscheidung. Es galt, einen Entschluß zu fassen, um jeden Preis! Oder war ich denn wirklich unfähig, einen Entschluß zu fassen? Was war denn Schweres dabei, mit allen zu brechen, zumal hier niemand sich etwas aus mir machte? Meine Mutter, meine Schwester? Aber die wollte ich doch sowieso in keinem Fall verlassen – wie die Sache sich auch wenden mochte.

Es ist wahr: das Eintreten dieses Menschen in mein Leben, d. h. sein Erscheinen auf einen Augenblick, noch in meiner ersten Kindheit, war der schicksalsvolle Anstoß gewesen, der mein Bewußtsein geweckt hatte und bis zu dem meine Erinnerung jetzt zurückreicht. Hätte er damals nicht meinen Weg gekreuzt, mein Verstand, meine ganze Denkart, ja, mein ganzes Schicksal wären heute anders, sogar ungeachtet meines mir vom Schicksal bestimmten Charakters, dem ich doch unter keinen Umständen entronnen wäre.

Und nun erweist sich, daß dieser Mensch – nur eine von mir geschaffene Phantasiegestalt war, ein Traum meiner Kinderjahre. Ich selbst hatte ihn mir so ausgedacht, in Wirklichkeit aber sah ich jetzt einen ganz anderen Menschen, der tief unter meinem Phantasiegebilde stand. Ich war zu einem reinen Menschen gekommen, nicht aber zu diesem. Und warum hatte ich mich in ihn verliebt, so auf ewig in ihn verliebt, in jenem kurzen Augenblick, als ich ihn da einmal in meiner Kindheit sah? Dieses „auf ewig“ mußte verschwinden. Ich werde vielleicht einmal, wenn ich Platz dafür finde, diese unsere erste Begegnung erzählen: es ist die nichtigste Geschichte, aus der sich nichts ergibt. Bei mir aber ergab sich daraus eine ganze Pyramide. Ich begann diese Pyramide noch unter der Kinderdecke zu bauen, als ich vor dem Einschlafen weinen konnte und träumen – wovon? – das weiß ich selbst nicht. Weinen, weil ich verlassen war? Weil man mich quälte? Doch gequält hat man mich nur wenig, im ganzen nur zwei Jahre lang, in der Pension Touchard, in der ich damals untergebracht wurde, als er wieder verreiste. Späterhin hat mich niemand mehr gequält; im Gegenteil, ich war es, der stolz auf seine Kameraden herabsah. Und ich kann sie auch nicht ausstehen, diese sich selbst bedauernden Waisenkinder! Es gibt nichts Widerlicheres, als wenn Waisen oder unehelich Geborene, alle diese Ausgestoßenen und überhaupt dieses ganze Pack, mit dem ich auch nicht das geringste Mitleid habe, sich plötzlich feierlich vor dem Publikum erhebt und kläglich und moralisch loszuheulen beginnt: „Seht, wie man sich an uns vergangen hat!“ Ich würde diese Waisen am liebsten durchprügeln, denn keiner von diesem ganzen widerlichen Auswurf begreift, daß es von zehnmal mehr Anstand zeugt, wenn er schweigt und nicht heult und zum Klagen sich nicht herabläßt. Läßt du dich aber dazu herab, so hast du, „Sohn der Liebe“, dein Schicksal mit Recht verdient. Das ist meine Auffassung der Sache!

Aber nicht das ist lächerlich, daß ich als Kind unter meinem Deckchen so träumte, wohl aber, daß ich auch nach Petersburg wiederum wegen dieses von mir erdachten Menschen gekommen war, und über dem Gedanken an ihn meine Hauptziele fast vergessen hatte. Ich war gekommen, um ihm zu helfen, die Verleumdung zu vernichten, seine Feinde zu zerschmettern. Jenes Dokument, von dem Krafft gesprochen hatte, der Brief dieser Frau an Andronikoff, den sie jetzt so angstvoll suchte, da er ihr Schicksal zerstören, sie zur Bettlerin machen konnte, und den sie in Werssiloffs Händen wähnte – jener Brief war nicht bei Werssiloff, sondern bei mir, stak eingenäht in meiner Seitentasche! Ich selbst hatte ihn dort eingenäht, und kein Mensch in der ganzen Welt ahnte etwas davon. Daß die romantische Marja Iwanowna dieses ihr „zum Aufbewahren“ eingehändigte Dokument gerade mir und keinem anderen zu übergeben für nötig befunden hatte, war ihr freier Wille gewesen, auf Grund ihrer besonderen Auffassung der Sache, die zu erklären ich nicht verpflichtet bin, vielleicht jedoch gelegentlich erzählen werde. Aber so unverhofft bewaffnet, hatte ich dem geheimen Wunsch, nach Petersburg zu reisen, nicht mehr widerstehen können. Meine Voraussetzung war damals, versteht sich, daß ich diesem Menschen nicht anders als heimlich, ohne selbst hervorzutreten oder mich zu ereifern, helfen würde, ohne auf seinen Beifall, noch auf seine Umarmungen zu rechnen. Und niemals, niemals hätte ich mich dazu herabgelassen, ihm wegen irgend etwas einen Vorwurf zu machen! War es denn seine Schuld, daß ich mich in ihn verliebt und aus ihm ein phantastisches Ideal geschaffen hatte? Ja, vielleicht liebte ich ihn überhaupt nicht. Sein origineller Verstand, sein interessanter Charakter, seine geheimnisvollen Intrigen und Abenteuer, und der Umstand, daß meine Mutter bei ihm wohnte – alles das, scheint es, hätte mich nicht mehr aufhalten können; es genügte ja schon, daß meine phantastische Puppe zerschlagen war und ich ihn so, wie er wirklich war, gar nicht lieben konnte. Also, was hielt mich denn fest, an welcher Stelle war ich denn eingesunken? – das war die Frage. Und als Endergebnis stellte sich heraus, daß nur ich hier der Dumme war und sonst niemand.

Doch da ich von anderen Ehrlichkeit verlange, werde auch ich ehrlich sein: ich muß gestehen, daß jener in meiner Tasche eingenähte Brief nicht nur den leidenschaftlichen Wunsch, Werssiloff zu Hilfe zu eilen, in mir erweckt hatte. Das ist mir heute nur zu klar, aber auch damals errötete ich schon bei dem Gedanken an den anderen Grund. Ich träumte von einer Frau, einer stolzen Aristokratin, der ich Aug in Aug gegenüberstehen werde; sie wird mich verachten, über mich lachen, wie vielleicht über eine Maus, – und nicht einmal ahnen, daß ich Herr über ihr Schicksal bin. Dieser Gedanke hatte mich schon in Moskau berauscht, und besonders noch während der Reise im Waggon, als ich nach Petersburg fuhr. Das habe ich übrigens schon einmal gestanden. Ja, ich haßte diese Frau, und doch liebte ich sie schon, liebte sie als mein Opfer, und das ist wahr, es verhielt sich wirklich so. Nur war’s gleichzeitig so kindisch, daß ich es nicht einmal von einem solchen, wie ich damals war, erwartet hätte. Ich gebe meine damaligen Gefühle wieder, d. h. was mir dort im Speisehaus durch den Kopf ging, als ich auf dem Platz unter der Nachtigall saß und den Entschluß faßte, noch an demselben Abend mit ihnen allen unwiderruflich zu brechen. Der Gedanke an meine Begegnung mit dieser Frau trieb mir plötzlich heiße Schamröte ins Gesicht. Diese schmachvolle Begegnung! Ein erbärmlicher und dummer Eindruck, der – was das schlimmste war – vielleicht am deutlichsten meine Unfähigkeit zur Ausführung einer Tat bewies? Oder nein, er bewies nur – so dachte ich damals –, daß ich nicht einmal den unschlauesten Verlockungen zu widerstehen die Kraft habe, obschon ich noch vor einer kleinen Weile zu Krafft gesagt hatte, ich besäße ein Eigenstes, eine eigene Idee, und würde, selbst wenn ich drei Menschenleben erhielte, doch immer noch nicht genug haben. Mit Stolz hatte ich das gesagt. Daß ich mich nun von meiner „Idee“ hatte ablenken und in Werssiloffs Angelegenheiten hineinziehen lassen – das hätte man noch mit irgend etwas entschuldigen können; daß ich aber wie ein überraschter Hase auf diese und jene Seite hin- und hersprang und mich schon von jeder Nebensächlichkeit fangen ließ, daran war nichts anderes als meine Dummheit schuld. Wer plagte mich, zu Dergatschoff zu gehen, und dort mit meinen Dummheiten herauszuplatzen, obschon ich doch schon längst wußte, daß ich nichts klar und vernünftig zu erzählen verstehe und das Vorteilhafteste für mich Schweigen ist? Und irgend so ein Wassin muß dann die Sache richtigstellen durch die Erklärung, mir ständen noch „fünfzig Jahre Leben bevor“, und folglich sei für mich „kein Grund vorhanden, betrübt zu sein“. Seine Einwendung ist stichhaltig, ist vorzüglich, das gebe ich zu, und macht seinem unbestreitbaren Verstande Ehre; sie ist schon deshalb vorzüglich, weil sie die einfachste ist, das Einfachste aber wird immer erst zuletzt begriffen, wenn man es schon mit allem anderen versucht hat, was umständlicher oder dümmer ist. Doch diese Erklärung sagte mir nichts Neues, die kannte ich bereits, noch bevor Wassin sie aussprach; diesen Gedanken hatte ich schon gute drei Jahre vorher empfunden; ja, und nicht nur das, in ihm liegt sogar ein ganzer Teil meiner „Idee“. – Das waren damals so meine Gedanken dort im Wirtshause.

Ich hatte ein widerwärtiges Gefühl, als ich, müde vom Gehen und vom Denken, gegen acht Uhr abends im Stadtteil Ssemjonowski Polk anlangte. Es war schon ganz dunkel geworden, und das Wetter hatte sich verändert: es war trocken, aber ein widerwärtiger Petersburger Wind hatte sich erhoben, blies mir schneidend scharf in den Rücken und wirbelte Staub und Sand auf. Wie viele verdrießliche Gesichter unter den kleinen Leuten, die von der Arbeit und aus den Geschäften hastend heimeilen in ihre Winkel! Ein jeder hat seine eigene trübe Sorge im Gesicht, und in der ganzen Menge war vielleicht kein einziger gemeinsamer, alle vereinender Gedanke! Krafft hatte recht: ein jeder lebte für sich. Ein kleiner Knabe begegnete mir, der war so klein, daß es mich befremdete, ihn um diese Stunde allein auf der Straße zu sehen; er hatte sich offenbar verirrt; ein Weib blieb einen Augenblick stehen, um ihn anzuhören, aber sie verstand ihn nicht, schüttelte den Kopf und ließ ihn allein in der Dunkelheit stehen. Ich ging auf ihn zu, er aber erschrak plötzlich vor mir und lief weiter. Kurz vor unserem Hause beschloß ich, niemals zu Wassin zu gehen. Als ich die Treppe hinaufstieg, hatte ich den heißen Wunsch, Mutter und Schwester allein zu Hause anzutreffen, ohne Werssiloff, um vor seinem Kommen noch etwas Liebes meiner Mutter sagen zu können, oder wenigstens meiner lieben Schwester, zu der ich in diesem ganzen Monat fast noch kein einziges besonderes Wort gesagt hatte. Und so traf es sich auch, er war nicht zu Hause …

IV.
Übrigens: da ich in meinen „Aufzeichnungen“ nunmehr diese „neue Person“ (nämlich Werssiloff) persönlich auftreten lassen muß, will ich zunächst wenigstens in aller Kürze seinen Lebenslauf angeben, der freilich an sich ziemlich belanglos ist. Ich tue das nur, damit dem Leser alles noch verständlicher werde, und will es an dieser Stelle tun, weil ich nicht voraussehe, wo ich diese Angaben weiterhin einflechten könnte.

Er hat studiert, ist aber dann in ein Garde-Kavallerieregiment eingetreten; hat die Fanariotoff geheiratet und seinen Abschied genommen. Er reiste ins Ausland und, zurückgekehrt, lebte er in Moskau im Verkehr mit der ganzen lebenslustigen Gesellschaft. Nach dem Tode seiner Frau kam er auf sein Gut; die Folge davon war die Episode mit meiner Mutter. Dann lebte er lange irgendwo im Süden. Während des Krimkrieges trat er wieder in den Militärdienst, kam aber mit seinem Regiment nicht in die Krim und ist überhaupt nicht im Feuer gewesen. Nach dem Friedensschluß nahm er wieder den Abschied, reiste ins Ausland und nahm sogar meine Mutter mit, doch in Königsberg ließ er sie zurück. Die Arme erzählte manchmal kopfschüttelnd und mit wahrem Grauen, wie sie dort ein volles halbes Jahr ganz allein und verlassen mit ihrem Töchterchen gelebt hatte, der Sprache unkundig, wie im Walde verloren, und zuletzt noch ohne Geld. Dann war Tatjana Pawlowna gekommen und hatte sie nach Rußland zurückgebracht, irgendwohin aufs Land, im Nischni Nowgorodschen Gouvernement. Werssiloff trat nach seiner Rückkehr den Posten eines Friedensvermittlers beim Zivilgericht an[6] und wie man erzählt, soll er sich in seinem Amt glänzend bewährt haben und jeder Aufgabe gewachsen gewesen sein. Bald aber gab er diesen Posten auf und begann in Petersburg als Jurist sich mit der Führung verschiedener Zivilklagen zu beschäftigen. Andronikoff hat seine Fähigkeiten immer hoch eingeschätzt und ihn sehr geachtet, nur was seinen Charakter anbetrifft, soll er geäußert haben, daß er den nicht verstehen könne. Doch auch diese Beschäftigung gab Werssiloff bald auf und reiste wieder ins Ausland, diesmal auf lange Zeit – er blieb dort mehrere Jahre. Und in eben dieser Zeit begannen seine bald sehr nahen Beziehungen zum alten Fürsten Ssokolski. Im Laufe dieses ganzen angegebenen Lebensabschnitts haben sich seine pekuniären Verhältnisse zwei- oder dreimal vollständig verändert: bald war er gänzlich mittellos und stand dem Nichts gegenüber, bald fiel ihm wieder ein Vermögen zu, und er war von neuem auf der Höhe.

Übrigens will ich mich jetzt, wo ich mit meinen Aufzeichnungen bis zu dieser Stelle gekommen bin, endlich einmal entschließen, „meine Idee“ auseinanderzusetzen. Ich werde sie zum erstenmal seit ihrer Entstehung in mir so gut ich kann in Worten auszudrücken versuchen. Ich entschließe mich, sie sozusagen „dem Leser“ mitzuteilen, und tue das gleichfalls nur deshalb, damit im folgenden manches klarer sei. Das muß ich um so mehr, als es nicht nur für den sogenannten Leser nötig wäre, sondern weil auch ich, der Verfasser, der das Wiederzugebende doch selbst erlebt hat, mich in den schwierigen Erklärungen mancher Schritte schon zu verwickeln beginne. Deshalb möchte ich vorher alles klarlegen, was mich zu diesem oder jenem veranlaßt, bewogen oder gezwungen hat. Infolge meiner Ungeschicktheit im Schreiben und meines anfänglichen Vorsatzes, alles außerhalb der Ereignisse Liegende zu übergehen, bin ich wieder in den Stil der Romanschreiber verfallen, den ich anfangs selbst verspottet habe. Jetzt, wo ich wie durch eine Tür in meinen Petersburger Roman mit allen meinen schmählichen Erlebnissen einzutreten im Begriff bin, erscheint mir diese Erklärung meiner Idee als Einleitung unbedingt notwendig. Doch eigentlich hat mich bisher nicht nur der Widerwille gegen den Stil der Literaten diese Einleitung zu unterlassen bestimmt, sondern auch das Wesen der Sache, d. h. die Schwierigkeit ihrer Wiedergabe. Selbst jetzt, wo schon alles Vergangene überwunden ist, erscheint mir die Aufgabe, diese „Idee“ zu erklären, schier unausführbar. Hinzu kommt nun noch, daß ich sie doch fraglos in ihrer damaligen Form wiedergeben muß, d. h. wie sie in mir entstanden ist, und wie sie damals von mir gedacht wurde, und nicht, wie ich sie heute denke; das aber macht die Sache noch schwieriger. Manches läßt sich ja fast überhaupt nicht wiedergeben. Gerade die einfachsten, die klarsten Ideen – gerade die sind meist schwerer zu verstehen. Hätte Kolumbus vor der Entdeckung Amerikas seine Idee anderen zu erzählen angefangen, so würde man ihn, davon bin ich überzeugt, furchtbar lange nicht verstanden haben. Und man hat ihn ja auch nicht verstanden. Ich erwähne das nur als Beispiel, denke aber durchaus nicht daran, mich mit Kolumbus zu vergleichen; wenn jemand zu dieser Folgerung kommen sollte, so schäme er sich, und das ist alles, was ich sage.

Fünftes Kapitel.
I.
Meine Idee ist – ein Rothschild zu werden. Ich fordere den Leser auf, ernst und ruhig zu bleiben.

Ich wiederhole: Meine Idee ist – ein Rothschild zu werden, ebenso reich zu werden wie Rothschild; also nicht nur einfach reich, sondern geradeso reich wie Rothschild. Wozu, weshalb, welches Ziel ich dabei verfolge – davon später. Zunächst werde ich nur beweisen, daß ich mein Ziel mit mathematischer Sicherheit erreichen muß. Die Sache ist sehr einfach, das ganze Geheimnis liegt in zwei Worten, und die lauten: Fleiß und Ausdauer.

„Kennen wir,“ wird man mir sagen, „das ist nichts Neues: jeder Vater in Deutschland predigt das seinen Kindern, indessen ist Ihr Rothschild“ (d. h. der verstorbene James Rothschild, der Pariser – von dem allein spreche ich) „immer nur ein einziger geblieben. Väter aber gibt es zu Millionen.“

Auf diesen Einwand würde ich antworten:

„Sie behaupten, das hätten Sie schon gehört, dabei haben Sie aber noch nichts gehört. Allerdings, in einem haben Sie recht: wenn ich gesagt habe, die Sache sei ‚sehr einfach‘, so habe ich vergessen hinzuzufügen, daß sie gleichzeitig die schwerste von allen ist. Alle Religionen und Sittenlehren in der Welt lassen sich schließlich in den einen Satz zusammenfassen: ‚Liebe die Tugend und fliehe das Laster‘. Was könnte anscheinend einfacher sein? Nun, dann führen Sie doch etwas Tugendhaftes aus und überwinden Sie wenigstens ein einziges Ihrer Laster, versuchen Sie es doch einmal – nun? – Und so ist es auch hiermit.“

Sehen Sie, deshalb ist, obgleich Ihre unzähligen Väter diese zwei wunderbaren Worte, die das ganze Geheimnis enthalten, schon seit unzähligen Jahrhunderten ihren Kindern wiederholen, James Rothschild dennoch ein einzelner geblieben. Daraus folgt, daß anscheinend dasselbe doch nicht ganz dasselbe ist, und die Väter einen ganz anderen Gedanken predigen.

Freilich reden die Väter von Fleiß und Ausdauer, nur ist zur Erreichung meines Zieles mit einem Fleiß und einer Ausdauer, wie die Väter sie lehren, nicht gedient.

Allein das Wort „Vater“ (ich rede nicht nur von den deutschen Vätern), die Tatsache, daß er Kinder, daß er eine Familie hat und wie alle anderen lebt, daß er Ausgaben hat wie alle und Pflichten wie alle – sagt uns schon, daß man ein Rothschild auf diese Weise nicht werden kann, sondern nur ein Durchschnittsmensch wird. Ich aber verstehe doch nur zu gut, daß ich, wenn ich ein Rothschild werde oder auch nur ein Rothschild werden will, jedoch nicht im Sinne der Väter, sondern im Ernst und in der Wirklichkeit –, daß ich schon dadurch sofort aus der Gesellschaft ausscheide.

Vor ein paar Jahren las ich in der Zeitung von einem Bettler, der auf einem Wolgadampfer gestorben war. Alle hatten ihn dort gekannt, so lange bettelte er schon. Nach seinem Tode fand man in seinen zerlumpten Kleidern an dreitausend Rubel eingenäht. Und vor kurzem las ich wieder von einem Bettler, der einer adligen Familie entstammte, doch in Wirtshäusern und Kneipen gebettelt hatte. Er wurde verhaftet, und man fand bei ihm an fünftausend Rubel. Hieraus ergeben sich ohne weiteres zwei Schlüsse; der erste ist: durch Fleiß im Sammeln und Sparen – wenn auch nur von Kopeken – bringt man schließlich große Summen zusammen (die Zeit spielt hierbei natürlich eine Rolle). Und der zweite ist: selbst die unschlaueste Erwerbsart, wenn man sie nur mit Ausdauer betreibt, d. h. ununterbrochen, hat einen mathematisch sicheren Erfolg.

Indessen gibt es sogar sehr viele achtbare, kluge und enthaltsame Menschen, die (soviel sie sich auch mühen) weder drei- noch fünftausend Rubel ersparen können und doch mächtig gern Geld ersparen wollen. Woher kommt das? Die Antwort ist klar: weil kein einziger von ihnen, trotz seines ganzen Wollens, so stark will, daß er zum Beispiel, wenn es nicht anders ginge, selbst Bettler zu werden bereit wäre; und weil kein einziger charakterfest genug ist, um nicht die ersten Kopeken für ein überflüssiges Stück Brot für sich oder seine Familie wieder zu verausgaben. Bei dieser Erwerbsart aber, ich meine, beim Betteln, darf man sich nur von Wasser und Brot nähren und muß sich alles versagen, wenn man von den Almosen ein Vermögen ersparen will; wenigstens denke ich mir das so. Und bestimmt werden auch die erwähnten zwei Bettler nur so zu ihrem Kapital gekommen sein, also indem sie sich ausschließlich von Brot nährten und unter freiem Himmel lebten. Zweifellos haben sie nicht die Absicht gehabt, Rothschilds zu werden; sie waren nur typische Sparer wie Harpagon oder Gogols Pljuschkin. Aber auch bei bewußtem Sparen, und selbst bei einem Erwerb in anderer Art, ist, wenn man ein Rothschild werden will, zur Durchführung nicht weniger heißes Wollen erforderlich und nicht geringere Willenskraft, als diese beiden Bettler sie gehabt haben. Ein predigender Vater wird solche Kraft nicht aufbringen. Die Kräfte dieser Welt sind sehr verschieden, besonders die Kräfte des Willens. Es gibt eine Temperatur, bei der Wasser zu kochen anfängt, und einen Hitzegrad, bei dem Eisen in Rotglut gerät.

Hier ist es dasselbe, wie ins Kloster gehen, dasselbe, wie Erfüllung strengster Asketengelübde. Hier handelt es sich um ein Gefühl, nicht um eine Idee. Warum? Wozu? Ist das denn sittlich, und ist es nicht ungeheuerlich, sein Leben lang im Bettlerkittel zu gehen und Schwarzbrot zu essen, wenn man soviel Geld bei sich trägt? Von diesen Fragen reden wir später, jetzt zuerst von der Möglichkeit der Erreichung des Zieles.

Als ich mir „meine Idee“ ausgedacht hatte (und sie ist ja nichts anderes als eben Rotglut), begann ich mich sofort daraufhin zu prüfen, ob ich einer solchen Askese fähig wäre. Ich nahm mir also vor, einen ganzen Monat nur Wasser und Brot zu genießen, und zwar täglich nur zwei und ein halbes Pfund Schwarzbrot. Um die Prüfung durchführen zu können, mußte ich den klugen und so feinfühligen Nikolai Ssemjonowitsch und die mir so wohlwollende Marja Iwanowna betrügen. Doch trotz ihrer Betrübnis und seiner Verwunderung bestand ich auf meinem Wunsch, ganz allein in meinem Zimmer zu essen. Das geschah denn auch, bloß aß ich nichts von dem, was mir ins Zimmer gebracht wurde, sondern goß die Suppe aus dem Fenster in die Nesseln oder anderswohin, und das Fleisch warf ich dem Hofhund zu oder wickelte es in Papier und trug es in der Tasche hinaus, und ähnlich beseitigte ich alles übrige. Da mir aber mit den Speisen viel weniger Brot als zweieinhalb Pfund auf mein Zimmer geschickt wurde, so kaufte ich heimlich noch Brot hinzu. Ich hielt diese Kost einen ganzen Monat aus, verdarb mir dabei nur ein wenig den Magen; im zweiten Monat erlaubte ich mir noch eine Portion Suppe und morgens und abends noch je ein Glas Tee – und ich kann versichern, ich habe das ganze Jahr körperlich in bester Gesundheit und geistig – wie in einem Rausch und in fortwährender heimlicher Begeisterung gelebt. Um die Speisen tat es mir nicht nur nicht leid, sondern ich fühlte mich als Sieger einfach erhaben über alles und lebte in Seligkeit. Als das Jahr zu Ende war und ich mich überzeugt hatte, daß ich jedes Fasten aushalten konnte, begann ich wieder wie alle zu essen und speiste wieder mit ihnen zusammen. Aber diese einseitige Prüfung genügte mir nicht, und ich ersann eine neue. Außer dem Pensionsgeld, das man Nikolai Ssemjonowitsch für mich zahlte, erhielt ich noch in jedem Monat fünf Rubel als Taschengeld. Und so beschloß ich denn, von diesen fünf Rubeln nur die Hälfte auszugeben. Das war eine sehr schwere Prüfung, aber nach guten zwei Jahren hatte ich, als ich nach Petersburg reiste, außer dem Reisegeld noch siebzig Rubel in der Tasche – und die hatte ich mir ausschließlich von jenem Monatsgeld erspart. Das Ergebnis dieser beiden Versuche war für mich von ungeheurer Bedeutung: ich hatte mir die Gewißheit verschafft, daß ich stark genug zu wollen vermag, um mein Ziel zu erreichen, und das war, ich wiederhole es, die Hauptsache bei meiner ganzen Idee, alles übrige – sind Kleinigkeiten.

II.
Aber betrachten wir auch die Kleinigkeiten.

Ich habe nun meine ersten zwei Versuche beschrieben; in Petersburg machte ich, wie ich schon erzählt habe, den dritten Versuch – ich ging auf eine Auktion und gewann mit einem Schlage sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken. Versteht sich, das war kein ernster Versuch, sondern nur ein Spiel, ein Vergnügen: ich hatte Lust, einen Augenblick aus der Zukunft zu stehlen und im voraus auszukosten, wie ich so in künftigen Jahren gehen und mein Vorhaben ausführen würde. Den wirklichen Anfang der Umsetzung meiner Idee in die Tat hatte ich von vornherein, d. h. schon in Moskau, bis zu dem Zeitpunkt hinausgeschoben, wo ich als Mensch einmal vollkommen frei dastehen werde; ich sah ein, daß ich zum Beispiel wenigstens das Gymnasium vorher beenden mußte. (Die Universität hatte ich, wie schon erwähnt, bereits geopfert.) Natürlich reiste ich mit einem geheimen Grimm nach Petersburg: kaum hatte ich das Gymnasium beendet und war nun ein freier Mensch geworden, da sah ich plötzlich, daß Werssiloffs Angelegenheiten mich vom Beginn der Ausführung meines Vorhabens auf unbestimmte Zeit ablenkten! Aber trotzdem habe ich mich nicht im entferntesten wegen der Erreichung meines Zieles beunruhigt gefühlt.

Es ist wahr, noch fehlte mir die praktische Erfahrung; aber in den drei Jahren hatte ich schon alles bedacht, und so konnte mich kein Zweifel mehr beunruhigen. Wohl tausendmal hatte ich es mir ausgemalt, wie ich anfangen würde: plötzlich befinde ich mich, wie vom Himmel gefallen, in einer von unseren zwei Hauptstädten (ich hatte mir gerade für den Anfang unsere Hauptstädte erwählt, und zwar gab ich aus einer gewissen Erwägung Petersburg den Vorzug). Ich bin also wie vom Himmel herabgefallen und vollständig frei, hänge von keinem ab, bin gesund und habe in der Tasche ein heimliches Vermögen von hundert Rubeln – mein Anlagekapital. Ohne hundert Rubel kann man nicht gut anfangen; denn so würde die erste Periode des geringen Erwerbes gar zu lange dauern. Außer den hundert Rubeln besaß ich noch, wie sich erwiesen hatte, Mut, Ausdauer, Fähigkeit zu vollständiger Einsamkeit und zur folgerechten Geheimhaltung eines Geheimnisses. Ja, gerade die bedingungslose Einsamkeit war die Hauptsache; ich habe tatsächlich bis zuletzt keinerlei Beziehungen oder Verbindungen mit anderen Menschen gemocht, und im allgemeinen stand es für mich unumstößlich fest, daß ich die Ausführung meiner Idee ganz allein anfangen würde: das war mein sine qua non. Es fällt mir schwer, Menschen zu ertragen; ich werde innerlich unruhig, und die Unruhe würde die Verfolgung meines Zieles beeinträchtigen. Und überhaupt ist es bisher in meinem Leben immer so gewesen: wenn ich mir vorstellte oder träumte, wie ich mich im Verkehr mit den Menschen halten würde, verlief alles immer sehr gut und klug, kaum aber trat an die Stelle des Traumes oder der Vorstellung die Wirklichkeit – so benahm ich mich immer furchtbar dumm. Ich gestehe das mit aufrichtigem Unwillen; immer habe ich mich selbst durch meine Worte zu erkennen gegeben und übereilt gesprochen, und deshalb hatte ich beschlossen, mich von den Menschen abzusondern. Nur so konnte ich mir Unabhängigkeit, Seelenruhe und ungestörte Verfolgung meines Zieles sichern.

In Petersburg sind die Preise für Lebensmittel bekanntlich sehr hoch, aber dessenungeachtet hatte ich ein für allemal beschlossen, nicht mehr als fünfzehn Kopeken täglich fürs Essen auszugeben, und ich wußte im voraus, daß ich meinen Vorsatz durchführen würde. Diese Frage der Ernährung habe ich lange und eingehend erwogen. So zum Beispiel nahm ich mir vor, zwei Tage lang nichts als Brot mit Salz zu essen, um dann am dritten Tage für die in zwei Tagen ersparten Kopeken um so viel mehr zu essen; denn mir schien diese Verteilung zuträglicher für die Gesundheit, als ein ewig gleichmäßiges Fasten bei einer Tagesration für die geringste Summe. Ferner bedurfte ich eines Winkels, buchstäblich nur eines Winkels, d. h. ich brauchte einen Ort, wo ich in der Nacht schlafen konnte und bei gar zu unfreundlichem Wetter auch am Tage Schutz fand. Zu leben beabsichtigte ich eigentlich nur auf der Straße und war bereit, im Notfall auch in den Nachtasylen für Obdachlose zu schlafen, wo man, abgesehen vom Nachtlager, noch ein Stück Brot und ein Glas Tee erhält. Oh, ich würde es schon verstehen, mein Geld so zu verstecken, daß es mir weder von Winkelnachbarn noch im Nachtasyl gestohlen werden könnte, nicht einmal ahnen würden sie, daß ich welches besitze. „Was, mir könnte man es stehlen? Ach, Freund, ich muß mich ja selbst nur in acht nehmen, daß nicht ich einem anderen was stehle!“ – hörte ich einmal auf der Straße im Vorübergehen einen Galgenstrick mit Humor zum anderen sagen. Was mich betrifft, so würde ich es ihm nur in Vorsicht und Schlauheit gleichtun, aber zu stehlen, nein, zu stehlen beabsichtige ich nicht. Ja, ich habe sogar schon in Moskau, und vielleicht schon am ersten Tage meiner „Idee“, beschlossen, weder Pfandleiher noch Wucherer zu werden: dazu sind die Juden da und auch diejenigen Russen, die weder Verstand noch Charakter haben. Pfänder und Prozente – das ist so was für die ordinären!

In betreff der Kleidung hatte ich mir vorgenommen, immer zwei Anzüge zu besitzen, einen Alltagsanzug und einen guten. Wenn ich sie mir einmal angeschafft hätte, würde ich sie lange tragen, das wußte ich. Zweieinhalb Jahre lang habe ich mich vorsätzlich darin geübt, wie man seine Kleider tragen muß, damit sie nicht schnell abnutzen, und habe bei der Gelegenheit ein Geheimnis entdeckt: soll ein Kleidungsstück immer wie neu aussehen, so muß man es möglichst oft bürsten, womöglich fünf- bis sechsmal am Tage. Tuch fürchtet die Bürste nicht, wohl aber Staub und Schmutz. Staub besteht, unter dem Mikroskop betrachtet, aus Steinen, die Bürstenhaare aber sind, selbst die härtesten, immerhin etwas der Wolle Ähnliches. Ebenso habe ich meine Stiefel zu tragen gelernt: das Geheimnis besteht darin, daß man ganz gerade und mit der ganzen Sohle auftritt; denn vor allem gilt es ein Schieftreten der Stiefel zu vermeiden. In vierzehn Tagen hat man das heraus, und dann geht’s von selbst, ohne daß man daran zu denken braucht. So trägt man Stiefel im Durchschnitt um ein Drittel der Zeit länger. – Ergebnis zweijährigen Versuchs.

Hierauf befaßte ich mich schon mit der eigentlichen Aufgabe.

Ich ging von der Erwägung aus: ich habe hundert Rubel. In Petersburg finden so viel Auktionen und Ausverkäufe statt, gibt es so viel kleine Buden auf dem Trödelmarkt und so viel kauflustige Menschen, daß es unmöglich ist, eine Sache, die man für soundsoviel gekauft hat, nicht etwas teurer verkaufen zu können. An einem Album habe ich mit einem Anlagekapital von zwei Rubel und fünf Kopeken jene sieben Rubel und fünfundneunzig Kopeken verdient. Diesen ungeheuren Gewinn erhielt ich ohne jedes Wagnis meinerseits: ich sah dem Käufer an den Augen an, daß er dieses alte Album unbedingt erstehen wollte. Natürlich gebe ich zu, daß dieser Fall nur ein Zufall war, aber gerade solche Fälle suche ich ja, nur deshalb habe ich doch beschlossen, auf der Straße zu leben! Nun gut, mögen sie noch so selten sein, gleichviel, mein Grundsatz bleibt: nichts aufs Ungewisse hin zu wagen, und zweitens: unbedingt an jedem Tage wenigstens etwas mehr als das Minimum zu verdienen, d. h. was ich für meinen Unterhalt täglich ausgeben muß, damit an keinem Tage die Vermehrung des Kapitals stillstehe.

Man wird mir sagen: „Das sind alles nur Träume! Sie kennen die Straße noch nicht, man wird Sie schon beim ersten Schritt übers Ohr hauen, und ohne daß Sie es merken.“ Aber ich habe Willen und Charakter, und die Wissenschaft der Straße ist wie jede andere Wissenschaft und läßt sich mit Fleiß, Ausdauer, Aufmerksamkeit und Fähigkeiten ohne weiteres erwerben. Auf dem Gymnasium war ich bis zur letzten Klasse einer der ersten Schüler und ein sehr guter Mathematiker. Und wie kann man nur die bloße „Erfahrung“ und Straßenwissenschaft so götzenbildhaft überschätzen und, wo sie fehlen, ein sicheres Mißlingen prophezeien! Das pflegen aber immer nur diejenigen zu tun, die selbst niemals einen Versuch, gleichviel in welcher Sache, gemacht haben, die nie etwas Neues angefangen, sondern immer auf dem Fertigen frierend gesessen haben. „Einer hat sich die Nase verbrannt, folglich wird jeder andere sie sich auch verbrennen.“ Nein, ich nicht. Ich habe Charakter, und wenn ich will, kann ich alles erlernen. Wäre es denn überhaupt möglich, daß man es bei ununterbrochener Aufmerksamkeit, Berechnung und Überlegung, bei unermüdlicher und ununterbrochener Tätigkeit und Lauferei – schließlich nicht zu dem Wissen brächte, wie man täglich zwanzig Kopeken verdienen kann? Sehr wichtig ist, daß man sich nicht auf den größtmöglichen Gewinn versteift, sondern immer ruhig bleibt. Späterhin, wenn ich das eine und andere Tausend schon verdient habe, würde ich selbstverständlich und ganz unwillkürlich den kleinen Handel und Wiederverkauf auf der Straße aufgeben und mich mit Besserem befassen. Allerdings sind mir jetzt die Börse, die Aktien- und Bankgeschäfte und ähnliches noch wenig bekannt. Aber dafür weiß ich so genau, wie ich fünf Finger an jeder Hand habe, daß ich alle diese Börsen- und Bankiergeschäfte mit der Zeit erlernen und mich wie kein anderer in ihnen auskennen werde, und daß dieses Wissen sich bei mir fast von selbst einstellen wird, einfach weil die Dinge dazu führen. Als ob Gott weiß was für eine salomonische Weisheit dazu erforderlich wäre! Wenn man nur Charakter hat – Verständnis, Geschicklichkeit, Wissen kommen dann von selbst. Und wenn nur das „Wollen“ nicht aufhört!

Die Hauptsache bleibt: nichts aufs Spiel setzen, und das kann man nur, wenn man Charakter hat. Noch kürzlich hatte ich hier in Petersburg eine Zeichnungsliste auf Eisenbahnaktien; wer damals subskribieren konnte, hat viel verdient. Eine Zeitlang stiegen die Aktien. Da gibt es dann immer Leute, die zu spät kommen, und wenn ich, nehmen wir an, subskribiert hätte, würde mir doch der eine oder andere den Vorschlag gemacht haben, ihm die Aktien für eine Prämie von soundsoviel Prozent abzutreten. Nun, und ich hätte dann unbedingt verkauft, ohne lange auf weiteres Steigen der Papiere zu warten. Natürlich hätte man mich ausgelacht, weil man mir nach einiger Zeit vielleicht zehnmal mehr bieten würde. Das wäre ja möglich, aber mein kleinerer Gewinn ist schon deshalb vorteilhafter, weil ich ihn bereits in der Tasche habe, der erhoffte große Gewinn aber noch irgendwo in der Luft hängt. Man wird mir hierauf zu bedenken geben, daß man auf diese Weise doch nicht viel verdienen könne. Entschuldigen Sie, darin irren Sie sich, und darin besteht auch der große Irrtum aller unserer großen verkrachten Spekulanten. So hören Sie denn die Wahrheit: Fleiß und Ausdauer im Verdienen und vor allem im Sparen machen mehr aus als zufällige große Gewinne, selbst wenn diese hundert Prozent und darüber einbringen!

Als John Law zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in Paris erschien, um ein im Prinzip geniales Projekt durchzuführen (das freilich nachher fürchterlich enttäuschte), geriet ganz Paris in Aufregung. Man riß sich förmlich um Laws Aktien, das Gedränge war unbeschreiblich. Und in das Haus, in dem die Aktien ausgegeben wurden, strömte aus ganz Paris das Geld zusammen. Aber das Haus konnte so viel Menschen nicht fassen, das Publikum mußte schon auf der Straße bleiben, und dort drängte sich alles durcheinander, Arme, Reiche, Vornehme, Geringe, Kinder und Greise, Bourgeoisie und Noblesse, Gräfinnen, Marquisen und Dirnen – alles wurde zu einer einzigen, nur von einem Gedanken besessenen Masse, als wären alle von einem tollen Hunde gebissen. Alle Standesvorurteile, Rang, Stolz, Ehre und guter Name – alles wurde unter die Füße getreten; alles wurde geopfert (sogar von Frauen), nur um ein paar Aktien zu erhalten. Die Subskription mußte schließlich auf der Straße stattfinden, doch man hatte keinen Tisch, auf dem man hätte schreiben können. Da machte man einem Buckligen den Vorschlag, seinen Buckel als Schreibtisch benutzen zu lassen. Der willigte ein – man kann sich denken, wieviel er sich dafür von jedem Subskribenten zahlen ließ! Nun, es dauerte nicht lange, und alle waren bankerott, das ganze Unternehmen, die ganze Idee ging zum Teufel und die Aktien waren wieder wertlose Papierstücke. Wer hatte nun gewonnen? Nur der Bucklige, eben weil er statt der Aktien die baren Louisdors genommen hatte. Nun, und dieser Bucklige bin unter ähnlichen Umständen – ich. Habe ich doch genug Willenskraft gehabt, nicht zu essen und kopekenweise mir zweiundsiebzig Rubel zusammenzusparen; sie wird wohl auch ausreichen, um dem Wirbel einer alle erfassenden Gier zu widerstehen und das geringe, aber sichere Geld dem großen, aber ungewissen vorzuziehen. Nur in Kleinigkeiten bin ich kleinlich, im großen – nie. Wenn zu einer Sache nur ein wenig Geduld erforderlich war, hat meine Willenskraft oft nicht ausgereicht, sogar nachdem ich mir meine Idee schon ausgedacht hatte; zu einer großen Geduld aber – wird sie immer ausreichen. Wenn meine Mutter mir morgens, bevor ich zum Fürsten ging, einen Kaffee vorsetzte, der nur noch lauwarm war, ärgerte ich mich und wurde grob, und dabei war ich derselbe Mensch, der einen ganzen Monat nur von Wasser und Brot gelebt hatte.

Mit einem Wort: auf diese Weise nicht Geld zu erwerben oder nicht erlernen zu können, wie man Geld erwirbt, wäre unnatürlich. Und ebenso unnatürlich wäre es, bei ununterbrochenem und gleichmäßigem Erwerb, bei unermüdlicher Aufmerksamkeit und klarem Verstande, Mäßigkeit, Sparsamkeit und ständig wachsender Energie – nicht Millionär zu werden. Wodurch hat denn der Bettler sein Geld erworben, wenn nicht durch den Fanatismus seines Charakters und seine Ausdauer? Stehe ich diesem Bettler nach? „Und schließlich, mag ich auch nichts erreichen, mag meine Berechnung falsch sein, mag ich Schiffbruch leiden und untergehen, gleichviel! – ich gehe. Ich gehe, weil ich es so will!“ Das sagte ich mir noch in Moskau.

Man wird mir sagen, in alledem sei nichts von einer „Idee“ und das Ganze überhaupt nichts Neues. Ich aber sage, und jetzt zum letztenmal, daß hierin unendlich viel Idee und unendlich viel Neues ist.

Oh, ich habe es ja schon geahnt, wie trivial alle Einwände sein würden, und wie trivial ich selbst erscheinen muß, wenn ich meine „Idee“ auseinandersetze: was habe ich denn ausgesprochen? Nicht einmal den hundertsten Teil. Ich fühle doch, daß es so nur kleinlich, plump, oberflächlich und gleichsam viel zu kindisch für meine Jahre ausgedrückt ist.

III.
Ich habe jetzt noch die Fragen „Warum“ und „Wozu“ und „Ist das sittlich oder nicht“ zu beantworten – da ich eine Antwort versprochen habe.

Es tut mir leid, daß ich den Leser enttäuschen muß; es tut mir leid und es freut mich zugleich. Möge man doch erfahren, daß nicht der geringste „Rachedurst“ in meine „Idee“ hineinspielte, nichts Byronisches, – weder Racheschwüre, noch Waisenklagen oder Tränen wegen der illegitimen Geburt, nichts, gar nichts von dieser Art. Kurzum, eine romantisch veranlagte Dame würde, falls sie meine Aufzeichnungen lesen sollte, sehr enttäuscht sein und geknickt die Nase hängen lassen. Der ganze Zweck meiner „Idee“ ist – Einsamkeit.

„Aber Einsamkeit kann man doch auch so haben, ohne alle Großtuerei und Rednerei, daß man zuvor ein Rothschild werden müsse. Wozu ist da Rothschild nötig?“

„Weil ich außer der Einsamkeit noch Macht brauche.“

Zunächst eine Vorbemerkung: die Aufrichtigkeit meines Bekenntnisses wird den Leser vielleicht entsetzen, und es ist möglich, daß er sich in seiner Einfalt fragt: wie kann er das nur gestehen, ohne zu erröten? Meine Antwort ist: ich schreibe nicht, um das Geschriebene drucken zu lassen; einen Leser aber werde ich, wenn überhaupt, dann wohl erst nach zehn Jahren haben, wenn das eine schon so weit vergangen sein wird, das andere sich schon so weit zu erkennen gegeben hat, daß zum Erröten keine Veranlassung mehr vorhanden ist. Wenn ich aber in meinen Aufzeichnungen manchmal gleichsam zu einem „Leser“ spreche wie zu einem Kritiker, so ergibt sich das ganz von selbst. Mein Leser ist eine Phantasiegestalt.

Nein, nicht meine außereheliche Geburt, mit der man mich bei Touchard so oft geneckt hat, nicht die traurigen Jahre meiner Kindheit, nicht Rachelust und nicht das Protestgefühl mit seinem „Recht“ haben meine „Idee“ erzeugt; getan hat das einzig – mein Charakter. Ich glaube, schon in meinem zwölften Lebensjahr, also fast mit dem eigentlichen Erwachen meines Bewußtseins, begann ich, die Menschen nicht zu lieben. Das heißt nicht gerade, nicht zu lieben, aber so, sie wurden mir, ich möchte sagen, schwer. Es hat mich oft traurig gemacht, und zwar gerade in meinen reinsten Stunden, daß ich nicht einmal den mir am nächsten stehenden Menschen alles zu sagen vermochte, auch ihnen gegenüber nicht alles aussprechen konnte, oder richtiger, eigentlich nicht aussprechen wollte, d. h. daß ich mich aus irgendeinem Grunde zurückhielt, und daß ich mißtrauisch war, finster und verschlossen. Und wiederum ist mir fast schon in der Kindheit ein Charakterzug an mir aufgefallen: daß ich gar zu oft andere beschuldigte oder wenigstens geneigt war, andere zu beschuldigen; aber meinem Gedanken in dieser Richtung folgte auf dem Fuß ein anderer Gedanke, der für mich zu schwer zu ertragen war, der Gedanke: „Bin ich nicht selbst der Schuldige?“ Und wie oft habe ich mich dann selbst grundlos beschuldigt! Und um solchen Fragen aus dem Wege gehen zu können, sehnte ich mich nach Einsamkeit und suchte sie. Außerdem habe ich in der Gesellschaft der Menschen nichts finden können, trotz allem Suchen, und ich habe gesucht; wenigstens alle meine Altersgenossen, alle Schulkameraden erwiesen sich stets als geistig unter mir stehend; ich erinnere mich keiner einzigen Ausnahme.

Ja, ich bin ein düsterer Mensch, ich verschließe mich fortwährend. Oft habe ich Lust, mich von den Menschen ganz und gar abzusondern. Vielleicht werde ich den Menschen auch Gutes tun, aber zumeist kann ich nicht den geringsten, einigermaßen einleuchtenden Beweggrund dazu entdecken. Auch sind sie keineswegs so herrlich, daß es sich lohnte, sich sonderlich um sie zu kümmern. Warum treten sie nicht gerade und offen an mich heran, und warum bin ich verpflichtet, als erster zu ihnen zu gehen? Diese Fragen sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen. Ich bin ein dankbares Geschöpf, das haben mir wohl schon hundert von mir begangene Dummheiten bewiesen. Einem offenen Menschen würde ich sofort mit Offenheit antworten und ihn liebgewinnen. So habe ich es ja auch getan; aber alle haben sie mich dann sogleich betrogen und sich selbst wieder vor mir verschlossen, sogar mit Hohn über mich. Der offenste von allen war Lambert, der mich als Junge so gehauen hat; aber auch dieser war bloß ein offener Schuft und Lump; und die Offenheit war bei diesem schließlich nur ein Ausdruck seiner Dummheit. Mit solchen Anschauungen kam ich damals nach Petersburg.

Als ich an jenem denkwürdigen Tage die Wohnung Dergatschoffs verließ (übrigens, Gott weiß weshalb es mich dahin gezogen hatte!), schloß ich mich Wassin an, und in einer Anwandlung von Begeisterung überschüttete ich ihn mit meinem Interesse. Und was geschah darauf? Noch an demselben Abend fühlte ich, daß ich ihn bereits viel weniger liebte. Warum? Ja, eben darum, weil ich durch meinen ihm überschwenglich gezollten Beifall mich selbst vor ihm erniedrigt hatte. Indessen sollte man meinen, es hätte gerade das Entgegengesetzte geschehen müssen: ein Mensch, der so weit gerecht und großmütig ist, daß er einem anderen in einer Weise Anerkennung zollt, die ihn selbst erniedrigt, – ein solcher Mensch steht doch an Menschenwürde eigentlich beinahe höher als jeder andere. Nun, und – ich sah das ein; aber trotzdem liebte ich Wassin weniger, sogar sehr viel weniger. Ich habe absichtlich ein dem Leser schon bekanntes Beispiel genommen. Selbst an Krafft dachte ich mit einem herben oder sogar bitteren Gefühl zurück, weil er mir ins Vorzimmer vorausgegangen war und mich auf diese Weise verabschiedet hatte: dieses Gefühl hatte ich die ganze Zeit bis zum nächsten Tage, bis ich plötzlich etwas erfuhr, das mir alles an ihm erklärte und jeden Grund zum Ärger aufhob. Aber schon in den untersten Klassen des Gymnasiums fühlte ich mich gekränkt, wenn einer meiner Mitschüler mich übertraf, sei es in einer Wissenschaft oder an Schlagfertigkeit und Witz, oder sei es, daß er mir an körperlicher Kraft überlegen war, – dann stellte ich sofort jeden Umgang mit ihm ein und sprach nicht einmal mehr mit ihm. Ich kann nicht sagen, daß ich ihn gehaßt oder ihm Mißerfolg gewünscht hätte; nein, das nicht; ich wandte mich nur von ihm ab, denn so ist nun einmal mein Charakter.

Ja, mich hat mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, nach Macht und Einsamkeit. Ich träumte davon schon in so jungen Jahren, daß entschieden ein jeder mich ausgelacht haben würde, wenn er meine geheimen Gedanken erfahren hätte. Deshalb habe ich die Heimlichkeit so liebgewonnen. Ja, ich träumte mit aller Kraft und allen Sinnen, träumte, daß mir keine Zeit bliebe, mich mit anderen Menschen zu unterhalten; daraus folgerte man, daß ich menschenscheu sei, und aus meiner Zerstreutheit zog man noch dümmere Schlüsse auf meine Lebenskraft – aber meine roten Wangen bewiesen das Gegenteil.

Besonders glücklich war ich, wenn ich schon im Bett lag und die Decke über die Schulter gezogen hatte, und nun ganz allein, in der größten Einsamkeit, ohne Menschengetriebe um mich herum, ohne einen Laut von ihnen zu hören, mein Leben nach eigenem Wunsch in der Phantasie umzugestalten begann. So verbrachte ich die Zeit, bis meine Idee in mir auftauchte, in der glühendsten Träumerei; durch die Idee aber wurden alle Träume, die bis dahin dumm gewesen waren, mit einemmal vernünftig und gingen aus der träumerischen Form des Romans in die denkende Form der Wirklichkeit über.

Alles floß zusammen und strebte nur zu dem einen Ziel. Meine Träume waren übrigens auch früher schon gar nicht so dumm gewesen, obgleich es der Themata zu Tausenden gab. Aber unter ihnen gab es Lieblingsträume … Übrigens, es geht doch nicht an, sie hier alle zu erzählen. Macht! Ich bin überzeugt, daß sehr viele es sehr lächerlich finden würden, wenn sie erführen, daß so ein „Nichts“ wie ich es gerade auf Macht abgesehen hatte. Aber ich werde sie durch ein weiteres Geständnis noch mehr in Erstaunen setzen: ich habe mich vielleicht schon von meinen ersten Träumen an, das heißt, so gut wie seit meiner frühesten Kindheit, mir selbst nie anders vorzustellen vermocht, als immer und unter allen Umständen auf dem ersten Platz. Und ich füge ein zweites seltsames Geständnis hinzu: vielleicht setzt sich das noch heute fort. Hierzu bemerke ich, daß ich nicht um Verzeihung zu bitten beabsichtige.

Und darauf beruht ja meine Idee, gerade darin liegt auch ihre Macht, daß das Geld – der einzige Weg ist, der selbst den Letzten auf den ersten Platz bringt. Vielleicht bin ich nicht einmal der Letzte; aber ich weiß zum Beispiel – der Spiegel sagt es mir –, daß mein Äußeres mir schadet, weil mein Gesicht gewöhnlich ist. Wenn ich aber so reich wie Rothschild bin – wer wird dann noch nach meinem Gesicht fragen, und werden dann nicht Tausende von Frauen, sobald ich nur pfeife, mit all ihren Schönheiten zu mir angeflogen kommen? Ich bin sogar überzeugt, daß sie selbst, und zwar vollkommen aufrichtig, mich schließlich für einen schönen Mann halten werden. Ferner: ich bin vielleicht klug. Aber mag ich auch noch so klug sein und eine noch so hohe Stirn haben, es kann sich doch in jeder Gesellschaft einer finden, der noch klüger ist und eine noch höhere Stirn hat – und ich bin verloren. Aber wenn ich nun ein Rothschild bin – wird dann dieser Klügere noch etwas neben mir bedeuten? Man wird ihn doch nicht einmal zu Wort kommen lassen neben mir! Ich bin vielleicht geistreich; aber da befindet sich plötzlich ein Talleyrand neben mir, ein Piron – und ich bin in den Schatten gestellt; bin ich aber ein Rothschild – wo bleibt dann Piron, ja selbst Talleyrand? Geld ist natürlich eine despotische Macht, zu gleicher Zeit aber bedeutet es die größte Gleichstellung, und darin liegt seine hauptsächliche Macht. Geld macht alle Ungleichheiten gleich. Das habe ich alles schon in Moskau eingesehen.

Man wird in diesem meinem Gedanken selbstverständlich nichts als einen Ausdruck von Gemeinheit und Herrschsucht sehen, hinter dem das Gelüst des Niedrigen steht, über die Hohen und Geistigen zu triumphieren. Ich gebe zu, daß dieser Gedanke verwegen ist (und deshalb süß). Aber mag er, mag er es sein: Sie denken gewiß, ich wolle Macht, nur um triumphieren, bedrücken und mich rächen zu können? Das ist es ja, daß unbedingt so und nicht anders die Dutzendgemeinheit handeln würde. Und nicht nur diese; ich bin überzeugt, daß Tausende von Talenten und klugen Leuten, die sich so hochstehend und geistig dünken, wenn man ihnen plötzlich die Rothschildschen Millionen aufladen würde, dem Reichtum nicht gewachsen wären, und wie die Ordinärsten verfahren und am allermeisten die anderen bedrücken würden. Meine Idee ist eine ganz andere. Ich fürchte das Geld nicht; mich wird es nicht bedrücken und auch nicht veranlassen, andere zu bedrücken.

Ich brauche das Geld nicht, oder sagen wir richtiger, ich brauche nicht das Geld, und nicht einmal die Macht; ich brauche nur das, was man durch Macht erwirbt und was man auf keine Weise ohne Macht erlangen kann; und das ist das einsame und ruhige Bewußtsein der Kraft! Das ist die erschöpfendste Bezeichnung dessen, was man „Freiheit“ nennt, und um die sich die ganze Welt so abquält! „Freiheit!“ Endlich habe ich es hingeschrieben, dieses große Wort … Ja, das einsame Bewußtsein der Kraft – ist berauschend und wundervoll. Ich habe die Kraft, und ich bin ruhig. Jupiter hat Blitz und Donner in der Hand: und er ist ruhig. Hört man’s denn häufig, daß er den Donner grollen läßt? Ein Dummer könnte glauben, er schlafe. Aber setzt an die Stelle Jupiters irgendeinen Literaten oder ein dummes Bauernweib – und das Donnern wird kein Ende nehmen!

Habe ich aber erst einmal die Macht, philosophierte ich, so werde ich ihrer überhaupt nicht mehr bedürfen. Ich versichere, daß ich dann freiwillig und aus eigenem Antriebe überall den letzten Platz einnehmen werde. Wäre ich Rothschild, so würde ich in einem alten Mantel und mit einem Regenschirm gehen. Was mache ich mir daraus, daß man mich auf der Straße stößt, daß ich schnell über das schmutzige Pflaster springen muß, um nicht überfahren zu werden! Das Bewußtsein, daß ich es bin, Rothschild selbst, würde mich in solchen Augenblicken erheitern und belustigen. Ich weiß, daß ich den ersten Koch der Welt und ein Essen wie keiner haben kann, doch es genügt mir, das zu wissen. Ich würde ein Stück Brot und Schinken essen und würde satt sein durch mein Bewußtsein. Dieser Ansicht bin ich auch heute noch.

Ich werde mich nicht zu den Aristokraten drängen, wohl aber werden sie sich zu mir drängen; nicht ich werde den Weibern nachlaufen, sondern sie mir, und werden mir alles anbieten, was ein Weib nur anzubieten hat. Die „billigen“ werden des Geldes wegen kommen, und die klugen wird das neugierige Interesse für den eigenartigen, stolzen, verschlossenen und zu allem sich gleichmütig verhaltenden Menschen anlocken. Ich werde sowohl zu diesen wie zu jenen freundlich sein und ihnen vielleicht Geld geben; von ihnen nehmen aber werde ich nichts. Interesse gebiert Leidenschaft, vielleicht werde ich auch Leidenschaft erwecken. Aber ich versichere, sie werden vergeblich gekommen sein und nichts mitnehmen, als höchstens Geschenke. Und das wird mich für sie doppelt interessant machen.

„… denn mir genügt

Vollauf das Bewußtsein …“

Sonderbar ist, daß ich mich in dieses Bild (das übrigens richtig ist) schon als Siebzehnjähriger verliebt habe.

Bedrücken und quälen will ich und werde ich keinen; aber ich würde wissen, daß, wenn ich einen bestimmten Menschen, etwa meinen Feind, verderben wollte, niemand mich daran hindern könnte, alle vielmehr diensteifrig mir helfen würden, und wiederum würde mir dieses Bewußtsein genügen. Nicht einmal rächen würde ich mich. Es hat mich immer gewundert, daß James Rothschild den Titel „Baron“ angenommen hat! Warum das und wozu, wenn er doch schon über allen stand? „Oh, mag mich doch dieser aufgeblasene General beleidigen,“ würde ich denken, wenn wir, sagen wir, beide auf einer Poststation auf Pferde warten; „wenn er wüßte, wer ich bin, würde er selbst meine Postpferde anschirren helfen und mir beim Einsteigen in meinen bescheidenen Wagen behilflich sein. War doch einmal in den Zeitungen davon die Rede, daß ein ausländischer Graf oder Baron in einem Wiener Eisenbahnzug einem dortigen Bankier vor dem ganzen Publikum die Pantoffeln angezogen hatte, und dieser war gemein genug gewesen, das geschehen zu lassen. Oh, mag doch, mag diese unheimliche Schönheit (gerade ‚unheimliche‘ Schönheit, es gibt solche!) – diese Tochter der stolzen und bewundernswerten Aristokratin, mit der ich zufällig auf einem Schiffsdeck oder sonstwo zusammentreffe, mich mit ungehaltenem Blick messen und, hochmütig die Nase hebend, mit Verachtung sich darüber wundern, wie dieser geringe, abscheuliche Mensch mit dem Buch oder der Zeitung in der Hand es wagen durfte, sich auf den ersten Platz zu setzen, und noch dazu neben sie! Doch wenn sie nur wüßte, wer neben ihr sitzt! Und sie wird es erfahren, – erfahren und sich selbst neben mich setzen, ergeben, schüchtern, freundlich, und wird meinen Blick suchen und sich über mein Lächeln freuen …“ Ich habe hier mit Absicht diese frühesten Träume wiedergegeben, damit der Gedanke greller hervortrete und dann verständlicher werde; aber diese Bilder sind blaß und vielleicht trivial. Nur die Wirklichkeit rechtfertigt alles.

Man wird sagen, so zu leben, wäre dumm: warum nicht in einem Palais wohnen, nicht ein großes Haus machen, nicht Gesellschaft bei sich versammeln, warum nicht Einfluß haben, und warum nicht heiraten? Aber was würde dann aus dem Rothschild werden, aus dem reichsten Menschen der Welt? Er würde zu dem werden, was alle sind. Der ganze Reiz der „Idee“, ihre ganze sittliche Kraft würde dahin sein. Schon als Kind habe ich den Monolog des „Geizigen Ritters“ von Puschkin auswendig gelernt; als Idee hat Puschkin nichts Höheres geschaffen! Der Meinung bin ich auch heute noch.

„Aber Ihr Ideal ist niedrig,“ wird man mir mit Verachtung vorhalten, „Geld, Reichtum! Etwas ganz anderes sind doch gemeinnützige Unternehmungen, menschenfreundliche Taten!“

Aber wer weiß es denn, wie ich meinen Reichtum anwenden würde? Was ist dabei Unsittliches und Niedriges, daß aus vielen jüdischen, schädlichen und schmutzigen Händen diese Millionen in die Hand eines nüchternen und standhaften Asketen, der mit scharfem Blick in die Welt schaut, zusammenfließen? Überhaupt, alle diese Zukunftsträume, alle diese Prophezeiungen – das wirkt jetzt noch wie ein Roman, und ich habe sie vielleicht ganz umsonst niedergeschrieben; wäre lieber alles in meinem Schädel geblieben! Ich weiß auch, daß niemand diese Zeilen lesen wird; doch wenn jemand sie lesen sollte, wird er dann glauben, daß ich den Rothschildschen Millionen vielleicht doch nicht gewachsen bin? Nicht deshalb, weil sie mich etwa bedrücken würden, sondern im entgegengesetzten Sinne!? In meinen Träumen habe ich schon mehr als einmal an jenen Augenblick gedacht, wo mein Machtbewußtsein übersättigt sein, die „Macht“ mir aber immer noch nicht groß genug erscheinen wird. Dann werde ich – nicht aus Langeweile und nicht aus Rührseligkeit oder Überdruß, sondern weil mich nach uferlos Größerem verlangen wird – dann werde ich alle meine Millionen den Menschen hingeben, mag die Gesellschaft meinen ganzen Reichtum verteilen und verwalten, ich aber – ich aber tauche wieder hinab und verschwinde unter den Namenlosen! Vielleicht ende ich dann auch so auf einem Zwischendeck, wie jener Bettler auf dem Wolgadampfer, bloß mit dem Unterschied, daß man in meinem Lumpenkittel nichts eingenäht finden wird. Allein das Bewußtsein, daß Millionen in meiner Hand waren und ich sie in den Schmutz geworfen habe wie Spreu, würde mich wie ein Rabe speisen in meiner Wüste. Ich denke auch jetzt noch genau so. Ja, meine „Idee“ ist die Festung, in die ich mich jederzeit und unter allen Umständen zurückziehen und vor allen Menschen verbergen kann, selbst als Bettler. Das ist nun meine Dichtung! Und wißt, ich brauche meinen lasterhaften Willen ganz, nur um mir selbst beweisen zu können, daß ich imstande bin, auf ihn zu verzichten.

Man wird mir hierauf zweifellos vorhalten, das sei doch Phantasterei, in Wirklichkeit würde ich die Millionen nie aus den Fingern lassen und mich nie und nimmer in einen solchen Bettler verwandeln. Möglich, daß ich sie nicht aus den Fingern lasse; ich habe doch nur das Ideal meiner Idee aufgezeichnet. Aber ich füge noch hinzu, und im Ernst: wenn mein Reichtum bis zu der Ziffer eines Rothschildschen angewachsen ist, so könnte es in der Tat damit enden, daß ich ihn den Menschen hinwerfe. (Übrigens vor Erreichung der Rothschildschen Ziffer, d. h. der Ziffer des größten persönlichen Reichtums, wäre es schwer, das auszuführen.) Und nicht die Hälfte würde ich hingeben; denn dabei käme doch nur eine Banalität heraus: ich würde nur um die Hälfte ärmer werden und nichts weiter; sondern gerade alles, alles bis aufs letzte, weil ich, wenn ich dann freiwillig zum Bettler geworden bin, mit einem Schlage doppelt so reich sein würde wie Rothschild! Wenn man das nicht begreift, ist es nicht meine Schuld; erklären werde ich es nicht.

„Das ist Fakirtum, poetische Träumerei der Niedrigkeit und Kraftlosigkeit!“ urteilen die Menschen, „das ist der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit.“ Gut, ich gebe zu, es mag zum Teil auch der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit sein, aber wohl kaum der Kraftlosigkeit. Es gefiel mir ungeheuer, mir gerade ein talentloses und mittelmäßiges Geschöpf vorzustellen, das vor der ganzen Welt steht und lächelnd zu ihr sagt: „Ihr seid die Galilei und Kopernikus, die Karl der Große und Napoleon, ihr seid die Puschkin und Shakespeare, seid Feldmarschälle und Hofmarschälle, und hier bin ich – die Unbegabtheit und Rechtlosigkeit selbst, und bin doch höher als ihr; denn ihr selbst habt euch mir unterworfen!“ Diese Phantasie habe ich, das muß ich gestehen, so weit und schrankenlos fortgesetzt, daß ich sogar die Bildung ablehnte. Es schien mir, es müsse noch schöner sein, wenn dieser Mensch sogar maßlos ungebildet wäre. Diese Übertreibung des Gedankens blieb auch nicht ohne Einfluß auf meine Schulzeugnisse in der letzten Klasse des Gymnasiums; ich hörte einfach auf zu lernen, und zwar aus Fanatismus: die Verwirklichung des Ideals von einem Menschen ohne Bildung erschien mir großartiger. Inzwischen habe ich aber meine Ansicht in dieser Frage geändert und halte Bildung nicht mehr für störend.

Meine Herren, sollte denn die Selbständigkeit im Denken, und wäre es auch nur die geringste, wirklich so schwer für Sie sein? Selig ist, wer ein Schönheitsideal hat, und mag es auch nur ein fehlerhaftes sein! Aber an meines glaube ich. Ich habe es nur nicht richtig dargestellt, habe es ungeschickt und schülerhaft wiedergegeben. Nach zehn Jahren würde ich es selbstverständlich besser können. Aber diese Darstellung hier werde ich mir doch zur Erinnerung aufbewahren.

IV.
Ich habe nun die Auseinandersetzung meiner „Idee“ beendet. Wenn ich sie oberflächlich, unverständlich ausgedrückt habe, so bin ich daran schuld und nicht die Idee. Ich habe schon gesagt, daß die einfachsten Ideen am schwersten zu verstehen sind; jetzt kann ich noch hinzufügen, daß sie auch am schwersten zu erklären sind, und bei der vorliegenden war dies um so mehr der Fall, als ich meine „Idee“ in ihrer früheren Gestalt zu erklären hatte. Aber auch für Ideen ist die Regel von den umgekehrten Gesetzen zutreffend: niedrige, billige Ideen werden ungewöhnlich schnell begriffen, und unbedingt von der ganzen Masse, von der Straße sozusagen; und nicht nur das: man hält sie sofort für die größten und genialsten, jedoch – nur am Tage ihres Bekanntwerdens. Das Billige ist nicht dauerhaft. Schnelles Begriffenwerden ist nur das Anzeichen der Trivialität des zu Begreifenden. Die Idee Bismarcks ist in einem Augenblick genial geworden, und Bismarck selbst zum Genie; aber gerade diese Schnelligkeit ist verdächtig: warten wir ab, was in zehn Jahren von seiner Idee übrig sein wird und vielleicht auch vom Herrn Kanzler selbst. Diese im höchsten Grade nicht zur Sache gehörende Bemerkung habe ich natürlich nicht zum Vergleich eingeflochten, sondern gleichfalls nur zur Erinnerung für mich. (Dies zur Erklärung für einen schon gar zu naiven Leser.)

Jetzt aber will ich noch zwei kleine Erlebnisse erzählen, um damit endgültig mit meiner „Idee“ abzuschließen, und zwar so, daß ich später nichts mehr hinzuzufügen noch zu erklären habe, was mich in der Erzählung nur aufhalten würde.

Einmal im Sommer, es war im Juli, zwei Monate vor meiner Abreise nach Petersburg, als ich schon ganz frei geworden war, bat mich Marja Iwanowna, nach dem „Troïtzki Possad“ zu einem alten dort wohnenden Fräulein hinauszufahren und einen Auftrag auszurichten – etwas ganz Nebensächliches, was der Erwähnung nicht wert ist. Auf der Rückfahrt, noch an demselben Tage, bemerkte ich im Waggon einen widerlich häßlichen jungen Mann, der nicht schlecht, aber unsauber gekleidet war, ein finniges Gesicht hatte und die schmutzig braune Hautfarbe, die manchen Brünetten eigen ist. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er auf jeder Station und Haltestelle ausstieg und Schnaps trank. Als die Reise sich ihrem Ende näherte, hatte sich um ihn ein vergnügter Kreis gebildet, übrigens eine recht lumpige Gesellschaft. Besonders entzückt war ein schon etwas betrunkener Kaufmann von dieser Fähigkeit des jungen Menschen, ununterbrochen zu trinken und dennoch nüchtern zu bleiben. Und sehr zufrieden schien damit auch ein junger Bursche zu sein, der furchtbar dumm und furchtbar viel sprach, nach deutscher Art gekleidet war und einen sehr schlechten Geruch verbreitete, – ein Kellner, wie ich später erfuhr. Dieser Kellner hatte sich mit dem brünetten jungen Mann alsbald angefreundet, und jedesmal, wenn der Zug hielt, bewog er ihn zum Aufstehen, indem er sagte: „Es ist Zeit für’n Schnäpschen!“ – und dann stiegen sie beide, eng umschlungen, aus. Der junge Mann, der soviel Alkohol schadlos zu sich nehmen konnte, sprach im allgemeinen kaum ein Wort, aber die Gesellschaft um ihn herum wurde immer lauter und zahlreicher; er hörte nur allen zu und verzog fortwährend seinen speichligen Mund zu einem Grinsen; von Zeit zu Zeit aber ließ er, und zwar immer ganz unerwartet, einen sonderbaren Laut hören, der ungefähr wie „Türlürlü!“ klang, und dazu legte er regelmäßig mit einer höchst karikaturhaft wirkenden Armbewegung den Zeigefinger an die Nase. Das machte dem Kaufmann und dem Kellner, wie auch der übrigen Gesellschaft, großen Spaß, und sie lachten äußerst laut und ungezwungen. Es ist unbegreiflich, über was alles die Menschen mitunter lachen können. Auch ich gesellte mich schließlich zu ihnen, und ich weiß nicht, warum dieser junge Mann auch mir gewissermaßen gefiel; vielleicht, weil er die allgemeingültigen, fast zu Gesetzen gewordenen Anstandsformen so unbekümmert außer acht ließ. Kurz, ich erkannte in ihm nicht den Esel, der er war; und wir begannen uns noch im Waggon zu duzen. Beim Aussteigen sagte er mir, er werde am Abend, gegen neun Uhr, auf den Twerskoi Boulevard kommen. Er war, wie sich herausstellte, ein ehemaliger Student. Ich kam auf den Boulevard, und er veranlaßte mich zur Teilnahme an folgendem Stückchen: Wir gingen beide über alle Boulevards, und sobald wir zu späterer Stunde ein alleingehendes Mädchen oder eine junge Frau entdeckten, eine von den anständigen, und in deren Nähe sich nicht viele andere Fußgänger befanden, so gesellten wir uns schnell zu ihr. Ohne sie anzureden, gingen wir neben ihr in gleichem Schritt weiter, er auf der einen, ich auf der anderen Seite, und begannen mit der ruhigsten Miene, als bemerkten wir sie überhaupt nicht, das allerunanständigste Gespräch. Wir nannten die Dinge mit ihren richtigen Namen, taten es mit dem gleichmütigsten Gesicht, als gehöre es sich so, und ergingen uns dann bei der Schilderung verschiedener Scheußlichkeiten und Schweinereien in solchen Finessen, wie sie die schmutzigste Phantasie selbst des schmutzigsten Wollüstlings sich nicht hätte ausdenken können. (Ich hatte natürlich alle diese Kenntnisse schon in den Schulen erworben, sogar schon vor dem Eintritt ins Gymnasium, aber doch nur die Worte, nicht die Sache selbst begriffen.) Das Mädchen erschrak entsetzlich und ging so schnell sie nur konnte, aber auch wir beschleunigten unseren Gang und – sprachen weiter. Unser Opfer konnte natürlich nichts tun, schreien hätte ihr wenig geholfen: sie hatte keine Zeugen, und überhaupt – es wäre doch peinlich gewesen. Dieses Vergnügen setzten wir acht Tage lang fort. Ich verstehe nicht, wie mir das hat gefallen können! Es gefiel mir ja auch gar nicht, aber … anfangs erschien es mir originell, gleichsam aus den alltäglichen, zu Schablonen gewordenen Äußerungsformen heraustretend; und außerdem konnte ich die Weiber nicht ausstehen. Einmal erzählte ich dem Studenten, daß Jean Jacques Rousseau in seinen „Beichten“ gesteht, er habe als Jüngling mit Vorliebe gewisse, stets bedeckte Körperteile zu entblößen und heimlich hinter Ecken hervorzustecken geliebt, um dann auf vorübergehende Frauen zu warten. Als Antwort pfiff mir der Student wieder nur sein „Türlürlü!“ Ich merkte schon, daß er schrecklich unwissend war und sich für erstaunlich wenige Dinge interessierte. Es war in ihm auch keine Spur von einer verborgenen Idee, wie ich sie in ihm zu finden vermutet hatte. Anstatt der anfangs vermuteten Originalität, fand ich in ihm nur erdrückende Eintönigkeit. Ich mochte ihn nicht, und dieses Gefühl nahm immer noch zu. Schließlich endete alles ganz plötzlich und auf eine völlig unvorhergesehene Weise: wir hatten uns wieder einmal, als es schon ganz dunkel war, einem noch sehr jungen, vielleicht erst sechzehnjährigen Mädchen angeschlossen, das schnell und furchtsam über den Boulevard ging; sie war sehr sauber und bescheiden gekleidet, lebte wohl von ihrer Hände Arbeit und eilte nach Hause, vielleicht zu einer alten Mutter, einer armen, kinderreichen Witwe, – übrigens wozu die Möglichkeiten ausmalen! Das Mädchen ging mit gesenktem Kopf eilig zwischen uns weiter, so schnell sie nur konnte, und hielt krampfhaft den Schleier fest, als wolle sie sich mit ihm die Ohren zuhalten, und so eilte sie furchtsam und zitternd vor uns her, aber plötzlich blieb sie stehen, schlug den Schleier von ihrem, soweit ich mich erinnere, gar nicht häßlichen, aber mageren Gesichtchen zurück und fuhr uns empört mit blitzenden Augen an:

„Ach, wie gemein Sie sind!“

Vielleicht war sie nahe daran, in Tränen auszubrechen; aber es kam anders: sie holte aus und gab dem Studenten mit ihrer kleinen mageren Hand eine Ohrfeige, wie geschickter und gewandter vielleicht noch nie eine gegeben worden ist. Es klatschte nur so! Er wollte losschimpfen und sich auf sie stürzen, aber ich hielt ihn zurück, und das Mädchen konnte sich retten. Zwischen uns aber kam es sofort zum Streit: ich sagte ihm alles ins Gesicht, was sich an Wut in mir angesammelt hatte, sagte ihm, daß er nur ein erbärmlicher Wicht, die Unbegabtheit und Gewöhnlichkeit in Person sei und niemals auch nur den Schatten einer eigenen Idee gehabt habe. Und er beschimpfte wiederum mich … (ich hatte ihm einmal etwas von meiner außerehelichen Geburt gesagt), dann spien wir aus, und seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen. An jenem Abend war ich sehr ungehalten, am anderen Tage war ich es weniger, am dritten – hatte ich den ganzen Vorfall schon vergessen. Und sonderbar, wenn später auch dieses junge Mädchen zuweilen in meiner Erinnerung auftauchte, so geschah das doch immer nur zufällig und flüchtig. Erst nach meiner Ankunft in Petersburg, ungefähr in der dritten Woche, fiel mir auf einmal dieses ganze Erlebnis ein – es fiel mir ein, und ich schämte mich so entsetzlich, daß mir buchstäblich Tränen der Scham in die Augen traten und über die Wangen rollten. Ich quälte mich den ganzen Abend, die ganze Nacht, und auch jetzt noch quält es mich. Ich konnte lange nicht begreifen, wie es mir möglich gewesen war, damals so tief und schmachvoll zu sinken, und vor allem: diesen Fall zu vergessen, mich nicht seiner zu schämen, nicht Reue zu empfinden! Erst jetzt habe ich erraten, woran das lag: meine „Idee“ war schuld daran! Ich will mich kurz fassen und unmittelbar den Schluß ziehen: Hat man etwas Feststehendes, Starkes, was einen unausgesetzt und tief beschäftigt, so ist man dadurch gleichsam der ganzen äußeren Welt entrückt, man lebt bei sich wie in einer Einsiedelei, und alle äußeren Geschehnisse gleiten an einem vorüber, fast ohne dieses innere Wesentliche auch nur zu streifen. So können sich oft Eindrücke fast ganz verflüchtigen, oder man empfindet sie falsch, jedenfalls nicht so, wie man es in normalem Zustande müßte. Und dabei hat man, was das schlimmste ist, immer gleich eine Ausrede zur Hand. Wie oft habe ich in dieser Zeit meine Mutter gequält, wie schändlich meine Schwester sich selbst überlassen. „Ach, ich habe ja meine ‚Idee‘, alles andere ist Nebensache“ – so ungefähr könnte ich das in Worten ausdrücken, womit ich mich gefühlsmäßig über alles hinwegsetzte. Man beleidigte mich, und sogar empfindlich, und ich ging beleidigt davon und sagte mir dann nur: „Nun ja, ich bin niedrig, aber ich habe immerhin meine ‚Idee‘, und davon wissen meine Beleidiger nichts.“ Die „Idee“ tröstete mich in der Erniedrigung und Schande; aber auch alle meine Gemeinheiten versteckten sich gleichsam hinter der Idee; sie machte mir alles gewissermaßen leichter; aber sie hüllte auch alles um mich herum wie in einen Nebel. Doch eine so unklare Auffassung der Ereignisse und Dinge kann natürlich auch der Idee selbst schaden, ganz abgesehen von allem anderen.

Und jetzt will ich noch das zweite Erlebnis erzählen.

Es war im letzten Frühling in Moskau. Marja Iwanowna feierte am ersten April wie gewöhnlich ihren Namenstag. Zum Abend waren Gäste eingeladen, jedoch nur wenige. Da kommt plötzlich Agrafena atemlos ins Zimmer gestürzt und sagt, im Flur vor der Küche schreie ein kleines ausgesetztes Kind, sie wisse nicht, was sie tun solle. Diese Nachricht regte alle auf, alle erhoben sich, gingen hinaus und sahen tatsächlich in einem Korb aus Birkenrinde ein drei oder vier Wochen altes kleines quiekendes Mädchen liegen. Ich nahm den Korb und trug ihn in die Küche, wo ich sogleich einen am Korb befestigten zusammengefalteten Zettel bemerkte. Auf diesem Papier stand geschrieben: „Liebe Wohltäter, erweist wohlwollende Hilfe dem armen Arina getauften Mädchen, und wir werden mit ihr zusammen zeitlebens unsere Tränen zum Throne des Höchsten emporsenden, wünschen Euch auch Glück zum Namensfeste. Euch unbekannte Menschen.“ Da geschah es denn, daß der von mir so sehr geachtete Nikolai Ssemjonowitsch mich zum erstenmal enttäuschte und betrübte: er machte ein sehr ernstes Gesicht und erklärte, das kleine Mädchen müsse sofort ins Findelhaus geschickt werden. Das machte mich ganz traurig. Sie lebten sehr sparsam, hatten aber keine Kinder, worüber Nikolai Ssemjonowitsch immer sehr froh war. Vorsichtig schob ich meine Hände unter die Ärmchen der kleinen Arina und hob sie aus dem Korb; aus den Decken kam ein säuerlicher und scharfer Geruch, wie er lange nicht gebadeten Säuglingen eigen ist. Ich stritt mich zunächst mit Nikolai Ssemjonowitsch wegen des Findelhauses und erklärte dann plötzlich, daß ich das Mädchen auf meine Kosten erziehen lassen würde. Er widersprach mir mit einer gewissen Strenge, trotz seiner sonstigen Weichherzigkeit, und obschon er mit einem Scherz den Streit beilegte, gab er seine Absicht in betreff des Findelhauses doch nicht auf. Es kam aber anders, und ich setzte meinen Willen durch; auf unserem Hof lebte in einem Nebengebäude ein armer Tischler, ein schon älterer Mann und großer Trunkenbold, dessen Frau, ein noch junges und sehr gesundes Weib, gerade ihren Säugling verloren hatte, ihr einziges Kindchen nach achtjähriger kinderloser Ehe. Dieses Kind war gleichfalls ein Mädchen gewesen und zum Glück zufällig auch Arina getauft worden. Ich sage „zum Glück“; denn als wir noch wegen des Findelhauses stritten, war diese Tischlersfrau, die von der Überraschung gehört hatte, nur aus Neugier herbeigelaufen, als sie aber hörte, die Kleine hieße Arina, da hatte sie Mitleid mit dem Kindchen. Die Milch war bei ihr noch nicht vergangen, und so entblößte sie die Brust und stillte das Kind. Ich machte mich nun gleich an sie heran und bat und beredete sie eindringlich, das Kind zu sich zu nehmen, und ich versprach, ihr monatlich dafür zu zahlen. Sie befürchtete, der Mann würde es ihr nicht erlauben, nahm aber das Kind doch für die Nacht zu sich. Am nächsten Morgen gab der Mann seine Einwilligung, vorausgesetzt, daß man acht Rubel monatlich zahlte, was ich denn auch unverzüglich tat, indem ich ihm acht Rubel für den ersten Monat einhändigte. Er vertrank das Geld ohne zu säumen. Nikolai Ssemjonowitsch, der zu meinem Vorhaben immer noch sonderbar lächelte, willigte ein, die Bürgschaft dafür zu übernehmen, daß die acht Rubel in jedem Monat von mir gezahlt werden würden. Ich wollte nun Nikolai Ssemjonowitsch meine sechzig Rubel einhändigen, damit er eine Sicherheit habe, aber er nahm sie nicht. Übrigens wußte er, daß ich Geld besaß, und vertraute mir. Durch dieses taktvolle Verhalten seinerseits war denn auch unser kurzer Streit beigelegt. Marja Iwanowna sagte nichts, aber sie wunderte sich, daß ich eine solche Sorge auf mich nahm. Ich habe das Zartgefühl dieser Menschen immer ganz besonders geschätzt; in diesem Fall erlaubten sie sich nicht den geringsten Scherz über mich, sondern faßten die ganze Sache genau so ernst auf, wie sie war. Ich lief jeden Tag zu Darja Rodiwonowna, sogar dreimal täglich, und nach einer Woche schenkte ich ihr persönlich und heimlich, damit ihr Mann es nicht erführe, noch drei Rubel. Für weitere drei Rubel kaufte ich ein Deckchen und Windeln. Aber am zehnten Tage erkrankte die kleine Rina. Ich holte sofort den Arzt, er verschrieb etwas, und wir blieben die ganze Nacht bei dem Kinde und quälten das arme Dingelchen mit seiner abscheulichen Medizin, aber schon am Morgen sagte er, es sei hoffnungslos, und auf meine Bitten – übrigens waren es, glaube ich, Vorwürfe – erwiderte er nur mit edler Friedfertigkeit: „Ich bin kein Gott.“ Die Zunge, die Lippen, der ganze Mund des kleinen Mädchens waren wie mit einem leichten weißen Ausschlag bedeckt, und am Abend starb die Kleine, die großen schwarzen Augen auf mich gerichtet, als könne sie schon alles verstehen. Ich begreife nicht, wie es mir nicht in den Sinn gekommen ist, die kleine Tote photographieren zu lassen! Und wird man es glauben, ich habe an diesem Abend nicht nur geweint, sondern einfach geheult, was ich mir früher niemals erlaubt hatte. Marja Iwanowna war noch genötigt, mich zu trösten, und das geschah alles wieder ohne den geringsten Spott. Der Tischler fertigte eigenhändig den kleinen Sarg an, Marja Iwanowna schmückte ihn mit Rüschen und legte ein hübsches kleines Kissen hinein, und ich kaufte Blumen, die ich über das Kindchen streute, und so trug man meine arme kleine Blume fort, die ich, wird man es glauben, bis zum heutigen Tage nicht vergessen kann. Bald darauf aber veranlaßte mich dieser ganze unvorhergesehene Zwischenfall zu recht ernsthaftem Nachdenken. Freilich, Rinotschka war mir nicht sehr teuer zu stehen gekommen: alles zusammen – auch der Sarg und die Beerdigung, der Arzt und die Blumen und die Zahlung an Darja Rodiwonowna – machte dreißig Rubel aus. Dieses Geld holte ich bei der Abreise durch Ersparungen von den vierzig Rubeln, die Werssiloff mir zur Reise geschickt hatte, und durch den Verkauf einiger alter Sachen vor der Abreise wieder ein, so daß mein „Kapital“ auf derselben Höhe blieb. „Aber,“ sagte ich mir, „wenn ich mich oft so ablenken lasse, dann werde ich nicht weit kommen.“ Aus der Geschichte mit dem Studenten ging hervor, daß eine „Idee“ von einem so weit Besitz ergreifen kann, daß man sich über äußere Eindrücke gar nicht mehr klar wird oder sogar die ganze tägliche Wirklichkeit unbemerkt an einem vorüberzieht; und aus der Geschichte mit Rinotschka ging das Gegenteil hervor: daß keine „Idee“ von einem (oder wenigstens von mir) so weit Besitz zu ergreifen vermag, daß sie mich davon abhalten könnte, plötzlich vor irgendeiner erschütternden Tatsache stehenzubleiben und auf einmal alles das zu opfern, was ich schon in jahrelanger Arbeit für die „Idee“ getan hatte. Zwei entgegengesetzte Folgerungen, und nichtsdestoweniger waren sie beide richtig.

Sechstes Kapitel.
I.
Meine Hoffnung ging doch nicht ganz in Erfüllung: ich traf sie nicht allein an; Werssiloff war allerdings nicht da, aber dafür saß bei meiner Mutter Tatjana Pawlowna – immerhin ein fremder Mensch. Meine großmütige Stimmung ward deshalb im Nu um die Hälfte weniger großmütig. Es ist merkwürdig, wie schnell sich in solchen Fällen meine Stimmung verändert: ein Sandkörnchen oder Härchen genügt schon, um das Gute zu verscheuchen und das Böse an seine Stelle treten zu lassen. Meine schlechten Eindrücke aber sind zu meinem Bedauern nicht so schnell zu verscheuchen, obschon ich keineswegs nachtragend bin. Als ich eintrat, schien mir im Augenblick, daß meine Mutter ihre anscheinend recht lebhafte Unterhaltung mit Tatjana Pawlowna schnell und hastig abbrach. Meine Schwester war erst kurz vor mir von ihrer Arbeit zurückgekehrt und war noch in ihrem Stübchen.

Die Wohnung bestand aus drei Zimmern. Das eine davon, das mittlere, in dem sich gewöhnlich alle aufhielten, unser Wohn- und Empfangszimmer zugleich, war ein ziemlich großer Raum und sah beinahe anständig aus. In ihm waren wenigstens Polstermöbel, rote Sofas, übrigens mit recht abgenutztem Bezug (Werssiloff duldete keine Überzüge), dazu einige Teppiche, ein paar Tische und überflüssige Tischchen. Rechts von diesem Raum lag Werssiloffs Zimmer; das war eng und schmal und hatte nur ein Fenster. Dort stand ein kläglicher Schreibtisch, auf dem etliche ungelesene Bücher und vergessene Papiere lagen, und vor dem Tisch stand ein nicht minder kläglicher Polstersessel mit einer zerbrochenen und infolgedessen schief hervorstehenden Feder, über die Werssiloff oft genug seufzte und schimpfte. In demselben Kabinett wurde für ihn abends auf einem weichen, aber gleichfalls verschlissenen Diwan ein Lager zurechtgemacht. Er haßte dieses sogenannte Kabinett und tat, glaube ich, nie etwas in ihm, sondern zog es vor, stundenlang müßig im Wohnzimmer zu sitzen. Links vom Wohnzimmer lag ein genau so großes Zimmer wie das Kabinett, dort schliefen meine Mutter und meine Schwester. Ins Wohnzimmer trat man aus einem Korridor, an dessen Ende eine Tür in die Küche führte, wo die Köchin Lukerja ihr Wesen trieb. Wenn diese Lukerja kochte oder briet, so ließ sie erbarmungslos den Geruch von verbranntem Fett durch die ganze Wohnung ziehen. Es gab Augenblicke, wo Werssiloff einzig wegen dieses Küchengeruchs sein ganzes Leben verwünschte und sein Schicksal verfluchte, und in diesem einen Punkte konnte ich ihm vollkommen nachfühlen. Auch ich haßte diese Gerüche, obschon sie nicht bis in mein Zimmer drangen. Ich wohnte oben unter dem Dach im Giebelstübchen, wohin ich auf einer kleinen, überaus steilen und knarrenden Treppe hinaufstieg. An Sehenswürdigkeiten gab es bei mir dort nur ein halbrundes Fenster und eine entsetzlich niedrige Decke. Auf dem mit Wachstuch überzogenen Diwan machte mir Lukerja abends mit Bettlaken und einem Kopfkissen ein Nachtlager zurecht, und sonst waren an Möbeln nur noch zwei Sachen da: ein einfacher Tisch aus ungestrichenen Brettern und ein Stuhl mit geflochtenem und schon durchlöchertem Sitz.

Übrigens waren bei uns immerhin noch etliche Überbleibsel eines ehemaligen Komforts: im Wohnzimmer z. B. stand eine sogar sehr schöne Porzellanlampe; an einer Wand hing eine vorzügliche große Gravüre der Dresdener Madonna, und an der anderen Wand, ihr gegenüber, eine teure Photographie der berühmten Bronzetür des Florentiner Baptisteriums. In demselben Zimmer hing ferner in einer Ecke ein großer Heiligenschrein mit altertümlichen Heiligenbildern, ein Familienerbstück, und eines von ihnen (das Bild aller Heiligen) hatte eine reiche silbervergoldete Bekleidung (die einmal versetzt werden sollte) und ein Muttergottesbild eine Bekleidung aus perlenbesticktem Samt. Vor den Heiligenbildern hing ein Lämpchen, das am Vorabend jedes Feiertages angezündet wurde. Werssiloff verhielt sich zu den Heiligenbildern, im Sinne ihrer Bedeutung, scheinbar ganz gleichgültig, zog nur zuweilen die Stirne kraus, wenn das Lämpchen brannte und beklagte sich, indem er sich merklich bezwang, nur wie beiläufig, über den von der vergoldeten Bekleidung zurückgeworfenen Lichtschein, der ihn angeblich blende, was für seine Augen schädlich sei, aber immerhin verhinderte er meine Mutter nicht, das Lämpchen anzuzünden.

Ich trat gewöhnlich schweigend und mit finsterem Gesicht ins Zimmer, sah keinen an, sondern irgendwohin in eine Ecke, und zuweilen grüßte ich nicht einmal, wenn ich nach Hause kam. Ich war sonst immer früher heimgekehrt als diesmal, und das Mittagessen hatte man mir immer nach oben gebracht. Als ich aber nun eintrat, sagte ich plötzlich: „Guten Abend, Mama,“ was ich früher nie getan hatte, aber auch diesmal brachte ich es aus einem gewissen Schamgefühl heraus nicht fertig, sie dabei anzusehen, und ich setzte mich am anderen Ende des Zimmers hin. Ich war sehr müde, aber daran dachte ich nicht.

„Dieser Flegel fährt ja immer noch fort, wie ein Tölpel hier einzutreten,“ fiel Tatjana Pawlowna sogleich gehässig über mich her.

Schimpfworte hatte sie sich auch früher erlaubt, und das war zwischen ihr und mir eigentlich schon zur Gewohnheit geworden.

„Guten Abend …“ antwortete meine Mutter unsicher, als habe mein Gruß sie ganz verlegen gemacht.

„Das Essen ist längst fertig,“ fügte sie fast verwirrt hinzu, „wenn nur die Suppe nicht kalt geworden ist, aber die Koteletts werde ich gleich …“

Und sie wollte schon eilig aufstehen, um in die Küche zu gehen, und vielleicht zum erstenmal in diesem ganzen Monat schämte ich mich plötzlich, daß sie so eilfertig aufsprang, um mich zu bedienen, wie ich das bis dahin selbst von ihr verlangt hatte.

„Nein, danke sehr, Mama, ich habe schon gegessen. Wenn ich nicht störe, werde ich mich hier etwas ausruhen.“

„Ach … ja, gewiß! … Warum denn nicht … bleiben Sie nur …“

„Seien Sie unbesorgt, Mama, ich werde gegen Andrei Petrowitsch nicht mehr ausfallend sein,“ sagte ich plötzlich.

„Ach Gott, welch eine Großmut von ihm!“ rief Tatjana Pawlowna wieder gehässig aus. „Aber Täubchen, Ssonjä, sagst du denn wirklich immer noch ‚Sie‘ zu ihm? Wer ist er denn, daß er so geehrt werden muß, und dazu noch von seiner leiblichen Mutter! Und sieh doch einer, da bist du noch ganz verlegen geworden vor ihm, pfui!“

„Es wäre mir selbst viel angenehmer, Mama, wenn Sie mich duzen würden.“[7]

„Ach … nun, gut, gut, dann werde ich …“ beeilte sich meine Mutter, allen Wünschen nachzukommen. „Ich … ich habe ja auch nicht immer ‚Sie‘ gesagt … aber von jetzt ab werde ich es nicht mehr tun, ich werde wissen, wie …“

Sie errötete vor Verlegenheit. Ihr Gesicht hatte entschieden etwas überaus Anziehendes … Es war ein treuherziges, durchaus nicht gewöhnliches Gesicht, ein wenig bleich, vielleicht blutarm. Ihre Wangen waren sehr mager, sogar eingefallen, und auf der Stirn bildeten sich schon viele Runzeln, aber um die Augen herum hatte sie noch gar keine Runzeln, und diese Augen, die recht groß und offen waren, leuchteten immer in einem stillen, beruhigenden Licht, das mich schon vom ersten Tage an zu ihr hingezogen hatte. Es war mir auch lieb, daß in ihrem Gesicht gar nichts Trauriges oder Bedrücktes lag, im Gegenteil, ihr Gesichtsausdruck wäre sogar ein froher gewesen, wenn sie sich nicht so oft aufgeregt hätte, mitunter sogar ganz ohne Ursache. Sie erschrak nicht selten und erhob sich plötzlich von ihrem Platz in ganz grundloser Furcht, oder sie lauschte ängstlich auf jedes Wort, wenn man über etwas Neues sprach, bis sie sich überzeugte, daß sich deshalb nichts veränderte und alles beim alten blieb – dieses „beim alten bleiben“ war für sie gleichbedeutend mit der Überzeugung, daß alles gut war. Wenn sich nur nichts veränderte, wenn nur nichts Neues geschah, und mochte es auch etwas noch so Gutes sein! … Man hätte glauben können, sie sei als Kind einmal mit der Androhung von etwas „Neuem“ entsetzlich eingeschüchtert worden. Außer ihren Augen gefiel mir auch noch das Oval ihres länglichen Gesichtes, und ich vermute, wenn ihre Backenknochen nur um ein Härchen weniger breit gewesen wären, hätte man sie nicht nur in der Jugend, sondern auch jetzt noch hübsch nennen können. Sie war noch nicht über neununddreißig, aber in ihrem dunkelblonden Haar glänzten schon viele silberne Fäden.

Tatjana Pawlowna blickte sie mit entschiedenem Unwillen an.

„Diesen Bengel siezen! Und so vor ihm zu zittern! Sei doch nicht lächerlich, Ssofja! Kannst mich nur ärgern, wenn du so bist, damit du’s weißt!“

„Ach, Tatjana Pawlowna, warum sind Sie denn jetzt so zu ihm! Aber Sie scherzen wohl nur, – nicht?“ fragte meine Mutter, da sie im Gesicht Tatjana Pawlownas so etwas wie ein Lächeln bemerkte.

Tatjana Pawlownas Schelten konnte man in der Tat manchmal nicht ernst nehmen, diesmal jedoch lächelte sie (d. h. wenn sie es wirklich tat) natürlich nur über meine Mutter; denn sie liebte deren Güte über alles und hatte zweifellos schon bemerkt, wie glücklich die Gute in diesem Augenblick über meine Friedfertigkeit war.

„Es kann mir natürlich nicht gleichgültig sein, daß Sie so über mich herfallen, Tatjana Pawlowna, und noch dazu gerade jetzt, nachdem ich beim Eintreten ‚Guten Abend, Mama‘ gesagt habe, was ich früher nicht getan habe,“ bemerkte ich schließlich, da mir das notwendig erschien.

„Das ist mir mal schön!“ brauste sie sofort auf, „denkt euch nur, er hält das für ’ne Heldentat! Soll man dir nicht noch kniend dafür danken, daß du einmal im Leben höflich gewesen bist? Und was ist denn das für eine Höflichkeit! Warum siehst du denn in den Winkel, wenn du eintrittst? Als ob ich nicht wüßte, wie du zu ihr bist und sie behandelst! Hättest auch mir ‚Guten Tag‘ sagen können, hab’ deine Windeln gewickelt, bin deine Patin!“

Selbstverständlich verschmähte ich jeden Rechtfertigungsversuch. In diesem Augenblick trat meine Schwester ins Zimmer, und ich wandte mich schnell an sie:

„Lisa, ich habe heute Wassin gesehen, und er erkundigte sich nach dir. Du bist mit ihm bekannt?“

„Ja, von Luga her, im vorigen Jahr,“ antwortete sie mir ganz schlicht, setzte sich neben mich und sah mich freundlich an.

Ich weiß nicht, weshalb ich eigentlich erwartet hatte, daß sie sofort erröten würde, wenn ich ihr das von Wassin erzählte. Meine Schwester war blond, hellblond, ihre Haarfarbe hatte sie weder von der Mutter, noch vom Vater; aber ihre Augen, das Oval des Gesichts hatte sie fast ganz von der Mutter. Ihre Nase war sehr gerade, nicht groß und regelmäßig; und dann noch eine kleine Besonderheit: leichte kleine Sommersprossen im Gesicht, von denen bei der Mutter keine Spur vorhanden war. Werssiloffsches hatte sie nur wenig, es sei denn die Schlankheit der Gestalt, den hohen Wuchs und im Gang eine gewisse anmutige Schönheit. Mit mir verband sie nicht die geringste Ähnlichkeit – wir waren wie zwei entgegengesetzte Pole.

„Ich habe drei Monate in Luga mit ihnen verkehrt,“ fügte Lisa nach einer Weile hinzu.

„Du meinst doch Wassin allein? – warum sagst du dann ‚mit ihnen‘, Lisa? Mit ihm, sagt man, – ‚mit ihnen‘ sagen Bediente von ihrer Herrschaft. Verzeih, Schwester, daß ich dich verbessere, aber es tut mir weh, daß man deine Bildung, wie es scheint, vernachlässigt hat.“

„Und von dir ist es schändlich, in Gegenwart deiner Mutter solche Bemerkungen zu machen!“ donnerte mich Tatjana Pawlowna sofort an. „Außerdem faselst du – nichts ist vernachlässigt worden!“

„Es ist mir gar nicht eingefallen, meiner Mutter einen Vorwurf zu machen!“ verteidigte ich mich schroff. „Damit Sie es wissen, Mama, ich betrachte Lisa als Ihr zweites Ich: Sie haben aus ihr, was Güte und Charakter betrifft, etwas ebenso Entzückendes gemacht, wie Sie es sicherlich selbst waren und auch jetzt sind und ewig sein werden … Ich rede nur von der äußeren Politur, von allen diesen gesellschaftlichen Dummheiten, die nun einmal notwendig sind. Ich bin nur darüber ungehalten, daß Werssiloff dich auf diesen Fehler bestimmt nicht aufmerksam gemacht hätte, Lisa, – dermaßen hochmütig und gleichgültig verhält er sich zu uns. Das ist es, was mich ärgert!“

„Selbst ist er wie ein Bärenjunges, und dabei will er anderen Politur beibringen! Und unterstehen Sie sich nicht, mein Gnädigster, hinfort noch in Gegenwart Ihrer Mutter statt Andrei Petrowitsch nur ‚Werssiloff‘ zu sagen,[8] desgleichen nicht in meiner Gegenwart, – das dulde ich nicht!“ Tatjana Pawlownas Augen blitzten.

„Mama, ich habe heute mein Monatsgehalt erhalten, fünfzig Rubel; hier, bitte, nehmen Sie sie.“

Ich trat zu ihr und gab ihr das Geld; sie war sofort wieder erschrocken und aufgeregt.

„Ach, ich weiß nicht, ob ich es annehmen soll!“ sagte sie ängstlich, als fürchte sie sich, das Geld zu berühren.

Ich verstand sie nicht.

„Aber ich bitte Sie, Mama, wenn Sie beide mich als Sohn und Bruder betrachten, so …“

„Ach, ich fühle mich schuldig vor dir … ich würde dir etwas gestehen, aber ich wage nicht …“

Sie sagte es mit einem schüchternen und bittenden Lächeln. Ich verstand sie wieder nicht und unterbrach sie:

„Übrigens, ist es Ihnen bekannt, Mama, daß heute der Prozeß Andrei Petrowitschs mit den Ssokolskis seinen Abschluß gefunden hat?“

„Ach, ich weiß!“ rief sie erschrocken aus und legte vor Schreck die Handflächen zusammen (ihre gewöhnliche Gebärde).

„Heute?“ Tatjana Pawlowna zuckte am ganzen Körper zusammen. „Aber das kann doch nicht sein, er hätte es sonst gesagt! Hat er es dir gesagt?“ wandte sie sich an meine Mutter.

„Ach nein, daß es heute sei, das hat er nicht gesagt. Aber ich habe schon die ganze Woche solche Angst gehabt. Meinetwegen kann er ihn verlieren, ich würde ein Gebet sprechen, wenn es nur überstanden wär’ und alles wieder beim alten bliebe, ach wirklich!“

„So hat er es nicht einmal Ihnen gesagt, Mama!“ rief ich aus. „Da sieht man, was für ein Mensch das ist! Da haben wir gleich ein Beispiel seines Hochmuts und seiner Gleichgültigkeit, – was habe ich soeben noch gesagt?“

„Aber wie, womit hat es denn geendet, wie hat man entschieden? Wer hat dir das überhaupt gesagt?“ stieß Tatjana Pawlowna erregt hervor und stürzte sich auf mich. „So sprich doch endlich!“

„Da kommt er ja selbst! Vielleicht wird er was erzählen,“ sagte ich, da ich seine Schritte im Korridor hörte, und setzte mich schnell neben Lisa.

„Bruder, um Gottes willen, schone Mama und sei gegen Andrei Petrowitsch nachsichtig,“ flüsterte mir die Schwester zu.

„Das werde ich, das werde ich, mit diesem Vorsatz bin ich ja heute zurückgekehrt,“ sagte ich und drückte ihr die Hand.

Sie sah mich sehr mißtrauisch an, – und hatte recht.

II.
Er trat ein, sehr zufrieden mit sich, so zufrieden, daß er nicht einmal für nötig befand, seine gehobene Stimmung zu verbergen. Überhaupt hatte er sich gerade in der letzten Zeit vor uns nicht den geringsten Zwang angetan, und das nicht nur in bezug auf seine schlechten, sondern auch in bezug auf seine lächerlichen Seiten, die doch wohl ein jeder etwas ängstlich verbirgt; und dabei wußte er ganz genau, daß wir alles, auch den geringsten Zug, verstanden. Auch sein Äußeres hatte er in diesem letzten Jahr, nach der Behauptung Tatjana Pawlownas, sehr viel weniger gepflegt, das heißt, er war immer gut angezogen, aber seine Kleider waren nicht mehr ganz neu und nicht gesucht elegant. Allerdings muß ich zugeben, daß er, um den Verhältnissen Rechnung zu tragen, schließlich seine Wäsche ganze zwei Tage trug, und nicht mehr nur einen Tag, was meine Mutter sogar sehr betrübte; denn das wurde für ein großes Opfer gehalten, und die ganze Schar der ihm ergebenen Frauen sah darin schlechterdings eine Heldentat. Er trug schwarze, breitkrämpige weiche Hüte. Wenn er in der Tür seinen Hut abnahm, erhob sich auf seinem Kopf ein ganzer Busch von dichtem, aber schon stark ergrautem Haar. Ich liebte es, dieses Aufwogen der Haare zu beobachten, wenn er seinen Hut abnahm.

„Guten Tag; alle beisammen, wie ich sehe, und sogar er ist dabei. Ich hörte seine Stimme schon auf dem Flur; hat sich wohl über mich beklagt, vermutlich.“

Es war unter anderem eines der sichersten Anzeichen guter Laune bei ihm, wenn er über mich scherzte. Ich erwiderte natürlich nichts. Lukerja kam und brachte ein großes Paket, das sie auf den Tisch legte.

„Gewonnen, Tatjana Pawlowna! Der Prozeß ist gewonnen, und zu appellieren werden die Fürsten sich natürlich nicht entschließen. Die Sache ist mir zugefallen! Ich habe auch gleich einen gefunden, der mir tausend Rubel geliehen hat. Ssofja, lege die Arbeit fort, verdirb dir nicht die Augen. Lisa, du kommst von der Arbeit?“

„Ja, Papa,“ antwortete Lisa freundlich. Sie nannte ihn Vater; ich hätte das unter keiner Bedingung getan.

„Müde?“

„Allerdings.“

„Laß die Arbeit, morgen gehst du nicht hin und überhaupt nicht wieder.“

„Papa, das geht auf keinen Fall.“

„Ich bitte dich darum … Ich kann es nicht ausstehen, wenn Frauen arbeiten, Tatjana Pawlowna.“

„Aber wie ginge es denn ohne Arbeit? Und dazu noch Frauen – und nicht arbeiten …!“

„Ich weiß, ich weiß, das ist ja alles sehr schön und richtig, und ich bin im voraus mit allem einverstanden; aber – ich spreche hauptsächlich von den Handarbeiten. Können Sie sich denken, das ist bei mir, ich glaube, ein krankhaftes Vorurteil, das, sagen wir, auf einem unnatürlichen Kindheitseindruck beruht. In meinen dunklen Erinnerungen aus meinem fünften, sechsten Lebensjahr sehe ich am häufigsten, und natürlich mit Widerwillen, rings um einen runden Tisch ein Konklave von klugen Frauen mit strengen, harten Gesichtern, dazu Scheren, Stoff, Schnittmuster und Modeblätter. Alle überlegen und geben ihre Meinung ab, schütteln wichtig und langsam die Köpfe und messen und berechnen und schicken sich an, den Stoff zuzuschneiden. Alle diese freundlichen Wesen, die immer so liebreich zu mir waren – sind auf einmal unnahbar geworden; will ich unartig werden, so schickt man mich sofort hinaus. Selbst meine alte Kinderfrau, die mich an der Hand hält, hat dann weder Sinn noch Verständnis für mein Schreien und Zerren, sie ist nur noch Auge und Ohr, als sänge da ein Paradiesvogel. Sehen Sie, diese Strenge der klugen Frauen, und diese ihre ernste Wichtigtuerei mit dem Zuschneiden – alles das ist mir, ich weiß nicht, weshalb, sogar jetzt noch eine qualvolle Vorstellung. Sie, Tatjana Pawlowna, Sie haben eine große Vorliebe für das Zuschneiden, aber – so aristokratisch das auch sein mag – ich liebe doch mehr eine Frau, die überhaupt nicht arbeitet. Beziehe das nur nicht auf dich, Ssofja …! Aber wie solltest du! Die Frau ist auch ohne dem eine große Macht. Das weißt du übrigens auch selbst, Ssofja. Wie denken Sie darüber, Arkadi Makarowitsch, Sie lehnen sich gewiß dagegen auf?“

„Nein, durchaus nicht,“ erwiderte ich. „Besonders gut ist der Ausspruch ‚die Frau ist eine große Macht‘. Doch ich verstehe nicht, warum Sie das mit der Arbeit in Verbindung bringen? Daß man nicht anders kann und arbeiten muß, wenn man kein Geld hat, wissen Sie selbst.“

„Aber jetzt ist genug gearbeitet worden,“ wandte er sich an meine Mutter, die nur so strahlte (als er mich anredete, war sie zusammengezuckt); „wenigstens in der nächsten Zeit will ich keine Handarbeiten sehen, ich bitte um meinetwillen. Du, Arkadi, du bist doch als Jüngling unserer Zeit sicherlich ein wenig Sozialist; nun, dann wirst du’s mir glauben, mein Freund, daß der Müßiggang von keinem so geliebt wird, wie von dem ewig arbeitenden Volk!“

„Das Ausruhen vielleicht, aber nicht der Müßiggang.“

„Nein, gerade der Müßiggang, das vollkommene Nichtstun; das ist das Ideal. Ich habe einen ewigen Arbeiter gekannt, allerdings war er kein Mann aus dem Volk … Er war sogar ein ziemlich entwickelter Mensch und konnte manches begreifen. Nun, und dieser Mensch träumte in seinem ganzen Leben, vielleicht sogar jeden Tag, mit Wonne und Rührung von nichts anderem, als von vollständigem Müßiggang; er erhob sozusagen sein Ideal zum Absolutum – und das war: in schrankenlosester Unabhängigkeit, in ewiger Freiheit und in müßiger Beschaulichkeit zu leben. Und davon träumte er, bis er unter der Arbeit zusammenbrach; zu helfen war ihm nicht mehr – er starb im Krankenhaus. Ich bin wirklich mitunter zu der Annahme geneigt, daß die Vorstellung vom Genuß der Arbeit von Müßiggängern erfunden worden ist, versteht sich, von den tugendhaften unter ihnen. Das ist so eine von den ‚Genfer Ideen‘ aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts. Tatjana Pawlowna, vor drei Tagen schnitt ich aus der Zeitung eine Anzeige aus, hier ist sie“ (er zog ein Stückchen Papier aus der Westentasche), „eine von den unzähligen Anzeigen der studierenden Jugend, die die alten Sprachen beherrscht und in der Mathematik unterrichtet und zu allem bereit ist, zu jedem Unterricht ‚auswärts‘, zum Leben in Dachkammern und – kurz, zu allem. Also hören Sie: ‚Lehrerin übernimmt Vorbereitung für alle Lehranstalten‘ – wohlgemerkt: für alle – ‚und gibt Arithmetikstunden‘ – nur eine Zeile, aber sie ist klassisch! Man sollte meinen, wenn sie ‚für alle Lehranstalten vorbereitet‘, so muß sie doch auch in der Arithmetik unterrichten. Nein, sie erwähnt die Arithmetik noch ausdrücklich. Das – das ist schon der richtiger Hunger, das ist schon die höchste Not. Rührend ist hier gerade diese Unkenntnis: offenbar hat sie sich niemals zur Lehrerin ausgebildet, und es ist kaum anzunehmen, daß sie wirklich in einem Fach gut zu unterrichten versteht. Aber das ist doch der letzte Strohhalm, und so opfert sie ihren letzten Rubel für die Anzeige in der Zeitung und macht bekannt, daß sie in allen Fächern vorbereitet und außerdem noch Unterricht in der Arithmetik erteilt. Per tutto mondo e in altri siti.“

„Ach, Andrei Petrowitsch, der müßte man helfen!“ rief Tatjana Pawlowna aus. „Wo wohnt sie denn?“

„Ach, solcher gibt es viele!“ Er steckte die Anzeige wieder in die Tasche. „Dieses Paket dort auf dem Tisch, – da habe ich euch verschiedenes mitgebracht, – für dich, Lisa, und für Sie, Tatjana Pawlowna; Ssofja und ich, wir lieben keine Süßigkeiten. Und vielleicht auch für dich, junger Mann. Ich habe selbst alles bei Jelissejeff und Ballet[9] eingekauft. Wir haben schon gar zu lange ‚am Hungertuch genagt‘, wie Lukerja sagt.“ (NB. Niemand von uns hat jemals gehungert.) „Dort sind Weintrauben, Konfekt, Duchessebirnen und eine Erdbeertorte, und sogar einen vorzüglichen Likör habe ich genommen; auch Nüsse. Sonderbar, daß ich auch jetzt noch, ganz wie als Kind, Nüsse liebe, und wissen Sie, Tatjana Pawlowna, gerade die einfachste Sorte liebe ich am meisten. Lisa hat dieselbe Vorliebe; sie kann wie ein Eichhörnchen Nüsse knacken. Es gibt aber auch nichts Schöneres, Tatjana Pawlowna, als sich manchmal, ganz unversehens, so unter anderen Kindheitserinnerungen, auf Augenblicke im Walde zu denken, unter Knick und Busch, und an einem Zweig sieht man Nüsse sitzen, und die holt man sich … Die Tage sind fast schon herbstlich, aber klar, manchmal ist es schon ziemlich frisch, und man versteckt sich im Dickicht, streift durch den Wald, es riecht nach Blättern … Ich sehe etwas Sympathisches in Ihrem Blick, Arkadi Makarowitsch?“

„Die ersten Jahre meiner Kindheit habe auch ich auf dem Lande verlebt.“

„Wie, du hast doch, glaube ich, in Moskau gelebt … wenn ich mich nicht irre?“

„Er war nur damals bei Andronikoffs in Moskau, als Sie hinkamen, bis dahin aber hatte er bei Ihrer verstorbenen Tante Warwara Stepanowna auf dem Lande gelebt,“ sagte Tatjana Pawlowna schnell.

„Ssofja, hier ist Geld, lege es weg. In den nächsten Tagen versprach man mir, fünftausend auszuzahlen.“

„So haben die Fürsten gar keine Hoffnung mehr?“ fragte Tatjana Pawlowna.

„Ganz und gar keine, Tatjana Pawlowna.“

„Ich habe immer mit Ihnen gefühlt, Andrei Petrowitsch, und mit allen Ihren Angehörigen, und bin eine Freundin Ihres Hauses, aber wenn mir die Fürsten auch fremd sind, sie tun mir, weiß Gott, doch leid. Nehmen Sie mir das nicht übel, Andrei Petrowitsch.“

„Ich habe nicht die Absicht, mit ihnen zu teilen, Tatjana Pawlowna.“

„Sie kennen natürlich meine Meinung, Andrei Petrowitsch. Die Fürsten hätten den Prozeß nicht angestrengt, wenn Sie gleich am Anfang eine Teilung vorgeschlagen hätten; jetzt ist es natürlich zu spät. Aber ich kann ja darüber nicht urteilen … Ich meinte nur, weil der Verstorbene sie in seinem Testament doch bestimmt nicht übergangen hätte.“

„Nicht nur nicht übergangen, sondern er hätte ihnen bestimmt alles vermacht, übergangen aber hätte er nur mich allein, wenn er die Sache richtig anzufangen und das Testament, wie es sich gehört, aufzusetzen verstanden hätte. So aber, wie es ist, spricht das Gesetz für mich, und damit Punktum. Teilen will und werde ich nicht, Tatjana Pawlowna, und somit ist die Sache erledigt.“

Er sagte das sogar mit einer gewissen Erbitterung, die er sich sonst selten anmerken ließ. Tatjana Pawlowna verstummte. Meine Mutter schlug ersichtlich bedrückt die Augen nieder. Werssiloff wußte, daß sie Tatjana Pawlowna innerlich beistimmte.

„Hier spricht die Emser Ohrfeige mit,“ sagte ich mir, „der Brief in meiner Tasche, den Krafft mir übergeben hat, würde eine traurige Rolle spielen, wenn er jetzt noch in seine Hände gelangte.“ Und plötzlich fühlte ich, daß alles dies mir noch im Halse saß, und dieser Gedanke, in Verbindung mit allem übrigen, wirkte auf mich unwillkürlich aufreizend.

„Arkadi, ich würde es gern sehen, daß du dich etwas besser kleidetest, mein Freund. Du bist gewiß nicht schlecht angezogen, aber für die Zukunft könnte ich dir einen guten französischen Schneider empfehlen, der sehr gewissenhaft arbeitet und auch Geschmack hat.“

„Ich bitte Sie, mir nie wieder derartige Vorschläge zu machen,“ fuhr ich wütend auf.

„Warum das?“

„Ich sehe darin zwar nichts Erniedrigendes, aber wir stehen keineswegs in solchem Einvernehmen, im Gegenteil, sogar ganz im Gegenteil, und ich werde in den nächsten Tagen, werde schon morgen nicht mehr zum Fürsten gehen, weil ich da nichts zu tun habe, und von einer Tätigkeit bei ihm überhaupt nicht die Rede sein kann.“

„Aber daß du hingehst, daß du bei ihm sitzt – das soll ja eben deine ganze Tätigkeit bei ihm sein.“

„Diese Auslegung ist erniedrigend.“

„Das sehe ich nicht ein; doch übrigens, wenn du so empfindlich dafür bist, dann brauchst du ja bloß kein Gehalt von ihm anzunehmen; gehe nur so hin. Du würdest ihn sonst furchtbar kränken, er hängt bereits an dir, sei überzeugt … Übrigens, wie du willst …“

Es war ihm offenbar unangenehm.

„Sie sagen, ich brauchte kein Gehalt von ihm anzunehmen, und dabei habe ich, dank Ihrer Güte, heute schon eine Gemeinheit begangen: Sie haben mir nichts gesagt, und da habe ich heute mein Monatsgehalt verlangt.“

„So hast du schon deine Vorkehrungen getroffen. Und ich dachte, offen gestanden, du würdest es nicht fertig bringen, um Geld zu bitten. Wie geschickt jetzt alle sind! Heutzutage gibt es keine Jugend mehr, Tatjana Pawlowna.“

Er ärgerte sich fürchterlich; aber auch ich war wütend.

„Ich mußte doch endlich hier mit Ihnen abrechnen … Sie selbst haben mich dazu gezwungen, – jetzt weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll …“

„Apropos, Ssofja, gib Arkadi sofort seine sechzig Rubel zurück; du aber, mein Freund, nimm mir die Eile der Abrechnung nicht übel. Ich errate schon aus deinem Gesicht, daß du etwas zu unternehmen beabsichtigst, und so benötigst du wohl … eines Betriebskapitals … oder – etwas von der Art.“

„Ich weiß nicht, was aus meinem Gesicht zu erraten ist, aber ich hätte es von Mama wirklich nicht erwartet, daß sie Ihnen von diesem Gelde erzählen würde, da ich sie doch so gebeten habe, es nicht zu tun,“ sagte ich, und sah meine Mutter mit funkelnden Augen an. Ich kann gar nicht sagen, wie gekränkt ich war.

„Arkascha, Täubchen, verzeih’ mir um Gotteswillen, ich konnte wirklich nicht anders, ich konnte es nicht verheimlichen …“

„Mein Freund, beschwere dich nicht darüber, daß sie mir deine Geheimnisse mitgeteilt hat,“ wandte er sich an mich, „und zudem hat sie es nur mit guter Absicht getan, – einfach, die Mutter war stolz auf das Verhalten des Sohnes zu ihr. Aber sei versichert, ich hatte es auch ohnedem erraten, daß du ein Kapitalist bist. Alle deine Geheimnisse sind auf deinem ehrlichen Gesicht geschrieben. Er hat seine ‚eigene Idee‘, Tatjana Pawlowna, wie ich Ihnen schon sagte.“

„Lassen wir mein ehrliches Gesicht in Ruh,“ fuhr ich fort zu zetern, „ich weiß, Sie können die Menschen durchschauen, was jedoch nicht hindert, daß Sie in manchen Fällen nicht weiter sehen, als die eigene Nase reicht. Übrigens habe ich mich oft gewundert über Ihren Scharfsinn. Nun ja, ich habe eine ‚eigene Idee‘. Daß Sie sich gerade so ausdrückten, war natürlich nur ein Zufall, aber ich fürchte mich nicht, das einzugestehen: ja, ich habe eine ‚Idee‘. Ich fürchte mich nicht und schäme mich nicht.“

„Vor allem, schäme dich nicht.“

„Aber trotzdem werde ich sie Ihnen niemals mitteilen.“

„Das heißt, wirst dich nicht dazu herablassen. Nicht nötig, mein Freund, mir ist auch so schon das Wesentliche deiner Idee bekannt. Jedenfalls ist es das:

‚Einsam zieh’ ich mich zurück

In die Wüste …‘

Tatjana Pawlowna! Meine Vermutung ist – er will … ein Rothschild werden, oder etwas ähnliches, und sich in seine einsame Größe zurückziehen. Selbstredend wird er dann uns und Ihnen großmütig eine Pension aussetzen oder mir vielleicht auch nicht, – aber jedenfalls haben wir ihn dann am längsten gesehen. Er ist bei uns wie der junge Neumond: kaum ist er aufgegangen, da geht er schon wieder unter.“

Ich war innerlich zusammengezuckt. Natürlich war das alles Zufall: er wußte nichts und meinte etwas ganz anderes, wenn er auch ausgerechnet Rothschild genannt hatte; aber wie konnte er meine Gefühle so zutreffend feststellen: die Lust, mit ihnen allen zu brechen und mich zu entfernen? Er hatte schon alles erraten und wollte die Tragik der Sache mit seinem Zynismus im voraus beschmutzen. Daß er sich aber dabei fürchterlich ärgerte, darüber konnte kein Zweifel bestehen.

„Mama! Verzeihen Sie meinen Ausfall, der war um so überflüssiger, als man vor Andrei Petrowitsch doch nichts verbergen kann,“ rief ich, mich zum Lachen zwingend, und bemüht, das Ganze wenigstens für einen Augenblick als Scherz hinzustellen.

„Das war das beste, mein Lieber, daß du zu lachen begannst. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie unendlich viel jeder Mensch dadurch gewinnt, sogar äußerlich. Ich sage das im Ernst. Wissen Sie, Tatjana Pawlowna, er sieht immer so aus, als habe er etwas dermaßen Wichtiges im Sinn, daß er sogar selbst förmlich beschämt ist von dieser Wichtigkeit.“

„Ich möchte Sie im Ernst gebeten haben, etwas zartfühlender zu sein, Andrei Petrowitsch.“

„Du hast recht, mein Freund; aber einmal muß man es doch aussprechen, damit später nie wieder daran gerührt werde. Du bist aus Moskau hergekommen, um hier sogleich zu rebellieren – das ist vorläufig alles, was uns von den Gründen deiner Herreise bekannt ist. Davon aber, daß du gekommen bist, um uns mit irgend etwas in Erstaunen zu setzen – davon werde ich selbstredend nichts weiter erwähnen. Ferner gefällt es dir, hier uns einen ganzen Monat lang anzuschreien; indessen bist du doch allem Anscheine nach ein kluger Mensch, und als solcher könntest du das Anschreien eigentlich denen überlassen, die sich schon auf keine andere Weise an den Menschen für die eigene Nichtigkeit rächen können. Du verschließt dich immer, während dein ehrliches Aussehen und deine frischen Wangen offenkundig beweisen, daß du jedem mit vollkommener Unschuld in die Augen sehen könntest. Er ist ein Hypochonder, Tatjana Pawlowna, nur verstehe ich nicht, warum sie heutzutage alle Hypochonder sind?“

„Wenn Sie nicht einmal wußten, wo ich aufgewachsen bin, wie sollten Sie dann wissen, warum ein Mensch zum Hypochonder wird?“

„Da haben wir des Rätsels Lösung: Du bist gekränkt, weil ich vergessen konnte, wo du aufgewachsen bist!“

„Durchaus nicht, schreiben Sie mir keine Dummheiten zu. Mama, Andrei Petrowitsch hat soeben mein Lachen gelobt; nun denn – lassen Sie uns einmal alle lachen! Wozu so still sitzen! Wenn Sie wollen, so werde ich Ihnen aus meinem Leben Geschichten erzählen? – zumal Andrei Petrowitsch doch nichts von meinen Erlebnissen weiß.“

Viel hatte sich in mir angesammelt. Und ich glaubte, daß wir nie wieder so wie jetzt beisammensitzen würden, und daß ich, wenn ich aus diesem Hause hinausgegangen wäre, nie wieder dasselbe betreten würde, – deshalb, am Vorabend alles dessen, konnte ich mich nicht bezwingen. Er selbst hatte mich zu diesem Schlußakt herausgefordert.

„Das wäre natürlich allerliebst, wenn es nur auch wirklich lustig wird,“ bemerkte er und sah mich forschend mit durchdringendem Blick an. „Du bist ein wenig grob geworden, mein Freund, dort, wo du aufgewachsen bist, doch bist du immerhin noch ziemlich anständig. Er ist heute sehr nett, Tatjana Pawlowna, und von Ihnen ist es sehr vernünftig, daß Sie endlich mein Paket aufmachen.“

Aber Tatjana Pawlowna machte ein finsteres Gesicht; nach seinen Worten wandte sie sich nicht einmal nach ihm um und fuhr wortlos in ihrer Beschäftigung fort, die von ihm mitgebrachten Früchte und Süßigkeiten auf die ihr gereichten Teller zu legen. Meine Mutter saß gleichfalls mit unsicheren Gefühlen da, ohne etwas verstehen zu können, aber sie fühlte und ahnte, daß es zwischen uns nicht gut enden werde. Meine Schwester berührte mich noch einmal am Arm.

III.
„Ich will euch allen nur erzählen,“ begann ich, anscheinend mit der größten Harmlosigkeit, „wie einmal ein Vater zum erstenmal mit seinem lieben Sohn zusammentraf; geschehen ist das eben dort, ‚wo du aufgewachsen bist‘ …“

„Mein Freund, wird das nicht … langweilig? Du weißt: tous les genres …“[23]

„Seien Sie unbesorgt, Andrei Petrowitsch, machen Sie ein heiteres Gesicht, ich beabsichtige durchaus nicht das, was Sie vermuten. Ich will ja nur, daß alle lachen.“

„So möge Gott dich hören, mein Lieber. Ich weiß, daß du uns alle liebst und … uns nicht den Abend wirst verderben wollen,“ sagte er, aber der Ton war nicht echt, und er sprach es undeutlich und nachlässig aus.

„Das haben Sie wohl auch wieder aus meinem Gesicht erraten, daß ich Sie liebe?“

„Ja, zum Teil auch aus dem Gesicht.“

„Nun, ich aber habe aus Tatjana Pawlownas Gesicht schon längst erraten, daß sie in mich verliebt ist. Ach, sehen Sie mich nicht so wild an, Tatjana Pawlowna, lachen Sie lieber! Lachen wir!“

Da wandte sie sich plötzlich schnell nach mir um und sah mich durchbohrend an, mehrere Sekunden lang.

„Nimm dich in acht!“ drohte sie mir plötzlich mit dem Finger, aber so ernst, daß sich das gar nicht auf meinen dummen Scherz beziehen konnte, sondern wie eine Warnung in einer anderen Hinsicht klang, und ihr Blick schien zu fragen: „Läßt du dir einfallen, schon anzufangen?“

„Andrei Petrowitsch, so erinnern Sie sich wirklich nicht, wie wir uns zum erstenmal im Leben begegnet sind?“

„Bei Gott, ich hab’s vergessen, mein Freund, und fühle mich von Herzen schuldig. Ich entsinne mich bloß, daß es vor sehr langer Zeit gewesen sein muß und irgendwo …“

„Und, Mama, erinnern Sie sich auch nicht, wie Sie einmal dort auf dem Lande waren, wo ich aufwuchs, ich glaube, als ich ungefähr sechs oder sieben Jahre alt war? Ich will nur wissen, sind Sie wirklich einmal dort auf dem Gut gewesen, oder scheint es mir nur nach einem Traum, daß ich Sie dort zum erstenmal gesehen habe? Das wollte ich Sie schon lange fragen, aber ich schob es immer hinaus, doch jetzt ist es Zeit dazu.“

„Selbstverständlich, Arkaschenka, selbstverständlich! Ich bin doch ganze dreimal bei Warwara Stepanowna zu Besuch gewesen. Das erstemal kam ich, als du erst ein Jahr alt warst, das zweitemal, als du vier wurdest, und als ich das drittemal kam, da warst du schon sechs.“

„Nun also, das wollte ich Sie schon den ganzen Monat fragen.“

Meine Mutter errötete lebhaft unter der Flut von Erinnerungen, die auf sie einstürmten, und sie fragte mich innig:

„So kannst du dich wirklich meiner noch aus der Zeit erinnern, Arkaschenka?“

„Ich erinnere mich an nichts und weiß nichts, nur ein Etwas ist von Ihrem Antlitz für mein ganzes Leben in meinem Herzen geblieben, und außerdem noch das Wissen, daß Sie meine Mutter sind. Das ganze Gut der Warwara Stepanowna sehe ich jetzt nur noch wie im Traum vor mir, sogar meine Wärterin habe ich vergessen. Und dieser Warwara Stepanowna entsinne ich mich auch nur verschwindend wenig, und dieses wenigen nur deshalb, weil sie beständig wegen Zahnweh eine verbundene Backe hatte. Ich erinnere mich noch der großen Bäume vor dem Hause, ich glaube, es waren Linden, und wie heller Sonnenschein in den offenen Fenstern stand, dazu ein Blumenbeet, ein Gartenweg … Und Sie, Mama, habe ich nur in dem einen Augenblick im Gedächtnis, als ich dort in der Kirche einmal zum Abendmahl gebracht wurde, und Sie hoben mich auf, damit ich die Hostie empfinge und den Kelch küßte; es war im Sommer, und eine Taube flog oben unter der Kuppel durch die Kirche, zu einem Fenster herein, zum anderen hinaus …“

„Herrgott! So war es wirklich!“ rief meine Mutter aus und schlug die Hände zusammen –, „und dieses Täubchen sehe ich doch noch wie heute! Gerade vor dem Kelch fuhrst du auf und riefst: ‚eine Taube, eine Taube‘!“

„Ihr Gesicht, oder nur etwas von ihm, vielleicht nur der Ausdruck, hatte sich meinem Gedächtnis so tief eingeprägt, daß ich Sie fünf Jahre später in Moskau sofort wiedererkannte, obgleich mir niemand gesagt hatte, Sie seien meine Mutter. Andrei Petrowitsch aber habe ich zum erstenmal gesehen, als ich von Andronikoffs fortgenommen wurde, nachdem ich bei ihnen fast fünf Jahre lang still und munter gelebt hatte. Ihrer Dienstwohnung erinnere ich mich noch bis in alle Einzelheiten, und ebenso aller dieser Damen und jungen Mädchen, die hier alle so alt geworden sind, und das ganze Haus und Andronikoff selbst sehe ich noch vor mir, wie er den ganzen Proviant, Wild, Fische und Spanferkel in Paketen immer selbst aus der Stadt mitbrachte und bei Tisch selbst die Suppe uns vorschöpfte, an Stelle der Frau, die immer so vornehm tat, und wie die ganze Tischgesellschaft darüber lachte, er selbst am meisten. Die Damen brachten mir dort Französisch bei, aber am meisten liebte ich die Fabeln von Kryloff, von denen ich bald eine ganze Menge auswendig konnte, und jeden Tag deklamierte ich eine Fabel Andronikoff vor, wozu ich jedesmal einfach in sein kleines Arbeitszimmer ging, unbekümmert darum, ob er zu tun hatte oder nicht. Nun, und so eine Fabel hat denn auch meine Bekanntschaft mit Ihnen, Andrei Petrowitsch, eines Tages vermittelt. Ich sehe, Sie fangen an, sich zu erinnern.“

„Ein wenig, mein Lieber, eben daß du mir damals etwas erzähltest oder aufsagtest … war es eine Fabel oder etwas aus ‚Verstand schafft Leiden‘, wenn ich mich nicht irre? Was du übrigens für ein Gedächtnis hast!“

„Gedächtnis! Das fehlte noch! Hat doch mein Gedächtnis nur an dieses eine mein Leben lang gedacht!“

„Gut, gut, mein Lieber, du belebst mich förmlich mit deiner Erzählung.“

Er lächelte sogar, und nach ihm lächelten sogleich auch meine Mutter und meine Schwester. Das Vertrauen kehrte zurück; bloß Tatjana Pawlowna, die die Früchte und Süßigkeiten auf den Tisch gestellt und sich wieder hingesetzt hatte, sah mich immer noch mit bösen Blicken an.

„Es begann damit,“ fuhr ich fort, „daß eines schönen Morgens die Freundin meiner Kindheit, Tatjana Pawlowna, bei uns erschien, wie gewöhnlich unvorhergesehen plötzlich, so etwa wie es im Theater zu geschehen pflegt. Sie kam, um mich abzuholen, und dann fuhr ich mit ihr im Wagen zu einem schönen Herrenhause und kam in eine prunkvolle Wohnung. Sie, Andrei Petrowitsch, waren damals bei der Fanariotowa abgestiegen, in dem Hause, das sie von Ihnen einmal gekauft hatte; sie selbst war damals im Auslande. Ich hatte bis dahin immer nur Blusen getragen, jetzt aber wurde ich auf einmal in einen hübschen dunkelblauen Anzug und in die feinste Wäsche gesteckt. Tatjana Pawlowna nestelte den ganzen Tag an mir herum und kaufte viele Sachen für mich; ich aber strich den ganzen Tag durch alle Zimmer und betrachtete mich in allen Spiegeln. So kam es, daß ich am nächsten Morgen, als ich meine Streifzüge natürlich wieder aufnahm, so gegen zehn Uhr, ahnungslos in Ihr Kabinett geriet. Ich hatte Sie schon am Tage vorher bei meiner Ankunft gesehen, aber nur ganz flüchtig auf der Treppe. Sie kamen die Treppe herunter, um sich in den Wagen zu setzen und irgendwohin zu fahren. Sie waren damals allein nach Moskau gekommen, nach sehr langer Abwesenheit, und nur auf kurze Zeit, weshalb sich denn alle um Sie rissen und Sie zu Hause kaum zu sehen waren. Als Sie Tatjana Pawlowna und mich auf der Treppe erblickten, sagten Sie nur gedehnt: ‚Ah!‘ und blieben nicht einmal stehen.“

„Er schildert alles mit besonderer Liebe,“ bemerkte Werssiloff zu Tatjana Pawlowna, doch diese wandte sich ab und sagte nichts.

„Ich sehe Sie so, wie Sie damals waren, jung und schön, noch wie leibhaftig vor mir. Sie haben in diesen neun Jahren wirklich erstaunlich zu altern und sich ins Unvorteilhafte zu verändern verstanden, verzeihen Sie mir schon diese Aufrichtigkeit. Übrigens waren Sie auch damals bereits siebenunddreißig, aber ich konnte mich gar nicht sattsehen an Ihnen; was hatten Sie für wundervolles dunkles Haar, und in dem glänzte noch kein einziger Silberfaden. Ihr Schnurrbart und der kurze Backenbart, wie er damals mit den hohen Halsbinden Mode war – die waren einfach wie von einem Juwelier gemacht –, anders kann ich es nicht ausdrücken. Ihr Gesicht war von einer matten Blässe, nicht kränklich blaß, wie jetzt, sondern so wie das Gesicht Ihrer Tochter Anna Andrejewna, die ich heute kennen zu lernen die Ehre hatte; dazu feurige dunkle Augen und prachtvolle Zähne – die fielen mir besonders auf, als Sie lachten. Und als ich eintrat und Sie mich betrachteten, begannen Sie zu lächeln; ich konnte damals noch nicht viel unterscheiden, und von Ihrem Lächeln wurde mir nur froh zumut. Sie trugen an diesem Morgen einen dunkelblauen Sammetrock, eine solferino-farbene Halsbinde und ein kostbares Hemd mit Alençonspitzen, und Sie standen vor dem Spiegel und deklamierten den letzten Monolog Tschatzkis,[10] und besonders seinen letzten Schrei: ‚Den Wagen mir, den Wagen‘!“

„Ach, bei Gott,“ griff Werssiloff lebhaft die Erinnerung auf, „tatsächlich, er hat recht! Ich hatte damals trotz der kurzen Zeit die Rolle Tschatzkis in der Liebhaberaufführung bei Alexandra Petrowna Witowtoff zu spielen übernommen, da Schilenko plötzlich erkrankt war!“

„Hatten Sie das wirklich vergessen?“ fragte Tatjana Pawlowna lachend.

„Er hat mich daran erinnert! Ja, offen gestanden, diese paar Tage damals in Moskau waren vielleicht die schönste Zeit meines ganzen Lebens! Wir waren noch alle so jung … und alle so glühend erwartungsvoll. Ich traf damals in Moskau ganz unvermutet so viel … Aber erzähle weiter, mein Lieber; das hast du diesmal sehr gut gemacht, daß du mir so ausführlich alles ins Gedächtnis zurückriefst …“

„Ich stand, sah Sie an und hörte zu, und plötzlich rief ich entzückt: ‚Ach, wie fein! Der richtige Tschatzki!‘ Da drehten Sie sich überrascht nach mir um und fragten: ‚Ja, kennst du denn schon Tschatzki?‘ – und dann setzten Sie sich aufs Sofa und machten sich in der besten Stimmung an Ihren Kaffee, – ich hätte Sie einfach abküssen mögen! Und da erzählte ich Ihnen denn, daß bei Andronikoffs von allen sehr viel gelesen wurde und die jungen Damen viele Gedichte auswendig konnten und aus dem Lustspiel ‚Verstand schafft Leiden‘ so unter sich ganze Szenen spielten, und daß in der vorigen Woche an den Abenden Turgenjeffs ‚Aufzeichnungen eines Jägers‘ vorgelesen worden waren, und daß ich am meisten Kryloffs Fabeln liebte und auswendig hersagen konnte. Und da sagten Sie, ich solle doch eine aufsagen, und ich begann mit dem ‚Wählerischen Mädchen‘:

‚Ein Mädchen, jung an Jahren, wünschte sich einst einen Freier …‘“

„Ja, richtig, richtig, jetzt entsinne ich mich!“ rief Werssiloff lebhaft. „Aber, mein Freund, jetzt sehe ich auch dich wieder deutlich vor mir: du warst damals ein so netter Junge, sogar ein gewandter Junge, und ich schwöre dir, du hast gleichfalls viel verloren in diesen neun Jahren.“

Nun begannen schon alle, selbst Tatjana Pawlowna, zu lachen. Man sah, daß Andrei Petrowitsch zu scherzen beliebte und mir für meine boshafte Bemerkung über sein gealtertes Aussehen mit derselben Münze heimzahlte. Alle waren erheitert; aber er hatte es auch in einem unnachahmlichen Tone gesagt.

„Je weiter ich die Fabel vortrug, desto mehr lächelten Sie, aber ich kam noch nicht einmal bis zur Hälfte, da unterbrachen Sie mich, klingelten und sagten dem Diener, sie ließen Tatjana Pawlowna zu sich bitten. Die kam denn auch unverzüglich und mit so frohem Gesicht herbeigeeilt, daß ich, der ich sie tags zuvor gesehen hatte, sie kaum wiedererkannte. In ihrer Gegenwart begann ich noch einmal das ‚Wählerische Mädchen‘ und beendete den Vortrag glänzend. Sogar Tatjana Pawlowna lächelte, und Sie, Andrei Petrowitsch, Sie riefen sogar ‚bravo!‘ vor Entzücken, und darauf äußerten Sie lebhaft, es hätte Sie nicht gewundert, wenn ein gescheiter Junge in meinen Jahren eine Fabel, wie vielleicht die von der Grille und der Ameise, gut vorgetragen hätte, aber diese Fabel sei doch mit einer solchen nicht zu vergleichen!

‚Ein Mädchen, jung an Jahren, wünschte sich einst einen Freier –

Dran war nichts ungeheuer!‘

– hören Sie doch nur, wie er das sagt: ‚Dran war nichts ungeheuer!‘ – Mit einem Wort, Sie waren ganz begeistert. Und dann sprachen Sie plötzlich Französisch mit Tatjana Pawlowna, deren Gesicht sich gleich wieder verfinsterte, und sie widersprach Ihnen und sogar immer eifriger. Aber da es nun doch einmal unmöglich ist, Andrei Petrowitsch etwas zu versagen, wenn er plötzlich was will, so nahm denn Tatjana Pawlowna mich schließlich an der Hand und führte mich schnell in ihr Zimmer; dort wusch man mir von neuem Gesicht und Hände, mir wurde nochmals neue Wäsche angezogen, ich wurde mit Pomade und Wohlgerüchen bearbeitet, und zu guter Letzt wurden mir sogar Locken gedreht. Und gegen Abend zog sich Tatjana Pawlowna selbst recht festlich an und putzte sich so heraus, wie ich es von ihr gar nicht erwartet hätte, und dann fuhren wir im Wagen. Ich kam zum erstenmal im Leben in ein Theater, es war eine Liebhaberaufführung bei Witowtoffs: Lichtgeflimmer, Kronleuchter, Damen, Militärpersonen, Generäle, junge Mädchen, der Vorhang, die Stuhlreihen, – nichts Ähnliches hatte ich je zuvor gesehen! Tatjana Pawlowna setzte sich auf das bescheidenste Plätzchen in einer der hintersten Reihen, und mich setzte sie neben sich. Es waren da natürlich auch noch andere Kinder in meinem Alter, aber ich beachtete sie nicht, ich wartete nur mit klopfendem Herzen auf die Vorstellung. Als Sie, Andrei Petrowitsch, auf der Bühne erschienen, war ich bis zu Tränen begeistert, – warum, weshalb – das begreife ich selbst nicht. Warum vor lauter Begeisterung gerade Tränen? – das ist es, was mich stets befremdet hat, wann immer ich in den folgenden neun Jahren daran zurückgedacht habe! Damals aber verfolgte ich mit atemloser Spannung die Komödie. Ich begriff natürlich nur, daß sie ihn betrog und verschmähte, daß dumme Menschen über ihn lachten, Menschen, die nicht einmal seine Schuhsohle wert waren. Und als Tschatzki auf dem Ball seine Gedanken aussprach, begriff ich, daß er erniedrigt und gekränkt wurde, daß er allen diesen erbärmlichen Leuten die Wahrheit sagte, er selbst aber war groß, groß! Natürlich trug meine Vorbereitung bei Andronikoffs viel zu meinem Verständnis der Sache bei, aber nicht minder auch Ihr Spiel, Andrei Petrowitsch! Ich war zum erstenmal im Theater! Und in der Schlußszene, wo Tschatzki nach seinem Wagen ruft: ‚Den Wagen mir, den Wagen!‘ (und Sie riefen das großartig!) – da sprang ich vom Stuhle auf, und zusammen mit dem ganzen Saal, der wie rasend applaudierte, klatschte ich aus aller Kraft in die Hände und schrie bravo! bravo! so laut ich nur konnte. Und ich weiß noch genau, wie mich in demselben Augenblick gleichsam eine Stecknadel stach – ‚unterhalb des Kreuzes‘, wo mich Tatjana Pawlowna wütend kniff; aber ich beachtete das nicht einmal! Natürlich brachte sie mich gleich nach Schluß der Vorstellung wieder nach Haus. ‚Du kannst doch nicht noch zum Tanz bleiben, nur deinetwegen muß auch ich auf alles verzichten!‘ – diesen Vorwurf bekam ich von Ihnen, Tatjana Pawlowna, während der ganzen Heimfahrt immer wieder zu hören. Die Nacht verbrachte ich in Fieberträumen, und am folgenden Morgen stand ich schon um zehn Uhr vor der Tür Ihres Kabinetts, aber die war verschlossen, und bei Ihnen saßen Leute, und Sie sprachen mit ihnen über Geschäftliches, und dann fuhren Sie fort und kehrten erst spät in der Nacht zurück, – so sah ich Sie denn nicht mehr! Was ich Ihnen damals sagen wollte, habe ich jetzt vergessen, aber ich werde es wohl auch damals nicht genau gewußt haben; ich hatte nur den glühenden Wunsch, Sie so bald als möglich wiederzusehen. Und am zweiten Morgen hatten Sie schon vor acht Uhr das Haus verlassen und sich nach Sserpuchoff begeben. Sie hatten kurz vorher Ihr Gut im Tulaschen Gouvernement verkauft, um mit Ihren Gläubigern abrechnen zu können, aber es war Ihnen doch noch ein ganz erkleckliches Sümmchen verblieben, und das war auch der Grund, weshalb Sie sich damals wieder einmal in Moskau sehen ließen, was Sie bis dahin wegen der Gläubiger wohlweislich vermieden hatten. Aber da war nun dieser eine Grobian in Sserpuchoff, der einzige von allen Gläubigern, der sich nicht mit der Hälfte der Summe, die Sie ihm schuldeten, zufrieden geben wollte! Tatjana Pawlowna antwortete mir nicht einmal auf meine Fragen. ‚Danach hast du nicht zu fragen,‘ sagte sie barsch, ‚übermorgen bringe ich dich in die Pension. Mach dich bereit, bring deine Hefte und Bücher in Ordnung und gewöhne dich beizeiten daran, deinen Koffer selbst zu packen. Dir steht es nicht zu, mit Adelsgewohnheiten aufzuwachsen. Merke Er sich das, mein Herr!‘ – und dies nicht und das nicht und jenes nicht, – gepredigt haben Sie mir in diesen drei Tagen wahrlich nicht wenig, Tatjana Pawlowna! Es endete damit, daß Sie mich in die Pension Touchard brachten, mich, den Schuld- und Ahnungslosen, der nur in Sie verliebt war, Andrei Petrowitsch. Nun ja, diese ganze Begegnung mit Ihnen mag als dummer Zufall erscheinen, aber werden Sie es mir glauben, ich wollte doch später, so nach einem halben Jahr, von Touchard zu Ihnen fliehen!“

„Du hast vorzüglich erzählt und mir alles so lebendig vergegenwärtigt,“ bemerkte Werssiloff langsam und markant, „aber am auffallendsten war in deiner Erzählung der Reichtum an gewissen Einzelheiten, zum Beispiel was meine Schulden betrifft. Ganz abgesehen von der Taktlosigkeit der Erwähnung dieser Einzelheiten, verstehe ich nicht, wie du sie hast erfahren können?“

„Die Einzelheiten? Wie erfahren? Aber ich sagte Ihnen doch, ich habe in diesen ganzen neun Jahren meines Lebens nichts anderes getan, als Einzelheiten über Sie zu erfahren gesucht.“

„Ein sonderbares Geständnis und ein sonderbarer Zeitvertreib, fürwahr!“

Er bewegte sich, halb liegend im Sessel, und gähnte kaum merklich – ob mit Absicht oder unwillkürlich, das weiß ich nicht.

„Soll ich fortfahren und erzählen, wie ich von Touchard zu Ihnen fliehen wollte?“

„Verbieten Sie es ihm, Andrei Petrowitsch, werfen Sie ihn hinaus!“ fuhr Tatjana Pawlowna auf.

„Das geht nicht an, Tatjana Pawlowna,“ erwiderte Werssiloff eindringlich. „Arkadi hat offenbar etwas im Sinn, und deshalb muß man ihn unbedingt alles aussprechen lassen. Nun, und so mag er es denn tun. Er wird es erzählen, und dann ist er es los, für ihn aber ist das ja die Hauptsache, daß er es los wird. Also fang nur an, mein Lieber, mit deiner neuen Geschichte, das heißt, ich sage nur so, neu; sei unbesorgt, für mich ist sie das nicht, ich kenne ihr Ende.“

IV.
„Meine Flucht, oder vielmehr, wie ich zu Ihnen fliehen wollte, war sehr einfach. Tatjana Pawlowna, erinnern Sie sich noch, daß Sie etwa zwei Wochen nach meinem Eintritt in diese Pension von Touchard einen Brief erhielten? Mir hat später Marja Iwanowna diesen Brief gezeigt, die ihn gleichfalls in den Papieren des verstorbenen Andronikoff gefunden hatte. Touchard war plötzlich auf den Gedanken gekommen, daß er für mich zu wenig Pensionsgeld verlangt hätte, und so erklärte er Ihnen in seinem Brief mit Stolz und Würde, in seiner Pension würden nur Fürsten- und Senatorensöhne erzogen, und da es dem Ansehen seiner Pension zweifellos schade, einen Zögling von solcher Herkunft unter den anderen zu zählen, müsse er für mich eine Zulage verlangen.“

„Mon cher, du könntest …“

„Oh, es ist nichts weiter, nichts weiter,“ fiel ich ihm schnell ins Wort, „ich will nur noch ein wenig von Touchard erzählen. Sie, Tatjana Pawlowna, antworteten ihm schon aus der Provinz, erst nach vierzehn Tagen, und wiesen ihn mit seinem Anliegen kategorisch ab. Ich weiß noch, wie er mit puterrotem Kopf in unser Klassenzimmer kam. Er war ein sehr kleiner und dicker Franzose, ungefähr fünfundvierzig Jahre alt und tatsächlich geborener Pariser – natürlich ehemaliger Schuster oder so was gutes, aber er lebte schon seit undenklichen Zeiten in Moskau als Lehrer der französischen Sprache an einem Kroninstitut, und deshalb hatte er auch Rang und Titel, auf die er ungemein stolz war. Im Grunde war er ein vollständig ungebildeter Mensch. Pensionäre hatte er im ganzen nur sechs, und einer von diesen war allerdings der Neffe eines Moskauer Senators. Wir lebten bei ihm, als gehörten wir alle zu einer Familie, und standen mehr unter der Aufsicht seiner Frau, einer sehr feinen Dame, der Tochter eines russischen Beamten. In den ersten zwei Wochen hatte ich mich ungeheuer wichtig gemacht vor den Kameraden, sowohl mit meinem blauen Anzug, wie mit meinem Papa Andrei Petrowitsch, und ihre Fragen, warum ich denn nicht auch so wie Sie, Werssiloff, hieß, sondern Dolgoruki, vermochten mich nicht im geringsten zu verwirren, einfach weil ich selbst nicht wußte, warum das so war.“

„Andrei Petrowitsch!“ rief Tatjana Pawlowna beinahe drohend, wie um Einhalt zu gebieten. Meine Mutter dagegen hörte mir mit Spannung zu, ohne einen Blick von mir zu wenden, und ersichtlich wollte sie, daß ich weiter erzählte.

„Ce Touchard[24] … in der Tat, ich entsinne mich jetzt, er war so ein kleiner, unruhiger Mensch,“ sagte Werssiloff langsam und mit zusammengebissenen Zähnen, „aber er wurde mir damals von bester Seite empfohlen …“

„Ce Touchard kam wütend mit dem Brief in der Hand herein und trat an unseren großen Eichentisch, an dem wir alle gerade lernten, packte mich an der Schulter, riß mich vom Stuhl in die Höhe und befahl mir, meine Hefte zu nehmen.

‚Dein Platz ist nicht hier, sondern dort!‘ schrie er mich an und wies auf ein unglaublich kleines Zimmerchen links vom Vorraum, wo nur ein einfacher Tisch, ein Strohstuhl und ein mit Wachstuch bezogener Diwan standen – genau wie bei mir jetzt hier im Mansardenzimmer. Ich war erstaunt und erschrocken und tat ganz befangen, was er mir befohlen hatte, – so grob war noch kein Mensch zu mir gewesen. Nach einer halben Stunde, als Touchard das Klassenzimmer wieder verlassen hatte, begann ich zu den Kameraden hinüber zu schauen, und auch sie sahen mich an, und wir lachten; natürlich lachten sie über mich, aber ich erriet das nicht und glaubte harmlos, wir lachten, weil wir lustig wären. Da kam Touchard hereingestürzt, packte mich am Schopf, und nun wurde ich gezaust.

‚Wie darfst du es wagen, mit vornehmen Kindern umzugehen, du bist niedriger Herkunft und kaum mehr als ein Lakai!‘

Und er schlug mich schmerzhaft auf meine frische Backe, und da er am Schlagen Gefallen fand, schlug er mich noch einmal und dann noch zum drittenmal. Ich weinte laut auf und war schrecklich verblüfft. Eine ganze Stunde saß ich, das Gesicht in den Händen vergraben, und schluchzte, schluchzte. Es war etwas geschehen, was ich auf keine Weise verstehen, was ich überhaupt nicht fassen konnte. Und ich begreife auch heute noch nicht, wie dieser als Mensch keineswegs bösartige Touchard, der sich sogar über die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland freute – er, der Ausländer – wie dieser Mensch einen dummen kleinen Jungen so schlagen konnte. Übrigens war ich nur erstaunt, nicht beleidigt; ich verstand damals noch nicht, Beleidigungen als solche zu empfinden. Ich glaubte, ich sei unartig gewesen: wenn ich mich jedoch besserte und artig wäre, so würde man mir verzeihen, und wir würden dann wieder alle fröhlich sein und auf dem Hof zusammen spielen und ein Leben führen, wie es nicht schöner denkbar ist!“

„Mein Freund, wenn ich nur geahnt hätte …“ sagte Werssiloff langsam und mit dem nachlässigen Lächeln eines etwas ermüdeten Menschen, „aber wer hätte das denken können, daß dieser Touchard ein solcher Spitzbube wäre! Übrigens gebe ich die Hoffnung noch immer nicht auf, daß du dich doch noch mit ganzer Kraft aufraffst und uns alles das schließlich verzeihst, und wir dann wieder ein Leben führen können, wie es nicht schöner denkbar ist.“

Er gähnte tatsächlich.

„Aber ich beschuldige doch keinen Menschen, das fällt mir ja gar nicht ein, und ich klage auch gar nicht über Touchard, ich versichere Ihnen!“ rief ich laut, aber innerlich doch etwas verwirrt durch seine Bemerkung. „Und er schlug mich ja im ganzen auch nur zwei Monate lang. Ich weiß noch, ich wollte ihn immer durch irgend etwas entwaffnen, ich stürzte zu ihm, um seine Hände zu küssen, und ich küßte sie, und ich weinte, weinte. Die Kameraden lachten über mich und verachteten mich, da Touchard mich nun wie seinen Diener zu behandeln begann, sich die Kleider von mir reichen ließ, wenn er sich anzog, und ähnliches. Hierbei kam mir mein Bedientenblut instinktiv zustatten; ich gab mir die größte Mühe, ihm alles recht zu machen, und ich war nicht im geringsten beleidigt, da ich noch nichts von alledem begriff. Wirklich, ich wundere mich bis zum heutigen Tage, daß ich damals noch so dumm war und nicht einmal erriet, warum ich geringer war als die anderen alle. Freilich hatten mir meine Mitschüler schon damals vieles erklärt; das war eine gute Schule. Touchard aber zog es bald vor, mich mit dem Knie von hinten zu stoßen, statt mich zu ohrfeigen, und so nach einem halben Jahr war er manchmal sogar freundlich zu mir, aber wenigstens einmal im Monat mußte er mich doch noch schlagen, zur Erinnerung, damit ich mich nicht vergäße. Bald durfte ich auch wieder mit den anderen zusammensitzen oder spielen, aber in den ganzen zweieinhalb Jahren hat Touchard keinen Augenblick den Unterschied in unserer sozialen Stellung außer acht gelassen oder vergessen, und wenn er auch nicht mehr beständig Dienstleistungen von mir verlangte, so konnte er es doch nicht ganz unterlassen, wie ich vermute, eben um mich an den Unterschied zu erinnern …

Meine Flucht, – das heißt, nein, es blieb ja beim Versuch, und den machte ich erst im fünften, sechsten Monat nach diesen zwei ersten Monaten. Ich bin eigentlich immer sehr schwerfällig im Entschließen gewesen. Sobald ich im Bett lag und mich zugedeckt hatte, begann ich an Sie zu denken, Andrei Petrowitsch, nur an Sie. Ich weiß es selbst nicht, wie sich das so machte. Und sogar im Traum sind Sie mir erschienen. Aber ich träumte auch wachend, und dann mit Leidenschaft und nur davon, wie Sie plötzlich eintreten und ich Ihnen entgegenstürze, und wie Sie mich von hier fortbringen zu sich, in jenes Kabinett, und dann fahren wir wieder ins Theater, nun, und so weiter. Die Hauptsache war, daß wir uns dann nie wieder trennen – das war das wichtigste und schönste! Wenn ich dann am Morgen aufstehen mußte, begannen gleich wieder der Spott und die Verachtung der Mitschüler. Einer von ihnen begann mich einfach zu prügeln und zwang mich, ihm die Stiefel zu reichen; er verspottete mich mit den schändlichsten Schimpfnamen und bemühte sich nach Möglichkeit, meine Herkunft zu erläutern, zur Belustigung aller Zuhörer. Und wenn zum Schluß noch Touchard selbst erschien, dann begann in meiner Seele etwas Unerträgliches. Ich fühlte, daß man mir hier niemals verzeihen werde – oh, ich begann damals schon allmählich zu begreifen, was man mir nicht verzieh und worin mein Vergehen bestand! Und so kam ich auf den Gedanken, zu entfliehen. Ganze zwei Monate träumte ich davon mit Bangen, endlich entschloß ich mich. Es war schon September. Ich wartete auf den Sonnabend, wenn alle Mitschüler zum Sonntag nach Hause fuhren, und inzwischen machte ich mir heimlich aus den notwendigsten Sachen ein Bündelchen; an Geld besaß ich nur zwei Rubel. Ich wollte bis zum Einbruch der Dunkelheit warten – ‚dann schleiche ich die Treppe hinunter,‘ dachte ich, ‚und schlüpfe hinaus, und dann gehe ich!‘ – Wohin? Ich wußte, daß Andronikoff schon nach Petersburg versetzt war, und so beschloß ich, das Haus der Fanariotowa auf dem Arbat aufzusuchen. ‚Die Nacht über gehe ich herum oder sitze irgendwo, und am Morgen gehe ich dann auf den Hof des Hauses und frage dort: wo ist jetzt Andrei Petrowitsch? Und wenn er nicht in Moskau ist, wohin ist er dann gefahren, in welcher Stadt und in welchem Reich lebt er jetzt? Und das wird man mir dann doch bestimmt sagen. Und dann gehe ich fort und frage an einem anderen Ort wieder irgend jemand: an welchem Schlagbaum muß ich vorübergehen, wenn ich in die und die Stadt will? Nun, und dann werde ich aus der Stadt hinausgehen und immer weiter und weiter gehen. Und ich werde immer gehen und gehen, nächtigen werde ich am Wege unter Büschen, und essen werde ich nur Brot, und wenn ich für zwei Rubel Brot kaufe, so wird das für sehr lange ausreichen.‘ So dachte ich mir das alles. Aber am Sonnabend konnte ich meine Absicht nicht ausführen, ich mußte bis zum Sonntag warten, und da traf es sich, daß gerade an diesem Sonntag Herr und Frau Touchard irgendwohin zu Besuch fuhren; im ganzen Hause blieben nur die Magd Agafja und ich zurück. Ich wartete mit einer furchtbaren Sehnsucht auf die Nacht; ich weiß noch: ich saß im Gastzimmer am Fenster und sah hinaus auf die staubige Straße mit den kleinen hölzernen Häusern und den seltenen Fußgängern. Touchard wohnte in einer abgelegenen Gegend am Rande der Stadt, und aus den Fenstern sah man einen Schlagbaum; ‚sollte es nicht dieser sein?‘ dachte ich flüchtig. Die Sonne ging so rot unter, der Himmel war so kalt, und ein scharfer Wind wirbelte den Staub auf, ganz wie heute. Endlich wurde es dunkel, ganz dunkel. Ich stellte mich vor das Heiligenbild und begann zu beten, aber nur schnell, schnell, ich hatte keine Zeit zu verlieren; ich nahm mein Bündelchen und schlich auf den Fußspitzen über die knarrenden Treppenstufen hinab, in großer Furcht, Agafja könnte mich in der Küche hören. Der Schlüssel der Haustür stak im Schloß, ich machte auf und plötzlich – dunkle, dunkle Nacht stand schwarz vor mir, wie eine unendliche Fremde voller Gefahren, und der Wind riß mir nur so die Mütze vom Kopf. Ich trat hinaus; von der anderen Straßenseite erscholl das heisere Geschimpf und Gegröhl eines vorübertorkelnden Betrunkenen. Ich stand und sah, und dann kehrte ich still wieder um, trat wieder ein, schlich still nach oben, kleidete mich aus, stellte mein Bündelchen fort und legte mich hin, grub das Gesicht ins Kissen, ohne Tränen, ohne Gedanken, und von dieser Minute an hab’ ich zu denken begonnen, Andrei Petrowitsch! Gerade von dieser selben Minute an, wo ich erkannte, daß ich nicht nur ein Lakai, sondern zum Überfluß auch noch ein Feigling war, – da erst begann meine wirkliche, meine richtige Entwicklung!“

„Und jetzt, von dieser Minute an, habe auch ich dich für alle Zeiten und ganz und gar erkannt!“ rief plötzlich Tatjana Pawlowna aufspringend und so unerwartet, daß ich ganz überrascht war. „Ja, du warst nicht nur damals ein Lakai, du bist es auch heute noch, weil du eine Lakaienseele hast! Was hätte es damals Andrei Petrowitsch ausgemacht, dich bei einem Schuster in die Lehre zu geben? Er hätte dir damit sogar eine Wohltat erwiesen, hätte er dich ein Handwerk lernen lassen! Wer hätte von ihm mehr für dich erwarten oder gar verlangen dürfen? Dein Vater, Makar Iwanowitsch, hat nicht nur darum gebeten, sondern geradezu gefordert, daß man euch, seine Kinder, nicht aus der unteren Klasse heraushebe. Aber nein, du schätzt das nicht, daß er dich bis zur Universität gebracht hat und du durch ihn Vorrechte bekommen hast. Schulbuben haben ihn geneckt, ei, seht doch mal an, und da hat er sich denn geschworen, sich an der Menschheit zu rächen! Solch ein Plebejer!“

Ich muß gestehen, ich war verblüfft. Ich erhob mich und stand und sah sie an, ohne zu wissen, was ich darauf erwidern sollte.

„Nein, wirklich, Tatjana Pawlowna hat mir etwas Neues gesagt,“ wandte ich mich entschlossen und mit fester Stimme an Werssiloff, „ich bin wirklich so weit ‚Lakai‘, daß ich mich auf keine Weise nur damit zufrieden geben kann, daß Werssiloff mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben hat; sogar die ‚Vorrechte‘ des höheren Standes, die ich ihm verdanke, da er mich hat unterrichten lassen, haben mich nicht gerührt. Nein – gebt mir den ganzen Werssiloff, gebt mir den Vater … das habe ich verlangt – wie sollt’ ich denn da nicht ein Lakai sein? Mama, es liegt mir schon acht Jahre auf dem Gewissen, wie ich Sie damals, als Sie allein zu Touchard kamen, um mich zu besuchen, – wie ich Sie damals empfing. Aber jetzt habe ich keine Zeit, auch das noch zu erzählen, und Tatjana Pawlowna würde es ja auch nicht zulassen. Also morgen, Mama, wir sehen uns vielleicht noch einmal. Tatjana Pawlowna! Was würden Sie dazu sagen, wenn ich sogar in einem so hohen Maße ein ‚Lakai‘ wäre, daß ich nicht einmal das billigen könnte, daß ein Mann, der eine Ehefrau hat, noch eine zweite heiratet? Das aber ist doch in Ems von Andrei Petrowitsch nahezu versucht worden! Mama, wenn Sie nicht bei einem Mann bleiben wollen, der morgen vielleicht eine andere heiratet, so erinnern Sie sich daran, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen jetzt verspricht, ewig ein ehrerbietiger Sohn zu sein, – denken Sie daran und kommen Sie zu mir, aber nur unter der Bedingung: entweder er oder ich, – wollen Sie? Ich verlange ja nicht sofort eine Antwort; ich weiß, daß man auf solche Fragen nicht im Augenblick antworten kann …“

Ich konnte nicht zu Ende sprechen, da ich viel zu erregt war und den Faden verlor. Meine Mutter erbleichte, und die Stimme schien ihr zu versagen: sie konnte kein Wort hervorbringen. Tatjana Pawlowna sprach sehr laut und sehr viel, so daß ich gar nicht verstand, was sie sagte, und zwei-, dreimal stieß sie mich mit der Faust an die Schulter. Ich weiß nur noch, daß sie schrie, meine Worte seien „erfunden, in einer kleinlichen Seele erklügelt, mit den Fingern herausgebohrt“. Werssiloff saß unbeweglich da und war sehr ernst, er lächelte nicht. Ich ging zu mir nach oben. Das letzte, was mich aus dem Zimmer begleitete, war der vorwurfsvolle Blick meiner Schwester; sie sah mir nach und schüttelte ernst den Kopf.

Siebentes Kapitel.
I.
Ich gebe alle diese Szenen wieder, ohne mich selbst dabei zu schonen, um mir alles deutlich zu vergegenwärtigen und die Eindrücke richtig wiederherzustellen. Als ich oben in meinem Zimmer angelangt war, wußte ich überhaupt nicht, ob ich mich schämen oder ob ich stolz sein sollte, wie einer, der seine Pflicht getan hat. Wäre ich nur ein wenig erfahrener gewesen, so hätte ich gewußt, daß selbst der geringste Zweifel in solchem Fall den Ausschlag zuungunsten des Zweiflers gibt. Aber ein Umstand verwirrte mich endgültig: daß ich dabei so froh war, ich weiß nicht worüber, aber ich war furchtbar froh, obwohl ich zweifelte und einsah, daß ich unten schlecht abgeschnitten hatte. Ja selbst daß Tatjana Pawlowna mich so boshaft beschimpft hatte, erschien mir nur komisch und unterhaltend und ärgerte mich nicht im geringsten. Wahrscheinlich wirkte das alles nur deshalb so, weil ich immerhin die Kette zerrissen hatte und mich nun zum erstenmal vollkommen frei fühlte. Ich fühlte auch, daß ich meine Stellung zu ihnen verdorben hatte: jetzt war ich mir noch viel mehr im unklaren darüber, was ich mit dem von Krafft erhaltenen Brief, der die Erbschaft betraf, anfangen sollte. Wenn ich ihn jetzt noch übergab, würde man entschieden glauben, ich wollte mich an Werssiloff rächen. Aber schon unten, während dieser ganzen Auseinandersetzungen, hatte ich bereits bei mir beschlossen, diese Erbschaftsfrage mit dem Brief von einem Dritten entscheiden zu lassen, und zwar von Wassin, an den ich mich wie an einen Schiedsrichter wenden wollte, oder wenn er es ablehnte, dann von jemand anders – ich wußte schon, von wem. Ich sagte mir: nur einmal, nur zu diesem Zweck, werde ich zu Wassin gehen, dann aber – dann verschwinde ich für alle auf lange Zeit, auf mehrere Monate, und für Wassin noch ganz besonders. Nur meine Mutter und meine Schwester werde ich vielleicht manchmal sehen. Das war alles ziemlich wirr in mir; ich fühlte, daß ich etwas getan hatte, aber nicht so, wie es hätte sein sollen, und – und ich war trotzdem zufrieden. Ich wiederhole: ich war dennoch froh über irgend etwas.

Für diesen Abend nahm ich mir vor, früher schlafen zu gehen, da ich am nächsten Tage weite Wege zu machen hatte. Zunächst mußte ich mir ein Zimmer mieten und umziehen, und dann faßte ich noch verschiedene Entschlüsse, die ich, so oder so, gleich ausführen wollte. Aber dieser denkwürdige Abend sollte nicht ohne eine seltsame Überraschung enden: Werssiloff verstand es, mich noch in höchstes Erstaunen zu setzen. Er war noch nie in mein Stübchen gekommen, und nun plötzlich, ich hatte noch keine Stunde bei mir oben gesessen, hörte ich seine Schritte auf der Treppe: er rief mir zu, ich sollte ihm leuchten. Ich ging mit der Kerze zur Tür und half ihm, auf der kleinen Treppe heraufzusteigen, indem ich ihm die Hand nach unten entgegenstreckte, die er auch ergriff.

„Merci, mein Freund, bisher bin ich noch nie hier heraufgeklettert, nicht einmal, als ich die Wohnung mietete. Ich ahnte, was hier ungefähr sein konnte, aber … einen solchen Hundestall habe ich doch nicht vermutet.“ Er war in der Mitte meines Stübchens stehengeblieben und schaute sich neugierig um. „Aber das ist ja ein Sarg, ein richtiger Sarg!“

Das Stübchen hatte allerdings eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Inneren eines Sarges, und ich wunderte mich, wie richtig er das sofort herausgefunden und ausgedrückt hatte. Es war ein schmaler, länglicher Raum; in Schulterhöhe neigte sich die Wand in stumpfem Winkel nach vorn, in der Schrägheit des Giebeldaches, und stieß oben wieder in stumpfem Winkel mit der Decke zusammen, die ich mit der Handfläche berühren konnte. Werssiloff hielt sich anfangs unwillkürlich gebückt, als fürchte er, unversehens mit dem Kopf anzustoßen; aber schließlich sah er, daß nichts zu befürchten war, und setzte sich ziemlich ruhig auf meinen Diwan, auf dem schon mein Nachtlager hergerichtet war. Ich setzte mich nicht und betrachtete ihn mit der größten Verwunderung.

„Deine Mutter sagte soeben, sie hätte nicht gewußt, ob sie das Geld von dir annehmen sollte, das du ihr vorhin für Beköstigung und Wohnung angeboten hast. Nun, im Hinblick auf diesen Sarg darf man das Geld nicht nur nicht annehmen, sondern ganz im Gegenteil, dir müßte von uns noch zugezahlt werden! Ich bin hier noch nie gewesen und … kann mir nicht denken, daß es überhaupt möglich ist, hier zu leben.“

„Ich habe mich daran gewöhnt. Daß ich aber Sie jetzt bei mir sehe, daran kann ich mich auf keine Weise gewöhnen – nach alledem, was sich unten zugetragen hat.“

„Nun ja, du warst unten beträchtlich grob, aber … ich habe gleichfalls meine besonderen Zwecke, die ich dir auch erklären werde, obschon in meinem Kommen, nebenbei bemerkt, nichts Außergewöhnliches liegt. Selbst das, was sich unten zugetragen hat, auch das ist alles nur in der Ordnung der Dinge; aber erkläre mir, ich bitte dich, nur das eine: war das, was du uns dort unten erzähltest, und wozu du uns so feierlich und großartig vorbereitet hast – war das nun wirklich alles, was du uns eröffnen oder mitteilen wolltest, hattest du weiter nichts zu sagen?“

„Das war alles. Das heißt, nehmen wir an, daß es alles war.“

„Dann war es etwas wenig, mein Freund, ich muß gestehen, nach deinem Anfang, und wie du uns alle zum Lachen gereizt hast, und als ich dann noch sah, wie sehr es dich drängte, zu erzählen – da erwartete ich Größeres.“

„Sollte Ihnen das nicht ganz gleich sein?“

„Ich spreche im Grunde ja nur aus dem Maßgefühl heraus; das war dieses große Vorspiel nicht wert, da war das Maßverhältnis gestört. Einen ganzen Monat hast du geschwiegen, dich gesammelt, und plötzlich – ist nichts dahinter.“

„Ich wollte vieles erzählen, aber ich schäme mich schon, daß ich dies wenige erzählt habe. Es läßt sich nicht alles erzählen, so in Worten ausdrücken, manches wird am besten nie erzählt. Ich aber habe doch genug gesagt, und dennoch haben Sie nichts verstanden.“

„Ah, auch du leidest also manchmal darunter, daß ein Gedanke sich nicht in Worte hineinzwängen läßt! Das ist ein edler Schmerz, mein Freund, und wird nur Auserwählten gegeben; ein Dummkopf ist immer zufrieden mit dem, was er gesagt hat, und außerdem sagt er immer mehr als nötig ist; viel Lärm um nichts.“

„Wie zum Beispiel ich vorhin; auch ich sagte mehr als nötig war; ich verlangte den ‚ganzen Werssiloff‘ – das ist viel mehr als nötig ist; ich brauche Werssiloff überhaupt nicht.“

„Mein Freund, du willst, wie ich sehe, das wieder einholen, was du unten verloren hast. Du scheinst zu bereuen, und da bereuen bei uns nichts anderes heißt, als sofort wieder einen anderen angreifen, so möchtest du mich diesmal gut treffen und nicht wieder vorbeischlagen. Ich bin zu früh gekommen, du bist noch nicht abgekühlt, und zudem fällt es dir sehr schwer, Kritik zu ertragen. Aber so setze dich doch, um Gotteswillen, – ich bin gekommen, um dir etwas mitzuteilen. So, danke. Aus dem, was du unten von dem Fortgehen deiner Mutter sagtest, geht nur zu klar hervor, daß es unter allen Umständen am besten ist, wenn wir uns trennen. Ich bin nun zu dir gekommen, um dich zu bitten, das nach Möglichkeit weniger schroff und ohne einen Skandal zu tun, damit es deine Mutter nicht noch mehr betrübt und erschreckt. Schon daß ich selbst zu dir ging, hat ihr Hoffnung gemacht: sie glaubt, wir würden uns noch versöhnen, und dann werde wieder alles beim alten bleiben. Und ich glaube, wenn wir jetzt hier oben ein- oder zweimal etwas lauter lachen würden, so würden wir ihrem schüchternen Herzen die größte Freude bereiten. Mögen es auch nur schlichte Herzen sein, aber sie lieben doch so innig und ungekünstelt, weshalb sollte man da nicht etwas gut zu ihnen sein, wenn sich Gelegenheit dazu bietet? Das wäre das eine. Und dann zweitens: Warum sollen wir denn mit Rachedurst, mit Zähneknirschen und grimmigen Schwüren auseinandergehen? Zweifellos haben wir nicht die geringste Veranlassung, uns gegenseitig um den Hals zu fallen, aber man kann sich doch auch trennen und sich dabei gegenseitig achten, nicht wahr?“

„Das ist alles – Unsinn! Ich verspreche, ohne Skandal das Haus zu verlassen – und das genügt. Sie sagen, Sie bemühten sich um meiner Mutter willen? Und mir will es scheinen, daß die Ruhe der Mutter hiermit nichts zu tun hat und Sie nur so reden.“

„Du glaubst mir nicht?“

„Sie sprechen mit mir entschieden wie mit einem kleinen Kinde!“

„Mein Freund, ich bin ja bereit, dich tausendmal um Verzeihung zu bitten, für all das, was du mir da vorwirfst, für alle diese Jahre deiner Kindheit und so weiter, aber, cher enfant, was käme denn dabei heraus? Du bist so klug, daß du es wohl selbst nicht wünschen wirst, dich in einer so dummen Lage zu befinden. Ich will noch nicht einmal davon reden, daß ich den Charakter deiner Vorwürfe sogar bis jetzt noch nicht verstehe. In der Tat, was machst du mir nun eigentlich zum Vorwurf? Daß du nicht als ein Werssiloff geboren bist? Oder nicht? Bah! Du lachst verächtlich und wehrst mit der Hand ab, also ist es nicht das?“

„Versichere Sie, nein. Und ich kann auch keine besondere Ehre darin finden, Werssiloff zu heißen.“

„Lassen wir die Ehre beiseite; zudem mußte ja deine Antwort unbedingt demokratisch sein; aber wenn es nicht das ist, was ist es dann?“

„Tatjana Pawlowna hat vorhin alles gesagt, was mir klargemacht werden mußte, da ich von selbst niemals darauf verfallen wäre: Sie haben mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben, folglich muß ich noch dankbar sein. Ich verstehe nur nicht, warum ich undankbar bin, sogar jetzt noch, sogar nachdem man mich aufgeklärt hat. Spricht da nicht am Ende Ihr stolzes Blut, Andrei Petrowitsch?“

„Wahrscheinlich nicht. Und außerdem wirst du zugeben müssen, daß alle deine Ausfälle unten, statt mich zu treffen, wie du es wolltest, nur deine Mutter getroffen und gepeinigt haben. Indessen sollte man meinen, nicht dir stünde es zu, sie zu richten. Und worin besteht denn ihre Schuld vor dir? Und vielleicht erklärst du mir auch, mein Freund, aus welchem Grunde und zu welchem Zweck du in der Schule und auf dem Gymnasium und überall, und sogar dem ersten besten, dem du vorgestellt wurdest, wie ich gehört habe, von deiner illegitimen Geburt erzählt hast? Man sagte mir, du hättest das mit einer besonderen Vorliebe getan. Und dabei ist das ein Nonsens und eine häßliche Verleumdung; denn du bist legitim geboren als Sohn Makar Iwanowitsch Dolgorukis, eines ehrenwerten und sowohl durch Verstand als Charakter ausgezeichneten Menschen. Wenn du aber eine höhere Bildung erhalten hast, so verdankst du das allerdings deinem ehemaligen Gutsherrn Werssiloff, doch was hat das mit deiner Herkunft zu tun? Indem du aber selbst von deiner illegitimen Herkunft erzählst, was selbstverständlich an sich schon eine Verleumdung ist, hast du das Geheimnis deiner Mutter preisgegeben und, aus einer Art von falschem Stolz, deine Mutter vor den Richterstuhl jedes ersten besten Lumpen gezogen. Mein Freund, das ist sehr unfein, um so mehr, als deine Mutter persönlich an nichts schuld ist: sie ist das reinste Wesen, das ich kenne, und wenn sie nicht den Namen Werssiloff trägt, so liegt das nur daran, daß sie bis auf den heutigen Tag mit einem anderen verheiratet ist.“

„Genug, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden und halte Sie für so klug, daß ich hoffe, Sie werden mir nicht gar zu lange den Kopf waschen. Sie lieben ja so sehr das Maßhalten; und schließlich muß es doch für alles ein Maß geben, selbst für Ihre plötzliche Liebe zu meiner Mutter. Aber ich würde Ihnen folgenden Vorschlag machen: da Sie sich nun einmal entschlossen haben, bei mir vorzusprechen und eine viertel oder eine halbe Stunde hier zu sitzen (ich weiß noch immer nicht, wozu eigentlich, aber nehmen wir an, es sei zur Beruhigung meiner Mutter) – und da Sie außerdem so bereitwillig mit mir sprechen, ungeachtet dessen, was unten vorgefallen ist, so erzählen Sie mir lieber von meinem Vater – eben von diesem Makar Iwanoff, dem Pilger. Gerade von Ihnen würde ich gern Näheres über ihn hören, ich habe Sie sogar früher schon immer nach ihm fragen wollen. Und dann möchte ich, daß Sie mir noch etwas beantworten, gerade jetzt, bevor wir uns trennen, vielleicht auf lange. Das ist: Haben Sie denn wirklich in diesen ganzen zwanzig Jahren nicht so weit auf die Vorurteile meiner Mutter einzuwirken vermocht, und ebenso auf meine Schwester – gerade Sie, mit Ihrem ganzen bildenden Einfluß –, daß meine Mutter wenigstens aus der Finsternis ihrer früheren bäuerlichen Umgebung herausgekommen wäre? Oh, ich spreche nicht von ihrer Reinheit! Sittlich hat sie auch so immer weit über Ihnen gestanden, verzeihen Sie, aber sie ist doch nur eine unendlich viel höherstehende – Tote. Nur Werssiloff lebt, alle übrigen um ihn herum und alles mit ihm Verbundene vegetiert nur unter der einen Bedingung, die Ehre zu haben, ihn mit den eigenen Kräften, den eigenen Lebenssäften ernähren zu dürfen. Aber auch meine Mutter muß doch einmal lebendig gewesen sein? In irgend etwas an ihr haben Sie sich doch verliebt? Auch sie ist doch einmal ein Weib gewesen!“

„Mein Freund, vielleicht ist sie das nie gewesen,“ antwortete er mir, indem er sogleich wieder in seine anfängliche Manier verfiel, – in diese Manier mit mir zu sprechen, die mich so ärgerte, und die ich noch so gut im Gedächtnis habe! Das heißt, anscheinend ist er die Aufrichtigkeit selbst, sieht man aber näher zu – so ist an ihm alles nur tiefster Spott, so daß ich aus seinem Gesicht manchmal gar nicht klug werden konnte. „Ist das nie gewesen! Die russische Frau – ist niemals Weib.“

„Ach, und die Polin, die Französin, die ist es etwa? Oder die Italienerin, die leidenschaftliche Italienerin, die so einen zivilisierten Russen der höheren Stände, von der Art eines Werssiloff, zu bezaubern versteht?“

„Nun sag’ einer,“ rief er lachend aus, „hätte ich ahnen können, daß ich hier auf einen Slawophilen stoßen würde!“

Ich erinnere mich Wort für Wort unseres Gesprächs: Er begann sogar mit großer Bereitwilligkeit und sichtlichem Vergnügen zu erzählen. Es war mir nur zu klar, daß er durchaus nicht deshalb zu mir gekommen war, um sich mit mir zu unterhalten, und ebensowenig deshalb, um meine Mutter zu beruhigen, sondern unbedingt aus ganz anderen Gründen.

II.
„Wir haben, deine Mutter und ich, diese ganzen zwanzig Jahre vollkommen schweigend verlebt,“ begann er sein Geplauder (im höchsten Grade gemacht und unnatürlich), „und alles, was zwischen uns geschehen ist, ist schweigend geschehen. Der Charakter unseres ganzen zwanzigjährigen Zusammenlebens war – Schweigen. Ich glaube, wir sind auch nicht ein einziges Mal in Streit geraten. Allerdings war ich oft verreist … und habe sie allein gelassen, aber es hat doch immer damit geendet, daß ich wieder zu ihr zurückgekehrt bin. Nous revenons toujours,[25] und das ist, das ist nun einmal die wesentliche Eigenschaft der Männer; es ist das bei ihnen eine Folge ihrer Großmut. Wenn die Ehe von den Frauen allein abhinge – keine einzige Ehe hätte Bestand. Deine Mutter … Demut, Nachgiebigkeit, Geduld, Unterwürfigkeit, und zu gleicher Zeit Festigkeit, Kraft, wirkliche Kraft – das ist der Charakter deiner Mutter. Merke dir, sie ist die beste von allen Frauen, die mir in meinem Leben begegnet sind. Und daß in ihr Kraft ist, kann ich bezeugen: ich habe gesehen, wie diese Kraft sie genährt hat. Wenn es sich um … ich will nicht sagen ‚Überzeugungen‘ handelt – denn zu regelrechten Überzeugungen fehlen die Voraussetzungen – aber um das, was von ihnen für Überzeugung gehalten wird, und was folglich ihrer Ansicht nach heilig ist, da lassen sie sich womöglich foltern. Nun, und ich – sag’ dir doch selbst: sehe ich aus wie ein Folterknecht? Sieh, deshalb habe ich es denn auch vorgezogen, fast zu allem zu schweigen, und das nicht nur deshalb, weil das leichter ist; und offengestanden, ich bereue es nicht. Auf diese Weise hat sich alles ganz von selbst auf einer breiten und humanen Basis abgespielt, so daß ich mir selbst gar kein Verdienst zuschreibe. Ich möchte hier nur nebenbei bemerken, daß ich aus einem unbestimmten Grunde den Verdacht habe, daß sie niemals an meine Humanität geglaubt und darum immer gezittert hat; aber trotz des Zitterns hat sie sich doch nicht der Kultur gebeugt. Diese Leute verstehen das irgendwie auf ihre Art, wir aber begreifen da irgend etwas nicht, und überhaupt verstehen sie besser als wir, sich im Leben einzurichten. Sie können sogar in Lagen, die für sie die unnatürlichsten sind, die ihrer ganzen Art vollständig widersprechen – doch weiterleben und sogar vollkommen sie selbst bleiben. Wir verstehen das nicht so.“

„Wer sind diese ‚sie‘? Ich verstehe Sie nicht ganz.“

„Ich meine das Volk, mein Freund, ich rede vom Volk. Es hat diese große lebendige Kraft und seine historische Basis sowohl sittlich als politisch bewiesen. Doch um wieder auf unser Gespräch zurückzukommen, will ich von deiner Mutter noch sagen, daß sie ja nicht immer schweigt, manchmal sagt sie auch etwas, aber aus dem, was sie sagt und wie sie es sagt, ersiehst du ohne weiteres, daß dein ganzes Reden nur Zeitverschwendung gewesen ist, selbst wenn du sie fünf Jahre lang allmählich vorbereitet hast. Zudem sind es die überraschendsten Entgegnungen. Und merke dir wiederum, ich sage von ihr durchaus nicht, daß sie dumm sei; im Gegenteil, sie hat in ihrer Art Verstand, und sogar einen sehr bemerkenswerten. Übrigens, an den Verstand wirst du vielleicht nicht glauben …“

„Warum nicht? Ich glaube nur daran nicht, daß Sie selbst an ihren Verstand glauben, das heißt, wirklich und ohne sich zu verstellen.“

„Ja? Du hältst mich für ein solches Chamäleon? Mein Freund, ich erlaube dir etwas zu viel … wie einem verwöhnten Sohne … aber mag es denn diesmal dabei bleiben.“

„Erzählen Sie mir von meinem Vater, wenn Sie können, die Wahrheit.“

„Von Makar Iwanowitsch? Makar Iwanowitsch war, wie du weißt, ein Gutsbauer, den sozusagen nach einem gewissen Ruhm verlangte …“

„Ich wette, daß Sie ihn in diesem Augenblick um irgend etwas beneiden!“

„Im Gegenteil, mein Freund, im Gegenteil, vielleicht freut es mich sehr, dich in einer so scharfsinnigen Geistesverfassung zu sehen. Ich schwöre dir, ich bin gerade jetzt in einer sogar im höchsten Grade bußfertigen Stimmung, und gerade jetzt, in diesem Augenblick, empfinde ich vielleicht zum tausendsten Mal machtlose Reue ob alledem, was vor zwanzig Jahren geschehen ist. Gott könnte es bezeugen, wie sehr das damals vom Zufall abhing und fast aus Versehen geschehen ist … nun, und dann, so weit es in meinen Kräften lag, ‚human‘ verlaufen ist; wenigstens wie ich mir damals eine Heldentat der ‚Humanität‘ vorstellte. Oh, wir brannten damals alle vor Verlangen, Gutes zu tun, der Hebung der Gesamtheit alle unsere Kräfte zu widmen, der höheren Idee zu dienen; wir verurteilten die Rangeinteilung,[11] unsere ererbten Vorrechte, die Güterwirtschaft und sogar das Leihamt, wenigstens einige von uns … Auf mein Ehrenwort! Wir waren nicht viele, aber wir sprachen gut, und ich versichere dich, zuweilen wurde von uns sogar gut gehandelt.“

„Sie meinen, als Sie an seiner Schulter weinten?“

„Mein Freund, ich bin mit dir in allem im voraus einverstanden; übrigens hast du das mit der Schulter von mir selbst gehört, somit gebrauchst du mein Vertrauen und meine Aufrichtigkeit, um sie gegen mich zu wenden. Aber du wirst zugeben müssen, daß dieses mit der Schulter tatsächlich gar nicht so übel war, wie es auf den ersten Blick scheint, besonders noch für die damalige Zeit. Wir fingen doch damals erst an. Ich spielte dabei natürlich Theater, aber ich wußte damals doch noch nicht, daß ich dabei Theater spielte. Sollte es zum Beispiel dir noch nie passiert sein, daß du in praktischen Fällen ein wenig Theater gespielt hast?“

„Ich habe mich vorhin unten wohl zuviel vom Gefühl bestimmen lassen, und als ich nach oben kam, schämte ich mich nicht wenig bei dem Gedanken, daß Sie von mir denken könnten, ich hätte Theater gespielt. Es ist wahr, daß man in manchen Fällen, obschon man alles aufrichtig empfindet, sich äußerlich doch verstellt; vorhin aber, unten, das schwöre ich, war alles natürlich.“

„Eben das ist es; du hast es sehr treffend ausgedrückt: obschon man alles aufrichtig empfindet, gibt man sich äußerlich doch nicht natürlich. Nun, und genau so war es auch mit mir: obschon ich mich verstellte, schluchzte ich doch vollkommen aufrichtig. Ich will nicht bestreiten, daß Makar Iwanowitsch diese Schultergeschichte als eine Vergrößerung des Hohnes hätte betrachten können, wenn er scharfsinniger gewesen wäre, aber seine Ehrlichkeit ließ damals keinen Scharfblick zu. Ich weiß nur nicht, ob ich ihm damals auch leid tat oder nicht; wie ich mich erinnere, wollte ich ihm damals sehr gern leid tun.“

„Wissen Sie,“ unterbrach ich ihn, „auch jetzt, während Sie das sagen, spotten Sie nur. Und überhaupt die ganze Zeit, diesen ganzen Monat, so oft Sie mit mir gesprochen haben, haben Sie nur gespottet. Warum haben Sie das immer getan, wenn Sie mit mir sprachen?“

„Glaubst du?“ erwiderte er sanft. „Du bist sehr mißtrauisch; übrigens, wenn ich auch spotte, so doch nicht über dich oder wenigstens nicht über dich allein, also beruhige dich. Aber jetzt spotte ich nicht, und damals – kurz, ich tat damals alles, was ich konnte, und glaube mir, nicht zu meinem Vorteil. Wir, das heißt, wir alle von damals, verstanden nicht im geringsten, im Gegensatz zum Volk, zu unserem Vorteil zu handeln: im Gegenteil, wir schadeten uns immer selbst soviel wie möglich, und ich vermute, eben das wurde von uns damals für eine Art von ‚größerem eigenem Vorteil‘ gehalten, versteht sich, im höheren Sinne des Wortes. Die jetzige Generation der Pioniere ist unvergleichlich mehr, als wir es waren, auf ihren Vorteil bedacht. Ich hatte damals, noch vor der Sünde, Makar Iwanowitsch alles mit großer Offenheit erklärt. Jetzt gebe ich zu, daß vieles von dem gar nicht zu erklären nötig gewesen wäre, und noch weniger mit solcher Offenheit: das wäre, ganz abgesehen von der Humanität, sogar rücksichtsvoller gewesen; aber versuch einmal, wenn du gerade so recht ins Tanzen gekommen bist, dich plötzlich zu bezwingen und nicht noch einen Tanzschritt zu machen! Doch, wer weiß, vielleicht sind die Forderungen des Schönen und Erhabenen in der Wirklichkeit gerade von dieser Art, darüber bin ich mir in meinem ganzen Leben nicht klar geworden. Übrigens ist das ein zu tiefes Thema für unsere oberflächliche Unterhaltung, aber du kannst mir glauben, daß ich noch jetzt manchmal vor Scham vergehe, wenn ich daran zurückdenke. Ich bot ihm damals dreitausend Rubel an, und ich weiß noch, er schwieg die ganze Zeit, und nur ich allein sprach. Kannst du dir denken, es schien mir damals, daß er mich fürchtete, das heißt, als Leibeigener mein Herrenrecht, und ich weiß noch, daß ich mich aus allen Kräften bemühte, sein Mißtrauen zu verscheuchen; ich redete ihm zu, er solle doch frank und frei alle seine Wünsche aussprechen, und sogar Kritik üben soviel er wolle, er hätte nichts zu befürchten. Ich gab ihm mein Wort darauf, daß ich, wenn er auf meinen Vorschlag eingehen wollte – d. h. dreitausend Rubel als Entschädigung, dazu den Freibrief (für ihn und seine Frau, versteht sich), und die Reise wohin er wollte (ohne Frau, versteht sich) –, wenn er also darauf eingehen wollte, daß ich ihm dann sofort den Freibrief geben, ja womöglich seine Frau zu ihm zurückschicken und sie beide noch beschenken würde. Und sie brauchten nicht von mir fortzuziehen, sondern ich selbst würde von ihnen ganz allein fortziehen, gleich auf drei Jahre und nach Italien. Mon ami,[26] sei versichert, ich hätte damals nicht die Mademoiselle Ssaposhkoff mitgenommen: ich war sehr aufrichtig, als ich ihm das sagte. Aber was geschah? – Dieser Makar begriff natürlich nur zu gut, daß ich das Versprochene auch ausführen würde, aber er fuhr fort, zu schweigen, und nur, als ich schon zum drittenmal wieder damit anfangen wollte, wich er zurück, drehte sich um und verließ das Zimmer – sogar in einer so unzeremoniellen Weise, daß ich selbst damals, ich versichere dich, geradezu verwundert war. Ich sah mich darauf zufällig im Spiegel, nur mit einem Blick, und kann nicht vergessen, wie ich aussah. Überhaupt, wenn solche Leute nichts sagen – das ist das schlimmste, er aber war ein finsterer Charakter, und ich muß gestehen, als ich ihn zu mir ins Kabinett rufen ließ, da hatte ich nicht nur kein Zutrauen zu ihm, sondern fürchtete ihn sogar heftig: in diesem Milieu gibt es Charaktere, und sogar sehr viele, die sozusagen die Personifizierung der unglaublichsten Unberechenbarkeit sind, und vor so was fürchtet man sich mehr als vor Schlägen. Sic! Und wieviel ich riskierte, wieviel ich riskierte! Nun wie, wenn er auf dem Gut, im ganzen Bezirk, zu schreien und zu heulen angefangen hätte, dieser ländliche Uria, – was wäre dann wohl aus mir geworden, aus dem jungen König David, was hätte ich da tun können? Deshalb schob ich denn auch zuerst die Dreitausend vor, das geschah instinktiv, aber ich hatte mich zum Glück getäuscht: dieser Makar Iwanowitsch war etwas ganz anderes …“

„Sagen Sie, war die Sünde schon geschehen? Sie sagten soeben, Sie hätten ihn noch vor der Sünde rufen lassen.“

„Das heißt, sieh mal, das ist so zu verstehen …“

„Also, sie war geschehen. Sie sagten, Sie hätten sich in ihm getäuscht, er wäre etwas ganz anderes gewesen; was war er denn anderes?“

„Ja, was er eigentlich war, das weiß ich bis zum heutigen Tage noch nicht. Jedenfalls etwas anderes, und weißt du, sogar etwas sehr Anständiges; das schließe ich daraus, daß ich mich zu guter Letzt noch dreimal mehr vor ihm schämte. Schon am nächsten Tage willigte er ein, das Gut zu verlassen, natürlich ohne viel Worte, und ohne auch nur eine einzige der von mir versprochenen Belohnungen zu vergessen.“

„Nahm er das Geld?“

„Und wie! Und kannst du dir denken, mein Freund, in diesem Punkt hat er mich sogar sehr in Erstaunen gesetzt. Die dreitausend Rubel hatte ich damals selbstverständlich nicht in der Tasche, aber ich verschaffte mir siebenhundert und gab ihm diese so fürs erste; und er? – Er verlangte von mir, um der übrigen zweitausenddreihundert Rubel sicher zu sein, eine Schuldverschreibung in dieser Höhe mit der Bürgschaft eines Kaufmanns. Und nach Verlauf von zwei Jahren ließ er dieses Geld auf Grund der Schuldverschreibung bereits gerichtlich eintreiben, und sogar mit den Prozenten, was mich wieder sehr wunderte, um so mehr, als er damals buchstäblich für ein Gotteshaus als Pilger Gaben sammelte. Und seit der Zeit, nun sind es schon zwanzig Jahre, pilgert er immer noch. Ich begreife nicht, wozu ein Pilger soviel eigenes Geld braucht … Geld ist eine so weltliche Sache … Ich hatte es ihm in dem Augenblick natürlich aufrichtig angeboten und, sagen wir, in der ersten Hitze, dann aber, nachdem schon soviel Augenblicke darüber vergangen waren, konnte ich mich doch besinnen … und ich rechnete eigentlich darauf, daß er wenigstens Nachsicht mit mir haben würde … oder sozusagen mit uns, mit mir und ihr, daß er wenigstens warten würde. Indessen, nicht einmal gewartet hat er.“

(Ich muß hier ein notwendiges Notabene einfügen: wenn Herr Werssiloff inzwischen gestorben wäre und meine Mutter ihn überlebt hätte, so wäre sie im Alter buchstäblich ohne eine Kopeke zurückgeblieben, falls Makar Iwanowitsch damals nicht diese dreitausend Rubel gesichert hätte, die sich durch die Zinsen nun schon längst verdoppelt haben, und die er ihr nach seinem Tode im vorigen Jahr unangetastet hinterlassen hat. Also hatte er sogar schon damals Werssiloff durchschaut.)

„Sie sagten einmal, Makar Iwanowitsch hätte Sie mehrmals besucht und wäre dann immer in der Wohnung bei Mama abgestiegen?“

„Ja, mein Freund; und ich muß sagen, ich habe anfangs große Angst gehabt vor diesen Besuchen. In diesen zwanzig Jahren ist er im ganzen sechs- oder siebenmal bei uns gewesen, und die ersten Male habe ich mich, wenn ich zu Hause war, ihm nicht gezeigt. Ich konnte zunächst nicht verstehen, was diese Besuche zu bedeuten hatten, und warum er überhaupt kam. Dann aber, nach einigen Erwägungen, erschien mir das durchaus nicht so dumm von ihm. Und später einmal, da wurde ich zufällig neugierig und ging zu ihm, um ihn mir anzusehen, und ich muß sagen, ich gewann einen überaus eigenartigen Eindruck. Das war bei seinem dritten oder vierten Besuch, eben damals, als ich Friedensvermittler war und mich, versteht sich, mit Eifer daranmachte, Rußland kennen zu lernen. Und ich habe von ihm sogar außerordentlich viel Neues gehört. Außerdem fand ich in ihm gerade das, was ich unter keinen Umständen in ihm zu finden erwartet hätte: eine gewisse Seelengröße, eine Ausgeglichenheit des Charakters, und was am erstaunlichsten war, eine fast heitere Stimmung. Nicht die geringste Anspielung auf jenes (tu comprends?[27]). Dazu besaß er im höchsten Grade die Fähigkeit, sachlich und gut und sogar schön zu sprechen, ich meine, ohne diese ihre dumme bäuerische Tiefsinnigkeit, – die ich, unter uns gesagt, trotz meiner ganzen demokratischen Denkart, nicht ausstehen kann, – und ohne alle diese gezwungenen Russizismen, mit denen bei uns in Romanen und auf der Bühne alle ‚echten Russen‘ ihre Rede durchsetzen zu müssen glauben. Dabei sprach er sehr wenig von Religion, wenn man nicht selbst darauf zu sprechen kam, aber er erzählte in ihrer Art entzückende Geschichten von den Klöstern und aus dem Klosterleben, wenn man sich dafür interessierte. Aber das Hervortretendste war – seine Ehrerbietung, diese bescheidene Ehrerbietung, eben diese Ehrerbietung, die zur höheren Gleichheit notwendig ist, ja, ohne die man, meiner Meinung nach, auch gar keine Überlegenheit im Verkehr mit anderen Menschen erlangen kann. Gerade durch das Fehlen selbst der geringsten Überhebung wird der höchste Anstand erreicht, und man sieht einen Menschen vor sich, der sich selbst ohne jeden Zweifel achtet, und zwar gerade so, wie er ist, in seiner Stellung, gleichviel, welch eine Stellung das ist, und welch ein Schicksal er hat. Diese Fähigkeit, sich selbst gerade in seiner Stellung zu achten, findet man äußerst selten auf Erden, mindestens ebenso selten wie wirkliche persönliche Würde … Das wirst du selbst sehen, wenn du älter bist. Aber am meisten hat mich an ihm doch das überrascht, und nicht zu Anfang, sondern erst später,“ fügte Werssiloff hinzu, „daß dieser Makar so auffallend wohlgestaltet und, glaube mir, außergewöhnlich hübsch ist. Wenn er auch alt ist, so ist er doch

‚gebräunt von der Sonne,

hoch und stark …‘

dazu schlicht und voll Würde; ich habe mich sogar über meine arme Ssofja gewundert, wie sie mich damals ihm hat vorziehen können. Damals war er fünfzig, aber doch noch ein ganzer Mann, und ich im Vergleich zu ihm so ein unbeständiger Mensch. Übrigens, ich entsinne mich, er war bereits sehr stark ergraut, und so wird er wohl schon gewesen sein, als er sie heiratete … Vielleicht hat das sie beeinflußt.“

Dieser Werssiloff hatte eine dumme Gewohnheit, die zum höheren Ton gehört: hatte er einmal (wenn es nicht anders ging) einige sehr gescheite und gute Sachen gesagt, so schloß er plötzlich absichtlich mit irgendeiner Dummheit, wie in diesem Fall mit der Vermutung, die grauen Haare Makar Iwanowitschs wären vielleicht von entscheidendem Einfluß auf meine Mutter gewesen. Das tat er mit Absicht und wahrscheinlich, ohne selbst zu wissen, warum, aus dummer, gesellschaftlicher Gewohnheit. Hörte man ihn, konnte man glauben, er rede sehr ernst, innerlich aber war es bei ihm nur Spott, und er verstellte sich.

III.
Ich begreife nicht, warum mich damals plötzlich eine so ungeheure Erbitterung erfaßte. Überhaupt denke ich mit einem großen Mißbehagen an einzelne meiner Ausfälle in jenen Augenblicken zurück; ich erhob mich plötzlich vom Stuhl.

„Wissen Sie was,“ sagte ich, „auf meine Frage erklärten Sie mir, Sie wären hauptsächlich deshalb gekommen, um meine Mutter glauben zu machen, wir hätten uns versöhnt. Zeit ist nun zu dem Zweck genug vergangen; vielleicht haben Sie die Güte, mich jetzt wieder allein zu lassen.“

Er wurde etwas rot und erhob sich.

„Mein Lieber, du bist recht unhöflich gegen mich. Übrigens, wie du willst, auf Wiedersehen. Zwingen kann man dich nicht, liebenswürdig zu sein. Ich erlaube mir nur noch eine Frage: Hast du wirklich die Absicht, nicht mehr zum Fürsten zu gehen?“

„Aha! Wußte ich doch, daß Sie zu einem besonderen Zweck gekommen sind …“

„Das heißt, du hast mich im Verdacht, daß ich gekommen bin, um dich zu veranlassen, beim Fürsten zu bleiben, weil ich davon irgendeinen Vorteil für mich erwarte? Aber, mein Freund, dann bist du ja vielleicht auch der Ansicht, ich hätte schon damals irgendeinen Vorteil für mich im Auge gehabt, als ich dich aus Moskau herrief? Wie mißtrauisch du bist! Im Gegenteil, ich wünsche dir in allem das Beste. Und gerade jetzt, wo meine Verhältnisse sich so sehr gebessert haben, wäre es mir lieb, wenn du wenigstens manchmal deiner Mutter und mir erlauben würdest, dir zu helfen.“

„Ich liebe Sie nicht, Werssiloff.“

„Sogar ‚Werssiloff‘. Übrigens, ich bedauere es sehr, daß es mir nicht möglich war, dir diesen Namen zu geben; denn im Grunde besteht doch nur darin meine ganze Schuld, wenn schon einmal eine Schuld besteht, nicht wahr? Aber wie gesagt, ich konnte doch keine verheiratete Frau heiraten, das siehst du doch ein.“

„Deshalb wollten Sie dann wohl auch eine Unverheiratete heiraten.“

Es zuckte in seinem Gesicht.

„Du sprichst von Ems. Höre mal, Arkadi, du hast dir schon unten denselben Ausfall erlaubt und dabei mit dem Finger auf mich gewiesen, in Gegenwart deiner Mutter. Ich sage dir, gerade hierin bist du im größten Irrtum befangen. Von der Geschichte mit der verstorbenen Lydia Achmakoff weißt du so gut wie nichts. Du weißt auch nicht, wie weit deine Mutter selbst an dieser Geschichte beteiligt gewesen ist, ja, ungeachtet dessen, daß sie damals nicht bei mir war. Und wenn ich jemals in einer Frau die Güte selbst gesehen habe, so war es damals, und diese Frau war deine Mutter. Doch genug davon; das ist vorläufig noch ein Geheimnis, du aber sprichst nur anderen nach, ohne selbst zu wissen, was du sprichst.“

„Der Fürst hat mir gerade heute gesagt, Sie wären ein Liebhaber noch nicht flügge gewordener Mädchen.“

„Das hat der Fürst gesagt?“

„Ja, und wenn Sie wollen, sage ich Ihnen ganz genau, weshalb Sie jetzt zu mir gekommen sind? Ich habe die ganze Zeit gesessen und mich gefragt: welchen geheimen Zweck könnte dieser Besuch wohl haben? – und jetzt endlich habe ich es, glaube ich, erraten.“

Er war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, blieb aber stehen, wandte mir sein Gesicht zu und wartete.

„Vorhin ist mir die Bemerkung entschlüpft, der Brief Touchards an Tatjana Pawlowna sei in Moskau von Marja Iwanowna unter den Papieren des verstorbenen Andronikoff gefunden worden. Ich sah, wie in dem Augenblick plötzlich etwas in Ihrem Gesicht zuckte, und erst jetzt, als es wieder so in Ihrem Gesicht zuckte, habe ich erraten, warum: Ihnen kam damals der Gedanke, wenn schon ein Brief aus den Händen Andronikoffs in die Hände Marja Iwanownas übergegangen ist, weshalb könnte dann nicht noch ein zweiter Brief denselben Weg gegangen sein, was? Ist das nicht so?“

„Und ich, ich hätte nun, indem ich zu dir kam, dich dazu bringen wollen, daß dir wieder eine Bemerkung entschlüpfe?“

„Darüber werden Sie selbst Bescheid wissen.“

Er wurde sehr bleich.

„Darauf bist du nicht von selbst verfallen; hier merke ich den Einfluß einer Frau, und wieviel Haß schon in deinen Worten ist – in deiner rohen Vermutung!“

„Einer Frau? Und gerade heute habe ich diese Frau gesehen! Vielleicht wollen Sie nur deshalb, daß ich beim Fürsten bleibe, um ihr nachspionieren zu können?“

„Jedenfalls sehe ich, daß du es auf deinem neuen Wege noch weit bringen wirst. Ist das nicht am Ende auch ‚deine Idee‘? Fahre nur so fort, mein Freund, du hast zweifellos Anlagen zum Detektiv. Ist einem ein Talent gegeben, so muß man es ausbilden.“

Er hielt inne, um Atem zu schöpfen.

„Nehmen Sie sich in acht, Werssiloff, machen Sie mich nicht zu Ihrem Feinde!“

„Mein Freund, seine letzten Gedanken spricht in solchen Fällen niemand aus, sondern behält sie für sich. Und nun, ich bitte dich, leuchte mir. Du bist zwar mein Feind, aber doch wohl nicht in solchem Maße, daß du mir einen Genickbruch wünschtest. Tiens, mon ami,[28] stelle dir vor,“ fuhr er fort, indem er die Treppe hinabstieg, „ich habe dich diesen ganzen Monat für einen gutmütigen Jungen gehalten. Du möchtest so gern leben, du lechzt so nach Leben, daß dir, wie es scheint, selbst wenn man dir drei Menschenleben gäbe, sogar diese drei nicht genügen würden, auch die wären für dich noch zu wenig: das steht auf deinem Gesicht geschrieben; nun, und solche Leute sind meistens gutmütig. Und da sieh nun, wie ich mich getäuscht habe!“

IV.
Ich kann gar nicht sagen, wie mein Herz sich zusammenkrampfte, als ich allein zurückblieb: es war mir, als hätte ich mir von meinem eigenen lebendigen Leibe plötzlich und unvermutet ein Stück Fleisch abgeschnitten! Was mich auf einmal so erbittert, und weshalb ich ihn so beleidigt hatte – so gewaltsam und absichtlich – das könnte ich auch jetzt nicht sagen, und damals hätte ich es natürlich auch nicht gekonnt. Und wie er erbleicht war! Wie aber, wenn dieses Erbleichen vielleicht nur der Ausdruck des aufrichtigsten und reinsten Gefühls und des tiefsten Schmerzes war und nicht des Zornes und des Beleidigtseins? Es hatte mir immer geschienen, daß da Minuten gewesen waren, in denen er mich sehr liebhatte. Warum, warum soll ich jetzt nicht daran glauben, um so mehr, als jetzt doch schon so vieles seine Erklärung gefunden hat?

Aber wütend geworden war ich und hinausgewiesen hatte ich ihn vielleicht wirklich nur infolge des plötzlichen Verdachtes, er könnte zu mir gekommen sein, um von mir zu erfahren, ob sich nicht noch andere Briefe unter den Papieren Andronikoffs bei Marja Iwanowna gefunden hatten. Daß er diese Briefe oder wenigstens einen dieser Briefe suchen mußte und tatsächlich suchte, das wußte ich. Aber wer kann es wissen, vielleicht täuschte ich mich gerade damals ungeheuer? Und wer weiß, ob ich ihn nicht selbst durch eben diesen Irrtum auf den Gedanken brachte, daß Marja Iwanowna möglicherweise das Gesuchte besäße?

Und schließlich noch eine Sonderbarkeit: wieder hatte er einen meiner Gedanken ausgesprochen (von den drei Leben), denselben, den ich bei Krafft geäußert hatte, und wiederum buchstäblich mit meinen Worten. Die Übereinstimmung der Worte war natürlich ein Zufall, aber immerhin, wie gut mußte er doch das Wesen meiner Natur kennen: welch ein Scharfblick, welch ein Ahnungsvermögen! Aber, wenn er das eine so gut verstand, warum verstand er dann das andere so gar nicht? Und sollte er sich denn wirklich nicht verstellt haben, und wirklich nicht fähig gewesen sein, zu erraten, daß ich nicht den Werssiloffschen Adel brauchte, daß es nicht meine Geburt war, die ich ihm nicht verzeihen konnte, sondern daß ich nur ihn brauchte, mich nur nach ihm mein ganzes Leben lang gesehnt habe, daß ich den ganzen Werssiloff, den ganzen Menschen, den Vater brauchte, und daß dieser Gedanke schon in mein Blut übergegangen war? Sollte ein so feiner Mensch wirklich so stumpf und roh sein können? Und wenn nicht, – ja, warum ärgerte er mich dann so, warum verstellte er sich?

Achtes Kapitel.
I.
Am nächsten Morgen bemühte ich mich, möglichst früh aufzustehen. Gewöhnlich stand man bei uns um acht Uhr auf, das heißt ich, meine Mutter und meine Schwester; Werssiloff pflegte sich und blieb bis halb zehn im Bett. Pünktlich um halb neun brachte mir meine Mutter immer den Kaffee, diesmal aber beschloß ich, das Haus schon vorher, schon um acht Uhr zu verlassen. Ich hatte mir bereits am Abend einen ganzen Plan für diesen Tag zurechtgelegt. Dabei hatte ich aber schon gefühlt, daß, trotz meiner ganzen leidenschaftlichen Entschlossenheit, unverzüglich mit der Verwirklichung meiner Idee zu beginnen, gerade in den wichtigsten Punkten dieses Planes noch unendlich viel Unsicheres und Unbestimmtes war. Deshalb hatte ich denn auch fast die ganze Nacht wie im Halbschlaf verbracht, hatte unzählige Träume gehabt, und war überhaupt nicht so, wie es sich gehört, eingeschlafen. Dennoch stand ich am nächsten Morgen munterer und frischer auf als je. Gerade jetzt wollte ich eine Begegnung mit meiner Mutter unbedingt vermeiden. Ich konnte mit ihr nach allem Vorgefallenen doch über nichts anderes sprechen als über das bewußte Thema, und ich fürchtete, irgendein neuer, unerwarteter Eindruck würde mich vielleicht von meinem Vorsatz ablenken können.

Der Morgen war kalt, und über allem lag ein feuchter, milchiger Nebel. Ich weiß nicht weshalb, aber der frühe, geschäftige Petersburger Morgen gefällt mir immer, trotz seines garstigen Aussehens, und dieses ganze, an sein Tagewerk eilende, auf sein Ich bedachte und stets gedankenversunkene Menschenvolk hat für mich morgens um acht Uhr etwas besonders Anziehendes. Namentlich liebe ich es, unterwegs, eilend, entweder selbst jemand nach irgend etwas zu fragen oder von anderen gefragt zu werden: die Frage wie die Antwort sind immer kurz, klar, vernünftig, und werden gewechselt, fast ohne daß man stehenbleibt, und immer nahezu freundschaftlich. Die Bereitwilligkeit, zu antworten, ist in den Morgenstunden größer als zu jeder anderen Tageszeit. Mitten am Tage ist der Petersburger weniger mitteilsam; und gegen Abend wird er es noch weniger; sobald ihm dann etwas nicht recht ist, kann er einen sogar anfahren oder verhöhnen; früh am Morgen aber, noch vor der Arbeit, in den nüchternsten und ernstesten Tagesstunden ist er ganz anders. Das habe ich beobachtet.

Ich ging wieder über die Newa nach der „Petersburger Seite“. Da ich jedoch gegen zwölf Uhr unbedingt bei Wassin sein mußte, der in der Stadt an der Fontanka wohnte (um diese Zeit war er am ehesten zu Hause anzutreffen), so beeilte ich mich sehr und hielt mich nirgends auf, obgleich ich ein großes Verlangen hatte, irgendwo einen Morgenkaffee zu trinken. Zudem mußte ich auch Jefim Swerjoff unbedingt noch zu Hause antreffen; ich begab mich wieder zu ihm und wäre in der Tat beinahe zu spät gekommen; er war mit seinem Kaffee fast schon fertig und hatte einen Gang vor.

„Was bringt dich schon wieder zu mir?“ begrüßte er mich, ohne sich zu erheben.

„Das werde ich dir gleich erklären.“

Jeder frühe Morgen, der Petersburger einbegriffen, übt auf die Natur des Menschen eine ernüchternde Wirkung aus. Mancher feurige nächtliche Gedankentraum ist im Licht und in der Kälte des Morgens plötzlich erloschen und wie Rauch verschwunden. Ich selbst habe schon an manchem Morgen meiner noch in der letzten Dunkelheit geträumten Phantasien, und mitunter sogar auch begangenen Taten, mit Selbstvorwürfen und Scham gedacht. Übrigens will ich hier noch erwähnen, da ich nun einmal darauf zu sprechen gekommen bin, daß ich den Petersburger Morgen, den anscheinend prosaischsten auf dem ganzen Erdball, nahezu für den phantastischsten der Welt halte. Das ist meine persönliche Auffassung oder richtiger, mein persönlicher Eindruck, aber ich stehe für ihn ein. An einem solchen modrigen, feuchten und nebligen Petersburger Morgen muß sich, wie mir scheint, der wilde Gedanke eines Puschkinschen Hermann aus der „Pique-Dame“ (eine kolossale Figur, ein ungewöhnlicher, vollkommen Petersburger Typus – ein Typus aus der Petersburger Periode unserer Geschichte!) – noch mehr festigen und erstarken.[12] In diesem Nebel ist mir hundertmal die sonderbare, zudringliche, durch nichts zu verscheuchende Vorstellung gekommen: „Wie, wenn dieser Nebel verfliegt und in die Höhe steigt, – wird dann nicht mit ihm zusammen auch diese ganze modrige, sumpfige Stadt emporsteigen und wie Rauch verfliegen? – und was zurückbleibt ist dann nur der frühere finnische Sumpf, und mitten in ihm, meinetwegen als Schmuck, der Eherne Reiter[13] auf dem heißschnaubenden überjagten Pferde.“ Aber ich sehe, ich kann meine Eindrücke nicht so wiedergeben, wie ich möchte. Schließlich ist das alles doch nur Phantasie oder gar Poesie und folglich Unsinn; nichtsdestoweniger habe ich oft vor der vollständig sinnlosen Frage gestanden, und immer wieder steht sie noch vor mir auf: „Da hasten und eilen sie nun alle und mühen sich ab, aber wer weiß, vielleicht ist das alles nur ein Traum von irgend jemand, und es gibt hier nicht einen einzigen leibhaftigen, wirklichen Menschen, nicht eine einzige wirkliche Handlung? Irgend jemand, dessen Traum dies alles ist, wird plötzlich aufwachen – und alles wird dann jäh verschwunden sein.“ Doch ich habe mich fortreißen lassen.

Eines schicke ich voraus: Es gibt in jedem Menschenleben Einfälle, die scheinbar so exzentrisch sind, daß man sie auf den ersten Blick unbedingt für Wahnsinn halten kann. Mit einem solchen Einfall kam ich an diesem Morgen zu Jefim – zu Jefim, weil ich in Petersburg keinen Menschen kannte, an den ich mich mit diesem besonderen Anliegen hätte wenden können. Dabei war gerade Jefim ein Mensch, zu dem ich, wenn ich die Wahl gehabt hätte, wohl zuletzt mit einem solchen Anliegen gegangen wäre. Als ich mich ihm gegenüber hingesetzt hatte, schien es mir selbst, daß ich, ein verkörperter Fiebertraum, der verkörperten goldenen Mittelmäßigkeit und Prosa gegenübersäße. Aber auf meiner Seite war die Idee und das richtige Gefühl, auf seiner – nur der praktische Schluß, daß man es so nicht machen könne. Mit einem Wort, ich erklärte ihm kurz und bündig, daß ich in Petersburg außer ihm keinen einzigen Bekannten hätte, den ich in einer außergewöhnlichen Ehrenangelegenheit als meinen Sekundanten eine Forderung überbringen lassen könnte; er aber wäre mein ehemaliger Schulkamerad und hätte deshalb nicht das Recht, meinen Auftrag abzulehnen: fordern wollte ich den Gardeleutnant Fürsten Ssergei Ssokolski, weil er vor mehr als einem Jahr in Ems meinem Vater, Werssiloff, einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Ich muß bemerken, daß Jefim meine Familienverhältnisse ganz genau kannte, ebenso mein Verhältnis zu Werssiloff und beinahe alles, was ich selbst von Werssiloff wußte, und was ich ihm zu verschiedenen Zeiten selbst erzählt hatte, natürlich mit Ausnahme der Geheimnisse. Er saß und hörte zu, wie gewöhnlich verdrossen, wie ein Spatz im Vogelbauer, ernst, schweigend, aufgeblasen, mit seinem borstigen weißblonden Haar. Doch schon nach meinen ersten Worten erschien ein unbewegliches spöttisches Lächeln auf seinen Lippen. Dieses Lächeln war um so unangenehmer, als es ein ganz unbeabsichtigtes und unwillkürliches war; man sah es ihm an, daß er sich wirklich und wahrhaftig in diesem Augenblick sowohl an Verstand als an Charakter mir weit überlegen fühlte. Auch hatte ich noch den Verdacht, daß er mich wegen der Szene bei Dergatschoff verachtete; das konnte nicht anders sein: Jefim ist die Menge, Jefim ist die Gasse, und die beugt sich immer nur vor dem Erfolge.

„Und Werssiloff weiß nichts davon?“ fragte er.

„Selbstverständlich nicht.“

„Aber was hast du denn für ein Recht, dich in seine Angelegenheiten einzumischen? Das erstens. Und zweitens, was gedenkst du damit zu bezwecken?“

Ich kannte die Einwände und erklärte ihm sogleich, daß mein Vorhaben gar nicht so dumm wäre, wie er annehme. „Erstens würde diesem unverschämten Fürsten bewiesen werden, daß es auch in unserem Stande noch Menschen gibt, die einen Begriff von Ehre haben, und zweitens wird Werssiloff beschämt und erhält eine Lehre. Und drittens, und dies ist die Hauptsache: selbst wenn Werssiloff damit recht gehabt haben sollte – vielleicht aus irgendwelchen Überzeugungen –, daß er ihn nicht forderte und die Beleidigung ertrug, so wird er wenigstens sehen, daß es einen Menschen gibt, der die ihm, Werssiloff, zugefügte Beleidigung so stark zu empfinden vermag, wie eine ihm selbst zugefügte, und der bereit ist, für ihn, Werssiloff, sogar das Leben einzusetzen … obgleich er sich von ihm auf ewig getrennt hat.“

„Wart’, schrei nicht so, Tante liebt das nicht. Aber sag’, mit diesem selben Fürsten Ssokolski führt doch Werssiloff augenblicklich einen Prozeß wegen einer Erbschaft? In dem Fall wäre das nun ein ganz neues und originelles Verfahren, einen Prozeß zu gewinnen – indem man den Gegner einfach fordert und im Duell über den Haufen schießt.“

Hierauf erklärte ich ihm en toutes lettres,[29] daß er einfach ein Dummkopf und ein eingebildeter Patron sei, und sein spöttisches Lächeln nur seine Selbstzufriedenheit und Gewöhnlichkeit beweise. Er glaube wohl, die Verwickelung der Sache durch den Erbschaftsstreit wäre mir nicht von Anfang an klar gewesen, und dieser Gedanke hätte nur seinen gedankenreichen Schädel eines Besuchs für würdig gehalten. Darauf setzte ich ihm auseinander, daß der Prozeß schon von Werssiloff gewonnen sei; ferner, gar nicht von diesem einen Fürsten Ssokolski, sondern von den Fürsten Ssokolski angestrengt worden war, so daß, falls der eine im Duell fiele, deshalb noch nicht alle Gegner Werssiloffs beseitigt wären. Ungeachtet dessen würde man mit der Forderung so lange warten müssen, bis die Berufungsfrist verstrichen wäre (obschon die Fürsten gewiß nicht Berufung einlegen würden), eben um des Anstands willen. Nach Ablauf der Frist aber sollte dann das Duell stattfinden, und jetzt wäre ich nur deshalb zu ihm gekommen, um mich zu versichern, ob ich auf ihn als Sekundanten rechnen könne, und falls nicht, dann hätte ich bis dahin wenigstens noch Zeit, mich nach einem anderen umzusehen. So, und deshalb wäre ich jetzt zu ihm gekommen.

„Nun, so komm dann, wenn du mich brauchst, was läufst du denn umsonst die zehn Werst ab.“

Er erhob sich und nahm seine Mütze.

„Und dann wirst du es tun?“

„Nein, selbstverständlich nicht.“

„Warum nicht?“

„Ja, schon allein deshalb nicht, weil du dann bis zum Ablauf der Berufungsfrist jeden Tag zu mir laufen wirst, wenn ich jetzt einwillige. Außerdem ist das Ganze doch barer Unsinn und nichts weiter. Wozu soll ich mir deinetwegen meine Karriere verpfuschen? Und wenn mich der Fürst auf einmal fragt: ‚Wer schickt Sie zu mir?‘ – ‚Dolgoruki.‘ – ‚Aber was hat Dolgoruki mit Werssiloff zu schaffen?‘ – Soll ich ihm dann deinen ganzen Stammbaum erklären, was? Er wird mir doch ins Gesicht lachen!“

„Dann schlag’ ihm in die Fratze!“

„Leicht gesagt!“

„Du wagst es nicht? Du bist doch so groß und warst der Stärkste auf dem Gymnasium.“

„Natürlich wage ich es nicht. Und der Fürst wird allein schon aus dem Grunde die Forderung nicht annehmen, weil man sich nur mit seinesgleichen schlägt.“

„Bitte, ich bin gleichfalls ein Gentleman, meiner Bildung nach, und ich habe Rechte, folglich bin ich seinesgleichen … Im Gegenteil, eher könnte ich von ihm sagen, daß er unter mir steht.“

„Nein, du bist ein Kleiner.“

„Wieso ein Kleiner?“

„So, eben weil du klein bist; wir sind beide noch Kleine, er aber ist ein Großer.“

„Dummkopf! Nach dem Gesetz kann ich schon seit einem Jahr heiraten.“

„Na, dann heirate! Trotzdem bist du jetzt noch ein Bengel: du wächst ja noch!“

Ich begriff natürlich, daß er sich über mich lustig machen wollte. Diese ganze dumme Geschichte hätte ich ohne Zweifel gar nicht erst zu erzählen brauchen, und es wäre sogar besser, wenn sie unerzählt geblieben wäre; hinzu kommt, daß sie in ihrer Kleinlichkeit und Überflüssigkeit widerlich ist, was jedoch nicht hinderte, daß sie ziemlich ernste Folgen hatte.

Um mich aber noch mehr zu bestrafen, werde ich sie ganz erzählen. Als ich begriffen hatte, daß Jefim sich über mich lustig machte, stieß ich ihn mit der rechten Hand an die Schulter oder richtiger, mit der rechten Faust. Da erfaßte er mich an beiden Schultern, drehte mich um, mit dem Gesicht zur Tür, und – bewies mir durch die Tat, daß er auf dem Gymnasium wirklich der Stärkste von uns allen gewesen war.

II.
Der Leser wird natürlich denken, daß ich Jefim in der schrecklichsten Stimmung verlassen habe, aber er irrt sich. Ich begriff nur zu gut, daß sich hier bloß ein Schuljungenstreich abgespielt hatte, der Ernst der Sache aber deshalb doch unangetastet blieb. Meinen Kaffee trank ich erst auf dem Wassili Ostrow, nachdem ich auf der Petersburger Seite absichtlich an dem Wirtshaus mit der Nachtigall vorübergegangen war: dieses Wirtshaus und die Nachtigall waren mir jetzt doppelt verhaßt. Sonderbar: ich kann sogar Orte und Sachen hassen, als ob es Menschen wären. Aber ich habe in Petersburg auch einige glückliche Orte, ich meine solche, wo ich einmal aus irgendeinem Grunde glücklich gewesen bin; diese Orte meide ich vorläufig: ich will sie erst später, wenn ich schon ganz einsam sein werde, wieder aufsuchen, um dann dort trauern und mich den Erinnerungen hingeben zu können. Während ich meinen Kaffee trank, ließ ich Jefim und seinem gesunden Menschenverstand volle Gerechtigkeit widerfahren. Ja, er war praktischer als ich, aber doch wohl nicht realer. Ein Realismus, der mit der Spitze der eigenen Nase endet, ist gefährlicher als die unvernünftigste Phantasterei, weil er blind ist. Aber wenn ich Jefim auch Gerechtigkeit widerfahren ließ (er wird wahrscheinlich in derselben Zeit gedacht haben, ich ginge auf der Straße und schimpfte über ihn), so gab ich doch deshalb noch keinen Deut von meinen Überzeugungen auf, wie ich auch bis auf den heutigen Tag noch nichts aufgebe. Ich habe genug solcher Leute gesehen, die nach dem ersten Guß kalten Wassers nicht nur ihr Vorhaben aufgeben, sondern sogar ihre Idee, und womöglich noch selbst über das lachen, was sie vor einer Stunde für heilig gehalten haben; oh, mit welch einer Leichtigkeit sie das machen! Mochte Jefim sogar auch im wesentlichen der Sache recht gehabt haben, und mochte ich auch dümmer als dumm gewesen sein und erklügelt gehandelt haben, so lag doch der ganzen Sache in ihrer tiefsten Tiefe ein Punkt zugrunde, auf dem fußend auch ich im Recht war: inwiefern ich aber im Recht war, werden solche Leute nie verstehen können.

Um zwölf Uhr langte ich bei Wassin an, der in der Nähe der Ssemjonoffbrücke an der Fontanka wohnte, traf ihn aber nicht zu Haus. Seine Beschäftigung hatte Wassin auf dem Wassili Ostrow, nach Hause aber kam er immer zu genau festgesetzten Stunden, mittags fast regelmäßig um zwölf. Und da es außerdem noch irgendein Feiertag war, hatte ich mit Bestimmtheit darauf gerechnet, ihn zu Hause zu treffen; so aber blieb mir nun nichts anderes übrig, als auf ihn zu warten, wozu ich mich denn auch entschloß, obgleich ich zum erstenmal in seiner Wohnung war.

Während ich wartete, dachte ich mir ungefähr folgendes: Die Sache mit dem Brief, der die Erbschaft betrifft, ist eine Gewissenssache, und wenn ich nun Wassin zum Richter wähle, beweise ich ihm damit, wie sehr ich ihn verehre und schätze, was ihm natürlich nur angenehm sein kann. Selbstverständlich machte mir dieser Brief ernstlich Sorge, und ich war wirklich überzeugt, daß die Entscheidung eines unbeteiligten Dritten erforderlich wäre; aber trotzdem glaube ich, daß ich mich auch ohne fremde Hilfe aus der Schwierigkeit hätte herausziehen können. Und was die Hauptsache ist, ich wußte das schon damals, als ich dort saß und wartete; ich brauchte ja nur den Brief an Werssiloff abzugeben, und dann konnte er tun, was er selbst für richtig hielt. Sich selbst aber die Rolle eines höheren Richters in einer solchen Angelegenheit anzumaßen, war sogar nichts weniger als richtig. Wenn ich mich dagegen auf die Weise ausschaltete, daß ich den Brief Werssiloff in die Hand gab, und zwar schweigend, so stellte ich mich eben dadurch auf einen Standpunkt, auf dem ich Werssiloff unbedingt überlegen war; denn indem ich dadurch gleichzeitig auf alle Vorteile dieser Erbschaft verzichtete (mittelbar wäre natürlich auch mir, als dem Sohne Werssiloffs, von diesem Gelde manches zugute gekommen, wenn auch nicht gleich, so doch später) – erhielt ich das Recht, über Werssiloffs künftige Handlungsweise von einem höheren sittlichen Standpunkt aus zu urteilen. Und wenn Werssiloff den Brief vernichtete, konnte man mir doch noch nicht den Vorwurf machen, daß ich die Fürsten ruiniert hätte, da das Dokument rechtlich nicht von entscheidender Bedeutung war. Das alles bedachte ich und machte ich mir klar, während ich in Wassins Zimmer wartete; und da kam mir plötzlich der Verdacht, ich könnte zu Wassin gekommen sein, nicht weil mich so sehr nach seinem Rat verlangt hatte, sondern einzig zu dem Zweck, damit er bei der Gelegenheit sähe, was für ein edler und uneigennütziger Mensch ich sei, und somit, um mich für meine gestrige Selbsterniedrigung gerade dadurch an ihm zu rächen.

Über diese Erkenntnis ärgerte ich mich sehr; nichtsdestoweniger blieb ich sitzen und ging nicht fort, obgleich ich genau wußte, daß mein Ärger mit jeden fünf Minuten nur größer werden würde.

Zunächst begann mir Wassins Zimmer schrecklich zu mißfallen. „Zeige mir dein Zimmer, und ich sage dir, was für einen Charakter du hast,“ – wirklich, man könnte das Sprichwort auch so auslegen. Wassin bewohnte ein möbliertes Zimmer bei augenscheinlich armen Leuten, die außer ihm noch andere Mieter hatten, und wohl nur vom Zimmervermieten lebten. Ich kenne diese schmalen, kaum möblierten Zimmerchen, die den anmaßenden Wunsch haben, komfortabel auszusehen; da steht unfehlbar ein gepolsterter Diwan vom Trödelmarkt, den von der Stelle zu rücken, stets etwas gefährlich ist, ein Waschtisch und ein eisernes Bett hinter einem Schirm. Wassin war offenbar der beste und zuverlässigste Mieter; so einen „besten“ hat unbedingt jede Vermieterin, und für diesen tut sie auch ihrerseits ihr Bestes: sein Zimmer wird bedeutend sorgfältiger aufgeräumt und gesäubert, über dem Diwan wird irgendeine Lithographie an die Wand gehängt, und unter den Tisch ein schwindsüchtiger kleiner Teppich gebreitet. Menschen, die diesen muffigen Komfort und vor allem diese dienstbeflissene Ergebenheit der Wirtin mögen, sind selbst verdächtig. Ich war überzeugt, daß der Ruf, der beste Mieter zu sein, Wassin schmeichelte. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde mich der Anblick dieser beiden mit Büchern beladenen Tische schließlich immer mehr zu ärgern begann. Die Bücher, die Papiere, das Tintenfaß – alles befand sich in der widerwärtigsten Ordnung, deren Ideal mit der Weltanschauung der deutschen Wirtin und ihres Stubenmädchens wohl übereinstimmen mußte. Bücher waren genug da und nicht nur Broschüren und Zeitschriften, sondern richtige Bücher, – und offenbar las er sie sogar und setzte sich dazu sicherlich mit einer sehr wichtigen und gewissenhaften Miene an den Tisch. Ich weiß nicht, mir ist es lieber, wenn die Bücher unordentlich umherliegen, wenigstens wird dann die geistige Arbeit nicht zu einer Art Ritus. Dieser Wassin war sicherlich äußerst höflich gegen seinen Besuch, aber wahrscheinlich sagte dabei jede seiner Bewegungen: „Nun gut, ich sitze mit dir jetzt ein bis anderthalb Stündchen, dann aber, wenn du gegangen bist, dann werde ich mich wieder an die Arbeit machen.“ Sicherlich konnte man mit ihm eine sehr interessante Unterhaltung führen und viel Neues von ihm hören, aber – „nun ja, ich unterhalte mich jetzt mit dir und interessiere dich sehr, aber wenn du gegangen bist, dann mache ich mich an das für mich Interessantere …“ Und dennoch ging ich nicht fort, sondern blieb sitzen. Davon jedoch, daß ich seines Rates überhaupt nicht mehr bedurfte, hatte ich mich schon endgültig überzeugt.

Ich saß vielleicht schon eine Stunde oder sogar noch länger, und saß auf einem der beiden Rohrstühle, die am Fenster standen. Es ärgerte mich auch, daß ich durch das Warten soviel Zeit verlor, und dabei mußte ich noch vor dem Abend ein Zimmer mieten. Ich wollte schon ein Buch nehmen, um mich nicht zu langweilen, unterließ es aber: der bloße Gedanke, mich zu zerstreuen oder abzulenken, machte alles doppelt widerlich. Über eine Stunde hatte die auffallende Stille im Hause gedauert, da vernahm ich auf einmal ein leises Flüstern irgendwo in der Nähe, dort hinter der Tür, die durch den Diwan verstellt war. Unwillkürlich horchte ich auf und hörte, wie das Geflüster immer eifriger und vernehmbarer wurde. Es sprachen zwei Stimmen, Frauenstimmen, aber die Worte waren nicht zu unterscheiden; und doch begann ich aus Langeweile zuzuhören. Jedenfalls sprachen sie mit Eifer und Leidenschaft, und es handelte sich offenbar nicht um Schnittmuster: sie schienen sich zu beraten oder zu streiten, oder die eine Stimme bat und beschwor, und die andere hörte nicht darauf und widersprach. Die Sprechenden waren wohl zwei von den anderen Zimmermietern. Bald wurde es mir langweilig, und mein Ohr gewöhnte sich daran, so daß ich das Geflüster zwar noch vernahm, aber fast gar nicht mehr daran dachte; – bis mich plötzlich etwas aufschreckte: es war, als wäre jemand vom Stuhl herabgesprungen, auf beide Füße zugleich – oder vielleicht vom Stuhl aufgesprungen – mit den Füßen gestampft hätte, – dann ein Stöhnen und plötzlich ein Schrei, sogar nicht nur ein Schrei, sondern ein tierisches, wutbebendes Aufschreien oder Aufkreischen, dem es ganz gleichgültig war, ob Fremde es hörten oder nicht. Ich stürzte zur Tür und machte sie auf. Im selben Augenblick ging noch eine andere Tür auf, am Ende des Korridors – die Tür der Wirtin, wie ich später erfuhr – und zwei neugierige Köpfe schauten heraus. Der Schrei war übrigens sofort verstummt, doch plötzlich wurde die Tür neben mir aufgestoßen, die Tür der Nachbarinnen, und ein, wie mir schien, junges Frauenzimmer riß sich los und lief schnell die Treppe hinunter. Eine andere, eine ältere Frau, wollte sie zurückhalten, vermochte es aber nicht und rief nur angstvoll hinter ihr her:

„Olä, Olä, wohin? Ach Gott!“

Da gewahrte sie aber unsere offenen Türen und zog schnell ihre Tür wieder zu, und nur durch einen kleinen Spalt horchte sie noch hinaus, bis Oläs schnelle Schritte auf der Treppe nicht mehr zu hören waren. Ich kehrte zu meinem Fenster zurück. Alles wurde still. Für mich war es ein bedeutungsloser, vielleicht sogar komischer Zwischenfall, und ich dachte bald nicht mehr an ihn.

Ungefähr eine Viertelstunde später erscholl auf dem Korridor, unmittelbar vor Wassins Tür, eine laute und muntere Männerstimme. Jemand drückte auf die Klinke und öffnete die Tür so weit, daß ich auf dem Korridor einen hochgewachsenen Herrn erkennen konnte, der augenscheinlich auch mich bereits erblickt hatte und mich sogar schon betrachtete, jedoch noch nicht eintrat und fortfuhr, die Klinke in der Hand, sich über den ganzen Korridor hin mit der Wirtin zu unterhalten. Die Wirtin antwortete ihm mit dünnem, lustigem Stimmchen, und schon aus diesem freundlichen Ton konnte man erraten, daß der Herr ihr längst bekannt war und von ihr geachtet und geschätzt wurde, sowohl als solider Gast wie als lustiger Herr. Der lustige Herr sprach fast schreiend und machte seine Witzchen ganz laut, die sich übrigens nur darauf bezogen, daß er Wassin wieder nicht zu Hause traf, ihn auch sonst niemals finden konnte, das sei ihm wohl schon als besonderes Pech in die Wiege gelegt, und nun wolle er wieder einmal warten – und das alles schien die Wirtin für ungeheuer witzig und geistreich zu halten. Endlich trat der Herr ins Zimmer, wobei er die Tür schwungvoll so weit aufriß, wie sein Arm es zuließ. Es war ein gut gekleideter Herr, der augenscheinlich bei einem besseren Schneider arbeiten ließ und wie man sagt, „herrschaftlich“ angezogen war, indessen hatte er aber nichts weniger als etwas „Herrschaftliches“ an sich, und das sogar trotz des anscheinend großen Wunsches, es zu haben. Er war nicht gerade das, was man harmlos „ungezwungen“ nennt, sondern war gewissermaßen von einer natürlichen Frechheit, also immerhin weniger verletzend frech, als es einer ist, der sich vor dem Spiegel darin geübt hat. Seine dunkelblonden, nur ein wenig ergrauten Haare, seine dunklen Augenbrauen, sein großer Bart und seine großen Augen verliehen ihm nicht nur nichts Charakteristisches, sondern gaben ihm gleichsam ein noch mehr allgemeines Aussehen, etwas allen anderen Ähnelndes. Solch ein Mensch kann lachen und ist gern bereit zu lachen, aber aus irgendeinem Grunde wird man nie lustig in seiner Gesellschaft. Sein Gesichtsausdruck wechselt beständig, geht blitzschnell vom lachenden in einen wichtigen über und vom wichtigen in einen lustig scherzhaften oder verschlagen zuzwinkernden, aber alle diese Veränderungen sind immer irgendwie grundlos und sprunghaft … Übrigens, es hat keinen Sinn, ihn im voraus zu charakterisieren. Ich habe ihn später viel besser und näher kennen gelernt, und deshalb zeichne ich seinen Charakter jetzt unwillkürlich viel genauer, als ich ihn damals nach seinem Eintritt ins Zimmer beurteilen konnte. Aber selbst jetzt würde es mir schwer fallen, etwas Bestimmtes über ihn auszusagen; denn bei diesen Menschen ist das Hauptmerkmal eben diese ihre Unabgeschlossenheit, Sprunghaftigkeit und Unbestimmtheit.

Er hatte sich noch nicht hingesetzt, als mir plötzlich der Gedanke kam, das könnte Wassins Stiefvater sein, ein gewisser Herr Stebelkoff, von dem ich irgend etwas gehört hatte, aber nur so flüchtig, daß ich mich nicht mehr erinnern konnte, was es eigentlich gewesen war: nur dessen entsann ich mich noch, daß man jedenfalls nichts Gutes gesagt hatte, sogar im Gegenteil. Wassin war, das wußte ich, früh verwaist und hatte lange unter seiner Vormundschaft gestanden, sich jedoch schon längst von seinem Einfluß befreit, und sowohl ihre Ziele wie ihre Interessen waren jetzt ganz verschieden, und überhaupt lebten sie in jeder Beziehung getrennt. Ferner hatte ich von dem damals Gehörten noch behalten, daß dieser Stebelkoff ein gewisses Kapital besaß und so eine Art von Spekulant war und überhaupt ein unruhiger, leichtsinniger Mensch, – mit einem Wort, ich hatte schon manches Nähere über ihn gehört, doch das Gehörte wieder vergessen. Er maß mich mit einem Blick, übrigens ohne mich zu grüßen, stellte seinen Zylinderhut auf den Tisch vor dem Diwan, schob den Tisch mit dem Fuß herrisch zur Seite und setzte sich nicht etwa, sondern warf sich geradezu auf den Diwan, auf den ich mich nicht zu setzen gewagt hatte, so daß das Möbel förmlich ächzte und knackte, spreizte die Beine und begann wohlgefällig die Spitze seines rechten Lackstiefels zu betrachten, indem er sie hob und senkte. Selbstverständlich wandte er sich sogleich wieder mir zu und musterte mich mit seinen großen, etwas unbeweglichen Augen.

„Treffe ihn nicht!“ nickte er mir flüchtig zu.

Ich schwieg.

„Keine Pünktlichkeit! Hat seine eigene Auffassung. Von der Petersburger?“

„Sie … wollen sagen, daß Sie von der Petersburger Seite gekommen sind?“ fragte ich ihn.

„Nein, das frage ich Sie.“

„Ich … ja, ich bin von der Petersburger Seite gekommen, aber woher wissen Sie das?“

„Woher? Hm! …“

Er zwinkerte mir zu, würdigte mich aber keiner Erklärung.

„Das heißt, ich wohne nicht auf der Petersburger Seite, aber ich war heute dort und bin dann hergekommen.“

Er fuhr fort, schweigend zu lächeln, mit einem gewissermaßen bedeutsamen Lächeln, das mir furchtbar mißfiel. In diesem Zuzwinkern lag etwas ungeheuer Dummes.

„Bei Herrn Dergatschoff?“ fragte er schließlich. Ich riß die Augen auf.

„Was ist bei Dergatschoff?“ fragte ich.

Er sah mich triumphierend an.

„Ich kenne ihn ja gar nicht.“

„Hm! …“

„Wie Sie wollen,“ versetzte ich.

Er wurde mir widerlich.

„Hm! … tja. Nein, erlauben Sie: Sie kaufen in einem Laden eine Sache, in einem zweiten Laden nebenan kauft ein anderer Käufer eine andere Sache, was für eine glauben Sie wohl? Einfach Geld vom Kaufmann, der Wucherer genannt wird … denn Geld ist ebenfalls eine Sache, und der Wucherer ist ebenfalls ein Kaufmann … Sie folgen?“

„Ich … nun ja, ich folge.“

„Ein dritter Käufer geht vorüber und sagt, auf einen der beiden Läden deutend: ‚Der ist gediegen,‘ und auf den anderen Laden deutend, sagt er: ‚Der ist nicht gediegen.‘ Was kann ich daraus in bezug auf diesen Käufer schließen?“

„Wie soll ich das wissen?“

„Nein, erlauben Sie. Noch ein Beispiel, – von guten Beispielen lebt der Mensch. Ich gehe auf dem Newski und bemerke, daß auf dem anderen Trottoir ein Herr einhergeht, dessen Charakter ich gern ergründen würde. Wir gehen, ein jeder auf seiner Straßenseite, bis zur Ecke der Morskaja, und gerade dort, wo das Englische Magazin ist, bemerken wir einen dritten Fußgänger, der soeben von einer Droschke überfahren worden ist. Jetzt merken Sie auf: es geht ein vierter Herr vorüber, der den Charakter von uns allen dreien ergründen will, einschließlich den des Überfahrenen, im Sinne seiner praktischen Bedeutung und Gediegenheit … Sie folgen?“

„Verzeihung, nur mit Mühe.“

„Vortrefflich; so habe ich es mir auch gedacht. Ich ändere jetzt das Thema. Gesetzt, ich bin in einem deutschen Bad, Mineralquellen, Sie verstehen, wie ich sie mehrfach schon besucht habe. Namen – Nebensache. Ich promeniere, trinke, sehe Engländer. Mit einem Engländer ist, Sie wissen, schwer Bekanntschaft zu machen; aber da, ’s vergehen zwei Monate, hab’ meine Kur beendet, da sind wir alle in den Bergen, steigen in Gesellschaft mit eisenbeschlagenen Stöcken auf einen Berg hinauf, auf diesen oder jenen, – Name Nebensache. An der Biegung, das heißt, an einer Etappe, und zwar gerade dort, wo die Mönche den Chartreux brauen – merken Sie sich das – treffe ich einen Einheimischen, der einsam steht und schweigend schaut. Ich will über seine Gediegenheit zu einem Schluß kommen: was meinen Sie, könnte ich mich zu dem Zweck an die Engländerschar wenden, mit der ich gehe, einzig aus dem Grunde, weil ich im Kurort sie nicht anzureden verstanden habe?“

„Wie soll ich das wissen. Entschuldigen Sie, es fällt mir sehr schwer, Ihnen zu folgen.“

„Schwer?“

„Ja, Sie ermüden mich.“

„Hm.“ Er zwinkerte mir zu und machte mit der Hand eine Bewegung, die wahrscheinlich Triumph und Sieg bedeuten sollte; darauf zog er äußerst ehrbar und ruhig eine Zeitung, die er offenbar soeben erst gekauft hatte, aus der Tasche, entfaltete sie und begann auf der letzten Seite zu lesen, allem Anscheine nach mit der Absicht, mich vollkommen in Ruh zu lassen. Vielleicht fünf Minuten lang sah er mich nicht an.

„Die Brestograjewschen sind doch nicht gefallen! Sie sind doch gestiegen, sie steigen noch! Kenne viele, die gleichzeitig gefallen sind.“

Er sah mich mit ganzer Seele an.

„Ich verstehe vorläufig noch sehr wenig von der Börse,“ versetzte ich.

„Verdammen es?“

„Was?“

„Das Geld.“

„Nein, das nicht, aber … aber mir scheint, zuerst muß man eine Idee haben, dann erst kann man sich um Geld kümmern.“

„Das heißt, erlauben Sie! Nehmen wir einen Menschen, der, sagen wir, ein gewisses eigenes Kapital hat …“

„Zuerst eine höhere Idee, dann das Geld; ohne höhere Idee wird die Gesellschaft mit ihrem Geld zugrunde gehen.“

Ich begreife nicht, weshalb ich mich zu ereifern begann. Er sah mich ein wenig stumpf an, als könne er sich nicht zurechtfinden, aber auf einmal verbreiterte sich sein ganzes Gesicht zu einem überaus heiteren und schlauen Lächeln.

„Aber Werssiloff, was? Der hat’s doch gekriegt, hat’s gekriegt! Gestern, das Urteil, was?“

Da sah ich plötzlich zu meiner größten Überraschung, daß er schon längst wußte, wer ich war, und vielleicht sogar noch sehr viel mehr wußte. Ich begreife nur nicht, warum ich plötzlich errötete und ihn dumm ansah, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Er triumphierte ersichtlich und sah mich heiter an, ganz, als hätte er mich auf eine überschlaue Weise gefangen und überführt.

„Nein,“ sagte er und zog beide Augenbrauen in die Höhe, „mich müssen Sie nach Herrn Werssiloff fragen, mich! Was habe ich Ihnen soeben in betreff der Gediegenheit gesagt? Vor anderthalb Jahren hätte er dank diesem Kinde ein brillantes Geschäft machen können – tja, aber er verspielte die Sache, das war’s!“

„Dank welch einem Kinde?“

„Dem Säugling, den er jetzt anderweitig aufziehen läßt, nun ist das für ihn aussichtslos … denn …“

„Was für ein Säugling? Was heißt das?“

„Sein Kind natürlich, sein eigenes, von Mademoiselle Lydia Achmakoff … ‚Ein schönes Mädchen, hat mich geliebt …‘ Die Phosphorstreichhölzer – hm?“

„Welch ein Unsinn! Blödsinn! Er hat niemals ein Kind von der Achmakoff gehabt!“

„Oho! Wo war ich denn? Ich bin doch auch Arzt und Geburtshelfer, bitte sehr. Mein Name ist Stebelkoff – nicht gehört? Tja, hab’ freilich auch damals schon nicht mehr praktiziert, aber einen praktischen Rat in einer praktischen Sache geben, das konnte ich sehr wohl.“

„Sie … sind Geburtshelfer … haben bei der Achmakoff ein Kind empfangen?“

„Nein, empfangen hab’ ich bei ihr nichts. Dort, in der Vorstadt von Ems, lebte ein Doktor Grantz, mit einer großen Familie belastet, anderthalb Taler wurden ihm gezahlt. So, – Taxe dort bei den Ärzten. Und niemand kannte ihn. Der tat es denn statt meiner … Ich aber hatte ihn empfohlen, damit es im Dunkel der Unbekanntheit bliebe. Sie folgen? Ich habe nur einen praktischen Rat gegeben auf eine Frage Werssiloffs, wollte sagen Andrei Petrowitschs, tja, auf eine se–ehr diskrete Frage, – unter vier Augen. Geheimnis! Aber Andrei Petrowitsch wollte zwei Hasen.“

Ich hörte ihm mit der größten Verwunderung zu.

„‚Wer zwei Hasen jagt, fängt keinen,‘ sagt ein volkliches oder richtiger bäuerliches Sprichwort. Ich aber sage so: Ausnahmen, die sich unausgesetzt wiederholen, werden zur allgemeinen Regel. Er jagte noch einem zweiten Hasen nach oder sachlich: einer zweiten Dame – und das Ergebnis war gleich Null. Hat man schon mal was in der Hand, so soll man das festhalten. Wo schnell gehandelt werden muß, dort zögert er. Werssiloff, – tja, das ist ein ‚Weiberprophet‘, – so hat ihn damals der junge Fürst Ssokolski mal in meiner Gegenwart nett bezeichnet. Nein, kommen Sie zu mir! Wenn Sie über Werssiloff viel erfahren wollen, dann müssen Sie zu mir kommen, zu mir!“

Er weidete sich mit sichtlichem Wohlgefallen an meinem Anblick, wie ich so dasaß, vor lauter Verwunderung mit offenem Munde. Noch niemals hatte ich auch nur das geringste von diesem Säugling gehört. Da, in demselben Augenblick, wurde plötzlich bei den Nachbarinnen die Tür krachend zugeschlagen, und wir hörten ein paar schnelle Schritte.

„Werssiloff wohnt im Ssemjonowschen Stadtteil, Moshaiskaja, Nummer dreizehn, Haus Litwinoff, ich war selbst auf dem Adreßbureau!“ rief laut eine erregte Frauenstimme; jedes Wort konnten wir hören. Stebelkoff zog aufhorchend die Brauen in die Höhe und hob den Finger hoch.

„Wir reden von ihm hier, und da ist er auch schon dort! … Da haben wir die Ausnahmen, die sich unausgesetzt wiederholen! Quand on parle d’une corde[30] …“ Er hopste förmlich auf seinem Platz und rückte näher zur Tür, worauf er fast begierig zu lauschen begann. Auch ich war maßlos überrascht. Ich überlegte, daß diese Worte wohl dasselbe junge Frauenzimmer gerufen hatte, das vorhin so erregt aus dem Nebenzimmer hinausgelaufen war. Aber was hatte Werssiloff hiermit zu tun? Plötzlich erscholl wieder dasselbe Gekreisch wie vorhin, der Schrei eines vor Wut wie ein Tier aufheulenden Menschen, dem man irgend etwas nicht gibt oder den man von etwas zurückhalten will. Dieser Ausbruch unterschied sich nur dadurch vom vorigen, daß er länger andauerte. Man hörte einen Kampf, abgerissene Worte, ein schnelles: „Ich will nicht, ich will nicht, geben Sie es ihm wieder, Mamachen, geben Sie es ihm sofort zurück, sofort!“ – oder so ungefähr – ich erinnere mich nicht mehr genau. Darauf lief wieder jemand, ganz wie vorher, eilig zur Tür und riß sie auf. Beide Nachbarinnen stürzten auf den Korridor hinaus, und wieder schien die eine von ihnen die andere zurückhalten zu wollen. Stebelkoff, der schon längst vom Diwan aufgesprungen war und mit Wonne gelauscht hatte, schoß nur so zur Tür und sprang ganz ungeniert auch auf den Korridor hinaus, gerade auf die Nachbarinnen zu. Natürlich lief ich gleichfalls zur Tür. Doch sein Erscheinen hatte auf die Frauen wie ein Guß kalten Wassers gewirkt: sie waren sogleich wieder in ihrem Zimmer verschwunden und hatten im Nu ihre Tür mit lautem Krach zugeschlagen. Stebelkoff wollte ihnen nacheilen, blieb aber vor der Tür stehen, erhob den Zeigefinger, lächelte und erwog; diesmal bemerkte ich in seinem Lächeln etwas unendlich Gemeines, Dunkles und boshaft Unheilverkündendes. Da erblickte er die Wirtin, die wieder ihren Kopf heraussteckte, und schlüpfte auf den Fußspitzen geschwind zu ihr hin; nachdem er dann wohl ganze zwei Minuten mit ihr getuschelt und von ihr sicherlich Näheres erfahren hatte, kehrte er würdevoll und entschlossen ins Zimmer zurück, nahm seinen Zylinderhut vom Tisch, warf einen Blick in den Spiegel, fuhr sich mit der Hand durchs Haar, damit es höher stehe, und begab sich voll selbstbewußter Würde, ohne mich auch nur mit einem Blick zu streifen, zu den Nachbarinnen. Einen Moment horchte er, das Ohr an der Tür, und dabei zwinkerte er siegesgewiß der Wirtin zu, die ihm mit dem Finger drohte und den Kopf dazu wiegte, als wollte sie sagen: „Ach, Sie Schlingel, Sie Schlingel!“ Endlich richtete er sich entschlossen auf, machte ein möglichst teilnehmendes, ernstes Gesicht, ja, er ließ sogar wie vor lauter Teilnahme den Kopf hängen und klopfte mit dem Fingerknöchel an die Tür.

„Wer ist da?“ fragte eine Stimme.

„Gestatten Sie mir, in einer höchst wichtigen Angelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu nehmen?“ fragte Stebelkoff laut und würdevoll.

Man zögerte, aber schließlich öffnete man doch, zunächst nur ein wenig, nur zu einem Viertel; doch Stebelkoff ergriff schnell die Klinke und ließ die Tür nicht wieder schließen. Es begann ein Gespräch. Stebelkoff sprach laut und versuchte sogleich, einzutreten; ich erinnere mich nicht mehr wörtlich des Gesprächs, aber jedenfalls sprach er von Werssiloff, sagte, er könne alles erklären, mitteilen – „nein, mich müssen Sie fragen“, und „nein, ich bin es, an den Sie sich wenden müssen“, und so weiter in dieser Art. So kam es denn, daß man ihn sehr bald eintreten ließ. Ich kehrte zum Diwan zurück und wollte ihr Gespräch verfolgen, konnte aber wenig verstehen; ich hörte nur, daß Werssiloffs Name oft genannt wurde. Aus dem Tonfall der Stimme Stebelkoffs erriet ich, daß er das Gespräch schon beherrschte und nicht mehr einschmeichelnd sprach, sondern überlegen und großmäulig, in der Art, wie er kurz zuvor mit mir gesprochen hatte: „Sie folgen?“, „jetzt merken Sie auf“ und so weiter. Dennoch schien er mit den Damen ausnehmend liebenswürdig zu sein. Schon zweimal hatte er laut aufgelacht, wahrscheinlich ganz zur unrechten Zeit; denn außer seiner Stimme waren auch die Stimmen der beiden Frauen zu hören, von denen die seine manchmal sogar übertönt wurde, und die klangen keineswegs froh, besonders die Stimme der jüngeren, die vorher geschrien hatte: sie sprach viel, nervös, schnell, – offenbar beklagte sie sich oder klagte jemand an; es war, als heische sie Gerechtigkeit und einen unparteiischen Richter. Aber Stebelkoff ließ nicht nach, er erhob seine Stimme mehr und mehr und lachte immer häufiger. Menschen von seiner Art verstehen nicht, anderen zuzuhören. Ich verließ bald wieder den Platz auf dem Diwan; denn ich schämte mich, so zu lauschen, und ich setzte mich wieder auf meinen Rohrstuhl am Fenster. Ich war überzeugt, daß Wassin diesen Herrn überhaupt nicht achtete, mir jedoch, falls ich dieselbe Ansicht äußern sollte, mit ernster Würde und belehrend auseinandersetzen würde, daß dieser Mensch einer von den gegenwärtigen Geschäftsmännern sei, „ein Mann der praktischen Erfahrung“, den man nicht von unseren „allgemeinen und abstrakten Gesichtspunkten“ aus beurteilen dürfe. In jenem Augenblick fühlte ich mich übrigens, wie ich mich erinnere, moralisch wie zerschlagen, mein Herz klopfte heftig, und zweifellos erwartete ich irgend etwas. Es vergingen vielleicht zehn Minuten, da, plötzlich – mitten in einer lauten Lachsalve Stebelkoffs – sprang wieder jemand plötzlich vom Stuhl auf, beide Frauen schrien und sprachen erregt, auch Stebelkoff schien aufgesprungen zu sein, – aber er sprach schon in einem anderen Ton, der so klang, als wolle er sich rechtfertigen oder sie beschwören, ihn zu Ende sprechen zu lassen … Doch dazu kam es nicht. Ich hörte den zornigen Schrei: „Hinaus! Sie sind ein Elender, ein schamloser Lump!“ Es war klar, daß ihm die Tür gewiesen wurde. Ich öffnete unsere Tür gerade in dem Augenblick, als er von den Nachbarinnen heraussprang, und zwar wie mir schien, buchstäblich von ihnen hinausgestoßen wurde. Wie er mich erblickte, schrie er plötzlich los, auf mich weisend:

„Hier, sehen Sie, hier ist Werssiloffs Sohn! Wenn Sie mir nicht glauben, so bitte, hier, dies ist sein Sohn, sein leiblicher Sohn! Bitte sehr!“ Und er packte mich an der Schulter. „Dieser hier ist sein Sohn, sein leiblicher Sohn! Tja!“ wiederholte er immer wieder und zerrte mich zu den Damen, übrigens ohne etwas zur näheren Erklärung hinzuzufügen.

Die Junge stand im Korridor, die Ältere einen Schritt hinter ihr in der Tür. Ich weiß nur noch, daß dieses arme Mädchen nicht häßlich war, vielleicht zwanzig Jahre alt, aber mager und kränklich sah sie aus. Sie hatte rötliches Haar und im Gesicht eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Schwester: gerade dieser Umstand fiel mir auf. Nur habe ich Lisa niemals so außer sich vor Empörung gesehen, und sie hätte natürlich auch nie so außer sich geraten können wie dieses junge Mädchen, das ich vor mir sah: ihre Lippen waren weiß, ihre hellgrauen Augen sprühten, und ihr ganzer Körper bebte vor Zorn. Ich weiß noch, ich fühlte mich in einer äußerst dummen und erniedrigenden Lage, zumal ich nichts zu sagen wußte, und das alles dank diesem gemeinen Stebelkoff!

„Was geht das mich an, wessen Sohn er ist! Wenn er mit Ihnen zusammen ist, so ist er ein Lump. Wenn Sie Werssiloffs Sohn sind,“ wandte sie sich plötzlich an mich, „so sagen Sie Ihrem Vater, daß er ein Nichtswürdiger ist, ein ehrloser, schamloser Mensch, daß ich sein Geld nicht brauche … Da haben Sie es, da, und da! – Nehmen Sie es und bringen Sie es ihm sofort zurück!“ Sie hatte blitzschnell ein paar Banknoten aus der Tasche gezogen und wollte sie mir zuwerfen, aber die Ältere (das war ihre Mutter, wie sich später herausstellte) ergriff ihre Hand und hielt sie fest:

„Olä, aber vielleicht ist das gar nicht wahr, vielleicht ist das gar nicht sein Sohn!“

Olä sah sie flüchtig an, besann sich, maß mich dann mit einem verachtungsvollen Blick und wandte sich zurück ins Zimmer, doch bevor sie die Tür zuschlug, schrie sie Stebelkoff noch einmal wütend an:

„Hinaus!“

Und sie stampfte sogar mit dem Fuß auf. Dann schlug sie die Tür zu und schloß sie ab. Stebelkoff, der mich immer noch an der Schulter festhielt, erhob wieder den Zeigefinger, und während ein nachdenkliches Lächeln seinen Mund langsam in die Breite zog, richtete er seinen fragenden Blick auf mich und sah mich starr an.

„Ich finde Ihre Handlungsweise lächerlich und schändlich!“ sagte ich wütend mit gedämpfter Stimme.

Er hörte nicht darauf, obgleich er keinen Blick von mir wandte.

„Das müßte man un–ter–suchen!“ sagte er nachdenklich.

„Aber wie durften Sie mich so vorschieben? Wer sind diese? Was ist das für ein Frauenzimmer? Sie packen mich an der Schulter und schieben mich vor – was soll das bedeuten!“

„I, Teufel! Irgend so eine ihrer Unschuld Beraubte … ‚die oft sich wiederholende Ausnahme‘ – Sie folgen?“ Und er stemmte seinen Finger gegen meine Brust.

„Zum Teufel!“ Mit einem Klapps stieß ich seinen Finger fort.

Doch plötzlich und ganz unerwartet begann er zu lachen, lautlos, lange, belustigt. Schließlich setzte er seinen Hut auf, und mit schnell verändertem und schon wieder finsterem Gesicht bemerkte er, die Stirn runzelnd:

„Und die Wirtin müßte man instruieren … man muß sie aus der Wohnung jagen, – unbedingt, und so schnell als möglich, sonst werden sie hier noch … Sie werden sehen! Behalten Sie meine Worte, Sie werden schon sehen! I, Teufel!“ fluchte er plötzlich wieder erheitert. „Sie werden doch noch auf Grischa warten?“

„Nein, ich warte nicht mehr,“ sagte ich entschlossen.

„Na, egal …“

Und ohne noch einen Ton hinzuzufügen, wandte er sich um, ging hinaus und stieg die Treppe hinunter. Der Wirtin, die augenscheinlich auf eine Erklärung oder Neuigkeit wartete, schenkte er nicht einmal einen Blick. Ich nahm gleichfalls meinen Hut, bat die Wirtin, Wassin zu melden, daß ich, Dolgoruki, auf ihn gewartet hätte und lief die Treppe hinunter.

III.
Ich hatte nur Zeit verloren. Als ich auf der Straße war, machte ich mich sofort auf die Wohnungssuche; aber ich war zerstreut, ging mehrere Stunden lang durch die Straßen, sah mir wohl fünf oder sechs möblierte Zimmer an, doch bin ich überzeugt, daß ich an zwanzig anderen vorübergegangen bin, ohne sie zu bemerken. Ich hätte mir nie gedacht, daß es so schwer sein könnte, eine Wohnung zu finden, und das vergrößerte meinen Ärger beträchtlich. Alle Zimmer waren wie das von Wassin bewohnte, sogar bedeutend schlechter, und die Miete riesig hoch, das heißt, im Vergleich zu meiner Berechnung. Ich hatte mir eigentlich nur einen Winkel gedacht, so groß, daß man sich gerade nur einmal umdrehen konnte in ihm, und als ich das äußerte, gab man mir mit Verachtung zu verstehen, dann müßte ich „Winkelvermieter“ aufsuchen und nicht zu ihnen kommen. Außerdem waren überall noch viele andere sonderbare Zimmermieter, neben denen ich mich, allein schon wegen ihres Äußeren, niemals hätte einleben können – sogar zugezahlt hätte ich, um nicht neben ihnen wohnen zu müssen. Da waren so sonderbare Herren ohne Röcke, nur in Westen und Hemdsärmeln, mit zerzausten Bärten und freien Manieren, und die sehr neugierig zu sein schienen. In einem unglaublich kleinen Zimmerchen saßen ihrer ganze zehn beim Kartenspiel mit Bier, und nebenan sollte ich mieten. An anderen Stellen gab ich selbst auf die Fragen der Zimmervermieter so unüberlegte Antworten, daß man mich verwundert ansah, und in einer Wohnung kam es geradezu zu einem Skandal. Übrigens, wozu alle diese Nichtigkeiten beschreiben; ich wollte ja nur sagen, daß ich schrecklich müde wurde und schließlich, als es schon zu dämmern begann, in einer Garküche irgend etwas aß. Ich hatte mich jetzt endgültig entschlossen, sogleich hinzugehen und den Brief, der sich auf die Erbschaft bezog, Werssiloff selbst zu übergeben (ohne alle Erklärungen), ferner aus meinem Giebelzimmer meinen Koffer und meine Reisetasche zu nehmen und für die Nacht meinetwegen in ein Gasthaus zu gehen. Ich erinnerte mich, daß es am Ende des Obuchoffprospektes, am Triumphtor, Herbergen gab, wo man sogar ein ganzes Zimmer für dreißig Kopeken bekommen konnte; für diese eine Nacht wollte ich noch soviel opfern, nur um nicht mehr bei Werssiloff zu übernachten. Doch wie ich nun schon am Technologischen Institut vorüberging, kam es mir auf einmal in den Sinn, bei Tatjana Pawlowna, die dort gegenüber dem Institut wohnte, vorzusprechen. Der eigentliche Vorwand, sie aufzusuchen, war für mich dieser Brief wegen der Erbschaft, aber mein unbezwingbares Verlangen, mit ihr zusammenzukommen, hatte natürlich andere Gründe, die ich übrigens auch jetzt noch nicht ganz zu erklären vermag: es saß da so ein Wirrwarr in meinem Kopf, von einem „Säugling, den er heimlich aufziehen läßt“, von „Ausnahmen, die zur allgemeinen Regel werden“ … War es nun, daß ich mit einem Menschen darüber sprechen oder vor ihr wichtigtun oder mit jemandem handgemein werden oder womöglich weinen wollte – ich weiß es nicht, und jedenfalls stieg ich zu Tatjana Pawlowna hinauf. Ich war schon früher bei ihr gewesen, aber nur ein einziges Mal, kurz nach meiner Ankunft aus Moskau, und zwar mit einem Auftrag von meiner Mutter; ich weiß noch, nachdem ich ihn ausgerichtet hatte, war ich sogleich wieder fortgegangen, sogar ohne mich gesetzt zu haben, wozu sie mich, nebenbei bemerkt, auch nicht einmal aufgefordert hatte.

Ich klingelte; ihre Köchin öffnete mir sogleich und ließ mich schweigend eintreten. Diese Nebensächlichkeiten muß ich hier erwähnen; denn sonst würde man vielleicht nicht verstehen, wie es zu diesem verrückten Zusammentreffen kommen konnte, das einen so ungeheuren Einfluß auf alles Folgende haben sollte. Zunächst ein paar Worte über diese Köchin. Das war eine Finnländerin mit einer aufgestülpten Nase, eine böse Person, die, wie ich vermute, ihre Herrin Tatjana Pawlowna regelrecht haßte, während diese sich nicht von ihr trennen konnte und mit einer Leidenschaft an ihr hing, wie sonst alte Jungfern an alten feuchtnasigen Möpsen oder ewig schlafenden Katzen zu hängen pflegen. Die Finnländerin war entweder wütend und infolgedessen frech, oder sie schmollte nach einem Streit und sprach dann wochenlang keine Silbe, um auf diese Weise ihre Herrin zu bestrafen. Vermutlich hatte sie damals wieder so einen Schweigetag; denn auf meine Frage, ob das gnädige Fräulein zu Hause sei, antwortete sie mir keinen Ton und kehrte schweigend in ihre Küche zurück. Selbstverständlich nahm ich nun ohne weiteres an, Tatjana Pawlowna wäre zu Hause, und ich begab mich ins Zimmer; es war aber niemand da, und ich blieb stehen in der Erwartung, sie werde gleich aus dem Schlafzimmer heraustreten; wie hätte denn sonst die Köchin mich eintreten lassen können? Ich setzte mich nicht und wartete wohl zwei oder drei Minuten; es war schon stark dämmerig, und Tatjana Pawlownas dunkle kleine Wohnung machte durch den überall hängenden Kattun einen noch beengenderen Eindruck auf mich. Zur Erklärung meiner späteren Zwangslage muß ich auch über diese schändliche Wohnung noch ein paar Worte sagen. Tatjana Pawlowna hätte sich mit ihrem eigensinnigen und herrschsüchtigen Charakter und ihren alten gutsherrschaftlichen Angewohnheiten niemals als Aftermieterin in einem möblierten Zimmer einleben können, und deshalb hatte sie diese Parodie auf eine Wohnung gemietet, nur um allein und von keinem abhängig als ihr eigener Herr zu leben. Diese zwei Zimmerchen waren buchstäblich wie zwei kleine Kanarienvogelbauer, eins ans andere gedrückt, eins kleiner als das andere, dazu im dritten Stock, und die Fenster gingen auf den Hof hinaus. Wenn man eintrat, kam man zunächst in einen schmalen kleinen Korridor von ungefähr einem Meter Breite; links davon waren die erwähnten Kanarienvogelbauer, und geradeaus, am Ende des Korridors, war die Tür zur winzigen Küche. Die anderthalb Kubikfaden Luft, die ein Mensch für zwölf Stunden braucht, waren in diesen zwei Zimmerchen vielleicht noch enthalten, mehr aber wohl kaum. Sie waren schändlich niedrig, und was das dümmste war, – alles, Fenster, Türen, Möbel, alles war mit Kattun behangen und bezogen, allerdings mit sehr schönem französischem Kattun; und durch die Festons über Fenstern und Türen, die das Zimmer zum Teil noch dunkler machten, gemahnte es fast an das Innere eines Reisewagens. In dem ersten Zimmer, wo ich wartete, konnte man sich noch umdrehen, obgleich es mit Möbeln vollgepackt war, und übrigens mit gar nicht so schlechten Möbeln: da gab es verschiedene Tischchen mit eingelegter Arbeit und Bronzebeschlägen, eigentümliche Schatullen und einen eleganten und sogar kostbaren Toilettentisch. Aber das folgende Zimmerchen, aus dem sie, nach meiner Annahme, jeden Augenblick heraustreten mußte, ihr Schlafzimmer, das vom ersten Zimmer durch einen Vorhang ganz abgeschlossen war, bestand, wie ich später sah, tatsächlich nur aus einem Bett. Alle diese Einzelheiten sind notwendig, damit man die Dummheit, die ich beging, begreifen könne. Also ich wartete und zweifelte an nichts, als plötzlich im Korridor die Türschelle ertönte. Ich hörte, wie die Köchin mit langsamen Schritten, ohne sich zu beeilen, über den Korridor ging und jemand genau so wie mich vorhin, schweigend eintreten ließ. Die Eintretenden waren zwei Damen, die beide laut sprachen, und wie groß war meine Verwunderung, als ich die Stimme Tatjana Pawlownas erkannte, und die andere – die andere war die Stimme gerade jener Frau, der zu begegnen ich am allerwenigsten vorbereitet war, und das noch dazu unter diesen Umständen! Ein Irrtum war ausgeschlossen: ich erkannte sie sofort, diese klangvolle, metallische Stimme, die ich erst vor einem Tage gehört hatte, freilich nur drei Minuten lang, aber ihr Klang war in meiner Seele geblieben. Ja, es war die „Frau von gestern“! Was sollte ich tun? Ich stelle diese Frage nicht an den Leser, sondern vergegenwärtige mir nur den damaligen Augenblick, aber ich bin auch jetzt nicht imstande, zu erklären, wie es kam, daß ich plötzlich hinter den Vorhang stürzte und mich in Tatjana Pawlownas Schlafzimmer befand. Kurz, ich versteckte mich und war kaum in Sicherheit, als sie schon eintraten. Warum ich ihnen nicht entgegenging und mich versteckte – das weiß ich nicht; es geschah alles ganz wie von selbst und ohne jede Überlegung.

Fast im selben Augenblick, als ich hinter den Vorhang sprang und auf das Bett stieß, bemerkte ich auch die Tür, die aus diesem Schlafzimmer in die Küche führte und begriff, daß es somit noch einen Ausweg und eine Rettung gab und ich die Wohnung ganz verlassen konnte. Aber – o Entsetzen! – die Tür war verschlossen, und der Schlüssel stak nicht im Schloß. Verzweifelt sank ich aufs Bett; es kam mir auf einmal zu Bewußtsein, daß ich nun die Frauen belauschen würde, und schon aus den ersten Sätzen, ja sogar schon aus dem Ton der ersten Worte erriet ich, daß sie ein geheimnisvolles und bedenkliches Gespräch führten. Oh, natürlich, ein ehrlicher und vornehmer Mensch muß in solchem Fall aufstehen, hervortreten und laut sagen: „Ich bin hier, bitte einen Augenblick zu warten!“ – und, ungeachtet seiner lächerlichen Lage, vorüber- und hinausgehen. Ich aber stand nicht auf und ging nicht hinaus: ich hatte nicht den Mut dazu, erbärmlicherweise wagte ich es nicht zu tun.

„Aber liebste Katerina Nikolajewna, Sie betrüben mich wirklich!“ beschwor Tatjana Pawlowna. „So beruhigen Sie sich doch endlich ein für allemal, das paßt ja auch gar nicht zu Ihrem Charakter. Überall, wo Sie sind, ist Freude, und jetzt auf einmal … Aber wenigstens mir, denke ich, werden Sie doch noch trauen, Sie wissen doch, wie sehr ich Ihnen ergeben bin. Ihnen doch wirklich nicht weniger als Andrei Petrowitsch, dem ich ewig ergeben sein werde, woraus ich vor keinem Menschen ein Geheimnis mache … Nun, so glauben Sie mir doch, ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, dieses Dokument ist nicht bei ihm, und vielleicht hat es überhaupt niemand. Und solche Ränke zu schmieden, dazu ist er doch wahrhaftig nicht fähig! Es ist eine Sünde von Ihnen, ihn solcher Sachen auch nur zu verdächtigen. Sie haben sich beide diese Feindschaft nur selbst eingebrockt …“

„Der Brief, dieses unselige Dokument, existiert unbedingt, und er ist zu allem fähig. Und gestern, wie ich eintrete, ist das erste, was ich sehe – ce petit espion,[31] den er dem Fürsten aufgedrängt hat!“

„Ach Unsinn, ce petit espion! Erstens ist er durchaus kein Spion; denn ich, ich selbst habe darauf bestanden, ihn zum Fürsten zu schicken, sonst wäre er in Moskau übergeschnappt oder verhungert, – so wurde es uns von dort aus gemeldet; aber vor allem ist dieser rohe Bengel einfach nur ein kleiner Narr, wie sollte der zu spionieren verstehen!“

„Ja, das wäre möglich, aber das hindert ihn vielleicht nicht, ein kleiner Schuft zu werden. Ich war gestern nur zu empört, sonst wäre ich gestorben vor Lachen: er erbleichte, stürzte vor, verbeugte sich, sprach Französisch – und in Moskau hatte mir Marja Iwanowna Wunderdinge von ihm erzählt, sie versicherte geradezu, er sei ein Genie. Daß aber dieser unselige Brief noch wohlbehalten existiert und sich irgendwo in den gefährlichsten Händen befindet – das habe ich aus dem Gesicht dieser Marja Iwanowna erraten.“

„Aber Liebste, mein Täubchen, Sie! Haben Sie mir denn nicht selbst gesagt, daß sie nichts hat!“

„Das ist es ja, daß sie ihn hat! Sie lügt ja nur, und Sie ahnen nicht, was das für eine geschickte Lügnerin ist! Vor meiner Reise nach Moskau konnte ich immer noch hoffen, daß vielleicht gar keine Papiere übriggeblieben seien, jetzt aber, jetzt …“

„Ach, aber Liebste, im Gegenteil, diese Marja Iwanowna soll doch ein so gutes und vernünftiges Geschöpf sein, der Verstorbene hat sie von allen seinen Nichten am meisten geschätzt. Es ist ja wahr, ich selbst kenne sie nicht so genau, aber – ach, hätten Sie sie doch bestrickt, meine Schönheit! Was macht Ihnen denn das aus, das können Sie doch so leicht, ich bin doch schon eine alte Jungfer – und Sie wissen doch, wie ich in Sie verliebt bin, ich werde Sie gleich küssen! … Ach, das wäre für Sie doch eine Kleinigkeit gewesen, diese Marja Iwanowna zu bestricken!“

„Ich habe es ja versucht, liebe Tatjana Pawlowna, sie war auch ganz entzückt, aber sie ist doch gar zu schlau … Nein, das ist schon ein ganzer Charakter, und ein besonderer noch dazu, ein Moskauer … Und können Sie sich denken, sie hat mir doch geraten, mich hier an einen gewissen Krafft zu wenden, den ehemaligen Gehilfen und Mitarbeiter Andronikoffs: sie meinte, vielleicht wisse dieser etwas Näheres. Von diesem Herrn Krafft hatte ich schon eine gewisse Vorstellung, ich habe ihn früher einmal flüchtig gesehen, aber wie sie mir dieses von Krafft sagte, da erst kam ich endgültig zu der Überzeugung, daß sie nicht etwa bloß etwas weiß, sondern daß sie lügt und über alles ganz genau unterrichtet ist.“

„Aber weshalb denn, weshalb? Ja, es ist wahr, man könnte sich bei Krafft erkundigen. Dieser Deutsche ist kein Schwätzer und, ich erinnere mich, er ist sogar ein peinlich ehrlicher Mensch – nein, wirklich, man müßte ihn ausfragen! Bloß ist er jetzt, glaube ich, nicht in Petersburg …“

„Ach, er ist doch schon gestern zurückgekehrt, und ich war ja soeben bei ihm! Deshalb bin ich doch in solcher Aufregung zu Ihnen gekommen – meine Hände und Füße zittern mir noch – weil ich Sie bitten wollte, mein Engel, da Sie doch alle Menschen kennen: könnte man nicht irgendwie Näheres über den Verbleib seiner Papiere erfahren; denn er wird doch bestimmt welche hinterlassen haben, aber in wessen Hände kommen die nun wieder? Womöglich in die gefährlichsten! Deshalb bin ich zu Ihnen geeilt, um Sie um Ihren Rat zu fragen.“

„Ja, aber von welchen Papieren reden Sie?“ fragte Tatjana Pawlowna etwas verwundert. „Sie sagen doch, daß Sie soeben selbst bei Krafft waren.“

„Ach gewiß, ich war bei ihm, gerade eben, aber er hat sich doch erschossen! Schon gestern abend!“

Ich sprang vom Bett auf. Ich hatte ruhig zuhören können, wie man mich einen Spion und Idiot nannte, und je weiter sie sprachen, um so unmöglicher war es mir erschienen, nun noch hervorzutreten. Das erschien mir ganz undenkbar! Mir war nichts anderes übriggeblieben als das eine – und das hatte ich denn auch im Herzen beschlossen: regungslos so lange zu sitzen, bis Tatjana Pawlowna ihren Gast hinausgeleitet hätte – (wenn sie nicht vorher zu meinem Unglück ins Schlafzimmer kam), und dann, sobald die Achmakoff fortgegangen war – dann mochte es zwischen Tatjana Pawlowna und mir meinetwegen zu einer Schlacht kommen! … Aber wie ich nun plötzlich von Kraffts Selbstmord hörte, war ich unwillkürlich aufgesprungen – es hatte mich wie ein Krampf gepackt. Ohne zu denken, ohne zu überlegen, ohne mich zu fragen, was ich tat, schritt ich, hob ich den Vorhang und stand vor ihnen. Es war gerade noch hell genug, um mich zu erkennen, wie ich bleich und zitternd hervortrat … Sie schrien beide auf. Wie hätten sie auch nicht aufschreien sollen!

„Krafft?“ stammelte ich und starrte die Achmakoff an. „Erschossen? Gestern? Bei Sonnenuntergang?“

„Wo warst du? Woher kommst du?“ kreischte Tatjana Pawlowna auf und krallte sich buchstäblich in meine Schulter. „Du hast spioniert? Du hast uns belauscht!“

„Was habe ich Ihnen gesagt! …“ Katerina Nikolajewna erhob sich vom Sofa und wies auf mich.

Ich geriet außer mir.

„Blödsinn, Lüge!“ fiel ich ihr wütend ins Wort, „Sie haben mich soeben einen Spion genannt, o Gott! Lohnt es sich denn zu spionieren, ja lohnt es sich überhaupt, zu leben neben solchen wie Sie! Ein hochherziger Mensch endet durch Selbstmord, Krafft hat sich erschossen – wegen der Idee, wegen Hekuba … Übrigens, was wissen Sie von Hekuba! … Und hier – lebe nun einer mitten unter Ihren Intrigen und Lügen und bewege sich zwischen Ihren Minen und Fallgruben … Ich habe genug davon!“

„Ohrfeigen Sie ihn! Ohrfeigen Sie ihn!“ schrie Tatjana Pawlowna, und da Katerina Nikolajewna mich zwar ansah, ohne einen Blick von mir zu wenden (ich erinnere mich noch jedes kleinsten Nebenumstandes), sich jedoch nicht von der Stelle rührte, so hätte Tatjana Pawlowna im nächsten Augenblick bestimmt selbst mir die Ohrfeige gegeben, weshalb ich unwillkürlich den Arm hob, um mein Gesicht zu schützen; aus dieser einen Bewegung aber schloß sie, daß ich selbst schlagen wollte.

„So, schlag nur, schlag nur!“ rief sie empört, „zeig’ nur, daß du von Geburt ein Knecht bist! Du bist ja stärker als Frauen, also genier’ dich nicht!“

„Jetzt hab’ ich aber genug von Ihren Verleumdungen, schweigen Sie!“ fuhr ich wütend auf. „Niemals habe ich meine Hand gegen eine Frau erhoben! Sie sind einfach schamlos, Tatjana Pawlowna! Ich weiß, Sie haben mich immer verachtet. Oh, mit den Menschen muß man umgehen, ohne sie zu achten! Sie lachen, Katerina Nikolajewna – wahrscheinlich über meine Gestalt. Ja, Gott hat mir keine solche Gestalt gegeben, wie Ihre Adjutanten sie haben. Und doch fühle ich mich vor Ihnen nicht erniedrigt, sondern im Gegenteil, erhoben … oder gleichviel, wie man das ausdrücken muß. Ich weiß nur, daß es nicht meine Schuld war! Ich bin ganz ahnungslos hier eingetreten, Tatjana Pawlowna. An der ganzen Sache ist nur Ihre Köchin schuld, oder richtiger, Ihre Vorliebe für diese Person: warum hat sie mir auf meine Frage nichts geantwortet und mich hier eintreten lassen? Und nachher, das müssen Sie sich doch selbst sagen, so aus dem Schlafzimmer einer Frau herauszutreten, das – das erschien mir so monströs, daß ich mich entschloß, lieber Ihre Schmähungen hinzunehmen, als mich nun noch zu zeigen … Sie lachen wieder, Katerina Nikolajewna?“

„Hinaus! Hinaus mit dir! pack’ dich von hier!“ schrie Tatjana Pawlowna, und sie wollte mich beinahe schon hinausstoßen. „Achten Sie nicht auf sein Geschwätz, Katerina Nikolajewna: ich sagte Ihnen ja, man hat uns doch schon von dort geschrieben, daß er verrückt ist!“

„Verrückt? Von dort geschrieben? Wer hätte das wohl tun können und woher? Gleichviel, es ist genug, Katerina Nikolajewna! Ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, daß dieses Gespräch und was ich hier gehört habe, unter uns bleiben wird … Es war nicht meine Schuld, daß ich Ihre Geheimnisse erfahren habe; um so weniger, als ich morgen meine Stellung bei Ihrem Vater aufgebe, so daß Sie wegen des Dokuments, das Sie suchen, beruhigt sein können!“

„Was heißt das? … Von was für einem Dokument sprechen Sie?“ fragte Katerina Nikolajewna bestürzt, und sie erbleichte sogar, oder vielleicht schien es mir nur so. Ich begriff, daß ich schon zu viel gesagt hatte.

Ich ging schnell hinaus; ihre Blicke verfolgten mich stumm, und es lag in ihnen eine maßlose Verwunderung. Ja, ich hatte ihnen ein Rätsel aufgegeben …

Neuntes Kapitel.
I.
Ich eilte nach Hause und – sonderbar – ich war sehr zufrieden mit mir. Natürlich spricht man nicht so mit Frauen, und noch dazu mit solchen Frauen, oder nein: mit einer solchen Frau; denn Tatjana Pawlowna zählte für mich nicht mit. Vielleicht darf man einer Frau von dieser Art niemals ins Gesicht sagen, daß man auf ihre Intrigen einfach pfeift, ich aber hatte es gesagt und war gerade damit sehr zufrieden. Abgesehen von allem anderen, war ich wenigstens überzeugt, daß ich mit diesem Ton alles Lächerliche, das in meiner Situation lag, ausgelöscht hatte. Aber ich hatte keine Zeit, mich lange bei diesen Gedanken aufzuhalten: Krafft beschäftigte mich mehr als alles andere. Nicht, daß der Gedanke an ihn mich so furchtbar gequält hätte, aber immerhin war ich aufs tiefste erschüttert, war es sogar in solchem Maße, daß selbst die allgemein menschliche Empfindung einer gewissen Genugtuung bei fremdem Unglück – ich meine, wenn jemand sich ein Bein bricht oder seine Ehre einbüßt oder ein geliebtes Wesen verliert oder etwas Ähnliches ihm widerfährt –, daß sogar diese Empfindung einer niedrigen Genugtuung einer ganz anderen und vollständig ungeteilten Empfindung Platz gemacht hatte, und zwar dem Leid: einem Bedauern des Toten. Das heißt, ob es gerade ein Bedauern war, das weiß ich nicht, aber jedenfalls war es ein überaus starkes und gutes Gefühl. Und damit war ich gleichfalls zufrieden. Es ist erstaunlich, wie viele nebensächliche Gedanken in einem auftauchen können, gerade wenn man durch irgendeine furchtbare Nachricht ganz erschüttert ist, die, wie man eigentlich meinen sollte, alle anderen Gefühle ersticken und alle nebensächlichen Gedanken verscheuchen müßte, besonders die kleinlichen – aber gerade diese sind dann die zudringlichsten. Ich erinnere mich noch, wie allmählich ein ziemlich fühlbares nervöses Zittern meinen Körper ergriff und mehrere Minuten andauerte und sich sogar in der ganzen Zeit fortsetzte, während der ich zu Hause war und die Sache mit Werssiloff erledigte.

Diese Erledigung fand unter seltsamen und außergewöhnlichen Umständen statt. Ich habe bereits erwähnt, daß wir in einem besonderen Hause auf dem Hof wohnten, und unsere Wohnung trug die Nummer dreizehn. Noch bevor ich auf den Hof trat, hörte ich in der Nähe eine weibliche Stimme laut, ungeduldig und gereizt fragen: „Wo ist hier die Wohnung Nummer dreizehn?“ Ich bemerkte eine Frauengestalt, die die Tür eines kleinen Ladens gleich neben der Pforte geöffnet hatte; aber man schien ihr nichts zu antworten, oder vielleicht sagte man ihr sogar eine Ungezogenheit, und sie stieg empört und böse die kleine Ladentreppe wieder herunter. „Wo ist denn hier der Hausknecht?“ rief sie erregt und stampfte vor Ungeduld mit dem Fuß auf. Ich hatte diese Stimme sofort wiedererkannt.

„Ich gehe in die Wohnung Nummer dreizehn,“ sagte ich, auf sie zutretend, „wen suchen Sie?“

„Ich suche hier schon eine ganze Stunde den Hausknecht, ich habe alle gefragt, bin alle Treppen hinaufgestiegen.“

„Die Wohnung ist auf dem Hof. Erkennen Sie mich nicht wieder?“

Sie hatte mich schon erkannt.

„Sie suchen Werssiloff, Sie haben mit ihm abzurechnen, und ich auch,“ fuhr ich fort. „Ich bin gekommen, um für immer Abschied zu nehmen. Gehen wir.“

„Sie sind sein Sohn?“

„Das hat damit nichts zu tun. Übrigens, allerdings, ich bin sein Sohn, obgleich ich Dolgoruki heiße, ich bin ein Unehelicher. Dieser Herr hat eine Menge unehelicher Kinder. Wenn Gewissen und Ehre es verlangen, verläßt selbst der leibliche Sohn das Elternhaus. Das steht schon in der Bibel. Außerdem ist ihm jetzt eine Erbschaft zugefallen, ich will sie aber nicht mit ihm teilen, und so gehe ich, um von meiner Hände Arbeit zu leben. Wenn es nötig ist, opfert ein hochherziger Mensch sogar sein Leben. Krafft hat sich erschossen, Krafft! – und einzig um einer Idee willen! Können Sie sich das vorstellen, er war noch ein junger Mann und berechtigte zu großen Hoffnungen … Hier, bitte hier! Wir wohnen in einem besonderen Haus. Schon die Bibel spricht davon, daß die Kinder ihre Väter verlassen und ihr eigenes Nest begründen … Wenn die Idee einen treibt … wenn man eine Idee hat! Die Idee ist die Hauptsache, die Idee ist alles …“

So und ähnlich sprach ich die ganze Zeit zu ihr, während wir zu unserer Wohnung schritten. Der Leser wird wohl bemerken, daß ich mich nicht gerade schone, und wo es nötig ist, mich selbst an den Pranger stelle: ich will lernen, die Wahrheit zu sagen. Werssiloff war zu Hause. Ich trat ein, ohne den Mantel abzulegen; sie gleichfalls. Sie war furchtbar ärmlich gekleidet: über einem dunklen Kleidchen hing irgendein Zeugstück, das einen Kragen oder eine Mantille vorstellen sollte, und auf dem Kopf hatte sie ein altes, abgenutztes Matrosenhütchen, das ihr sehr schlecht zu Gesicht stand. Als wir eintraten, saß meine Mutter mit einer Handarbeit auf ihrem gewohnten Platz, und meine Schwester trat aus ihrem Zimmer, um zu sehen, wer da käme, und blieb in der Tür stehen. Werssiloff tat wie gewöhnlich nichts; als wir eintraten, erhob er sich und sah mich mit einem strengen, fragenden Blick an.

„Ich habe hiermit nichts zu schaffen,“ beeilte ich mich zu versichern und stellte mich abseits am Fenster auf. „Ich traf diese Dame soeben unten an der Hofpforte; sie suchte Sie, und niemand konnte ihr den Weg hierher zeigen. Ich aber bin jetzt in einer eigenen Angelegenheit gekommen, die zu erklären ich nach der Dame das Vergnügen haben werde …“

Werssiloff fuhr aber trotzdem fort, mich neugierig anzusehen.

„Erlauben Sie,“ begann das junge Mädchen ungeduldig.

Werssiloff wandte sich ihr zu.

„Ich habe lange darüber nachgedacht, aus welchem Grunde es Ihnen eingefallen sein könnte, dieses Geld gestern bei mir zu lassen … Ich … mit einem Wort … Da, nehmen Sie Ihr Geld!“ rief sie wieder empört, außer sich, wie ich sie schon schreien gehört hatte, und sie schleuderte das Päckchen Banknoten auf den Tisch. „Ich habe Ihre Wohnung im Adreßbureau aufsuchen müssen, sonst hätte ich es Ihnen früher zurückgebracht. Hören Sie, Sie!“ wandte sie sich plötzlich an meine Mutter, die auf einmal erbleichte; „ich will Sie nicht kränken, Sie sehen ehrlich aus, und vielleicht ist das sogar Ihre Tochter. Ich weiß nicht, ob Sie seine Frau sind oder wer sonst, aber Sie sollen es erfahren, daß dieser Herr Zeitungsanzeigen ausschneidet, solche, in denen Gouvernanten und Lehrerinnen für ihr letztes Geld Stunden suchen, und dann geht er zu diesen Unglücklichen und sucht sie ehrlos zu machen, indem er sie mit Geld ins Unglück zieht. Ich verstehe nicht, wie ich gestern das Geld von ihm annehmen konnte, – er sah so ehrlich aus! … Schweigen Sie, kein Wort! Sie sind ein Lump, mein Herr! Und selbst wenn Sie mit ehrlicher Absicht gekommen sein sollten, so will ich doch Ihr Almosen nicht. Kein Wort! Schweigen Sie! Oh, wie mich das freut, daß ich Sie jetzt vor Ihren Frauen habe entlarven können! Seien Sie verflucht!“

Sie lief schnell hinaus, nur auf der Schwelle blieb sie noch eine Sekunde lang stehen und rief noch höhnisch zurück: „Sie sollen ja, sagt man, eine Erbschaft gemacht haben!“ Und sie verschwand wie ein Schatten. Ich erinnere nochmals daran: sie war außer sich, sie glich einer Rasenden. Werssiloff war tief bestürzt: er stand wie in Gedanken versunken und als überlege er: auf einmal wandte er sich hastig zu mir.

„Du kennst sie überhaupt nicht?“

„Ich habe vorhin zufällig gesehen und gehört, wie sie auf dem Korridor bei Wassin außer sich geriet, schrie und Sie verfluchte; gesprochen aber habe ich dort nicht mit ihr und weiß auch sonst nichts, und jetzt traf ich sie hier unten vor der Hofpforte. Das wird wohl dieselbe Lehrerin sein, von der Sie gestern sprachen, die Unterricht ‚auch in der Arithmetik‘ erteilt?“

„Ja, dieselbe. Einmal im Leben wollte ich etwas Gutes tun, und … Doch übrigens, was hast du?“

„Hier, diesen Brief,“ erwiderte ich kurz. „Eine Erklärung halte ich für überflüssig: er kommt von Krafft, der ihn vom verstorbenen Andronikoff erhalten hat. Aus dem Inhalt werden Sie alles ersehen. Ich füge nur hinzu, daß jetzt kein Mensch auf der ganzen Welt von diesem Brief etwas weiß, außer mir; denn Krafft, der mir diesen Brief gestern übergab, hat sich gleich nach meinem Fortgehen erschossen.“

Während ich das atemlos und eilig sagte, nahm er den Brief, hielt ihn unschlüssig in der linken Hand und beobachtete mich aufmerksam. Als ich den Selbstmord Kraffts erwähnte, sah ich ihn scharf an, um zu sehen, welchen Eindruck diese Nachricht auf ihn machte. Und was sah ich? – sie machte überhaupt keinen Eindruck auf ihn: nicht einmal seine Augenbrauen zuckten! Als er bemerkte, daß ich innehielt, zog er seine Lorgnette hervor, die ihn nie verließ und an einem schwarzen Bande hing, hielt den Brief näher zum Licht, sah nach der Unterschrift und begann ihn aufmerksam zu lesen. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr diese hochmütige Gefühllosigkeit mich verletzte. Er mußte Krafft sehr gut gekannt haben, und es war doch wirklich keine so gewöhnliche Nachricht! Und schließlich war es nur natürlich, daß ich mit ihr gern einen großen Eindruck gemacht hätte. Ich wartete vielleicht noch eine halbe Minute, aber da der Brief, wie ich wußte, lang war, wandte ich mich um und ging hinaus. Mein Koffer war schon längst gepackt, es blieben mir nur noch ein paar Sachen zu einem Bündel zusammenzuschnüren. Ich dachte an meine Mutter, und daß ich nun so fortgegangen war, ohne an sie auch nur heranzutreten. Nach zehn Minuten, als ich schon ganz fertig war und gerade fortgehen wollte, um mir eine Droschke zu holen, trat meine Schwester in mein Zimmer.

„Hier, Mama schickt dir deine sechzig Rubel und läßt dich nochmals bitten, ihr zu verzeihen, daß sie Andrei Petrowitsch davon gesagt hat. Und dann noch zwanzig Rubel. Du hast gestern fünfzig Rubel für deinen Unterhalt gegeben; aber Mama sagt, mehr als dreißig könne man von dir auf keinen Fall nehmen; denn mehr ist für dich nicht ausgegeben worden, und den Rest von zwanzig Rubeln schickt sie dir zurück.“

„Nun gut, und besten Dank, wenn es sich wirklich so verhält. Leb wohl, Lisa, ich fahre jetzt!“

„Wohin fährst du jetzt?“

„Vorläufig in eine Herberge, nur um nicht in diesem Hause zu übernachten. Sage Mama, daß ich sie liebe.“

„Sie weiß es. Und sie weiß, daß du auch Andrei Petrowitsch liebst. Schämst du dich nicht, daß du diese Unglückliche hergeführt hast!“

„Ich schwöre dir, ich habe sie nicht hergeführt, – ich traf sie hier vor der Hofpforte!“

„Nein, du hast sie hergeführt.“

„Ich versichere dir …“

„Denke nach, frage dich ehrlich, und du wirst einsehen, daß du sie dazu veranlaßt hast.“

„Ich war nur sehr froh, daß Werssiloff beschämt wurde. Stell dir vor, er hat von Lydia Achmakoff ein Kind, einen Säugling … übrigens, wozu sage ich dir das.“

„Er? Ein kleines Kind? Aber das ist doch nicht sein Kind! Wo hast du diese Unwahrheit gehört?“

„Ach, was weißt du davon.“

„Ich soll nichts davon wissen? Aber ich habe doch in Luga dieses Kind selbst gepflegt! Höre, Bruder: ich sehe schon längst, daß du überhaupt noch nichts weißt, und dabei beleidigst du Andrei Petrowitsch, und … Mama gleichfalls.“

„Wenn er recht hat, so bin ich im Unrecht, und das wäre alles, euch aber liebe ich deshalb nicht weniger. Warum bist du so rot geworden, Schwester? So, und jetzt wirst du noch röter! Nun gut, aber trotzdem werde ich diesen Fürstenbengel für die Ohrfeige, die er Werssiloff in Ems gegeben hat, zum Duell fordern. Und wenn Werssiloff in der Geschichte mit der Achmakoff untadelig war, dann erst recht.“

„Bruder, besinne dich, was fällt dir ein!“

„Gut, daß der Prozeß jetzt beendet ist … Da sieh, jetzt bist du auf einmal ganz bleich geworden.“

„Ach, aber der Fürst wird sich ja mit dir gar nicht duellieren,“ sagte Lisa, noch im Schreck mit einem bleichen Lächeln.

„Dann werde ich ihn öffentlich beleidigen! … Was hast du nur, Lisa?“

Sie war so erbleicht, daß sie nicht mehr stehen konnte und auf den Diwan sank.

„Lisa!“ hörten wir unten die Mutter rufen.

Sie nahm sich zusammen und erhob sich; sie lächelte mir freundlich zu.

„Bruder, laß diese Dummheiten, oder warte so lange, bis du manches erfahren hast; du weißt noch so schrecklich wenig.“

„Ich werde es nicht vergessen, Lisa, daß du erbleicht bist, als du hörtest, daß ich mich duellieren werde.“

„Ja, ja, vergiß auch das nicht!“ rief sie lächelnd mir noch einmal zum Abschied zu und verließ mich.

Ich holte mir eine Droschke und schaffte mit Hilfe des Kutschers meine Sachen aus der Wohnung. Niemand zeigte sich oder hielt mich zurück. Ich ging nicht zum Abschied zu meiner Mutter, um nicht Werssiloff zu begegnen. Als ich schon in der Droschke saß, kam mir auf einmal ein Gedanke:

„Zur Ssemjonoffbrücke, an die Fontanka,“ befahl ich dem Kutscher und fuhr wieder zu Wassin.

II.
Es war mir plötzlich eingefallen, daß Wassin von Kraffts Selbstmord doch bestimmt schon unterrichtet sein mußte und vielleicht sogar hundertmal mehr erfahren hatte als ich; und so war es auch. Wassin erklärte sich sogleich bereit, mir alles Nähere mitzuteilen, was er denn auch tat, übrigens ohne große Erregung. Ich schloß daraus, daß er wohl sehr abgespannt wäre, und so verhielt es sich, wie sich herausstellte, tatsächlich. Schon früh am Morgen hatte man ihn benachrichtigt, und er war dann selbst hingegangen. Krafft hatte sich mit dem Revolver erschossen (mit demselben, den ich früher schon erwähnt habe), gegen Abend, als es schon dunkelte, was aus seinen Aufzeichnungen hervorging. Den letzten Satz hat er kurz vor dem Schuß geschrieben: er bemerkt, daß er fast in vollkommener Dunkelheit schreibe und das Geschriebene selbst kaum sehen könne; die Kerze aber wolle er nicht anzünden, weil sonst nachher leicht ein Brand entstehen könne. „Und sie jetzt noch anzünden, um sie vor dem Schuß wieder auszulöschen, ganz wie mein Leben, das will ich nicht“ – hatte er fast auf der letzten Zeile noch seltsam hinzugefügt. Diese Aufzeichnungen vor dem Tode waren von ihm einen Tag vorher angefangen worden, gleich nach seiner Rückkehr nach Petersburg und noch vor seinem Besuch bei Dergatschoff; nachdem ich von ihm fortgegangen war, hatte er in jeder Viertelstunde etwas geschrieben und die letzten drei oder vier Bemerkungen nach jeden fünf Minuten. Ich sprach meine Verwunderung darüber aus, daß Wassin von diesen Aufzeichnungen (man hatte sie ihm zu lesen gegeben) keine Abschrift gemacht hatte, was er doch um so mehr hätte tun können, als das Ganze, wie er mir sagte, nicht mehr als ein Bogen mit zumeist nur kurzen Bemerkungen gewesen war. „Wenn Sie doch wenigstens die letzte Seite abgeschrieben hätten!“ äußerte ich mit Bedauern. Wassin erwiderte darauf mit einem Lächeln, er habe es auch so behalten, und überdies wären die Bemerkungen ohne jedes System, wären einfach Bemerkungen über alles mögliche gewesen, was einem so in den Sinn kommt. Ich wollte ihm schon auseinandersetzen, daß gerade solche Gedanken in diesem Fall, also kurz vor dem Selbstmorde, wertvoll zu erfahren wären, unterließ es aber und bat ihn nur, mir wenigstens das zu sagen, was er vom Gelesenen behalten hatte, und er besann sich denn auch auf ein paar Aussprüche, wie zum Beispiel auf einen, den Krafft eine Stunde vor dem Schuß geschrieben hatte: daß „ihn fröstele“, daß er, „um sich zu erwärmen, einen Schluck Wein habe trinken wollen, aber der Gedanke, daß das einen größeren Bluterguß verursachen könnte, habe ihn davon abgehalten“. – „Und alles ungefähr von dieser Art,“ schloß Wassin seinen Bericht.

„Und das nennen Sie belanglos!“ rief ich aus.

„Wann hätte ich das so genannt? Ich habe nur keine Abschrift gemacht. Aber wenn es auch nicht belanglos ist, so ist dieses Tagebuch doch etwas ziemlich Alltägliches oder besser gesagt, etwas ganz Natürliches, nämlich so, wie es in diesem Fall anders nicht hätte sein können …“

„Aber es sind doch die letzten Gedanken, die letzten Gedanken!“

„Die letzten Gedanken sind bisweilen ungeheuer nichtssagend. In genau so einem Tagebuch beklagt sich ein ähnlicher Selbstmörder darüber, daß in einer so bedeutungsvollen Stunde ihm auch nicht ein einziger ‚höherer Gedanke‘ komme, sondern lauter kleinliche und leere Gedanken ihn heimsuchten.“

„Und das, daß ihn fröstele, auch das soll ein leerer Gedanke sein?“

„Das heißt, meinen Sie buchstäblich das Frösteln und den Bluterguß? Es ist doch eine bekannte Tatsache, daß sehr viele von denen, die fähig sind, an ihren bevorstehenden Tod zu denken, gleichviel, ob es ein freiwilliger ist oder nicht, sehr häufig um das schöne Aussehen ihrer Leiche besorgt sind. So wird wohl auch Krafft bei dem Gedanken an einen reichlichen Bluterguß ein gewisses Unbehagen empfunden haben.“

„Ich weiß nicht, ob das eine bekannte Tatsache ist, … und wie das überhaupt ist,“ stotterte ich, „aber ich wundere mich, daß Sie das so natürlich finden, und doch – wie lange ist es denn her, daß Krafft unter uns saß, mit uns sprach, sich ereiferte? Sollte er Ihnen denn wirklich nicht einmal leid tun?“

„Oh, selbstverständlich tut er mir leid, aber das ist doch etwas ganz anderes. Jedenfalls hat Krafft seinen Tod selbst als logische Folgerung hingestellt. Es erweist sich, daß alles, was gestern bei Dergatschoff über ihn gesagt wurde, sehr richtig war: er hat ein dickes Heft hinterlassen, und das ist voll von gelehrten Schlüssen darüber, daß die Russen – eine zweitrangige Menschenrasse seien, Schlüsse auf Grund der Phrenologie, der Kraniologie und sogar der Mathematik, und daß es sich folglich für einen Russen überhaupt nicht zu leben lohne. Vielleicht ist hierbei das am meisten Charakteristische, daß man daraus jeden beliebigen logischen Schluß ziehen kann; daß man sich aber infolge des Schlusses erschießt, das kommt natürlich nicht immer vor.“

„Wenigstens muß man seinem Charakter Anerkennung zollen.“

„Vielleicht, und dann nicht nur diesem,“ bemerkte Wassin ausweichend, so daß es mir nicht klar war, ob er damit eine Dummheit oder eine Schwäche der Vernunft meinte. Mich reizte das alles sehr.

„Sie haben gestern selbst von Gefühlen gesprochen, Wassin.“

„Ich verneine sie auch jetzt nicht; aber angesichts der vollbrachten Tat erscheint in ihr etwas so grob fehlerhaft, daß ein strenger Blick auf die Sache unwillkürlich selbst das Mitleid irgendwie verdrängt.“

„Wissen Sie was: ich habe es schon vorhin aus Ihren Augen erraten, daß Sie Krafft tadeln würden, und um diesen Tadel nicht zu hören, nahm ich mir vor, Sie nicht nach Ihrer Meinung zu fragen. Aber Sie haben sie von selbst ausgesprochen, und jetzt bin ich gegen meinen Willen gezwungen, Ihnen recht zu geben; aber dabei bin ich doch unzufrieden mit Ihnen! Es tut mir leid um Krafft.“

„Wir sind etwas weit abgekommen …“

„Ja, allerdings,“ unterbrach ich ihn, „aber es bleibt uns doch wenigstens der eine Trost, den in solchen Fällen die am Leben gebliebenen Richter immer ruhig so für sich sagen können: ‚Da hat sich nun ein Mensch erschossen, der gewiß Mitleid und Nachsicht verdient, aber schließlich sind wir doch am Leben geblieben, und folglich ist zu großer Trauer eigentlich kein Grund vorhanden.‘“

„Ja, versteht sich, wenn man von diesem Standpunkt aus … Ach so, Sie haben das, glaube ich, nur aus Ironie gesagt! Aber es ist sehr richtig. Ich trinke um diese Zeit immer meinen Tee und werde ihn gleich bestellen, – Sie werden mir doch wohl Gesellschaft leisten.“

Er ging hinaus, und im Vorübergehen maß er mit den Augen meinen Koffer und mein Bündel.

Ich hatte allerdings etwas recht Boshaftes sagen wollen, um Krafft zu rächen, und ich hatte es gesagt so gut ich es verstand; merkwürdig war aber, daß er meinen Ausspruch, daß solche Menschen wie wir doch am Leben geblieben sind, im ersten Augenblick für Ernst genommen hatte. Aber wie dem auch sein mochte, immerhin hatte er in allem mehr recht als ich, sogar was die Gefühle betraf. Ich gestand mir das ohne jedes Mißvergnügen ein, fühlte aber sehr deutlich, daß ich ihn nicht liebte.

Als man den Tee gebracht hatte, sagte ich ihm, daß ich ihn für diese eine Nacht um seine Gastfreundschaft bäte, aber wenn es nicht ginge, daß ich hier übernachtete, so sollte er es mir unumwunden sagen, dann würde ich eben in eine Herberge gehen. Darauf setzte ich ihm in aller Kürze meine Gründe auseinander und sagte ihm geradezu und einfach, daß ich mich mit Werssiloff endgültig überworfen hätte; die Einzelheiten überging ich. Wassin hörte mich aufmerksam an, jedoch ohne sich im geringsten zu wundern oder aufzuregen. Überhaupt antwortete er nur auf meine Fragen, aber er tat es bereitwillig und ließ es auch an Ausführlichkeit nicht fehlen. Von dem Brief aber, mit dem ich am Vormittag zu ihm gekommen war, um ihn um Rat zu fragen, schwieg ich ganz und sagte nur, ich hätte ihm einen Besuch machen wollen. Da ich Werssiloff mein Wort gegeben hatte, daß jetzt außer mir niemand von diesem Brief etwas wüßte, glaubte ich nicht mehr das Recht zu haben, von diesem Brief jemandem, wem es auch sei, etwas zu sagen. Und aus irgendeinem Grunde widerstand es mir auf einmal sehr, Wassin von manchem Mitteilung zu machen. Von manchen Dingen, aber nicht von allen; so erzählte ich ihm von den Szenen auf dem Korridor und im Nebenzimmer bei seinen Nachbarinnen, und wie sich dann noch die letzte Szene in der Wohnung Werssiloffs abgespielt hatte, und es gelang mir, ihn zu interessieren: er hörte sehr aufmerksam zu, besonders als ich von Stebelkoff erzählte. Wie Stebelkoff mich über Dergatschoff hatte ausfragen wollen, mußte ich ihm zweimal erzählen, und er wurde sogar ganz nachdenklich; zum Schluß lachte er übrigens einmal kurz auf. In diesem Augenblick schien es mir plötzlich, daß Wassin durch nichts und niemand jemals in eine für ihn schwierige Situation gebracht werden könnte; und ich weiß noch, der erste Gedanke daran kam mir in einer für Wassin äußerst schmeichelhaften Form.

„Überhaupt konnte ich vieles von dem, was Herr Stebelkoff mir sagte, nicht ganz verstehen,“ schloß ich meinen Bericht, „er hat eine etwas irreführende Ausdrucksweise … und es ist irgend so was Leichtsinniges in ihm …“

Wassin machte sogleich ein ernstes Gesicht.

„Ihm fehlt allerdings die Gabe des Wortes, aber er hat schon über manches auf den ersten Blick sehr richtige Bemerkungen gemacht, und überhaupt sind Leute, wie er, mehr Männer der Tat, mehr Geschäftsleute, als Männer des abstrakten Denkens; unter diesem Gesichtswinkel muß man sie denn auch betrachten und beurteilen …“

Das sagte er genau so, wie ich es mir von ihm gedacht hatte.

„Er hat übrigens bei Ihren Nachbarinnen arg geschürt, Gott weiß, womit es noch hätte enden können.“

Von diesen Nachbarinnen wußte Wassin mir nur zu berichten, daß sie erst seit etwa drei Wochen in diesem Zimmer wohnten und irgendwoher aus der Provinz gekommen waren; ihr Zimmer sei das kleinste und wie aus allem zu ersehen wäre, müßten sie sehr arm sein; jetzt säßen sie hier und warteten auf irgend etwas. Er wußte nicht, daß die Junge in den Zeitungen Beschäftigung als Lehrerin gesucht hatte, hatte aber von Werssiloffs Besuch bei ihnen schon gehört; Werssiloff war während seiner Abwesenheit dagewesen, aber die Wirtin hatte ihm davon erzählt. Die Nachbarinnen lebten, wie er sagte, geradezu ängstlich zurückgezogen und schienen sogar vor der Wirtin Angst zu haben. In den letzten Tagen war auch ihm schließlich aufgefallen, daß bei ihnen vielleicht nicht alles stimmte, aber zu solchen Szenen, wie ich sie an diesem Tage miterlebt hatte, war es in seiner Anwesenheit noch nie gekommen. Dieses Gespräch über die Nachbarinnen erwähne ich wegen des Folgenden. Im Nebenzimmer herrschte währenddessen Totenstille. Mit besonderem Interesse vernahm Wassin, daß Stebelkoff es für unbedingt notwendig gehalten hatte, mit der Wirtin wegen der Nachbarinnen zu sprechen, und daß er zweimal gesagt hatte: „Sie werden es schon sehen, denken Sie an meine Worte!“

„Und Sie werden auch wirklich sehen, daß ihm das nicht grundlos in den Kopf gekommen ist,“ sagte Wassin. „In solchen Sachen hat er einen erstaunlich scharfen Blick.“

„Ja, wie, muß man denn Ihrer Meinung nach der Wirtin raten, die Frauen aus dem Hause zu jagen?“

„Nein, ich meinte das nicht in dem Sinne, sondern man müsse achtgeben, daß bei ihnen nicht irgendeine Geschichte passiert … Übrigens, alle solche Geschichten pflegen, ob nun so oder so, doch immer auf eine Weise zu enden … Sprechen wir nicht davon.“

Was Werssiloffs Besuch bei den Nachbarinnen betraf, weigerte er sich mit aller Entschiedenheit, irgendein Urteil darüber auszusprechen.

„Alles ist möglich; der Mensch hat plötzlich Geld in der Tasche gefühlt … Übrigens, es ist aber auch wahrscheinlich, daß er einfach Arme beschenkt hat; das – würde seiner Tradition entsprechen und dem, was man sich von ihm erzählt, und vielleicht auch seinen Neigungen.“

Ich erzählte, was Stebelkoff von einem „Säugling“ geschwätzt hatte.

„In diesem Fall irrt sich Stebelkoff ganz und gar,“ sagte Wassin, als ich zu Ende erzählt hatte, mit besonderem Ernst und Nachdruck (und das merkte ich mir). „Stebelkoff,“ fuhr er fort, „verläßt sich zuweilen gar zu sehr auf seine praktische gesunde Vernunft und macht deshalb seine Folgerung entsprechend seiner Logik, die oft allerdings recht scharfsinnig ist; indessen kann die Wirklichkeit ein viel phantastischeres und ungewöhnlicheres Kolorit haben, je nachdem von welcher Art die handelnden Personen sind. So ist es auch in diesem Fall: er kennt die Sache nur zum Teil und hat nun logisch den Schluß gezogen, daß es Werssiloffs Kind sei; und doch ist es nicht Werssiloffs Kind.“

Ich drang mit Bitten in ihn und erfuhr zu meiner großen Verwunderung: das Kind stammte vom Fürsten Ssergei Ssokolski. Lydia Achmakoff hatte manchmal, ob nun infolge ihrer Krankheit oder einfach aus phantastischer Charakteranlage, wie eine Wahnsinnige gehandelt. So hatte sie sich noch vor ihrer Schwärmerei für Werssiloff in den Fürsten verliebt, und der Fürst hatte „kein Bedenken getragen, ihre Liebe anzunehmen“, wie Wassin sich ausdrückte. Das Verhältnis dauerte nur allerkürzeste Zeit: es war zwischen ihnen sehr bald zum Zerwürfnis gekommen, und Lydia hatte den Fürsten von sich gestoßen, „worüber dieser, glaube ich, sehr froh war,“ sagte Wassin.

„Sie war ein sehr eigenartiges Mädchen,“ fuhr er fort, „und mitunter vielleicht nicht ganz zurechnungsfähig. Jedenfalls hatte der Fürst, als er nach Paris abreiste, keine Ahnung davon, in welchem Zustande er sein Opfer zurückließ, ja, er hat das sogar bis zum Schluß, bis zu seiner Rückkehr, nicht gewußt.“ – Werssiloff, der inzwischen der Freund der jungen Dame geworden war, hatte ihr nun die Heirat mit ihm angeboten, eben wegen des erwähnten Umstandes (von dem, wie es scheint, auch ihre Eltern fast bis zuletzt nichts geahnt haben). Das in ihn verliebte junge Mädchen war bezaubert durch ihn und sah in dem Antrag Werssiloffs, nach Wassins Äußerung, „nicht nur die Selbstaufopferung seinerseits“, die sie übrigens auch zu schätzen wußte. „Übrigens, natürlich, er wird schon verstanden haben, die Sache richtig zu machen,“ meinte Wassin. Das Kind (ein Mädchen) war einen Monat oder sechs Wochen zu früh zur Welt gekommen und irgendwo in Deutschland zum Aufziehen untergebracht worden; später aber hatte Werssiloff das Kind nach Rußland bringen lassen, und jetzt war es vielleicht sogar in Petersburg.

„Und die Phosphorstreichhölzer?“ fragte ich.

„Davon weiß ich nichts,“ schloß Wassin. „Lydia Achmakoff starb zwei Wochen nach der Geburt des Kindes: was da geschehen ist, weiß ich nicht. Der Fürst, der damals gerade aus Paris zurückgekehrt war, erfuhr nur, daß sie ein Kind zur Welt gebracht hatte, und da hat er, wie es scheint, zuerst nicht glauben wollen, daß es von ihm wäre … Überhaupt wird diese Geschichte von allen Seiten so geheim gehalten, sogar jetzt noch.“

„Aber was ist das für ein Mensch, dieser Fürst!“ rief ich empört. „Was ist das für ein Verhalten zu einem kranken Mädchen!“

„Sie war damals noch nicht so krank … Außerdem hat sie ihn ja selbst von sich gestoßen … Allerdings hat er seinen Abschied vielleicht etwas zu bereitwillig angenommen.“

„Sie verteidigen noch einen solchen Schurken?“

„Nein, ich nenne ihn nur nicht einen Schurken. Hierbei ist noch vieles andere mit im Spiel, außer wirklicher Schurkerei. Überhaupt war das ein ziemlich alltäglicher Fall.“

„Sagen Sie, Wassin, Sie waren mit ihm doch gut bekannt? Ich würde mich gern auf Ihr Urteil verlassen, gerade jetzt und wegen eines Umstandes, der mich nicht wenig angeht.“

Aber hierauf antwortete mir Wassin merklich zurückhaltend. Den Fürsten kannte er, aber unter welchen Umständen er seine Bekanntschaft gemacht hatte – verschwieg er, und offenbar mit Absicht. Er meinte nur, der Fürst verdiene wegen seines Charakters eine gewisse Nachsicht. „Er hat viele gute Eigenschaften, und es ist in ihm ehrliches Wollen … und er ist auch sehr eindrucksfähig, aber er hat weder genügend gesunde Vernunft, noch wirkliche Willenskraft, um seine Wünsche zu beherrschen. Eigentlich ist er ganz ungebildet; eine Menge von Ideen und Erscheinungen sind für ihn nicht faßbar, indessen sind es gerade diese, die ihn faszinieren. Und dann behauptet er, was er für seine Überzeugung hält, und wird Ihnen aufdringlich beweisen wollen, daß er recht habe, zum Beispiel so: ‚Ich bin ein Fürst und stamme von Rjurik ab; aber warum soll ich nicht Schustergeselle werden, wenn ich mir mein Brot verdienen muß und zu keinem anderen Erwerb fähig bin? Auf meinem Schild wird stehen: „Schuster Fürst Soundso“ – und es wird sogar vornehm sein.‘ Und er wird es nicht nur sagen, er geht hin und tut es auch wirklich, – das ist die Hauptsache,“ fügte Wassin hinzu. „Indessen handelt es sich hierbei nicht um Überzeugungskraft, sondern einzig um leichtsinnigste Eindrucksfähigkeit. Dafür stellt sich dann später unfehlbar die Reue ein, und dann verfällt er immer in irgendein entgegengesetztes Extrem; und darin besteht sein ganzes Leben. In unserer Zeit sind viele auf diese Art in Ungelegenheiten geraten,“ bemerkte Wassin, „eben dadurch, daß sie in unserer Zeit geboren sind.“

Ich wurde unwillkürlich nachdenklich.

„Ist es wahr, daß er von seinem Regiment gezwungen worden ist, den Dienst zu quittieren?“ erkundigte ich mich.

„Ich weiß nicht, inwieweit er dazu gezwungen worden ist, aber er hat das Regiment allerdings wegen Unannehmlichkeiten verlassen. Ist es Ihnen bekannt, daß er im vorigen Herbst, als er schon den Abschied erhalten hatte, zwei oder drei Monate in Luga verbracht hat?“

„Ich … ich weiß, daß Sie damals in Luga waren.“

„Ja, eine Zeitlang auch ich. Der Fürst war auch mit Lisaweta Makarowna bekannt.“

„Ja? Das wußte ich nicht. Ich muß gestehen, ich habe mit meiner Schwester noch so wenig gesprochen … Aber wie, – ist er denn im Hause meiner Mutter empfangen worden?“ fragte ich bestürzt.

„O nein; er war ja nur entfernt bekannt, durch ein drittes Haus.“

„Ja, richtig, was war es doch, was meine Schwester mir von diesem Kinde sagte? War denn auch dieses Kind in Luga?“

„Eine Zeitlang.“

„Und wo ist es jetzt?“

„Unbedingt in Petersburg.“

„Nein, nie im Leben werde ich glauben,“ rief ich maßlos aufgebracht, „daß meine Mutter an dieser Geschichte mit der Lydia auch nur im geringsten beteiligt gewesen ist!“

„Die Rolle Werssiloffs in dieser ganzen Geschichte hat, wenn man von allen diesen Intrigen absieht, die zu erklären ich nicht versuchen will, eigentlich nichts besonders Tadelnswertes,“ bemerkte Wassin mit einem nachsichtigen Lächeln. Ich glaube, es wurde ihm schwer, mit mir zu sprechen, aber er ließ es sich nicht merken.

„Nie, nie werde ich es glauben, daß eine Frau ihren Mann einer anderen Frau abtreten könnte!“ rief ich wieder erregt, „niemals werde ich das glauben! … Ich schwöre Ihnen, meine Mutter kann in dieser Geschichte nie und nimmer eine Rolle gespielt haben!“

„Allein, es scheint doch, daß sie nicht widersprochen hat?“

„Ich hätte an ihrer Stelle schon aus Stolz nicht widersprochen!“

„Ich, meinerseits, muß es vollständig ablehnen, über eine solche Sache zu urteilen,“ äußerte sich Wassin dazu.

Es war wirklich möglich, daß Wassin, trotz all seinem unstreitigen Verstande, von den Frauen vielleicht überhaupt nichts verstand, so daß ein ganzer Kreis von Ideen und Erscheinungen für ihn fremd blieb. Ich verstummte. Wassin war zeitweilig in einer Aktiengesellschaft angestellt, und ich wußte, daß er gewöhnlich noch Arbeit nach Hause mitnahm. Auf meine beharrlichen Fragen gestand er endlich, daß er auch jetzt eine Arbeit hatte – irgendwelche Rechnungen zu prüfen –, und ich bat ihn dringend, sich durch mich nicht davon abhalten zu lassen. Das war ihm, glaube ich, sehr angenehm; aber noch bevor er sich an die Arbeit setzte, machte er für mich auf dem Diwan ein Nachtlager zurecht. Zuerst wollte er mir sein Bett abtreten, doch als ich darauf nicht einging, war er, glaube ich, auch damit sehr zufrieden. Von der Wirtin verschaffte er sich ein Kissen und eine Decke. Wassin war ungemein artig und freundlich, aber es war mir doch gewissermaßen peinlich, zu sehen, wie er sich so um meinetwillen bemühte. Es war mir viel angenehmer zumute gewesen, als ich einmal, etwa drei Wochen vorher, bei Jefim auf der Petersburger Seite zufällig übernachtet hatte. Auch er hatte ein Lager für mich bereitet, gleichfalls auf einem Diwan in seinem Zimmer, – und zwar heimlich, damit die Tante nichts davon hörte, denn er fürchtete, sie könnte böse werden, wenn sie erführe, daß seine Freunde bei ihm übernachteten. Wir hatten während des Herrichtens nicht wenig gelacht: das Bettlaken wurde durch ein Hemd ersetzt, und das fehlende Kissen durch einen zusammengelegten Mantel. Ich weiß noch, als das Werk beendet war, schlug Jefim mit liebevollem Stolz auf die Sprungfedern der Polsterung, schnippte vor Vergnügen mit den Fingern und sagte:

„Vous dormirez comme un petit roi!“[32]

Und seine dumme Lustigkeit und dazu diese französische Phrase, die zu ihm paßte wie ein Sattel auf eine Kuh, waren so komisch gewesen, daß ich mich damals bei diesem närrischen Kauz mit Vergnügen und ganz vorzüglich ausgeschlafen hatte. Bei Wassin dagegen war ich erst froh, als er endlich, mit dem Rücken zu mir, an seiner Arbeit saß. Ich streckte mich auf dem Diwan aus und dachte, während ich auf seinen Rücken sah, lange und über vieles nach.

III.
Und ich hatte wahrlich auch Stoff zum Nachdenken. In mir war Unklarheit und Unruhe und doch keine greifbare, zwingende Veranlassung dazu; einzelne Empfindungen traten sehr deutlich hervor, aber keine einzige von ihnen riß mich ganz mit sich fort, da ihrer so viele waren. Alles tauchte nur flüchtig auf, ohne Zusammenhang und Reihenfolge, und ich hatte auch selbst gar keine Lust, bei irgend etwas zu verweilen oder Ordnung in die Reihenfolge zu bringen. Sogar der Gedanke an Krafft trat unmerklich zurück und – immer mehr in den Hintergrund. Am meisten beschäftigte und erregte mich meine eigene Lage: daß ich nun schon mit ihnen „gebrochen“ hatte, daß mein Koffer bei mir war, und ich nicht mehr zu Hause schlief, und jetzt bereits das Neue begonnen hatte, ganz als hätte ich mit allen meinen Absichten und Vorbereitungen bisher nur im Scherz gespielt, und als hätte erst jetzt, und vor allem ganz plötzlich und unerwartet, die „Umsetzung in die Tat, in die ernste Wirklichkeit“ begonnen. Aber diese Vorstellung gab mir Mut, und so unklar und unruhig ich mich innerlich aus vielen Gründen auch fühlte, sie machte mich sogar heiter. Aber … aber es waren da auch noch andere Empfindungen; und eine von diesen wollte sich aus allen anderen ganz besonders hervordrängen und sich meiner Seele bemächtigen. Und sonderbar, auch diese Empfindung ermunterte mich: sie rief mich gleichsam zu etwas ungemein Lustigem. Und doch hatte sie mit einer Angst angefangen: ich fürchtete, und schon lange, schon seit dem Augenblick des Geschehens, daß ich in der Hitze und Überrumpelung der Achmakoff zuviel von dem Dokument gesagt hatte. „Ja, ich habe zuviel gesagt,“ dachte ich, „und nun werden sie womöglich etwas erraten … fatal! Natürlich werden sie mir keine Ruhe mehr lassen, wenn sie Verdacht geschöpft haben, aber … meinetwegen! Übrigens, sie werden mich nicht einmal finden – ich verstecke mich, ganz einfach! Was aber dann, wenn sie wirklich anfangen mich zu verfolgen …“ Und ich begann mich bis in alle Einzelheiten und mit wachsendem Vergnügen zu erinnern, wie ich vor Katerina Nikolajewna gestanden hatte, und wie ihre furchtlosen, nur maßlos verwunderten Augen mich unverwandt angesehen hatten. Und auch als ich hinausgegangen war, hatte ich sie in derselben Verwunderung zurückgelassen, erinnerte ich mich. „Ihre Augen sind aber doch nicht ganz dunkel … nur die Wimpern sind ganz schwarz, deshalb erscheinen auch die Augen so dunkel …“

Und auf einmal, ich weiß noch, wurde mir die Erinnerung unendlich widerlich … und ärgerlich und ekelhaft wurden mir sowohl die beiden Frauen wie ich mir selbst. Ich warf mir da irgend etwas vor und bemühte mich, an anderes zu denken. „Warum ist in mir nicht die geringste Empörung über Werssiloff wegen der Geschichte mit der Nachbarin?“ ging es mir plötzlich durch den Sinn. Ich war natürlich fest überzeugt, daß er ein Liebeserlebnis gesucht und sie nur deshalb aufgesucht hatte, aber das empörte mich eigentlich gar nicht. Es schien mir sogar, daß man ihn sich überhaupt nicht anders denken könne, und wenn es mich auch freute, daß er bloßgestellt worden war, so verurteilte ich ihn doch nicht. Das war nicht wichtig für mich; wichtig war aber für mich, daß er mich so böse angesehen hatte, als ich mit dieser Nachbarin eingetreten war, daß er mich so angesehen hatte wie noch nie zuvor. „Also endlich hat auch er mich ernst genommen!“ dachte ich mit stockendem Herzschlag. Oh, wenn ich ihn nicht so geliebt hätte, sein Haß hätte mich nicht so gefreut!

Endlich kam der Schlaf über mich, und ich schlief fest ein. Ich sah nur noch wie im Traum, halb schon schlafend, wie Wassin nach Beendigung seiner Arbeit alles ordentlich forträumte und, nach einem prüfenden Blick auf meinen Diwan, sich auszukleiden begann und das Licht löschte. Es war nach Mitternacht.

IV.
Fast genau zwei Stunden später fuhr ich wirr aus dem Schlaf auf und kam, auf meinem Sofa sitzend, erschrocken zu mir. Hinter der Tür, im Zimmer der Nachbarinnen, ertönten schreckliche Schreie, dazwischen verzweifeltes Weinen und Heulen. Unsere Zimmertür stand offen, und auf dem Korridor, der schon erhellt war, schrien und liefen Leute. Ich wollte schon Wassin anrufen, erriet aber, daß er nicht mehr im Bett war. Ich wußte nicht, wo die Streichholzschachtel lag, so tastete ich nach meinen Sachen und begann mich in der Dunkelheit schnell anzukleiden. Im Nebenzimmer waren die Wirtin und wohl auch die anderen Zimmermieter schon zusammengelaufen. Übrigens war es nur eine Stimme, die so schrie und weinte, eben die der älteren Nachbarin, während die junge Stimme, die ich am Tage gehört und nur zu gut behalten hatte, – gänzlich schwieg; ich erinnere mich noch, daß mir dies gleich als merkwürdig auffiel. Ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mich ganz anzuziehen, als Wassin eilig eintrat; im Nu fand er mit gewohnter Hand die Streichhölzer und machte Licht im Zimmer. Er hatte über seiner Wäsche nur seinen Schlafrock an, die Füße staken in Pantoffeln, und er machte sich sogleich ans Ankleiden.

„Was ist geschehen?“ fragte ich ihn bestürzt.

„Eine höchst unangenehme und widerwärtige Sache!“ versetzte er fast wütend. „Diese junge Nachbarin, von der Sie mir erzählten, hat sich in ihrem Zimmer erhängt.“

Ich schrie auf. Ich vermag gar nicht wiederzugeben, was ich empfand! Wir eilten auf den Korridor hinaus. Ich muß gestehen, ich wagte nicht, in ihr Zimmer einzutreten, und so sah ich die Unglückliche erst später, als man sie schon aus der Schlinge genommen hatte, und auch dann, aufrichtig gesagt, nur aus einiger Entfernung, wie sie da lag, mit einem Laken zugedeckt, unter dem nur die zwei schmalen Sohlen ihrer Schuhe hervorsahen. So habe ich ihr denn aus irgendeinem Grunde überhaupt nicht ins Gesicht gesehen. Ihre Mutter war in einer furchtbaren Verfassung; die Wirtin, die übrigens gar nicht so sehr erschrocken zu sein schien, war bei ihr. Desgleichen waren alle übrigen Mieter zugegen und drängten sich da herum. Es waren nicht viele: ein älterer Seemann, der immer sehr brummig war und zu befehlen liebte, sich jetzt aber ganz still verhielt, und ein altes Ehepaar aus dem Tulaschen, ganz ehrenwerte Leute aus dem Beamtenstande. Ich will den Verlauf dieser Nacht, alle diese Laufereien und später auch die offiziellen Besuche, nicht weiter beschreiben; bis zum Morgengrauen zitterte ich buchstäblich die ganze Zeit und hielt es für meine Pflicht, mich nicht hinzulegen, obgleich ich nichts zu tun hatte und auch nichts tat. Eigentlich sahen alle sehr munter aus, ja sogar irgendwie besonders aufgeweckt. Wassin fuhr irgendwohin. Die Wirtin zeigte sich als ganz achtbare Frau, jedenfalls war sie besser, als ich erwartet hatte. Ich erklärte ihr (und das rechne ich mir zur Ehre an), daß man die Mutter jetzt nicht bei der Leiche der Tochter so allein lassen könne, und daß sie die Arme wenigstens bis zum nächsten Tage in ihrem Zimmer bei sich aufnehmen müsse. Sie war dazu gleich bereit, und wie sehr sich die Mutter auch wehrte und sich schluchzend weigerte, die Leiche zu verlassen, zu guter Letzt gelang es doch, sie zur Wirtin hinüberzuführen, die sogleich ihr Teemaschinchen aufstellen ließ. Hierauf zogen sich auch die übrigen in ihre Zimmer zurück und schlossen die Türen, ich aber wollte mich um keinen Preis hinlegen und saß noch lange bei der Wirtin, die sogar froh war über die Gegenwart eines dritten Menschen, der außerdem noch manches auf den Vorfall Bezügliche mitteilen konnte. Der Tee kam uns sehr zustatten, und überhaupt ist die Teemaschine eine der allernotwendigsten Sachen im russischen Leben, besonders bei Katastrophen und Unglücksfällen, namentlich, wenn es plötzliche, schreckliche und ganz außergewöhnliche sind. Selbst diese verzweifelte Mutter trank schließlich zwei Täßchen, natürlich erst nach langem Zureden unsererseits und Versuchen, sie womöglich dazu zu zwingen. Und doch muß ich aufrichtig sagen, daß ich noch nie einen so grausamen und unmittelbaren Schmerz gesehen habe wie damals bei dieser Unglücklichen. Nach den ersten Ausbrüchen der Verzweiflung und Hysterie, begann sie zu sprechen; sie hatte offenbar das Bedürfnis, zu sprechen, und ich hörte ihr gierig zu. Es gibt Unglückliche, besonders unter den Frauen, die man in solchen Fällen unbedingt so viel als möglich sprechen lassen muß. Gibt es doch tatsächlich Menschen, die vom Kummer schon so zermürbt sind, die ihr ganzes Leben lang gelitten, die schon so viel und Ungeheuerliches erduldet haben, und beständig um kleinlicher Dinge willen, daß sie durch nichts mehr erschüttert werden können, auch nicht durch plötzliche Katastrophen, und die sogar am Sarge des geliebtesten Wesens keine einzige der so hart erworbenen Regeln ihres dienstfertigen Umgangs mit Menschen vergessen. Und ich verurteile sie nicht: hier ist es nicht niedrige Selbstsucht, nicht Gefühlsroheit; in diesen Herzen findet sich vielleicht mehr Gold als in denen der anscheinend edelsten Heldinnen, aber die Gewohnheit der langen Erniedrigung, der Selbsterhaltungstrieb, die langjährige Einschüchterung und Niedergedrücktheit erweisen sich schließlich als stärker. Darin hatte die arme Selbstmörderin ihrer Mutter nicht geglichen. Übrigens war in ihren Gesichtszügen, wenn ich mich nicht irre, doch eine Ähnlichkeit vorhanden, obgleich die Verstorbene entschieden gut aussah. Die Mutter war noch keine sehr alte Frau, erst gegen fünfzig, und ebenso blond wie die Tochter, aber ihre Augen und Wangen waren eingefallen und ihre Zähne ungleichmäßig, groß und gelb. Ja, eigentlich war alles an ihr gelblich; die Haut ihres Gesichts und ihrer Hände erinnerte an Pergament; ihr dunkles billiges Kleid hatte vor Alter auch schon einen braungelben Farbton, und den Nagel ihres Zeigefingers der rechten Hand hatte sie, ich weiß nicht weshalb, sorgfältig und sauber mit gelbem Wachs beklebt.

Die Erzählung der armen Frau war zum Teil zusammenhanglos. Ich werde sie wiedergeben, wie ich sie selbst verstanden und soweit ich ihre Worte behalten habe.

V.
Aus Moskau waren sie gekommen. Sie war schon lange Witwe, „aber doch Hofrätin“, wie sie sagte; ihr Mann hatte sein Beamtengehalt gehabt und fast nichts hinterlassen, „außer einer Pension von zweihundert Rubeln. Aber was sind zweihundert Rubel?“ Immerhin hatte sie ihre Tochter erziehen und das Gymnasium beenden lassen können … „Und wie sie gelernt hat, wie gut sie gelernt hat! – sogar die Silberne Medaille hat sie nach dem Schlußexamen bekommen …“ (Hier begann sie natürlich wieder zu weinen.) Ihr verstorbener Mann hatte früher einmal an einen hiesigen, Petersburger, Kaufmann ein Kapital von viertausend Rubeln verloren. Da erfuhren sie, daß dieser Kaufmann inzwischen reich geworden war, – „und ich habe Dokumente, ich begann mich zu erkundigen, und da sagte man mir, ich solle einen Prozeß anstrengen, ich würde bestimmt alles wieder bekommen … Und so fragte ich denn bei ihm an, und der Kaufmann schien darauf einzugehen; aber man riet uns doch, selbst herzureisen. Und so machten wir uns denn auf die Reise. Vor einem Monat trafen wir hier ein. Aber was haben wir denn für Mittel? So nahmen wir dieses Zimmerchen, weil es das kleinste von allen ist und in einem anständigen Hause, das sahen wir doch gleich, und darum war es uns am meisten zu tun. Wir sind doch unerfahrene Frauen, ein jeder kann uns beleidigen. Nun, Ihnen bezahlten wir für einen Monat voraus, hier etwas Geld und dort etwas Geld, für dies und für das, Petersburg ist doch so teuer, unser Kaufmann aber denkt nicht daran, uns etwas auszuzahlen: ‚Kenne Sie nicht und weiß von nichts,‘ sagt er. Mein Dokument ist aber nicht ganz so, wie es sein müßte, das sehe ich ja auch selbst ein. Und da riet man mir denn: Gehen Sie doch zu unserem berühmten Rechtsanwalt; der ist sogar Professor gewesen, ist nicht so ein gewöhnlicher Advokat, sondern sozusagen ein bedeutender Jurist, damit er mir dann schon wirklich sagt, was ich nun tun soll. So nahm ich denn meine letzten fünfzehn Rubel und trug sie zu ihm hin; er ließ mich denn auch zu sich hereinbitten, hörte mich aber nicht einmal drei Minuten lang an: ‚Ich sehe schon,‘ sagt er, ‚ich weiß schon,‘ sagt er, ‚wenn der Kaufmann will,‘ sagt er, ‚dann wird er es zurückgeben, wenn er aber nicht will, dann nicht,‘ sagt er, ‚und wenn Sie einen Prozeß anstrengen, können Sie noch die Kosten tragen. Am besten ist, Sie legen es gütlich bei.‘ Und er scherzte noch mit einem Bibelspruch: ‚Seien Sie willfärtig mit Ihrem Widersacher, dieweil Sie noch auf dem Wege sind,‘ sagt er, ‚denn sonst kommt man nicht von dannen heraus, bis daß man den letzten Heller bezahlt hat,‘ – und damit geleitet er mich hinaus und lacht noch. Da waren sie nun, meine fünfzehn Rubel! Ich komme zurück zu meiner Olä, wir sitzen uns gegenüber, da begann ich denn zu weinen. Sie weint nicht; sitzt so stolz, ist unwillig. Und immer ist sie so gewesen, von Kindheit an, schon als ganz kleines Mädchen, niemals hat sie geklagt, niemals geweint, sie sitzt nur und sieht so streng aus, daß mir ganz bange wird, sie anzusehen. Und werden Sie es mir glauben: ich habe doch Angst vor ihr gehabt, wirklich, hab’ schon lange Angst vor ihr gehabt, und schon oft habe ich weinen wollen, hab’ es aber nicht gewagt, wenn sie dabei war. So ging ich denn zum letztenmal zum Kaufmann, weinte mich bei ihm aus: ‚Schon gut,‘ sagt er, hört mich nicht einmal an. Und dabei waren wir, das muß ich Ihnen nun schon gestehen, wir waren, da wir doch nicht darauf gerechnet hatten, solange hierbleiben zu müssen, so waren wir denn schon lange ohne Geld. Da mußte ich denn nach und nach von unseren Kleidern dies und jenes forttragen: was wir versetzten, davon lebten wir denn. Alle unsere Sachen hatten wir schon versetzt, bis sie schließlich ihre letzte Wäsche zusammensuchte und mir abgab; nun hielt ich es nicht mehr aus und fing bitterlich zu weinen an. Da stampfte sie mit dem Fuß auf, sprang auf und lief selbst zum Kaufmann. Er ist Witwer; er sprach mit ihr: ‚Kommen Sie übermorgen,‘ sagt er, ‚um fünf; vielleicht sage ich Ihnen dann etwas.‘ Sie kam ganz froh zurück: ‚Übermorgen wird er mir Bescheid geben,‘ sagt sie. Nun, auch ich war froh, aber ins Herz kroch mir dabei doch so was Kaltes: was wird das nun sein? denk’ ich so bei mir, aber sie zu fragen wag’ ich doch nicht. Übermorgen, hatte er gesagt, sollte sie zu ihm kommen, aber wie sie dann von ihm zurückkehrte, war sie ganz bleich und zitterte am ganzen Körper und warf sich aufs Bett – da erriet ich alles und wagte nichts mehr zu fragen. Was glauben Sie wohl, er hatte ihr fünfzehn Rubel angeboten, dieser Räuber, und gesagt: ‚Und wenn ich volle Unschuld finde, geb’ ich vierzig Rubel und noch was drüber.‘ Und hatte ihr das so ins Gesicht gesagt, hatte sich nicht geschämt, das so zu sagen! Da war sie auf ihn losgestürzt, erzählte sie mir, aber er hatte sie zurückgestoßen und sich im Nebenzimmer sogar vor ihr eingeschlossen. Und dabei hatten wir, ich schwöre es Ihnen, nichts mehr zu essen. So brachten wir unsere letzte warme Jacke hin, sie war mit Hasenfell gefüttert, und verkauften sie, und dann ging sie und machte in der Zeitung bekannt, daß sie in allen Fächern unterrichtet, auch in der Arithmetik. ‚Wenigstens dreißig Kopeken wird man mir doch zahlen,‘ sagte sie zu mir. Aber zu guter Letzt, Mütterchen, hat sie mich wirklich in Schrecken versetzt: kein Wort hat sie mit mir gesprochen, stundenlang sitzt sie am Fenster und starrt auf das Dach des Hauses gegenüber, bis sie plötzlich auffährt: ‚Meinetwegen Wäsche waschen, meinetwegen Erde graben!‘ oder so was ruft sie aus und stampft mit dem Fuß. Und mit keiner Menschenseele sind wir hier bekannt, kennen keinen, an den wir uns wenden, den wir um Rat fragen könnten. Was wird nun aus uns werden? denk’ ich. Aber mit ihr darüber zu reden, wag’ ich schon gar nicht. Einmal schlief sie ein bißchen am Tage, und wie sie erwachte, die Augen aufschlug, sah sie mich an: ich saß auf dem Koffer und sah sie gleichfalls an: da stand sie schweigend auf, kam zu mir, schlang fest, so fest, ihre Arme um mich, und da erst konnten wir uns beide nicht mehr beherrschen und brachen in Tränen aus, und so saßen wir denn und weinten und ließen uns nicht aus den Armen. Zum erstenmal in ihrem Leben war sie so. Und während wir noch so beieinander sitzen, kommt Ihre Nastassja herein und sagt: ‚Da ist eine Dame, die sich nach Ihnen erkundigt und Sie sprechen will.‘ Das war erst vor vier Tagen. Die Dame kommt herein: wir sehen, sie ist so schön angezogen, spricht zwar Russisch, hat aber so eine deutsche Aussprache: ‚Sie haben in der Zeitung bekanntgemacht, daß Sie Stunden geben,‘ sagt sie. Da waren wir so froh, baten sie, doch Platz zu nehmen, und sie lachte so freundlich: ‚Nicht zu mir,‘ sagt sie, ‚aber meine Nichte hat kleine Kinder; wenn es Ihnen recht ist, bemühen Sie sich vielleicht zu uns, dann können wir alles besprechen.‘ Sie gab uns ihre Adresse, bei der Wosnessenskibrücke wohnte sie, im Hause Nummer soundso, und auch die Wohnungsnummer nannte sie. Dann ging sie. Oletschka wollte keine Zeit verlieren, ging noch am selben Tage hin – nach zwei Stunden kam sie zurück, außer sich, weint und schlägt um sich wie in Krämpfen. Später erzählte sie mir: ‚Ich fragte den Hausknecht nach der Wohnung,‘ sagte sie, ‚die und die Nummer. Der sah mich,‘ sagte sie, ‚so merkwürdig an: „Was wollen Sie denn dort in dieser Wohnung?“‘ hat er sie so eigentümlich gefragt, daß sie schon gleich hätte Verdacht schöpfen können. Sie aber war ja schon immer so stolz und ungeduldig, solche Fragen und Unhöflichkeiten hat sie nie ertragen. ‚Dort hinauf,‘ sagt schließlich der Hofknecht und weist mit dem Finger nach der Treppe, und dann hat er sich umgedreht und ist in seine Kammer gegangen. Und können Sie sich denken: sie geht hinein, erkundigt sich – da kommen schon von allen Seiten Frauenzimmer herbeigelaufen! ‚Bitte, treten Sie näher, bitte hier, bitte sehr!‘ – lauter Frauenzimmer, und sie lachen, umringen sie, und alle sind geschminkt und aufgeputzt und schamlos, spielen auf dem Klavier, ziehen sie mit – ‚ich wollte fort,‘ sagte sie, ‚wollte hinauslaufen, aber sie hielten mich fest.‘ Da hatte schreckliche Angst sie erfaßt, und die Knie hatten ihr gezittert, aber man ließ sie einfach nicht fort, man beredete sie, man war so freundlich, Portweinflaschen werden entkorkt, es wird eingeschenkt, angeboten, genötigt. Da war sie denn aufgesprungen und hatte geschrien, so laut sie konnte: ‚Lassen Sie mich, lassen Sie mich!‘ und da war sie zur Tür gestürzt, die Tür wird aber von ihnen zugehalten, sie aber schreit und ruft um Hilfe; da springt plötzlich die herzu, die bei uns gewesen war, und schlägt meiner Olä zweimal ins Gesicht und stößt sie zur Tür hinaus. ‚Du bist es nicht wert, du altes Fell, in einem feinen Hause zu sein!‘ schreit sie ihr zu, und eine andere schreit ihr noch auf die Treppe nach: ‚Du bist selbst zu uns gekommen, um dich uns aufzudrängen, weil du nichts zu fressen hast, wir aber hätten eine solche Fratze überhaupt nicht beachtet!‘ Diese ganze Nacht war sie wie im Fieber, sie phantasierte sogar im Schlaf, und am nächsten Morgen brannten ihre Augen, sie stand auf, ging umher, – ‚der Polizei anzeigen,‘ sagt sie, ‚ich bringe sie vor den Richter, vors Gericht!‘ Ich schweige, denke so bei mir: und was gewinnst du dadurch, womit beweist du? Sie aber geht immer noch ruhelos umher, ringt die Hände, die Tränen rollen ihr über die Wangen, aber die Lippen hat sie zusammengepreßt, unbeweglich. Und ihr ganzes Gesicht war von Stund’ an verfinstert, und so blieb es auch bis zum Ende. Am dritten Tage wurde ihr leichter, sie schwieg, als hätte sie sich beruhigt. Und gerade an dem Tage, gegen vier Uhr nachmittags, suchte uns Herr Werssiloff auf.

Ich muß wohl offen sagen: ich kann noch immer nicht verstehen, wie das kam, daß meine Olä, die doch schon so mißtrauisch geworden war, damals gleich nach seinem ersten Wort ihn anzuhören begann! Was uns beide am meisten und von vornherein für ihn einnahm, das war, daß er so ernst, ja sogar streng aussah; und er sprach so ruhig, so sachlich, und dabei ist er so höflich, – was sage ich, höflich, – geradezu ehrerbietig ist er, und dabei nicht eine Spur von einem Sicheinschmeichelnwollen. Man sieht sofort, dieser Mensch ist mit reinen Gedanken gekommen. Er sagte: ‚Ich habe Ihre Anzeige in der Zeitung gelesen, Sie haben sie aber,‘ sagt er, ‚nicht ganz richtig abgefaßt, und der Fehler könnte leicht zu einem falschen Urteil über Sie verleiten.‘ Und er fing an, ihr das zu erklären, aber ich muß sagen, ich habe nicht alles ganz verstanden – von der Arithmetik sagte er da etwas. Nur sehe ich, meine Olä wird plötzlich ganz rot und ist wieder wie neubelebt, hört ihn aufmerksam an, spricht mit ihm so bereitwillig (und er muß doch auch ein sehr kluger Mensch sein!), und was höre ich: sie bedankt sich bei ihm sogar. Er fragte sie nach allem so sachlich und gewissenhaft, und man merkte gleich, daß er lange in Moskau gelebt hatte, und es erwies sich, daß er die Direktrice des ersten Mädchengymnasiums persönlich kannte. ‚Stunden,‘ sagt er, ‚werde ich Ihnen bestimmt verschaffen, denn ich bin hier mit vielen bekannt und kann auch viele einflußreiche Persönlichkeiten darum bitten, und falls Sie eine dauernde Stellung wünschen, so könnte man auch das im Auge behalten … vorläufig aber – verzeihen Sie,‘ sagt er, ‚wenn ich eine offene Frage an Sie richte: Könnte ich Ihnen nicht jetzt gleich irgendeinen Dienst erweisen? Betrachten Sie es so,‘ sagt er, ‚daß nicht ich Ihnen einen Gefallen erweise, sondern Sie mir damit ein Vergnügen bereiten, wenn Sie es zulassen, daß ich Ihnen in irgendeiner Form meine Hilfe anbieten darf. Fassen Sie es meinetwegen als Darlehen auf,‘ sagt er, ‚und sobald Sie eine Stellung erhalten haben, können Sie das ja in kürzester Zeit mit mir verrechnen. Sollte ich jemals in eine ähnliche Lage geraten, während Sie wohlhabend sind, so würde ich mich, glauben Sie mir bei meiner Ehre, wegen einer solchen Hilfe ohne weiteres an Sie wenden, würde auch meine Frau und Tochter in solchem Fall zu Ihnen schicken …‘ oder so ungefähr drückte er sich aus, ich habe nicht alle seine Worte behalten, ich weiß nur, daß mir Tränen in die Augen traten, denn ich sah, daß auch bei meiner Olä die Lippen bebten vor Dankbarkeit: ‚Wenn ich es annehme,‘ antwortete sie, ‚so tue ich das nur, weil ich Vertrauen habe zu einem ehrlichen und humanen Menschen, der mein Vater sein könnte …‘ Und so hübsch sagte sie ihm das, so zurückhaltend und vornehm, so – ‚einem humanen Menschen,‘ sagte sie. Er erhob sich sofort. ‚Unbedingt,‘ sagte er, ‚unbedingt werde ich Ihnen Privatstunden und auch eine Anstellung verschaffen: ich werde unverzüglich das Nötige tun, denn Ihre Zeugnisse genügen ja vollkommen …‘ Ich vergaß vorhin zu sagen, daß er sich gleich als erstes alle ihre Zeugnisse vom Gymnasium hatte zeigen lassen und sie durchgesehen hatte, und dann hatte er sie noch selbst in verschiedenen Fächern examiniert … Olä sagte noch später zu mir: ‚Mamachen, er hat mich doch in allen Fächern examiniert, und wie klug er ist, Mamachen,‘ sagt sie, ‚ich habe noch niemals mit einem so klugen und gebildeten Menschen gesprochen …‘ Und sie strahlt nur so. Das Geld – es waren sechzig Rubel – lag noch auf dem Tisch. ‚Legen Sie es fort, Mamachen,‘ sagt sie, ‚wenn ich meine Anstellung habe, wird es unsere erste Pflicht sein, ihm das so bald als möglich zurückzugeben, wir werden ihm beweisen, daß wir anständig sind; und daß wir Takt haben, das hat er schon gesehen.‘ Dann schwieg sie wieder ein Weilchen, ich sehe, sie sinnt und atmet so tief. ‚Wissen Sie,‘ sagt sie plötzlich zu mir, ‚wissen Sie, Mamachen, wenn wir taktlos wären, so würden wir seine Hilfe vielleicht aus Stolz nicht angenommen haben; daß wir sie aber von ihm angenommen haben, gerade dadurch haben wir ihm unser Zartgefühl bewiesen, und daß wir ihm unser Vertrauen schenken, als einem ehrenwerten Manne mit schon ergrauendem Haar, nicht wahr?‘ Ich verstand sie nicht gleich und fragte: ‚Aber warum denn, Olä, warum soll man von einem edlen und reichen Menschen nicht eine Wohltat annehmen, wenn er außerdem noch ein Mensch mit einem guten Herzen ist?‘ Sie runzelte die Stirn. ‚Nein, Mamachen,‘ sagt sie, ‚das ist es nicht, nicht die Wohltat war nötig, sondern seine Menschlichkeit‘ sagt sie, ‚die ist hier das Wertvolle. Und das Geld, das hätten wir lieber gar nicht annehmen sollen, Mamachen: da er doch versprochen hat, mir eine Anstellung zu verschaffen, so ist auch das schon genug … wenn wir es auch noch so nötig hätten.‘ – ‚Ach, Olä,‘ sag ich, ‚wir haben es doch wohl mehr als nur nötig, wie sollen wir denn ohne dem auskommen? – da mußten wir es doch schon annehmen,‘ sag ich, der Gedanke kam mir sogar spaßig vor, und ich lächelte noch über sie. Ich war so froh innerlich, aber nach einer Stunde sagt sie mir auf einmal: ‚Mamachen,‘ sagt sie, ‚warten Sie noch etwas, geben Sie das Geld noch nicht aus,‘ – und so bestimmt sagte sie es. ‚Warum nicht?‘ frage ich. – ‚Ich will es nicht!‘ sagt sie kurz, bricht ab und verstummt. Für den ganzen Abend blieb sie stumm; erst in der Nacht, so gegen zwei Uhr, wache ich auf und höre, Olä bewegt sich in ihrem Bett: ‚Sie schlafen nicht, Mamachen?‘ – ‚Nein,‘ sag ich, ‚ich schlafe nicht.‘ – ‚Wissen Sie,‘ sagt sie, ‚er hat mich doch beleidigen wollen!‘ – ‚Was fällt dir ein,‘ sag ich, ‚wie kommst du darauf?‘ – ‚Bestimmt hat er das gewollt,‘ sagt sie, ‚das ist ein gemeiner Mensch, nicht eine Kopeke dürfen Sie von seinem Gelde ausgeben!‘ sagt sie. Ich wollte ihr zureden, fing sogar in meinem Bett zu weinen an – sie drehte sich zur Wand: ‚Seien Sie still,‘ sagt sie, ‚lassen Sie mich schlafen!‘ Am Morgen sehe ich sie an, sie geht umher, aber sie ist gar nicht wiederzuerkennen, – und ich sage Ihnen, glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht, vor Gottes Gericht kann ich’s beschwören: sie war da nicht mehr ganz bei Sinnen! In derselben Stunde, wo man sie in diesem unanständigen Hause beleidigt hatte, war ihr Herz irre geworden … und auch ihr Verstand. Ich sah sie an diesem Morgen an und wunderte mich über sie; mir wurde schon ganz angst und bange; und ich denke noch so bei mir: ich werde ihr heute lieber nicht widersprechen, mit keinem Wort. ‚Seine Adresse hat er uns also richtig nicht angegeben,‘ sagt sie. ‚Schäm dich, Olä,‘ sag ich, ‚das ist sündhaft von dir: du hast doch selbst gestern gehört, was er gesagt hat, hast ihn nachher noch selbst gelobt, warst selbst vor Dankbarkeit dem Weinen nahe …‘ Kaum hatte ich das gesagt – da schrie sie auf, stampfte mit dem Fuß: ‚Sie sind eine Frau mit niedrigen Gefühlen,‘ sagt sie, ‚altmodisch sind Sie erzogen,‘ sagt sie, ‚Ihre Auffassungen stammen noch aus der Zeit der Leibeigenschaft …!‘ und was sie da noch alles sagte, plötzlich nimmt sie ihren Hut, läuft hinaus, ich rufe sie noch zurück, will sie halten, – was ist mit ihr, denke ich, wohin will sie nun laufen? Sie aber lief aufs Adreßbureau, dort erfuhr sie, wo Herr Werssiloff wohnt, und kam zurück: ‚Heute noch,‘ sagt sie, ‚sofort bring ich ihm das Geld zurück und werfe es ihm ins Gesicht; er hat mich beleidigen wollen, ganz wie Ssafronoff (so heißt unser Kaufmann); nur hat Ssafronoff mich wie ein roher Bauer beleidigt, dieser aber wie ein hinterlistiger Jesuit!‘ Und da kommt und klopft noch zu unserem Unglück dieser Herr an die Tür. ‚Ich höre, es ist hier von Herrn Werssiloff die Rede,‘ sagt er, ‚da müssen Sie mich fragen, ich allein kann Ihnen alles sagen.‘ Wie sie das hört und den Namen Werssiloff, da klammert sie sich schon an ihn, wie außer sich ist sie, und spricht und spricht, daß ich sie nur ansehen und mich wundern kann: mit keinem hatte sie so gesprochen, so schweigsam war sie immer gewesen, und nun plötzlich ist sie so, mit diesem ganz fremden Menschen? Ihre Wangen glühen, ihre Augen blitzen … Und da sagt er noch: ‚Sie haben vollkommen recht, gnädiges Fräulein. Werssiloff,‘ sagt er, ‚ist genau so einer wie die hiesigen Generäle, von denen die Zeitungen zu berichten wissen. So ein General wirft sich in Gala, steckt alle seine Orden an und besucht dann alle Gouvernanten, die durch die Zeitungen Stunden suchen, und so geht er und findet, was er sucht; und wenn er das nicht findet, dann sitzt er ein Weilchen, redet, verspricht Gott weiß was alles, und geht wieder, – nun, und hat sich doch wenigstens eine kleine Zerstreuung verschafft. Tja!‘ sagte er. Meine Olä lachte sogar, aber so böse klang es, dieser Herr aber, was sehe ich, erfaßt ihre Hand und scheint ihre Hand an sein Herz ziehen zu wollen: ‚Mein Fräulein,‘ sagt er, ‚auch ich habe mein eigenes Kapital und könnte es in jedem Augenblick einem schönen Mädchen anbieten, aber es ist besser,‘ sagt er, ‚ich küsse ihr zunächst nur das kleine Händchen …‘ und er zieht, sehe ich, ihre Hand an die Lippen und will sie schon küssen. Wie aber Olä da aufsprang, und ich nun auch – und da haben wir beide ihn einfach hinausgejagt! Kurz vor Abend aber entriß Olä mir das Geld, lief fort und kam atemlos wieder. ‚Mamachen,‘ sagt sie, ‚ich habe mich an einem ehrlosen Menschen gerächt!‘ – ‚Ach, Olä, Olä,‘ sag ich, ‚jetzt ist vielleicht auch unser Glück dahin, einen edlen, wohltätigen Menschen hast du beleidigt!‘ Und ich mußte weinen vor Unwillen über sie, ich konnte nicht anders. Da fährt sie auf und schreit: ‚Ich will nicht,‘ schreit sie, ‚ich will nicht! Und wenn er auch der anständigste Mensch ist, ich will sein Almosen nicht! Und daß mich jemand bedauert oder bemitleidet, das ertrag ich nicht, das will ich nicht!‘ Als ich an diesem Abend zu Bett ging, dachte ich an nichts. Wie oft habe ich diesen großen Nagel in unserer Wand betrachtet, der dort von Ihrem Spiegel stecken geblieben ist, – aber niemals ist mir so was in den Sinn gekommen, ich bin überhaupt nicht darauf verfallen, weder gestern noch früher, niemals hab ich an so etwas auch nur gedacht, nicht mal befürchtet, und von Olä hätt ich so was schon ganz und gar nicht erwartet. Ich schlafe gewöhnlich sehr fest, ja ich schnarche sogar, das Blut dringt mir im Schlaf so zu Kopf, manchmal auch zu Herzen, und dann schreie ich auf im Schlaf, so daß Olä mich schon oft in der Nacht geweckt hat: ‚Wie fest Sie schlafen, Mamachen,‘ sagt sie, ‚man kann Sie ja gar nicht aufwecken, wenn es nötig ist.‘ – ‚Ach, Olä,‘ sag ich, ‚ich weiß ja, daß ich fest schlafe.‘ Und so fest muß ich denn auch an diesem Abend eingeschlafen sein, und darauf hat sie wohl nur gewartet, um dann leise aufzustehen, ohne befürchten zu müssen, daß ich aufwachte. Und dieser Riemen von unserem Koffer, so ein langer Riemen, der trieb sich schon den ganzen Monat im Zimmer herum, und noch am Morgen dachte ich: ‚Ach, den muß man doch endlich einmal weglegen, damit er nicht ewig so im Wege liegt.‘ Und den Stuhl hat sie dann wohl mit dem Fuß umgestoßen, und damit er keinen Lärm machte, hatte sie ihren Rock an der Seite untergebreitet. Und ich bin dann wohl erst lange, lange nachher, erst nach einer Stunde oder noch später, aufgewacht. ‚Olä!‘ ruf ich, ‚Olä!‘ – Und gleich ahnte ich etwas, wie ich sie rufe. War es nun, daß ich ihr Atmen von ihrem Bett her nicht mehr hörte, oder daß ich in der Dunkelheit doch vielleicht sah, daß ihr Bett leer war, – ich stand plötzlich auf und tappte mit der Hand: im Bett ist niemand, und das Kissen ist kalt. Da sank mir der Mut, ich stehe und rühre mich nicht vom Fleck, wie leblos, und im Kopf ist mir ganz schwindelig. ‚Sie ist wohl aus dem Zimmer gegangen,‘ denk ich, und ich mach einen Schritt, aber da seh ich, beim Bett, in der Ecke, neben der Tür – da ist so etwas, als stünde sie selbst dort. Ich stehe, schweige, sehe sie an, und es ist mir, als ob sie aus der Dunkelheit mich gleichfalls ansähe, ohne sich zu rühren … ‚Aber warum ist sie denn,‘ denk ich, ‚auf den Stuhl gestiegen?‘ – ‚Olä,‘ flüstere ich ganz verzagt, ‚Olä, hörst du?‘ – Und da war’s mir auf einmal, als werde alles in mir erleuchtet, ich schritt, streckte beide Arme aus, gerade auf sie zu, umfaßte sie, sie aber, sie schaukelt in meinen Armen, ich greife zu, sie aber schaukelt – da begriff ich alles und will doch nichts begreifen … Schreien will ich, aber es ist keine Stimme in mir … Ach, dachte ich! Da fiel ich wie getroffen zu Boden und schrie …“

– – – – – – – – – – – – – – – – –

„Wassin,“ sagte ich am Morgen gegen sechs Uhr, „wenn Ihr Stebelkoff nicht dazwischen gekommen wäre, dann wäre das Unglück vielleicht gar nicht geschehen.“

„Wer kann das wissen. Wahrscheinlich wäre es dennoch geschehen. In diesem Fall kann man nicht so urteilen, hier war auch ohnedies schon alles reif … Freilich, dieser Stebelkoff ist bisweilen …“

Er sprach den Satz nicht zu Ende und runzelte die Stirn, wie über einen sehr unangenehmen Gedanken. Gegen sieben Uhr fuhr er wieder fort. Er hatte es übernommen, alle erforderlichen Schritte zu tun. Schließlich blieb ich ganz allein. Es war schon hell geworden. Im Kopf hatte ich ein leichtes Schwindelgefühl. Werssiloff stand mir vor Augen: die Erzählung dieser Mutter hatte ihn mir in einem ganz anderen Licht gezeigt. Um besser darüber nachdenken zu können, legte ich mich auf Wassins Bett, so wie ich war, angekleidet und in Stiefeln – nur auf einen Augenblick und ganz ohne die Absicht, zu schlafen –, und auf einmal war ich eingeschlafen, ich weiß selbst nicht, wie. Ich schlief gute vier Stunden; niemand weckte mich.

Zehntes Kapitel.
I.
Ich erwachte erst gegen halb elf und traute lange meinen Augen nicht: auf dem Diwan, auf dem ich am Abend eingeschlafen war, saß meine Mutter und neben ihr – die unglückliche Mutter der Selbstmörderin. Sie saßen und hatten sich die Hände gegeben und sprachen flüsternd, wahrscheinlich, um mich nicht zu wecken, und beide weinten sie. Ich stand auf vom Bett und eilte auf meine Mutter zu, um sie zu küssen. Ihr ganzes Gesicht erstrahlte nur so, und sie küßte mich und bekreuzte mich dreimal mit der rechten Hand. Noch bevor wir ein Wort sagen konnten, ging die Tür auf, und ins Zimmer traten Werssiloff und Wassin. Meine Mutter erhob sich sogleich und führte die arme Frau mit sich fort. Wassin reichte mir die Hand, Werssiloff aber sagte kein Wort zu mir und setzte sich in einen Lehnstuhl. Er und Mama waren wohl schon seit einiger Zeit hier. Sein Gesicht sah finster und besorgt aus.

„Am meisten bedauere ich,“ begann er langsam, zu Wassin gewandt, offenbar ihr Gespräch fortsetzend, „daß ich keine Zeit gehabt habe, das alles noch gestern abend zu ordnen, so hätte ich dieses ganze schreckliche Unglück verhütet. Und eigentlich hatte ich sogar Zeit: es war noch nicht acht. Als sie von uns fortlief, wollte ich ihr auf dem Fuß hierher folgen, um sie umzustimmen, aber diese unvorhergesehene und unaufschiebbare Sache, die ich übrigens sehr gut bis heute hätte aufschieben können … ja sogar auf eine ganze Woche, – diese ärgerliche Sache hat alles verhindert und verdorben. Daß auch alles so zusammentreffen mußte!“

„Vielleicht wäre es Ihnen auch nicht mehr gelungen, sie umzustimmen,“ bemerkte Wassin wie nebenbei, „hier hatte sich, glaube ich, ohnehin schon zu viel Brennstoff angesammelt.“

„Nein, es wäre mir doch gelungen, es wäre mir bestimmt gelungen! Und mir kam auch schon der Gedanke, Ssofja Andrejewna zu schicken. Einen Augenblick dachte ich daran, aber nur einen Augenblick. Gerade Ssofja Andrejewna hätte sie am besten beruhigen und überzeugen können, und die Arme wäre am Leben geblieben. Nein, nie wieder werde ich mich mit … ‚guten Taten‘ vordrängen … Habe es im ganzen nur einmal im Leben versucht! Und ich glaubte sogar, ich gehörte noch zur jungen Generation und verstände noch die Jugend von heute. Aber unsere Generation ist ja schon alt geworden, fast noch bevor sie reif wurde. Apropos, es gibt jetzt tatsächlich unendlich viele Zeitgenossen, die sich aus alter Gewohnheit immer noch zur jungen Generation rechnen, weil sie noch gestern zu ihr gehörten, und dabei merken sie gar nicht, daß sie ihre Rolle schon ausgespielt haben.“

„Hier in diesem Fall war es nur ein Mißverständnis, das ist doch ganz klar,“ bemerkte Wassin vernünftig. „Die Mutter der Toten sagt doch selbst, daß ihre Tochter nach der rohen Beleidigung im öffentlichen Hause nicht mehr bei voller Vernunft gewesen sei. Und dann die ganze Sachlage hier und die erste Beleidigung durch den Kaufmann … das hätte alles genau so auch in früherer Zeit vorkommen können und charakterisiert meiner Meinung nach durchaus nicht nur die heutige Jugend.“

„Etwas ungeduldig ist sie schon, die Jugend von heute, abgesehen natürlich von ihrem geringen Verständnis für die Wirklichkeit, das allerdings jeder Jugend abgeht, aber der heutigen fehlt es gewissermaßen besonders … Sagen Sie, was hat Herr Stebelkoff hier zusammengeschwatzt?“

„Herr Stebelkoff ist an allem schuld,“ mischte ich mich plötzlich ins Gespräch. „Wenn er nicht dazwischengekommen wäre, wäre nichts geschehen. Er hat einfach Öl ins Feuer gegossen.“

Werssiloff ließ mich zu Ende sprechen, sah mich aber nicht an. Wassin runzelte die Stirn.

„Ich mache mir auch noch etwas anderes zum Vorwurf,“ fuhr Werssiloff fort, wieder in seiner langsamen Sprechweise. „Ich glaube, ich habe mir damals im Gespräch mit ihr eine gewisse Heiterkeit erlaubt, einen gewissen oberflächlichen, halb scherzhaften Ton – kurz, ich bin nicht genügend schroff, trocken und finster gewesen, – drei Eigenschaften, die, wie mir scheint, von der heutigen Jugend gleichfalls sehr hoch geschätzt werden. Mit einem Wort, ich gab ihr Veranlassung, mich für einen fahrenden Seladon zu halten.“

„Ganz im Gegenteil,“ mischte ich mich wieder lebhaft ein, „ihre Mutter sagte ausdrücklich, Sie hätten einen vorzüglichen Eindruck gemacht, und gerade durch Ihren Ernst, ja sogar durch Ihre Strenge und Ihre Aufrichtigkeit, – das sind ihre eigenen Worte. Die Verstorbene hat noch selbst nach Ihrem Fortgehen in diesem Sinne von Ihnen gesprochen und Ihr Verhalten gerühmt.“

„J–ja?“ fragte Werssiloff lässig und warf endlich einen flüchtigen Blick auf mich. „Nehmen Sie diesen Zettel an sich, er dürfte als Beweisstück notwendig sein,“ sagte er und reichte Wassin ein kleines Stückchen Papier. Der nahm es, doch da er bemerkte, daß ich neugierig hinsah, reichte er es mir zum Durchlesen. Es war ein Zettel, auf dem zwei ungleichmäßige Zeilen mit einem Bleistift gekritzelt waren, vielleicht in der Dunkelheit:

„Mamachen, Sie Liebe, verzeihen Sie mir, daß ich mein Lebensdebüt abgebrochen habe. Ihre Sie betrübende Olä.“

„Das wurde erst heute morgen gefunden,“ bemerkte Wassin zur Erklärung.

„Was für ein sonderbarer Abschiedsgruß!“ rief ich verwundert aus.

„Inwiefern sonderbar?“ fragte Wassin.

„Wie kann man nur in einem solchen Augenblick in humoristischen Ausdrücken schreiben?“

Wassin sah mich fragend an.

„Und dazu noch was für ein sonderbarer Humor,“ fuhr ich fort, „das ist ja ein Gymnasiastenausdruck, wie er unter Schulkameraden üblich ist … Wie kann man sich nur in einem solchen Augenblick in solch einem Schreiben an seine unglückliche Mutter so ausdrücken, – und sie hat ihre Mutter doch augenscheinlich geliebt – ‚daß ich mein Lebensdebüt abgebrochen habe‘!“

„Ja, warum kann man denn nicht so schreiben?“ fragte Wassin, der noch immer nicht verstand.

„Humor ist hierin so gut wie überhaupt nicht enthalten,“ bemerkte schließlich Werssiloff. „Dieser Ausdruck ist hier natürlich nicht angebracht, paßt gar nicht zu dem Ton, und könnte allerdings einem Gymnasiastenjargon entnommen sein oder einem burschikosen Kameradschaftston, wie du sagst, oder vielleicht einem Feuilleton; jedenfalls aber hat die Verstorbene ihn hier auf diesem schrecklichen Zettel ganz naiv und ernsthaft gebraucht.“

„Das ist nicht möglich, sie hat das Gymnasium beendet und das Schlußexamen mit der Silbernen Medaille bestanden.“

„Die Silberne Medaille spielt in diesem Fall gar keine Rolle. Heutigentags beenden viele so das Gymnasium.“

„Das geht wieder auf die heutige Jugend,“ sagte Wassin lächelnd.

„Keineswegs,“ widersprach ihm Werssiloff, der sich erhob und seinen Hut nahm, „wenn die jetzige junge Generation nicht so literarisch ist, so hat sie dafür zweifellos … andere Vorzüge,“ fügte er mit ungewöhnlichem Ernst hinzu. „Außerdem sind ‚viele‘ nicht ‚alle‘, und Ihnen zum Beispiel habe ich geringe literarische Bildung doch wahrlich nicht vorgeworfen, Sie aber sind ja gleichfalls ein junger Mensch.“

„Aber Wassin hat ja auch nichts Schlechtes im ‚Lebensdebüt‘ gefunden!“ konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken.

Werssiloff reichte Wassin schweigend die Hand; der griff nach seiner Mütze, um mit ihm zusammen fortzugehen, und rief mir noch zu: „Auf Wiedersehen!“ Werssiloff ging aus dem Zimmer, ohne mich zu beachten. Ich hatte auch keine Zeit zu verlieren: ich mußte mir unbedingt ein Zimmer suchen, – jetzt war das sogar nötiger als je! Mama war nicht mehr bei der Wirtin, die war fortgegangen und hatte die unglückliche Nachbarin mitgenommen. Ich fühlte mich seltsam munter, als ich auf die Straße trat … Eine gewisse ganz neue und große Empfindung erwachte in meiner Seele. Und dazu kam nun noch, daß mir alles, wie vorherbestimmt, sofort gelang: ich fand ungemein schnell das Richtige, ein Zimmer, wie es mir gerade zusagte; doch davon später, zunächst will ich das Wichtige zu Ende erzählen.

Es war erst etwas nach eins, als ich zurückkehrte, um meinen Koffer abzuholen, und ich traf Wassin zu Hause. Als er mich erblickte, rief er mir froh und herzlich entgegen:

„Ach, das freut mich, daß Sie kommen und mich noch antreffen, ich wollte soeben wieder fortgehen! Ich kann Ihnen etwas mitteilen, was Sie wohl sehr interessieren wird.“

„Glaub’ ich ohne weiteres!“ rief ich.

„Bah! Wie mutig Sie aussehen. Sagen Sie, wußten Sie nichts von einem gewissen Brief, der von Krafft aufbewahrt worden ist, und den Werssiloff gestern erhalten hat, und der sich gerade auf die ihm zugefallene Erbschaft bezieht? In diesem Brief äußert der Erblasser seinen Willen in einem Sinne, der dem Ergebnis der gestrigen Gerichtsentscheidung gerade entgegengesetzt ist. Dieser Brief ist aber schon vor langer Zeit geschrieben. Kurzum, ich weiß nicht genau, was dieser Brief enthält, aber wissen Sie nichts Näheres?“

„Allerdings! Krafft hat mich doch vorgestern nur deshalb zu sich geführt, von … jenen Herrschaften da, Sie wissen schon, um mir diesen Brief zu übergeben, und ich übergab ihn gestern Werssiloff.“

„Ja? So dachte ich es mir. Stellen Sie sich vor, die Sache, von der Werssiloff hier vorhin sprach, – daß sie ihn gestern abend verhindert habe, herzukommen und dieses junge Mädchen umzustimmen, – diese Sache war gerade durch diesen Brief dazwischengekommen. Werssiloff hat sich nämlich sofort nach Empfang dieses Briefes, also noch gestern abend, zum Rechtsanwalt der Fürsten Ssokolski begeben, ihm diesen Brief eingehändigt und auf die ganze von ihm gewonnene Erbschaft verzichtet. Jetzt ist dieser Verzicht schon in der vorschriftsmäßigen rechtsgültigen Form abgefaßt. Werssiloff schenkt nicht die Erbschaft, sondern erkennt in diesem Akt das alleinige Anrecht der Fürsten auf die Erbschaft an.“

Ich stand wie erstarrt, aber ich war entzückt. In Wahrheit war ich ja vollkommen überzeugt gewesen, daß Werssiloff den Brief vernichten würde, ja nicht nur das! – Ich war sogar – obschon ich zu Krafft gesagt hatte, daß eine solche Handlungsweise niedrig wäre, und obgleich ich mir im Wirtshause dasselbe wiederholt hatte, und daß ich „zu einem reinen Menschen gekommen wäre, nicht aber zu diesem“ – so war ich doch trotz allem im tiefsten Seelengrunde der Meinung gewesen, daß man anders überhaupt nicht handeln könnte, als den lästigen Brief einfach aus der Welt schaffen. Das heißt, ich hatte das für die normalste Tat gehalten. Und wenn ich dann nachher Werssiloff auch beschuldigt hätte, so hätte ich das doch nur in einer bestimmten Absicht getan, eben um den Schein, das heißt, um meine moralische Überlegenheit ihm gegenüber zu bewahren. Doch als ich jetzt von Werssiloffs Handlungsweise hörte, geriet ich in vollständiges, aufrichtiges Entzücken, und mit Reue und Scham verurteilte ich meinen Zynismus und meine Gleichgültigkeit der Tugend gegenüber und stellte Werssiloff im Augenblick unendlich hoch über mich; fast wäre ich Wassin um den Hals gefallen.

„Was für ein Mensch! Was für ein Mensch! Wer hätte an seiner Stelle das getan?“ rief ich wie berauscht.

„Ich stimme Ihnen bei, sehr viele würden das nicht getan haben … und seine Handlungsweise ist zweifellos eine höchst uneigennützige …“

„Aber? … Sprechen Sie es aus, Wassin, Sie haben noch ein Aber?“

„Ja, natürlich, es ist auch ein Aber dabei. Werssiloffs Handlungsweise ist meines Erachtens ein wenig übereilt und nicht so ganz geradsinnig,“ meinte Wassin lächelnd.

„Nicht geradsinnig?“

„Ja. Es liegt darin gleichsam so ein gewisses ‚Piedestal‘. Wenigstens hätte man dasselbe tun können, ohne sich selbst so ungeheuer zu benachteiligen. Immerhin hätte Werssiloff, wenn nicht die Hälfte, so doch einen Teil der Erbschaft behalten können, sogar bei einer noch so feinfühligen Auffassung der Sache; um so mehr, als der Brief als Dokument keine entscheidende Bedeutung hat, und der Prozeß von ihm schon gewonnen ist. Dieser Ansicht ist auch der Advokat der Gegenpartei; ich habe soeben mit ihm gesprochen. Die Handlungsweise wäre deshalb nicht weniger schön gewesen, aber einzig, weil ihn gelüstete seinen Stolz zu befriedigen, ist es anders geschehen. Vor allem hat Herr Werssiloff sich hinreißen lassen und – hat sich unnötigerweise übereilt, denn er sagte doch vorhin selbst, daß er es womöglich auf eine ganze Woche hätte hinausschieben können …“

„Wissen Sie was, Wassin? Ich kann nicht anders, als Ihnen beistimmen, aber … mir ist es so doch lieber, so gefällt es mir besser!“

„Übrigens, das ist eine Geschmackssache. Sie selbst haben mich herausgefordert, meine Ansicht zu äußern, sonst hätte ich geschwiegen.“

„Ja, selbst wenn da auch ein ‚Piedestal‘ ist, selbst dann ist es so besser,“ fuhr ich fort, „ein Piedestal ist ja ein Piedestal, aber an sich ist es doch eine sehr wertvolle Sache. Dieses ‚Piedestal‘ ist doch immer das ‚Ideal‘, und schwerlich dürfte es besser sein, daß dieses in mancher heutigen Menschenseele nicht mehr vorhanden ist: mag ihm sogar eine kleine Verschrobenheit anhaften, wenn es nur da ist! Und bestimmt denken Sie auch so, Wassin, mein Teurer, mein lieber Wassin, mein guter, bester Wassin! Na ja, ich weiß, ich bin natürlich aus dem Konzept gefallen, aber Sie, Sie verstehen mich doch! Dafür sind Sie Wassin, und – na, jedenfalls umarme und küsse ich Sie, Wassin!“

„Vor Freude?“

„Vor übergroßer Freude; denn dieser Mensch ‚war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und hat sich wieder gefunden!‘ Wassin, ich bin ein nichtsnutziger Bengel und bin Ihrer nicht wert. Und gerade deshalb gestehe ich, daß ich in manchen Augenblicken ein ganz anderer bin, viel höher und tiefer. Ich habe Sie dafür, daß ich Sie vorgestern so ins Gesicht gelobt habe (und das tat ich, weil man mich erniedrigt und beschämt hatte) – dafür habe ich Sie diese ganzen zwei Tage lang gehaßt! Ich gab mir noch am selben Tage das Wort, niemals zu Ihnen zu gehen, und gestern vormittag kam ich nur aus Bosheit zu Ihnen, verstehen Sie, nur aus Bosheit! Ich saß hier allein auf dem Stuhl und kritisierte Ihr Zimmer und Sie und jedes Ihrer Bücher und Ihre Wirtin, und wollte Sie erniedrigen und spottete über Sie.“

„Aber so was braucht man doch nicht zu sagen …“

„Gestern abend schloß ich aus einer Ihrer Bemerkungen, daß Sie die Frauen nicht verständen, und ich war froh, daß ich diesen Fehler an Ihnen entdecken konnte. Und vorhin, als Sie das Wort ‚Lebensdebüt‘ ganz richtig fanden, hat mich das wieder furchtbar gefreut, und alles das nur deshalb, weil ich damals solch ein Lobhudler gewesen war.“

„Aber das ist doch nur zu verständlich!“ rief endlich Wassin (er fuhr immer noch fort, zu lächeln und schien sich nicht im geringsten über mich zu wundern). „Das ist doch immer so, und fast bei allen Menschen, und ist sogar das erste, was geschieht; nur gesteht das kein Mensch ein, und das braucht man ja auch gar nicht einzugestehen; denn das vergeht, und jedenfalls entsteht nichts daraus.“

„Sollte das wirklich bei allen Menschen so sein? Sind alle so? Und Sie sind, während Sie das sagen, sogar ganz ruhig? Aber mit einer solchen Anschauung kann man doch nicht leben!“

„Und Ihre Anschauung ist wohl:

‚Teurer, als uns erhöhender Trug,

Ist mir die Finsternis niederer Wahrheit!‘?“

„Aber das ist doch richtig!“ rief ich, „in diesen zwei Versen liegt ja ein heiliges Axiom!“

„Ich weiß nicht; ich will mir darüber kein Urteil erlauben, ob diese zwei Verse das Richtige sagen oder nicht. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit, wie das ja immer der Fall ist, irgendwo in der Mitte: das heißt, in einem Fall ist es heilige Wahrheit, im anderen aber – Lüge. Eines nur weiß ich genau: daß diese Frage noch lange einer der wichtigsten strittigen Punkte unter den Menschen sein wird. Doch abgesehen davon, scheint mir, daß Sie jetzt Lust zum Tanzen haben. Na, nur los: Bewegung ist gesund! – Mir aber hat man gerade heute so viel Arbeit aufgepackt … und da ist es nun über der Unterhaltung mit Ihnen schon so spät geworden …“

„Ich gehe schon, gehe schon, packe mich sofort! Nur noch ein Wort,“ rief ich und hatte schon meinen Koffer erfaßt, „wenn ich mich Ihnen jetzt wieder ‚an den Hals geworfen‘ habe, so habe ich das einzig deshalb getan, weil Sie, als ich eintrat, mit so aufrichtiger Freude diese Neuigkeit mir mitteilten und sich darüber ‚freuten‘, daß ich Sie noch zu Hause antraf, und das alles nach meiner Bemerkung am Morgen bezüglich des ‚Debüts‘; mit dieser aufrichtigen Freude haben Sie mein ‚junges Herz‘ im Nu wieder Ihnen zugewandt. Na, aber jetzt adieu, leben Sie wohl, ich werde mich bemühen, möglichst lange Sie nicht wieder zu besuchen, und ich weiß, daß Ihnen das höchst angenehm sein wird, was ich schon Ihren Augen ansehe, und uns beiden wird das noch zum Vorteil gereichen …“

Während das so aus mir hervorsprudelte und mir fast der Atem ausging vor fröhlich sich überstürzendem Geplauder, schleppte ich meinen Koffer aus dem Zimmer und begab mich dann mit ihm nach meiner neuen Wohnung. Vor allem gefiel mir furchtbar, daß Werssiloff am Morgen so ersichtlich böse auf mich gewesen war, daß er mich nicht einmal hatte ansehen, noch mit mir sprechen wollen. Als ich meinen Koffer in meinem neuen Zimmer abgestellt hatte, eilte ich sogleich zu meinem alten Fürsten. Ich muß gestehen, in diesen zwei Tagen war es mir ohne ihn sogar ein wenig schwer geworden. Und zudem mußte er von Werssiloffs Tat doch sicherlich schon gehört haben.

II.
Ich hatte es ja gewußt, daß er sich über mein Kommen furchtbar freuen würde, und, mein Ehrenwort, ich wäre an diesem Tage auch ohne den Fall Werssiloff zu ihm gegangen. Mich hatte in diesen zwei Tagen nur der Gedanke geschreckt, daß ich vielleicht irgendwie Katerina Nikolajewna begegnen könnte; jetzt aber fürchtete ich mich vor nichts mehr.

Er umarmte mich vor Freude.

„Was sagen Sie zu Werssiloff! Haben Sie es schon gehört?“ war das erste, womit ich herausplatzte.

„Cher enfant, du mein lieber Freund, das ist so erhaben, das ist so edel, – en un mot,[33] sogar auf Kilian“ (so hieß der Beamte unten) „hat es einen erschütternden Eindruck gemacht! Es ist unvernünftig von ihm, aber es ist glänzend, ist ein Meisterstück, ist eine Heldentat! Das Ideal muß man schätzen!“

„Nicht wahr? Nicht wahr? Darin stimmen wir zwei immer überein.“

„Du mein Lieber, wir zwei stimmen nicht nur darin, sondern in allem überein. Wo warst du so lange? Ich wollte unbedingt selbst zu dir fahren, aber ich wußte nicht, wo ich dich suchen sollte … denn bei Werssiloff vorsprechen konnte ich doch nicht … Obgleich jetzt, nach alledem … Weißt du, mein Freund: gerade mit diesen Zügen hat er, wie mir scheint, die Frauen besiegt, gerade mit diesen Zügen, das steht außer Frage …“

„Apropos, um es nicht zu vergessen, ich habe es mir speziell für Sie gemerkt. Gestern hat ein nichtswürdiger Narr, der in meiner Gegenwart auf Werssiloff schimpfte, unter anderem von ihm gesagt, er sei ein ‚Weiberprophet‘. Wie finden Sie den Ausdruck, gerade den Ausdruck? Ich merkte ihn mir für Sie …“

„Ein ‚Weiberprophet‘! Mais … c’est charmant![34] Haha! Aber das paßt doch so zu ihm, das heißt, ich wollte sagen, es paßt gar nicht – pfui …! Aber es ist so treffend … das heißt, es ist durchaus nicht treffend, aber …“

„Tut nichts, tut nichts, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, betrachten Sie es nur als Bonmot.“

„Als Bonmot ist es prachtvoll, und, weißt du, es hat einen ungeheuer tiefen Sinn … Die Idee ist ganz richtig! Das heißt, wirst du es mir glauben … Ich werde dir ein ganz kleines Geheimnis mitteilen. Hast du dir damals hier diese kleine Olympia gemerkt? Wirst du’s glauben, ihr tut das Herz ein wenig weh vor Liebe zu Andrei Petrowitsch, und das sogar in solchem Maße, daß sie, wie mir scheint, gewisse Absichten …“

„Absichten! Hat sie nicht Lust, das hier kennen zu lernen?“ rief ich unwillig und zeigte meine Faust.

„Mon cher, sprich nicht so laut, das ist alles so, wie es ist, und du hast meinetwegen recht von deinem Standpunkt aus. Apropos, mein Freund, was geschah mit dir eigentlich das vorige Mal nach Katerina Nikolajewnas Erscheinen? Du schwanktest … ich dachte, du fielest um, und wollte schon zu dir eilen, um dich zu stützen?“

„Sprechen wir jetzt nicht davon. Ich … ich war einfach verwirrt, aus einem bestimmten Grunde …“

„Du bist auch jetzt wieder rot geworden.“

„Und Sie müssen das natürlich gleich breittreten. Sie wissen doch, daß sie mit Werssiloff verfeindet ist … na, und so alles das; und so war ich denn einfach erregt, – ach, lassen wir das jetzt, reden wir darüber nächstens einmal!“

„Gut, gut, lassen wir das, lassen wir das, ich bin ja selbst froh, von alledem nicht sprechen zu müssen … Wie dem auch sei, ich habe ihr großes Unrecht getan, ich habe dir sogar, erinnerst du dich, noch über sie vorgeklagt … Vergiß das, mein Freund; sie wird gleichfalls ihre Meinung über dich ändern, das fühle ich schon voraus, verlaß dich drauf … Ah, da ist ja der Fürst Sserjosha!“

Ins Kabinett trat ein junger und hübscher Offizier. Ich sah ihn begierig an, ich hatte ihn noch nie gesehen. Das heißt, ich sage ‚hübsch‘, wie das alle von ihm sagten, aber in diesem jungen und hübschen Gesicht lag etwas, was nicht ganz anziehend war. Ich erwähne das hier als ersten Eindruck, den ich im ersten Augenblick von ihm empfing, und den ich dann die ganze Zeit nicht mehr habe vergessen können. Er war mager, prachtvoll gewachsen, dunkelblond, hatte ein frisches, aber doch etwas gelbliches Gesicht und einen entschlossenen Blick. Seine schönen dunklen Augen blickten etwas streng und hart, auch wenn er ganz gelassen war. Aber gerade sein entschlossener Blick stieß ab, und zwar, weil man aus irgendeinem Grunde das Gefühl hatte, daß diese Entschlossenheit ihm gar zu billig zu stehen komme. Übrigens, ich verstehe das nicht auszudrücken … Freilich, der strenge Ausdruck seines Gesichts konnte sehr schnell wechseln und sich plötzlich in einen erstaunlich freundlichen, bescheidenen und zärtlichen verwandeln, und dabei geschah die Verwandlung ersichtlich mit aller Aufrichtigkeit und Echtheit. Diese seine Aufrichtigkeit wirkte ungemein anziehend. Und ich erwähne noch einen Zug: trotz aller Freundlichkeit und Aufrichtigkeit wurde dieses Gesicht niemals fröhlich, nicht einmal wenn der Fürst aus vollem Herzen lachte, – selbst dann fühlte man gleichsam, daß eine wirkliche, helle, leichte Fröhlichkeit niemals in seinem Herzen war … Übrigens ist es außerordentlich schwer, einen Menschen so zu beschreiben. Das verstehe ich gar nicht. Der alte Fürst beeilte sich sofort, nach seiner dummen Angewohnheit, uns bekanntzumachen.

„Dies ist mein junger Freund Arkadi Andrejewitsch (wieder sagte er Andrejewitsch!) Dolgoruki.“

Der junge Fürst wandte sich mir sofort mit doppelt höflichem Gesichtsausdruck zu; man sah aber, daß mein Name ihm völlig unbekannt war.

„Es ist … ein Verwandter Andrei Petrowitschs,“ raunte ihm mein abscheulicher Fürst zu. (Wie sie einen mitunter ärgern können, diese alten Herren mit ihren Angewohnheiten!) Der junge Fürst erriet nun sofort, wer ich war.

„Ach! Ich habe schon früher von Ihnen gehört …“ sagte er schnell. „Ich hatte das außerordentliche Vergnügen, im vorigen Jahr in Luga Ihr Fräulein Schwester Lisaweta Makarowna kennen zu lernen … Auch sie hat mir von Ihnen erzählt …“

Ich wunderte mich: aus seinem Gesicht strahlte entschieden aufrichtige Freude.

„Erlauben Sie, Fürst,“ sagte ich stockend, während ich meine beiden Hände auf den Rücken legte, „ich muß Ihnen offen sagen, – und es freut mich, daß ich das im Beisein unseres lieben Fürsten sagen kann, – daß ich zwar eine Begegnung mit Ihnen sogar gewünscht habe, und noch kürzlich, gestern noch, aber zu einem ganz anderen Zweck. Ich sage Ihnen das ganz offen, wie sehr Sie sich darüber auch wundern mögen. Kurz, ich wollte Sie fordern wegen der Beleidigung, die Sie Werssiloff vor anderthalb Jahren in Ems zugefügt haben. Und obschon Sie meine Forderung vielleicht gar nicht angenommen hätten, da ich ja noch ein halber Gymnasiast und ein noch nicht volljähriger Jüngling bin, so hätte ich Sie dennoch gefordert, gleichviel wie Sie das aufgefaßt oder sich dazu verhalten hätten … und ich gestehe, ich habe auch jetzt noch dieselbe Absicht.“

Der alte Fürst äußerte später, es sei mir gelungen, das alles ganz vorzüglich zu sagen.

Im Gesicht des jungen Fürsten drückte sich aufrichtige Betrübnis aus.

„Sie haben mich nur nicht aussprechen lassen,“ sagte er eindringlich. „Wenn ich mich mit herzlicher Freude an Sie gewandt habe, so geschah das von mir aus infolge meiner gegenwärtigen, meiner jetzigen Gefühle für Andrei Petrowitsch. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht gleich alle inzwischen hinzugekommenen Momente erklären kann, aber ich versichere Sie bei meiner Ehre, daß ich meine unselige Tat in Ems schon längst aufs tiefste bereue. Als ich mich jetzt nach Petersburg aufmachte, hatte ich schon beschlossen, Andrei Petrowitsch jede überhaupt mögliche Genugtuung zu geben, ich meine, ihn direkt und buchstäblich um Entschuldigung zu bitten, und das in eben der Form, die er selbst bestimmt. Diese Veränderung meiner Auffassung haben höhere und mächtigere Einflüsse verursacht. Daß wir gerade einen Prozeß führten, konnte auf meinen Entschluß nicht den geringsten Einfluß haben. Doch seine gestrige Handlung mir gegenüber hat mich, ich muß sagen, bis in die Seele erschüttert, und sogar jetzt noch, werden Sie es mir glauben, bin ich – wie noch nicht zu mir gekommen. Und da muß ich Ihnen nun mitteilen, und deshalb bin ich auch zum Fürsten gekommen, um ihm von diesem außergewöhnlichen Umstand Mitteilung zu machen: vor drei Stunden, also gerade während der Zeit, als er mit unserem Anwalt die Sache gesetzmäßig erledigte, erschien bei mir ein Bevollmächtigter Andrei Petrowitschs und überbrachte mir seine Forderung … eine formelle Forderung wegen des Vorfalls in Ems …“

„Er hat Sie gefordert?“ rief ich und fühlte, wie meine Augen aufblitzten und das Blut mir heiß ins Gesicht schoß.

„Ja, er hat mich gefordert. Ich nahm die Forderung selbstverständlich an, beschloß aber, noch bevor das Duell ausgetragen wird, einen Brief an ihn zu schreiben, in dem ich meine jetzige Ansicht über mein damaliges Vorgehen erklären und meine ganze Reue wegen dieses entsetzlichen Irrtums aussprechen wollte … denn es war nur ein Irrtum, ein unseliger, verhängnisvoller Irrtum! Ich muß bemerken, daß meine Stellung im Regiment ein solches Vorgehen meinerseits zu einem Wagnis machte: durch einen solchen Brief vor dem Austrag fordert man die öffentliche Meinung heraus … Sie verstehen? Aber nichtsdestoweniger entschloß ich mich, bloß kam ich nicht dazu, den Brief abzusenden; denn etwa eine Stunde nach der Forderung erhielt ich von ihm ein Schreiben, in dem er mich wegen der Beunruhigung um Entschuldigung bittet: ich möchte die Forderung vergessen! Und er fügt hinzu, er bereue seine ‚vorübergehende Anwandlung von Kleinmut und Selbstsucht‘ – das sind seine eigenen Worte. So hat er mir nun den Schritt mit dem Brief unendlich erleichtert. Ich habe den Brief noch nicht abgesandt, bin aber gerade deswegen hergekommen, um mit dem Fürsten über etwas Diesbezügliches zu sprechen … Und glauben Sie mir, ich habe unter meinen Gewissensbissen mehr gelitten, als vielleicht sonst jemand … Genügen Ihnen diese Erklärungen wenigstens vorläufig, Arkadi Makarowitsch? Werden Sie mir die Ehre erweisen, meiner Aufrichtigkeit vollen Glauben zu schenken?“

Ich war vollständig besiegt; ich sah in ihm eine Offenherzigkeit, an deren Echtheit nicht zu zweifeln war, und die ich von ihm am allerwenigsten erwartet hätte. Überhaupt hatte ich nichts Ähnliches erwartet. Ich murmelte irgend etwas zur Antwort und streckte ihm plötzlich meine Hände entgegen: er schüttelte sie freudig mit beiden Händen. Darauf führte er den alten Fürsten ins Nebenzimmer und sprach dort einige Minuten mit ihm. „Wenn Sie mir ein besonderes Vergnügen bereiten wollen,“ wandte er sich laut und kurz an mich, als er aus dem Schlafgemach des alten Fürsten wieder heraustrat, „so fahren Sie mit mir jetzt gleich zu mir, und ich zeige Ihnen den Brief, den ich Andrei Petrowitsch sende, und gleichzeitig seinen Brief an mich.“

Ich willigte mit Vergnügen ein. Mein alter Fürst wurde bei unserem Aufbruch sehr geschäftig und rief mich auch noch auf einen Augenblick in sein Schlafgemach.

„Mon ami, wie froh ich bin, wie froh ich bin … Wir reden noch darüber, über alles, aber später. Jetzt jedoch, sieh, ich habe hier zwei Briefe in meinem Portefeuille: der eine ist hinzubringen, und da ist noch persönliche Rücksprache zu nehmen, und der andere ist an die Bank – und dort ist dasselbe zu tun …“

Und damit händigte er mir zwei angeblich wichtige Schreiben ein und tat, als erfordere der Auftrag große Mühe und Aufmerksamkeit. Ich hatte nur hinzufahren und persönlich zu übergeben, zu quittieren usw.

„Ach, Sie Schlauberger!“ rief ich lachend und nahm die Briefe, „ich bin überzeugt, das ist alles nichts von Bedeutung, und was da Mühe machen soll, möchte ich auch gern wissen, – aber Sie haben sich diesen Auftrag einzig für mich ausgedacht, um mich glauben zu machen, ich hätte hier was zu tun und bekäme das Geld nicht umsonst!“

„Mon enfant,[35] ich schwöre dir, du irrst dich: das sind zwei überaus wichtige und unaufschiebbare Sachen … Cher enfant!“ rief er auf einmal, unendlich gerührt, „du mein lieber Junge!“ (Er legte mir beide Hände aufs Haupt.) „Ich segne dich und dein Los … seien wir immer so reinen Herzens, wie du es heute warst … seien wir gut und schön, soviel wir nur irgend können … laß uns alles Schöne lieben … in allen seinen verschiedenartigen Formen … Und – enfin … enfin rendons grâce … et je te bénis!“[36]

Er sprach nicht zu Ende und begann zu schluchzen über meinem Haupte. Ich muß gestehen, auch mir waren die Tränen nahe; wenigstens umarmte ich meinen Sonderling herzlich und mit Freuden. Wir küßten uns aufrichtig.

III.
Der Fürst Sserjosha (das heißt, der junge Fürst Ssergei Petrowitsch Ssokolski, – ich werde ihn nur Ssergei Petrowitsch nennen) brachte mich in einem eleganten Gefährt nach seiner Wohnung, und das erste war, daß ich mich über die Pracht seiner Wohnung wunderte. Nicht Pracht im üblichen Sinne, aber die Wohnung war wie bei den „allerersten Leuten“, mit hohen, großen, hellen Räumen (ich sah zwei von ihnen, die Türen zu den anderen waren geschlossen), und die Möbel – allerdings nicht in Gott weiß was für einem Versailles- oder Renaissancestil, aber es waren doch schöne, komfortable, reiche Möbel in Menge, und im ganzen eine Einrichtung auf großem Fuß, mit schönen Teppichen, geschnitzter Holztäfelung und Statuen. Und doch wurde allgemein davon gesprochen, daß sie so gut wie Bettler seien, fast nichts mehr besäßen. Ich hatte freilich einmal flüchtig die Bemerkung gehört, daß dieser Fürst überall den Leuten Sand in die Augen gestreut habe, – sowohl hier wie in Moskau, im Regiment und in Paris – daß er sogar ein Spieler sei und Schulden habe. Ich hatte einen verknüllten Rock an, an dem zum Überfluß noch Federstäubchen waren, da ich angekleidet auf Wassins Bett gelegen hatte, und mein Hemd trug ich schon den vierten Tag. Der Rock war übrigens noch nicht so schlecht, aber hier beim Fürsten fiel mir wieder das Angebot Werssiloffs ein, bei seinem Schneider mir Kleider machen zu lassen.

„Denken Sie sich, ich habe, dank einer Selbstmörderin, diese ganze Nacht angekleidet geschlafen,“ bemerkte ich aus einer gewissen inneren Zerstreutheit heraus, und da er sogleich Interesse zeigte, so erzählte ich ihm kurz den ganzen Fall. Aber sein Brief schien ihn doch mehr zu beschäftigen. Und mich beunruhigte hauptsächlich, daß er nicht nur nicht gelächelt, sondern nicht einmal den Schimmer eines Gedankens an ein Lächeln gezeigt hatte, als ich vorhin so ohne weiteres mit meiner Absicht, ihn zu fordern, herausgerückt war. Wenn ich auch verstanden hatte, ihn zum Ernstsein zu zwingen, so war das doch merkwürdig von einem Menschen dieser Art. Wir setzten uns mitten im Raum einander gegenüber, an seinen riesigen Schreibtisch, und er gab mir den fertigen, schon ins reine geschriebenen Brief an Werssiloff zur Durchsicht. Dieses Dokument enthielt fast dasselbe, was er mir schon bei meinem Fürsten gesagt hatte; es war ersichtlich mit Leidenschaft geschrieben. Ich wußte freilich noch nicht, wie ich diese seine augenscheinliche Offenherzigkeit und seine Bereitwilligkeit zu allem Guten eigentlich beurteilen sollte, aber ich ließ mich schon besiegen; denn, im Grunde genommen – warum sollte ich ihm nicht glauben? Was er als Mensch auch sein und was man von ihm auch sagen mochte, er konnte doch trotz allem gute Neigungen haben. Ich las auch Werssiloffs Brief an ihn – nur sieben Zeilen – die Zurücknahme der Forderung. Obschon er in diesem Brief tatsächlich von „Kleinmut“ und „Selbstsucht“ geschrieben hatte, so sprach doch aus dem Ganzen ein gewisser Hochmut … oder richtiger, in seiner ganzen Handlungsweise lag eine gewisse Geringschätzung. Ich sprach das aber nicht aus.

„Wie fassen Sie diesen Verzicht auf das Duell eigentlich auf?“ fragte ich. „Sie glauben doch wohl nicht, daß er den Mut verloren hat?“

„Selbstverständlich nicht,“ sagte der Fürst lächelnd, aber es war ein sehr ernstes Lächeln, und überhaupt wurde der Ausdruck seines Gesichts immer sorgenvoller. „Ich weiß zu genau, daß dieser Mensch mutig ist. Hier, in diesem Fall ist es natürlich ein Ausdruck seiner besonderen Auffassung … seiner persönlichen Ideenrichtung.“

„Zweifellos ist es das!“ fiel ich ihm lebhaft ins Wort. „Ein gewisser Herr Wassin sagt, in seiner Handlungsweise mit dem Brief des Erblassers und in dem Verzicht auf die Erbschaft sei ein gewisses Verlangen, sich auf ein ‚Piedestal‘ zu stellen … Meiner Ansicht nach tut man so etwas nicht fürs Publikum, sondern die Tat entspricht etwas dem Wesen des Menschen zugrunde Liegendem, dem Innersten dieses Menschen.“

„Ich kenne Herrn Wassin sehr gut,“ bemerkte der Fürst.

„Ach, ja, Sie müssen ihn ja in Luga gesehen haben.“

Wir sahen uns plötzlich an, und ich weiß noch, ich wurde, glaube ich, etwas rot. Wenigstens brach er das Gespräch sofort ab. Ich dagegen hätte sehr gern weitergesprochen. Der Gedanke an eine Begegnung, die ich tags zuvor gehabt hatte, lockte mich, etliche Fragen an ihn zu richten, nur wußte ich nicht, wie ich anfangen sollte. Und überhaupt war ich gewissermaßen schlecht aufgelegt. Mich frappierte auch seine erstaunliche Wohlerzogenheit und Höflichkeit, die Ungezwungenheit seiner Manieren, – mit einem Wort, diese ganze glänzende Politur ihres Tones, die diese Menschen fast schon in der Wiege annehmen. In seinem Russisch geschriebenen Brief aber fand ich zwei äußerst grobe grammatikalische Fehler. Übrigens: bei solchen Begegnungen erniedrige ich mich nicht etwa, sondern werde übertrieben schroff, was bisweilen vielleicht auch unangebracht ist. Aber in diesem Fall trug dazu auch noch der Gedanke bei, daß mein Rock nicht gebürstet war, und so überschritt ich erst recht die Grenze und rückte mit fast familiären Fragen heraus. Es war mir nicht entgangen, daß der Fürst mich hin und wieder sehr aufmerksam musterte.

„Sagen Sie, Fürst,“ platzte ich plötzlich mit der Frage heraus, „finden Sie es in Ihrem Inneren nicht lächerlich, daß ich, der ich noch so ein ‚Milchbart‘ bin, Sie zum Zweikampf fordern wollte, und das noch wegen einer einem Fremden zugefügten Beleidigung?“

„Durch die Beleidigung des Vaters kann man sehr wohl sich selbst beleidigt fühlen. Nein, ich finde es nicht lächerlich.“

„Mir aber scheint es, daß so etwas furchtbar lächerlich sein muß … von manchem Gesichtspunkt aus … das heißt, versteht sich, nicht von meinem aus. Um so mehr, als ich Dolgoruki heiße und nicht Werssiloff. Wenn Sie mir aber nicht die Wahrheit sagen, vielleicht um die Sache zu beschönigen aus glatter gesellschaftlicher Höflichkeit, so sagen Sie mir wohl auch in allem übrigen nicht die Wahrheit und betrügen mich?“

„Nein, ich finde es nicht lächerlich,“ wiederholte er ungeheuer ernst. „Sie können doch das Blut Ihres Vaters nicht – nicht in sich fühlen …? Sie sind aber noch zu jung; denn … ich weiß nicht … ich glaube, wer noch nicht volljährig ist, darf sich noch nicht duellieren, oder man darf seine Forderung nicht annehmen … so ist die Regel … Aber vielleicht gibt es hier schließlich nur einen einzigen ernsten Einwand: wenn Sie ohne Wissen des Beleidigten, wegen dessen Beleidigung Sie sich schlagen wollen, den Beleidiger fordern, so äußern Sie damit gleichsam eine gewisse persönliche Nichtachtung des Betreffenden Ihrerseits, ist es nicht so?“

Unser Gespräch wurde von einem Diener unterbrochen, der eintrat und etwas melden zu wollen schien. Wie der Fürst ihn erblickte, stand er sofort auf – er hatte ihn wohl die ganze Zeit schon erwartet – und ging schnell auf ihn zu, so daß der Diener die Meldung nur halblaut machte, und ich natürlich nichts davon hören konnte.

„Entschuldigen Sie mich, bitte,“ wandte sich der Fürst nach mir um, „in einer Minute bin ich wieder da.“

Und damit ging er hinaus. Ich blieb allein zurück, ging auf und ab und dachte nach. Sonderbar, er gefiel mir, und gleichzeitig gefiel er mir gar nicht. Es war in ihm irgend so etwas, was ich selbst nicht zu benennen gewußt hätte, aber jedenfalls war es etwas Abstoßendes. „Wenn er wirklich nicht über mich lacht, so muß er allerdings sehr offenherzig sein; aber wenn er über mich lachte, so … würde ich ihn vielleicht für klüger halten …“ ging es mir etwas seltsam durch den Kopf.

Ich trat an den Tisch und las noch einmal seinen Brief an Werssiloff. Die Gedanken beschäftigten mich so, daß ich die Zeit ganz vergaß, und als ich wieder zu mir kam, da bemerkte ich plötzlich, daß die ‚eine Minute‘ des Fürsten sich schon zweifellos zu einer Viertelstunde ausgedehnt hatte. Das regte mich ein wenig auf; ich ging noch einmal hin und her, schließlich nahm ich meinen Hut und beschloß, hinauszugehen, und falls mir jemand begegnete, den Fürsten rufen zu lassen, und wenn er käme, mich einfach zu verabschieden unter dem Vorwande, daß ich zu tun hätte und nicht länger warten könne. Ich dachte, das wäre das richtigste; denn mich quälte ein wenig der Gedanke, daß er mich, indem er mich solange allein ließ, etwas nachlässig behandelte. Der Raum hatte nur zwei Türen, beide waren geschlossen und befanden sich in derselben Wand. Da ich vergessen hatte, durch welche Tür wir eingetreten waren, vielleicht aber auch aus Zerstreutheit, öffnete ich die falsche Tür und sah auf einmal in einem schmalen, langen Zimmer, auf einem Diwan sitzend, – meine Schwester Lisa. Außer ihr war niemand im Raum, und sie wartete wohl auf jemand. Aber noch hatte ich keine Zeit, mich zu wundern, als ich auf einmal die Stimme des Fürsten hörte, der laut hinter der anderen Tür mit jemand sprach und ins Kabinett zurückkehrte. Ich schloß schnell meine Tür, und der eintretende Fürst merkte nichts. Ich erinnere mich, er begann sich zu entschuldigen und sprach von einer Anna Fjodorowna … Ich war aber so verwirrt und betroffen durch das Gesehene, daß ich fast nichts verstand und nur irgendwie hervorstotterte, daß ich unbedingt nach Hause müsse, und ich verließ entschlossen und schnell das Zimmer. Der wohlerzogene Fürst wird mein Benehmen wohl sehr merkwürdig gefunden haben. Er begleitete mich sogar bis ins Vorzimmer und sprach die ganze Zeit, ich aber antwortete nichts und sah ihn nicht einmal an.

IV.
Als ich auf die Straße trat, bog ich nach links und ging weiter, ohne zu denken, wohin. Meine Gedanken waren alle wie zerrissen und verstreut. Ich ging langsam, und ich glaube, ich war schon ein gutes Stück gegangen, wohl über fünfhundert Schritt, als ich plötzlich einen leichten Schlag auf meiner Schulter fühlte. Ich sah mich um und erblickte Lisa: sie hatte mich eingeholt und mit dem Sonnenschirm leicht auf die Schulter geschlagen. Etwas ungeheuer Lustiges und zugleich auch etwas Schelmisches lag in ihrem strahlenden Blick.

„Nein, bin ich froh, daß du nach dieser Seite gegangen bist, sonst hätte ich dich heute nicht mehr erreicht!“ Sie war vom schnellen Gehen etwas außer Atem.

„Wie du außer Atem bist.“

„Ich bin so schnell gegangen, fast gelaufen, um dich einzuholen.“

„Lisa, das warst doch du, die ich vorhin gesehen habe?“

„Wo?“

„Beim Fürsten … beim Fürsten Ssokolski …“

„Nein, das war nicht ich, nein, mich hast du nicht gesehen …“

Ich schwieg; so gingen wir etwa zehn Schritt. Plötzlich fing Lisa furchtbar zu lachen an.

„Ich, ach, natürlich war ich es, ich, ich! Hör mal, du hast mich doch selbst gesehen, hast mir in die Augen gesehen und ich dir, wie kannst du nun noch fragen, ob ich es war? Nein, das ist mir mal ein Charakter! Und weißt du, ich wollte furchtbar lachen, als du mir dort in die Augen sahst; denn du sahst furchtbar komisch aus!“ Und sie lachte unbändig. Ich fühlte, wie sofort mein ganzer Kummer aus meinem Herzen schwand.

„Aber wie, sag doch, wie bist du denn hingekommen?“

„Ich war bei Anna Fjodorowna.“

„Bei was für einer Anna Fjodorowna?“

„Bei der Stolbejeff. Als wir in Luga waren, saß ich ganze Tage bei ihr, sie hat auch Mama bei sich empfangen und ist sogar selbst zu uns gekommen. Sonst aber hat sie dort fast mit keinem Menschen verkehrt. Mit Andrei Petrowitsch ist sie entfernt verwandt, und auch mit den Fürsten Ssokolski ist sie verwandt; sie ist, wenn ich mich nicht irre, eine Großtante des Fürsten.“

„So wohnt sie beim Fürsten?“

„Nein, der Fürst wohnt bei ihr.“

„Aber wessen Wohnung ist denn das?“

„Natürlich ihre Wohnung. Sie hat diese Wohnung schon seit einem ganzen Jahr. Der Fürst ist ja erst vor kurzem angekommen und bei ihr abgestiegen. Und auch sie ist erst seit vier Tagen in Petersburg.“

„Nun denn … weißt du was, Lisa, hol’ sie der Henker, ihre Wohnung und sie selbst …“

„Nein, sie ist ein prächtiger Mensch …“

„Na, meinetwegen, das kann sie ja sein, aber wir sind selbst prächtige Menschen! Sieh, was das für ein Tag ist, sieh, wie schön es ist! Und was du heute für eine Schönheit bist, Lisa! Aber weißt du, du bist doch noch ein richtiges Kind.“

„Arkadi, sag, jenes junge Mädchen von gestern …“

„Ach, sie tut mir so leid, Lisa, ach Gott, so schrecklich leid!“

„Ja, wie ist das traurig! Was war das für ein Los! Weißt du, es ist sogar sündhaft, daß wir hier so fröhlich gehen, während ihre Seele jetzt irgendwo in der Finsternis schwebt, irgendwo in einer bodenlosen Finsternis, mit ihrer Sünde und mit dem Unrecht, das man ihr angetan. Arkadi, wer ist an ihrer Sünde schuld? Wie ist das grauenvoll! Denkst du auch jemals an diese Finsternis? Ach, wie ich den Tod fürchte, und wie sündhaft das ist! Ich liebe die Dunkelheit nicht, da ist doch solch eine Sonne ein ganz anderes Ding! Mama sagt, es sei Sünde, sich zu fürchten … Arkadi, sag, kennst du Mama gut?“

„Noch wenig, Lisa, nur wenig.“

„Wenn du wüßtest, was für ein Wesen sie ist! Du mußt Sie kennen lernen! Man muß sie erst ganz besonders und in ihrer Art verstehen lernen …“

„Aber auch dich habe ich ja bisher nicht gekannt und kenne dich jetzt doch ganz und gar. In einer Minute habe ich dich verstehen gelernt und begriffen. Du, Lisa, fürchtest zwar den Tod, aber du bist doch stolz, unerschrocken, mutig. Bist besser als ich, viel besser als ich! Ich liebe dich furchtbar, Lisa. Ach, Lisa! Mag, wenn es sein muß, der Tod kommen, aber bis dahin – leben, leben! Laß uns um jene Unglückliche trauern, aber das Leben laß uns dennoch segnen, nicht? Nicht? Ich habe eine ‚Idee‘, Lisa. Lisa, du weißt doch, daß Werssiloff die Erbschaft abgelehnt hat? Du kennst meine Seele nicht, Lisa, du weißt nicht, was dieser Mensch für mich bedeutet hat!“

„Wie sollte ich das nicht wissen, – alles weiß ich.“

„Alles weißt du? Nun ja, dafür bist du eben du! Du bist klug; du bist klüger als Wassin. Du und Mama – ihr habt durchdringende Augen, menschenfreundliche Augen, das heißt, ich meine den Blick, nicht die Augen, ich rede dummes Zeug … Ich bin in vieler Hinsicht schlecht, Lisa.“

„Dich muß man nur an der Hand nehmen, und das ist alles!“

„Nimm mich, Lisa. Wie schön es heute ist, dich anzusehen. Ja, weißt du auch, daß du ganz entzückend aussiehst? Ich habe noch niemals deine Augen gesehen … Erst jetzt zum erstenmal … Wo hast du sie heute hergenommen, Lisa? Wo gekauft? Wieviel bezahlt? Lisa, ich habe noch nie einen Freund gehabt, ja, und ich betrachte diese Freundschaftsidee überhaupt als Unsinn; aber Freundschaft mit dir wäre kein Unsinn … Willst du, so laß uns Freunde werden? Du verstehst, was ich sagen will …?“

„Sehr gut sogar.“

„Und weißt du, ohne Abmachungen, ohne Kontrakt, – laß uns einfach Freunde sein!“

„Ja, einfach, ganz einfach, aber nur eine Abmachung: wenn wir uns irgendeinmal gegenseitig beschuldigen sollten, wenn wir einmal unzufrieden werden oder sogar böse und schlecht, ja, selbst wenn wir alles dieses vergessen sollten, – so wollen wir doch niemals den heutigen Tag und diese Stunde vergessen! Geben wir uns das Wort darauf! – Das Wort, daß wir immer dieses Tages gedenken werden, wo wir zwei so Hand in Hand gingen und lachten und uns so froh zumute war … Ja? Ja?“

„Ja, Lisa, ja, und ich schwöre dir das. Aber weißt du, Lisa, mir ist, als hörte ich dich zum erstenmal … Lisa, hast du viel gelesen?“

„Bis jetzt hast du noch nie danach gefragt! Erst gestern zum erstenmal, als ich mich versprach und mich wie Mama ausdrückte, geruhten Sie, das zu bemerken, mein hochgeehrter Herr und Philosoph.“

„Warum hast du denn nicht selbst mit mir zu sprechen angefangen, wenn ich so ein Dummkopf war?“

„Ich habe immer darauf gewartet, daß du klüger werden würdest. Ich habe Sie, mein Herr, von Anfang an durchschaut, und wie ich Sie, Arkadi Makarowitsch, durchschaut hatte, da dachte ich bei mir: ‚Er wird schon zu mir kommen, es wird ja bestimmt damit enden, daß er kommt,‘ – nun, und so nahm ich mir vor, diese Ehre Ihnen zu überlassen, als erster den Schritt zu tun. ‚Nein,‘ dachte ich, ‚mach du mir erst mal den Hof!‘“

„Ach, du Kokette! Na, Lisa, gestehe mal ehrlich: Hast du in diesem Monat über mich gelacht oder nicht?“

„Oh! – du bist so komisch, du bist furchtbar komisch, Arkadi! Und weißt du, vielleicht habe ich dich gerade deswegen am meisten geliebt in diesem Monat, – weil du solch ein Sonderling bist. Aber du bist in vielen Dingen auch ein häßlicher Sonderling – das sage ich dir, damit du mir nicht zu stolz wirst. Aber weißt du auch, wer noch über dich gelacht hat? Mama hat über dich gelacht, mit mir zusammen: ‚So ein drolliger Kauz,‘ flüsterte sie mir dann zu, ‚sieh nur, was für ein drolliger Kauz!‘ Du aber sitzt und denkst dabei, wir säßen und zitterten vor dir.“

„Lisa, wie denkst du über Werssiloff?“

„Ich halte sehr viel von ihm; aber weißt du, wir wollen jetzt lieber nicht über ihn sprechen. Heute brauchen wir nicht über ihn zu sprechen, nicht wahr?“

„Ja, du hast recht! Nein, du bist wirklich furchtbar klug, Lisa! Du bist unbedingt klüger als ich. Warte nur, Lisa, ich mache mit alledem ein Ende, und vielleicht sage ich dir dann etwas …“

„Warum machst du nun ein so finsteres Gesicht?“

„Nein, ich mache kein finsteres Gesicht, Lisa, das war nur so … Sieh, Lisa, ich spreche es lieber offen aus: das ist so eine meiner Eigenheiten, daß ich es nicht liebe, wenn man manches Empfindliche, was man so in der Seele hat, mit den Fingern anrührt … oder sagen wir: wenn man gewisse Gefühle oft anderen aufdeckt oder sie hervorzieht, damit alle sie sehen, so ist das doch eine Schande, nicht wahr? Deshalb ziehe ich es vor, düster zu sein und zu schweigen. Du bist klug, du mußt das verstehen.“

„Nicht nur das, ich bin auch selbst so; ich habe dich in allem verstanden. Weißt du auch, daß auch Mama so ist?“

„Ach, Lisa! Wenn man nur länger auf Erden leben könnte! Wie? Was sagtest du?“

„Nein, ich habe nichts gesagt.“

„Du siehst mich an?“

„Ja, und auch du siehst mich an. Ich sehe dich an und liebe dich.“

Ich begleitete sie fast bis nach Hause und gab ihr meine Adresse. Beim Abschied küßte ich sie zum erstenmal im Leben.

V.
Und alles wäre gut gewesen, aber nur eines war schlecht: ein schwerer Gedanke wälzte sich in mir schon seit der Nacht und ging mir nicht aus dem Sinn. Es war das die Erinnerung, daß ich am Abend vorher, als ich vor unserer Hofpforte mit jener Unglücklichen zusammengetroffen war, ihr gesagt hatte, ich ginge aus dem Hause, verließe das Nest; denn von bösen Menschen müsse man fortgehen und sein eigenes Nest bauen, und Werssiloff hätte viele außereheliche Kinder. Solche Worte über den Vater vom leiblichen Sohn gesagt, hatten natürlich ihren ganzen Verdacht gegen Werssiloff bestätigt, auch den, daß sie von ihm beleidigt worden sei. Ich hatte Stebelkoff angeklagt, aber vielleicht war vor allen anderen ich derjenige gewesen, der Öl ins Feuer gegossen hatte. Dieser Gedanke war schrecklich und ist es noch heute … Damals aber, an jenem Morgen, hatte er zwar schon angefangen, mich zu quälen, aber es schien mir doch noch alles Einbildung zu sein. „Ach, da hatte sich auch ohne mein Dazutun schon genug angesammelt und aufgehäuft,“ wiederholte ich mir immer wieder. „Ach, tut nichts, es wird schon vorübergehen! Ich werde mich bessern! Ich werde das irgendwie gutmachen … durch irgendeine gute Tat … Ich habe noch fünfzig Jahre vor mir!“

Aber der Gedanke quälte doch weiter.

Zweiter Teil
Erstes Kapitel.
I.
Ich überspringe einen Zeitraum von fast zwei Monaten; der Leser braucht sich aber nicht zu beunruhigen: aus dem Folgenden wird ihm alles klar werden. Besonders einen Tag, den fünfzehnten November, möchte ich scharf hervorheben, – diesen Tag, der mir aus vielen Gründen nur zu gut im Gedächtnis geblieben ist. Vor allen Dingen hätte mich damals niemand wiedererkannt, der mich zwei Monate vorher gesehen hatte, wenigstens nicht mein Äußeres, oder wenn er mich auch wiedererkannt hätte, so hätte er sich diese Veränderung doch nicht erklären können. Ich war hyperelegant gekleidet – das war das erste. Jener „gewissenhafte Franzose mit eigenem Geschmack“, der mir von Werssiloff einmal empfohlen worden war, hatte mir nicht nur einen ganzen Anzug gemacht, sondern war mir schon nicht mehr fein genug: für mich arbeiteten damals ganz andere Schneider, höhere, erstklassige, und ich habe bei ihnen sogar laufende Rechnung. Auch in einem hiesigen vornehmen Restaurant habe ich laufende Rechnung, aber hier wage ich es noch nicht recht, und sobald ich wieder Geld habe, bezahle ich sofort, obschon ich weiß, daß ein solches Bezahlen mauvais ton[37] ist und mich kompromittiert. Auf dem Newski habe ich einen französischen Friseur, mit dem ich mich sehr gut stehe, und wenn ich mich von ihm frisieren lasse, erzählt er mir alle möglichen Geschichten. Um die Wahrheit zu sagen, ich spreche mit ihm, um mich im Französischen zu üben. Ich beherrsche ja die Sprache, und sogar ganz gut, aber in großer Gesellschaft habe ich doch noch eine gewisse Scheu selbst anzufangen; und meine Aussprache ist wohl auch längst nicht pariserisch. Ich habe Matwei, meinen Fiaker, der mit seinem Traber zu meinen Diensten steht, wo und wann ich bestimme. Er hat einen hellbraunen Hengst (Schimmel liebe ich nicht). Manches stimmte auch nicht ganz: es war der fünfzehnte November, seit drei Tagen hatten wir schon Winter, mein Pelz aber war alt, ein von Werssiloff längst abgelegter; hätte ich ihn verkauft, so würde ich etwa fünfundzwanzig Rubel bekommen haben. „Ich muß mir einen neuen anschaffen,“ sagte ich mir, „aber meine Taschen sind leer, und außerdem muß ich mir noch zu heute abend um jeden Preis Geld verschaffen, sonst bin ich verloren.“ – „Unglücklich und verloren“ – das waren damals meine eigenen Worte. O Niedrigkeit! Wie, woher kamen auf einmal diese Tausende, dieser Traber und diese vornehmen Restaurants? Wie hatte ich so schnell alles vergessen und mich so verändern können? O Schmach! Ja, jetzt beginne ich die Geschichte meiner Schmach und Schande, und nichts im Leben kann für mich beschämender sein, als es diese Erinnerungen sind!

Ich sage das als mein eigener Richter, und ich weiß, daß ich schuldig bin. In diesem Strudel, in den ich damals hineingeraten war, und in dem ich mich drehte, war ich zwar allein, ohne Führer und Ratgeber, aber ich schwöre, auch damals schon wußte ich, daß ich gefallen war, und deshalb bin ich nicht zu entschuldigen. Und dennoch war ich in diesen zwei Monaten beinah glücklich, – warum sage ich „beinah“? Ich war gar zu glücklich! War es sogar in solchem Maße, daß selbst das Bewußtsein meiner Schmach, das von Zeit zu Zeit in mir aufblitzte (und wie oft!), und unter dem mein Herz sich zusammenkrampfte, – daß dieses Bewußtsein (wird man es glauben?) mich noch mehr berauschte: „Ach nun, fällt man, dann fällt man; für immer falle ich ja doch nicht, ich komme schon wieder heraus! Ich habe meinen Stern!“ – Ich ging gleichsam auf einem schmalen Stege aus Holzstäben und ohne Geländer über einem Abgrund, und es machte mir Spaß, daß ich so ging; ich sah sogar in den Abgrund hinab. Es war ein Wagnis, und es war lustig. Aber meine „Idee“? – Die „Idee“, die war für später, die Idee wartete; alles, was jetzt war und geschah, war „nur ein kleiner Seitensprung“: „Warum sich denn nicht ein bißchen amüsieren?“ Das ist ja eben das Schlechte an „meiner Idee“, ich sage es hier nochmals, daß sie entschieden alle Seitensprünge zuläßt; wäre sie weniger fest und radikal, so hätte ich vielleicht nicht gewagt, mich ablenken zu lassen.

Indessen war ich immer noch der Inhaber meines kleinen möblierten Mietzimmers, war der Mieter, aber nicht der Bewohner desselben. Dort lagen mein Koffer, meine Reisetasche und noch andere Sachen, doch meine Hauptresidenz war beim Fürsten Ssergei Ssokolski. Ich saß bei ihm, ich schlief bei ihm, und das sogar wochenlang … Wie es dazu kam, will ich gleich erklären, zunächst aber will ich noch ein paar Worte über dieses Zimmerchen sagen. Es war mir schon liebgeworden: hierher war Werssiloff gekommen, er selbst als erster nach unserem damaligen Zerwürfnis, hier hatte er damals gesessen, und dann noch viele Male. Ich wiederhole: diese Zeit war für mich eine furchtbare Schmach, zugleich aber auch ein riesiges Glück … Und alles traf sich damals so gut und gelang mir und lächelte mir! „Und wozu diese ganze frühere Griesgrämigkeit,“ fragte ich mich in manchen seligen Minuten, „wozu diese alten schweren Wunden, meine einsame und traurige Kindheit, meine dummen Träume unter dem Kinderdeckchen, meine Schwüre, Pläne und selbst meine ‚Idee‘? Ich habe das alles in die Luft gebaut und mir ausgedacht, und nun erweist es sich, daß in der Welt etwas ganz anderes ist. Mir ist jetzt doch so froh und leicht zumute: ich habe einen Vater – Werssiloff, ich habe einen Freund – Fürst Sserjosha, und ich habe noch …“ doch von diesem noch – reden wir lieber nicht. Ach, alles geschah im Namen der Liebe, der Großmut, der Ehre. Dann aber stellte sich heraus, daß alles schändlich, gemein und ehrlos war.

Genug.

II.
Das erstemal war er am dritten Tage nach unserem damaligen Zerwürfnis zu mir gekommen. Ich war nicht zu Hause, und so blieb er und wartete auf mich. Ich hatte schon diese ganzen drei Tage auf ihn gewartet, aber als ich in mein Zimmer trat und ihn erblickte, flimmerte es mir vor den Augen, und mein Herz klopfte so stark, daß ich in der Tür stehen blieb. Zum Glück saß mein Wirt bei ihm, der sich für verpflichtet gehalten hatte, sich dem Gast, damit diesem das Warten nicht langweilig werde, vorzustellen und ihn mit Eifer zu unterhalten. Er war ein kleiner Beamter, Titularrat, schon in den Vierzigern, sehr pockennarbig, sehr arm, und hatte eine kranke, schwindsüchtige Frau und ein krankes Kind. Seinem Charakter nach war er äußerst mitteilsam und friedfertig, übrigens auch ziemlich taktvoll. Ich freute mich über seine Anwesenheit, er half wenigstens über den Anfang hinweg; denn was hätte ich sonst zu Werssiloff sagen sollen? Ich hatte ja gewußt, genau gewußt, diese ganzen drei Tage gewußt, daß Werssiloff selbst kommen, als erster kommen werde, – genau so, wie ich das wünschte; denn ich wäre um keinen Preis als erster zu ihm gegangen, nicht etwa aus Trotz und Verstocktheit, sondern einzig aus Liebe zu ihm, aus einer gewissen Liebeseifersucht, oder – ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Ja, und überhaupt wird der Leser keinen schönen Redefluß bei mir finden. – Aber obschon ich ihn diese ganzen drei Tage erwartet und mir fast ununterbrochen vorgestellt hatte, wie er, wenn er käme, in mein Zimmer eintreten werde, so hatte ich mir doch nie im voraus ausdenken können, obschon ich mich krampfhaft anstrengte, wovon wir beide zu sprechen anfangen würden … nach allem, was geschehen war.

„Ah, da bist du ja,“ sagte er und streckte mir freundschaftlich die Hand entgegen, ohne sich dabei zu erheben. „Setze dich mal zu uns; Pjotr Ippolitowitsch erzählt eine überaus interessante Geschichte von dem Großen Stein, der in der Nähe der Pawlowsker Kasernen liegt … oder hier irgendwo in der Umgegend …“

„Ja, ich kenne den Stein,“ sagte ich schnell und setzte mich zu ihnen auf einen Stuhl. Sie saßen am Tisch. Das ganze Zimmer war genau vier Quadratmeter groß. Ich holte einmal tief Atem.

Ein Funken von Zufriedenheit blitzte in Werssiloffs Augen auf; ich glaube, er hatte mir keine besondere Haltung zugetraut und befürchtet, ich würde mich Gott weiß wie benehmen. Nun war er beruhigt.

„Erzählen Sie es lieber nochmals von Anfang an, Pjotr Ippolitowitsch.“ – Sie redeten sich schon mit dem Vor- und Vatersnamen an.

„Ja, also, was ich sagen wollte, – das hat sich nämlich noch zu Nikolais des Ersten Zeiten zugetragen,“ wandte sich Pjotr Ippolitowitsch nervös und mit einer gewissen Pein zu mir, als litte er schon im voraus unter der Möglichkeit, daß seine Geschichte keinen Eindruck machen könnte. „Sie kennen doch diesen Stein, – plötzlich so ein großer Stein auf der Straße: warum? wozu? – er stört doch nur, nicht wahr? Majestät fuhren mehrere Mal den Weg, und jedesmal war dieser Stein da. Schließlich mißfiel das Majestät, und es ist doch auch wahr: so ein ganzer Berg, auch noch mitten auf der Straße, er ist doch nur im Wege, nicht wahr? ‚Der Stein ist zu beseitigen!‘ sagt Majestät. Nun, einmal gesagt, ist zu beseitigen – Sie verstehen, was das heißt, dieses ‚ist‘ und ‚zu beseitigen‘? Man weiß doch, wie der Selige war. Also: was tun mit diesem Stein? Alle verloren den Kopf. Da war nämlich die Stadtduma, und dann hauptsächlich war da, ich weiß nicht mehr wer, nämlich einer von unseren Aristokraten, damals die erste Persönlichkeit, und dieser hatte für alles aufzukommen. Und dieser selbe Würdenträger hört sie nun alle an, die Ratgeber nämlich: fünfzehntausend Rubel werde es kosten, sagen sie, nicht weniger, und in Silber (denn in der Regierungszeit des Seligen stand das Metallgeld höher im Wert als das Papiergeld). ‚Was, fünfzehntausend, Blödsinn!‘ sagt der Würdenträger. Die Engländer wollten nämlich zuerst Schienen legen bis zum Stein und ihn mit Dampfkraft fortschaffen; aber was hätte das gekostet? Eisenbahnen gab es doch damals bei uns noch nicht, nur die eine nach Zarskoje Sselo, die ging schon …“

„Ach was, man hätte ihn doch einfach zersägen können,“ sagte ich mit wachsendem Verdruß; ich ärgerte mich und schämte mich vor Werssiloff; er aber hörte mit sichtlichem Vergnügen zu. Ich begriff, daß auch er über die Anwesenheit des Wirtes froh war; denn mit mir allein zu sein, wäre auch ihm peinlich gewesen, und er schämte sich sogar vor mir, das sah ich; ich weiß noch, ich empfand das fast als rührend von ihm.

„Jawohl, jawohl, gerade das war’s ja auch, worauf man dann verfiel, und es verfiel darauf von allen nur Monferrand, der nämlich damals gerade die Isaakskirche baute. ‚Zersägen und fortführen,‘ riet er. Jawohl, aber was wird das kosten?“

„Nichts kostet das, man zersägt einfach und führt die Stücke fort.“

„Nein, erlauben Sie, da muß man doch eine Maschine aufstellen, eine Dampfmaschine, und dann: wohin fortführen? Und dazu solch einen Riesenstein, fast wie ein Berg? Zehntausend, sagt man, weniger wird es nicht kosten, zehn- oder zwölftausend.“

„Hören Sie mal, Pjotr Ippolitowitsch, das ist doch barer Unsinn, das kann doch nicht so gewesen sein …“ Aber da blinzelte mir Werssiloff heimlich zu, und in diesem geheimen Zeichen, das er mir gab, lag so viel feinfühlendes Mitgefühl mit meinem Wirt, ja sogar ein so aufrichtiges Leiden für ihn, daß mir das ungeheuer gefiel, und ich begann zu lachen.

„Ja … ja …“ freute sich mein Wirt, der natürlich nichts bemerkt hatte und nur fürchtete, wie alle diese Erzähler, daß man ihn durch Fragen aus dem Text bringen könnte. „Ja, und da kommt nun gerade ein Kleinbürger des Weges gegangen, ein noch junger Mann, so, wissen Sie, ein echter Russe, Vollbart und Hemdbluse, und womöglich mit so einem kleinen Rausch … oder nein, berauscht war er nicht. Und da steht nun dieser Kleinbürger und hört zu, wie sie da beraten, nämlich die Engländer und der Monferrand; und dieser Würdenträger, die Hauptperson, ist gerade im Wagen angefahren gekommen, hört sie an und ärgert sich: wie sie sich da so lange beraten und doch nicht Rat zu schaffen wissen! Und da fällt sein Blick auf diesen Kleinbürger, auf denselben nämlich, der etwas weiter fort steht, zuhört und so etwas falsch lächelt, das heißt, nicht falsch, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt, aber so, nämlich sozusagen etwas … etwas …“

„Spöttisch,“ half ihm Werssiloff vorsichtig.

„Spöttisch, ja, das ist das Wort, das heißt, ein wenig spöttisch, nämlich so mit einem gutmütigen russischen Lächeln, genau so, wissen Sie. Nun, dem Würdenträger war das natürlich wieder ein Grund zum Ärger, man weiß ja, wie das ist: ‚Heda, du, was hältst du hier Maulaffen feil? Wer bist du?‘

‚Ja so,‘ sagt er, ‚ich sehe mir das Steinchen an, Euer Gnaden.‘ Gerade so sagte er, nämlich zu dem Würdenträger. – Ja, war das nicht am Ende Fürst Ssuworoff Italijski selber, das heißt ein Nachkomme des alten Feldmarschalls …? Oder nein, das war kein Ssuworoff, – schade, ich hab’s nämlich vergessen, wer es war, nur war er, wissen Sie, wenn auch Durchlaucht und was nicht alles, so doch ein echter Russe, so ein russischer Typus, Patriot, mit einem verstehenden russischen Herzen; na, er erriet sofort:

‚So, siehst das Steinchen an und lachst dabei – würdest du etwa den Stein fortschaffen können? – Worüber lachst du denn?‘

‚Mehr so eigentlich über die Engländer, Euer Gnaden,‘ sagt er, ‚die machen doch einen schon gar zu hohen Preis, weil der russische Beutel dick ist und sie zu Hause nichts zu essen haben. Wenn Euer Gnaden mir hundert Rubel aussetzen wollten – bis morgen abend schaffen wir das Steinchen aus dem Wege.‘

Nun, können Sie sich einen solchen Vorschlag denken? Die Engländer hätten ihn vor Wut natürlich gefressen; Monferrand lacht; nur dieser Würdenträger mit dem russischen Herzen sagt: ‚Man gebe ihm die hundert Rubel! Wirst du ihn wirklich fortschaffen können?‘

‚Morgen gegen Abend wird er weg sein, Euer Gnaden.‘

‚Ja, aber, wie willst du das machen?‘

‚Das mag schon, mit Verlaub, wenn Euer Gnaden das nicht übelnehmen, unser Geheimnis bleiben,‘ sagt er, und wissen Sie, sagt es so richtig russisch! Das gefiel dem Würdenträger. ‚Man gebe ihm alles, was er verlangt!‘ Und dabei blieb’s. Was glauben Sie wohl, was er nun tat?“

Mein Wirt machte eine Kunstpause und sah mit gerührtem Blick bald mich, bald Werssiloff an.

„Ich weiß es nicht,“ sagte Werssiloff lächelnd; ich ärgerte mich.

„Ja, sehen Sie, er tat das nämlich so,“ hub der Wirt nun mit einem solchen Triumphgefühl an, als hätte er das alles selbst gemacht. „In kürzester Zeit hatte er sich soundso viele Bauern mit Spaten gedungen, ganz gewöhnliche, aber so richtige russische Bauern, und mit denen begann er dicht beim Stein eine Grube zu graben; die ganze Nacht gruben sie, gruben eine riesige Grube, so groß wie der Stein, sogar noch etwas größer, und als die fertig war, ließ er allmählich und vorsichtig und immer mehr die Erde auch unter dem Stein weggraben. Nun, das ist doch erklärlich, je mehr sie unten weggruben, um so weniger hatte der Stein Boden unter sich, auf dem er stehen konnte, und um so mehr kam sein Gleichgewicht ins Wanken; und wie er dann ganz ins Wanken kam, da stemmten sie sich noch alle Mann von der anderen Seite gegen den Stein, so, wissen Sie, mit Hurra und auf russische Art: der Stein schaukelte mal, und – plumps! fiel er in die Grube! Dann wurde fix zugeschaufelt, mit einem Rammklotz festgestampft, mit Steinchen festgepflastert – alles glatt, und der Stein war weg!“

„Denken Sie sich!“ sagte Werssiloff.

„Und was da an Menschen zusammenlief! Menschen, mehr als man zählen kann! Die Engländer, die nämlich schon längst alles erraten hatten, stehen da, sind wütend. Monferrand kommt angefahren: ‚Das,‘ sagt er, ‚ist bäurisch gemacht, ist gar zu einfach.‘ – Aber das ist doch gerade der ganze Witz der Sache, daß es so einfach zu machen war, ihr aber, ihr Schafsköpfe, seid nicht darauf verfallen! Und ich kann Ihnen sagen, dieser Vorgesetzte, nämlich dieser hohe Würdenträger und Staatsmann, – der umarmte ihn einfach und küßte ihn: ‚Ja, woher kommst du, wer bist du?‘ fragt er ihn. – ‚Wir sind aus dem Jaroslawschen, Euer Gnaden, sind unserem Handwerk nach, mit Verlaub zu sagen, eigentlich Schneider, im Sommer aber kommen wir nach der Hauptstadt, um mit Früchten bißchen Handel zu treiben, Euer Gnaden.‘ Nun, die Obrigkeit erfuhr davon, und ihm wurde eine Medaille umgehängt; und so ging er denn seit der Zeit immer mit der Medaille am Halse; aber dann hat er sich dem Trunk ergeben, sagt man. Wissen Sie, ein russischer Mensch, der bändigt sich ja nicht! Deshalb nämlich werden wir auch bis heute von den Ausländern ausgesogen, ja … Ja … sehen Sie wohl!“

„Ja, allerdings, die russische Art …“ begann Werssiloff, aber da wurde mein Wirt von der kranken Frau gerufen, und er mußte zu ihr eilen, – zu seinem Glück; denn ich hätte mich nicht mehr lange bezwingen können. Werssiloff lachte.

„Mein Lieber, er hat mich ja schon eine ganze Stunde amüsiert, noch bevor du kamst. Diese Anekdote vom Stein … die ist doch für ihn die einzige Möglichkeit, sein patriotisches Empfinden auszudrücken, – wie darf man ihn da unterbrechen? Du hast es doch selbst gesehen: er verging ja förmlich vor Wonne. Und außerdem liegt dieser Stein, wenn ich mich nicht sehr irre, noch heute dort und ist noch niemals versenkt worden …“

„Ach, bei Gott!“ rief ich, „das ist allerdings wahr! Aber wie durfte er dann …“

„Was hast du? Du bist ja, wie’s scheint, ganz ernstlich aufgebracht? Laß gut sein. Er hat da etwas verwechselt. Ich habe eine ähnliche Geschichte von einem Stein schon in meiner Kindheit gehört, nur lag jener Stein selbstverständlich irgendwo anders. Ich bitte dich: ‚die Obrigkeit erfuhr davon‘! – seine ganze Seele sang ja förmlich, als er das sagte. In diesem traurigen Milieu geht es ja nicht ohne Anekdoten. Sie kennen eine Unmenge solcher Geschichten, und sie gefallen ihnen … Hauptsächlich wegen ihrer eigenen Ungeistigkeit. Sie haben nichts gelernt, sie wissen nichts Wissenswertes, nun, ein Mensch aber will doch manchmal auch von etwas anderem reden, als nur vom Kartenspiel oder ewig fachsimpeln, man will doch auch einmal von etwas allgemein Menschlichem, Poetischem reden … Was ist er, dieser Pjotr Ippolitowitsch?“

„Ein armer Kerl, und sogar ein unglücklicher Mensch.“

„Nun, siehst du, vielleicht spielt er nicht einmal Karten? Ich sage dir nochmals, mit der Erzählung solcher Anekdötchen kommt er dem Bedürfnis seiner Nächstenliebe nach: er wollte doch auch uns glücklich machen. Und auch seiner Vaterlandsliebe hat er ein Genüge getan. Dann haben sie da noch eine Anekdote, – wie die Engländer Sawjaloff eine Million gezahlt hätten, damit er seine Fabrikate nicht mehr mit seiner Fabrikmarke versehe.“

„Ach Gott, ja, diese Anekdote habe ich auch gehört.“

„Wer hat sie nicht gehört? Und wenn er sie erzählt, weiß er ja ganz genau, daß du sie schon gehört hast, aber er erzählt sie trotzdem und macht sich selbst glauben, daß du sie noch nicht gehört hast. Die Anekdote vom Traum des Schwedenkönigs scheint bei ihnen jetzt schon veraltet zu sein; in meiner Jugend wurde sie noch mit Wonne erzählt, und in geheimnisvollem Flüsterton, ganz wie die andere Geschichte, daß zu Anfang des Jahrhunderts jemand im Senat vor den Senatoren auf den Knien gelegen habe. Über den Kommandanten Baschutzki gab es gleichfalls viele Anekdoten, zum Beispiel, wie das Denkmal gestohlen wurde. Besonders beliebt sind Anekdoten, die sich angeblich bei Hofe zugetragen haben. Zum Beispiel von Tschernüschoff, dem ehemaligen Premierminister; etwa wie er, der siebzigjährige Greis, sich äußerlich so herzurichten verstanden hätte, daß er wie ein Dreißigjähriger aussah, und der selige Kaiser sich bei den Empfängen jedesmal über ihn wunderte.“

„Auch diese Geschichte kenne ich.“

„Wer kennt sie nicht? Alle diese Anekdoten sind der Gipfel geistiger Unsachlichkeit; aber du mußt wissen, daß dieser Typ des unsachlichen Menschen viel tiefer sitzt und sogar viel verbreiteter ist, als wir gemeinhin annehmen. Die Lust zu lügen, um seinen Nächsten glücklich zu machen, wirst du sogar in unserer besten Gesellschaft antreffen; denn wir leiden alle an dieser Unenthaltsamkeit unserer Herzen. Nur sind unsere Geschichten von etwas anderer Art; was aber bei uns zum Beispiel allein von Amerika alles erzählt wird, und noch dazu von Staatsmännern, das ist fürchterlich. Ja, ich muß bekennen, daß ich selbst zu diesem unenthaltsamen Typ gehöre und mein ganzes Leben lang darunter gelitten habe …“

„Die Anekdote von Tschernüschoff habe auch ich schon ein paarmal erzählt.“

„Sogar schon selbst erzählt?“

„Hier ist außer mir noch ein Zimmermieter, ein Beamter, der gleichfalls Pockennarben hat, ein schon alter Mann, aber er ist ein furchtbarer Prosaiker, und sobald Pjotr Ippolitowitsch zu erzählen beginnt, fängt er sofort an ihn zu unterbrechen und aus dem Text zu bringen. Das hat er so weit gebracht, daß mein Wirt ihn wie ein Sklave bedient und ihm alles zu Gefallen tut, damit er ihn nur erzählen läßt.“

„Das ist bereits ein anderer Typ des Unsachlichen und vielleicht sogar ein widerlicherer als der erste. Der erste – ist ganz Begeisterung! ‚Laß mich nur etwas faseln, und du wirst sehen, wie schön alles sich abspielt!‘ Der zweite Typ – ist ganz Mißgunst und Prosa: ‚Ich laß dich nicht faseln, wo geschah das, wann, in welchem Jahre?‘ – mit einem Wort, der zweite Typ ist ein Mensch ohne Herz. Mein Freund, laß den Menschen immer ein wenig dichten – es ist eine unschuldige Lust. Laß ihn sogar viel dichten. Erstens beweist du damit Zartgefühl, und zweitens wird man dich dafür gleichfalls dichten lassen – also zwei Vorteile zugleich. Que diable![38] Man muß seinen Nächsten lieben. Aber für mich ist es Zeit. Du hast dich sehr nett eingerichtet,“ bemerkte er, sich vom Stuhl erhebend. „Ich werde Ssofja Andrejewna und deiner Schwester erzählen, daß ich bei dir gewesen bin und dich bei guter Gesundheit angetroffen habe. Auf Wiedersehen, mein Lieber.“

Wie, war das alles? Aber das war ja gar nicht das, was ich brauchte! Ich hatte etwas ganz anderes erwartet, natürlich die Hauptsache, aber ich begriff nun und sah ein, daß es anders ja gar nicht möglich war. Ich nahm das Licht und begleitete ihn auf die Treppe hinaus; auch mein Wirt eilte diensteifrig herbei und wollte ihn gleichfalls begleiten, aber ich packte ihn hinter Werssiloffs Rücken am Arm und stieß ihn wütend zurück. Er sah mich zwar verwundert an, drückte sich aber sogleich.

„Diese Treppen …“ sagte Werssiloff undeutlich und langsam, augenscheinlich nur, um etwas zu sagen und somit zu verhüten, daß ich etwas sagte, wovor er Angst zu haben schien, „… diese Treppen – ich bin an so was nicht gewöhnt, und du wohnst im dritten Stock, – übrigens, jetzt finde ich schon den Weg … Bemühe dich nicht, mein Lieber, du wirst dich noch erkälten.“

Aber ich ging nicht zurück. Wir waren schon auf der zweiten Treppe.

„Ich habe diese ganzen drei Tage nur auf Sie gewartet,“ entrang es sich mir plötzlich; wie von selbst; mein Atem stockte.

„Ich danke dir, mein Lieber.“

„Ich wußte, daß Sie bestimmt kommen würden.“

„Und ich wußte, daß du wußtest, daß ich bestimmt kommen würde. Hab Dank, mein Lieber.“

Er verstummte. Wir waren fast schon an der Haustür angelangt, und ich folgte ihm immer noch. Er wollte die Tür öffnen – ein kurzer Windstoß löschte mein Licht. Da ergriff ich plötzlich seine Hand; es war stockdunkel. Er zuckte zusammen, sagte aber nichts und schwieg. Ich beugte mich plötzlich über seine Hand und küßte sie gierig, küßte sie mehrmals, küßte sie immer wieder.

„Mein lieber Junge, ja wofür liebst du mich denn so?“ sagte er, aber schon mit einer ganz anderen Stimme.

Seine Stimme bebte, etwas ganz Neues klang in ihr, ganz als hätte nicht er gesprochen.

Ich wollte irgend etwas erwidern, brachte aber nichts über die Lippen und lief zurück nach oben. Er aber wartete immer noch und stand auf demselben Platz; erst als ich schon im dritten Stock angelangt war, hörte ich, wie unten die Haustür aufging und dann laut zuschlug. An meinem Wirt, der mir, weiß Gott weshalb, wieder in den Weg lief, schlüpfte ich schnell vorüber in mein Zimmer, verriegelte die Tür von innen und warf mich, ohne Licht zu machen, auf mein Bett, grub das Gesicht ins Kissen und – weinte, weinte. Zum erstenmal weinte ich wieder seit der Zeit bei Touchard! Das Schluchzen erschütterte mich mit solcher Gewalt, und ich war so glücklich … doch wozu das beschreiben.

Ich habe das jetzt niedergeschrieben, ohne mich zu schämen; denn vielleicht war das alles nur gut, trotz der ganzen Ungereimtheit.

III.
Aber er mußte mir dafür schon büßen! Ich wurde ein schrecklicher Despot. Selbstverständlich ist diese Szene von uns nachher nie erwähnt worden. Im Gegenteil, wir begegneten uns am dritten Tage, als hätte sich nicht das geringste zwischen uns zugetragen, – mehr noch: ich war an dem Abend nahezu grob, und er war auch von einer gewissen wortkargen Trockenheit. Das trug sich wieder in meiner Wohnung zu; ich war, ich weiß nicht weshalb, noch immer nicht zu ihnen gegangen, trotz meines Verlangens, meine Mutter zu sehen.

Gesprochen haben wir in dieser ganzen Zeit, das heißt, in diesen ganzen zwei Monaten, nur von den abstraktesten Dingen. Und darüber muß ich mich nun eigentlich wundern: wir taten wirklich nichts anderes, als Gespräche über die abstraktesten Themata führen, natürlich waren es allgemein menschliche und die für unsere Zeit wichtigsten Themata, aber sie berührten nicht im entferntesten die dringendsten Fragen unseres persönlichen Lebens in der konkreten Wirklichkeit. Und dabei gab es in dieser Wirklichkeit so vieles, was festgesetzt und aufgeklärt werden mußte, und das tat sogar dringend not, aber gerade darüber schwiegen wir. Ich sprach sogar mit keinem Wort von meiner Mutter oder Lisa und … nun, und schließlich auch nicht von mir und meiner ganzen Geschichte. Geschah das nun aus Schamgefühl oder aus einer gewissen jugendlichen Dummheit – das weiß ich nicht. Ich nehme an, daß es Dummheit war; denn über das Schamgefühl hätte man sich immerhin noch hinwegsetzen können. Ich spielte ihm gegenüber, wie gesagt, den Despoten, und manchmal wurde ich sogar unverschämt, wurde es aber eigentlich gegen meine Absicht: ich weiß nicht, das geschah alles irgendwie ganz von selbst und unbezwingbar, ich konnte mich nicht zurückhalten. In seinem Ton dagegen lag nach wie vor ein feiner Spott, wenn er auch immer überaus freundlich war, trotz aller meiner Ausfälle. Es wunderte mich auch nicht wenig, daß er selbst lieber zu mir kam, so daß ich schließlich nur noch sehr selten zu Mama ging, höchstens einmal in der Woche, nicht öfter, besonders in der allerletzten Zeit, als ich schon ganz und gar vom Wirbel erfaßt worden war und mich in ihm drehte. Er kam immer abends, saß bei mir und unterhielt sich mit mir; auch mit meinem Wirt unterhielt er sich gern, – das ärgerte mich bei einem Menschen wie ihm. Mir kam auch der Gedanke: Hat er denn außer mir wirklich keinen Menschen, zu dem er gehen könnte? Doch ich wußte ganz genau, daß er noch andere Bekannte hatte und in der letzten Zeit sogar frühere Beziehungen zu der höheren Gesellschaft, die von ihm vor einem Jahr abgebrochen worden waren, wieder erneuert hatte; aber ich glaube, der Verkehr mit ihnen lockte ihn nicht sonderlich; viele Beziehungen hatte er nur offiziell erneuert, und wie mir schien, kam er lieber zu mir. Es rührte mich manchmal sehr, daß er, wenn er abends zu mir kam, fast jedesmal beim Öffnen der Tür gleichsam zagte und in der ersten Minute mir immer mit einer sonderbaren Unruhe in die Augen sah, als wollte er fragen: ‚Störe ich nicht? Sage es nur, und ich gehe.‘ Ja, er sprach das manchmal sogar aus. Einmal, zum Beispiel, es war in der letzten Zeit, kam er, als ich gerade vom Schneider meinen Anzug erhalten und mich angekleidet hatte, um zum „Fürsten Sserjosha“ zu fahren, mit dem ich mich irgendwohin begeben wollte (wohin – werde ich später erklären). Er aber hatte sich schon gesetzt und wahrscheinlich gar nicht bemerkt, daß ich aufbrechen wollte; bisweilen kam eine sehr sonderbare Zerstreutheit über ihn. Und zum Unglück begann er gerade von meinem Wirt zu sprechen; ich brauste auf:

„Ach, zum Teufel mit ihm, mit diesem Wirt!“

„Ach so, mein Lieber,“ er stand sogleich auf. „Du scheinst ausgehen zu wollen, und da habe ich dich aufgehalten … Entschuldige, bitte.“

Und er beeilte sich, mich zu verlassen. Eben diese Bescheidenheit eines solchen Menschen, und noch mir gegenüber, eines so unabhängigen Weltmannes, der soviel Persönliches hatte, erweckte in meinem Herzen mit einem Schlage wieder meine ganze Zärtlichkeit zu ihm und meinen ganzen Glauben an ihn. Aber wenn er mich so liebte, warum hielt er mich dann in dieser Zeit meiner Schmach nicht zurück? Er hätte doch damals nur ein Wort zu sagen brauchen – und ich hätte mich vielleicht beherrscht. Übrigens … vielleicht auch nicht. Aber er sah doch meine Modetorheiten, meine Großmannssucht, meinen Schlitten (ich wollte ihn sogar einmal in meinem Schlitten mitnehmen, aber er lehnte es ab; und sogar mehr als einmal habe ich ihn aufgefordert, einzusteigen, er hat aber immer abgelehnt), er sah doch, daß ich mit dem Gelde nur so um mich warf, – und kein Wort, kein Wort von ihm, nicht einmal eine neugierige Frage! Das hat mich die ganze Zeit gewundert, auch heute noch wundert es mich. Ich aber schämte mich damals natürlich nicht im geringsten vor ihm und ließ ihn alles sehen, wenn ich auch kein Wort zur Erklärung sagte. Er fragte nicht, und ich sagte nichts. Das heißt, ein paarmal waren wir doch nahe daran, auf das Thema der dringenden Angelegenheiten überzugehen. Einmal fragte ich ihn (das war noch am Anfang, bald nach seinem Verzicht auf die Erbschaft), wovon und wie er denn jetzt zu leben gedenke.

„Irgendwie, mein Freund,“ sagte er mit auffallender Ruhe.

Heute weiß ich, daß selbst Tatjana Pawlownas kleines Kapital von ungefähr fünftausend Rubel in diesen zwei letzten Jahren zur Hälfte für Werssiloff verausgabt worden ist.

Ein anderes Mal kamen wir, ich weiß nicht mehr, wie, auf meine Mutter zu sprechen; auf einmal sagte er traurig: „Mein Freund, ich habe es Ssofja Andrejewna oft gesagt, in der ersten Zeit unserer Verbindung, übrigens nicht nur in der ersten Zeit, auch in der Mitte und am Ende: ‚Liebste, ich quäle dich und quäle dich zu Tode, und es tut mir nicht leid, solange du bei mir bist; aber ich weiß, wenn du nicht mehr bist, werde ich mich mit Selbstanklagen zu Tode quälen.‘“

An diesem Abend war er, ich weiß noch, ganz besonders offenherzig.

„Wenn ich noch ein charakterschwacher wertloser Mensch wäre und unter diesem Bewußtsein litte! Aber das ist es ja nicht, ich weiß doch, daß ich unendlich stark bin, und wodurch, was glaubst du? – eben durch diese unmittelbare Kraft der Verträglichkeit mit allem, was es auch sei, die allen klugen Russen unserer Generation in so hohem Maße eigen ist. Mich kannst du durch nichts zerstören, durch nichts vertilgen, durch nichts in Erstaunen setzen. Ich habe ein so zähes Leben wie ein Hofhund. Ich kann auf die allerbequemste Weise zwei entgegengesetzte Gefühle zu gleicher Zeit empfinden – und das, versteht sich, doch nicht aus eigenem Willen. Aber nichtsdestoweniger weiß ich, daß das ehrlos ist, vor allem deshalb, weil es gar zu einsichtsvoll ist. Ich habe fast bis zum fünfzigsten Jahr gelebt, und noch immer weiß ich weder, noch ahne ich, ob es nun gut oder ob es schlecht ist, daß ich solange gelebt habe. Natürlich, ich liebe das Leben, und das ergibt sich ja ganz von selbst aus der Sache; aber für einen Menschen, wie ich, ist das Leben lieben – unwürdig. In der letzten Zeit hat etwas Neues begonnen, und Menschen wie Krafft leben sich nicht ein, sondern schießen sich tot. Aber es ist doch klar, daß die vom Typus Krafft dumm sind; nun, wir aber sind klug, – folglich läßt sich auch hier auf keine Weise eine Parallele ziehen, und die Frage bleibt trotz alledem offen. Und sollte denn die Erde wirklich nur für solche da sein wie wir? Wahrscheinlich: ja; aber dieser Gedanke ist doch schon gar zu trostlos. Und übrigens … und übrigens bleibt die Frage doch offen.“

Er sagte das traurig, und dennoch wußte ich nicht, ob es aufrichtig war oder nicht. Es blieb in ihm immer noch ein gewisses Geheimnis, das er um keinen Preis aufdecken wollte.

IV.
Ich überschüttete ihn damals mit Fragen, ich stürzte mich auf ihn wie ein Hungriger auf Brot. Er antwortete mir immer bereitwillig und offenherzig, aber im Grunde waren es nur ganz allgemein gehaltene Aphorismen, so daß schließlich doch nichts aus ihm herauszubekommen war. Dabei hatten mich alle diese Fragen schon mein Leben lang beunruhigt, und ich sage offen, ich hatte die Entscheidung dieser Fragen schon in Moskau bis auf weiteres aufgeschoben, eben bis zu unserem Wiedersehen in Petersburg. Ich habe ihm das einmal sogar gesagt, und er begann nicht über mich zu lachen, im Gegenteil, ich weiß noch, er drückte mir die Hand. Über die allgemeine Politik und die sozialen Fragen konnte ich auch so gut wie nichts aus ihm herausbringen, und gerade diese Fragen beunruhigten mich am meisten, natürlich im Hinblick auf meine „Idee“. Über Menschen wie Dergatschoff entriß ich ihm einmal die Bemerkung, sie ständen „unter jeder Kritik“, aber gleich darauf fügte er sonderbar hinzu, daß er sich „das Recht vorbehielte, seiner eigenen Meinung nicht die geringste Bedeutung beizulegen“. Darüber, wie die heutigen Staaten und die heutige Welt enden und wie die soziale Welt sich von neuem aufbauen werde, schwieg er sich zunächst aus, aber einmal quälte ich doch so lange, bis er einige Worte darüber äußerte.

„Ich kann mir denken, daß sich das alles höchst prosaisch abspielen wird,“ sagte er. „Es werden ganz einfach alle Staaten einmal, obgleich ihre Budgets balancieren und ‚keine Defizite‘ vorhanden sind, un beau matin[39] endgültig in der wirresten Verwicklung sitzen, und da werden denn wohl alle ohne Ausnahme nicht mehr bezahlen wollen, damit alle ohne Ausnahme sich im allgemeinen Bankerott erneuen können. Dem wird sich das ganze konservative Element der Welt widersetzen, denn eben dieses wird der Aktionär und Gläubiger sein und den Bankerott nicht zulassen wollen. Dann wird natürlich sozusagen die allgemeine Oxydation beginnen; es werden viele Juden kommen, und dann beginnt die jüdische Herrschaft; und darauf werden alle diejenigen, die niemals Aktien besessen haben und überhaupt noch nichts besessen haben, also alle Armen, natürlicherweise den Oxydationsprozeß nicht mitmachen wollen … So wird denn der Kampf beginnen, und nach siebenundsiebzig Niederlagen werden die Armen die Aktionäre vernichten, ihnen die Aktien wegnehmen und sich auf ihre Plätze setzen, wiederum als Aktionäre, versteht sich. Vielleicht werden sie auch was Neues sagen, vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlicher ist, daß sie gleichfalls bankerottieren werden. Weiter, mein Freund, vermag ich mir nichts mehr vorzustellen von den zukünftigen Ereignissen, die das Antlitz dieser Welt verändern werden. Übrigens, schlage in der Apokalypse nach …“

„Ja, ist denn das wirklich alles so materialistisch? Wird denn die jetzige Welt wirklich einzig an den Finanzen zugrunde gehen?“

„Oh, ich habe doch, versteht sich, nur ein Eckchen des Gesamtbildes genommen, aber auch dieses Eckchen ist mit dem Ganzen sozusagen durch unzerreißbare Bande verbunden.“

„Ja, aber, was soll man denn tun?“

„Ach, Gott, beeile dich doch nicht so: das wird ja alles nicht so bald geschehen. Im allgemeinen aber ist nichts zu tun das allerbeste, – wenigstens hat man dann sein ruhiges Gewissen und kann sich sagen, daß man sich an nichts beteiligt hat.“

„Nein, genug, sprechen Sie zur Sache. Ich will wissen, was ich tatsächlich tun soll, und wie ich leben soll?“

„Was du tun sollst, mein Lieber? Sei ehrlich, lüge nie, trachte nicht nach deines Nächsten Haus, mit einem Wort: Lies die Zehn Gebote – da ist alles das auf ewig niedergeschrieben.“

„Hören Sie auf, hören Sie auf, das ist ja alles so alt, und zudem sind es bloß Worte, hier aber bedarf es einer Tat!“

„Nun, wenn dich die Langeweile schon gar zu sehr drückt, dann bemühe dich, irgend jemand oder irgend etwas liebzugewinnen oder einfach nur dein Herz an irgend etwas zu hängen.“

„Sie spotten ja nur! Und dann, was soll ich ganz allein mit Ihren Zehn Geboten anfangen?“

„Erfülle sie nur, trotz all deiner Fragen und Zweifel, und du wirst ein großer Mensch sein.“

„Von dem niemand was weiß.“

„Es gibt nichts Geheimes, was nicht offenbar würde.“

„Sie spotten ja tatsächlich!“

„Nun, wenn du es dir schon so sehr zu Herzen nimmst, so ist es das beste, du bemühst dich, möglichst schnell dich zu spezialisieren, beschäftigst dich mit Häuserbau oder mit der Jurisprudenz, und dann, wenn du deine wirkliche und ernste Arbeit hast, wirst du dich beruhigen und das Unwichtige vergessen.“

Ich schwieg; was konnte man aus solchen Reden entnehmen? Und doch regten mich diese Fragen nach jedem solchen Gespräch noch mehr auf als früher. Außerdem sah ich doch deutlich, daß in ihm immer gleichsam ein gewisses Geheimnis blieb, und gerade das war es, was mich immer mehr und immer stärker zu ihm hin zog.

„Hören Sie,“ unterbrach ich ihn einmal, „ich habe immer den Verdacht, daß Sie alles das nur so sagen, aus Erbitterung und Leid, im geheimen aber, so für sich, sind gerade Sie ein Fanatiker irgendeiner höheren Idee, nur verheimlichen Sie das, oder Sie schämen sich, es einzugestehen.“

„Ich danke dir, mein Lieber.“

„Hören Sie, es gibt nichts Höheres, als nützlich zu sein. Sagen Sie mir, wodurch kann ich im gegebenen Augenblick am allernützlichsten sein? Ich weiß, daß es Ihnen nicht möglich ist, das zu entscheiden; aber ich will nur Ihre Meinung wissen: Sagen Sie sie, und was Sie sagen, das werde ich tun, das schwöre ich Ihnen! Also: Was wäre zum Beispiel ein großer Gedanke?“

„Nun, Steine in Brot zu verwandeln, – da hast du einen großen Gedanken.“

„Ist das der größte? Nein, wahrhaftig, Sie haben mir einen ganzen Weg gezeigt! Sagen Sie: ist das wirklich der größte?“

„Ein sehr großer, mein Freund, ein sehr großer, aber nicht der größte; ein großer, aber ein zweitrangiger, nur im gegebenen Moment ist er groß: hat der Mensch sich sattgegessen, so denkt er nicht mehr daran; im Gegenteil, er wird sofort sagen: ‚So, nun habe ich mich sattgegessen, und was soll ich jetzt tun?‘ Die Frage bleibt ewig offen.“

„Sie sprachen einmal von ‚Genfer Ideen‘; ich habe Sie damals nicht verstanden; was sind das für ‚Genfer Ideen‘?“

„Die Genfer Ideen – das ist die Tugend ohne Christus, mein Freund, also die heutigen Ideen, oder richtiger, die Idee der ganzen heutigen Zivilisation. Mit einem Wort, das ist eine dieser langen Geschichten, über die zu sprechen sehr langweilig ist, und es wird viel besser sein, wenn wir beide von etwas anderem sprechen, oder noch besser, wenn wir von anderem schweigen.“

„Natürlich, wenn Sie nur schweigen können, das ist für Sie immer die Hauptsache!“

„Mein Freund, vergiß nicht, schweigen ist gut, ungefährlich und schön.“

„Schön?“

„Versteht sich. Das Schweigen ist immer schön, und der Schweigende ist immer schöner als der Redende.“

„Freilich ist so reden, wie Sie mit mir reden, ebensogut wie schweigen. Zum Teufel mit solch einer Schönheit, und vor allem, zum Teufel mit solch einem Vorteil!“

„Mein Lieber,“ sagte er da auf einmal zu mir, und er änderte ein wenig seinen Ton, ja, er sprach sogar mit einem gewissen Gefühl und mit besonderem Nachdruck: „Mein Lieber, ich will dich durchaus nicht zu irgendeiner bourgeoisen Tugendhaftigkeit verführen und von deinen Idealen fortlocken; ich predige dir nicht: ‚Glück ist besser als Heldentum‘; im Gegenteil, Heldentum steht höher als jedes Glück, und allein die Fähigkeit dazu ist an sich schon ein Glück. So brauchen wir nun darüber keine Worte mehr zu verlieren. Eben deshalb achte ich dich ja auch, weil du in unserer Oxydationszeit fähig gewesen bist, in deiner Seele dir irgendeine ‚eigene Idee‘ zu schaffen (rege dich nicht auf, ich habe mir das sogar sehr gemerkt). Aber man muß doch auch ans rechte Maß denken; denn dich verlangt jetzt nach einem auffallenden Leben: womöglich etwas anzuzünden oder zu zerschmettern, über ganz Rußland dich zu erheben, wie eine Gewitterwolke vorüberzuziehen und alle in Angst und Entzücken zurückzulassen, selbst aber irgendwo in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu verschwinden. Sicherlich ist jetzt etwas Ähnliches in deiner Seele, und deshalb halte ich es auch für notwendig, dich zu warnen, denn ich habe dich aufrichtig liebgewonnen, mein Junge.“

Und was konnte ich selbst hieraus entnehmen? Hieraus sprach nur Unruhe um mich, um mein materielles Schicksal; der Vater verriet sich mit prosaischen, wenn auch guten Gefühlen; aber war es denn das, was ich angesichts der Ideen brauchte, für die jeder ehrliche Vater seinen Sohn selbst in den Tod schicken muß, wie der alte Horatius seine Söhne für die Idee Roms?

Ich kam ihm auch oft mit Fragen wegen der Religion, aber hier stieß ich auf den dichtesten Nebel. Auf meine Frage: „Was soll ich in diesem Sinne tun?“ antwortete er mir auf die dümmste Weise, als wäre ich ein kleines Kind: „Man muß an Gott glauben, mein Lieber.“

„Aber wenn ich an alles das nun einmal nicht glaube?“ rief ich gereizt.

„Nun, das ist vortrefflich, mein Lieber.“

„Wieso vortrefflich?“

„Es ist das beste Zeichen, mein Freund; sogar das zuverlässigste, denn unser russischer Atheist – wenn er nur auch wirklich Atheist ist und ein wenig Verstand besitzt – ist der beste Mensch in der ganzen Welt, und ist immer geneigt, Gott freundlich zu behandeln, eben weil er unbedingt gut ist, und gut ist er, weil er maßlos zufrieden damit ist, daß er – Atheist ist. Unsere Atheisten sind ehrenwerte Leute und sind in höchstem Maße zuverlässig, sind, vielleicht, die Stützen des Vaterlandes …“

Das war natürlich etwas, aber ich wollte was anderes; nur einmal sprach er sich deutlicher mir gegenüber aus, aber doch so sonderbar, daß er mich durch diese Worte am meisten in Erstaunen setzte, besonders, da ich von seinem angeblichen Katholizismus und seinen Büßerketten gehört hatte.

„Mein Lieber,“ sagte er damals zu mir, es war nicht in meinem Zimmer, sondern auf der Straße, und nach einem langen Gespräch; ich begleitete ihn. „Mein Freund, die Menschen so zu lieben, wie sie sind, ist unmöglich. Und doch soll man es nun einmal. Deshalb verbeiße deine Gefühle, wenn du ihnen Gutes tun willst, halte dir die Nase zu und schließe die Augen (letzteres ist unbedingt erforderlich). Ertrage von ihnen Böses, nach Möglichkeit ohne dich über sie zu ärgern, ‚eingedenk dessen, daß auch du ein Mensch bist‘. Versteht sich, du bist verpflichtet, streng mit ihnen zu sein, wenn du auch nur ein wenig klüger sein mußt als der Durchschnitt. Die Menschen sind ihrer Natur nach niedrig und am ehesten bereit, aus Furcht zu lieben; gehe du auf eine solche Liebe nicht ein und höre nicht auf, zu verachten. Irgendwo im Koran gebietet Allah dem Propheten, auf die ‚Verstockten‘ wie auf Mäuse herabzusehen, ihnen Gutes zu tun und an ihnen vorüberzugehen. – Ein wenig stolz, aber richtig. Verstehe es, sie sogar dann zu verachten, wenn sie gut sind; denn gerade dann sind sie am häufigsten schlecht. Oh, mein Lieber, wenn ich das sage, urteile ich nach mir selbst! Wer auch nur ein wenig – nicht dumm ist, kann nicht leben, ohne sich selbst zu verachten, ob er nun ehrenhaft ist oder nicht, das ist ganz einerlei. Seinen Nächsten lieben und ihn nicht verachten, – ist unmöglich. Meiner Ansicht nach ist der Mensch mit der physischen Unmöglichkeit geschaffen, seinen Nächsten zu lieben. Es muß da ein Irrtum in den Ausdrücken sein, und zwar schon von Anfang an, und unter der ‚Liebe zur Menschheit‘ kann man nur Liebe zu derjenigen Menschheit verstehen, die du dir selbst in deiner Seele erschaffst (mit anderen Worten: dich selbst hast du erschaffen, und folglich ist es Liebe zu dir selbst), – und die es deshalb niemals in der Wirklichkeit geben wird.“

„Niemals geben wird?“

„Mein Freund, ich gebe zu, daß das ein wenig dumm wäre, aber das ist nicht meine Schuld; und da man bei der Erschaffung der Welt mich nicht gefragt hat, so behalte ich mir das Recht vor, in der Beziehung meine eigene Meinung zu haben.“

„Ja, aber – wie kann man Sie dann noch einen Christen nennen,“ rief ich aus, „einen Mönch mit Büßerketten, einen Propheten? Das verstehe ich nicht!“

„Wer nennt mich denn so?“

Ich erzählte es ihm; er hörte mich sehr aufmerksam an, aber das Gespräch brach er ab.

Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, aus welchem Anlaß es damals zu diesem mir noch so gut erinnerlichen Gespräch zwischen uns kam; aber ich weiß noch, daß er beinahe in Zorn geriet, was bei ihm sonst fast nie geschah. Er sprach leidenschaftlich und ohne Spott, ganz, als spräche er nicht zu mir. Aber wiederum glaubte ich ihm nicht: er konnte doch nicht mit einem Menschen, wie ich, von diesen Dingen ernsthaft reden!

Zweites Kapitel.
I.
An diesem Morgen des fünfzehnten November traf ich ihn beim „Fürsten Sserjosha“. Ich war es auch gewesen, der ihn und den Fürsten wieder zusammengeführt hatte; aber ganz abgesehen von mir, hatten sie ja genug Berührungspunkte (alle diese früheren Geschichten im Auslande usw.). Außerdem hatte der Fürst ihm sein Wort gegeben, von der Erbschaft wenigstens ein Drittel an ihn abzutreten, was mindestens zwanzigtausend Rubel ausgemacht hätte. Ich weiß noch, mich wunderte es damals sehr, daß er nur ein Drittel und nicht die ganze Hälfte abtreten wollte; aber ich schwieg. Dieses Versprechen hatte der Fürst ganz aus eigenem Antriebe gegeben; Werssiloff hatte ihn mit keiner Silbe dazu veranlaßt, hatte nie auch nur ein Wort darüber fallen lassen; der Fürst war selbst damit hervorgetreten, Werssiloff aber hatte nur schweigend zugehört und auch nachher kein einziges Mal etwas darüber geäußert oder erwähnt, hatte auch mit keiner Miene gezeigt, daß er sich dieses Versprechens überhaupt erinnerte. Ich will hier gleich bemerken, daß der Fürst von Werssiloff in der ersten Zeit ganz bezaubert war, besonders von seinen Reden, die ihn geradezu begeisterten, und in dem Sinne hatte er sich auch mir gegenüber oftmals geäußert. Wenn wir beide allein waren, hatte er manchmal ganz verzweifelt über sich ausgerufen, er sei „so ungebildet, so unwissend, und auf einem so falschen Wege …!“ Oh, damals waren wir noch so befreundet …! Auch Werssiloff gegenüber bemühte ich mich immer, nur die guten Seiten des Fürsten hervorzuheben, und ich verteidigte oder leugnete sogar seine Fehler, obgleich ich sie selbst sah; aber Werssiloff schwieg dazu oder lächelte.

„Nun ja, mag er auch seine Fehler haben, aber jedenfalls hat er ebenso viele Vorzüge, wie er Fehler hat!“ rief ich einmal, als ich mit Werssiloff allein war.

„Gott, wie du ihm schmeichelst,“ lachte er.

„Wieso? Inwiefern schmeichle ich ihm?“ Ich verstand ihn zuerst nicht.

„Ebenso viele Vorzüge! Herrgott, da müssen doch seine Gebeine Reliquien werden, wenn er ebenso viele Vorzüge wie Fehler hat!“

Aber natürlich, das war kein Urteil. Und überhaupt schien er es damals gewissermaßen vermeiden zu wollen, von dem Fürsten zu sprechen, wie überhaupt von allem Gegenwärtigen und Dringenden; aber vom Fürsten besonders. Ich hatte schon damals den Verdacht, daß er beim Fürsten auch ohne mich vorsprach, und daß sie besondere Beziehungen hatten, aber ich ließ das zu. Ich wurde auch darüber nicht eifersüchtig, daß er mit ihm gleichsam ernster sprach als mit mir, sagen wir, positiver, und weniger Spott beimischte: ich war damals so glücklich, daß mir das sogar gefiel. Und ich entschuldigte es noch damit, daß der Fürst ja ein wenig beschränkt war und deshalb es nicht liebte, wenn man sich ungenau ausdrückte, und manche Feinheiten verstand er sogar überhaupt nicht. Aber siehe da, in der letzten Zeit hatte er angefangen, sich gewissermaßen zu emanzipieren. Seine Gefühle Werssiloff gegenüber begannen sich sogar zu verändern, was der feinfühlige Werssiloff natürlich sofort merkte. Ich muß noch erwähnen, daß der Fürst in derselben Zeit auch sein Verhalten zu mir änderte und sogar recht merklich; es waren nur gewisse tote Formen von unserer anfänglich fast glühenden Freundschaft übriggeblieben. Aber ich fuhr doch fort, nach wie vor zu ihm zu gehen. Übrigens, wie hätte ich nicht mehr zu ihm gehen sollen, nachdem ich nun einmal in alles das mit hineingezogen worden war! Oh, wie unschlau ich damals war! Und kann denn wirklich nur eine einzige Herzensdummheit einen Menschen zu einer solchen Einfalt und Erniedrigung führen? Ich nahm Geld von ihm und dachte, das hätte nichts auf sich, das müßte so sein. Übrigens, nein: ich wußte auch damals schon, daß es so nicht sein mußte, aber – ich dachte einfach nicht darüber nach. Nicht des Geldes wegen ging ich zu ihm, obschon ich das Geld furchtbar nötig hatte. Ich wußte, daß ich nicht des Geldes wegen ging, aber ich begriff, daß ich jeden Tag bei ihm erschien und mir Geld holte. Aber ich war im Strudel, und abgesehen von alledem, war etwas, – sang etwas ganz anderes in meiner Seele!

Als ich an jenem Morgen eintrat, ungefähr um elf Uhr, fand ich Werssiloff bei ihm und hörte noch, wie er gerade einen längeren Satz zu Ende sprach; der Fürst hörte zu und schritt im Zimmer auf und ab; Werssiloff saß. Der Fürst schien etwas erregt zu sein. Werssiloff regte ihn fast immer auf. Der Fürst war ein überaus empfänglicher Mensch, war es sogar bis zu einer Naivität, die mich in manchen Fällen veranlaßte, auf ihn herabzusehen. Aber ich wiederhole, in den letzten Tagen war in ihm ein gewisser boshafter Hohn zum Ausdruck gekommen. Er blieb stehen, als er mich erblickte, und in seinem Gesicht verzog sich etwas. Ich wußte im geheimen, wie ich mir diesen Schatten an diesem Morgen zu erklären hatte, aber ich hatte doch nicht erwartet, daß sein Gesicht sich in solchem Maße verändern werde. Es war mir bekannt, daß er eine Menge Unannehmlichkeiten hatte, aber das Abscheuliche war, daß ich nur den zehnten Teil dieser Unannehmlichkeiten kannte, – alles übrige war für mich damals ein Geheimnis, von dem ich nicht das mindeste ahnte. Das war um so abscheulicher und um so dümmer, als ich ihn oft großartig zu trösten versuchte, ihm Ratschläge gab und sogar hochmütig lächelte über seine Schwäche, „wegen solcher Lappalien“ außer sich zu geraten. Er aber schwieg dazu, und es ist unmöglich, daß er mich in den Augenblicken nicht furchtbar gehaßt hat; ich befand mich in einer gar zu falschen Stellung ihm gegenüber, hatte aber selbst nicht einmal eine Ahnung davon. Oh, ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich von der Hauptsache wirklich keine Ahnung hatte!

Er streckte mir jedoch höflich die Hand entgegen. Werssiloff nickte mir zu, ohne sich unterbrechen zu lassen. Ich warf mich auf den Diwan. – Was war das überhaupt für ein Ton, den ich mir erlaubte, was waren das für Manieren! Seine Bekannten behandelte ich, als wären sie meine Bekannten … Oh, wenn es doch eine Möglichkeit gäbe, alles das jetzt von neuem zu machen, wie anders würde ich mich jetzt zu benehmen verstehen!

Noch zwei Worte, damit ich es später nicht zu erwähnen vergesse: der Fürst wohnte damals immer noch in derselben Wohnung, die jetzt fast ganz von ihm eingenommen wurde; die Stolbejeff, der die Wohnung gehörte, hatte nur einen Monat in Petersburg verbracht und war dann wieder irgendwohin gereist.

II.
Sie sprachen über den Adel. Ich muß vorausschicken, daß diese Idee den Fürsten manchmal sehr aufregte, trotz seiner ganzen anscheinend fortschrittlichen Gesinnung. Ja, ich vermute sogar, daß vieles Schlechte in seinem Leben durch diese Idee veranlaßt oder ausschließlich um ihretwillen von ihm begangen worden war: da er so viel auf seine Fürstlichkeit gab, hatte er in seinem ganzen Leben aus falschem Stolz mit dem Gelde um sich geworfen und sich auf diese Weise, da er ja ganz arm war, in Schulden gestürzt. Werssiloff hatte ihm schon mehrmals zu verstehen gegeben, daß der Adel nicht darin liege, und hatte gleichzeitig versucht, ihm eine höhere Auffassung vom Adel nahezulegen; doch der Fürst schien es schließlich übelzunehmen, daß man ihn belehren wollte. Offenbar hatte ihr Gespräch auch an diesem Morgen davon gehandelt, aber den Anfang hatte ich nun versäumt. Werssiloffs Worte schienen mir zunächst sehr reaktionär, später aber söhnte er mich wieder aus.

„Das Wort Ehre – bedeutet Pflicht,“ sagte er (ich gebe nur den Sinn seiner Rede wieder, – seine Worte aber nur soweit ich mich ihrer erinnere).

„Wenn in einem Staat ein bevorzugter Stand herrscht, so ist das Land stark. Der bevorzugte Stand hat immer seinen bestimmten Ehrbegriff und seine bestimmte Beobachtung der Ehrgesetze, die meinetwegen auch unrichtig sein kann, aber sie dient doch fast immer als Bindemittel und macht das Land stark; sittlich ist sie von großem Nutzen, doch noch mehr ist sie es politisch … Aber die Sklaven leiden darunter, das heißt alle, die nicht zum bevorzugten Stande gehören. Damit sie nicht leiden, versucht man die Rechte auszugleichen. Das hat man bei uns auch getan, und das ist sehr schön. Nur hat bisher, wie die Erfahrung lehrt, überall (das heißt, natürlich nur in Europa) die Ausgleichung der Rechte ein gewisses Sinken des Ehrgefühls zur Folge gehabt und folglich auch des Pflichtgefühls. Der Egoismus ist an die Stelle der früheren zusammenhaltenden Idee getreten, und alles ist zu persönlicher Freiheit auseinandergefallen. Die Freigewordenen, die ohne vereinenden, festigenden Gedanken blieben, haben nun jede höhere, ideelle Verbindung mit der Zeit in solchem Maße eingebüßt, daß sie zu guter Letzt sogar die von ihnen erlangte persönliche Freiheit gemeinsam zu verteidigen aufgehört haben. Aber der russische Adelstyp hat dem europäischen niemals geglichen. Unser Adel könnte selbst jetzt, nach Verlust seiner Vorrechte, der höchste Stand bleiben, als Hüter der Ehre, des Lichts, der Wissenschaft und der höheren Idee, und, was die Hauptsache ist, ohne sich als besondere Kaste abzuschließen, was der Tod der Idee wäre. Im Gegenteil, die Tür zu diesem Stande steht bei uns schon lange offen, jetzt aber dürfte es an der Zeit sein, sie endgültig und vollends aufzumachen. Möge jede große Tat der Ehre, der Wissenschaft, des Mutes bei uns einem jeden das Recht geben, sich den Menschen des höheren Standes anzuschließen. Auf diese Weise würde sich der höhere Stand ganz von selbst in eine Versammlung der Besten verwandeln, und zwar im buchstäblichen und wahren Sinne, und nicht im früheren Sinne einer privilegierten Kaste. In dieser neuen, oder sagen wir richtiger erneuerten Gestalt könnte sich der Stand erhalten.“

Der Fürst verzog den Mund zu einem halb höhnischen Lächeln, das seine Zähne sehen ließ.

„Was wird denn das noch für ein Adel sein? Sie projektieren ja da irgendeine Freimaurerloge, nicht aber einen Adel.“

Ich erwähne nochmals: der Fürst war furchtbar ungebildet. Ich nahm vor Ärger über ihn auf meinem Diwan eine andere Stellung ein, obschon ich Werssiloff nicht ganz beistimmte. Werssiloff begriff nur zu gut, daß der Fürst sich getroffen fühlte und – ihm die Zähne zeigte.

„Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie das von der Freimaurerei gesagt haben,“ erwiderte er; „doch übrigens, wenn selbst ein russischer Fürst sich von einer solchen Idee lossagt, so ist selbstredend ihre Zeit noch nicht gekommen. Die Idee der Ehre und der Aufklärung als Bekenntnis eines jeden, der in diesen Stand eintreten will, der niemals abgeschlossen und beständig erneuert wird – ist natürlich eine Utopie, aber weshalb denn eine Unmöglichkeit? Wenn dieser Gedanke auch nur in wenigen Köpfen lebt, so ist er doch noch nicht ausgelöscht, so brennt und leuchtet er noch, und sei es auch nur wie ein feuriger Punkt in der Finsternis.“

„Sie gebrauchen immer Worte wie: ‚der große Gedanke‘, ‚die zusammenhaltende Idee‘, und ähnliche. Ich würde gern wissen, was Sie darunter verstehen, zum Beispiel unter dem ‚großen Gedanken‘?“

„Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll, mein lieber Fürst,“ erwiderte Werssiloff mit feinem Lächeln. „Das beste ist wohl, ich gestehe Ihnen, daß ich selbst nichts darauf zu antworten weiß. Der große Gedanke – das ist meistens ein Gefühl, das manchmal gar zu lange unausgesprochen bleibt und noch immer nicht seinen Ausdruck findet. Ich weiß nur, daß es immer dasjenige gewesen ist, woraus das lebendige Leben zu strömen pflegt, ich meine nicht das intellektuelle und nicht das erdichtete, sondern im Gegenteil, das wirkliche, niemals langweilige und heitere Leben; so ist denn die höhere Idee, der es entströmt, entschieden unentbehrlich, – zum allgemeinen Ärger, versteht sich.“

„Warum zum Ärger?“

„Weil mit Ideen zu leben, langweilig ist, ohne Ideen dagegen immer heiter.“

Der Fürst schluckte die Pille.

„Und was ist denn dieses lebendige Leben Ihrer Meinung nach?“ (Er ärgerte sich sichtlich.)

„Auch das weiß ich nicht, Fürst; ich weiß nur, daß es etwas unglaublich Einfaches sein muß, das Alltäglichste und Unverborgenste, etwas Tagtägliches und Allstündliches, etwas dermaßen Gewöhnliches, daß wir einfach nicht glauben können, dieses Einfache könnte es sein, und deshalb gehen wir schon so viele Jahrtausende an ihm vorüber, ohne es zu bemerken und zu erkennen.“

„Ich wollte nur sagen, daß Ihre Idee vom Adel gleichzeitig eine Verneinung des Adels ist,“ sagte der Fürst.

„Nun, wenn Sie es denn durchaus wollen, so – hat es einen Adel bei uns vielleicht niemals gegeben.“

„Was Sie da sagen ist alles sehr dunkel und unklar. Ich denke, wenn man schon spricht, muß man seinen Gedanken auch erklären …“

Der Fürst runzelte die Stirn und blickte flüchtig nach der Kaminuhr. Werssiloff erhob sich und nahm seinen Hut.

„Erklären!“ sagte er, „nein, lieber nicht; und überdies ist es meine Leidenschaft – zu sprechen, ohne zu erklären. In der Tat, so ist es. Und dann noch eine Eigenheit: Geschieht es einmal, daß ich einen Gedanken, an den ich selbst glaube, zu erklären anfange, so ist es bisher immer geschehen, daß ich zum Schluß der Erklärung an das Erklärte selbst zu glauben aufhöre; dem fürchte ich mich auch heute auszusetzen. Auf Wiedersehen, teurer Fürst; bei Ihnen rede ich immer unverzeihlich viel.“

Er ging hinaus; der Fürst gab ihm höflich das Geleit, ich aber fühlte mich gekränkt.

„Warum schauen Sie denn so finster drein?“ fuhr er mich plötzlich geradezu an und ging, ohne mich anzusehen, zu seinem Schreibtisch.

„Wenn ich finster dreinschaue,“ begann ich mit einem Zittern in der Stimme, „so tue ich es deshalb, weil ich finde, daß Ihr Ton mir und sogar Werssiloff gegenüber sich so sonderbar verändert hat, weshalb ich … Allerdings, Werssiloff begann vielleicht etwas zu reaktionär, aber dann hat er das doch wieder gutgemacht und … in seinen Worten lag ein tiefer Sinn, aber Sie haben das vielleicht gar nicht verstanden und …“

„Ich will einfach nicht, daß man sich unterfängt, mich zu belehren, und mich für einen Schuljungen hält!“ schnitt er mir fast wütend das Wort ab.

„Fürst, solche Ausdrücke …“

„Keine Theaterposen – wenn ich bitten darf. Ich weiß, daß das, was ich tue, eine Gemeinheit ist, daß ich ein Verschwender bin, ein Spieler, vielleicht ein Dieb … ja, ein Dieb; denn ich verspiele das Geld meiner Familie, aber ich wünsche nicht, daß andere sich als meine Richter vor mich hinsetzen. Das will ich nicht, und das lasse ich nicht zu. Ich bin mein eigener Richter. Und wozu diese Zweideutigkeiten? Wenn er mir etwas sagen wollte, so hätte er es einfach und geradezu aussprechen sollen, nicht aber so einen nebligen Unsinn prophezeien. Aber, um mir das zu sagen, muß man das Recht dazu haben, muß man selbst anständig sein …“

„Erstens habe ich den Anfang Ihrer Unterhaltung nicht gehört und weiß daher nicht, wovon Sie gesprochen haben; zweitens aber, inwiefern ist denn Werssiloff nicht anständig? – Gestatten Sie, daß ich Sie das frage.“

„Genug davon, ich bitte Sie, genug davon. Sie baten mich gestern um dreihundert Rubel, – hier sind sie …“ Er legte das Geld vor mir auf den Tisch, setzte sich selbst in seinen Lehnstuhl, lehnte sich nervös zurück und schlug ein Bein über das andere. Ich blieb verwirrt stehen.

„Ich weiß nicht …“ murmelte ich, „ich habe Sie wohl gebeten … und ich habe das Geld augenblicklich zwar sehr nötig, aber im Hinblick auf diesen Ton …“

„Lassen Sie den Ton. Wenn ich mich etwa scharf ausgedrückt habe, so entschuldigen Sie mich. Ich versichere Ihnen, ich habe an anderes zu denken. Hören Sie mich an: Ich habe einen Brief aus Moskau erhalten; mein Bruder Ssascha, der kleine Junge, Sie wissen, ist vor vier Tagen gestorben. Mein Vater ist, wie Sie gleichfalls wissen, nun schon seit zwei Jahren gelähmt, und jetzt geht es ihm, wie man mir schreibt, viel schlechter, er kann überhaupt nicht mehr sprechen und erkennt keinen mehr. Sie haben sich dort alle so über die Erbschaft gefreut und wollen ihn nun gern ins Ausland bringen; der Arzt aber schreibt mir, daß er kaum noch zwei Wochen leben könne. So bleiben von uns nur noch meine Mutter, meine Schwester und ich, also eigentlich so gut wie nur ich … Nun, sagen wir, ich, ich allein … Diese Erbschaft … diese Erbschaft – oh, vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte nichts bekommen! Aber was ich Ihnen eigentlich sagen wollte: ich habe von dieser Erbschaft mindestens zwanzigtausend Rubel Andrei Petrowitsch versprochen … Und dabei … können Sie sich denken, diese Formalitäten halten alle so auf, ich habe da noch nichts machen können. Ich bin sogar … das heißt, wir … das heißt, mein Vater ist sogar noch nicht einmal offiziell bestätigt, er hat den Besitz noch nicht angetreten. Und dabei habe ich in diesen letzten drei Wochen soviel Geld verloren, und dieser Schuft Stebelkoff nimmt solche Prozente … Ich habe Ihnen jetzt fast mein letztes Geld gegeben …“

„Oh, Fürst, wenn es so ist …“

„Ich sage es nicht deshalb, nicht deshalb. Stebelkoff wird mir heute sicher welches bringen, und das wird für den Augenblick reichen, aber der Teufel werde aus ihm klug, aus diesem Stebelkoff! Ich habe ihn beschworen, mir zehntausend zu verschaffen, damit ich wenigstens Werssiloff zehntausend abgeben kann. Mein Versprechen, ihm ein Drittel abzutreten, quält mich, foltert mich! Ich habe mein Wort gegeben und muß es halten. Und ich schwöre Ihnen, ich brenne darauf, mich wenigstens nach dieser Seite hin von meinen Verpflichtungen befreien zu können. Sie sind schwer, niederdrückend, unerträglich! Diese mich bedrückende Verbindung … Ich kann Andrei Petrowitsch nicht ansehen, weil ich ihm nicht offen in die Augen sehen kann … weshalb mißbraucht er das?“

„Was mißbraucht er, Fürst?“ Ich blieb erstaunt vor ihm stehen. „Hat er denn jemals Ihnen gegenüber auch nur eine Andeutung gemacht?“

„O nein, und ich weiß das zu würdigen, aber ich selbst mache mir Andeutungen. Und schließlich, ich werde immer tiefer und tiefer hineingezogen … Dieser Stebelkoff …“

„Hören Sie, Fürst, beruhigen Sie sich doch, ich bitte Sie; ich sehe schon, je mehr Sie reden, um so mehr regen Sie sich auf, und dabei ist vielleicht das alles doch nur Einbildung. Ich habe mich ja auch hineinziehen lassen und unverzeihlich, niederträchtig! – aber ich weiß doch, daß es nur vorübergehendes Unglück ist … und wenn ich nur eine gewisse Summe zurückgewinne, dann … Sagen Sie, mit diesen dreihundert schulde ich Ihnen jetzt zweitausendfünfhundert Rubel, nicht wahr?“

„Ich habe sie von Ihnen, denke ich, noch nie zurückverlangt,“ sagte der Fürst plötzlich mit einem höhnischen Lächeln, das wieder seine Zähne sehen ließ.

„Sie sagen, zehntausend brauchten Sie für Werssiloff. Wenn ich von Ihnen jetzt borge, so tue ich das selbstverständlich auf Rechnung der Werssiloffschen Zwanzigtausend; anders lasse ich es nicht zu. Aber … aber ich werde es Ihnen ja bestimmt schon vorher selbst wiedergeben … Oder denken Sie womöglich, Werssiloff käme zu Ihnen des Geldes wegen?“

„Mir wäre es leichter, wenn er des Geldes wegen käme,“ sagte der Fürst rätselhaft.

„Sie sprachen von einer Sie ‚bedrückenden Verbindung‘ … Wenn Sie damit Ihren Verkehr mit Werssiloff und mir meinten, so ist das, bei Gott, eine Beleidigung. Und dann, Sie sagen: Warum ist er nicht selbst so, wie er andere zu sein lehrt – das ist doch Ihre Logik! Aber erstens ist das nicht Logik, erlauben Sie schon, daß ich Ihnen das sage; denn selbst wenn er auch nicht so wäre, könnte er doch nicht anders, als die Wahrheit verkünden … Und schließlich, was ist das für ein Wort, ‚verkünden‘? Sie sagen, er sei ein ‚Prophet‘. Sagen Sie, haben Sie ihn in Deutschland einen ‚Weiberprophet‘ genannt?“

„Nein, nicht ich.“

„Stebelkoff sagte mir, Sie hätten es getan.“

„Dann hat er gelogen. Ich bin kein Meister im Erfinden von Spitznamen. Aber wenn jemand Ehre predigt, so muß er selbst ehrenhaft sein – das ist meine Logik, und wenn sie falsch ist, so ist mir das gleichgültig. Ich will, daß es so sei, und es muß so sein. Und keiner, keiner darf es wagen, in mein Haus zu kommen, um mich zu verurteilen und mich für einen dummen Jungen zu halten! Genug, hören Sie auf!“ rief er heftig und winkte mir ungeduldig mit der Hand ab, damit ich nicht mehr spräche …

„Ah, endlich!“

Die Tür hatte sich geöffnet und Stebelkoff erschien.

III.
Der war nun unverändert der alte: ebenso stutzerhaft gekleidet, ebenso selbstzufrieden, sah einem ebenso albern in die Augen, bildete sich ebenso ein, daß er jeden überliste, und war überhaupt sehr eingenommen von sich. Nur sein Blick war diesmal beim Eintreten etwas anders: es lag in ihm gleichsam eine Vorsicht und ein eigentümliches Spähen, als hätte er aus unseren Gesichtern etwas erraten wollen. Aber er beruhigte sich sofort, und das selbstbewußte Lächeln erschien wieder auf seinen Lippen, jenes unverschämt nachsichtige Lächeln, das mir so unsäglich widerlich war.

Ich wußte schon längst, daß er den Fürsten furchtbar quälte. Er war schon ein- oder zweimal während meiner Anwesenheit zum Fürsten gekommen. Ich … ich hatte in diesem letzten Monat auch schon einmal mit ihm zu tun gehabt, aber diesmal wunderte ich mich ein wenig – aus einem besonderen Grunde – über sein Erscheinen beim Fürsten.

„Warten Sie!“ sagte der Fürst zu ihm und begann, ohne ihn überhaupt zu begrüßen, und indem er uns den Rücken zuwandte, aus seinem Schreibtisch Papiere und Rechnungen herauszunehmen. Was mich betrifft, so fühlte ich mich durch die letzten Worte des Fürsten entschieden beleidigt; seine Anspielung auf Werssiloffs Unehrenhaftigkeit war so deutlich gewesen (und so unbegreiflich), daß ich die Sache nicht ohne radikale Erklärung auf sich beruhen lassen konnte. Aber in Stebelkoffs Gegenwart war ein Zur-Rede-Stellen nicht möglich. Ich warf mich wieder in meine Diwanecke und schlug ein Buch auf, das auf dem Tisch lag.

„Was! Bjelinski, zweiter Teil! Das ist doch! – Sie wollen sich wohl bilden?“ rief ich dem Fürsten zu, aber es klang, glaube ich, recht gezwungen.

Er war sehr beschäftigt und beeilte sich sichtlich, aber auf meine Worte hin drehte er sich plötzlich nach mir um:

„Ich bitte Sie, lassen Sie das Buch liegen,“ sagte er scharf.

Das ging nun doch schon über die Grenze! – und das noch dazu in Stebelkoffs Gegenwart! Und Stebelkoff mußte natürlich gleich schlau und boshaft schmunzeln, und dazu deutete er mir heimlich mit dem Kopf und einem zwinkernden Auge auf den Fürsten. Ich kehrte diesem Dummkopf den Rücken.

„Ärgern Sie sich nicht, Fürst; ich trete Sie der Hauptperson ab und ziehe mich vorläufig zurück …“

Ich hatte beschlossen, mich harmlos ungezwungen zu geben.

„Wie, was? – ich soll die Hauptperson sein?“ griff Stebelkoff sofort lebhaft auf und wies vergnügt mit dem Finger auf sich selbst.

„Ja, gerade Sie; Sie allein sind die Hauptperson, wie überhaupt der erste Mann in allem, und das wissen Sie ja selbst ganz genau!“

„Tja, nein, erlauben Sie mal! In der Welt gibt es immer noch einen zweiten Mann. Und dieser zweite Mann – der bin ich! Also der zweite. Es gibt einen ersten Mann, und es gibt einen zweiten Mann. Der erste Mann tut, und der zweite Mann nimmt. Folglich ist der zweite Mann der erste Mann, und der erste Mann ist der zweite Mann. Ist es so oder nicht?“

„Möglich, daß es so ist, nur verstehe ich Sie wie gewöhnlich nicht ganz.“

„Erlauben Sie! In Frankreich war die Revolution, und alle wurden geköpft. Da kam Napoleon und steckte alles ein. Die Revolution, das war sozusagen der erste Mann, und Napoleon war der zweite Mann. Tja, aber zum Schluß, da war die Sache umgekehrt, wie es sich erwies: da war Napoleon der erste Mann und die Revolution der zweite Mann. Ist es so oder nicht?“

Nebenbei bemerkt: daß er mir gerade mit der Französischen Revolution als Beispiel kam, darin erblickte ich wieder eine von seinen kleinen schlauen Anspielungen, die mich diesmal sehr amüsierte. Da er nun einmal irgendwie erfahren hatte, daß ich bei Dergatschoff gewesen war, so nahm er ohne weiteres an, ich sei Revolutionär, und verblieb in diesem Glauben, und jedesmal, wenn er mit mir zusammentraf, hielt er es für notwendig, von etwas Derartigem zu sprechen.

„Kommen Sie,“ sagte der Fürst.

Sie gingen zusammen ins Nebenzimmer. Ich blieb allein zurück und beschloß nun endgültig, die dreihundert Rubel dem Fürsten zurückzugeben, sobald Stebelkoff ihn verlassen hätte. Ich hatte dieses Geld furchtbar nötig, aber ich war trotzdem entschlossen, es nicht anzunehmen.

Im Nebenzimmer war es etwa zehn Minuten lang ganz still, auf einmal aber fingen sie laut zu sprechen an. Sie sprachen erregt und beide zugleich, und plötzlich schrie der Fürst Stebelkoff an, wie in maßloser Gereiztheit oder womöglich in wahrer Wut. Er konnte manchmal sehr heftig sein, und sogar ich hatte ihm schon manches verzeihen müssen. In dem Augenblick kam der Diener, um einen Besuch anzumelden; ich wies ihn ins Nebenzimmer, und kaum war er dort eingetreten, da wurde es still. Der Fürst trat schnell und mit besorgtem Gesichtsausdruck, aber doch lächelnd, aus dem Zimmer, der Diener verschwand, und nach einer halben Minute erschien der Besuch.

Es war das ein sehr wichtiger Gast, ein Herr mit Achselschnüren und anderen bedeutsamen militärischen Abzeichen, dabei erst etwa dreißig Jahre alt. Er war von vornehmem und gewissermaßen strengem Äußeren. Ich muß bemerken, daß Fürst Sserjosha, d. h. Fürst Ssergei Petrowitsch, von der höchsten Petersburger Gesellschaft doch immer noch nicht ganz aufgenommen worden war, trotz seines lebhaften Wunsches, von ihr aufgenommen zu werden (von diesem Wunsch wußte ich), und deshalb mußte dieser Besuch für ihn von besonderer Wichtigkeit sein. Ich wußte auch, daß es ihm erst kurz zuvor und nach großen Bemühungen seinerseits gelungen war, die Bekanntschaft mit diesem Aristokraten anzuknüpfen; er machte ihm nun seinen Gegenbesuch, doch zum Unglück des Fürsten kam er zu einer sehr ungelegenen Zeit. Ich sah, mit was für einer Qual und mit welch einem gleichsam verlorenen Blick der Fürst sich einen Moment nach Stebelkoff umsah; aber Stebelkoff hielt den Blick aus, als wäre er der anständigste Mensch, und er dachte nicht daran, sich unbemerkt zurückzuziehen, sondern setzte sich frech und wohlgemut auf den Diwan und begann mit der Hand seine Haare aufzuwühlen, wahrscheinlich zum Zeichen seiner Unabhängigkeit. Ja, er setzte sogar eine gewisse wichtige Miene auf, – mit einem Wort, er war entschieden unmöglich. Was mich betrifft, so verstand ich natürlich auch damals schon, mich zu benehmen, und hätte selbstverständlich keinen durch die Bekanntschaft mit mir kompromittiert; aber wie groß war meine Verwunderung, als ich denselben verlorenen, hilflosen und bösen Blick des Fürsten auch mich streifen sah: er schämte sich also nicht nur Stebelkoffs, sondern auch meiner, und stellte mich somit auf ein und dieselbe Stufe mit Stebelkoff. Dieser Gedanke empörte mich; ich setzte mich deshalb noch ungenierter auf meinen Diwan und blätterte in meinem Buch mit einer Miene, als gingen sie mich überhaupt nichts an. Stebelkoff dagegen machte große Augen, beugte sich vor und hörte ihrem Gespräch aufmerksam zu, wahrscheinlich im Glauben, das wäre höflich und liebenswürdig zugleich. Der Besuch warf ab und zu einen Blick auf Stebelkoff; und auf mich übrigens auch.

Sie sprachen von Familienneuigkeiten; dieser Herr hatte einmal die Mutter des Fürsten gekannt, die aus einer alten vornehmen Familie stammte. Soviel ich beurteilen konnte, war dieser Herr, trotz der Freundlichkeit und scheinbaren Offenherzigkeit seines Tones, sehr pedantisch und von sich in solchem Maße eingenommen, daß er mit seiner Visite wohl jedem Sterblichen eine große Ehre zu erweisen wähnte. Wäre der Fürst allein gewesen, das heißt, ohne uns, so hätte er sich, davon bin ich überzeugt, viel sicherer und gewandter gezeigt; so aber sprach eine gewisse Unsicherheit und Nervosität aus seinem Lächeln, das vielleicht etwas zu liebenswürdig war, und außerdem war er von einer sonderbaren Zerstreutheit.

Sie saßen noch keine fünf Minuten, als der Diener wieder einen Besuch meldete, und wie zum Verhängnis war es wieder ein kompromittierender Bekannter des Fürsten. Diesen kannte ich gut, d. h. ich hatte schon viel von ihm gehört, ich selbst aber war ihm völlig unbekannt. Es war das ein noch sehr junger Mann, übrigens doch schon dreiundzwanzigjährig, vorzüglich angezogen, aus guter Familie und ein sehr hübscher Junge, aber leider – gehörte er zur schlechten Gesellschaft. Vor einem Jahr war er noch Offizier in einem der vornehmsten Gardekavallerie-Regimenter gewesen, hatte aber dann aus zwingenden Gründen seinen Abschied nehmen müssen, und diese Gründe waren allen bekannt. Seine Verwandten mußten sogar in den Zeitungen bekanntmachen, daß sie für seine Schulden nicht hafteten, er aber führte sein Verschwenderleben unbehindert fort, verschaffte sich Geld zu zehn Prozent monatlich, spielte fürchterlich, wo er nur spielen konnte, und ruinierte sich für eine bekannte kleine Französin.

Vor einer Woche hatte er wieder Glück gehabt und an einem einzigen Abend an die zwölftausend Rubel gewonnen, so war er jetzt wieder obenauf. Mit dem Fürsten stand er auf freundschaftlichem Fuß: sie spielten oft gemeinschaftlich; aber der Fürst zuckte zusammen, als er ihn erblickte, ich sah das von meinem Platze aus. Dieser junge Mann benahm sich überall so, als wäre er bei sich zu Hause, sprach laut und lustig, sprach alles aus, was ihm in den Kopf kam, genierte sich nie und wäre natürlich auch im Traum nicht darauf verfallen, daß unser Fürst sich vor dem hohen Gast seiner übrigen Bekannten schämte.

Er trat ein, unterbrach ihre Unterhaltung und begann sogleich, noch bevor er sich gesetzt hatte, von dem gestrigen Spielabend zu erzählen.

„Sie waren, glaub ich, gleichfalls da,“ wandte er sich schon nach dem dritten Satz an den würdevollen Besuch, den er augenscheinlich für einen Herrn aus ihrem Spielerkreise hielt, aber er bemerkte sofort seinen Irrtum und rief: „Ach, entschuldigen Sie, ich hielt Sie im Augenblick für einen der Herren von gestern!“

„Alexei Wladimirowitsch Darsan, – Ippolit Alexandrowitsch Naschtschokin,“ beeilte sich der Fürst vorzustellen. Diesen jungen Mann konnte man immerhin vorstellen: er entstammte einer bekannten, vornehmen Familie; uns aber hatte er nicht vorgestellt, und wir saßen immer noch auf unseren Plätzen und rührten uns nicht. Ich wollte nicht einmal den Kopf zu ihnen wenden; Stebelkoff aber hatte seit dem Erscheinen des jungen Mannes fröhlich zu lächeln und zu schmunzeln angefangen und sah ganz danach aus, als wollte er sich nun gleichfalls am Gespräch beteiligen. Mich begann das alles schließlich zu amüsieren.

„Ich habe Sie im vorigen Jahr oft bei der Gräfin Werigin gesehen,“ sagte Darsan.

„Ja, ich entsinne mich Ihrer, aber Sie waren damals, wenn ich mich nicht sehr irre, Offizier,“ erwiderte Naschtschokin freundlich.

„Ja, ich war Offizier, aber dank … Ah, da ist ja Stebelkoff? Wie kommt denn der hierher? Ja, schauen Sie mal, eben dank diesen gerissenen Leutchen bin ich nicht mehr Offizier,“ – und er wies ungeniert und lachend auf Stebelkoff.

Stebelkoff lachte sogleich mit und sogar sehr vergnügt – er schien den Hinweis auf sich für eine Liebenswürdigkeit zu halten. Der Fürst wurde rot und wandte sich schnell mit irgendeiner Frage an Naschtschokin; Darsan trat zu Stebelkoff und begann mit ihm sehr lebhaft, aber doch flüsternd zu sprechen.

„Wenn ich mich nicht irre, sind Sie im Auslande mit Katerina Nikolajewna Achmakoff sehr gut bekannt gewesen?“ fragte Naschtschokin den Fürsten.

„Oh, ja, ich habe sie gekannt …“

„Es scheint, daß es bald eine Neuigkeit geben wird. Man spricht davon, daß sie den Baron Bjoring heiraten werde.“

„Ja, das ist wahr!“ rief Darsan herüber.

„Sie … wissen das genau?“ fragte der Fürst Naschtschokin mit sichtlicher Erregung, und in seiner Frage lag gespannte Erwartung.

„Ich habe so gehört; aber ich glaube, es wird schon allgemein davon gesprochen; genau weiß ich es allerdings nicht.“

„Oh, doch, das steht fest!“ sagte Darsan und trat wieder zu ihnen. „Dubassoff sagte es mir gestern; er ist immer der erste, der solche Neuigkeiten weiß. Aber auch Sie, Fürst, müßten das eigentlich schon wissen.“

Naschtschokin ließ Darsan zu Ende sprechen und wandte sich dann wieder an den Fürsten:

„Sie hat sich in der letzten Zeit selten in der Gesellschaft sehen lassen.“

„Im letzten Monat war ihr Vater krank,“ bemerkte der Fürst eigentümlich trocken.

„Aber sie ist doch, glaub ich, eine Dame mit Erlebnissen?“ platzte Darsan unbedacht heraus.

Ich hob den Kopf und richtete mich auf.

„Ich habe die Ehre, Katerina Nikolajewna persönlich zu kennen und halte es für meine Pflicht, zu versichern, daß alle skandalösen Gerüchte nichts als Lüge und schändlicher Klatsch sind … und von denen erfunden, die … ihr den Hof gemacht, jedoch nichts erreicht haben.“

Nachdem ich so dumm abgebrochen hatte, sah ich sie alle mit glühendem Gesicht und gerade aufgerichtet immer noch an. Alle hatten sich nach mir umgewandt – da begann Stebelkoff zu kichern, und auch der anfangs verdutzte Darsan lächelte auf einmal.

„Arkadi Makarowitsch Dolgoruki,“ stellte der Fürst mich vor.

„Ach, glauben Sie mir, Fürst,“ wandte sich Darsan unbefangen und gutmütig an mich, „das war ja gar nicht meine Meinung; wenn es solche Gerüchte gibt, so habe nicht ich sie verbreitet.“

„Oh, ich sagte es ja auch gar nicht zu Ihnen!“ versetzte ich schnell, aber schon lachte Stebelkoff unverzeihlich, und zwar, wie sich später herausstellte, nur darüber, daß Darsan mich für einen Fürsten Dolgoruki gehalten hatte. Mein verwünschter Name mußte mir auch hier wieder alles verpfuschen! Selbst jetzt erröte ich noch bei dem Gedanken, daß ich damals, natürlich aus Schamgefühl, den dummen Irrtum nicht aufzuklären wagte und ihm nicht sagte, daß ich einfach Dolgoruki hieße. Ich habe das damals zum erstenmal in meinem Leben unterlassen. Darsan sah verwundert bald mich, bald den lachenden Stebelkoff an.

„Ach, richtig! Wer war denn dieses hübsche Mädel, dem ich vorhin auf Ihrer Treppe begegnet bin, schlank, blond?“ fragte er auf einmal den Fürsten.

„Wirklich, ich weiß nicht … wie soll ich es wissen …“ Der Fürst war plötzlich rot geworden.

„Wer denn sonst?“ lachte Darsan.

„Übrigens, das … das könnte …“ begann der Fürst eigentümlich unsicher und stockend.

„Das … Tja, das war doch sein Schwesterchen, eben Lisaweta Makarowna!“ sagte plötzlich Stebelkoff, mit dem Finger auf mich weisend. „Ich bin ihr ja vorhin auch begegnet …“

„Ach, ja, in der Tat!“ fiel ihm der Fürst ins Wort, und sein Gesicht sah plötzlich ernst und streng aus. „Das wird allerdings Lisaweta Makarowna gewesen sein. Sie ist sehr befreundet mit Anna Fjodorowna Stolbejeff, bei der ich hier wohne. Wahrscheinlich hat sie heute Darja Onissimowna besucht, der Anna Fjodorowna für die Zeit ihrer Abwesenheit die ganze Führung des Haushalts anvertraut hat …“

Und so war es auch. Diese Darja Onissimowna war die Mutter der armen Olä und war von Tatjana Pawlowna schließlich bei der Stolbejeff untergebracht worden. Ich wußte, daß Lisa die Stolbejeff früher besucht hatte und nun auch manchmal bei der armen Darja Onissimowna gewesen war, die wir alle sehr liebgewonnen hatten; aber in diesem unseligen Augenblick, nach dieser übrigens sehr sachlichen Erklärung des Fürsten und diesem dummen Ausfall Stebelkoffs, oder vielleicht auch nur deshalb, weil man mich mit dem Titel „Fürst“ angeredet hatte – oder war es vielleicht alles zusammen –, kurz, ich wurde auf einmal feuerrot. Zum Glück erhob sich gerade Naschtschokin, um aufzubrechen; er reichte auch Darsan die Hand. In dem Augenblick, wo Stebelkoff und ich allein blieben – Darsan stand mit dem Rücken zu uns in der Tür – begann Stebelkoff mir sofort lebhaft zuzuzwinkern und mit dem Kopf auf Darsan zu weisen; ich zeigte Stebelkoff die Faust.

Eine Minute später brach auch Darsan auf, nachdem er mit dem Fürsten noch die Verabredung getroffen hatte, am nächsten Tage an einem bestimmten Ort zusammenzutreffen – natürlich in einem Lokal, wo gespielt wurde. Beim Hinausgehen rief er noch Stebelkoff irgend etwas zu und machte vor mir eine leichte Verbeugung. Kaum war er hinausgegangen, da sprang Stebelkoff auf, blieb mitten im Zimmer stehen und hob den Finger vor sich in die Höhe:

„Dieses Knäblein hat in der vorigen Woche folgenden Streich gespielt: hat einen Wechsel gegeben, einen Wechsel mit gefälschter Unterschrift, hat den Namen Awerianoff selbst geschrieben! Und der Wechsel existiert nun noch in dieser Form und ist noch nicht eingelöst! Kriminalsache! Achttausend Rubel!“

„Und dieser Wechsel ist bestimmt in Ihren Händen!“ Ich sah ihn mit wilder Wut an.

„Ich habe eine Bank, ich habe einen Mont de piété,[40] keinen Wechsel. Haben Sie schon gehört, was das ist, der Mont de piété in Paris? Das Brot und die Vorsehung der Armen! Tja! Wie gesagt, einen Mont de piété …“

Der Fürst unterbrach ihn grob und zornig:

„Was wollen Sie hier noch? Was hatten Sie hier zu sitzen?“

„Tja …“ Stebelkoffs Augen blinzelten, „aber das? Geht das denn nicht?“

„Nein, nein, nein!“ schrie ihn der Fürst an und stampfte mit dem Fuß. „Ich habe Ihnen doch gesagt …!“

„Tja, nun, wenn es so ist … dann ist es so. Dann ist es eben anders …“

Er drehte sich hastig um und ging mit plötzlich gesenktem Kopf und krummem Rücken schnell hinaus. Als er schon in der Tür war, rief ihm der Fürst noch zornig nach:

„Und damit Sie es wissen, mein Herr, ich habe nicht die geringste Furcht vor Ihnen!“

Er war sehr gereizt, wollte sich setzen, warf aber einen Blick auf mich und setzte sich nicht. Sein Blick hatte gleichsam auch mir gesagt: „Und auch du, was hast du hier noch zu suchen?“

„Ich, Fürst …“ wollte ich anfangen, aber er fiel mir ins Wort:

„Ich habe wirklich keine Zeit, Arkadi Makarowitsch, ich muß sogleich ausfahren.“

„Nur einen Augenblick, Fürst, es ist etwas für mich sehr Wichtiges; und vor allem, bitte, nehmen Sie Ihre dreihundert Rubel zurück.“

„Was soll das nun wieder bedeuten?“

Er war auf und ab gegangen, jetzt blieb er stehen.

„Das soll bedeuten, daß ich nach allem, was vorgefallen ist … und was Sie von Werssiloff gesagt haben – daß er unehrenhaft wäre –, und schließlich Ihr Ton die ganze Zeit heute … Mit einem Wort, ich kann es wirklich nicht annehmen.“

„Sie haben es aber doch schon einen ganzen Monat annehmen können.“

Er setzte sich plötzlich hin. Ich stand am Tisch und blätterte mit der einen Hand in dem Buch von Bjelinski, in der anderen hielt ich meinen Hut.

„Es waren andere Gefühle, Fürst … Und schließlich, ich hätte es nie bis zu dieser Summe kommen lassen … Aber dieses Spiel … Mit einem Wort, ich kann nicht!“

„Sie haben sich heute einfach durch nichts Besonderes ausgezeichnet, und deshalb sind Sie wütend; ich möchte Sie bitten, das Buch liegen zu lassen.“

„Was heißt das: ‚sich durch nichts Großartiges ausgezeichnet‘? Und dann, Sie haben mich vor Ihren Gästen fast auf eine Stufe mit Stebelkoff gestellt.“

„Ah, das ist also des Rätsels Lösung!“ lächelte er gehässig. „Und außerdem wurden Sie verlegen, weil Darsan Sie für einen Fürsten hielt.“

Er lachte böse. Ich fuhr auf.

„Ich verstehe Sie nicht … Ihren Fürstentitel würde ich auch umsonst nicht annehmen!“

„Ich kenne Ihren Charakter. Wie lächerlich Sie sich als Verteidiger der Achmakoff aufspielten … Lassen Sie das Buch liegen!“

„Was soll denn das heißen?“ Auch ich wurde wütend.

„Lassen Sie das Buch liegen!“ brüllte er mich auf einmal an und richtete sich wild in seinem Sessel auf, fast wie im Begriff, sich auf mich zu stürzen.

„Das geht denn doch über alle Grenzen,“ sagte ich und ging schnell aus dem Zimmer. Aber noch hatte ich den Saal nicht ganz durchschritten, als er mich schon von der Tür seines Kabinetts zurückrief:

„Arkadi Makarowitsch, kommen Sie zurück! Kommen Sie zurück! Zu–rück, sage ich! Zum …!“

Ich achtete nicht darauf und ging weiter. Da holte er mich mit schnellen Schritten ein, ergriff mich am Arm und zog mich zurück ins Kabinett. Ich widersetzte mich nicht.

„Nehmen Sie!“ sagte er, bleich vor Erregung, und hielt mir die dreihundert Rubel hin, die ich auf den Tisch gelegt hatte. „Sie müssen sie nehmen, unbedingt … sonst sind wir … Sie müssen! Unbedingt!“

„Fürst, wie kann ich denn?“

„Nun, ich werde Sie um Verzeihung bitten, wollen Sie? Also, verzeihen Sie mir …!“

„Fürst, ich habe Sie immer geliebt, und wenn Sie mich auch …“

„Ja, ich auch: nehmen Sie …“

Ich nahm das Geld. Seine Lippen bebten.

„Ich verstehe ja, Fürst, daß dieser Schuft Sie in Wut versetzt hat … aber ich nehme es nur dann, Fürst, wenn wir uns küssen, wie nach unseren früheren kleinen Zerwürfnissen …“

Ich zitterte, als ich das sagte.

„Was für Zärtlichkeiten!“ murmelte der Fürst mit einem verwirrten Lächeln, beugte sich aber herab und küßte mich.

Ich fuhr zusammen: in seinem Gesicht sah ich, während er mich küßte, entschieden einen Ausdruck des Ekels.

„Hat er Ihnen wenigstens Geld gebracht?“ fragte ich.

„Ach, das ist egal.“

„Ich frage nur Ihretwegen, ich …“

„Ja, ja, er hat mir welches gebracht …“

„Fürst, wir waren Freunde … und schließlich, Werssiloff …“

„Ja, ja, schon gut!“

„Nein, hören Sie, ich weiß wirklich nicht, diese dreihundert …“

Ich hielt sie in der Hand.

„Nehmen Sie sie, so nehmen Sie sie doch!“ drängte er und lächelte wieder, aber in seinem Lächeln war etwas Böses.

Ich nahm sie.

Drittes Kapitel.
I.
Ich nahm das Geld, weil ich ihn liebte. Wer mir das nicht glauben will, dem kann ich sagen, daß ich wenigstens in dem Augenblick, als ich dieses Geld von ihm nahm, fest überzeugt war, daß ich mir, wenn ich nur wollte, auch aus einer anderen Quelle und mit Leichtigkeit Geld verschaffen könnte. Und folglich hatte ich das Geld nicht genommen, weil mich die Not dazu zwang, sondern um ihn nicht zu kränken. Ja, leider, so dachte ich damals! Aber ich fühlte mich doch sehr bedrückt, als ich ihn verließ: die außerordentliche Veränderung in seinem Verhalten zu mir an diesem Vormittag hatte mich zu sehr überrascht. Einen solchen Ton hatte er sich mir gegenüber noch nie erlaubt, und sein Verhalten zu Werssiloff war ja schon eine richtige Auflehnung gewesen. Stebelkoff hatte ihn natürlich mit irgend etwas geärgert, aber das hatte ja schon vor Stebelkoffs Erscheinen angefangen. Und wie gesagt, eine Veränderung in seinem Verhalten zu mir war schon die ganzen letzten Tage zu bemerken gewesen, aber doch nicht so, doch nicht in dem Maße – und das war das Auffallende.

Vielleicht hatte ihn auch die dumme Nachricht von diesem Flügeladjutanten Baron Bjoring aufgebracht … Mich hatte sie ja gleichfalls aufgeregt, aber … Das war es eben, daß ich damals etwas ganz anderes im Sinn und strahlend vor Augen hatte, weshalb ich so vieles leichtsinnig außeracht ließ: ich beeilte mich förmlich, es außeracht zu lassen, zu übersehen, ich verscheuchte alles Dunkle und wandte mich immer nur diesem einen vor mir Strahlenden zu …

Es war noch nicht ein Uhr. Vom Fürsten fuhr ich mit meinem Schlitten – wird man es mir glauben, zu wem? – geradeswegs zu Stebelkoff! Dieser Stebelkoff hatte mich vorhin nicht so sehr durch sein Erscheinen beim Fürsten in Erstaunen versetzt (da der Fürst auf das von ihm versprochene Geld gewartet hatte), als dadurch, daß er zwar nach seiner dummen Angewohnheit mir zugeblinzelt, jedoch mit keiner Miene darauf angespielt hatte, was zwischen uns einzig einer Erklärung bedurfte. Ich hatte nämlich am Abend vorher durch die Stadtpost einen Brief von ihm erhalten, der für mich ziemlich rätselhaft war: er bat mich, gerade heute gegen zwei Uhr bei ihm vorzusprechen, er hätte mir „Dinge mitzuteilen, die ich wohl nicht erwartete“. Und nun hatte er beim Fürsten mit keiner Miene angedeutet, daß er von seinem Brief an mich etwas wußte. Was mochten das für Geheimnisse sein, die es zwischen Stebelkoff und mir überhaupt geben konnte? Schon dieser Gedanke an sich war lächerlich; aber nach allem, was sich da zugetragen hatte, war ich nun auf der Fahrt zu ihm sogar ein wenig aufgeregt. Ich hatte mich allerdings schon einmal an ihn gewandt, als ich dringend Geld brauchte – das war vor etwa zwei Wochen gewesen –, und er wollte es mir auch geben, aber es war doch nicht dazu gekommen, und ich selbst hatte auf das Geld verzichtet: er hatte gleich wieder etwas Unverständliches zu schwatzen angefangen, und da war in mir der Verdacht aufgestiegen, daß er mir etwas vorschlagen, mir besondere Bedingungen stellen wollte; da ich ihn aber jedesmal, wenn ich mit ihm beim Fürsten zusammengekommen war, sehr von oben herab behandelt hatte, so hatte ich stolz jeden Gedanken an besondere Bedingungen zurückgewiesen und war fortgegangen, obschon er mir noch bis zur Haustür nachgelaufen war. Das Geld hatte ich mir dann vom Fürsten geborgt.

Stebelkoffs Wohnung lag ganz abgesondert, er lebte völlig für sich und wohnte wie ein wohlhabender Mann: es waren vier schöne Zimmer mit guten Möbeln, dazu hatte er männliche und weibliche Bedienung und noch eine Wirtschafterin, die übrigens eine ziemlich bejahrte Person war. Zornig trat ich bei ihm ein.

„Hören Sie mal, mein Bester,“ begann ich schon in der Tür, „was hat, erstens mal, dieser Brief an mich zu bedeuten? Ich verbitte mir Briefe von Ihnen an meine Adresse. Und warum haben Sie mir nicht vorhin beim Fürsten erklärt, was Sie von mir wollen? Sie konnten doch dort mit mir sprechen!“

„Aber warum haben Sie denn dort gleichfalls geschwiegen und nicht selbst gefragt?“ Ein höchst selbstzufriedenes Lächeln zog seinen Mund in die Breite.

„Weil nicht ich Sie brauche, sondern Sie mich!“ rief ich und war auf einmal wütend.

„Aber warum sind Sie dann zu mir gekommen, wenn es so ist?“ Er hopste fast auf seinem Stuhl vor lauter Vergnügen. Ich drehte mich sofort um und wollte gehen, aber er hielt mich an der Schulter fest.

„Nein, nein, ich hab’ ja nur gescherzt. Die Sache ist wichtig. Sie werden sehen!“

Ich setzte mich. Ich muß gestehen, ich war doch neugierig geworden. Wir saßen an seinem großen Schreibtisch einander gegenüber. Er lächelte verschmitzt und wollte schon wieder seinen Finger in die Höhe heben.

„Bitte, diesmal ohne Ihre Schlauheiten und Fingerturnerei, und vor allen Dingen lassen Sie Ihre Allegorien beiseite und sprechen Sie sachlich, sonst gehe ich sofort!“ rief ich wieder wütend.

„Sie … sind stolz!“ sagte er mit einem gewissen dummen Vorwurf, indem er sich in seinem Lehnstuhl zu mir vorbeugte und alle seine Falten auf der Stirn in die Höhe zog.

„Anders geht es mit Ihnen nicht.“

„Sie … haben heute vom Fürsten Geld genommen, dreihundert Rubel; ich habe auch Geld. Mein Geld ist besser.“

„Woher wissen Sie, daß der Fürst mir Geld geliehen hat?“ fragte ich maßlos verwundert, „sollte er es Ihnen wirklich selbst gesagt haben?“

„Er selbst hat es mir gesagt; regen Sie sich nicht auf, es war nur so, nur beiläufig, es entschlüpfte ihm unbedachterweise, da von Geld die Rede war, nicht mit Absicht. Er hat es mir gesagt. Aber Sie hätten es von ihm nicht zu nehmen brauchen. Ist es so oder nicht?“

„Aber Sie erpressen ja, wie ich gehört habe, unmenschliche Prozente.“

„Ich habe einen Mont de piété, ich erpresse nichts. Ich helfe nur Freunden, anderen gebe ich nichts. Für die anderen ist der Mont de piété da …“

Dieser sein Mont de piété war eine ganz gewöhnliche Pfandleihe, aber nicht auf seinen Namen; sie befand sich auch in einer anderen Wohnung, und das Geschäft blühte.

„Aber Freunden gebe ich große Summen.“

„Wie, ist denn der Fürst auch so ein Freund von Ihnen?“

„Das … ist er; aber … er redet Unsinn. Und er darf nicht Unsinn reden.“

„Ist er denn so in Ihren Händen? Schuldet er Ihnen viel?“

„Er … schuldet mir viel.“

„Er wird Ihnen alles bezahlen; er hat die Erbschaft …“

„Das – ist nicht seine Erbschaft. Er ist mir Geld schuldig und ist mir noch anderes schuldig. Die Erbschaft langt nicht. Ich gebe Ihnen ohne Prozente.“

„Gleichfalls als Ihrem ‚Freunde‘? Womit habe ich denn das verdient?“ fragte ich auflachend.

„Sie werden es noch verdienen.“

Wieder beugte er sich mit dem ganzen Oberkörper zu mir vor und hob den Finger.

„Stebelkoff! Ohne Finger, sonst gehe ich!“

„Hören Sie … er könnte doch Anna Andrejewna Werssiloff heiraten!“ Und er kniff sein linkes Auge teuflisch listig zusammen.

„Wissen Sie, Stebelkoff, Ihre Geschichten nehmen einen dermaßen skandalösen Charakter an … Wie dürfen Sie es wagen, den Namen Anna Andrejewnas überhaupt auszusprechen?“

„Ärgern Sie sich nicht.“

„Es kostet mich wirklich Überwindung, Sie anzuhören, und ich tue es nur, weil ich hier eine Machenschaft wittere und wissen will … Aber mir kann auch die Geduld reißen, Stebelkoff!“

„Ärgern Sie sich nicht, und seien Sie nicht so stolz. Haben Sie nur ein wenig Geduld, und hören Sie mich an. Dann können Sie wieder stolz sein. Das mit Anna Andrejewna wissen Sie doch? Daß der Fürst sie heiraten könnte … das wissen Sie doch?“

„Ich habe natürlich davon gehört und weiß alles; aber ich habe mit dem Fürsten niemals darüber gesprochen. Ich weiß nur, daß diese Idee vom alten Fürsten Ssokolski stammt, der jetzt krank ist; aber ich habe niemals darüber gesprochen und habe damit auch nichts zu schaffen. Ich sage Ihnen das alles einzig zur Erklärung der Sachlage … Und nun gestatten Sie die Frage, erstens: wozu Sie denn eigentlich davon mit mir zu sprechen angefangen haben? Und zweitens: hat denn der Fürst wirklich mit Ihnen über diese Dinge gesprochen?“

„Nicht er mit mir; er will mit mir nicht darüber sprechen, aber ich spreche mit ihm, und er will mich bloß nicht anhören. Vorhin bei ihm, da schrie er mich ja deshalb an.“

„Das fehlte noch, daß er es nicht getan hätte! Ich kann ihm nur zustimmen.“

„Der Alte, der alte Fürst Ssokolski, wird Anna Andrejewna eine große Mitgift geben; sie hat’s verstanden, ihm zu gefallen. Dann wird mir der Bräutigam, der junge Fürst Ssokolski, mein ganzes Geld wiedergeben. Wird mir auch die andere Schuld, außer der Geldschuld, wiedergeben. Das wird er sicher! Jetzt aber hat er nichts, wovon er es mir zurückzahlen könnte.“

„Aber was soll ich denn, wozu brauchen Sie denn mich dabei?“

„Zu der Hauptsache! Sie sind bekannt, Sie sind dort überall bekannt. Sie können alles erfahren.“

„Zum Teufel … was erfahren?“

„Ob der Fürst will, ob Anna Andrejewna will, ob der alte Fürst will! Das müßten Sie alles genau erfahren.“

„Und Sie unterstehen sich, mir vorzuschlagen, Ihr Spion zu sein, und das – für Geld!“ Empört sprang ich auf.

„Seien Sie nicht so stolz, seien Sie nicht so stolz! Warten Sie nur noch ein wenig mit dem Stolzsein, nur noch fünf Minuten!“

Er zwang mich wieder zum Sitzen. Meiner Empörung und meinen Ausrufen maß er offenbar nicht die geringste Bedeutung bei; aber ich beschloß, ihn zu Ende anzuhören.

„Ich muß es bald erfahren, so bald als möglich, und muß es genau wissen; denn … denn vielleicht wird es bald zu spät sein. Haben Sie nicht bemerkt, wie unangenehm ihm die Neuigkeit war, die der Offizier von dem Baron und der verwitweten Achmakoff, der Katerina Nikolajewna, erzählte?“

Entschieden erniedrigte ich mich dadurch, daß ich ihn anhörte, aber meine Neugier war so groß, daß ich mich nicht loszureißen vermochte.

„Hören Sie … Sie nichtsnutziger Mensch!“ sagte ich entschlossen. „Wenn ich noch hier sitze und Sie anhöre und Sie sogar von diesen mir nahestehenden Menschen sprechen lasse … und Ihnen sogar noch antworte, so geschieht das keineswegs deshalb, weil ich Ihnen etwa das Recht dazu zugestehe. Ich sehe einfach, daß es sich hier um eine Gemeinheit handelt … Und dann, was für Hoffnungen kann der Fürst auf Katerina Nikolajewna haben?“

„Gar keine, aber er ärgert sich.“

„Das ist nicht wahr!“

„Er ärgert sich. Er hat da schon verspielt, hat ein Paroli verloren. Jetzt ist ihm nur noch Anna Andrejewna geblieben. Ich gebe Ihnen zweitausend Rubel … ohne Wechsel und ohne Zinsen.“

Nachdem er das gesagt hatte, lehnte er sich entschlossen und wichtig zurück und sah mich mit aufgerissenen Augen an. Ich riß auch meine Augen auf und sah ihn an.

„Sie tragen Anzüge von einem Schneider aus der Großen Millionnajastraße; Geld braucht man, Geld, und mein Geld ist besser als seines. Ich gebe Ihnen mehr als zweitausend …“

„Aber wofür? Wofür denn, zum Teufel?“

Ich stampfte mit dem Fuß auf. Er beugte sich wieder vor zu mir und sagte mit besonderer Betonung:

„Damit Sie nicht stören.“

„Ich kümmere mich sowieso nicht darum,“ rief ich.

„Ich weiß, daß Sie schweigen; das ist gut.“

„Ihr Gutheißen können Sie für sich behalten, ich brauche es nicht. Ich würde diese Verbindung selbst sehr wünschen, aber ich halte das nicht für meine Sache, und mich da hineinzumischen, wäre nicht anständig.“

„Sehen Sie, sehen Sie, tja, das ist es ja: nicht anständig!“ Er erhob den Finger zum Zeichen der Bedeutsamkeit des Wortes.

„Was – sehen Sie? Was soll ich da sehen?“

„Tja, das wäre unanständig … Hehe!“ Er begann zu lachen. „Ich verstehe, verstehe, das wäre von Ihnen unanständig, aber … werden Sie auch nicht stören?“ Er zwinkerte mir wieder zu.

Aber in diesem Zuzwinkern lag etwas so maßlos Freches, sogar Spöttisches, Niedriges! Es war, als hätte er in mir irgendeine Niedrigkeit vorausgesetzt und auf eben diese Niedrigkeit gerechnet … Das war klar; aber ich konnte auf keine Weise erraten, um was es sich dabei handelte.

„Anna Andrejewna ist – doch auch Ihre Schwester,“ sagte er schließlich eindringlich.

„Ich verbiete Ihnen, davon zu sprechen! Und überhaupt dürfen Sie es nicht wagen, Anna Andrejewna zu nennen!“

„Tun Sie nicht so stolz, gedulden Sie sich noch eine Minute! Also hören Sie: er wird das Geld bekommen und alle sicherstellen,“ sagte er mit besonderer Betonung. „Sie folgen? Ich sage: alle – verstehen Sie? – alle!“

„So glauben Sie, ich würde dann Geld von ihm nehmen?“

„Jetzt nehmen Sie es doch?“

„Ich nehme mein eigenes.“

„Wieso Ihr eigenes?“

„Dieses Geld … gehört Werssiloff; er schuldet Werssiloff zwanzigtausend.“

„So doch nur Werssiloff und nicht Ihnen.“

„Werssiloff ist mein Vater.“

„Nein, Sie heißen Dolgoruki und nicht Werssiloff.“

„Das bleibt sich gleich!“ – So glaubte ich damals die Sache wirklich noch erklären und rechtfertigen zu können! Ich wußte, daß es sich nicht gleichblieb; denn so dumm war ich schließlich doch nicht, aber ich dachte wiederum aus „Taktgefühl“ so.

„Genug!“ rief ich. „Ich werde aus Ihrem Gefasel überhaupt nicht klug. Und wie haben Sie mich wegen solchen leeren Geschwätzes noch extra herzubitten gewagt?“

„Ja, wie … verstehen Sie denn wirklich nicht? Sie …, verstellen Sie sich bloß, oder?“ fragte Stebelkoff langsam und sah mich durchdringend mit einem seltsam ungläubigen Lächeln an.

„Bei Gott, ich verstehe kein Wort!“

„Ich sage Ihnen: er wird alle sicherstellen, alle, wenn Sie nur nicht dazwischenfahren und ihm abraten …“

„Sie müssen wahrhaftig übergeschnappt sein! Was reiten Sie denn ewig auf diesen ‚allen‘ herum? Meinen Sie etwa Werssiloff, daß er den sicherstellen soll?“

„Sie sind nicht der einzige, und Werssiloff ist nicht der einzige … da sind auch noch andere. Und Anna Andrejewna ist ebenso Ihre Schwester wie … Lisaweta Makarowna!“

Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Auf einmal sah ich in seinem widerlichen Blick einen Ausdruck wie von Mitleid mit mir:

„Sie verstehen also nicht, so ist es auch besser! Das ist gut, sehr gut, daß Sie nicht verstehen. Das ist lobenswert … wenn Sie wirklich nicht verstehen.“

Jetzt wurde ich aber wütend.

„Hol’ Sie der Teufel mit Ihrem Gefasel, Sie übergeschnappter Mensch!“ fuhr ich auf und griff nach meinem Hut.

„Das ist kein Gefasel! Wie ist’s? Wissen Sie, Sie werden wiederkommen.“

„Nein,“ schnitt ich ab, schon in der Tür.

„Sie werden kommen, und dann – dann gibt es eine andere Unterredung. Dann kommt die Hauptunterredung. Zweitausend, vergessen Sie das nicht!“

II.
Er hatte einen so schmutzigen und verworrenen Eindruck auf mich gemacht, daß ich, als ich aus seiner Wohnung trat, mir sogar Mühe gab, nicht mehr an ihn zu denken und einfach ausspie. Der Gedanke, daß der Fürst mit ihm von mir und von diesem Gelde hatte sprechen können, stach mich plötzlich wie eine Nadel. „Ich werde gewinnen und es ihm heute noch zurückgeben,“ sagte ich mir entschlossen.

Aber so dumm Stebelkoff und so verworren seine Rede auch war, ich hatte in ihm doch den ausgesprochen gemeinen Menschen in seinem ganzen Glanze erkannt und sofort erraten, daß er, was die Hauptsache war, an einer Intrige spann. Nur hatte ich damals keine Zeit, gleichviel welchen Intrigen nachzuspüren, und das war auch der Hauptgrund meiner damaligen unglaublichen Blindheit! Unruhig sah ich auf meine Uhr, aber es war noch nicht zwei; also konnte ich noch einen Besuch machen; denn sonst wäre ich bis drei Uhr vor Aufregung umgekommen. So fuhr ich denn zu Anna Andrejewna Werssiloff, meiner Halbschwester. Mit ihr war ich schon längst gut bekannt geworden, und zwar bei meinem alten Fürsten während seines Krankseins. Ich hatte ihn nun schon drei oder vier Tage nicht gesehen, und das quälte ein wenig mein Gewissen; aber eben Anna Andrejewna hatte mich bei ihm vertreten: der alte Fürst hing schon sehr an ihr, ja, seine Zuneigung zu ihr war so groß, daß er sie mir gegenüber sogar seinen Schutzengel genannt hatte. Übrigens ging der Plan, sie mit dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch Ssokolski zu verheiraten, tatsächlich von meinem lieben alten Herrn aus, und er hatte ihn mir schon mehr als einmal mitgeteilt, natürlich immer als Geheimnis. Gelegentlich hatte ich das auch Werssiloff erzählt, da es mir nicht entgangen war, daß ihn von allen die nächste Gegenwart betreffenden Dingen, gegen die er so gleichgültig war, nur das eigentümlich zu interessieren schien, was ich ihm von meinen Begegnungen mit Anna Andrejewna mitteilte. Als Antwort hatte Werssiloff damals nur kurz und wie beiläufig so was gemurmelt, daß Anna Andrejewna doch zu klug sei, um in einer so delikaten Sache des Rates anderer zu bedürfen. Selbstverständlich hatte Stebelkoff recht, wenn er annahm, daß der alte Fürst ihr, wenn sie heiratete, eine Mitgift geben würde, aber wie durfte er es wagen, auf ihre Mitgift zu rechnen? Fürst Sserjosha hatte ihm vorhin nachgerufen, er fürchte sich nicht vor ihm: sollte ihm Stebelkoff im Nebenzimmer da nicht wirklich von Anna Andrejewna gesprochen haben? Da konnte ich mir denken, daß auch ich an seiner Stelle empört gewesen wäre.

Anna Andrejewna hatte ich in der letzten Zeit sogar ziemlich oft besucht. Aber jedesmal war mir dabei etwas Merkwürdiges aufgefallen: sie hatte immer selbst bestimmt, wann ich zu ihr kommen sollte, und selbstverständlich erwartete sie mich, aber wenn ich dann erschien, tat sie immer ganz überrascht, als wäre ich ganz unerwartet gekommen; dieser Zug an ihr war mir zwar als sonderbar aufgefallen, aber ich war ihr dennoch zugetan. Sie lebte bei der alten Frau Fanariotoff, ihrer Großmutter, natürlich als deren Pflegetochter (Werssiloff kümmerte sich ja nicht um seine Kinder und sorgte auch nicht für ihren Unterhalt), aber sie spielte im Hause ihrer Pflegemutter keineswegs die Rolle, in der sonst mittellose Pflegetöchter im Hause vornehmer Damen geschildert werden, wie zum Beispiel in Puschkins „Piquedame“ die arme Pflegetochter der tyrannischen alten Gräfin. Anna Andrejewna erinnerte eher selbst an diese alte Gräfin. Sie lebte in diesem Hause ganz für sich, freilich im selben Stockwerk und in derselben Wohnung wie die Fanariotoffs, aber doch in zwei ganz abgesonderten Zimmern, so daß ich zum Beispiel beim Kommen und Gehen noch nie einem von den Fanariotoffs begegnet war. Sie konnte bei sich empfangen, wen sie wollte und ihre Zeit ganz nach eigenem Belieben verbringen. Allerdings war sie ja auch schon dreiundzwanzig. Im letzten Jahr hatte sie in der Gesellschaft so gut wie nichts mehr mitgemacht, obschon ihre Großmutter mit Ausgaben für sie gar nicht geizte, da sie, wie ich schon damals gehört hatte, ihre Enkelin sehr liebte. Mir aber hatte gerade das an Anna Andrejewna von Anfang an gefallen, daß ich sie immer in so schlichten Kleidern sah und immer bei einer Beschäftigung antraf, sei es mit einem Buch oder mit einer Handarbeit. Ihr Äußeres hatte etwas Klösterliches, fast Nonnenhaftes, und auch das gefiel mir. Sie war nicht sehr gesprächig, aber was sie sprach, hatte immer eine gewisse Bedeutung, und sie verstand vorzüglich, anderen zuzuhören, was ich niemals verstanden habe. Wenn ich ihr sagte, daß sie mich sehr an Werssiloff erinnerte, obgleich sie keinen einzigen gemeinsamen Zug hatten, wurde sie immer ein wenig rot. Sie errötete überhaupt oft und immer sehr schnell, aber es war meist nur ein ganz leises Erröten, und diese Eigentümlichkeit ihres Gesichts war mir bald sehr lieb geworden. Wenn ich mit ihr sprach, nannte ich Werssiloff nie mit dem Familiennamen, sondern stets „Andrei Petrowitsch“, und das war ganz von selbst so gekommen. Ich hatte es sogar sehr gut gemerkt, daß man sich bei den Fanariotoffs Werssiloffs etwas zu schämen schien; übrigens hatte ich das einzig aus Anna Andrejewnas Verhalten geschlossen, und eigentlich weiß ich auch nicht, ob man das mit dem Wort „sich schämen“ ausdrücken kann; aber etwas Ähnliches mochte es immerhin sein. Ich hatte bei ihr manchmal auch vom Fürsten Ssergei Petrowitsch zu sprechen angefangen, und sie hatte mir immer sehr aufmerksam zugehört, ja, wie mir schien, hatten diese Mitteilungen sie sogar sehr interessiert; aber es war immer irgendwie ganz von selbst so gekommen, daß ich sie aus eigenem Antriebe erzählte, ohne von ihr aufgefordert zu werden. Sie fragte einen nie aus. Von der Möglichkeit einer Heirat zwischen ihnen hatte ich niemals zu sprechen gewagt, obschon ich es oftmals gewollt hatte, denn zum Teil gefiel mir dieses Projekt sogar ganz gut. Aber in ihrem Zimmer wagte ich von sehr vielem nicht mehr zu sprechen, und doch fühlte ich mich sehr wohl in ihrem Zimmer. Unter anderem gefiel mir an ihr auch sehr, daß sie so gebildet war und viel gelesen hatte, sogar wissenschaftliche Bücher; sie hatte viel mehr gelesen als ich.

Das erstemal hatte sie selbst mich aufgefordert, sie zu besuchen. Auch damals schon begriff ich, daß sie vielleicht darauf rechnete, manches durch mich zu erfahren. Oh, damals konnten viele vieles durch mich erfahren, und sie verstanden es großartig, mich auszuhorchen! „Aber was tut das,“ dachte ich, „schließlich empfängt sie mich bei sich doch nicht nur deshalb.“ Mit einem Wort, es freute mich noch, daß ich ihr nützlich sein konnte, und … und wenn ich bei ihr war, hatte ich immer die Empfindung, daß es meine Schwester war, die hier neben mir saß, obgleich ich mit ihr noch kein einziges Mal über unsere Verwandtschaft gesprochen hatte – mit keinem Wort, nicht einmal mit einer Andeutung war zwischen uns davon die Rede gewesen, ganz als hätte eine solche Verwandtschaft überhaupt nicht bestanden. Wenn ich bei ihr saß, erschien es mir einfach undenkbar, davon zu sprechen, und wirklich, wenn ich sie so ansah, kam mir manchmal sogar der unsinnige Gedanke in den Kopf: daß sie von unserer Verwandtschaft vielleicht überhaupt nichts wußte; – denn so war ihre Haltung mir gegenüber.

III.
Ich trat in ihr Zimmer und traf Lisa bei ihr an. Das überraschte mich so, daß ich ganz betroffen war. Ich wußte, daß sie sich früher schon gesehen hatten, und das war bei jenem bewußten „Säugling“ geschehen. Von diesem phantastischen Einfall der stolzen und schamhaften Anna Andrejewna, dieses Kind des jungen Fürsten Ssokolski und der Lydia Achmakoff sehen zu wollen, und ihrer Begegnung dort mit Lisa werde ich vielleicht später bei Gelegenheit erzählen; aber ich hatte doch nicht erwartet, daß Anna Andrejewna jemals Lisa zu sich einladen würde. Das überraschte mich angenehm. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken, begrüßte Anna Andrejewna, drückte Lisa heiß die Hand und setzte mich neben sie hin. Sie waren mit einer ernsten Sache beschäftigt: auf dem Tisch und auf ihren Knien lag ein teures Gesellschaftskleid Anna Andrejewnas, das leider schon alt war, das heißt, ein Kleid, das sie schon dreimal angehabt hatte, und das sie nun irgendwie ändern wollte. Lisa aber war eine große „Meisterin“ in solchen Sachen und hatte viel Geschmack, und so fand denn jetzt eine feierliche Beratung der „klugen Frauen“ statt. Mir fiel Werssiloff ein, und ich mußte lachen; aber ich war ja auch so schon in strahlender Stimmung.

„Sie sind heute recht lustig, das ist sehr angenehm,“ sagte Anna Andrejewna, und wie gewöhnlich sprach sie jedes Wort gedehnt und vornehm aus. Sie hatte eine tiefe, wohltönende Altstimme, sprach immer ruhig und nicht laut und hielt dann gewöhnlich ihre langen Wimpern gesenkt, während ein kaum merkliches Lächeln über ihr bleiches Antlitz huschte.

„Lisa weiß, wie unangenehm ich sein kann, wenn ich nicht lustig bin,“ erwiderte ich heiter.

„Vielleicht weiß auch Anna Andrejewna etwas davon,“ neckte Lisa schelmisch. Die Liebe! Wenn ich auch nur geahnt hätte, was damals in ihrer Seele vorging!

„Was tun Sie jetzt?“ fragte mich Anna Andrejewna. (Ich muß bemerken, daß sie selbst mich gebeten hatte, sie an diesem Tage zu besuchen.)

„Ich sitze jetzt hier und frage mich: Warum ist es mir immer angenehmer, Sie bei einem Buch anzutreffen als bei einer Handarbeit? Nein, wirklich, so eine Handarbeit paßt nicht zu Ihnen. In der Beziehung stimme ich ganz mit Andrei Petrowitsch überein.“

„Haben Sie sich noch immer nicht entschlossen, die Universität zu besuchen?“

„Ich bin Ihnen zu dankbar, daß Sie unsere Gespräche nicht vergessen: das beweist mir, daß Sie mitunter auch an mich denken, aber … wegen der Universität habe ich noch keinen Vorsatz gefaßt, und außerdem habe ich meine besonderen Absichten.“

„Das heißt: er hat ein besonderes Geheimnis,“ bemerkte Lisa.

„Laß die Scherze, Lisa. Ein kluger Mensch hat mir vor ein paar Tagen gesagt, daß wir in unserer ganzen progressiven Bewegung der letzten zwanzig Jahre vor allem bewiesen hätten, daß wir schauerlich ungebildet sind. Das war natürlich auch von unseren Studierten gesagt.“

„Ach, das ist bestimmt ein Ausspruch von Papa. Du zitierst furchtbar oft seine Aussprüche,“ bemerkte Lisa.

„Lisa, du sagst das wirklich so, als trautest du mir überhaupt keinen eigenen Verstand zu!“

„In unserer heutigen Zeit kann es nur von Nutzen sein, wenn man auf die Worte kluger Menschen achtet und sie behält,“ trat Anna Andrejewna ein wenig für mich ein.

„Sehr richtig, Anna Andrejewna,“ stimmte ich ihr eifrig bei. „Wer über die gegenwärtige Phase Rußlands nicht nachdenkt, ist kein Staatsbürger! Ich betrachte Rußland vielleicht von einem sonderbaren Standpunkte aus: Wir haben das Tatarenjoch ertragen und dann die zweihundertjährige Sklaverei der Leibeigenschaft, und das, versteht sich, nur deshalb, weil das eine wie das andere nach unserem Geschmack war. Jetzt ist uns die Freiheit gegeben, und wir müssen die Freiheit ertragen: werden wir auch das verstehen? Wird es sich erweisen, daß auch die Freiheit zu ertragen, nach unserem Geschmack ist? Das ist die Frage!“

Lisa warf einen schnellen Blick auf Anna Andrejewna, und die schlug sogleich die Augen nieder und begann neben sich irgend etwas zu suchen; ich sah, daß Lisa sich krampfhaft zusammennahm, aber auf einmal trafen sich doch unsere Blicke, und da brach sie plötzlich in Lachen aus; ich fuhr auf:

„Lisa, du bist wirklich unbegreiflich!“

„Verzeih mir!“ sagte sie hastig und war schon wieder ernst, ja, fast sogar traurig. „Weiß Gott, was ich heute im Kopf habe …“

Und es war, als zitterten Tränen in ihrer Stimme. Da schämte ich mich auf einmal: ich nahm ihre Hand und küßte sie von Herzen.

„Sie sind sehr gut,“ bemerkte Anna Andrejewna weich, als sie sah, daß ich Lisa die Hand küßte.

„Am meisten freut es mich, Lisa, daß ich dich heute fröhlich angetroffen habe,“ sagte ich. „Werden Sie es mir glauben, Anna Andrejewna: in den letzten Tagen ist sie mir immer mit einem so sonderbaren Blick begegnet, und in dem Blick schien immer so eine Frage zu liegen, wie ungefähr: ‚Hast du nicht irgend etwas erfahren? Ist alles noch gut abgegangen?‘ Wirklich, es war so etwas mit ihr.“

Anna Andrejewna hob langsam den Blick und sah sie scharf an, Lisa senkte den Kopf. Ich sah übrigens sehr gut, daß sie viel besser und näher miteinander bekannt waren, als ich bei meinem Eintritt vorhin vermutet hatte; dieser Gedanke war mir angenehm.

„Sie sagten soeben, ich sei gut; Sie glauben nicht, wie sehr ich mich bei Ihnen zum Besseren verändere, und wie angenehm es mir ist, bei Ihnen zu sein, Anna Andrejewna,“ sagte ich mit aufrichtigem Gefühl.

„Es freut mich sehr, daß Sie gerade jetzt so sprechen,“ entgegnete sie mir bedeutungsvoll. Ich muß bemerken, daß sie mit mir niemals von meinem Verschwenderleben und von dem Pfuhl, in den ich geraten war, gesprochen hatte, obgleich sie, wie ich wußte, nicht nur über alles schon unterrichtet war, sondern sogar noch selbst bei anderen sich unter der Hand nach allem erkundigt hatte. So war denn diese Entgegnung jetzt eine erste Andeutung ihrerseits, und – mein Herz wandte sich ihr noch mehr zu.

„Was macht unser Kranker?“ fragte ich.

„Oh, er fühlt sich viel besser: er geht schon herum, und gestern und heute ist er spazieren gefahren. Sind Sie denn heute noch nicht bei ihm gewesen? Er erwartet Sie sehr.“

„Ja, ich fühle mich schuldig, aber Sie ersetzen mich ja vollständig bei ihm; er ist mir untreu geworden und hat mich gegen Sie eingetauscht.“

Sie machte ein sehr ernstes Gesicht, – mein Scherz war auch wirklich recht trivial.

„Ich war heute beim Fürsten Ssergei Petrowitsch,“ stotterte ich, „und ich … apropos, Lisa, du warst doch vorhin bei Darja Onissimowna?“

„Ja, ich war dort,“ sagte sie auffallend kurz und ohne den Kopf zu erheben. „Aber du gehst doch, denke ich, jeden Tag zum kranken Fürsten?“ fragte sie ganz unvermittelt und hastig, vielleicht nur, um etwas zu sagen.

„Ja, ich gehe allerdings zu ihm, nur komme ich nicht bei ihm an,“ versetzte ich lachend. „Ich trete ins Haus und biege nach links ab.“

„Der Fürst hat auch schon bemerkt, daß Sie sehr oft bei Katerina Nikolajewna vorsprechen. Er sprach noch gestern darüber und lachte,“ sagte Anna Andrejewna.

„Worüber? Worüber hat er gelacht?“

„Er scherzte nur wie gewöhnlich, Sie kennen ihn doch. Er sagte, im Gegenteil, daß eine junge und schöne Frau in einem jungen Mann von Ihrem Alter immer nur die Empfindung des Unwillens und Zornes hervorrufe …“ Anna Andrejewna begann selbst zu lachen.

„Wirklich … Nein, wissen Sie, diese Bemerkung ist sogar erstaunlich richtig!“ rief ich aus. „Bestimmt hat das nicht er gesagt, sondern Sie haben es ihm gesagt!“

„Wieso? Nein, das hat er gesagt.“

„Nun, aber wie, wenn diese schöne Frau dem jungen Mann ihre Aufmerksamkeit zuwendet, obwohl er noch gar nichts bedeutet, in der Ecke steht und sich ärgert, weil er noch kein ‚Erwachsener‘ ist, und sie ihn auf einmal der ganzen Schar der sie umgebenden Bewunderer vorzieht – was dann?“ fragte ich plötzlich herausfordernd und mit der kühnsten Miene.

Mein Herz begann zu klopfen.

„Dann wird es um dich auch auf der Stelle geschehen sein,“ sagte Lisa lachend.

„Um mich geschehen sein?“ rief ich. „Nein, um mich nicht. Ich glaube, das ist nicht richtig. Wenn eine Frau sich mir in den Weg stellt, so muß sie mir folgen. Mir stellt man sich nicht ungestraft in den Weg …“

Lisa hat mir später gesagt, als wir einmal, lange nachher, auf diese Unterhaltung zu sprechen kamen, daß ich diesen Satz damals sehr sonderbar hervorgebracht hätte, sehr ernst und wie plötzlich in Gedanken versunken, dabei aber „so komisch, daß es ganz unmöglich war, ernst zu bleiben“. In der Tat fing auch Anna Andrejewna wieder zu lachen an.

„Lachen Sie nur, lachen Sie nur über mich!“ rief ich wie berauscht; denn dieses ganze Gespräch und die Richtung, in der es sich bewegte, gefielen mir ungemein. „Wenn Sie es tun, ist es für mich nur ein Vergnügen. Ich liebe Ihr Lachen, Anna Andrejewna! Sie haben einen eigenen Zug: Sie sind ernst, und plötzlich lachen Sie, so plötzlich, daß man es noch einen Augenblick vorher aus Ihrem Gesicht nicht erraten kann. Ich habe in Moskau eine Dame gekannt, nur dem Ansehen nach – ich beobachtete sie unbemerkt: sie war fast ebenso schön wie Sie, aber sie hatte nicht dieses Lachen, und dieses Gesicht, das sonst ebenso reizvoll war, hatte deshalb gar nichts Anziehendes; Ihr Gesicht dagegen ist ungeheuer anziehend … eben durch diese Eigenschaft … Das habe ich Ihnen schon lange einmal sagen wollen.“

Was ich da von der Dame, die „fast ebenso schön war wie sie“, gesagt hatte, war nur ein schlauer Schachzug von mir gewesen: ich tat bewußt ganz unbefangen, als wäre es eine unbeabsichtigte Bemerkung aus naheliegenden Gründen; denn ich wußte, daß ein unbedacht entschlüpftes Kompliment von einer Frau höher geschätzt wird als jede noch so fein gedrechselte Schmeichelei. Und wie sehr Anna Andrejewna auch errötete, ich wußte doch, daß meine Bemerkung ihr angenehm war. Die Moskauer Dame aber hatte ich mir einfach ausgedacht, nur um Anna Andrejewna unauffällig etwas Angenehmes sagen zu können und ihr eine Freude zu machen.

„Man könnte wirklich glauben,“ sagte sie mit einem gewinnenden Lächeln, „daß Sie sich in den letzten Tagen unter dem Einfluß irgendeiner schönen Frau befunden haben.“

Mir war, als flöge ich irgendwohin … Ich hatte sogar Lust, ihnen etwas zu verraten … aber ich bezwang mich.

„Und doch ist es noch gar nicht lange her, daß Sie sich über Katerina Nikolajewna sogar sehr feindlich äußerten.“

„Wenn ich mich tatsächlich irgendwie schlecht über sie geäußert habe,“ sagte ich mit blitzenden Augen, „so war daran die ungeheuerliche Verleumdung schuld, daß sie Andrei Petrowitschs Feindin sei; und außer dieser noch die andere Verleumdung gegen ihn, daß er sie geliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht habe, und ähnlicher Unsinn. Diese Behauptung ist ebenso ungeheuerlich, wie die andere Verleumdung gegen sie, daß sie noch zu Lebzeiten ihres Mannes dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch das Versprechen gegeben habe, ihn zu heiraten, wenn sie Witwe werde, und nun sagt man, sie habe ihr Wort nicht gehalten. Ich weiß aber aus erster Hand, daß alles dies nicht wahr ist, und das Ganze nur ein Scherz gewesen ist. Ich weiß das aus erster Hand. Sie hat dort einmal im Auslande, in einem übermütigen Augenblick, zum Fürsten allerdings gesagt – natürlich nur im Scherz: ‚Vielleicht in der Zukunft‘; aber das konnte doch nichts anderes sein als nur ein leichtfertiges Wort! Ich weiß genau, daß der Fürst einem solchen Versprechen nicht die geringste Bedeutung beilegen konnte, und er hat auch gar nicht die Absicht gehabt,“ fügte ich schnell hinzu, da mir plötzlich etwas eingefallen war. „Er hat, glaube ich, ganz andere Absichten,“ flocht ich noch schlau ein. „Vorhin erzählte Naschtschokin bei ihm, daß Katerina Nikolajewna den Baron Bjoring heiraten werde: glauben Sie mir, er hat bei dieser Neuigkeit die beste Haltung bewahrt, dessen kann ich Sie versichern.“

„Naschtschokin war bei ihm?“ fragte plötzlich Anna Andrejewna gespannt und augenscheinlich etwas verwundert.

„Ja, versteht sich; ich glaube, das ist einer von den anständigen …“

„Und Naschtschokin hat mit ihm von dieser Heirat mit Bjoring gesprochen?“ fragte Anna Andrejewna auf einmal sehr interessiert.

„Nicht von der Heirat, aber so, nur von der Möglichkeit, von dem Gerücht; er sagte, in der Gesellschaft spräche man davon. Was mich betrifft, so bin ich überzeugt, daß es eine unsinnige Erfindung ist.“

Anna Andrejewna dachte nach und beugte sich über ihre Näharbeit.

„Ich habe den Fürsten Ssergei Petrowitsch sehr gern,“ fuhr ich voll Eifer fort. „Er hat ja natürlich seine Fehler, das läßt sich nicht bestreiten, und ich habe mit Ihnen darüber schon gesprochen; eben eine gewisse Einseitigkeit … aber auch seine Fehler bezeugen nur seine anständige Gesinnung, das ist sicher. Heute zum Beispiel hätten wir uns wegen einer Meinungsverschiedenheit beinahe entzweit: er ist der Ansicht, daß einer, der von Anstand spricht, selbst anständig sein müsse, sonst wäre alles, was er sagt, Lüge. Nun, sagen Sie doch selbst, ist denn das logisch? Und dabei beweist das doch nur, was für hohe Anforderungen er im Herzen an das Ehr- und Pflichtgefühl jedes Menschen stellt, und an das Gerechtigkeitsgefühl, ist es nicht so …? Ach, Herrgott, wieviel Uhr ist es denn?“ fuhr ich plötzlich auf, da mein Blick zufällig auf die Kaminuhr gefallen war.

„Zehn Minuten vor drei,“ sagte Anna Andrejewna ruhig nach einem Blick auf die Uhr. Während ich vom Fürsten gesprochen hatte, war sie ganz still gewesen und hatte mir mit gesenktem Blick und einem verschmitzten, doch lieben Lächeln zugehört: sie wußte, warum ich ihn so lobte. Lisa hatte den Kopf über ihre Arbeit gebeugt und sich nicht mehr in die Unterhaltung gemischt.

Ich sprang auf, als hätte ich mich verbrannt.

„Sie haben sich verspätet?“

„Ja … nein … übrigens ja, aber ich gehe gleich. Nur noch ein Wort, Anna Andrejewna,“ begann ich erregt, „ich kann nicht anders, ich muß es Ihnen heute sagen! Ich muß Ihnen gestehen, daß ich schon mehrmals Ihre Güte gesegnet habe und das Zartgefühl, mit dem Sie mich zu sich eingeladen haben … Auf mich ist der Verkehr mit Ihnen von größtem Einfluß gewesen … In Ihrem Zimmer werde ich gewissermaßen seelisch reiner, und ich verlasse Sie als ein besserer Mensch, als ich sonst bin … Glauben Sie mir. Wenn ich bei Ihnen sitze, kann ich von Schlechtem nicht nur nicht sprechen, sondern kann nicht einmal schlechte Gedanken haben; sie verschwinden in Ihrer Gegenwart, und wenn mir hier zufällig etwas Häßliches einfällt, so schäme ich mich gleich, fühle mich befangen und erröte im Herzen. Und wissen Sie, es war mir ganz besonders angenehm, heute meine Schwester bei Ihnen anzutreffen … das spricht von soviel herzlichem Entgegenkommen Ihrerseits … und von einem so schönen Verhältnis … Mit einem Wort, sie beweisen dadurch, wenn Sie mir schon das Eis zu brechen erlauben, so viel Geschwisterliebe, daß ich …“

Während ich sprach, hatte sie sich von ihrem Platz erhoben und war immer mehr errötet; plötzlich aber schien sie zu erschrecken – gleichsam vor einer Grenze, die sie nicht überschreiten wollte, zurückzuschrecken – und sie unterbrach mich hastig:

„Glauben Sie mir, ich weiß Ihre Gefühle von ganzem Herzen zu schätzen … Ich habe Sie auch ohne Worte verstanden … Und ich habe schon lange …“

Sie stockte verwirrt und drückte mir die Hand. Plötzlich zupfte mich Lisa heimlich am Ärmel. Ich verabschiedete mich und ging hinaus, aber schon im anderen Zimmer holte Lisa mich ein.

IV.
„Lisa, warum hast du mich am Ärmel gezupft?“ fragte ich.

„Sie ist schlecht, sie ist schlau, sie ist es nicht wert … Sie stellt sich mit dir nur so, um dich auszuhorchen,“ flüsterte sie mir schnell und haßerfüllt zu. Ich hatte ihr Gesicht noch nie so gesehen.

„Lisa, ich bitte dich, wie kommst du darauf? Sie ist ein so prächtiges Mädchen!“

„Nun, dann bin ich die Schlechte.“

„Lisa, was hast du nur?“

„Ich bin sehr schlecht. Sie ist vielleicht der beste Mensch, und ich bin der schlechteste. Genug, laß das. Höre: Mama läßt dich um etwas bitten, ‚was sie selbst nicht zu sagen wagt‘, so drückte sie sich aus. Arkadi, Liebster! Höre auf mit dem Spielen, Lieber, ich flehe dich an … Mama auch …“

„Lisa, ich weiß es ja selbst, aber … ich weiß, es ist eine erbärmliche Schlappheit, aber … das sind ja nur Kleinigkeiten und nichts weiter! Sieh mal, ich bin in Schulden geraten wie ein Esel, und jetzt will ich nur gewinnen, um aus den Schulden herauszukommen, und ich kann gewinnen; denn bisher habe ich ganz ohne Berechnung gespielt, einfach drauflos wie ein Esel, jetzt aber werde ich um jeden Rubel zittern … Ich müßte nicht ich sein, wenn ich verlieren sollte! Ich spiele nicht aus Leidenschaft, das Spiel ist für mich nicht die Hauptsache, sondern nur eine vorübergehende Nebensache, ich versichere dir! Ich bin viel zu stark, um nicht aufhören zu können, sobald ich will. Habe ich das Geld zurückgegeben, so gehöre ich ganz und gar wieder euch, und sage Mama, daß ich euch dann nie mehr verlassen werde …“

„Diese dreihundert Rubel vorhin, was haben die dich gekostet!“

„Woher weißt du …?“ fragte ich zusammenzuckend.

„Darja Onissimowna hat vorhin alles gehört …“

Da versetzte mir Lisa plötzlich erschrocken einen Stoß und zog mich hinter eine Portiere, und wir befanden uns in der sogenannten „Laterne“, einem kleinen runden Erkerzimmer, dessen Wände fast nur aus Fenstern bestanden. Noch bevor ich richtig zur Besinnung kam, hörte ich eine bekannte Stimme, Sporenklirren und einen bekannten Schritt.

„Fürst Sserjosha,“ flüsterte ich.

„Er …“ flüsterte sie.

„Warum bist du denn so erschrocken?“

„Nur so; ich will ihm um keinen Preis hier begegnen …“

„Tiens,[41] läuft er dir nicht am Ende nach?“ fragte ich lachend. „Dann würde ich ihm aber den Standpunkt klarlegen! Wohin willst du?“

„Gehen wir; ich komme mit.“

„Aber hast du dich denn schon verabschiedet?“

„Ja; meine Pelzjacke ist im Vorzimmer …“

Wir traten hinaus. Auf der Treppe kam mir plötzlich ein Gedanke:

„Weißt du, Lisa, er ist vielleicht gekommen, um ihr einen Heiratsantrag zu machen!“

„N–nein … er wird ihr keinen Antrag machen …“ sagte sie langsam und bestimmt, doch mit leiser Stimme.

„Du weißt nicht, Lisa, wir sind vorhin wohl aneinandergeraten – da man es dir doch schon gesagt hat, sollst du es meinetwegen wissen – aber, bei Gott, ich liebe ihn aufrichtig und wünsche ihm hier Erfolg … Wir haben uns vorhin wieder ausgesöhnt. Wenn man glücklich ist, ist man so gut … Sieh mal, er hat eine Menge guter Eigenschaften … auch Menschlichkeit … oder wenigstens gute Ansätze … und in den Händen einer so charakterfesten und klugen Frau wie Anna Andrejewna würde sein Charakter sich ausgleichen, und er könnte glücklich werden. Schade, daß wir keine Zeit haben … oder fahren wir ein Stück zusammen, ich könnte dir dann einiges mitteilen …“

„Nein, fahre allein, ich habe einen anderen Weg. Kommst du zum Essen?“

„Ich komme, ich komme, wie ich versprochen habe. Höre, Lisa: ein gewisses Scheusal – kurz, ein ganz gemeines Subjekt, na, einfach ein gewisser Stebelkoff, wenn du ihn kennst, hat einen schrecklichen Einfluß auf seine Verhältnisse … Wechsel und so was … Na, mit einem Wort, er hat ihn ganz in der Hand und hat ihn so in die Enge getrieben, und der Fürst hat sich schon so vor ihm erniedrigen müssen, daß es einfach keinen anderen Ausweg mehr gibt – wenigstens können sie beide keinen anderen finden – als den einen: daß der Fürst Anna Andrejewna heiratet. So müßte man sie eigentlich warnen … übrigens, nein, Unsinn, sie wird schon alles in Ordnung bringen. Aber was meinst du, wird sie ihm einen Korb geben?“

„Adieu, ich habe keine Zeit,“ brach Lisa das Gespräch kurz ab, und in ihrem mich flüchtig streifenden Blick sah ich plötzlich so viel Haß, daß ich erschrocken ausrief:

„Aber Lisa, Liebe, was hast du gegen mich?“

„Nicht gegen dich; gib nur das Spiel auf …“

„Ach, wegen des Spiels, – ja, ich gebe es auf.“

„Du sagtest soeben: ‚wenn man glücklich ist‘, – so bist du wohl sehr glücklich heute?“

„Maßlos, Lisa, maßlos! Ach Gott, da ist es schon drei und sogar später …! Leb wohl, Lisa! Lisotschka, Liebste, sag: kann man denn eine Frau auf sich warten lassen? Ist so was überhaupt möglich?“

„Meinst du bei einem Stelldichein?“ fragte sie, kaum lächelnd, es war ein seltsam totes, zitterndes Lächeln.

„Gib mir deine Hand, auf daß sie mir Glück bringe.“

„Glück? Meine Hand? Um keinen Preis geb’ ich sie dir!“

Und sie entfernte sich schnell. Und so ernst hatte sie das ausgerufen. Ich sprang in meinen Schlitten.

Ja, ja, eben dieses „Glück“ war ja damals die Hauptursache, weshalb ich wie ein blinder Maulwurf nichts außer mir selbst begriff und sah!

Viertes Kapitel.
I.
Jetzt wird mir das Erzählen zur Pein. Das ist ja alles schon vor langer Zeit geschehen; aber auch jetzt noch ist für mich alles das wie eine Fata Morgana.

Wie konnte eine Frau, wie sie, einem so garstigen Jungen, wie ich damals war, ein Stelldichein geben? – Das war die erste Frage! Als ich nach dem Gespräch mit Lisa in meinem Schlitten zu ihr flog, und mein Herz zu klopfen begann, dachte ich geradezu, ich wäre verrückt geworden: die Vorstellung, daß sie mich zu einem Stelldichein aufgefordert hatte, erschien mir auf einmal so ungereimt, so hirnverbrannt, daß jede Möglichkeit, daran zu glauben, einfach ausgeschlossen war. Und doch – zweifelte ich nicht im geringsten! Es war sogar so: je klarer ich die Unmöglichkeit erkannte, um so blinder glaubte ich. Daß es schon drei geschlagen hatte, beunruhigte mich: „Wenn es ein Stelldichein ist, wie kann ich dann zu spät kommen?“ dachte ich. Es gingen mir auch noch andere dumme Fragen durch den Kopf, wie zum Beispiel: „Was ist für mich jetzt ratsamer, Kühnheit oder Schüchternheit?“ Aber das zog alles nur flüchtig vorüber; denn das Vorherrschende und die Hauptsache lag doch im Herzen, und das war etwas, was ich nicht zu benennen vermochte. Am Tage vorher hatte sie zu mir gesagt: „Morgen werde ich um drei Uhr bei Tatjana Pawlowna sein,“ – und das war alles gewesen. Aber erstens hatte sie mich auch bei sich immer allein empfangen, sie hätte mir also in ihrer Wohnung alles sagen können, was sie nur wollte, und brauchte sich deshalb nicht zu Tatjana Pawlowna zu begeben; folglich fragte es sich, wozu sie mich denn nun eigentlich an einen anderen Ort, eben zu Tatjana Pawlowna, bestellt hatte? Und die zweite Frage: Wird Tatjana Pawlowna zu Hause sein oder nicht? Wenn es ein Stelldichein sein sollte, so durfte Tatjana Pawlowna natürlich nicht zu Hause sein. Aber wie hätte sie das so einrichten können, ohne Tatjana Pawlowna vorher in alles einzuweihen? Also mußte Tatjana Pawlowna um das Geheimnis wissen? Dieser Gedanke erschien mir geradezu roh und so … so unkeusch, ja, fast sogar schmutzig.

Und schließlich konnte sie gestern einfach auf den Gedanken gekommen sein, Tatjana Pawlowna zu besuchen, was sie mir dann ohne jede besondere Absicht mitgeteilt hatte, ich aber war gerade auf diese einfachste Deutung gar nicht verfallen. Und sie hatte es auch nur so nebenbei gesagt, nachlässig, ruhig, und nach einer sehr langweiligen Unterhaltung; denn ich war an diesem Nachmittag die ganze Zeit völlig verwirrt gewesen: ich hatte gesessen, unklar gesprochen und nicht gewußt, was ich sagen sollte, hatte mich furchtbar geärgert und geniert, sie aber hatte, wie sich herausstellte, irgendwohin fahren wollen und war daher sichtlich froh, als ich endlich aufbrach. Alle diese Erwägungen zogen durch meinen Kopf. Zuletzt beschloß ich folgendes: „Ich werde klingeln, und wenn die Köchin aufmacht, sie einfach fragen, ob Tatjana Pawlowna zu Haus ist! Ist sie nicht zu Hause, so ist es ein – ‚Stelldichein‘.“ Aber ich zweifelte nicht daran, ich zweifelte nicht daran!

Ich lief die Treppe hinauf, und noch auf der Treppe, vor der Tür ihrer Wohnung, verschwand plötzlich meine ganze Furcht. „Ach, gleichviel wie und was,“ dachte ich, „wenn’s sich nur schnell entscheidet!“ Die Köchin machte mir die Tür auf und brummte mit ihrem widerlichen Phlegma, Tatjana Pawlowna sei ausgegangen. Ich wollte schon fragen: „Aber ist nicht sonst jemand hier, wartet nicht jemand auf Tatjana Pawlowna?“ – aber ich unterließ die Frage, dachte mir: „ich sehe lieber selbst nach,“ sagte der Köchin, ich würde warten, warf meinen Pelz ab und machte die Tür auf …

Katerina Nikolajewna saß am Fenster und „wartete auf Tatjana Pawlowna“.

„Sie ist nicht da?“ fragte sie mich sogleich, anscheinend besorgt und etwas geärgert, kaum daß sie mich erblickt hatte.

Und ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck entsprachen so wenig meinen Erwartungen, daß ich einfach auf der Schwelle stehen blieb und zu versinken glaubte.

„Wer ist nicht da?“ stammelte ich.

„Tatjana Pawlowna! Ich bat Sie doch gestern, ihr zu sagen, daß ich um drei Uhr zu ihr kommen würde.“

„Ich … ich habe sie überhaupt nicht gesehen.“

„Sie haben es vergessen?“

Ich sank wie erschlagen auf einen Stuhl. Also das war es gewesen! Und alles war ja so klar, wie sich nun herausstellte, wie zweimal zwei vier ist, ich aber – ich glaubte immer noch.

„Ich kann mich aber gar nicht erinnern, daß Sie mich gebeten hätten, es ihr zu sagen. Und Sie haben mich ja auch gar nicht darum gebeten: Sie sagten nur, daß Sie um drei Uhr hier sein werden,“ brachte ich ungeduldig hervor.

Ich sah sie nicht an.

„Ach!“ rief sie da auf einmal, „wenn Sie es ihr zu sagen vergessen haben, selbst aber wußten, daß ich hier sein würde, warum sind Sie dann hergekommen?“

Ich hob den Kopf: weder Spott noch Zorn sah ich in ihrem Gesicht, sondern nur ein helles, lustiges Lächeln und eine gewisse auffallende Schelmerei in ihrem Gesichtsausdruck, – übrigens hatte sie immer diesen Ausdruck – so eine fast kindliche Ausgelassenheit, die förmlich zu necken schien: „Siehst du, jetzt habe ich dich ganz überführt, was wirst du nun sagen?“

Ich wollte nicht antworten und sah wieder zu Boden. Das Schweigen dauerte wohl eine halbe Minute.

„Sie kommen von Papa?“ fragte sie plötzlich.

„Ich komme von Anna Andrejewna, beim Fürsten Nikolai Iwanowitsch bin ich überhaupt nicht gewesen … Und das wußten Sie,“ fügte ich auf einmal hinzu.

„Und bei Anna Andrejewna ist mit Ihnen nichts geschehen?“

„Sie meinen, weil ich wie ein Verrückter aussehe? Nein, ich war schon vor meinem Besuch bei Anna Andrejewna verrückt.“

„Und sind bei ihr nicht vernünftig geworden?“

„Nein, ich bin nicht vernünftig geworden. Ich habe außerdem gehört, daß Sie Baron Bjoring heiraten werden.“

„Hat sie Ihnen das gesagt?“ forschte sie plötzlich interessiert.

„Nein, das habe ich ihr erzählt, und gehört habe ich es vorhin, als Naschtschokin es dem Fürsten Ssergei Petrowitsch erzählte.“

Ich sah sie noch immer nicht an; ich wagte nicht, den Blick zu ihr zu erheben; sie ansehen, hieß für mich, in strahlendes Licht, in Freude, in Glück tauchen, ich aber wollte nicht glücklich sein. Der Stachel des Unwillens hatte sich in mein Herz gebohrt, und in einem Augenblick faßte ich einen ungeheuren Entschluß. Und dann begann ich auf einmal zu sprechen, ich weiß kaum, wovon. Ich sprach atemlos, sprach wirr und unverständlich, aber ich sah sie schon dreist an. Mein Herz klopfte. Ich sprach von irgend etwas, was mit der Situation in gar keinem Zusammenhang stand, vielleicht aber doch nicht ganz ohne Sinn war. Sie wollte mir anfangs zuhören, wie gewöhnlich mit ihrem nachsichtigen, sich gleichbleibenden Lächeln, das selten ganz aus ihrem Gesicht verschwand, doch allmählich trat Erstaunen und schließlich sogar Schreck in ihren gespannt auf mir ruhenden Blick. Das Lächeln schwand immer noch nicht ganz, aber auch das Lächeln veränderte sich hin und wieder gleichsam vor Schreck; da fiel es mir auf, daß sie plötzlich am ganzen Körper zusammengezuckt war.

„Was haben Sie?“ fragte ich.

„Ich fürchte mich vor Ihnen,“ antwortete sie mir fast aufgeregt.

„Warum gehen Sie nicht fort? Da Sie doch Tatjana Pawlowna nicht angetroffen haben und wissen, daß sie nicht so bald kommen wird, so hätten Sie doch aufstehen und fortgehen müssen.“

„Ich hatte die Absicht, sie zu erwarten, aber jetzt … in der Tat …“ Sie wollte sich erheben.

„Nein, nein, bleiben Sie,“ hielt ich sie zurück, „da sind Sie schon wieder zusammengezuckt, aber Sie lächeln auch in der Angst … Sie haben immer ein Lächeln. Sehen Sie, jetzt lächeln Sie so, daß es ganz deutlich zu erkennen ist …“

„Sie reden wohl im Fieber?“

„Ja, im Fieber.“

„Ich fürchte …“ murmelte sie.

„Was?“

„Daß Sie – die Wand einreißen …“ sagte sie wieder lächelnd, aber nun fürchtete sie sich wirklich.

„Ich kann Ihr Lächeln nicht ertragen!“

Und ich begann wieder zu sprechen. Es war mir, als flöge ich, und irgend etwas stieß mich vorwärts. Noch nie, noch nie hatte ich so zu ihr gesprochen, immer war ich schüchtern gewesen. Auch jetzt war ich furchtbar bange, aber ich sprach trotzdem. Ich weiß noch, ich fing von ihrem Gesicht an:

„Ich kann Ihr Lächeln nicht mehr ertragen!“ rief ich plötzlich aus. „Warum habe ich Sie mir so anders vorgestellt, noch in Moskau, immer streng, unnahbar, pompös und mit den falschen Gesellschaftsphrasen der großen Dame? Ja, schon in Moskau! Wir haben damals viel von Ihnen gesprochen, Marja Iwanowna und ich, haben immer versucht, uns vorzustellen, wie Sie aussehen … Sie kennen doch Marja Iwanowna? Sie waren ja bei ihr. Und auf der Reise hierher hat mir die ganze Nacht im Waggon nur von Ihnen geträumt. Und hier habe ich vor Ihrer Ankunft einen ganzen Monat Ihr Porträt im Kabinett Ihres Vaters betrachtet und doch nichts erraten. Der Ausdruck Ihres Gesichts ist kindliche Schelmerei und unendliche Offenherzigkeit – ja! Ich habe mich die ganze Zeit, seitdem ich Sie besuche, darüber gewundert. Oh, ich weiß, Sie können auch stolz sein und einen mit Ihrem Blick einfach vernichten: ich werde es nicht vergessen, wie Sie mich damals bei Ihrem Vater ansahen, als Sie aus Moskau zurückkehrten … Ich sah Sie damals, aber hätte mich draußen jemand gefragt: Wie sieht sie aus? – ich hätte nichts zu sagen gewußt. Nicht einmal Ihre Größe hätte ich anzugeben gewußt. Wie ich Sie damals erblickte, erblindete ich. Ihr Porträt dort ist Ihnen gar nicht ähnlich: Sie haben keine dunklen, sondern helle Augen, nur Ihre langen Wimpern lassen sie dunkel erscheinen. Sie haben eine volle Gestalt, Sie sind von mittlerer Größe, aber Ihre volle Gestalt ist straff und leicht wie die eines gesunden Dorfmädchens. Und auch Ihr Gesicht ist ländlich, ist das Gesicht einer jungen Dorfschönheit, – nehmen Sie es mir nicht übel; denn das ist doch gut, ist ja viel besser so, – ein rundes, frisches, helles, kühnes, lachendes und … schüchternes Gesicht! Wirklich schüchtern. Und das soll das Gesicht Katerina Nikolajewna Achmakoffs sein? – Ja, schüchtern und keusch ist es, ich schwöre Ihnen! Ja, mehr noch als keusch, – kindlich ist es! Das ist Ihr Gesicht! Ich habe mich die ganze Zeit darüber gewundert und mich immer gefragt: ist das wirklich dieselbe Frau? Jetzt weiß ich, daß Sie sehr klug sind, aber anfangs dachte ich doch, Sie wären geistlos. Sie haben einen heiteren Verstand, aber ohne alle Raffiniertheiten … Und was ich an Ihnen noch besonders liebe, ist, daß dieses Lächeln Sie nie verläßt; dieses Lächeln ist mein Paradies! Und dann liebe ich noch Ihre Ruhe, Ihre Stille, und daß Sie die Worte so gleitend aussprechen, so ruhig und fast lässig, – gerade diese Lässigkeit liebe ich. Ich glaube, selbst wenn eine Brücke unter Ihnen einstürzte, Sie würden auch dann noch ruhig und lässig irgend etwas sagen … Ich stellte Sie mir als den Gipfel allen Stolzes und aller Leidenschaften vor, und nun haben Sie zwei Monate mit mir wie ein Student zu einem Studenten gesprochen. Ich hätte mir nie gedacht, daß Sie eine solche Stirn haben; sie ist etwas niedrig, wie bei Statuen, aber weiß und zart wie Marmor unter dem reichen Haar. Sie haben eine hohe Brust, einen leichten Gang, Sie sind von außergewöhnlicher Schönheit, und dabei sind Sie eigentlich gar nicht stolz. Das habe ich ja erst jetzt begriffen, bis heute habe ich es ja immer noch nicht geglaubt!“

Sie hatte diese ganze wilde Tirade mit großen offenen Augen angehört, sie sah, daß ich zitterte. Ein paarmal hatte sie mit einer reizenden furchtsamen Gebärde ihre kleine behandschuhte Hand erhoben, um mich aufzuhalten, aber jedesmal hatte sie ihre Hand verwundert und ängstlich wieder sinken lassen. Ein paarmal war sie sogar zurückgezuckt und weitergerückt. Zwei- oder dreimal war auch ihr Lächeln wieder erschienen; einmal wurde sie feuerrot, zum Schluß aber sah sie entschieden erschrocken aus und wurde immer bleicher. Kaum war ich verstummt, da streckte sie die Hand aus und sagte halblaut mit bittender, weicher Stimme:

„So dürfen Sie nicht sprechen … so spricht man nicht …“

Und plötzlich erhob sie sich von ihrem Platz und griff ohne Hast nach ihrem Schal und ihrem Zobelmuff.

„Sie gehen?“ rief ich.

„Ich fürchte mich wirklich vor Ihnen … Sie mißbrauchen …“ sagte sie zögernd, und ich glaubte, ein Bedauern und einen Vorwurf herauszuhören.

„Hören Sie mich an, – bei Gott, ich werde die Wand nicht einreißen!“

„Sie haben ja schon angefangen,“ konnte sie sich nicht enthalten zu sagen, und sie lächelte. „Ich weiß nicht einmal, ob Sie mich hinauslassen werden?“

Ich glaube, sie befürchtete wirklich, daß ich sie nicht hinauslassen würde.

„Ich werde Ihnen selbst die Tür aufmachen, es steht Ihnen frei, zu gehen. Aber Sie … Ich habe einen großen Entschluß gefaßt; und wenn Sie mir Freude schenken wollen, so bleiben Sie noch, setzen Sie sich und lassen Sie mich Ihnen nur noch zwei Worte sagen. Aber wenn Sie’s nicht wollen, so gehen Sie, ich werde Ihnen selbst die Tür aufmachen!“

Sie sah mich an und setzte sich.

„Mit welcher Empörung wäre eine andere fortgegangen, Sie aber sind geblieben!“ rief ich berauscht.

„Sie haben sich früher nie erlaubt, so mit mir zu sprechen.“

„Ich habe früher nie meine Schüchternheit überwinden können. Auch als ich jetzt hier eintrat, wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Sie glauben, ich wäre jetzt nicht schüchtern? Ich bin es. Aber ich habe einen großen Entschluß gefaßt, und ich fühle, daß ich ihn ausführen werde. Und als ich diesen Entschluß gefaßt hatte, da verlor ich gleich meinen Verstand und begann das alles zu sagen … Hören Sie mich an, nur zwei Worte: bin ich ein Spion oder nicht? Antworten Sie mir – das ist meine Frage!“

Das Blut schoß ihr ins Gesicht.

„Nein, antworten Sie noch nicht, Katerina Nikolajewna, hören Sie erst alles an, und dann sagen Sie mir die ganze Wahrheit.“

Ich hatte auf einmal alle Schranken zerbrochen und schwebte in der Luft.

II.
„Vor zwei Monaten stand ich hier hinter der Portiere … Sie wissen … und Sie erzählten Tatjana Pawlowna von jenem Brief. Ich stürzte schließlich hervor, besinnungslos, außer mir, und verriet mein Geheimnis. Sie begriffen sofort, daß ich etwas wußte … Sie mußten es ja begreifen. Sie suchten ein wichtiges Dokument und befürchteten vieles … Warten Sie, Katerina Nikolajewna, sagen Sie noch nichts. Ich erkläre Ihnen hiermit, daß Ihr Verdacht nicht unbegründet war: dieses Dokument existiert … das heißt, es hat existiert … ich habe es gesehen; es war das ein Brief von Ihnen an Andronikoff, nicht wahr?“

„Sie haben diesen Brief gesehen?“ fragte sie hastig in sichtlicher Verwirrung und Aufregung. „Wo haben Sie ihn gesehen?“

„Ich … ich habe ihn … bei Krafft gesehen; bei dem, der sich erschossen hat …“

„Wirklich? Sie haben den Brief selbst gesehen? Wo ist er jetzt, was ist mit ihm geschehen?“

„Krafft hat ihn zerrissen.“

„In Ihrer Gegenwart? Haben Sie das selbst gesehen?“

„Ja, in meiner Gegenwart. Er hat ihn zerrissen, wahrscheinlich, um ihn vor seinem Tode zu vernichten. Ich wußte ja damals noch nicht, daß er sich erschießen wollte …“

„So ist der Brief vernichtet! Gott sei Dank!“ sagte sie langsam und atmete auf und bekreuzte sich.

Ich hatte sie nicht belogen. Das heißt, ich hatte ihr natürlich eine Unwahrheit gesagt; denn das Dokument besaß ich, und Krafft hatte es nie besessen, doch das war nur eine Nebensache; in der Hauptsache aber hatte ich nicht gelogen; denn in dem Augenblick, als ich sagte, der Brief wäre zerrissen worden, gab ich mir das Wort, diesen Brief noch an demselben Abend zu verbrennen. Wäre der Brief in dem Augenblick in meiner Tasche gewesen, so hätte ich ihn, mein Ehrenwort, hervorgezogen und ihn ihr übergeben; aber ich hatte ihn nicht bei mir, er war in meiner Wohnung. Übrigens, vielleicht hätte ich ihn ihr doch nicht gegeben; denn ich hätte mich sehr geschämt, ihr zu gestehen, daß ich ihn besessen, und so lange aufbewahrt und gewartet und ihn ihr nicht gegeben hatte. Deshalb dachte ich denn: ich verbrenne ihn zu Haus, also ist er schon ebensogut wie vernichtet, und folglich sage ich ja gar keine Unwahrheit! Jedenfalls war mein Gewissen rein, und das mit Recht.

„Und da es so ist,“ fuhr ich, beinahe in Ekstase, fort, „so sagen Sie mir jetzt: Haben Sie mich nur deshalb angelockt, weil Sie vermuteten, ich wüßte etwas von diesem Dokument? Warten Sie noch einen Augenblick, Katerina Nikolajewna, sagen Sie noch nichts, lassen Sie mich zu Ende sprechen: ich habe die ganze Zeit, so lange ich mit Ihnen überhaupt verkehre, geargwöhnt, daß Sie mich nur aus dem Grunde verwöhnten, weil Sie von mir Näheres über diesen verschwundenen Brief erfahren wollten, weil Sie mich zu Geständnissen verleiten wollten … Warten Sie noch einen Augenblick: ich argwöhnte das, aber ich litt darunter. Ihr Doppelspiel war für mich unerträglich; denn ich … denn ich hatte in Ihnen das edelste Wesen erkannt! Ich sage Ihnen offen, ganz offen: ich war Ihr Feind, aber ich habe in Ihnen das edelste Wesen erkannt! Alles in mir war mit einem Schlage besiegt. Aber Ihr Doppelspiel, das heißt, der Verdacht, Sie könnten nicht aufrichtig sein, hat mich gequält … Jetzt muß sich alles entscheiden, alles erklären, jetzt ist die Stunde gekommen, aber … nein, warten Sie noch ein wenig, sagen Sie noch nichts, hören Sie erst, wie ich selbst die Sache ansehe, gerade jetzt, in diesem Augenblick! Ich sage Ihnen unverhohlen: wenn es auch so war, ich werde Ihnen deshalb nicht böse sein … das heißt, ich wollte sagen, ich werde es Ihnen nicht übelnehmen; denn es wäre ja so natürlich: ich verstehe es doch! Was ist denn dabei Unnatürliches und Schlechtes? Das Dokument quält Sie, Sie haben einen im Verdacht, daß er etwas davon weiß oder alles weiß; da mußten Sie doch, das ist ja selbstverständlich, den Wunsch haben, von diesem Wissenden etwas zu erfahren, ihn zum Sprechen zu veranlassen … Dabei ist doch nichts Schlechtes, wirklich nicht! Ich sage das ganz aufrichtig! … Aber es ist doch notwendig, daß Sie mir jetzt irgend etwas sagen … daß Sie ein Geständnis ablegen (verzeihen Sie das Wort)! Ich muß die Wahrheit wissen! Aus einem besonderen Grunde! So sagen Sie mir jetzt: sind Sie deshalb freundlich zu mir gewesen, um über das Dokument etwas von mir zu erfahren … Katerina Nikolajewna?“

Ich sprach wie ein aus Höhen Herabfallender, und meine Stirn brannte. Sie hörte mich bereits ohne Aufregung an, im Gegenteil, es lag Mitempfinden in ihrem Gesicht; aber ihr Blick war schüchtern, als schäme sie sich.

„Ja, deshalb,“ sagte sie langsam und halblaut. „Verzeihen Sie mir, es war unrecht von mir,“ fügte sie plötzlich hinzu und hob ihre Hände ein wenig mir entgegen. Das hätte ich nimmer erwartet. Auf alles war ich gefaßt, alles hätte ich erwartet, nur diese Worte nicht; nicht von ihr, obgleich ich sie doch schon kannte.

„Und Sie sagen mir das so: ‚es war unrecht von mir‘! Sagen es so ohne weiteres und offen, daß es unrecht von Ihnen war?“ rief ich aus.

„Oh, ich habe es schon lange gefühlt, daß ich Ihnen unrecht tat, ich habe meine Schuld empfunden … und ich bin sogar froh, daß es jetzt zur Sprache gekommen ist …“

„Schon lange gefühlt? Aber warum haben Sie denn nichts gesagt?“

„Ja, ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte,“ sagte sie lächelnd. „Das heißt, ich hätte es vielleicht auch gewußt,“ lächelte sie wieder, „aber ich schämte mich immer mehr … denn ich hatte Sie anfangs tatsächlich nur deshalb ‚angelockt‘, wie Sie sich ausdrückten, dann aber wurde mir alles das sehr bald zuwider … und diese ganze Verstellung hatte ich bald so satt, das können Sie mir glauben!“ fügte sie mit bitterem Gefühl hinzu, „und überhaupt alle diese Suchereien!“

„Aber warum, warum haben Sie mich dann nicht einfach gefragt, ganz offen und ehrlich? Sie hätten nur zu sagen gebraucht: ‚Du weißt doch von diesem Brief, warum verstellst du dich?‘ – und ich hätte Ihnen sofort alles gesagt, hätte sofort alles gestanden!“

„Ja, ich … fürchtete Sie ein wenig. Ich muß gestehen, ich traute Ihnen nicht ganz. Und es ist doch wahr: wenn ich nicht ganz aufrichtig gewesen bin, so sind Sie es ja auch nicht gewesen,“ schloß sie und lachte leise.

„Ja, wahrhaftig, ich hatte Ihr Vertrauen nicht verdient!“ rief ich betroffen. „Oh, Sie kennen noch nicht die ganze unermeßliche Tiefe meines Falles!“

„Ach, sogar schon unermeßliche Tiefe! Ich erkenne Ihren Stil wieder,“ lächelte sie still. „Dieser Brief,“ fuhr sie traurig fort, „war die häßlichste und leichtsinnigste Tat meines Lebens. Das Bewußtsein dieser Tat ist mir eine ewige Selbstanklage gewesen. Ich habe unter dem Einfluß der Umstände und verschiedener Befürchtungen an meinem lieben, großmütigen Vater gezweifelt. Und da ich wußte, daß dieser Brief … bösen Menschen in die Hände fallen konnte … und da ich allen Grund hatte, das zu fürchten,“ sagte sie erregt, „so zitterte ich bei dem Gedanken, daß man ihn benutzen, meinem Papa zeigen könnte … Dieser Brief hätte auf ihn einen so schrecklichen Eindruck machen können … bei seinem Zustande … bei seiner angegriffenen Gesundheit … er hätte aufgehört, mich zu lieben … Ja,“ fuhr sie fort und sah mir hell in die Augen, da sie in meinem Blick wohl einen flüchtigen Gedanken gelesen hatte, „ja, ich fürchtete auch für meine Zukunft: ich fürchtete, er könnte … unter dem Einfluß seiner Krankheit … mir seine Unterstützung entziehen … Diese Sorge beunruhigte mich gleichfalls, aber ich habe ihm gewiß auch in dieser Beziehung unrecht getan: er ist so gut und großmütig, daß er mir bestimmt verziehen hätte. Und das war alles. Daß ich mich aber Ihnen gegenüber so verhalten habe, das war nicht richtig von mir,“ schloß sie plötzlich wieder verlegen. „Jetzt muß ich mich vor Ihnen schämen.“

„Nein, Sie haben keinen Grund, sich vor mir zu schämen!“ rief ich.

„Ich habe, in der Tat, auf … Ihr heißes Temperament gerechnet … und gestehe Ihnen das,“ sagte sie leise mit gesenktem Blick.

„Katerina Nikolajewna! Wer, sagen Sie, wer zwingt Sie, mir dieses Geständnis zu machen?“ rief ich wie trunken. „Sie hätten doch nur aufzustehen und mir in den gewähltesten Ausdrücken auf die feinste Weise zu erklären brauchen, wie zweimal zwei vier ist, daß, wenn auch etwas gewesen ist, eigentlich doch nichts gewesen sei, – Sie wissen schon: wie man so in Ihren hohen Kreisen mit der Wahrheit umzugehen pflegt. Ich bin doch unerfahren und unschlau, ich hätte Ihnen sofort geglaubt, Ihnen hätte ich alles geglaubt, gleichviel was Sie gesagt hätten! Es hätte Ihnen doch nichts gekostet, so zu handeln? Sie können sich doch in der Tat nicht vor mir fürchten? Wie konnten Sie sich freiwillig so vor mir erniedrigen, vor mir, dem vorwitzigen Jungen, vor so einem traurigen Jüngling?“

„Darin wenigstens habe ich mich nicht vor Ihnen erniedrigt,“ sagte sie mit freiem Stolz: sie hatte meine Worte offenbar nicht verstanden.

„Oh, im Gegenteil, im Gegenteil! Nur das sage ich ja die ganze Zeit …!“

„Ach, das war so häßlich und so leichtsinnig von mir!“ rief sie und legte ihre Hand auf die Augen. „Ich habe mich noch gestern so geschämt, und deshalb war ich auch so mißgestimmt, als Sie bei mir waren … Es war ja nur,“ fuhr sie auf einmal fort, „weil meine Verhältnisse sich so gestalteten, daß ich endlich die ganze Wahrheit über den Verbleib dieses unseligen Briefes erfahren mußte … ich war ja schon daran, ihn ganz zu vergessen … Denn ich habe Sie durchaus nicht nur deshalb bei mir empfangen,“ fügte sie auf einmal hinzu.

Mein Herz erzitterte.

„Natürlich nicht,“ sagte sie mit einem feinen Lächeln, „natürlich nicht nur deshalb! Ich … Sie bemerkten vorhin sehr richtig, Arkadi Makarowitsch, wir hätten miteinander oft so gesprochen wie ein Student mit einem Studenten. Sie können mir glauben, daß ich mich in der Gesellschaft oft sehr langweile; besonders jetzt nach meiner Rückkehr aus dem Auslande und allen diesen Unglücksfällen in unserer Familie … Ich gehe jetzt auch nur selten aus und das nicht nur aus Trägheit. Oft habe ich Lust, aufs Land zu ziehen. Dort würde ich noch einmal alle meine Lieblingsbücher lesen, die ich schon so lange nicht mehr in der Hand gehabt habe, und hier komme ich immer nicht dazu, sie wieder zu lesen. Ich habe mit Ihnen schon darüber gesprochen. Erinnern Sie sich noch, Sie lachten darüber, daß ich russische Zeitungen lese und sogar zwei Zeitungen täglich?“

„Ich habe nicht gelacht …“

„Aber das hat Sie doch auch erregt, und ich habe Ihnen ja schon lange gestanden: ich bin Russin und liebe Rußland. Wissen Sie noch, wie wir immer zusammen die ‚Fakta‘ lasen, wie Sie sie nannten,“ sagte sie lächelnd. „Sie waren zwar recht oft etwas … wunderlich, aber Sie konnten sich manchmal so erregen und begeistern, und dann haben Sie immer eine treffende Bemerkung gemacht, und immer haben Sie sich gerade für das interessiert, was mich interessierte. Wenn Sie ‚Student‘ sind, sind Sie wirklich reizend und originell. Aber die anderen Rollen, die, scheint es, eignen sich weniger für Sie,“ meinte sie mit einem entzückenden schelmischen Lächeln. „Wissen Sie noch, wie wir zuweilen stundenlang nur Zahlen zusammenrechneten und verglichen, wie wir zählten, wieviel Schulen es in Rußland gibt, in welcher Richtung sich bei uns die Aufklärung bewegt. Wir zählten die Morde und Kriminalfälle und zählten die guten Nachrichten und hielten sie dann gegeneinander … wir wollten feststellen, wohin das alles strebte, und was schließlich aus uns selbst werden würde. Ich habe in Ihnen so viel echte Aufrichtigkeit gefunden. In der Gesellschaft spricht man mit uns Frauen niemals so. In der vorigen Woche versuchte ich mit dem Fürsten …off über Bismarck zu sprechen, weil dieses Problem mich so interessiert und ich mir eine Lösung nicht denken konnte. Und stellen Sie sich vor, er setzte sich neben mich und begann mir alles zu erklären, sogar sehr eingehend und ausführlich, aber bei alledem doch mit diesem gewissen Sarkasmus, eben mit dieser für mich unerträglichen Nachsicht, mit der die ‚großen Männer‘ gewöhnlich mit uns Frauen sprechen, wenn wir uns ‚in Dinge einmischen, die uns nichts angehen‘ … Und wissen Sie noch, wie wir uns wegen Bismarck einmal fast verzankt hätten? Sie erklärten mir, auch Sie hätten eine Idee, und die wäre sogar ‚viel reiner‘ als die Bismarcksche,“ sagte sie lachend. „Ich bin in meinem Leben nur zwei Männern begegnet, die mit mir wirklich ganz ernsthaft gesprochen haben: meinem verstorbenen Mann, der ein sehr, sehr kluger und vornehmer Mensch war,“ sagte sie überzeugt, „und dann noch – Sie wissen, wem …“

„Werssiloff!“ rief ich. Ich lauschte fast atemlos auf jedes ihrer Worte.

„Ja, ich habe es sehr geliebt, ihm zuzuhören, ich sprach mit ihm schließlich ganz … vielleicht gar zu aufrichtig, aber gerade dann glaubte er mir nicht!“

„Er glaubte Ihnen nicht?“

„Nein, und auch sonst hat mir ja noch nie jemand geglaubt.“

„Aber Werssiloff, Werssiloff!“

„Nicht nur, daß er mir nicht glaubte,“ sagte sie mit gesenktem Blick und einem eigentümlichen Lächeln, „er meinte sogar, in mir wären ‚alle Laster‘ …“

„Von denen kein einziges in Ihnen ist!“

„Doch, auch ich habe welche.“

„Werssiloff hat Sie nicht geliebt, deshalb hat er Sie auch nicht verstanden,“ rief ich mit blitzenden Augen. In ihrem Gesicht zuckte es eigen.

„Lassen Sie das, und reden Sie mir nie wieder von … diesem Menschen,“ sagte sie erregt und abweisend. „Doch genug; es ist Zeit für mich.“ Sie erhob sich, um aufzubrechen. „Nun, und wie wird es zwischen uns: verzeihen Sie mir, oder verzeihen Sie mir nicht?“ fragte sie und sah mir hell in die Augen.

„Ich … Ihnen … verzeihen …! Hören Sie mich, Katerina Nikolajewna, und seien Sie mir nicht böse: ist es wahr, daß Sie heiraten werden?“

„Das ist noch gar nicht entschieden,“ sagte sie, als hätte irgend etwas sie erschreckt, und mit einer gewissen Verwirrung.

„Ist er ein guter Mensch? Verzeihen Sie, verzeihen Sie mir diese Frage!“

„Ja, ein sehr guter Mensch …“

„Antworten Sie mir nicht mehr, würdigen Sie mich keiner Antwort mehr! Ich weiß doch, daß solche Fragen von mir etwas Unmögliches sind! Ich wollte ja nur wissen, ob er Ihrer wert ist, aber ich werde das schon selbst erfahren.“

„Ach, nein, das geht doch nicht!“ sagte sie erschrocken.

„Nein, nein, ich werde es nicht, ich werde es nicht tun. Ich verzichte … Aber nur das will ich Ihnen noch sagen: Gott gebe Ihnen jedes Glück, jedes, das Sie sich selbst wünschen … dafür, daß auch Sie mir jetzt soviel Glück gegeben haben, in dieser einen Stunde! Sie haben sich jetzt auf ewig in mein Herz geprägt. Ich habe einen Schatz erworben: den Gedanken an Ihre Vollkommenheit. Ich argwöhnte Hinterlist, rohe Koketterie und war unglücklich … denn ich konnte diesen Gedanken nicht mit Ihrem Bilde vereinigen … In der letzten Zeit habe ich mich Tag und Nacht damit gequält, doch jetzt ist auf einmal alles klar und licht wie der Tag! Als ich herkam, dachte ich, ich würde Jesuitismus, Schlauheit und eine aushorchende Schlange finden, statt dessen fand ich Ehre und Stolz, fand einen ‚Studenten‘! Sie lachen? Meinetwegen, lachen Sie nur, das tut nichts, das tut nichts! Sie sind doch eine Heilige, Sie können nicht über das lachen, was heilig ist …“

„O nein, ich lache nur über Ihre schrecklichen Ausdrücke. Was ist das nun wieder für eine ‚aushorchende Schlange‘?“ lachte sie.

„Ihnen ist heute ein kostbares Wort entschlüpft,“ fuhr ich begeistert fort. „Wie konnten Sie mir so von Angesicht zu Angesicht sagen, Sie hätten auf mein ‚heißes Temperament gerechnet‘? Nun gut, mögen Sie als Heilige auch das gestanden haben – da Sie sich schuldig glaubten und sich selbst strafen wollten … obschon von einer Schuld gar nicht die Rede sein kann; denn wenn da auch etwas gewesen sein sollte, so ist doch nichts gewesen, da alles, was von Ihnen kommt, heilig ist! – Aber Sie hätten doch gerade dieses Wort nicht zu sagen brauchen, nicht diesen Ausdruck …! Eine solche geradezu unnatürliche Offenherzigkeit beweist nur Ihre hohe Keuschheit, Ihre Achtung vor mir, Ihren Glauben an mich,“ rief ich wirr. „Oh, erröten Sie nicht, erröten Sie nicht …! Und wer, wer hat Sie so verleumden und sagen können, Sie wären … eine leidenschaftliche Frau? Oh, verzeihen Sie mir! – Ich sehe einen gequälten Ausdruck in Ihrem Gesicht; verzeihen Sie einem außer sich geratenen Jüngling seine plumpen Worte! Aber kommt es denn jetzt auf Worte, auf Ausdrücke an? Stehen Sie denn nicht über allen Ausdrücken …? Werssiloff hat mir einmal gesagt, Othello hätte nicht deshalb Desdemona getötet und dann sich selbst, weil er eifersüchtig war, sondern weil man ihm sein Ideal genommen hatte … Ich kann das verstehen, denn mir hat man heute mein Ideal wiedergegeben!“

„Sie rühmen mich gar zu sehr, ich bin dessen nicht wert,“ sagte sie mit innigem Gefühl. „Wissen Sie noch, was ich Ihnen einmal über Ihre Augen gesagt habe?“ fügte sie, wie um abzulenken, als scherzhafte Frage hinzu.

„Daß ich nicht Augen hätte, sondern statt der Augen zwei Mikroskope, und daß ich aus jeder Fliege ein Kamel machte! Nein, diesmal übertreibe ich nicht …! Wie, Sie gehen schon?“

Sie stand mitten im Zimmer, den Muff und ihren Schal in der Hand.

„Nein, ich warte, bis Sie gegangen sind, ich gehe später. Ich werde noch zwei Worte an Tatjana Pawlowna schreiben.“

„Ich gehe gleich, sofort, aber noch einmal: werden Sie glücklich, allein oder mit dem, den Sie erwählen, das gebe Gott! Ich aber – ich brauche nichts weiter als ein Ideal!“

„Lieber, guter Arkadi Makarowitsch, glauben Sie mir, daß ich Sie … Mein Vater sagt von Ihnen immer: ‚Dieser liebe, dieser gute Junge!‘ Glauben Sie mir, ich werde nie vergessen, was Sie mir von dem armen Jungen, der bei fremden Menschen untergebracht worden war, und von seinen einsamen Träumen erzählt haben … Ich verstehe so gut, wie Ihre Seele sich unter diesen Verhältnissen entwickelt hat … Aber jetzt,“ fuhr sie mit einem bittenden und verlegenen Lächeln fort, indem sie meine Hand drückte, „jetzt dürfen wir uns, obschon wir Studenten sind, doch nicht mehr sehen, wir dürfen nicht mehr wie früher verkehren und, und … Sie werden das doch wohl selbst einsehen?“

„Nicht mehr?“

„Nein, nicht mehr, lange nicht mehr … daran bin ich nun schuld … Ich sehe, daß das jetzt ganz unmöglich ist … Wir werden uns wohl treffen, manchmal, bei Papa …“

„Sie fürchten mein ‚heißes Temperament‘, Sie trauen mir nicht?“ wollte ich schon ausrufen; aber da sah ich, wie sehr sie sich auf einmal vor mir schämte, und die Worte kamen mir nicht über die Lippen.

„Sagen Sie,“ hielt sie mich plötzlich noch einmal auf, als ich schon zur Tür ging, „haben Sie es selbst gesehen, daß … dieser Brief zerrissen worden ist? Kann es nicht ein Irrtum sein? Wissen Sie es genau? Woher wußten Sie, daß es gerade dieser Brief an Andronikoff war?“

„Krafft hat mir seinen Inhalt erzählt und ihn mir sogar gezeigt … Leben Sie wohl! Wenn ich bei Ihnen war, war ich schüchtern in Ihrer Gegenwart, aber wenn Sie hinausgingen, wäre ich hingestürzt, um die Stelle zu küssen, wo Ihr Fuß gestanden hatte …“ kam es plötzlich über meine Lippen, ich wußte selbst nicht, wie und wozu ich es sagte, und ich ging, ohne sie anzusehen, schnell aus dem Zimmer.

Ich fuhr schnurstracks nach Haus; ich war von Entzücken erfüllt. In meinem Kopf drehte sich alles wie im Wirbelsturm, und mein Herz war übervoll. Als ich vor dem Hause, in dem meine Mutter wohnte, vorfuhr, fiel mir plötzlich Lisas Undankbarkeit gegen Anna Andrejewna ein und ihr hartes ungeheuerliches Wort, das sie vorhin gesagt hatte, und auf einmal tat mir das Herz um sie alle weh!

„Wie hart doch ihrer aller Herzen sind! Und Lisa, was mag sie nur haben?“ dachte ich, als ich aus dem Schlitten stieg.

Ich entließ meinen Schlitten und befahl ihm, um neun Uhr vor meiner Wohnung auf mich zu warten.

Fünftes Kapitel.
I.
Ich kam etwas zu spät, aber sie hatten sich noch nicht zu Tisch gesetzt und warteten auf mich. Wie ich sah, hatte man noch einige besondere Gerichte hinzugefügt, vermutlich deshalb, weil ich selten bei ihnen aß: Sardinen als Vorspeise usw. Aber zu meiner Verwunderung und zu meinem Bedauern sahen die Meinigen alle gleichsam sorgenvoll und verstimmt aus: Lisa lächelte kaum, als sie mich erblickte, und Mama war sichtlich beunruhigt; Werssiloff lächelte zwar, aber ich sah ihm an, daß er sich dazu zwingen mußte. „Sollten sie sich etwa verzankt haben?“ dachte ich flüchtig. Übrigens ging zu Anfang alles gut: Werssiloff runzelte nur wegen der Suppe mit Klößchen die Stirn und schnitt ein Gesicht, als Srasy gereicht wurden.

„Ich brauche nur zu sagen, daß ich irgendeine Speise nicht vertrage, dann steht sie unfehlbar am nächsten Tage auf dem Tisch,“ sagte er unwillkürlich geärgert.

„Aber was soll man sich denn ausdenken, Andrei Petrowitsch? Es fällt einem doch wirklich nichts Neues ein,“ sagte meine Mutter zaghaft.

„Deine Mutter ist das gerade Gegenteil von einigen unserer Zeitungen, bei denen alles gut ist, was neu ist,“ versuchte Werssiloff etwas humoristisch und freundschaftlich zu scherzen, aber es mißlang ihm, und er erschreckte meine Mutter nur noch mehr, die von diesem Vergleich mit den Zeitungen natürlich nichts begriff und verständnislos von einem zum anderen sah.

Da kam Tatjana Pawlowna; sie sagte, sie hätte schon gegessen, und setzte sich neben Mama auf den Diwan.

Mir war es nicht gelungen, die Geneigtheit dieser Dame zu erwerben; ja, sie verhielt sich jetzt noch feindlicher gegen mich und fiel schließlich wegen jeder Kleinigkeit über mich her. Besonders in der letzten Zeit hatte sich ihre Unzufriedenheit mit mir sehr gesteigert: meine stutzerhafte Kleidung konnte sie einfach nicht sehen, und wie Lisa mir erzählte, war sie beinahe in Ohnmacht gefallen, als es einmal zur Sprache kam, daß ich mir den Schlitten hielt. Kurz, ich hatte in der letzten Zeit Begegnungen mit ihr nach Möglichkeit zu vermeiden gesucht. Damals, nach Werssiloffs Verzicht auf die Erbschaft, vor zwei Monaten, war ich schleunigst zu ihr gegangen, um mit ihr über Werssiloffs Handlungsweise zu sprechen, hatte aber bei ihr nicht das geringste Verständnis gefunden: sie war sogar sehr erbittert gewesen; denn es gefiel ihr gar nicht, daß alles und nicht nur die Hälfte zurückgegeben worden war; mich aber hatte sie auf einmal sogar scharf angefahren:

„Und du bildest dir jetzt wohl ein, er hätte das Geld zurückgegeben und zum Duell gefordert, einzig um deine Meinung über sich zu verbessern!“

Und sie hatte es auch wirklich fast erraten: im geheimen hatte ich tatsächlich etwas Ähnliches gedacht.

Als sie jetzt eintrat, fühlte ich sofort, daß sie mich unbedingt wieder angreifen würde; ja, ich war bis zu einem gewissen Grade sogar überzeugt, daß sie eigentlich nur zu dem Zweck gekommen war, und deshalb benahm ich mich auf einmal recht ungezwungen und flott; und das kostete mich auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach dem letzten Erlebnis immer noch in strahlend freudiger Stimmung befand. Ich möchte hier ein für allemal bemerken, daß Flottheit in meinem ganzen Leben nicht zu mir gepaßt hat, das heißt, sie paßt nun einmal nicht zu meinem Gesicht und hat mir bisher auch immer nur Schande gebracht. So geschah es auch jetzt: im Augenblick legte ich mich selbst hinein. Da es mir zufällig auffiel, daß Lisa so wortkarg war, bemerkte ich plötzlich, rein aus Leichtsinn, ohne jede böse Absicht und überhaupt ganz unbedacht:

„Alle Jubeljahre einmal esse ich hier bei euch, und da mußt du, Lisa, ausgerechnet heute so trübselig sein!“

„Ich habe Kopfschmerzen,“ erwiderte Lisa.

„Ach, mein Gott, so hört doch nur!“ fuhr Tatjana Pawlowna sogleich auf, „darf sie denn nicht auch einmal Kopfschmerzen haben? Bloß weil der hochverehrte Arkadi Makarowitsch zum Essen herüberzukommen geruht hat, muß sie gleich tanzen und ihn amüsieren!“

„Sie sind wahrhaftig das Unglück meines Lebens, Tatjana Pawlowna! Nie wieder werde ich herkommen, wenn Sie hier sind!“ Ich schlug in ehrlichem Ärger mit der Hand auf den Tisch; Mama fuhr zusammen, und Werssiloff sah mich sonderbar an. Da lachte ich auf und entschuldigte mich.

„Tatjana Pawlowna, ich nehme mein Wort zurück,“ wandte ich mich an sie und fuhr immer noch fort, den Flotten zu spielen.

„Nein, nein,“ wehrte sie kurz ab, „es ist mir viel schmeichelhafter, dein Unglück zu sein, als umgekehrt, sei versichert!“

„Mein Lieber, die kleinen Unglücksfälle des Lebens muß man übersehen können,“ meinte Werssiloff lächelnd, „ohne Unglück lohnt es sich nicht zu leben.“

„Wissen Sie, Sie sind mitunter schrecklich konservativ,“ rief ich und lachte nervös.

„Mein Freund, das ist nebensächlich.“

„Nein, nicht nebensächlich! Warum sagen Sie einem Esel nicht die Wahrheit, wenn er ein Esel ist?“

„Sprichst du nicht gar von dir selbst? Erstens will ich keines Menschen Richter sein und kann’s auch nicht.“

„Warum wollen Sie nicht, und warum können Sie nicht?“

„Teils aus Faulheit, teils aus Widerwillen. Eine kluge Frau hat mir einmal gesagt, ich hätte kein Recht, über andere zu richten, weil ich ‚nicht zu leiden verstünde‘; um Richter über andere werden zu können, müsse man sich das Recht zum Richten durch Leid erst verdienen. Ein wenig hochtrabend, aber in der Anwendung auf mich vielleicht doch richtig, so daß ich mich sogar bereitwilligst diesem Urteil unterwarf.“

„Hat Ihnen das wirklich Tatjana Pawlowna gesagt?“ fragte ich überrascht.

„Woher weißt du das?“ Werssiloff sah mich mit einiger Verwunderung an.

„Ich habe es aus Tatjana Pawlownas Gesicht erraten: es zuckte in ihm etwas, als Sie das sagten.“

Ich hatte es wirklich ganz zufällig erraten. Später stellte sich heraus, daß Tatjana Pawlowna diese Worte am Abend vorher in einem hitzigen Gespräch zu Werssiloff gesagt hatte. Und überhaupt, das sei nochmals gesagt, warf ich mich ihnen mit meiner Freude und meiner Mitteilsamkeit sehr zur unrechten Zeit an den Hals: jeder von ihnen hatte sein Leid, und keines davon war leicht.

„Nein, das verstehe ich nicht,“ sagte ich, „das ist alles so abstrakt; und überhaupt ist das ein Zug von Ihnen: Sie lieben es furchtbar, abstrakt zu sprechen, Andrei Petrowitsch; das ist ein egoistischer Zug: abstrakt zu sprechen lieben nur Egoisten.“

„Nicht dumm gesagt, aber dränge dich nicht auf.“

„Nein, erlauben Sie mal,“ fuhr ich fort, ihnen auf den Leib zu rücken, „was heißt das: ‚das Recht zum Richten sich durch Leid verdienen‘? Wer ehrlich ist, der kann auch Richter sein – das ist meine Meinung.“

„In dem Fall wirst du wohl nicht viele Richter zusammenbringen.“

„Einen kenne ich schon.“

„Wer ist denn das?“

„Er sitzt hier und spricht mit mir.“

Werssiloff lächelte sonderbar, beugte sich zu meinem Ohr, und, indem er mich an der Schulter faßte, flüsterte er mir zu: „Der belügt dich in allem.“

Bis heute verstehe ich noch nicht, was er damals im Sinn hatte, doch offenbar war er in dem Augenblick innerlich sehr erregt (infolge einer besonderen Nachricht, wie ich mir später überlegte). Aber dieses Wort: „Der belügt dich in allem“ war so unerwartet und so ernst gesagt und mit einem so sonderbaren, gar nicht scherzhaften Ausdruck, daß ich unwillkürlich nervös zusammenzuckte, beinahe erschrak und ihn entsetzt ansah; aber schon besann sich Werssiloff und lachte auf.

„Ach nun, Gott sei Dank!“ sagte Mama, die es erschreckt hatte, daß er mir etwas ins Ohr gesagt, „ich, ich dachte schon, weiß Gott … Du, Arkascha, sei uns nicht böse; kluge Leute wirst du überall finden, aber wer würde dich wohl liebhaben, wenn wir nicht da wären?“

„Das ist eben das Unsittliche an der verwandtschaftlichen Liebe, Mama, daß sie unverdiente Liebe ist. Liebe muß man verdienen.“

„Ach, bis du sie dir erst verdienst, das wird lange dauern, hier aber wirst du schon so und umsonst geliebt.“

Da mußten alle lachen.

„Nun, Mama, Sie hatten vielleicht gar nicht die Absicht, zu schießen, aber den Vogel haben Sie doch getroffen!“ rief ich, gleichfalls lachend.

„Und du hast dir wohl eingebildet, daß du Liebe schon wirklich irgendwie verdient hättest?“ fiel Tatjana Pawlowna wieder über mich her. „Sie lieben dich hier nicht nur ohne dein Verdienst, sie lieben dich sogar trotz ihres Ekels vor dir!“

„Ach nein, so ist es doch nicht!“ rief ich lustig. „Wissen Sie vielleicht, wer mir heute gesagt hat, daß er mich liebt?“

„Gesagt, indem man sich über dich lustig machte!“ fiel mir Tatjana Pawlowna sofort erbost und geradezu verblüffend schlagfertig ins Wort, ganz, als hätte sie gerade auf diese Bemerkung von mir nur gewartet. „Jeder anständige Mensch, und besonders jede Frau, muß ja allein schon vor deinem seelischen Schmutz Ekel empfinden. Du hast einen Scheitel auf dem Kopf und die feinste Wäsche an, und deinen Anzug hat ein französischer Schneider gearbeitet, aber dabei ist das alles doch nur Schmutz! Wer ist es, der deine Kleider bezahlt, dich ernährt, dir Geld gibt, um Roulette zu spielen? Besinne dich, von wem du das Geld anzunehmen dich nicht schämst!“

Mama wurde vor Scham so rot, wie ich sie noch nie erröten gesehen hatte. In mir krampfte sich alles zusammen.

„Wenn ich verschwende, so verschwende ich mein eigenes Geld und bin keinem Rechenschaft schuldig,“ versuchte ich das Gespräch kurz abzubrechen, wurde aber doch feuerrot.

„Dein eigenes? Seit wann dein eigenes?“

„Wenn nicht meines, so ist es doch Andrei Petrowitschs Geld. Er wird es mir nicht abschlagen … Ich habe es vom Fürsten genommen, à conto[42] des Geldes, das er Andrei Petrowitsch schuldet …“

„Mein Freund,“ sagte plötzlich Werssiloff in sehr bestimmtem Ton, „von seinem Gelde gehört mir keine Kopeke.“

Dieser Satz war nur zu bedeutungsvoll. Ich blieb stumm vor Überraschung. Oh, wenn ich jetzt an meine damalige paradoxe und sorglose Stimmung denke, so sage ich mir, daß ich mich in dem Augenblick sicherlich durch einen „edlen“ Impuls oder mit einem schlagfertigen Wort oder sonstwie herausgerissen hätte, aber da sah ich auf einmal in Lisas finsterem Gesicht einen bösen, anklagenden Ausdruck, einen ungerechten Vorwurf, fast Spott, und da war’s, als ritte mich der Teufel:

„Und Sie, mein Fräulein,“ wandte ich mich plötzlich an sie, „Sie scheinen ja neuerdings sehr oft Darja Onissimowna in der Wohnung des Fürsten zu besuchen? Vielleicht ist es Ihnen gefällig, ihm diese dreihundert Rubel zu übergeben, da Sie mich dieses Geldes wegen heute schon so geschunden haben!“

Ich zog die Dreihundert hervor und hielt sie ihr hin. Wird man es mir glauben, daß ich diese dummen Worte ganz unbedacht sagte, das heißt, ohne die geringste Anspielung auf irgend etwas. Und das war ja auch ganz natürlich; denn ich hatte doch damals noch keine Ahnung davon, worauf diese Worte eine Anspielung hätten sein können. Ich hatte eigentlich nur den Wunsch gehabt, sie ein wenig zu sticheln, und zwar mit einer verhältnismäßig ganz harmlosen Bemerkung, die ungefähr soviel sagen sollte, wie: „Wenn Sie, mein Fräulein, sich um Dinge kümmern, die Sie nichts angehen, würde es Ihnen dann nicht auch gefällig sein, mit diesem Fürsten zusammenzukommen, mit dem jungen Kavalier und Petersburger Leutnant, und ihm dieses Geld selbst einzuhändigen, da Sie sich ja so gern in die Angelegenheiten junger Männer einmischen!“ Aber wie groß war meine Bestürzung, als plötzlich meine Mutter aufstand und mir mit dem Finger drohend erregt zurief:

„Untersteh dich nicht, untersteh dich nicht!“

So etwas hätte ich von ihr nie im Leben erwartet! Ich sprang auf, nicht vor Schreck, sondern wie vor Schmerz, gleichsam mit einer qualvollen Wunde im Herzen, weil ich plötzlich erriet, daß etwas Schweres geschehen war. Aber meine Mutter hielt es nicht lange aus: sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer. Lisa ging ihr nach, ohne auch nur einen Blick auf mich zu werfen. Tatjana Pawlowna sah mich wohl eine halbe Minute lang schweigend an:

„Solltest du wirklich dich jetzt herauslügen können?“ rief sie schließlich rätselhaft und sah mich mit größter Verwunderung an, doch wartete sie meine Antwort nicht ab und eilte ihnen nach. Werssiloff erhob sich mit feindseligem, fast bösem Gesicht und nahm vom Ecktisch seinen Hut.

„Mir scheint, du bist gar nicht so dumm, sondern nur ahnungslos,“ sagte er undeutlich, mit halbem Spott. „Wenn sie kommen, so sage ihnen, daß sie mit der Torte nicht auf mich warten sollen: ich gehe ein wenig an die Luft.“

Ich blieb allein; zunächst fand ich alles nur sonderbar, dann kränkend, und schließlich wurde es mir ganz klar, daß ich der Schuldige war. Allerdings wußte ich nicht genau, was ich denn nun verbrochen haben konnte, aber ich hatte doch ein gewisses Schuldgefühl. Ich saß am Fenster und wartete. Nach ungefähr zehn Minuten nahm ich gleichfalls meinen Hut und ging nach oben, in mein ehemaliges Giebelstübchen. Ich wußte, daß sie dort waren, das heißt Mama und Lisa, und daß Tatjana Pawlowna sie schon verlassen hatte. Und so fand ich sie auch beide oben im Stübchen auf meinem Diwan sitzend und flüsternd. Als ich erschien, verstummten sie sogleich. Zu meinem Erstaunen waren sie mir gar nicht böse; meine Mutter wenigstens lächelte mir zu.

„Mama, ich möchte um Verzeihung bitten …“ begann ich.

„Schon gut, schon gut, tut ja nichts,“ unterbrach mich meine Mutter, „wenn ihr euch nur immer liebhabt und nicht zankt, so wird euch Gott auch schon Glück geben.“

„Er wird mich niemals wissentlich kränken, Mama, glauben Sie mir!“ sagte Lisa überzeugt und mit aufrichtigem Gefühl.

„Wenn nicht diese Tatjana Pawlowna dagewesen wäre, so wäre auch nichts geschehen,“ rief ich geärgert. „So ein schändliches Weibsbild!“

„Sehen Sie, Mama? Hören Sie?“ fragte Lisa, indem sie auf mich wies.

„Ich werde euch folgendes sagen,“ erklärte ich auf einmal, „wenn in der Welt etwas schlecht ist, so bin ich allein dieses Schlechte, alles übrige ist einfach wundervoll!“

„Arkascha, sei nicht böse, Lieber, aber wirklich, wenn du aufhören wolltest …“

„Zu spielen? Ja, ich werde aufhören, Mama: heute gehe ich zum letztenmal hin, das ist doch selbstverständlich, nachdem Andrei Petrowitsch erklärt hat, daß er beim Fürsten keine Kopeke zugute habe. Sie glauben mir nicht, wie sehr ich mich schäme … Übrigens muß ich mit ihm noch Rücksprache nehmen … Mama, Liebe, das vorige Mal habe ich hier … ein häßliches Wort gesagt … Mamachen, das war nicht ernst gemeint: es ist mein aufrichtiger Wunsch, zu glauben, damals aber lästerte ich nur so; ich liebe Christus sehr …“

Es war das letztemal zwischen uns zu einem Gespräch über dieses Thema gekommen, und meine Äußerungen hatten meine Mutter sehr betrübt und erregt. Als sie jetzt meine Entschuldigung hörte, lächelte sie mir zu wie einem kleinen Kinde:

„Christus verzeiht alles, Arkascha, verzeiht auch deine Lästerung. Christus ist aller Vater, Christus bedarf nichts und wird noch in der tiefsten Finsternis leuchten …“

Ich verabschiedete mich von ihnen und ging. Ich dachte über die Möglichkeit nach, heute noch Werssiloff zu sehen; ich mußte mit ihm unbedingt sprechen, vorhin aber war das nicht möglich gewesen. Ich vermutete stark, daß er in meiner Wohnung wartete! Ich ging zu Fuß: es war warm gewesen, jetzt begann es leicht zu frieren und es war sehr angenehm zu gehen.

II.
Ich wohnte in der Nähe der Wosnessenskibrücke in einem großen Miethaus, aber im Hofgebäude. Als ich durch das Hoftor trat, stieß ich auf Werssiloff, der aus meiner Wohnung kam.

„Ich bin auf meinem Spaziergang nach alter Gewohnheit bis zu deiner Wohnung gegangen, habe sogar eine Weile bei Pjotr Ippolitowitsch auf dich gewartet, aber es wurde mir zu langweilig. Sie zanken sich dort ewig bei dir, und heute hat sich die kranke Frau sogar ins Bett gelegt und weint. So bin ich denn wieder gegangen.“

Ich weiß nicht, weshalb ich mich auf einmal über ihn ärgerte.

„Sie scheinen ja überhaupt nur zu mir zu gehen und außer mir und Pjotr Ippolitowitsch in ganz Petersburg keinen Menschen zu kennen?“

„Mein Freund … das ist ja so gleichgültig.“

„Wohin denn jetzt? Gehen wir doch zu mir.“

„Nein, noch einmal gehe ich nicht zu dir. Wenn du willst, können wir einen Spaziergang machen, der Abend ist herrlich.“

„Wenn Sie mit mir nicht von Ihren abstrakten Betrachtungen gesprochen hätten, sondern menschlich, wenn Sie mir zum Beispiel nur ein Wort gesagt hätten über dieses verwünschte Spiel, so wäre ich vielleicht nicht wie ein Esel in alles das hineingeraten,“ sagte ich auf einmal.

„Du bereust also? Das ist gut,“ erwiderte er seltsam durch die Zähne. „Ich habe vorausgesehen, daß das Spiel bei dir nicht zur Hauptsache werden kann, sondern nur eine zeit–wei–lige Verirrung ist … Du hast recht, mein Freund, das Spiel ist eine Schweinerei, und hinzu kommt noch, daß man verlieren kann.“

„Und sogar fremdes Geld.“

„Hast du denn auch fremdes Geld verloren?“

„Das Geld gehörte Ihnen. Ich nahm es vom Fürsten auf Ihr Guthaben hin. Das war natürlich eine furchtbare Unverschämtheit und Dummheit von mir … mit Ihrem Gelde wie mit eigenem umzugehen, aber ich wollte immer das Verlorene zurückgewinnen.“

„Ich möchte dich nochmals darauf aufmerksam machen, mein Lieber, daß mir von seinem Gelde nichts gehört. Ich weiß, daß der junge Mann selbst in Geldverlegenheit ist, und ich rechne überhaupt nicht auf irgendwelches Geld von ihm, trotz seines ganzen Versprechens.“

„Ja, aber, wenn es so ist, dann ist ja meine Lage doppelt so schlimm … sie ist einfach lächerlich! Und aus welchem Grunde hat er mir dann das Geld geliehen, und mit welchem Recht habe ich es überhaupt angenommen?“

„Das zu beurteilen ist nun wohl deine Sache … Aber wüßtest du nicht doch irgendeinen Grund, der vielleicht ein Anlaß für dich gewesen wäre, von ihm das Geld anzunehmen, was meinst du?“

„Außer unserer Freundschaft …“

„Ja, noch außer der Freundschaft? Gibt es nicht doch irgend etwas, auf Grund dessen es dir möglich erschienen wäre, das Geld von ihm anzunehmen? Nun, sagen wir, aus irgendwelchen besonderen Erwägungen?“

„Aus welchen Erwägungen? Ich verstehe nicht.“

„Nun, um so besser, daß du es nicht verstehst, und ich kann dir offen sagen, mein Freund, daß ich immer davon überzeugt gewesen bin. Brisons là, mon cher,[43] und versuch einmal, das Spielen aufzugeben.“

„Hätten Sie mir das doch früher gesagt! Und auch jetzt sagen Sie es nur so wie beiläufig!“

„Wenn ich dir das früher gesagt hätte, so hätten wir uns nur verzankt, und du hättest mich an den Abenden nicht mehr so gern bei dir empfangen. Und merke dir, mein Lieber, daß alle diese belehrenden guten Ratschläge im voraus – nur ein sich Eindrängen in ein fremdes Gewissen sind, und das noch auf fremde Kosten. Ich habe mich genug in fremde Gewissen eingedrängt und zu guter Letzt nur Nasenstüber und Spott geerntet. Übrigens sind die Nasenstüber und der Spott natürlich gleichgültig, aber die Hauptsache ist, daß man auf diese Weise nichts erreicht: niemand wird auf dich hören … und alle werden dich bald nicht mehr mögen.“

„Es freut mich, daß Sie mit mir endlich einmal nicht von Abstraktem zu sprechen anfangen. Ich will Sie auch etwas fragen, schon lange wollte ich das, aber es war mir immer nicht möglich, mit der Frage herauszurücken. Gut, daß wir jetzt auf der Straße sind. Erinnern Sie sich noch jenes Abends zu Hause, des letzten Abends, vor zwei Monaten, wie wir da in meinem Giebelstübchen saßen und ich Sie über Makar Iwanowitsch ausfragte und über Mama, – erinnern Sie sich noch, wie ungeniert ich damals mit Ihnen sprach? Wie konnten Sie es zulassen, daß so ein Grünschnabel in solchen Ausdrücken von seiner Mutter sprach? Sie aber, Sie ließen keine Silbe darüber fallen, sogar im Gegenteil, Sie gaben sich gleichfalls möglichst frei, und damit erlaubten Sie mir noch mehr Freiheiten.“

„Mein Freund, du weißt nicht, wie es mich freut, das von dir zu hören … gerade diese Gefühle … Ja, ich erinnere mich dieses Abends noch sehr genau: ich wartete damals in der Tat darauf, Schamröte in dein Gesicht steigen zu sehen; und wenn ich selbst auf deinen Ton einging, ja, dich noch herausforderte, so geschah das meinerseits vielleicht nur zu dem Zweck, um dich bis an die Grenze zu führen …“

„Und haben mich dabei nur irregeführt und den reinen Quell in meiner Seele nur noch mehr getrübt! Ja, ich bin ein trauriger Halbwüchsling und weiß oft selbst nicht, was gut und was böse ist. Hätten Sie mir damals nur ein wenig, wenn auch nur andeutungsweise, den Weg gewiesen, so hätte ich mich schon zurechtgefunden und hätte den richtigen Weg betreten. Sie aber haben mich damals nur erbost.“

„Cher enfant, ich habe immer geahnt, daß wir zwei, ob nun so oder so, jedenfalls einmal zusammenkommen würden: diese ‚Schamröte‘ ist dir doch jetzt von selbst ins Gesicht gestiegen, ohne meine Anleitung, und das ist, glaube mir, für dich selbst besser … Du hast, mein Lieber, in der letzten Zeit viel gewonnen … sollte das wirklich auf deinen Verkehr mit diesem Fürstlein zurückzuführen sein?“

„Loben Sie mich nicht, das mag ich nicht. Erwecken Sie in meinem Herzen nicht den quälenden Verdacht, daß Sie mich aus Jesuitismus loben, zum Schaden der Wahrheit, nur um mir mehr zu gefallen. In der letzten Zeit aber … sehen Sie … ich habe viel mit Damen verkehrt. Ich bin zum Beispiel von Anna Andrejewna sehr freundlich aufgenommen worden, wissen Sie das schon?“

„Ich weiß es von ihr selbst, mein Freund. Ja, sie ist sehr nett und klug. Mais brisons là, mon cher.[44] Ich bin heute in einer ganz sonderbar widerwärtigen Stimmung – ist es nun Melancholie oder was? Es muß wohl von der Verdauung herrühren. Nun, was geschah denn noch zu Hause? Nichts weiter? Du hast dich dort natürlich versöhnt, und zum Schluß gab es Umarmungen. Cela va sans dire.[45] Manchmal macht es mich geradezu traurig, zu ihnen zurückzukehren, auch wenn das Spazierengehen einem noch so widerlich wird. In der Tat, ich mache im Regen oft noch einen überflüssigen Umweg, nur um die Rückkehr in dieses Heim nach Möglichkeit hinauszuschieben … Die Langeweile, die Langeweile, o Gott!“

„Mama …“

„Deine Mutter – ist das vollkommenste und herrlichste Wesen, mais[46] … Mit einem Wort, ich bin ihrer wohl nicht wert. Übrigens, was ist ihnen heute eigentlich widerfahren? In den letzten Tagen sind sie alle ohne Ausnahme so … Ich bemühe mich zwar, so etwas zu ignorieren, aber heute muß ihnen doch etwas begegnet sein … Ist dir denn nichts aufgefallen?“

„Ich weiß von nichts, und ich hätte auch nichts bemerkt, wenn nicht diese verwünschte Tatjana Pawlowna dazwischengekommen wäre, die selbstverständlich immer wie ein Hackenbeißer einen anfallen muß! Sie haben recht: da muß irgend etwas geschehen sein. Vorhin traf ich Lisa bei Anna Andrejewna, und auch dort war sie schon so eigentümlich … ich wunderte mich noch über sie. Sie wissen doch, daß Anna Andrejewna mit ihr verkehrt?“

„Ich weiß es, mein Freund. Aber … wann warst du denn heute bei Anna Andrejewna, ich meine, um wieviel Uhr? Ich möchte das aus einem bestimmten Grunde wissen.“

„Von zwei bis drei. Und können Sie sich denken, als ich sie verließ, kam der Fürst zu ihr …“

Und ich erzählte ihm meinen ganzen Besuch bis in alle Einzelheiten. Er hörte alles schweigend an; zu der Möglichkeit, daß der Fürst ihr vielleicht einen Heiratsantrag hatte machen wollen, äußerte er kein Wort, und zu meinem begeisterten Lob Anna Andrejewnas bemerkte er nur beiläufig, „ja, sie kann sehr liebenswürdig sein“.

„Ich habe sie heute auch sehr überrascht, indem ich ihr die letzte frischgebackene Neuigkeit aus der Gesellschaft mitteilte: daß Katerina Nikolajewna Achmakoff den Baron Bjoring heiraten wird,“ sagte ich auf einmal, als hätte sich irgend etwas plötzlich in mir losgerissen.

„Ja? Nun, dieselbe ‚Neuigkeit‘ hat sie mir heute schon am Morgen erzählt, vor zwölf, also schon viel früher, als du sie damit überraschen konntest.“

„Was sagen Sie?“ Verdutzt blieb ich stehen. „Aber woher hat sie denn das erfahren können? Übrigens, was fällt mir ein! Selbstverständlich hat sie das schon früher als ich erfahren können, aber denken Sie sich: sie hat doch meine Mitteilung wie eine überraschende Neuigkeit angehört …! Übrigens … übrigens, was verlange ich denn? Es lebe die Weitherzigkeit! Muß man nicht weitherzig alle Charaktere zulassen, ist’s nicht so? Ich, zum Beispiel, hätte sofort alles ausgeplaudert, sie aber hat es wie in eine Schnupftabaksdose eingeschlossen … Aber wenn auch, wenn auch, nichtsdestoweniger ist sie ein herrliches Geschöpf und ein prachtvoller Charakter!“

„Oh, zweifellos, ein jeder nach seiner Art! Und was das Originellste ist: diese prachtvollen Charaktere verstehen einen mitunter auf eine ganz eigenartige Weise zu überraschen; stelle dir vor: Anna Andrejewna verblüffte mich heute auf einmal mit der Frage, ob ich Katerina Nikolajewna Achmakoff liebe oder nicht?“

„Was für eine verrückte, undenkbare Frage!“ rief ich, wieder ganz verdutzt. Im Moment flimmerte es sogar vor meinen Augen. Noch niemals hatte ich mit ihm von diesem Thema zu sprechen gewagt, und da begann er nun selbst …

„Womit begründete sie denn ihre Frage?“

„Mit nichts, mein Freund; die Schnupftabaksdose schloß sich gleich darauf nur noch fester, und was das Auffallendste ist: sie hat mich das gefragt, obgleich ich niemals auch nur die Möglichkeit ähnlicher Gespräche zwischen ihr und mir zugelassen habe, und sie gleichfalls … Übrigens, du sagst ja, daß du sie kennst, folglich kannst du dir denken, wie eine solche Frage zu ihr paßt … oder weißt du vielleicht etwas zur Erklärung hierfür?“

„Ich bin ebenso überrascht wie Sie. Vielleicht war es Neugier von ihr oder nur ein Scherz?“

„Oh, im Gegenteil, es war die ernsteste Frage, und eigentlich nicht nur eine Frage, sondern einfach eine sehr kategorische Anfrage, und zwar eine aus einem ganz bestimmten Grunde und offenbar zu einem außergewöhnlichen Zweck. Wirst du nicht bald wieder bei ihr vorsprechen? Könntest du nicht Näheres erfahren? Ich würde dich sogar darum bitten; denn, sieh mal …“

„Aber auch nur die Möglichkeit, erstens mal, nur die Möglichkeit, anzunehmen, daß Sie Katerina Nikolajewna lieben könnten! Verzeihen Sie, aber ich kann es noch immer nicht fassen. Niemals, niemals habe ich mir erlaubt, über dieses oder ein ähnliches Thema mit Ihnen zu sprechen …“

„Und das war sehr vernünftig von dir, mein Lieber.“

„Ihre früheren Intrigen und Ihre Beziehungen – dieses Thema ist zwischen uns, versteht sich, kein passendes Gespräch, und es wäre taktlos von mir, davon überhaupt anzufangen; aber gerade in der letzten Zeit, in den letzten Tagen, habe ich mehrmals innerlich ausgerufen: Ach, wenn Sie diese Frau doch wenigstens irgend einmal geliebt hätten, wenigstens einen Augenblick! – Oh, dann hätten Sie sie niemals so falsch beurteilt, hätten nie einen solchen Fehler begehen können in Ihrem Urteil über sie! Wie es geendet hat, das weiß ich: ich weiß von Ihrer gegenseitigen Feindschaft und Ihrem gegenseitigen Abscheu, ich weiß, ich habe davon gehört, habe alles gehört, schon in Moskau habe ich davon gehört. Aber daraus geht doch als erstes nur zu klar und deutlich die Tatsache der gegenseitigen Abneigung, der erbitterten Feindschaft, also des Gegenteils der Liebe hervor, und da fragt nun Anna Andrejewna: ‚Lieben Sie sie?‘ Sollte sie denn wirklich so schlecht unterrichtet sein? Das ist doch nicht zu glauben! Sie hat nur gescherzt, ich versichere Sie, sie hat wirklich nur gescherzt!“

„Aber, mein Lieber, mich deucht,“ – in seiner Stimme klang plötzlich etwas Nervöses und Inniges, zum Herzen Dringendes, was bei ihm nur furchtbar selten vorkam – „mich deucht, du sprichst ja selbst etwas gar zu leidenschaftlich von dieser Sache. Du sagtest vorhin, daß du mit Damen verkehrst … natürlich, so dich auszufragen, ist mir gewissermaßen … gerade über dieses Thema, wie du sagtest … Aber steht nicht auch ‚diese Frau‘ auf der Liste deiner neuen Bekannten?“

„Diese Frau …“ meine Stimme zitterte plötzlich, „hören Sie, Andrei Petrowitsch, hören Sie: diese Frau ist das, was Sie heute beim Fürsten vom ‚lebendigen Leben‘ sagten, – erinnern Sie sich? Sie sagten, dieses lebendige Leben ist etwas so Ungekünsteltes und Einfaches, etwas, was so klar und offen einen ansieht, daß man gerade wegen dieser Klarheit und Offenheit nicht glauben kann, daß dieses wirklich dasselbe sei, was wir unser ganzes Leben lang mit solcher Sehnsucht suchen … Nun, sehen Sie, und mit einem solchen Blick ist Ihnen eine Frau begegnet, das Ideal einer Frau, Sie aber haben in diesem Ideal, in dieser Vollkommenheit nur ‚alle Laster‘ zu sehen geglaubt! Da haben Sie’s!“

Der Leser kann daraus wohl ersehen, in welch einem Rausch ich mich befand.

„‚Alle Laster‘! Oho! Diesen Ausspruch kenne ich!“ rief Werssiloff. „Aber wenn es schon so weit gekommen ist, daß man dir diesen Ausspruch mitgeteilt hat, kann man dir dann nicht schon zu etwas gratulieren? Das verrät ja eine solche Intimität zwischen euch, daß man dich noch loben muß wegen deiner Anständigkeit und Verschwiegenheit, zu der nur selten ein junger Mann in solchem Falle fähig ist …“

In seiner Stimme vibrierte ein liebes, freundschaftliches, zärtliches Lachen … etwas Ermunterndes, Liebes lag in seinen Worten und auch in seinem hellen Gesicht, soviel ich in der Dunkelheit erkennen konnte. Er war erstaunlich belebt. Ich erstrahlte unwillkürlich.

„Anständigkeit, Verschwiegenheit! O nein, nein!“ rief ich errötend und drückte gleichzeitig krampfhaft seine Hand, die ich auf einmal, ich weiß nicht wie, erfaßt hatte und nicht mehr losließ. „Nein, unter keinen Umständen …! Mit einem Wort, mir ist zu nichts zu gratulieren, und es kann da auch niemals, niemals etwas geschehen,“ sprach ich atemlos weiter und schwebte schon gleichsam in der Luft, und ich hatte solche Lust, zu fliegen, und es war mir so angenehm, daß ich flog. „Wissen Sie … mag es denn einmal sein, nur ein einziges kleines Mal! Sehen Sie, mein liebster, herrlicher Papa, – Sie erlauben mir doch, Sie Papa zu nennen – sehen Sie, von seinen Beziehungen zu einer Frau darf man nicht nur nicht als Sohn mit dem Vater, sondern überhaupt mit keinem Dritten sprechen, selbst wenn diese Beziehungen noch so rein sind! Ja, je reiner sie sind, um so mehr muß man das Schweigen hüten! Anders wäre es ekelhaft, wäre roh, kurz, ein Dritter ist unmöglich! Aber wenn nichts, nichts geschehen ist, nicht das geringste, dann darf man doch sprechen, dann darf man doch?“

„Je nachdem, wie das eigene Herz entscheidet.“

„Warten Sie, zunächst eine unbescheidene, eine sehr unbescheidene Frage: Sie haben in Ihrem Leben doch auch Frauen gekannt, Sie haben doch Verhältnisse gehabt …? Ich spreche nur im allgemeinen, im allgemeinen, ich meine keine Einzelfälle!“ rief ich errötend und rang nach Atem vor Begeisterung.

„Nun ja, man hat seine Sünden gehabt.“

„Also hören Sie, dann erklären Sie mir einen Fall, da Sie doch der Erfahrenere sind: plötzlich sagt Ihnen eine Dame, von der Sie sich gerade verabschieden, gleichsam beiläufig, und indem sie selbst zur Seite sieht: ‚Morgen werde ich um drei Uhr da und da sein …‘ nun, sagen wir, bei Tatjana Pawlowna,“ platzte ich heraus, und nun riß es mich unwiderstehlich fort. Mein Herz klopfte gewaltig und drohte, nach jedem Schlage stehenzubleiben; ich mußte sogar im Sprechen innehalten vor Herzklopfen. Er aber war, das sah ich, ganz Ohr. „Und nun, am nächsten Tage, bin ich um drei Uhr bei Tatjana Pawlowna, gehe hinauf und denke so bei mir: wenn die Köchin mir aufmacht – Sie kennen doch ihre Köchin? –, so frage ich sie ganz einfach: ‚Ist Tatjana Pawlowna zu Hause?‘ Und wenn die Köchin mir dann sagt, daß Tatjana Pawlowna nicht zu Hause ist, aber eine Dame sitze da und warte auf sie, – was muß ich dann daraus schließen, sagen Sie mir das, wenn Sie … Mit einem Wort, wenn Sie …“

„Ganz einfach, daß man dich zu einem Rendezvous bestellt hat. Also dann war es doch das? Und das war heute? Ja?“

„O nein, nein, nein, gar nichts, gar nichts war heute! Es war, aber es war nicht das; wenn auch ein Rendezvous, so doch nicht zu dem Zweck, das schicke ich gleich voraus, um nicht ein Schuft zu sein, es war was, aber …“

„Mein Freund, das fängt ja an so interessant zu werden, daß ich den Vorschlag machen möchte …“

„Hab’ früher selber Unbemittelten gegeben, mal ’nen Fünfundzwanziger, mal ’nen Zehner für ’n Schnäpschen. Wie wär’s, wenn Sie nun auch mal mit ’n paar Kopeken ’nem armen Leutnant unter die Arme greifen wollten? – Bitt’ schön, bin mal Leutnant gewesen.“

Eine hohe Gestalt vertrat uns den Weg, und vielleicht war der Bittsteller wirklich ein verkommener ehemaliger Leutnant. Merkwürdigerweise war er aber für sein Gewerbe eigentlich sehr gut gekleidet, und doch hielt er die Hand hin, um ein Almosen zu empfangen.

III.
Diesen dummen Zwischenfall mit dem erbärmlichen ‚Leutnant‘ will ich nicht unerwähnt lassen, da ich mir Werssiloff heute nicht anders vorstellen kann, als mit allen geringfügigsten Einzelheiten jener für mich so verhängnisvollen Stunde. Ja, der ‚verhängnisvollen‘, ich aber ahnte das nicht einmal!

„Wenn Sie, mein Herr, uns nicht sofort aus dem Wege gehen, so werde ich die Polizei rufen,“ sagte Werssiloff plötzlich empört und mit lauter Stimme, indem er vor dem „Leutnant“ stehen blieb. Ich hätte niemals gedacht, daß dieser Philosoph so in Zorn geraten könnte, und das noch aus einem so geringen Anlaß. Doch darf man nicht vergessen, daß unser Gespräch an einer Stelle unterbrochen wurde, die sein ganzes Interesse erregte, was er noch selbst verraten hatte.

„So haben Sie wirklich nicht einmal ’nen Fünfer bei sich?“ gröhlte grob der „Leutnant“. „Heutzutage hat ja wahrhaftig keine Kanaille mehr ’nen Fünfer in der Tasche! Knoten! Gauner! Selber im Biberpelz, aber aus einem lump’gen Fünfer wird eine Staatsfrage gemacht!“

„Schutzmann!“ rief Werssiloff.

Er brauchte nicht einmal laut zu rufen: in nächster Nähe an der Straßenecke stand ein Schutzmann, der das Geschimpf des „Leutnants“ gehört hatte.

„Ich ersuche Sie, Zeuge dieses Vorfalles zu sein, und Sie ersuche ich, sich auf die Polizeiwache begeben zu wollen,“ sagte Werssiloff.

„Äh, zum … Na, mir soll’s egal sein, beweisen können Sie ja doch nichts! Vor allem keinen eigenen Verstand!“

„Lassen Sie ihn nicht laufen, Schutzmann, und begleiten Sie uns,“ sagte Werssiloff herrisch.

„Was, wollen Sie denn wirklich auf die Wache? Ach, zum Teufel mit ihm, mit diesem ganzen Kerl!“ flüsterte ich ihm zu.

„Unbedingt, mein Lieber. Diese Zuchtlosigkeit auf unseren Straßen fängt nachgerade an, einem bis zum Ekel widerlich zu werden, und wenn ein jeder seine Pflicht täte, so hätten alle den Vorteil davon. C’est comique, mais c’est ce que nous ferons.“[47]

Wir gingen; die ersten hundert Schritte war der „Leutnant“ sehr empört, renommierte großartig und zeigte sich sehr mutig; er versicherte, „das gehe nicht“, wegen eines „einz’gen Fünfers“, usw., usw. Aber schließlich begann er halblaut mit dem Schutzmann zu unterhandeln. Der Schutzmann, der ein vernünftiger Mensch und ein Feind von Straßenunruhen zu sein schien, war offenbar auf seiner Seite, aber doch nur in einem gewissen Sinne. Auf die Anfrage des „Leutnants“ brummte er halblaut zur Antwort, jetzt wäre schon nichts mehr zu machen, „jetzt ist es schon mal herausgekommen“, „aber wenn Sie, beispielsweise, sich entschuldigen wollten, und wenn der Herr die Entschuldigung annehmen würde, ja dann vielleicht …“

„Na, hö–hören Sie, sehr geehrter Herr, na, wohin gehen wir denn jetzt? Ich frage Sie: wohin streben wir, und was soll hierbei wohl geistreich sein?“ polterte der „Leutnant“ los. „Wenn ein durch seine Mißerfolge unglücklicher Mann seine Entschuldigung zu machen bereit ist … wenn Sie schließlich unbedingt seine Selbsterniedrigung wünschen … Zum Teufel, wir sind doch nicht im Salon, sondern auf der Straße! Für die Straße genügt doch wohl diese Entschuldigung …“

Werssiloff blieb stehen, und plötzlich lachte er laut auf, so daß ich schon dachte, er hätte diese ganze Geschichte nur um der Ablenkung willen und als Ulk angefangen, aber das war es nicht.

„Ich entschuldige Sie vollkommen, mein Herr ‚Leutnant‘, und ich bin überzeugt, daß Sie kolossal befähigt sind. Halten Sie sich so auch im Salon, – bald wird dieser Ton ja auch in den Salon passen, vorläufig aber nehmen Sie hier die zwei Zwanziger, für Schnaps und Imbiß. Entschuldigen Sie, Schutzmann, die Belästigung, ich würde mich auch für Ihre Mühe erkenntlich zeigen, aber Sie sehen jetzt so stolz aus … Mein Lieber,“ wandte er sich an mich, „hier in der Nähe ist ein Lokal, eigentlich eine entsetzliche Kloake, aber man kann dort Tee trinken, und ich wollte dir den Vorschlag machen, hinzugehen … hier gleich, gehen wir.“

Ich wiederhole, ich hatte ihn noch nie in einer solchen inneren Erregung gesehen, obschon sein Gesicht heiter war und strahlte; es war mir aber aufgefallen, daß seine Hände, als er aus dem Portemonnaie das Geld für den „Leutnant“ herausnehmen wollte, so bebten, daß er schließlich mich bat, das Geld zu nehmen und dem „Leutnant“ zu geben; ich kann das nicht vergessen.

Er führte mich in eine kleine Kellerwirtschaft am Kanal. Nur wenige Gäste waren da. Ein kleiner, verstimmter, heiserer Musikautomat erklang, es roch nach fettigen Servietten; wir setzten uns in eine Ecke.

„Du weißt es vielleicht nicht? Ich liebe es zuweilen, aus Langerweile, aus schrecklicher seelischer Langweile … in solche Kloaken hineinzugehen. Diese ganze Einrichtung hier, diese mäckernde Arie aus der ‚Lucia‘, diese Kellner in ihrer fast schon unanständigen russischen Tracht, dieser Tabakqualm, diese Schreie aus dem Billardzimmer – das ist alles dermaßen gemein und prosaisch, daß es fast an das Phantastische grenzt. Nun, wie war es denn, Lieber? Dieser Marsjünger hat uns, glaub’ ich, an der interessantesten Stelle unterbrochen … Ah, da ist schon unser Tee; ich liebe es, hier Tee zu trinken … Kannst du dir denken, Pjotr Ippolitowitsch, dein Wirt, begann dort seinem anderen Zimmermieter, dem Pockennarbigen, zu versichern, daß vom englischen Parlament im vorigen Jahrhundert eine Kommission von Juristen eingesetzt worden sei, um den ganzen Prozeß Christi vor dem Hohen Priester und Pilatus zu revidieren, einzig zu dem Zweck, um zu sehen, wie der Prozeß nach unseren Gesetzen verlaufen wäre, und deshalb hätte man alles mit aller Gewissenhaftigkeit und Feierlichkeit, mit Staatsanwälten und Rechtsanwälten und allem, was dazu gehört, in Szene gesetzt … nun, und die Geschworenen hätten sich doch gezwungen gesehen, ihn schuldig zu sprechen … Jedenfalls eine Geschichte zum Verwundern! Dieser bornierte Zimmermieter begann aber zu streiten, ärgerte sich fürchterlich und erklärte mit großem Krach, daß er am nächsten Tage ausziehen werde … Die Wirtin begann zu weinen, weil sie die Miete verlöre … Mais passons.[48] In diesen Wirtschaften gibt es zuweilen Nachtigallen. Kennst du die alte Moskauer Anekdote à la Pjotr Ippolitowitsch? In einer Moskauer Wirtschaft singt wundervoll eine Nachtigall; ein Kaufmann kommt herein, einer vom Typ ‚Steh mir nicht im Wege‘. Er hört die Nachtigall, fragt: ‚Was kostet der Vogel?‘ – ‚Hundert Rubel.‘ – ‚Braten und auftragen!‘ Man briet die Nachtigall und setzte sie ihm vor. ‚Schneid mir davon für zehn Kopeken ab.‘ – Ich erzählte das einmal deinem Pjotr Ippolitowitsch, aber er glaubte es mir nicht und war sogar sehr ungehalten.“

Er erzählte noch vieles. Ich gebe diese kleinen Geschichten als Beispiele wieder. Sobald ich nur den Mund auftat, unterbrach er mich sofort und begann wieder irgend etwas zu erzählen, irgend so einen eigentümlichen Unsinn, der gar nicht zur Sache gehörte, und dabei sprach er lebhaft und lustig; er lachte über Gott weiß was alles und lachte seltsam in sich hinein, was ich an ihm noch nie gesehen hatte. In einem Zuge trank er sein Glas Tee aus und bestellte ein neues. Jetzt weiß ich, wie das zu erklären war: er glich damals einem Menschen, der einen für ihn teuren, interessanten, lange und heiß ersehnten Brief erhalten hat und nun vor sich hinlegt und absichtlich nicht öffnet, sondern erst lange befühlt, das Kuvert betrachtet, den Poststempel, dann noch ins andere Zimmer geht, verschiedene Anordnungen trifft, kurz, der den spannenden Augenblick hinausschiebt – da er weiß, daß er ihm doch nicht entgeht –, um den Genuß noch mehr auszukosten.

Natürlich erzählte ich ihm alles, alles von Anfang an, und erzählte vielleicht eine ganze Stunde. Und wie hätte es auch anders sein können: schon vorher, die ganze Zeit schon hatte ich den Drang gehabt, zu erzählen. Ich begann mit unserer ersten Begegnung, damals beim alten Fürsten, gleich nach ihrer Ankunft aus Moskau; dann erzählte ich, wie das alles nach und nach so gekommen war. Ich überging nichts, und ich hätte auch nichts übergehen können: er selbst erinnerte mich an alles und erriet alles, er soufflierte mir förmlich. Bisweilen schien es mir, daß etwas Phantastisches vor sich gehe, daß er dort irgendwo unsichtbar gesessen oder hinter einer Tür gestanden haben müsse, jedesmal, so oft ich in diesen zwei Monaten bei ihr gewesen war: er wußte im voraus jede meiner Bewegungen und jedes meiner Gefühle. Ich empfand eine unfaßbare Lust bei dieser Beichte vor ihm; denn ich sah in ihm eine so zarte Weichheit, eine so tiefe psychologische Feinheit, eine so erstaunliche Fähigkeit, schon aus einer halben Silbe alles zu erraten. Er hörte zart zu wie eine Frau. Vor allem verstand er es so zu machen, daß ich mich überhaupt nicht schämte; manchmal fiel er mir ins Wort, und ich mußte bei einem Nebenumstande verweilen; oft unterbrach er mich, um nervös zu wiederholen: „Vergiß nicht die Details, die Hauptsache ist, vergiß nicht die Details: je kleiner ein Zug ist, um so wichtiger kann er mitunter sein.“ Und so unterbrach er mich mehrere Male. Oh, versteht sich, ich erzählte anfangs sehr selbstbewußt und sprach sehr von oben herab über sie, aber bald siegte doch die Wahrheit. Ich erzählte ihm aufrichtig, daß ich am liebsten die Stelle des Fußbodens geküßt hätte – wo ihr Fuß gestanden hatte. Am schönsten, am wunderbarsten war, daß er ohne weiteres verstand, wie man unter der Angst wegen des Dokuments leiden und dabei doch das reine und untadelige Wesen sein konnte, als das ich sie heute vor mir gesehen hatte. Er verstand auch vollkommen die Bezeichnung „Student“. Aber als ich mich schon dem Ende näherte, bemerkte ich, daß durch sein gütiges Lächeln von Zeit zu Zeit eine auffallende Ungeduld, etwas Zerstreutes und Kaltes in seinem Blick aufblitzte. Als ich auf das bewußte „Dokument“ zu sprechen kam, dachte ich bei mir: „Soll ich ihm die Wahrheit sagen oder soll ich nicht?“ – und ich sagte sie ihm nicht, trotz meiner ganzen Begeisterung. Das verzeichne ich hier zur Erinnerung für mein ganzes Leben. Ich erklärte ihm die Sache ebenso, wie ich sie ihr erklärt hatte: daß der Brief von Krafft zerrissen und verbrannt worden wäre. In seine Augen trat ein Brennen, eine sonderbare Falte erschien flüchtig auf seiner Stirn und gab seinem Gesicht etwas Finsteres.

„Erinnerst du dich genau, mein Lieber, daß Krafft diesen Brief verbrannt hat? Täuschest du dich wirklich nicht?“

„Nein, ich täusche mich nicht,“ beteuerte ich.

„Die Sache ist nur die, daß dieser Brief für sie von gar zu großer Wichtigkeit ist, und wenn du ihn heute in der Hand hättest, so könntest du heute noch …“ (Er sprach es aber nicht aus, was ich „könnte“). „Ja, wie, hast du ihn denn jetzt nicht bei dir?“

Ich zuckte innerlich zusammen, äußerlich aber ließ ich mir nichts merken, zuckte nicht einmal mit der Wimper; aber ich konnte es noch nicht fassen, daß ich wirklich diese Frage gehört hatte.

„Wie das, bei mir? Ob ich ihn jetzt bei mir habe? Aber wenn Krafft ihn doch damals verbrannt hat?“

„Wirklich?“ Er sah mich plötzlich an, mit brennendem, starrem Blick, mit einem Blick, den ich nie vergessen werde.

Übrigens lächelte er gleich darauf, aber seine ganze Güte, die ganze Weiblichkeit dieses Gesichtsausdrucks, mit dem er mir bis dahin zugehört hatte, waren auf einmal verschwunden. In seinem Ausdruck lag etwas Unbestimmtes und Verwirrtes; er wurde immer zerstreuter. Hätte er sich damals mehr in der Gewalt gehabt, so, wie er sich bis zu diesem Augenblick die ganze Zeit in der Gewalt gehabt hatte, so hätte er diese Frage wegen des Briefes bestimmt nicht gestellt; wenn er es aber tat, so geschah das wohl nur deshalb, weil er selbst so außer sich war. So erkläre ich mir das heute, damals aber begriff ich die Veränderung, die in ihm vorging, kaum oder wenigstens nicht so schnell; ich schwebte ja immer noch in Wonne, und in meiner Seele klang immer noch Musik. Mein Erlebnis war zu Ende erzählt; ich sah ihn an.

„Aber eines ist doch merkwürdig,“ sagte er auf einmal, als ich ihm schon alles bis zum letzten Komma erzählt hatte, „sogar sehr merkwürdig, mein Freund: du sagst, du hättest dort zwischen drei und vier mit ihr gesprochen, und Tatjana Pawlowna wäre nicht zu Haus gewesen?“

„Ich war dort von ungefähr acht Minuten nach drei bis halb fünf.“

„Nun, denk dir mal, ich war genau um halb vier bei Tatjana Pawlowna, es war auf die Minute halb vier, und ich sprach mit ihr in der Küche: ich gehe ja zu ihr oft über die näherliegende Hintertreppe hinauf.“

„Wie, Sie haben sie in der Küche getroffen?“ rief ich, unwillkürlich zurückfahrend vor Schreck.

„Ja, und sie erklärte mir, daß sie mich nicht empfangen könne; ich blieb vielleicht zwei Minuten; denn ich hatte bei ihr nur vorgesprochen, um sie zum Essen einzuladen.“

„Vielleicht war sie in dem Augenblick erst zurückgekehrt?“

„Das weiß ich nicht; übrigens nein, das ist ausgeschlossen: sie war in ihrem Morgenrock. Und die Uhr war genau halb vier.“

„Aber … Hat Tatjana Pawlowna Ihnen nicht gesagt, daß ich da war?“

„Nein, sie hat mir nicht gesagt, daß du da warst … Sonst hätte ich es schon gewußt und dich nicht hier danach gefragt.“

„Hören Sie, das ist furchtbar wichtig …“

„Ja … je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es ansieht. Du bist sogar erbleicht, mein Lieber. Doch übrigens, was ist denn hierbei schließlich so wichtig?“

„Man hat sich über mich wie über einen dummen Jungen lustig gemacht!“

„Man hat einfach Angst gehabt vor deinem ‚heißen Temperament‘, wie sie sich selbst ausgedrückt hat – nun, und da ist Tatjana Pawlowna gebeten worden, zur Sicherheit zu Hause zu bleiben.“

„Aber, mein Gott, was ist denn das für ein abgekartetes Spiel gewesen! Hören Sie, dann hat sie mich doch das alles in Gegenwart einer dritten Person sagen lassen, in Gegenwart von Tatjana Pawlowna? – die hat ja dann alles gehört, was ich ihr vorhin gesagt habe! Aber das … das ist ja schrecklich, sich auch nur vorzustellen!“

„C’est selon, mon cher. Und überdies hast du ja selbst vorhin von Weitherzigkeit den Frauen gegenüber gesprochen und noch ausgerufen: ‚Es lebe die Weitherzigkeit, die alles zuläßt!‘“

„Wenn ich Othello wäre und Sie Jago, so hätten Sie nicht besser … übrigens, ich lache! Von einem Othello kann ja hier gar nicht die Rede sein; denn die Verhältnisse sind ja ganz andere. Und wie sollte ich denn nicht lachen! Mag es doch so gewesen sein! Ich glaube dennoch an das, was unendlich hoch über mir steht, und gebe mein Ideal nicht auf …! Wenn das ein Scherz von ihr war, so verzeihe ich ihr. Ein Scherz mit einem traurigen Jüngling – nun gut! Ich habe mich ja auch als nichts anderes gegeben. Aber der Student – der Student war doch und ist doch, trotz allem, trotz allem, in ihrem Herzen; – denn wenn er schon einmal in ihrem Herzen, in ihrer Seele war, so ist er es noch und wird es bleiben! Doch genug davon! Hören Sie, was meinen Sie: soll ich nicht lieber gleich zu ihr hinfahren, um die ganze Wahrheit zu erfahren?“

Ich sagte zwar: „Ich lache!“ aber mir standen doch Tränen in den Augen.

„Ja? Fahre nur, mein Freund, wenn du Lust hast.“

„Mir ist, als hätte ich damit meine Seele beschmutzt, daß ich Ihnen das alles erzählt habe. Seien Sie mir nicht böse, Liebster, aber über eine Frau, das sage ich nochmals, über eine Frau kann man einem Dritten nichts anvertrauen; der andere wird das doch nicht verstehen, was man ihm anvertraut. Selbst ein Engel würde das nicht verstehen! Wenn du die Frau achtest – suche dir keinen Vertrauten! Wenn du dich selbst achtest – suche dir keinen Vertrauten! Ich achte mich jetzt selbst nicht. Auf Wiedersehen; ich werde mir das nie verzeihen …“

„Höre doch auf, Lieber, du übertreibst ja. Du sagst doch selbst, daß ‚nichts geschehen‘ sei.“

Wir traten hinaus auf die Straße am Kanal und nahmen Abschied.

„Wirst du mich denn wirklich nie mit kindlicher Liebe küssen, wie ein Sohn seinen Vater?“ fragte er auf einmal mit einem sonderbaren Beben in der Stimme.

Ich küßte ihn glühend.

„Mein lieber Junge … Sei immer so reinen Herzens wie heute.“

Ich hatte ihn noch niemals geküßt, und nie hätte ich mir träumen lassen, daß er selbst diesen Wunsch haben könnte.

Sechstes Kapitel.
I.
Selbstverständlich hinfahren!“ entschied ich, während ich nach Hause eilte, „und zwar sofort hinfahren! Wahrscheinlich werde ich sie ganz allein antreffen, aber auch wenn sie nicht allein sein sollte, gleichviel, man kann sie herausbitten lassen … Sie wird mich empfangen; sie wird sich wundern, aber empfangen wird sie mich trotzdem! Doch wenn sie nicht will? So werde ich darauf bestehen, werde ihr sagen lassen, daß es dringend nötig ist. Sie wird denken, es handle sich um das Dokument, und schon deshalb wird sie mich empfangen. Und dann werde ich von ihr selbst erfahren, wie das mit dieser Tatjana Pawlowna gewesen ist! Und dann … Ja, und was dann? Wenn ich ihr unrecht getan habe, so werde ich es tausendfach gutzumachen suchen; wenn ich aber im Recht bin, und sie schuldig ist, dann – dann ist ja sowieso alles aus! Was habe ich zu verspielen? Nichts! Also hinfahren! hinfahren!“

Und doch fuhr ich nicht hin; das werde ich niemals vergessen und werde immer mit Stolz daran zurückdenken. Kein Mensch wird davon erfahren, das wird mit mir begraben werden; aber es genügt, wenn ich selbst weiß, daß ich in diesem Augenblick zu einer solchen Haltung fähig war!

„Es ist eine Versuchung, aber ich lasse sie nicht an mich heran,“ sagte ich mir endlich, nachdem ich mich auf mich selbst besonnen hatte. „Man hat mich mit einer Tatsache erschrecken, durch eine Tatsache überzeugen wollen, ich aber lasse mich auch von einer Tatsache nicht überzeugen und gebe meinen Glauben an ihre Schuldlosigkeit nicht auf! Wozu jetzt hinfahren? Wessen mich noch vergewissern? Wie kann ich von ihr verlangen, daß sie an mich auch so hätte glauben sollen, wie ich an sie glaube? – daß sie mein ‚heißes Temperament‘ nicht hätte fürchten sollen? Nur deshalb hat sie doch Tatjana Pawlowna zu ihrer Sicherheit in der Nähe behalten! Ich habe ja ein solches Vertrauen von ihr noch gar nicht verdient. Mag sie, mag sie auch nicht wissen, daß ich ihr volles Vertrauen verdiene, daß ich allen ‚Versuchungen‘ gewachsen bin und nichts von alledem glaube, was man ihr Schlechtes nachsagt, – dafür weiß ich es, ich, und achte mich deswegen. Ich achte meine eigenen Gefühle. O ja, sie hat es zugelassen, daß ich das alles in Tatjana Pawlownas Gegenwart aussprach, sie wußte, daß Tatjana Pawlowna dort saß und uns belauschte (denn man hört ja doch jedes Wort, wenn man dort sitzt), sie wußte, daß sie dort über mich lachte, – das ist gewiß fürchterlich, oh, fürchterlich ist das! Aber … aber wenn es für sie anders gar nicht möglich war? Was hätte sie denn in ihrer Lage tun sollen? Und wie darf ich sie deswegen anklagen? Auch ich habe sie doch heute betrogen – in der Sache mit Krafft und dem Brief –, weil es eben nicht anders ging … so habe ich sie ganz gegen meinen Willen und unvorhergesehenerweise belügen müssen. Mein Gott!“ rief ich plötzlich, mich auf einmal besinnend, und ich errötete heiß vor peinigender Scham, „und ich selbst, was habe ich soeben selbst getan! – Habe ich sie nicht genau so an eine dritte Person verraten, indem ich Werssiloff alles erzählte? Übrigens, nein, was rede ich! Da ist doch ein Unterschied. Es war ja jetzt nur von dem Dokument die Rede, ich habe Werssiloff doch eigentlich nur von dem Dokument erzählt; denn ich hatte ja nichts anderes zu erzählen und konnte auch nichts zu erzählen haben. Habe ich nicht gleich vorausgeschickt und ihm als erstes gesagt, daß zwischen uns ‚nichts, nichts, gar nichts geschehen ist‘? Er ist doch ein Mensch, der alles versteht …! Hm! Aber was für einen Haß er gegen diese Frau in seinem Herzen trägt, selbst heute noch! Was für ein Drama mag sich damals zwischen ihnen abgespielt haben …? und aus welchem Grunde? Natürlich aus Eigenliebe! Werssiloff ist und kann ja auch zu gar keinem anderen Gefühl fähig sein, außer zu grenzenloser Eigenliebe!“

Dieser letzte Gedanke kam mir damals ganz plötzlich, doch ich beachtete ihn nicht einmal. Das waren die Gedanken, die mir so durch den Kopf gingen, und die sich ganz von selbst einer aus dem anderen ergaben. Dabei war ich vor mir ganz aufrichtig: ich machte mir nichts vor, ich betrog mich nicht. Und wenn ich damals auf etwas nicht verfiel, so geschah das nicht aus Jesuitismus, sondern weil mir die Einsicht fehlte.

Ich langte in ungeheuer belebter Gemütsverfassung in meiner Wohnung an, wußte jedoch selbst nicht, warum ich mich in einer so frohen Stimmung befand, obschon alles unklar in mir war. Aber ich getraute mich nicht, meine Gefühle näher zu untersuchen und gab mir die größte Mühe, an anderes zu denken. Ich ging sogleich zu meiner Wirtin; zwischen ihr und ihrem Mann hatte es tatsächlich einen großen Streit gegeben. Sie war eine hochgradig schwindsüchtige kleine Beamtenfrau, im Grunde vielleicht ein gutmütiger Mensch, aber wie alle Schwindsüchtigen sehr launenhaft. Ich begann sofort Frieden zu stiften, ging zu Tscherwjäkoff, – so hieß der andere Zimmermieter, der grobe pockennarbige Schafskopf und selbstgefällige Bankbeamte, den ich nicht ausstehen konnte, mit dem ich mich aber sonst ganz gut stand, weil ich die Schwäche hatte, mich oft mit ihm zusammen über Pjotr Ippolitowitsch lustig zu machen. Ich redete ihm zu, doch nicht auszuziehen, aber ich glaube, er hätte sich sowieso gar nicht dazu entschlossen. Es endete damit, daß es mir gelang, die Wirtin vollkommen zu beruhigen und ihr außerdem noch das Kopfkissen wunderbar zurechtzulegen. „Pjotr Ippolitowitsch hat das niemals so gut verstanden,“ sagte sie schadenfroh. Darauf begab ich mich mit ihren Senfpflastern in die Küche und bereitete ihr eigenhändig zwei Pflaster. Der arme Pjotr Ippolitowitsch konnte mir bei alledem nur neidisch zusehen: ich erlaubte ihm nicht einmal, auch nur mit dem Finger ein Pflaster anzurühren, und ward für meine Mühe denn auch buchstäblich mit Tränen der Dankbarkeit von ihr belohnt. Aber auf einmal, ich erinnere mich dessen noch genau, wurde mir alles so zuwider, und ich wurde mir bewußt, daß ich gar nicht aus Güte der Kranken geholfen hatte, sondern aus einem ganz anderen Grunde.

Ich wartete mit nervöser Ungeduld auf meinen Schlitten: an diesem Abend wollte ich noch zum letztenmal mein Glück versuchen … doch ganz abgesehen davon, empfand ich ein schreckliches Bedürfnis zu spielen: es war eine unerträgliche Stimmung. Wenn ich diesen Wunsch nicht gehabt hätte, so hätte ich es nicht ausgehalten und wäre zu ihr gefahren. Der Schlitten mußte bald kommen, aber plötzlich öffnete sich die Tür, und ein ganz unerwarteter Besuch trat ein: Darja Onissimowna. Ich runzelte die Stirn und wunderte mich. Sie kannte meine Wohnung; denn sie war im Auftrage meiner Mutter schon einmal bei mir gewesen. Ich bat sie, Platz zu nehmen und sah sie fragend an. Sie sagte kein Wort, sah mir nur in die Augen und lächelte bedrückt.

„Sie kommen wohl von Lisa?“ fiel es mir plötzlich ein, sie zu fragen.

„Nein, ich komme nur so.“

Ich teilte ihr mit, daß ich gleich fortzufahren beabsichtigte, doch sie antwortete mir, daß sie ja „nur so“ zu mir gekommen sei und sofort wieder gehen werde. Ich weiß nicht, warum sie mir auf einmal leidtat. Ich muß hier bemerken, daß sie von uns allen, von Mama, und besonders von Tatjana Pawlowna, viel Anteilnahme erfahren hatte; aber seit sie bei der Stolbejeff untergebracht war, hatten wir sie fast vergessen, mit Ausnahme vielleicht von Lisa, die sie von Zeit zu Zeit besuchte. Zum Teil lag das wohl an ihr selbst; denn sie besaß die Eigenschaft, sich abzusondern und zurückzuziehen, trotz all ihrer Unterwürfigkeit und ihres schüchtern schmeichelnden Lächelns. Mir persönlich gefiel dieses Lächeln nicht; ich glaubte, daß sie ihr Gesicht immer gleichsam zurechtlegte; ja, ich hatte ihr schon im Herzen den Vorwurf gemacht, daß sie ihrer Olä eigentlich gar nicht sonderlich nachtrauerte. Diesmal aber tat sie mir, ich weiß nicht warum, wirklich leid.

Und siehe da, plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, beugte sie sich vor, senkte den Kopf tief herab, umfaßte mich mit ihren Armen und stützte ihr Gesicht auf meine Knie. Sie ergriff meine Hand, doch nicht, wie ich glaubte, um sie zu küssen, sondern sie drückte sie nur an ihre Augen; und auf einmal brach sie in heiße Tränen aus. Sie erzitterte vor Schluchzen, doch weinte sie lautlos. Mein Herz krampfte sich zusammen, obschon ich mich gleichzeitig ärgerte. Doch sie umschlang mich voll Zutrauen, ohne meinen Ärger zu fürchten, und trotzdem sie mich vorher so ängstlich und unterwürfig angelächelt hatte. Ich bat sie, sich doch zu beruhigen.

„Liebling, ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Sobald die Dämmerung kommt, kann ich es nicht mehr aushalten. Die Dämmerung zieht mich jedesmal auf die Straße, in die Dunkelheit. Und immer wegen der einen Vorstellung. Ich denke dann so bei mir, wenn ich … wenn ich … hinausgehe, werde ich sie plötzlich auf der Straße treffen. Und so gehe ich, und mir scheint, ich sehe sie schon. Ich weiß ja, es gehen da ganz andere Leute, aber ich gehe ihnen nach, absichtlich immer nur hinter ihnen, und denke so bei mir: Da, diese da … ist die nicht ganz wie meine Olä? Und so denk ich und denk ich. Und zuletzt werde ich ganz dumm und taumele nur noch irgendwie weiter … mir wird ganz übel. Wie eine Betrunkene taumele ich und stoße die Leute an, manche schimpfen. Ich behalte schon alles für mich und gehe zu keinem hin. Denn wohin ich auch gehe, es wird mir nur schlechter. Und jetzt bin ich hier an Ihrem Haus vorbeigekommen, und da dachte ich so bei mir: ‚Ich will doch zu ihm gehen, er ist der beste von allen, und er ist auch damals dabeigewesen.‘ Mein Lieber, verzeihen Sie mir unnützem Menschen, – ich werde ja gleich wieder gehen, ich gehe schon …“

Sie erhob sich plötzlich und beeilte sich sehr, fortzukommen. Ich ging mit ihr. Als wir hinaustraten, kam mein Schlitten gerade vorgefahren; ich setzte sie hinein und brachte sie nach Haus, in die Wohnung der Stolbejeff.

II.
In der letzten Zeit gab ich dem Spielzirkel des Herrn Serschtschikoff den Vorzug vor allen. Bis dahin hatte ich drei andere Zirkel besucht, immer zusammen mit dem Fürsten, der mich dort eingeführt hatte. In einem dieser Zirkel wurde nur ein kniffliches Hasardspiel gespielt, und zwar mit sehr hohen Einsätzen. Aber dort gefiel es mir nicht: ich sah, daß man da viel Geld haben mußte, und außerdem versammelten sich dort gar zu arrogante Leute und die bekannte goldene Jugend der hohen Aristokratie. Gerade das aber gefiel dem Fürsten; denn er liebte nicht nur das Spiel, sondern liebte es auch, mit solchen hochgeborenen Tollköpfen zu verkehren. Ich hatte übrigens bemerkt, daß er sich, wenn er auch mit mir zusammen hinging, im Laufe des Abends doch möglichst von mir zu entfernen pflegte, und mich mit keinem aus „seinen Kreisen“ bekannt machte. Allerdings benahm ich mich auch wie ein Wilder, und oft geschah es, daß ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf mich lenkte. Am Spieltisch kam ich wohl manchmal mit dem einen oder anderen ins Gespräch, doch als ich mal in denselben Räumen eines dieser „Herrchen“, mit dem ich am Abend vorher gesprochen und gelacht, und dem ich sogar mit Glück zu zwei bestimmten Karten geraten hatte, am anderen Tage begrüßen wollte, schien er mich einfach überhaupt nicht wiederzuerkennen. Ja, schlimmer noch: er sah mich mit gemachter Verwunderung an und schritt lächelnd an mir vorüber. Deshalb ging ich denn auch nicht mehr hin und besuchte seitdem mit Leidenschaft eine Kloake – anders kann ich diese Spielhölle nicht benennen. Es war das eigentlich ein ziemlich unbedeutender Roulettezirkel in der Wohnung einer Kokotte, die jedoch selbst niemals im Saal erschien. Dort herrschte ein sehr freier Ton, obgleich der Zirkel von Offizieren und reichen Kaufleuten besucht wurde, und es ging alles sehr schmierig zu, was übrigens manche gerade anzog. Außerdem hatte ich dort häufig Glück im Spiel. Aber auch diesen Zirkel verließ ich nach einer sehr widerwärtigen Geschichte, die dort einmal mitten im Spiel angefangen und mit einer richtigen Prügelei zwischen zwei Spielern geendet hatte. Und seitdem besuchte ich den Zirkel Serschtschikoffs, in den mich übrigens gleichfalls der Fürst eingeführt hatte. Serschtschikoff war Rittmeister außer Diensten. Der Ton in seinem Zirkel war sehr erträglich: militärisch, peinlich in der Beobachtung alles dessen, was mit Ehrbegriffen zu tun hatte, kurz und sachlich. Witzbolde und Trinker wurden nicht geduldet. Außerdem spielte man da nicht zum Spaß! Es wurde dort nur Roulette gespielt. Vor diesem Abend des fünfzehnten November war ich erst zweimal dagewesen, doch Serschtschikoff kannte mich, glaube ich, schon dem Ansehen nach; aber Bekannte hatte ich dort gar keine. Auch der Fürst und Darsan erschienen an diesem Abend erst um Mitternacht – sie kamen aus dem Zirkel jener aristokratischen Galgenstricke, den ich nicht mehr besuchte, und so war ich denn an diesem Abend ein Unbekannter unter Unbekannten.

Wenn ich einen Leser hätte, und der Betreffende hätte alles das, was ich von meinen Erlebnissen bisher erzählt habe, schon gelesen, so brauchte ich ihm jetzt wohl nicht mehr zu erklären, daß ich für keine einzige Art von gesellschaftlichem Verkehr geschaffen bin. Ich verstehe überhaupt nicht mich in Gesellschaft zu benehmen. Wenn ich irgendwo hinkomme, wo viele Menschen sind, so fühle ich sofort, wie alle Blicke mich beunruhigen. Ich winde mich förmlich unter diesen Blicken, auch im Theater und in ähnlichen Versammlungen, und vor allem natürlich in Privatgesellschaften. In all diesen Spielsälen und Zirkeln habe ich mir entschieden keine gesellschaftliche Haltung anzueignen verstanden: bald sitze ich da und mache mir Vorwürfe wegen meiner übertriebenen Höflichkeit und Weichheit, bald raffe ich mich plötzlich auf und begehe irgendeine Dummheit. Und doch verstehen selbst die größten Nichtsnutze, die im Vergleich zu mir einfach Dummköpfe sind, sich überall mit vorzüglicher Haltung zu bewegen. Das war es, was mich am meisten kränkte, und war der Grund, weshalb ich meine Kaltblütigkeit immer mehr verlor. Ich sage es offen: nicht nur jetzt, sondern schon damals wurde mir diese ganze Gesellschaft und das ganze Spiel, ja selbst das Gewinnen, wenn ich aufrichtig sein soll, – zum Ekel, zur Qual. Einfach – zur Qual. Ich empfand allerdings einen ungeheuren Genuß dabei, aber für diesen Genuß mußte ich diese ganze Qual in den Kauf nehmen. Alle diese Leute, das Spiel und ich selbst erschienen mir gemein und schmutzig. „Sobald ich gewonnen habe, spucke ich auf das alles!“ sagte ich mir jedesmal, wenn ich nach durchspielter Nacht in meiner Wohnung bei Morgengrauen zu Bett ging. Und was nun das Gewinnen an sich betrifft, so ist vor allem das eine zu bedenken: daß ich Geld überhaupt nicht mag. Das heißt, ich will nicht die alten Gemeinplätze wiederholen, die bei solchen Erklärungen üblich sind: daß ich nur aus Liebe zum Spiel, aus Leidenschaft, also nur wegen der Aufregung und um des Wagnisses willen, und nicht aus pekuniären Gründen gespielt hätte. Ich hatte das Geld schrecklich nötig, und obschon dieser Spielerweg nicht zu meiner Idee paßte, so hatte ich doch beschlossen, es auf ihm wenigstens zur Probe zu versuchen. Dabei verwirrte mich aber ein schwerwiegender Gedanke: „Du hast dich doch schon überzeugt, daß du ein Millionär werden kannst, daß du den dazu erforderlichen Charakter besitzt, du hast doch diese Charakterprobe bestanden; so bestehe sie doch auch hier; sollte man denn zum Roulette wirklich mehr Charakter brauchen als zur Ausführung deiner Idee?“ Das war es, was ich mir immer wieder sagte. Ich halte bis heute an der Überzeugung fest, daß man beim Hasardspiel, wenn man nur seine vollkommene Ruhe zu bewahren vermag – und damit die ganze Schärfe seines Verstandes und seiner Berechnung –, daß man dann die Unschlauheit des blinden Zufalls besiegen und im Spiel gewinnen muß. Und da ich an dieser Überzeugung festhielt, so regte es mich um so mehr auf, als ich sah, wie mein Charakter immer wieder versagte und ich mich wie ein ganz kleiner Junge fortreißen ließ: „Ich, der ich dem Hunger gewachsen gewesen bin, ich sollte nun plötzlich dieser Dummheit nicht gewachsen sein!“ Das reizte mich fürchterlich. Dazu kam nun noch das Bewußtsein, daß ich, wie gering und lächerlich ich auch erscheinen mochte, doch diesen Schatz an Kraft in mir trug, der sie einmal alle zwingen würde, ihre Meinung über mich zu ändern, daß dieses Bewußtsein schon seit meinen Kinderjahren die einzige Quelle meines Lebens, mein Licht, mein Stolz, meine Waffe und mein Trost gewesen war; sonst hätte ich mir vielleicht schon als Knabe das Leben genommen! Und wie sollte ich darum nicht gegen mich selbst erbittert sein, als ich nun sah, in was für ein klägliches Geschöpf ich mich am Spieltisch verwandelte? Das war auch der Grund, warum ich vom Spiel nicht lassen konnte, – das ist mir jetzt ganz klar. Doch außer diesen Sorgen quälte mich noch kleinliche Eigenliebe: daß ich im Spiel verlor, erniedrigte mich auch vor anderen, vor dem Fürsten, vor Werssiloff, obgleich dieser es nicht der Mühe für wert hielt, ein Wort darüber zu verlieren, nicht einmal Tatjana Pawlowna gegenüber – so schien es mir, so empfand ich es wenigstens. Und nun zum Schluß noch ein Geständnis: dieses Leben hatte mich schon verdorben; es fiel mir bereits schwer, auf ein Mittagessen von sieben Gängen im Restaurant zu verzichten, auf meinen Schlitten, auf das englische Herrengeschäft, auf die Meinung meines französischen Coiffeurs, kurz, auf diesen ganzen Luxus. Ich war mir dessen schon damals bewußt, doch ich wollte mir darüber keine Gedanken machen; jetzt freilich, wo ich das niederschreibe, erröte ich vor mir selbst.

III.
Ich trat ein und kam in einen Haufen unbekannter Menschen, ließ mich an der Ecke des Tisches nieder und setzte nur kleine Beträge. So saß ich zwei Stunden, ohne mich zu rühren. In diesen zwei Stunden war das Spiel flau und unbelebt. Ich ließ außergewöhnliche Chancen vorbeigehen, und gab mir Mühe, mich nicht zu erhitzen, sondern durch Kaltblütigkeit und Sicherheit zu gewinnen. Das Ergebnis war, daß ich in diesen zwei Stunden schließlich weder verloren noch gewonnen hatte: von dreihundert Rubeln hatte ich im ganzen vielleicht zehn bis fünfzehn Rubel verspielt. Dieser klägliche Erfolg ärgerte mich, und außerdem war noch eine widerwärtige Geschichte dazwischengekommen. Ich wußte, daß man in diesen Spielzirkeln häufig Diebe trifft, das heißt, nicht Diebe von der Straße, sondern Diebe unter den Spielern selbst. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß der bekannte Spieler Aferdoff ein Dieb ist; er spielt sogar eine Rolle in Petersburg, und ich habe ihn noch vor kurzem in seinem Ponygespann fahren sehen, aber er ist doch ein Dieb und hat mich bestohlen! Auf diese Geschichte werde ich später zurückkommen; an dem Abend gab es erst nur ein Vorspiel dazu. Ich saß, wie gesagt, zwei Stunden an der Ecke des Tisches, und links neben mir saß die ganze Zeit ein schäbiger kleiner Stutzer, wenn ich nicht irre, ein Jüdchen; übrigens ist er irgendwo angestellt, außerdem schriftstellert er und wird sogar gedruckt. Im letzten Augenblick gewann ich ganz unerwartet noch zwanzig Rubel. Zwei rote Scheine lagen vor mir auf dem Tisch, und plötzlich sehe ich, wie dieses Jüdchen die Hand ausstreckt und ruhig den einen der beiden Scheine nimmt. Ich protestierte natürlich, er aber erklärte mir mit der unverschämtesten Sicherheit und ohne die Stimme zu erheben, daß es sein Gewinn sei, er hätte soeben gleichfalls gesetzt und gewonnen; und damit kehrte er mir den Rücken, als hätte er nicht die Absicht, das Gespräch mit mir fortzusetzen. Zum Unglück war ich in dem Augenblick in einer sonderbaren Stimmung: ich hatte gerade einen vorzüglichen Einfall gehabt, war im Begriff gewesen, aufzustehen, und da ich keine Lust hatte, mit dem Judenjüngling zu streiten, so schenkte ich ihm einfach den Roten. Übrigens wäre es auch schwierig gewesen, diesem frechen Diebe gegenüber noch mein Recht zu behaupten; denn ich hatte den Augenblick schon verpaßt: das Spiel begann bereits von neuem. Damit hatte ich nun einen sehr großen Fehler begangen, dessen Folgen sich später zeigen sollten: drei bis vier Spieler neben uns hatten unseren Wortwechsel gehört, und als sie sahen, daß ich so leicht nachgab, hielten sie wahrscheinlich mich für einen solchen Dieb. Es war gerade zwölf Uhr. Ich ging in das Nebenzimmer, dachte nach, legte mir meinen neuen Plan zurecht und kehrte wieder zurück. Beim Bankhalter wechselte ich mein Papiergeld in Halbimperiale um. Ich hatte nun ungefähr vierzig Halbimperiale in Gold. Ich teilte sie in zehn Häufchen ein und beschloß, zehnmal hintereinander auf Zero zu setzen, jedesmal vier Halbimperiale. „Gewinne ich, so ist das mein Glück, verliere ich, – um so besser; dann werde ich nie mehr spielen.“ Ich muß hier bemerken, daß in den ganzen zwei Stunden Zero noch kein einziges Mal herausgekommen war, weshalb niemand mehr auf Zero zu setzen wagte.

Ich setzte stehend, schweigend, mit gerunzelter Stirn und zusammengebissenen Zähnen. Nach meinem dritten Satz rief Serschtschikoff laut: „Zero!“ – an diesem Abend zum erstenmal. Mir wurden vierzig Halbimperiale in Gold auf den Tisch gezählt. Ich hatte nun von meinen zehn zurechtgelegten Einsätzen noch sieben, und ich setzte weiter, aber schon begann sich alles im Kreise um mich zu drehen und zu tanzen.

„Kommen Sie hierher!“ rief ich über den ganzen Tisch hin einem Spieler zu, der vorhin neben mir gesessen hatte, einem Herrn im Frack, mit grauem Schnurrbart und kupferrotem Gesicht, der mit unbeschreiblicher Geduld schon seit einigen Stunden kleine Summen setzte und Einsatz um Einsatz verlor. „Kommen Sie hierher! Hier ist Glück!“

„Meinen Sie mich?“ fragte vom anderen Ende des Tisches der alte Schnauzbart mit drohender Verwunderung.

„Ja, Sie! Dort verspielen Sie ja alles bis aufs Hemd!“

„Das ist nicht Ihre Sache, und ich bitte Sie, mich gefälligst in Ruhe zu lassen!“

Doch ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Mir gegenüber an der anderen Seite des Tisches saß ein älterer Offizier. Er sah meinen Goldhaufen an und bemerkte halblaut zu seinem Nachbar:

„Sonderbar, Zero. Nein, auf Zero zu setzen könnte ich mich nicht entschließen.“

„Entschließen Sie sich nur, Herr Oberst!“ rief ich ihm zu und setzte von neuem auf Zero.

„Ich bitte Sie, auch mich in Ruhe zu lassen und Ihre Ratschläge für sich zu behalten,“ schnitt er mir scharf das Wort ab. „Sie sind hier auffallend laut,“ fügte er noch hinzu.

„Ich gebe Ihnen ja nur einen guten Rat. Wetten wir, daß jetzt wieder Zero kommt? Hier – zehn Goldstücke! Wollen Sie wetten?“

Und ich schob ihm zehn Halbimperiale hin.

„Auf zehn Goldstücke wetten? Meinetwegen,“ sagte er trocken und streng. „Ich wette mit Ihnen, daß diesmal nicht Zero kommt.“

„Zehn Louisdor, Oberst.“

„Was soll das heißen, Louisdor?“

„Ich meine zehn Halbimperiale, Oberst, oder, wenn das besser klingt, zehn Louisdor.“

„Dann sagen Sie Halbimperiale und lassen Sie Ihre Scherze.“

Ich hoffte selbstverständlich nicht, die Wette zu gewinnen: sechsunddreißig Chancen gab es gegen eine, daß Zero nicht herauskam; ich wettete aber, um mich wichtig zu machen, um die Aufmerksamkeit aller auf mich zu lenken. Ich fühlte nur zu sehr, daß alle mich hier aus irgendeinem Grunde nicht mochten, und daß man mich dies mit besonderem Vergnügen fühlen ließ. Die Roulette drehte sich, und – wie groß war das allgemeine Erstaunen, als wieder Zero herauskam! Man schrie fast auf! Von dem Augenblick an war ich dem Rausch des Gewinners verfallen. Wieder wurden mir hundertundvierzig Halbimperiale vorgezählt. Serschtschikoff fragte mich, ob ich nicht einen Teil in Banknoten ausgezahlt haben wollte, und ich murmelte darauf etwas vollkommen Unverständliches, da ich buchstäblich nicht mehr ruhig und sachlich sprechen konnte. Mir schwindelte, und ich empfand ein Schwächegefühl in den Knien. Ich fühlte plötzlich, daß ich jetzt alles wagen würde; am liebsten hätte ich noch jemandem eine Wette angeboten oder einige tausend Rubel auf einmal gesetzt. Mechanisch scharrte ich mit der Hand die Banknoten und das Gold zusammen, konnte mich aber nicht dazu aufraffen, das Geld zu zählen. In diesem Augenblick bemerkte ich hinter mir den Fürsten und Darsan: sie waren soeben aus ihrem Hasardzirkel gekommen und hatten, wie ich später erfuhr, ihr ganzes Geld verspielt.

„Ah, Darsan,“ rief ich ihm zu, „hier ist Glück! Setzen Sie auf Zero!“

„Kann nicht, hab’ alles verspielt,“ antwortete er trocken. Der Fürst tat einfach, als bemerke und kenne er mich nicht.

„Hier ist doch Geld!“ rief ich und zeigte auf meinen Goldhaufen. „Wieviel brauchen Sie?“

„Zum Teufel!“ rief Darsan wütend und wurde feuerrot. „Ich habe Sie, glaub ich, nicht um Ihr Geld gebeten!“

„Sie werden gerufen,“ sagte neben mir Serschtschikoff und zog mich am Ärmel.

Ich war von dem Oberst, der in der Wette mit mir zehn Halbimperiale verloren hatte, schon einigemal und fast grob angerufen worden.

„Nehmen Sie es gefälligst!“ rief er ganz rot vor Zorn. „Ich bin nicht verpflichtet, auf Sie zu warten, bis Sie das Geld eingesteckt haben … Sonst sagen Sie nachher, Sie hätten es nicht bekommen. Hier ist die Summe. Zählen Sie nach.“

„Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen, Oberst, ich glaube Ihnen auch so, ohne nachzuzählen; ich bitte Sie nur, mich nicht so anzuschreien und sich nicht so zu ärgern,“ sagte ich und strich das Häufchen Gold mit der Hand zusammen.

„Mein Herr, bleiben Sie mir gefälligst mit Ihrer Familiarität vom Halse!“ schnauzte mich der Oberst scharf an. „Ich habe mit Ihnen noch nicht Schweine gehütet!“

„Sonderbar, daß man solche Menschen überhaupt zuläßt! – Wer ist das eigentlich …? Irgendein Jüngling,“ hörte ich halblaut sprechen.

Aber ich achtete nicht darauf, ich setzte blindlings weiter, jedoch nicht mehr auf Zero. Ich setzte einen ganzen Packen regenbogenfarbener Scheine auf die ersten achtzehn Nummern.

„Fahren wir, Darsan,“ hörte ich hinter mir die Stimme des Fürsten.

„Sie fahren nach Haus?“ fragte ich, indem ich mich schnell nach ihnen umwandte. „Warten Sie auf mich, wir fahren zusammen, ich mache hier Schluß!“

Mein Einsatz gewann; das brachte mir wieder eine große Summe.

„Basta!“ rief ich und begann mit zitternden Händen das Gold in meinen Taschen unterzubringen, ohne es zu zählen. Die Haufen von Banknoten knitterte ich mit den Fingern irgendwie zusammen, um sie in meine Seitentasche zu stecken. Plötzlich legte sich die dicke beringte Hand Aferdoffs, der unmittelbar neben mir saß und auch hohe Einsätze gemacht hatte, auf drei meiner regenbogenfarbenen Hundertrubelscheine und deckte sie zu.

„Erlauben Sie, die gehören nicht Ihnen,“ sagte er ernst, langsam und deutlich, doch mit weicher Stimme.

Und damit begann jenes Vorspiel, das ein paar Tage später solche Folgen nach sich ziehen sollte. Heute kann ich bei meiner Ehre schwören, daß diese drei Banknoten mir gehörten, damals aber wollte es mein Unglück, daß ich zwar glaubte, sie gehörten mir, aber leider nicht ganz fest davon überzeugt war: ein leiser Zweifel war doch noch in mir, und für einen anständigen Menschen bedeutet das alles. Und ich bin ein anständiger Mensch. Auch wußte ich damals noch nicht, daß Aferdoff ein Dieb war; ich kannte nicht einmal seinen Namen, und in dem Augenblick konnte ich wirklich glauben, daß ich mich getäuscht hätte, und diese drei Banknoten nicht zu denen gehörten, die mir soeben ausgezahlt worden waren. Ich hatte mein in Haufen liegendes Geld nicht gezählt und nur so mit den Händen zusammengescharrt. Vor Aferdoff aber hatte die ganze Zeit gleichfalls Geld gelegen, gerade neben dem meinen, nur mit dem Unterschied, daß sein Geld geordnet und gezählt war. Doch Aferdoff war hier bekannt, man hielt ihn für reich und benahm sich ihm gegenüber mit Ehrerbietung: das beeinflußte nun auch mein Verhalten, und ich protestierte wieder nicht. Es war ein großer Fehler von mir! Die größte Schweinerei aber bestand darin, daß ich von Spiel und Gewinn so berauscht war.

„Es tut mir sehr leid, daß ich das nicht genau weiß, aber es scheint mir durchaus mein Geld zu sein,“ sagte ich, und meine Lippen zitterten vor Unwillen. Diese Worte riefen sofort allgemeines Murren hervor.

„Um so etwas zu behaupten, muß man es ganz genau wissen, Sie aber sagen ja selbst, daß Sie es nicht genau wissen,“ bemerkte Aferdoff in unerträglich herablassendem Ton.

„Wer ist das eigentlich? Wie darf er sich so etwas erlauben?“ hörte man rufen.

„Das passiert ihm nicht zum erstenmal; vorhin hatte er mit Rechberg auch so eine Geschichte wegen eines Zehnrubelscheins,“ ließ sich eine gemeine Stimme neben mir vernehmen.

„Schon gut, schon gut!“ rief ich, „ich sage ja nichts, nehmen Sie sie nur! Fürst … wo sind denn der Fürst und Darsan geblieben? Sind sie fortgegangen? Meine Herren, haben Sie nicht gesehen, wohin der Fürst und Darsan gegangen sind?“ Und nachdem es mir endlich gelungen war, mein ganzes Geld in meinen Taschen unterzubringen – ein paar Goldstücke behielt ich noch in der Hand –, eilte ich Darsan und dem Fürsten nach. Der Leser dürfte daraus wohl ersehen, daß ich mich nicht schone und in diesem Augenblick mit jeder häßlichen Einzelheit selbst zeichne, damit man verstehe, was daraus folgte.

Der Fürst und Darsan gingen bereits die Treppe hinunter, ohne mein Rufen auch nur im geringsten zu beachten. Ich hätte sie beinahe eingeholt, doch hielt ich mich einen Augenblick beim Portier auf, um ihm, weiß der Teufel warum, die drei Goldstücke in die Hand zu drücken; er sah mich nur verwundert an und dankte mir nicht einmal. Aber das war mir gleichgültig – und wenn mein Kutscher dagewesen wäre, so hätte ich ihm sicher eine ganze Hand voll Gold gegeben; ja, ich glaube, ich wollte es auch schon tun, aber als ich auf die Vorfahrt hinaustrat, fiel mir ein, daß ich ihn vorhin fortgeschickt hatte. In dem Augenblick fuhr der Traber des Fürsten vor, und er stieg in den Schlitten.

„Ich fahre mit, Fürst, ich komme zu Ihnen!“ rief ich und schlug die Schlittendecke zurück, um gleichfalls einzusteigen; doch statt meiner sprang plötzlich Darsan in den Schlitten, und der Kutscher riß mir die Decke aus der Hand und deckte die Herren zu.

„Zum Teufel!“ schrie ich außer mir. Es war ja, als hätte ich wie ein Diener für Darsan die Decke gehalten!

„Nach Haus!“ rief der Fürst dem Kutscher zu.

„Halt!“ brüllte ich und klammerte mich an den Schlitten, doch das Pferd zog an, und ich fiel in den Schnee. Mir schien, daß sie beide lachten. Ich sprang auf und nahm den nächsten vorbeifahrenden Schlitten. Ich trieb den Kutscher zur größten Schnelligkeit an und jagte nach dem Hause des Fürsten.

IV.
Aber wie zum Trotz kam der Gaul kaum vom Fleck, obgleich ich dem Kutscher einen ganzen Rubel Trinkgeld versprach, und der Gaul von ihm für mindestens einen Rubel Peitschenhiebe bekam. Mein Herz drohte stillezustehen. Ich wollte dem Kutscher etwas sagen, aber ich konnte noch kein vernünftiges Wort hervorbringen. In diesem Zustande stürzte ich in das Zimmer des Fürsten, der kurz vor mir angekommen war. Er hatte Darsan nach Hause gebracht und war allein. Bleich und erregt schritt er im Kabinett auf und ab. Wie gesagt: er hatte furchtbar viel verloren. Er sah mich mit einer sonderbar zerstreuten Verwunderung an.

„Sind Sie schon wieder da?“ stieß er unmutig hervor, und sein Gesicht verfinsterte sich.

„Ja, – um mit Ihnen zu einem Ende zu kommen, mein Herr!“ sagte ich atemlos. „Wie konnten Sie sich unterstehen, sich so gegen mich zu benehmen?“

Er sah mich fragend an.

„Wenn Sie die Absicht hatten, mit Darsan zu fahren, so hätten Sie mir sagen sollen, daß Sie mit ihm fahren wollten. Sie aber gaben nur dem Kutscher den Befehl, und ich …“

„Ach ja, Sie fielen, glaub ich, in den Schnee!“ Und er lachte mir ins Gesicht.

„Darauf antwortet man mit einer Forderung! Deshalb will ich mit Ihnen zuerst – abrechnen.“

Und ich holte mit zitternden Händen mein Geld hervor und legte es auf den Diwan, auf ein Marmortischchen, auf ein offenes Buch, legte es in Haufen hin, handvollweise, in Gold und Banknoten; einige Goldstücke rollten auf den Teppich.

„Ach richtig, Sie haben ja gewonnen. Deshalb! Das merkt man an Ihrem Ton!“

Noch nie hatte er so unverschämt zu mir gesprochen. Ich fühlte, wie ich erbleichte.

„Da … ich weiß nicht, wieviel das ist … man müßte es zählen. Ich schulde Ihnen an dreitausend … oder wieviel …? War es mehr oder weniger?“

„Ich habe Sie meines Wissens nicht ersucht, mir dieses Geld zurückzugeben.“

„Nein, es ist mein eigener Wunsch, und Sie wissen, warum. Hier, dieses Paket Banknoten enthält tausend Rubel,“ fuhr ich fort, und begann mit zitternden Fingern die Scheine zu zählen, gab es aber auf. „Einerlei, ich weiß ja doch, daß es tausend Rubel sind. Nun, diese Tausend behalte ich für mich, das übrige, diesen Haufen da, nehmen Sie, zur Begleichung meiner Schuld, das heißt, als Teil meiner Schuld: es müssen, denke ich, an zweitausend sein oder vielleicht auch mehr.“

„Aber ein Tausend behalten Sie doch für sich?“ bemerkte der Fürst mit höhnischem Lächeln.

„Brauchen Sie es denn? In dem Falle … ich wollte … ich dachte, Sie wünschten es nicht … doch, wenn Sie es brauchen, so …“

„Nein, ich brauche es nicht, behalten Sie’s nur!“ Er wandte mir mit Verachtung den Rücken und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten. „Und der Teufel weiß, wie Sie überhaupt darauf kommen, mir das Geld zurückzugeben?“ Er drehte sich plötzlich wieder zu mir um und sah mich mit brutaler Herausforderung an.

„Ich gebe es Ihnen zurück, weil ich Sie zur Rechenschaft ziehen will!“ fuhr ich nun meinerseits wütend auf.

„Scheren Sie sich zum Teufel mit Ihren großartigen Worten und Gesten!“ schrie er mich plötzlich an und stampfte mit dem Fuß wie außer sich. „Ich wollte Sie beide schon lange hinauswerfen: Sie und Ihren Werssiloff!“

„Sie sind wohl wahnsinnig!“ rief ich; denn er sah wirklich danach aus.

„Sie haben mich fast zu Tode gequält mit Ihren großartigen Phrasen: jawohl, Phrasen, nichts als Phrasen! Über die Ehre zum Beispiel! Pfui Teufel! Schon lange wollte ich damit ein Ende machen! Ich freue mich, ich freue mich, daß endlich der Augenblick gekommen ist. Ich hielt mich für gebunden und schämte mich, daß ich Sie beide empfangen mußte … Sie beide! Aber jetzt halte ich mich durch nichts mehr für gebunden, durch nichts, durch nichts, haben Sie verstanden?! Ihr Werssiloff hat mich aufgehetzt, die Achmakoff bloßzustellen. Und nach alledem wagen Sie noch, Sie und Werssiloff, mir von Ehre zu sprechen! Sie, die selbst ehrlos sind … alle beide, alle beide! Haben Sie sich denn etwa geschämt, von mir Geld anzunehmen?“

Es wurde mir dunkel vor den Augen.

„Ich nahm es von Ihnen als Freund,“ begann ich furchtbar leise. „Sie haben es mir doch selbst angeboten, und ich glaubte an Ihre Zuneigung …“

„Ich bin nicht ‚Freund‘ so eines Menschen wie Sie! Ich habe Ihnen Geld gegeben, aber doch nicht aus dem Grunde! Sie wissen ja selbst, warum ich es Ihnen gegeben habe …“

„Ich habe es auf Werssiloffs Konto genommen; freilich, das war dumm von mir, aber ich …“

„Sie konnten es nicht auf Werssiloffs Konto nehmen, ohne seine Erlaubnis, und ich hätte Ihnen sein Geld auch gar nicht ohne seine Erlaubnis geben dürfen … Ich habe Ihnen mein Geld gegeben, und das wußten Sie; Sie wußten das und nahmen das Geld doch, und ich habe diese ganze verhaßte Komödie in meinem Hause ertragen müssen …“

„Was soll ich gewußt haben? Welche Komödie? Wofür haben Sie mir denn das Geld gegeben?“

„Pour vos beaux yeux, mon cousin!“[49] lachte er mir gerade ins Gesicht.

„Teufel!“ brüllte ich. „Nehmen Sie doch alles, hier! – Da ist auch dieses Tausend noch! So, jetzt sind wir quitt, und morgen …“

Und ich schleuderte ihm das Paket mit den Hundertrubelscheinen zu, die ich für mich hatte zurückbehalten wollen. Das Paket traf seine Weste und fiel zu Boden. Er trat schnell mit drei großen Schritten schnurstracks und drohend an mich heran.

„Wagen Sie zu behaupten,“ sagte er in tierischer Wut, jede Silbe scharf hervorstoßend, „daß Sie den ganzen Monat das Geld von mir genommen hätten, ohne zu wissen, daß Ihre Schwester von mir schwanger ist?“

„Wie? Was!“ schrie ich auf, und plötzlich wurden mir die Füße so schwach, daß ich kraftlos auf den Diwan sank. Er selbst hat mir später gesagt, ich sei so weiß geworden wie ein Handtuch. Mein Verstand wurde irr. Ich weiß noch, wir sahen einander lange schweigend in die Augen, und ich sah, wie ein Schrecken auf einmal über sein Gesicht lief; er beugte sich plötzlich vor und faßte mich an den Schultern, um mich zu halten. Ich sehe noch heute sein erstarrtes Lächeln: es lag Mißtrauen in ihm und Verwunderung. Ja, er hatte nicht erwartet, daß seine Worte einen solchen Eindruck auf mich machen würden, da er von meiner Schuld fest überzeugt war.

Ich wurde ohnmächtig, aber nur für einen Augenblick; ich kam gleich wieder zu mir, richtete mich auf, sah ihn an und versuchte, meine Gedanken zu sammeln – und plötzlich offenbarte sich mir die ganze Furchtbarkeit der Wahrheit, und ich erwachte gleichsam aus einem langen Schlaf! Hätte man mir das früher gesagt und mich gefragt, was ich in dem Falle täte, ich hätte wahrscheinlich geantwortet, daß ich diesen Menschen in Stücke zerreißen würde. Doch es geschah etwas ganz anderes, ganz gegen meinen Willen: ich schlug auf einmal meine Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus. Ich weinte bitterlich. Das geschah so ganz von selbst. In dem jungen Menschen kam plötzlich das Kind zum Vorschein. Dieses kleine Kind beherrschte damals noch reichlich die Hälfte meiner Seele. Ich warf mich auf den Diwan und schluchzte. „Lisa! Lisa! Arme, unglückliche Lisa!“ Da glaubte mir der Fürst auf einmal alles.

„Mein Gott, wie habe ich Ihnen unrecht getan!“ rief er mit tiefem Schmerz. „Oh, wie niedrig habe ich von Ihnen gedacht in meinem Mißtrauen … Können Sie mir verzeihen, Arkadi Makarowitsch!“

Ich sprang plötzlich auf, wollte ihm etwas sagen, trat auch auf ihn zu, brachte aber kein Wort hervor – und stürzte aus dem Zimmer, aus dem Hause. Ich weiß, daß ich zu Fuß heimging, aber ich erinnere mich nicht mehr, wie ich nach Hause kam. Ich warf mich auf mein Bett, grub mein Gesicht in das Kissen, und so verharrte ich in der Dunkelheit und grübelte, grübelte. In solchen Augenblicken denkt man nie vernünftig und folgerichtig. Mein Verstand und meine Phantasie waren wie abgerissene Fäden, und ich erinnere mich noch, daß mir Gott weiß was für ganz nebensächliche Dinge durch den Kopf gingen. Aber Kummer und Leid traten wieder mit Schmerz und dumpfem Weh in mein Bewußtsein, und ich rang die Hände und rief: „Lisa, Lisa!“ und brach wieder in Tränen aus. Ich weiß nicht mehr, wie ich einschlief, aber ich schlief fest und süß.

Siebentes Kapitel.
I.
Ich erwachte am nächsten Morgen gegen acht Uhr, schloß schnell meine Tür zu, setzte mich ans Fenster und grübelte vor mich hin. So saß ich fast ganze zwei Stunden. Die Magd hatte inzwischen schon zweimal an meine Tür geklopft, doch ich hatte sie fortgeschickt. Schließlich, die Uhr ging schon auf elf, wurde zum drittenmal an meine Tür geklopft. Ich wollte schon wütend hinausrufen, man solle mich nicht stören, aber diesmal war es Lisa. Mit ihr trat auch die Magd herein, die mir meinen Kaffee brachte und dann den Ofen anzuheizen begann. Sie fortzuschicken war nicht möglich: die ganze Zeit, während diese saumselige Fjokla das Holz in den Ofen legte und schließlich das Feuer anblies, ging ich mit großen Schritten in meinem kleinen Zimmer auf und ab. Ich begann absichtlich kein Gespräch und gab mir Mühe, Lisa nicht anzusehen. Die Magd verrichtete ihre Arbeit mit einer unbeschreiblichen Langsamkeit, und zwar absichtlich, wie das alle Mägde tun, wenn sie bemerken, daß die Herrschaft etwas besprechen will, was die Dienstboten nicht hören sollen. Lisa hatte sich auf den Stuhl am Fenster hingesetzt und schien mich zu beobachten.

„Dein Kaffee wird kalt,“ sagte sie auf einmal.

Ich sah sie an: nicht die geringste Verlegenheit war in ihrem vollkommen ruhigen Gesicht, auf den Lippen sogar ein Lächeln.

„Nein, diese Weiber!“ entfuhr es mir unwillkürlich, und ich zuckte die Achseln.

Endlich war die Magd mit dem Anheizen des Ofens fertig und wollte nun auch noch das Zimmer aufräumen, aber jetzt schickte ich sie doch wütend hinaus und konnte endlich die Tür hinter ihr zuschließen.

„Warum hast du die Tür wieder verschlossen?“ fragte Lisa.

Ich trat auf sie zu und blieb vor ihr stehen.

„Lisa, hätte ich das jemals denken können, daß du mich so betrügen würdest!“ rief ich plötzlich aus, ohne überhaupt daran gedacht zu haben, daß ich so anfangen würde; und diesmal kamen mir nicht Tränen in die Augen, sondern ein so böses Gefühl stach mir auf einmal ins Herz, daß ich selbst ganz verwundert darüber war.

Lisa wurde rot, erwiderte aber nichts; sie fuhr nur fort, mir gerade in die Augen zu sehen.

„Warte, Lisa, warte, – oh, wie war ich dumm! Aber lag es denn an mir? Alle diese Andeutungen sind doch erst gestern so zusammengetroffen, bis dahin aber – wie hätte ich denn etwas erraten können? Etwa daraus, daß du die Stolbejeff besuchtest und diese … Darja Onissimowna? Aber ich habe dich für eine Sonne gehalten, Lisa, und wie hätte mir so was überhaupt in den Sinn kommen sollen? Weißt du noch, wie ich dich damals, vor zwei Monaten, dort bei ihm im Nebenzimmer sah, und wie wir dann in der Sonne gingen und froh waren … War es – damals schon? War es schon?“

Sie antwortete mit einem bejahenden Nicken.

„So hast du mich schon damals betrogen! Da war nicht meine Dummheit der Grund meines Nichtverstehens, Lisa, sondern eher mein Egoismus. Oder nein: die Ursache war bestimmt nicht meine Dummheit, wohl aber bestimmt der Egoismus meines Herzens und … und vielleicht auch mein Glaube an eine Heiligkeit. Oh, ich habe immer geglaubt, ihr ständet alle hoch über mir, – und nun …! Gestern aber, an diesem einzigen kurzen Tage, hatte ich ja gar keine Zeit, mir das alles zu erklären, trotz der verschiedenen Anspielungen … Es waren ganz andere Dinge, die mich gestern beschäftigten!“

Da mußte ich auf einmal an Katerina Nikolajewna denken, und wieder stach mich etwas wie mit einer Nadel schmerzhaft ins Herz, und ich wurde bis über die Ohren rot. Natürlich konnte ich in einem solchen Augenblick nicht gut zu ihr sein.

„Aber weshalb rechtfertigst du dich? Mir scheint, Arkadi, daß du dich rechtfertigen willst. So sag mir doch, weswegen denn eigentlich?“ fragte Lisa leise und sanft, aber dennoch mit sehr fester und sicherer Stimme.

„Weswegen?! Ja, aber was soll ich jetzt tun? – nehmen wir nur diese eine Frage! Und du fragst noch ‚weswegen eigentlich?‘ Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll! Ich weiß nicht, wie Brüder in solchen Fällen vorgehen … Ich weiß, daß man sie mit der Pistole in der Hand zur Heirat zwingt … Ich werde vorgehen, wie ein anständiger Mensch in solchem Fall vorgehen muß! Aber da weiß ich nun wieder nicht einmal, wie ein anständiger Mensch unter diesen Umständen vorgehen soll …! Und warum ich das nicht weiß? Weil wir – keine Aristokraten sind, er aber ist ein Fürst und will seine Karriere in seinem Kreise machen; er wird uns ja überhaupt nicht anhören! Wir sind ja nicht einmal Geschwister, sind irgend so welche ‚Außereheliche‘, ohne Familie, Kinder eines leibeigenen Hofknechtes; seit wann vermählen sich denn Fürsten mit dem Hofgesinde? Oh, der Ekel! Und zum Überfluß sitzt du da und wunderst dich noch über mich!“

„Ich glaube dir, daß du dich quälst,“ sagte Lisa und errötete wieder, „aber du übereilst dich und quälst dich selbst.“

„Ich übereile mich? Ja, meinst du denn, daß ich mich noch nicht genug – verspätet habe? Für dich bin ich wohl noch zu früh dahinter gekommen! Wie kannst du, Lisa, gerade du mir das sagen?“ rief ich schließlich in hellem Zorn. „Und wieviel Schmach ich deshalb erduldet habe! Oh, ich kann mir denken, wie dieser Fürst mich hat verachten müssen! Mir ist ja jetzt alles klar! Dieses ganze Bild steht jetzt deutlich vor mir: er hat wirklich geglaubt, daß ich um sein Verhältnis mit dir wußte, jedoch absichtlich dazu schwieg oder gar die Nase hochtrug und auf die Beziehung meiner Schwester zu einem Fürsten noch ‚stolz‘ war – selbst das hätte er von mir denken können! Und daß ich mir für meine Schwester, für die Schande meiner Schwester von ihm Geld geben ließ! Das hat ihm selbstverständlich Ekel eingeflößt, und ich finde es auch durchaus gerechtfertigt. Jeden Tag den Schuft sehen und empfangen müssen, bloß, weil er ihr Bruder ist, und der redet ihm dann noch von Ehre vor …! das hält kein Herz aus, selbst ein Herz wie seines nicht! Und du hast das alles zugelassen, du hast mir nicht die Augen geöffnet! Er hat mich dermaßen verachtet, daß er sogar einem Stebelkoff alles von mir erzählt hat, und gestern sagte er mir selbst, er hätte mich schon zusammen mit Werssiloff hinauswerfen wollen. Und dieser Stebelkoff! ‚Anna Andrejewna ist doch genau so Ihre Schwester wie Lisaweta Makarowna,‘ und dann schreit er mir noch nach: ‚Mein Geld ist besser!‘ Und ich, ich lümmele mich frech auf seinem Diwan, ich behandle seine Bekannten wie ein Gleichstehender und dränge mich ihnen auf, – der Teufel hole sie allesamt! Und du hast das zugelassen! Auch Darsan weiß es wohl schon, wenigstens nach seinem Ton gestern abend zu urteilen … Alle, alle haben es schon gewußt, nur ich nicht …!“

„Niemand weiß etwas, er hat es keinem von seinen Bekannten erzählt und gar nicht erzählen können,“ unterbrach mich Lisa. „Von diesem Stebelkoff weiß ich nur, daß er ihn quält, und daß Stebelkoff höchstens etwas erraten haben kann … Was aber dich betrifft, so habe ich ihm mehrmals gesagt, und er hat es mir auch aufs Wort geglaubt, daß du nichts weißt, nur verstehe ich nicht, warum und wie es gestern zwischen euch zur Sprache gekommen ist …“

„Oh, zum Glück habe ich ihm gestern meine Schuld zurückgezahlt, so habe ich doch wenigstens diese Qual vom Halse! Lisa, weiß Mama es schon? Übrigens, was frage ich noch, selbstverständlich weiß sie es! – gestern, gestern, wie sie sich da gegen mich erhob …! Ach, Lisa! Ja, hältst du dich denn wirklich für vollkommen im Recht, glaubst du denn wirklich, daß dich nicht die geringste Schuld trifft? Klagst du dich denn gar nicht an? Ich weiß nicht, wie man heutzutage darüber urteilt, und welcher Ansicht du bist, ich meine, soweit das mich angeht, deine Mutter, deinen Bruder, deinen Vater … Weiß Werssiloff es schon?“

„Mama hat ihm nichts gesagt, und er fragt nicht; wahrscheinlich will er nicht fragen.“

„Er weiß es natürlich, aber er will es nicht wissen, das ist schon so, das sieht ihm ähnlich! Nun gut, du lachst vielleicht über die Rolle des Bruders, über den dummen Bruder, wenn er von Pistolen spricht, aber deine Mutter, deine Mutter! Hast du denn wirklich nicht daran gedacht, Lisa, daß das für Mama ein Vorwurf ist? Ich habe mich die ganze Nacht damit gequält. Mamas erster Gedanke muß doch jetzt sein: ‚Das ist deshalb geschehen, weil auch ich mich vergessen habe, und wie die Mutter, so die Tochter!‘“

„Oh, wie gehässig und grausam du das sagst!“ rief Lisa, und Tränen traten ihr in die Augen; sie stand auf und ging schnell zur Tür.

„Bleib, bleib, Lisa!“ rief ich und hielt sie zurück, legte den Arm um sie, führte sie wieder zu ihrem Platz und setzte mich neben sie, ohne meinen Arm fortzunehmen.

„Ich dachte mir schon, als ich herkam, daß alles so kommen würde, und daß du bestimmt verlangen würdest, ich solle mich selbst anklagen … Nun gut, ich klage mich an. Nur aus Stolz habe ich soeben geschwiegen und nichts gesagt, aber ihr und Mama tut mir viel mehr leid, als ich mir selber leid tue …“

Sie stockte, und plötzlich brach sie in heiße Tränen aus.

„Laß gut sein, Lisa, weine nicht, das ist nicht nötig, durchaus nicht nötig. Ich bin nicht dein Richter, Lisa. Aber, Mama, – sag, weiß sie es schon lange?“

„Ich glaube, ja; ich habe es ihr selbst erst vor kurzem gesagt, als – das geschah,“ sagte sie leise, mit niedergeschlagenen Augen.

„Und was sagte sie?“

„Sie sagte: ‚Trag es!‘“ sprach Lisa noch leiser vor sich hin.

„Ach, Lisa, ja, ‚trag es!‘ Tu dir nicht irgend etwas an, Gott behüte dich davor!“

„Nein, ich werde mir nichts antun,“ antwortete sie fest und sah mich wieder an. „Du kannst ganz ruhig sein,“ fügte sie hinzu, „darum handelt es sich gar nicht.“ „Lisa, Liebste, ich sehe nur, daß ich hiervon gar nichts verstehe, aber dafür ist mir erst jetzt zu Bewußtsein gekommen, wie ich dich liebe. Nur eins verstehe ich ganz und gar nicht, Lisa: es ist mir ja sonst alles klar, aber nur das begreife ich nicht, warum du dich denn in ihn verliebt hast? Wie konntest du dich in so einen verlieben? Das ist die Frage!“

„Und wahrscheinlich hast du dich auch mit dieser Frage die ganze Nacht gequält?“ sagte Lisa mit einem stillen Lächeln.

„Warte, Lisa, nein, das war eine dumme Frage, und du lachst über mich. Lach nur, aber es ist doch ganz unmöglich, sich nicht darüber zu wundern: du und er – ihr seid doch solche Gegensätze! Ich kenne ihn jetzt, ich habe ihn studiert: er ist finster, mißtrauisch, vielleicht im Grunde ein guter Mensch, aber dafür ist er im höchsten Grade geneigt, in allem Schlechtes zu sehen (darin ist er übrigens ganz wie ich!). Er liebt das Edle und Adlige leidenschaftlich, das gebe ich zu, das sehe ich, aber ich glaube, er liebt es doch nur von ferne, so als Ideal. Oh, er ist auch zur Reue bereit, er schwört sein ganzes Leben lang unaufhörlich, sich zu bessern, und er bereut wirklich aufrichtig, aber er bessert sich nie; übrigens ist das vielleicht auch ein Zug, den er mit mir teilt. Er hat tausend Vorurteile und falsche Meinungen – und dabei überhaupt keine Meinung. Er sucht eine große Heldentat und gibt sich dabei mit schmutzigen Kleinigkeiten ab. Verzeih, Lisa, ich bin übrigens ein Esel: indem ich das sage, kränke ich dich, und ich weiß das, ich verstehe das ja …“

„Das Bild könnte richtig sein,“ sagte Lisa lächelnd, „aber du bist jetzt nur meinetwegen gar zu böse auf ihn, und deshalb ist eigentlich doch nichts richtig. Er ist dir gegenüber von Anfang an mißtrauisch gewesen, deshalb hast du ihn überhaupt nicht richtig kennen lernen können; zu mir aber war er schon in Luga … Er sieht ja überhaupt nur mich, seitdem er mich in Luga kennen gelernt hat! Ja, er ist mißtrauisch und krankhaft – ohne mich wäre er wahnsinnig geworden … Und wenn er mich verlassen sollte, wird er bestimmt wahnsinnig werden oder sich erschießen. Ich glaube, das hat er jetzt eingesehen und weiß es,“ sagte Lisa wie zu sich selbst und in Gedanken verloren vor sich hin. „Ja, er ist fortwährend schwach, aber gerade diese Schwachen sind manchmal auch zu einer außergewöhnlich starken Tat fähig … Was du da von der Pistole sagtest, Arkadi, das paßt gar nicht hierher, das ist gar nicht nötig – ich weiß selbst ganz genau, was geschehen wird. Nicht ich laufe ihm nach, sondern er läuft mir nach. Mama weint und sagt: ‚Wenn du ihn heiratest, wirst du unglücklich werden, er wird dann aufhören, dich zu lieben.‘ Das glaube ich aber nicht; unglücklich werde ich vielleicht werden, aber mich zu lieben wird er doch nicht aufhören. Das war nicht der Grund, weshalb ich ihm so lange nicht mein Jawort gegeben habe. Er bittet mich schon zwei Monate darum, nur habe ich immer nicht eingewilligt; erst heute habe ich ihm gesagt: Ja, ich heirate dich. Arkascha, weißt du, gestern ist er“ – ihre Augen strahlten, und sie schlang auf einmal beide Arme um meinen Hals –, „gestern ist er zu Anna Andrejewna gefahren und hat ihr ganz ehrlich und mit aller Offenheit gesagt, daß er sie nicht lieben kann … Ja, er hat ihr alles erklärt, und diese Sache ist jetzt für immer abgetan! Er hat sich ja an diesem Plan auch nie beteiligt, das hat alles der alte Fürst Nikolai Iwanowitsch ausgeheckt, und diese seine Quälgeister haben ihn noch obendrein dazu bewegen wollen, dieser Stebelkoff und noch ein anderer … Sieh, und dafür habe ich ihm heute mein Jawort gegeben. Lieber, lieber Arkadi, er bittet dich sehr, zu ihm zu kommen, und du sollst das nicht übelnehmen, was gestern vorgefallen ist: er ist heute nicht ganz wohl und wird den ganzen Tag zu Hause bleiben. Er ist wirklich krank, Arkadi, glaube nicht, daß das eine Ausrede ist. Er hat mich auch nur deshalb hergeschickt und mich gebeten, dir zu sagen, daß er ‚deiner bedarf‘, und daß er dir viel zu sagen hat, hier aber in dieser Wohnung würde das nicht gut gehen. Nun, lebe wohl! Ach, Arkadi, ich schäme mich, es dir zu sagen, aber auf dem Wege hierher habe ich solche Angst gehabt, du könntest mich jetzt nicht mehr lieben, ich bekreuzte mich unterwegs immer wieder, du aber – du bist so gut, so lieb! Das werde ich dir nie vergessen! Ich muß jetzt zu Mama. Und du – versuch, ihn wenigstens ein bißchen liebzugewinnen, willst du?“

Ich umfing sie innig und sagte:

„Lisa, ich glaube, du bist ein starker Charakter. Ja, und ich glaube dir auch, daß nicht du ihm nachläufst, sondern er dir, aber trotzdem begreife ich nicht …“

„‚Warum du dich in ihn verliebt hast – das ist die Frage!‘“ fiel mir Lisa plötzlich ins Wort, mit einem kleinen schelmischen Lachen wie früher, und dies letzte: „Das ist die Frage!“ sagte sie genau so wie ich, und dabei hob sie auch den Zeigefinger vor die Stirn, ganz so wie ich es bei diesem Satz zu tun pflege.

Wir küßten uns zum Abschied, aber als sie hinausgegangen war, krampfte sich mir doch wieder das Herz zusammen.

II.
Zunächst eine Anmerkung nur für mich: es gab Augenblicke, nachdem Lisa mich verlassen hatte, in denen mir die überraschendsten Gedanken, und zwar gleich in ganzen Scharen, in den Kopf kamen, und ich sogar sehr zufrieden mit ihnen war. „Ja, aber weshalb rege ich mich denn auf,“ dachte ich unter anderem, „was geht das schließlich mich an? So ist es doch bei allen oder wenigstens ähnlich! Und was hat denn das auf sich, daß Lisa dies passiert ist? Bin ich etwa verpflichtet, die ‚Familienehre‘ zu retten?“ Ich erwähne hier alle diese Einzelheiten, um zu zeigen, wie wenig ich damals noch in meinen Begriffen von Gut und Böse gefestigt war. Nur das Gefühl rettete mich: ich wußte, daß Lisa unglücklich war, daß Mama unglücklich war, ich wußte das, weil ich es fühlte, wenn ich an sie dachte, – und deshalb fühlte ich auch, daß alles das, was da geschehen war, unmöglich gut sein konnte.

Jetzt muß ich vorausschicken, daß die Ereignisse von diesem Tage an bis zu der Katastrophe meiner Erkrankung mit solcher Schnelligkeit einander folgten, daß ich mich nun selbst wundere, wenn ich daran zurückdenke, wie ich ihnen habe standhalten können und nicht vom Schicksal erdrückt worden bin. Sie entkräfteten meinen Verstand und selbst meine Gefühle, und wenn ich zu guter Letzt doch nicht standgehalten und ein Verbrechen begangen hätte – (und ich war wirklich schon nahe daran), so ist es sehr wohl möglich, daß ich von den Geschworenen später freigesprochen worden wäre. Aber ich will mich bemühen, alles in möglichster Ordnung wiederzugeben, obschon meine Gedanken damals sehr wenig geordnet waren. Die Ereignisse stürmten mit solcher Wucht gegen mich an, daß sie meine Gedanken wie dürres Laub im Herbst durcheinanderwirbelten. Und da ich ganz aus fremden Gedanken bestand, wo sollte ich da plötzlich eigene hernehmen, als ich sie auf einmal zu einem selbständigen Entschluß brauchte? Einen Führer oder Berater hatte ich ja nicht.

Zum Fürsten beschloß ich erst am Abend zu gehen, um mich mit ihm über alles auszusprechen; bis dahin aber wollte ich zu Hause bleiben. Es begann bereits zu dämmern, als die Stadtpost mir wieder einen Brief von Stebelkoff brachte: es waren nur drei Zeilen mit der dringenden und „beschwörenden“ Bitte, am nächsten Tage um elf Uhr bei ihm vorzusprechen, „wegen einer Sache von höchster Wichtigkeit, was Sie selbst einsehen werden“. Ich überlegte und beschloß, je nach den Umständen zu handeln; denn bis dahin war ja noch viel Zeit.

Es war inzwischen acht Uhr geworden; ich wäre schon längst zum Fürsten gegangen, wenn ich nicht die ganze Zeit auf Werssiloff gewartet hätte: ich hatte das Bedürfnis, ihm vieles zu sagen. Mein Herz brannte. Aber Werssiloff war nicht gekommen und kam nicht. Bei Mama und bei Lisa wollte ich mich vorläufig noch nicht zeigen, und eine Ahnung sagte mir, daß auch Werssiloff diesen ganzen Tag über nicht zu Hause war. Schließlich machte ich mich auf und ging zu Fuß zum Fürsten, aber unterwegs kam mir der Gedanke, doch in das Kellerrestaurant am Kanal, wohin Werssiloff mich gestern geführt hatte, hineinzusehen. Und richtig, er saß da auf demselben Platz, auf dem er am Abend vorher gesessen hatte.

„Ich habe mir schon gedacht, daß du hierherkommen würdest,“ sagte er mit einem eigentümlichen Lächeln und einem sonderbaren Blick auf mich.

Es war kein gutes Lächeln; es war ein Lächeln, wie ich es in seinem Gesicht schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Ich setzte mich an den Tisch und erzählte ihm zunächst die Tatsache vom Fürsten und Lisa, und dann den ganzen Auftritt, zu dem es in der Nacht zwischen mir und dem Fürsten nach der Roulette gekommen war; ich vergaß auch nicht, meinen großen Gewinn zu erwähnen. Er hörte sehr aufmerksam zu und fragte noch einmal nach dem Entschluß des Fürsten, Lisa zu heiraten.

„Pauvre enfant,[50] vielleicht wird sie dadurch nichts gewinnen. Aber vermutlich wird es nicht dazu kommen … obschon er fähig wäre …“

„Sagen Sie mir wie einem Freunde: Sie haben das doch gewußt, haben es doch geahnt?“

„Mein Freund, was konnte ich denn dabei tun? Das alles ist – eine Sache des Gefühls und eines fremden Gewissens …, wenn auch dieses armen Mädchens. Ich sage dir nochmals: ich habe mich seinerzeit zur Genüge in fremde Gewissen eingedrängt, – es ist das die undankbarste Beschäftigung! Im Unglück werde ich meine Hilfe nicht versagen, soweit ich helfen kann, und wenn man mir nur sagt, wie. Und du, mein Lieber, du hast also wirklich die ganze Zeit nichts geahnt?“

„Wie konnten Sie,“ rief ich in plötzlich aufloderndem Zorn, „wie konnten Sie, wenn Sie auch nur ein Atom von einem Verdacht hatten, ich wüßte um Lisas Verhältnis mit dem Fürsten, und da Sie doch sahen, daß ich von ihm Geld annahm, – wie konnten Sie da noch mit mir sprechen, mit mir verkehren, mir die Hand reichen, – mir, den Sie doch für einen Schuft halten mußten! Denn ich könnte wetten, daß Sie bestimmt vermutet haben, ich wüßte alles und nähme das Geld vom Fürsten wissentlich für meine Schwester!“

„Das war – wiederum eine Gewissenssache,“ sagte er lächelnd. „Und woher weißt du denn,“ fügte er deutlich und mit einem geradezu rätselhaften Empfinden hinzu, „woher weißt du, ob nicht auch ich, ganz wie du, gestern, in einem anderen Fall, – ob nicht auch ich gefürchtet habe, mein ‚Ideal‘ zu verlieren und statt meines heißblütigen und ehrlichen Jungen einen nichtswürdigen Bengel vor mir zu sehen? In dieser Befürchtung schob ich den Augenblick hinaus. Warum sollte man in mir nicht statt Faulheit und Hinterlist etwas Unschuldigeres, nun, meinetwegen auch Dümmeres, aber doch etwas Edleres voraussetzen dürfen? Que diable![38] Ich bin gar zu oft dumm, auch ohne edleren Grund. Was wärst du dann noch für mich gewesen, wenn du schon solche Anlagen gehabt hättest? Durch Zureden bessern wollen ist in solchen Fällen ein klägliches Verfahren; in meinen Augen würdest du doch jeden Wert verloren haben, auch wenn du dich gebessert hättest …“

„Aber Lisa tut Ihnen doch leid, sie tut Ihnen doch leid?“

„Sehr leid, mein Lieber. Wie kommst du darauf, mich für so gefühllos zu halten …? Im Gegenteil, ich werde mich nach Kräften bemühen … Nun, und wie steht es mit dir, wie stehen deine Angelegenheiten?“

„Sprechen Sie nicht davon; ich denke jetzt nicht an meine Angelegenheiten. Aber sagen Sie, warum zweifeln Sie daran, daß er sie heiraten wird? Er ist gestern bei Anna Andrejewna gewesen und hat sich endgültig losgesagt … von, Sie wissen schon, von diesem dummen Einfall des alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch – sie zu verkuppeln. Er hat sich endgültig davon losgesagt.“

„So? Wann war er denn bei ihr? Und von wem hast du das gehört?“ erkundigte er sich interessiert.

Ich erzählte ihm alles, was ich wußte.

„Hm … Dann ist das …“ sagte er nachdenklich und schien zu überlegen. „Dann ist das ungefähr eine Stunde früher geschehen … vor einer anderen Erklärung. Hm … nun ja, eine solche Auseinandersetzung zwischen ihnen kann ja immerhin stattgefunden haben … obgleich ich genau weiß, daß in dieser Sache dort niemals, weder von der einen noch von der anderen Seite, etwas gesagt oder getan worden ist … Freilich genügen ja zwei Worte, um das zu erklären. Aber nun höre mal zu,“ sagte er plötzlich mit einem eigentümlichen Lächeln, „ich werde dich mit einer recht außergewöhnlichen Neuigkeit überraschen: selbst wenn dein junger Fürst gestern Anna Andrejewna einen Heiratsantrag gemacht hätte (übrigens hätte ich, da ich die Geschichte mit Lisa ahnte, diese Verbindung aus allen Kräften zu verhindern gesucht, entre nous soit dit[51]), so hätte ihm Anna Andrejewna unter allen Umständen sofort einen Korb gegeben. Du scheinst Anna Andrejewna sehr gern zu haben, sie auch sehr zu achten und zu schätzen, wenn ich mich nicht irre? Das ist sehr nett von dir, und deshalb wirst du dich vermutlich für sie freuen, wenn ich dir diese Neuigkeit mitteile: sie hat sich verlobt, mein Lieber. Und soweit ich ihren Charakter kenne, wird es auch zur Heirat kommen, und ich – nun, ich gebe ihr natürlich meinen Segen.“

„Sie wird heiraten? Aber wen denn?“ rief ich maßlos erstaunt.

„Rat mal. Doch ich will dich nicht quälen: sie heiratet den Fürsten Nikolai Iwanowitsch, deinen lieben alten Herrn.“

Ich starrte ihn mit großen Augen an.

„Es ist anzunehmen, daß sie schon lange diese Absicht gehegt hat; und selbstverständlich wird sie die Sache genial vorbereitet haben,“ fuhr er lässig und langsam, doch nicht ohne Schärfe fort. „Ich denke mir, das wird so etwa eine Stunde nach dem Besuch des ‚Fürsten Sserjosha‘ geschehen sein. (Der hätte mit seinem Besuch bei ihr auch etwas warten können!) Sie ist einfach zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch gegangen und hat ihm den Antrag gemacht.“

„Wie das – ‚ihm den Antrag gemacht‘? Sie wollen wohl sagen: er hat ihr einen Antrag gemacht?“

„Wie sollte er! Nein, mein Lieber, sie, sie selbst hat es getan, deshalb ist er ja auch so selig und entzückt. Wie ich hörte, soll er jetzt nichts tun als dasitzen und sich immer nur wundern, wie und weshalb er nicht selbst darauf gekommen ist. Man sagte mir, er sei sogar krank geworden … vermutlich auch das vor Seligkeit.“

„Hören Sie, Sie sagen das so spöttisch … Ich kann es fast nicht glauben. Ja, und wie hat sie ihm denn den Antrag machen können? Was hat sie denn gesagt?“

„Sei überzeugt, mein Freund, daß ich mich darüber aufrichtig freue,“ sagte er da mit einem plötzlich ganz ernsten Gesicht. „Er ist allerdings schon alt, aber nach Gesetz und Sitte kann er doch noch heiraten; und was sie betrifft, – ja, das ist nun wieder Sache eines fremden Gewissens, ist das, wovon ich dir schon mehrmals gesprochen habe, mein Freund. Übrigens ist sie viel zu klug, um nicht ihre eigenen Ansichten zu haben und um nicht genau zu wissen, was sie tut. Was nun die Einzelheiten betrifft, nach denen du fragst, und wie sie sich ausgedrückt hat, – ja, darüber weiß ich dir nichts zu sagen, mein Freund. Aber sie wird es fraglos schon verstanden haben, und wahrscheinlich besser, als wir zwei es jemals uns ausdenken könnten. Das Beste an der ganzen Sache ist, daß sie nichts von einem Skandal an sich hat; die Welt wird alles très comme il faut[52] finden. Natürlich ist es ja klar, daß sie sich damit eine Stellung in der Gesellschaft schaffen will, aber sie ist dieser Stellung doch wahrlich auch wert! So etwas ist in der Gesellschaft ganz gang und gäbe. Und ihren Antrag hat sie offenbar tadellos und mit der größten Vornehmheit gemacht. Sie ist der Typ einer strengen Frau, mein Freund, eine ‚geborene Nonne‘, wie du sie einmal bezeichnet hast; oder auch eine ‚kühle Jungfrau‘, wie ich sie schon lange nenne. Sie ist doch fast seine Pflegetochter, das weißt du ja, und sie hat auch seine Güte schon mehr als einmal an sich selbst erfahren. Sie hat mir bereits vor langer Zeit versichert, daß sie ihn ‚so schätze und verehre, so bedauere und so mit ihm sympathisiere‘, und noch alles mögliche von der Art, daß ich zum Teil eigentlich vorbereitet war. Alles dieses hat mir heute morgen in ihrem Namen und auf ihre Bitte hin mein Sohn Andrei Andrejewitsch mitgeteilt, ihr Bruder, mit dem du, glaube ich, nicht bekannt bist. Ich sehe ihn in jedem halben Jahr auch nur einmal. Er billigt ihren Schritt mit allem schuldigen Respekt.“

„So ist die Sache schon öffentlich? Weiß Gott, ich bin ganz baff!“

„Nein, sie ist noch gar nicht öffentlich; wenigstens vorläufig soll sie noch nicht bekanntgemacht werden … Ich bin darüber nicht näher unterrichtet und stehe überhaupt ganz abseits. Aber es ist so, wie ich dir sagte.“

„Ja, aber was wird jetzt Katerina Nikolajewna, seine Tochter … Was meinen Sie, was wird Bjoring dazu sagen?“

„Das kann ich nicht wissen … was eigentlich ihm daran nicht gefallen könnte. Sei versichert, Anna Andrejewna ist auch in der Beziehung ein im höchsten Grade korrekter Mensch. Aber ist sie nicht großartig, diese Anna Andrejewna? Da fragt sie mich gerade noch kurz vorher am Morgen, ob ich die verwitwete Frau Achmakoff liebe! Erinnerst du dich, ich erzählte dir das gestern und wunderte mich noch. Das russische Gesetz würde ihr doch nicht gestatten, den Vater zu heiraten, wenn ich die Tochter geheiratet hätte! Verstehst du das jetzt?“

„Ach, in der Tat!“ rief ich. „Aber hat denn Anna Andrejewna wirklich im Ernst glauben können, daß Sie … den Wunsch haben könnten, Katerina Nikolajewna zu heiraten?“

„Offenbar, mein Freund. Übrigens … übrigens wird es für dich jetzt an der Zeit sein, deinen Weg dorthin fortzusetzen, wohin du gehen willst. Ich habe, offen gestanden, die ganze Zeit Kopfschmerzen. Werde die ‚Lucia‘ spielen lassen. Ich liebe die Feierlichkeit der Langweile. Aber das habe ich dir schon einmal gesagt … Ich wiederhole mich unverzeihlich … Vielleicht werde ich auch irgendwo anders hingehen. Ich habe dich sehr lieb, mein Lieber, aber jetzt lebe wohl. Wenn ich Kopfschmerzen habe oder Zahnweh, dann verlangt mich nach Einsamkeit.“

In seinem Gesicht bemerkte ich einen Ausdruck von innerer Qual; ich glaube es ihm jetzt, daß ihm damals der Kopf schmerzte, besonders der Kopf!

„Also morgen,“ sagte ich.

„Morgen? Wer weiß, was morgen sein wird!“ sagte er mit einem verzerrten Lächeln.

„Ich komme morgen zu Ihnen, oder Sie kommen zu mir.“

„Nein, nicht ich werde zu dir kommen, wohl aber wirst du zu mir stürzen …“

Aus seinem Gesicht sprach etwas Böses, doch ich dachte nicht weiter an ihn, – nach einer solchen Neuigkeit!

III.
Der Fürst war in der Tat nicht wohl und saß allein zu Haus, den Kopf mit einem nassen Tuch umwunden. Er schien mich mit Ungeduld erwartet zu haben; ihn quälten nicht nur heftige Kopfschmerzen, sondern vor allem seelische Schmerzen. Überhaupt muß ich darauf hinweisen, daß ich in der letzten Zeit vor der Katastrophe fortgesetzt mit Menschen zusammenkam, die so erregt und unzurechnungsfähig waren, daß man sie alle für mehr oder weniger wahnsinnig hätte halten können, und ich glaube fast, daß ich von ihnen gewissermaßen angesteckt wurde. Ich kam mit feindlichen Gefühlen zu ihm, und ich schämte mich, weil er mich gestern hatte weinen sehen. Und immerhin hatten Lisa und er mich so geschickt zu betrügen verstanden, daß ich nun als Dummkopf dastand, was ich doch unmöglich selbst übersehen konnte. Kurz, als ich bei ihm eintrat, tönten in mir viele falsche Saiten. Aber alles dieses Falsche und Vorgefaßte fiel sehr bald von mir ab. Besonders in einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: nachdem er sein Mißtrauen einmal aufgegeben hatte, gab er sich wirklich mit ganzem Herzen; dann erst sah man seine fast kindliche Zärtlichkeit und Liebesfähigkeit und ein wahrhaft rührendes Vertrauen. Er küßte mich unter Tränen und kam sofort auf die Sache selbst zu sprechen … Er hatte mich tatsächlich sehr nötig. Seine Worte und Gedanken waren auffallend wirr.

Zunächst teilte er mir seinen festen Entschluß mit, Lisa zu heiraten, und zwar so bald als möglich.

„Daß sie nicht adlig ist, hat nicht einen Augenblick Bedenken in mir erweckt,“ sagte er zu mir. „Mein Großvater hat im Alter ein Hofmädchen geheiratet, das bei einem benachbarten Gutsbesitzer, der aus seinen Leibeigenen ein ganzes Privattheater gebildet hatte, Sängerin gewesen war. Freilich hat meine Familie gewisse Hoffnungen auf mich gesetzt, aber die werden sie eben aufgeben müssen, und der Kampf wird schließlich nicht allzu lange dauern. Ich will mit allem brechen, mit allem Gegenwärtigen und Gewesenen, ein für allemal! Es muß alles anders werden, alles muß von neuem beginnen! Ich begreife nicht, warum Ihre Schwester mich liebgewonnen hat. Aber eines steht fest: ohne sie lebte ich jetzt gewiß nicht mehr auf dieser Welt. Ich schwöre Ihnen aus tiefstem Herzen: ich sehe darin einfach eine höhere Fügung in meinem Leben, daß ich ihr damals in Luga begegnet bin. Ich glaube, sie liebt mich wegen der ‚unermeßlichen Tiefe meines Falles‘ … können Sie das verstehen, Arkadi Makarowitsch?“

„Vollkommen!“ sagte ich mit aufrichtiger Überzeugung. Ich saß im Lehnstuhl vor dem Tisch, er ging im Zimmer auf und ab.

„Ich muß Ihnen die Geschichte unserer Begegnung ganz erzählen, ohne etwas zu verschweigen,“ fuhr er fort. „Der Anlaß war ein Geheimnis, das ich mit mir herumtrage, und das ich nur ihr allein mitgeteilt habe, weil ich nur zu ihr habe Vertrauen fassen können. Außer ihr weiß es bis zum heutigen Tage kein Mensch. Nach Luga war ich damals mit Verzweiflung im Herzen gekommen; ich wohnte bei der Stolbejeff, warum, weiß ich selbst nicht. Ich suchte wohl Einsamkeit. Damals hatte ich gerade mein Abschiedsgesuch eingereicht und hatte das –sche Regiment verlassen. In dieses Regiment war ich nach meiner Rückkehr aus dem Auslande eingetreten, – nach der Geschichte in Ems mit Andrei Petrowitsch. Ich hatte damals Geld, verschwendete viel und lebte auf großem Fuß; aber meine Regimentskameraden mochten mich nicht, obgleich ich mir Mühe gab, keinem zu nahe zu treten. Ja, ich muß gestehen, mich hat in meinem ganzen Leben noch niemand gemocht. Im Regiment war auch ein Kornett, ein gewisser Stepanoff, ein wirklich ganz leerer, nichtssagender und eigentlich sogar bescheidener Mensch; kurz, ein Mensch, der sich durch nichts Besonderes auszeichnete. Aber er war zweifellos ein anständiger Junge. Es wurde ihm bald zur Gewohnheit, mich zu besuchen – ich machte keine Umstände mit ihm –, und er saß bei mir schweigsam in der Ecke, manchmal einen Tag lang, bewahrte aber durchaus Haltung und störte mich fast nie. Eines Tages erzählte ich ihm eine Geschichte, die gerade kursierte. Im Erzählen fügte ich aber noch manches Unwahre hinzu, wie zum Beispiel, daß ich der Tochter unseres Obersten nicht ganz gleichgültig sei, und daß der Oberst auf mich als Schwiegersohn rechne, und daher selbstverständlich alles tue, was ich wünschte … Die Einzelheiten übergehe ich, – kurz, es entstand daraus eine sehr unangenehme Klatschgeschichte. Daran war aber nicht Stepanoff schuld, sondern mein Bursche, der uns belauscht und später alles weitererzählt hatte, besonders einen lächerlichen Umstand, der die junge Dame bloßstellte. Dieser Bursche berief sich später bei seinem Verhör auf Stepanoff als Zeugen. Stepanoff befand sich da in einer peinlichen Lage; denn er konnte doch dem Burschen nicht ins Gesicht leugnen, daß er diese Geschichte tatsächlich von mir gehört hatte. Da aber zwei Drittel der Geschichte von mir frei erfunden waren, so waren die Offiziere sehr empört und der Regimentskommandeur sah sich gezwungen, das Offizierkorps bei sich zu versammeln und eine Untersuchung anzustellen. Und eben da wurde an Stepanoff jene Frage gestellt: ob er das gehört habe oder nicht? Und er war gezwungen, die ganze Wahrheit auszusagen. Was aber tat ich, ich, der Fürst aus tausendjährigem Geschlecht? Ich leugnete es und sagte Stepanoff ins Gesicht, daß er gelogen habe. Natürlich sagte ich das nur in dem Sinne, daß er mich ‚falsch verstanden habe‘ usw. usw. … Ich übergehe wieder die Einzelheiten, aber der Vorteil meiner Lage war der, daß ich, da Stepanoff mich oft besucht hatte, die Sache so hinstellen konnte – und das war schließlich nicht ganz unwahrscheinlich –, als ob Stepanoff das in einem geheimen Einverständnis mit meinem Burschen ausgesagt hätte und das Ganze ein abgekartetes Spiel von ihnen in einer gewissen eigennützigen Absicht gewesen wäre. Stepanoff sah mich nur schweigend an und zuckte die Achseln. Ich sehe noch seinen Blick und werde ihn nie vergessen. Darauf wollte er sofort sein Abschiedsgesuch einreichen, aber was glauben Sie wohl, was geschah? Die Offiziere machten ihm alle, ohne Ausnahme, einen gemeinsamen Besuch und baten ihn, nicht den Abschied zu nehmen. Vierzehn Tage später trat ich aus dem Regiment aus: mich hatte niemand aufgefordert, zu gehen, niemand hinausgeworfen; ich gab Familienverhältnisse als Grund meines Abschiedsgesuches an. Damit war die Sache erledigt. Am Anfang machte ich mir nichts daraus, ärgerte mich sogar noch über die anderen. Ich lebte in Luga, machte die Bekanntschaft mit Lisaweta Makarowna. Aber es verging ein Monat, und ich betrachtete meinen Revolver und dachte an den Tod. Ich sehe immer alles schwarz, Arkadi Makarowitsch. Schließlich entwarf ich einen Brief an den Regimentskommandeur und an die Kameraden, in dem ich meine Schuld eingestand und Stepanoff vollkommen rehabilitierte. Als ich den Brief geschrieben hatte, stellte ich mir die Frage: soll ich ihn absenden und mich nicht erschießen oder ihn absenden und mich erschießen? Die Antwort auf die Frage hätte ich allein nie gefunden. Ein Zufall, ein blinder Zufall, ließ mich nach einem flüchtigen und sonderbaren Gespräch Lisaweta Makarowna nähertreten. Sie hatte auch früher schon oft Frau Stolbejeff besucht, wir waren uns begegnet, hatten uns auch begrüßt, aber selten ein Wort miteinander gesprochen. Und auf einmal gestand ich ihr alles. Und eben damals war es, wo sie mir ihre Hand reichte.“

„Wie beantwortete sie Ihre Frage?“

„Ich schickte den Brief nicht ab. Sie sagte: wenn ich den Brief abschickte, so würde ich damit natürlich eine edle Handlung begehen, die meine Schuld aufhöbe und noch mehr als das; aber ob das nicht über meine Kraft ginge? Sie war der Meinung, daß so etwas über die Kraft eines jeden Menschen gehe: die eigene Zukunft zu vernichten und die Auferstehung zu einem neuen Leben sich selbst unmöglich zu machen. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn Stepanoff unschuldig darunter zu leiden gehabt hätte, aber die Offiziere hatten ihn doch sowieso schon vollkommen rehabilitiert. Mit einem Wort, ihre Begründung war paradox; aber sie hielt mich zurück, und ich unterwarf mich ihr vollständig.“

„Sie hat jesuitisch, doch wie ein Weib entschieden!“ rief ich. „Sie muß Sie schon damals geliebt haben!“

„Gerade das hat mich ja zu neuem Leben erweckt. Ich gab mir das Wort, mich zu ändern, mit dem früheren Leben zu brechen und das Gewesene vor ihr und vor mir selbst gutzumachen, und – womit hat das nun geendet! Damit, daß ich mit Ihnen in die Roulettezirkel fahre und ein Spieler geworden bin! Ich habe vor der Erbschaft nicht standgehalten, habe wieder an eine Karriere gedacht, mich von diesen großen Leuten und eigenen Equipagen und Pferden blenden lassen … Ich quäle Lisa … Oh, die Schmach!“

Er rieb sich mit der Hand die Stirn und schritt wieder durch das Zimmer.

„Das russische Schicksal hat uns beide ereilt, Arkadi Makarowitsch: Sie wissen nicht, was Sie tun sollen, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Gerät der russische Mensch nur ein wenig aus dem durch die Gewohnheit für ihn zum Gesetz gewordenen Geleise, so hört er gleich auf zu wissen, was er tun soll. Im Geleise ist alles klar: das Einkommen, der Rang, die Stellung in der Gesellschaft, die Equipage, die Visiten, der Beruf, die Frau, – aber es braucht nur eine Kleinigkeit in die Quere zu kommen, und – was bin ich? Ein losgelöstes Blatt, mit dem der Wind spielt. Ich weiß nicht, was ich zu tun habe! In diesen zwei Monaten habe ich mir die größte Mühe gegeben, mich im Geleise zu halten; ich liebe das Geleise, ich fühlte, wie es mich ins Geleise zog. Aber Sie kennen noch nicht die ganze Größe meines neuen Verrats: ich liebe Lisa, ich liebe sie aufrichtig, und doch habe ich dabei an die Achmakoff gedacht!“

„Nicht möglich?“ rief ich schmerzlich betroffen. „Übrigens, Fürst, was sagten Sie mir gestern über Werssiloff: er habe Sie aufgehetzt, Katerina Nikolajewna bloßzustellen?“

„Ich habe vielleicht übertrieben. Vielleicht tue ich ihm gerade so unrecht mit meinem Verdacht, wie ich Ihnen unrecht getan habe. Lassen wir das. Oder glauben Sie, ich hätte nicht die ganze Zeit, seit meinem Aufenthalt in Luga, ein hohes Lebensideal im Herzen gehabt? Ich schwöre Ihnen, ich habe es niemals vergessen, es hat mir immer vorgeschwebt und hat in meiner Seele noch nichts von seiner Schönheit eingebüßt. Ich habe den Schwur, den ich Lisaweta Makarowna gegeben habe, den Schwur, ein neues Leben zu beginnen, niemals vergessen. Andrei Petrowitsch hat mir gestern, als er hier vom Adel redete, nichts Neues gesagt, das können Sie mir glauben. Mein Ideal steht mir klar und fest vor Augen: weniger als hundert Desjätinen Land (denn von der Erbschaft ist mir fast nichts mehr verblieben); ein vollkommener Bruch mit der Gesellschaft und der Karriere; ein Landhaus, eine Familie, und ich selbst – ein Ackerbauer oder nicht viel mehr als das. Oh, in unserer Familie ist das nichts Neues: der Bruder meines Vaters hat eigenhändig gepflügt, mein Großvater gleichfalls. Wir, ein tausendjähriges Fürstengeschlecht, und von so altem Adel wie die Rohans, – wir sind Bettler. Aber jedem meiner Kinder würde ich vor allem ein Gebot hinterlassen: ‚Vergiß es nie, daß du – ein Edelmann bist, daß in deinen Adern das heilige Blut russischer Fürsten fließt, und schäme dich dessen nicht, daß dein Vater selbst sein Land gepflügt hat: er hat es fürstlich getan.‘ Ich würde meinen Kindern kein Vermögen hinterlassen, außer diesem einen Stück Land, aber dafür würde ich es für meine Pflicht halten, ihnen eine höhere Bildung zu geben. Oh, Lisa würde mir schon helfen, und die Kinder, die Arbeit; oh, wie oft habe ich mit ihr davon geträumt, hier, in diesen Räumen, und … Und zur selben Zeit habe ich an Katerina Nikolajewna Achmakoff gedacht, ohne sie zu lieben, und an die Möglichkeit einer reichen, vornehmen Heirat! Erst als uns Naschtschokin gestern die Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring brachte, entschloß ich mich, zu Anna Andrejewna zu gehen.“

„Aber Sie sind doch zu ihr gegangen, um ihr gewissermaßen abzusagen. Und das war doch, denke ich, sehr anständig von Ihnen.“

„Glauben Sie?“ Er blieb vor mir stehen. „Nein, dann kennen Sie meine Natur noch nicht! Oder … oder ich verstehe da selbst irgend etwas nicht; denn es ist, wie es scheint, nicht nur eine Natur in mir. Ich liebe Sie aufrichtig, Arkadi Makarowitsch, und außerdem habe ich Ihnen in diesen zwei Monaten so sehr unrecht getan, – darum möchte ich, daß Sie, als Lisas Bruder, das alles erfahren. Ich fuhr zu Anna Andrejewna, um ihr einen Antrag zu machen, nicht aber, um ihr abzusagen.“

„Ist es möglich? Aber Lisa sagte mir doch …“

„Ich habe Lisa belogen.“

„Sie haben ihr also einen förmlichen Antrag gemacht, und Anna Andrejewna hat Ihnen einen Korb gegeben? War es so? Sagen Sie, war es so? Die Einzelheiten sind für mich ungeheuer wichtig, Fürst.“

„Nein, einen Antrag habe ich ihr nicht gemacht, aber nur darum nicht, weil ich gar nicht dazu kam. Sie gab mir schon im voraus einen Korb – das heißt, nicht buchstäblich, aber sie gab mir mit sehr durchsichtigen Andeutungen ‚zartfühlend‘ zu verstehen, daß diese Idee unmöglich sei.“

„Dann haben Sie ihr also doch keinen Antrag gemacht, und Ihr Stolz braucht sich nicht verletzt zu fühlen.“

„Können Sie das wirklich so auffassen! Und mein eigenes Gewissen? Und Lisa, die ich betrogen habe und … die ich somit habe verlassen wollen? Und das Gelübde, das ich vor mir selbst und meinen Vorfahren abgelegt, ein neuer Mensch zu werden und die alten Sünden gutzumachen? Ich bitte Sie, sagen Sie Lisa nichts davon! Dieses eine würde sie mir vielleicht doch nicht vergeben können! Ich bin seit gestern krank. Im Grunde ist ja schon jetzt alles zu Ende, und der letzte der Fürsten Ssokolski wird zur Zwangsarbeit verurteilt werden. Arme Lisa! Ich habe den ganzen Tag auf Sie gewartet, Arkadi Makarowitsch, um Ihnen, als Lisas Bruder, alles das zu sagen, was sie nicht weiß. Also hören Sie: Ich bin ein – Staatsverbrecher und an der Fälschung der –skschen Eisenbahnaktien beteiligt.“

„Was heißt das! Wie, ein …“ Ich war aufgesprungen und sah ihn mit Entsetzen an.

Aus seinem Gesicht sprach tiefer, düsterer, hoffnungsloser Schmerz und das Bewußtsein, dem Verhängnis nicht mehr entrinnen zu können.

„Setzen Sie sich,“ sagte er, und er setzte sich selbst in einen Lehnstuhl mir gegenüber. „Zunächst die Tatsachen: Vor einem Jahr, also in demselben Sommer, als ich in Ems war, wo sich damals auch Lydia und Katerina Nikolajewna aufhielten, und von wo ich mich dann auf zwei Monate nach Paris begab, ging mir, eben in Paris, natürlich das Geld aus. Dort hielt sich aber zu der Zeit gerade Stebelkoff auf, den ich übrigens schon von früher kannte. Er gab mir sofort Geld und versprach, mir noch mehr zu geben, wenn auch ich ihm einen kleinen Dienst erweisen wollte: er brauchte einen Künstler, der Zeichner, Graveur, Lithograph und zugleich Chemiker und Techniker war, und zwar brauchte er ihn zu einem ganz bestimmten Zweck. Diesen Zweck ließ er sogar ziemlich deutlich durchblicken. Warum sollte er auch nicht? Er kannte meinen Charakter: mich belustigte das alles nur. Ich war nämlich, wie er wußte, noch von der Schulbank her mit einem Herrn bekannt, der jetzt als russischer Emigrant – er ist aber nicht Russe – irgendwo da in Hamburg lebt. In Rußland soll er schon früher einmal in eine unangenehme Geschichte wegen gefälschter Wertpapiere verwickelt gewesen sein. Und gerade auf diesen Menschen rechnete nun Stebelkoff, aber er brauchte eine Empfehlung an ihn, und wegen dieser Empfehlung wandte er sich an mich. Ich gab ihm denn auch ein paar Zeilen mit, doch das war für mich so nebensächlich, daß ich die ganze Geschichte fast sofort vergaß. Darauf traf ich Stebelkoff noch ein paarmal, und ich erhielt von ihm damals im ganzen etwa dreitausend Rubel. Aber wie gesagt, die Hauptsache hatte ich in kürzester Zeit buchstäblich vergessen. Hier habe ich dann die ganze Zeit Geld von ihm genommen, gegen Wechsel und Pfänder; er gab sich fast sklavisch als mein ergebenster Diener. Und, gestern höre ich plötzlich von ihm, daß ich ein – Staatsverbrecher sein soll!“

„Wann denn gestern?“

„Als wir gestern dort im Nebenzimmer aneinandergerieten, kurz bevor Naschtschokin kam. Er unterstand sich da zum erstenmal, mir ganz unverfroren von Anna Andrejewna zu sprechen. Ich erhob die Hand, um ihn zu ohrfeigen, er aber sprang plötzlich auf und erklärte mir, ich dürfe nicht vergessen, daß ich mit ihm solidarisch sei, sein Helfershelfer und folglich ein Spitzbube wie er! Wenn er sich auch nicht so ausdrückte, so war das doch der Sinn seiner Worte.“

„Welch ein Unsinn! Aber das sind doch Hirngespinste?“

„Nein, das sind keine Hirngespinste. Er war heute wieder bei mir und erklärte sich deutlicher. Die Aktien sind schon längst in Umlauf, und es werden noch neue in Umlauf gesetzt, aber an manchen Stellen scheint man die Fälschung schon erkannt zu haben. Allerdings habe ich nichts damit zu schaffen, aber Stebelkoff erklärte mir: ‚Sie haben mir damals doch diese Empfehlung gegeben.‘“

„Aber Sie wußten doch nicht, um was es sich handelte, – oder wußten Sie es?“

„Ich wußte es,“ sagte der Fürst leise und schlug die Augen nieder. „Das heißt, sehen Sie, ich wußte es, und wußte es auch wieder nicht. Die Sache belustigte mich, und ich war bei guter Laune. Gedacht habe ich mir damals eigentlich überhaupt nichts, um so weniger, als ich die falschen Aktien doch gar nicht brauchte, und ich auch mit der Fälschung gar nichts zu tun hatte. Aber die Dreitausend, die er mir damals gab, hat er mir nicht angerechnet, und ich, ich habe das zugelassen. Übrigens, was können Sie wissen, vielleicht bin ich auch ein Falschmünzer? Ich mußte mir das doch selbst sagen, ich bin doch kein Kind, das von nichts weiß. Und ich wußte es ja auch, aber, wie gesagt, es belustigte mich, und ich half den Spitzbuben und Zuchthäuslern … und half ihnen für Geld! Folglich bin ich doch ein – Falschmünzer!“

„Oh, Sie übertreiben! Sie sind ja nicht ganz frei von jeder Schuld, aber so schuldig sind Sie doch nicht!“

„Da ist nun noch ein gewisser Shibelski,“ erzählte der Fürst weiter, „ein junger Mensch, so eine Art Jurist oder Schreiber bei einer Gerichtsbehörde. Der soll an dieser Aktienfälschung auch irgendwie beteiligt sein. Ich weiß nur, daß er von jenem Herrn in Hamburg einmal zu mir gekommen ist, aber aus einem ganz anderen, ganz nebensächlichen Grunde; ja, eigentlich weiß ich selbst nicht, warum; denn von den Aktien war damals nicht einmal die Rede. Aber jedenfalls hat er zwei Briefe von mir in Händen, Briefe von nur zwei bis drei Zeilen, und die sind nun Beweise gegen mich, – das habe ich heute sehr gut begriffen. Stebelkoff erklärte mir, daß dieser Shibelski der Sache gefährlich werde: er hätte da etwas unterschlagen, irgendwelche Gelder, ich glaube Staatsgelder, und er hätte die Absicht, noch mehr zu unterschlagen und dann ins Ausland durchzubrennen; aber um seinen Plan ausführen zu können, brauche er achttausend Rubel, nicht weniger. Mein Teil der Erbschaft würde für Stebelkoff genügen, aber Stebelkoff sagt, auch Shibelski müsse befriedigt werden …! Kurz, ich müßte ihnen meinen Teil der Erbschaft abtreten und noch zehntausend Rubel dazugeben – das ist ihre letzte Forderung. Dann würde ich meine zwei Briefe von ihnen zurückerhalten. Sie sind natürlich unter einer Decke, das ist klar.“

„Aber das ist doch ein offenbarer Unsinn! Wenn sie Sie anzeigen, so liefern sie sich doch selbst aus! Deshalb werden sie das unter keinen Umständen tun!“

„Das weiß ich. Aber sie drohen ja auch gar nicht damit, sie sagen nur: ‚Wir werden selbstverständlich nichts anzeigen, aber wenn die Sache aufgedeckt wird, so …‘ – das ist alles, was sie sagen, und ich denke, das genügt! Doch nicht das ist das Schreckliche! Gleichviel was daraus wird, und ob ich die Briefe in meiner Tasche habe oder nicht, – aber solidarisch zu sein mit diesen Spitzbuben, mein Leben lang ihr Mitschuldiger zu sein, mein Leben lang! Und mein Vaterland belügen, meine Kinder belügen, Lisa belügen und mein eigenes Gewissen belügen …!“

„Weiß Lisa davon?“

„Nein, alles weiß sie nicht. Sie würde es in ihrer jetzigen Lage nicht überleben. Ich trage noch die Uniform meines Regimentes, aber bei jeder Begegnung mit einem Soldaten meines Regiments, in jedem Augenblick auf der Straße muß ich mir sagen, daß ich nicht wert bin, sie zu tragen.“

„Hören Sie,“ fuhr ich plötzlich auf, „da sind weiter keine Worte zu verlieren: die einzige Rettung, die Ihnen verbleibt, ist Ihr alter Freund, Fürst Nikolai Iwanowitsch. Gehen Sie zu ihm und bitten Sie ihn um zehntausend Rubel, ohne ihm etwas aufzudecken. Bestellen Sie dann die beiden Schufte zu sich, rechnen Sie mit ihnen ab, kaufen Sie Ihre Briefe zurück, und die Sache ist erledigt! Und dann, wenn das aus der Welt geschafft ist, dann sehen Sie zu, daß Sie zu pflügen anfangen! Zum Teufel mit der Phantasie, und vertrauen Sie sich dem Leben an!“

„Daran habe ich schon gedacht,“ sagte er entschlossen. „Ich habe es mir den ganzen Tag überlegt und geschwankt, doch jetzt ist mein Entschluß gefaßt. Ich habe nur noch auf Sie gewartet; ich werde hinfahren. Wissen Sie, daß ich noch nie eine Kopeke vom Fürsten Nikolai Iwanowitsch genommen habe? Er ist sehr gut zu uns, er … hat sogar bewiesen, daß er Anteil nimmt an meiner Familie, aber ich, ich persönlich habe nie Geld von ihm genommen. Doch jetzt habe ich mich entschlossen. Sie müssen wissen, daß unsere Linie der Fürsten Ssokolski älter ist als die Linie des Fürsten Nikolai Iwanowitsch; er entstammt der jüngeren Linie, nur einer Seitenlinie, einem fast anfechtbaren Zweig … Unsere Vorfahren lebten in Feindschaft miteinander. Als Peter der Große seine Reformen einführte, wollte mein Urgroßvater, der auch Peter hieß und zu den Altgläubigen gehörte, von seinem Glauben nicht lassen und mußte sich in den Kostromaschen Wäldern verbergen. Dieser Fürst Peter war in zweiter Ehe mit einer Nichtadeligen verheiratet … Und eben dadurch kamen jene anderen Ssokolskis, die Nebenlinie, in die Höhe … Aber ich … ja, wovon sprach ich denn eigentlich?“

Er war sehr erschöpft und schien selbst nicht mehr zu wissen, was er sagte.

„Beruhigen Sie sich, und legen Sie sich jetzt schlafen, das ist das erste, was Sie tun müssen,“ sagte ich, stand auf und nahm meinen Hut. „Der Fürst Nikolai Iwanowitsch wird es Ihnen nicht abschlagen, besonders jetzt nicht, im Glück. Sie wissen doch schon das Neueste? Oder noch nicht? Ich habe etwas Unglaubliches gehört: er werde heiraten! Das soll freilich noch ein Geheimnis bleiben, aber natürlich nicht vor Ihnen.“

Und ich erzählte ihm noch schnell, den Hut schon in der Hand, was ich gehört hatte. Er wußte noch nichts davon. Er erkundigte sich hastig nach den Einzelheiten, besonders wollte er wissen, wann und wo diese Verlobung stattgefunden haben sollte, und ob die Nachricht überhaupt zuverlässig sei. Natürlich verheimlichte ich ihm nicht, daß es gleich nach seinem Besuch bei Anna Andrejewna geschehen sein mußte. Ich vermag nicht wiederzugeben, was für einen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht auf ihn machte; sein Gesicht verzerrte sich, ein schiefes Lächeln verzog seine Lippen; als ich alles erzählt hatte, war er unheimlich blaß, starrte zu Boden und schien in tiefe Gedanken versunken zu sein. Da begriff ich, daß seine Eigenliebe durch die gestrige Absage Anna Andrejewnas furchtbar verletzt war. Vielleicht sah er in seinem krankhaften Zustande die lächerliche und erniedrigende Rolle, die er gestern gespielt hatte, in gar zu greller Beleuchtung, diese Erniedrigung vor der jungen Dame, von deren Einwilligung er die ganze Zeit über so fest überzeugt gewesen war. Und vielleicht kam ihm auch der Gedanke, was für eine Ehrlosigkeit er Lisa gegenüber begangen hatte, und alles das um nichts! Es ist wirklich merkwürdig, wofür diese Gesellschaftsmenschen einander halten, und auf welcher Basis sie sich gegenseitig achten! Dieser Fürst mußte sich doch sagen, daß Anna Andrejewna von seiner Beziehung zu Lisa, die dazu noch ihre Schwester war, einmal erfahren konnte, wenn sie nicht schon alles wußte, doch siehe da – er hatte an ihrem Jawort nicht einmal gezweifelt!

„Und Sie konnten wirklich glauben,“ sagte er auf einmal und sah mich stolz und hochfahrend an, „daß ich fähig wäre, nach einer solchen Mitteilung noch zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu gehen und ihn um Geld zu bitten! Zu ihm, dem Verlobten dieses Mädchens, das mir soeben einen Korb gegeben hat – nein, diese Niedrigkeit, diese Lakaienhaftigkeit! Nein, jetzt ist alles verloren, und wenn die Hilfe dieses alten Fürsten noch meine letzte Hoffnung war, so mag auch diese Hoffnung sinken!“

In meinem Herzen stimmte ich ihm natürlich bei, aber der Wirklichkeit gegenüber mußte man die Sache doch etwas weitherziger auffassen: war denn dieser alte Herr noch ein Mann, ein richtiger Verlobter? Mir kamen noch andere Ideen in den Kopf. Ich hatte ja ohnehin beschlossen, am nächsten Morgen sofort zum alten Fürsten zu gehen. Ich bemühte mich, den schlimmen Eindruck meiner Erzählung abzuschwächen und den Armen zu bereden, sich schlafen zu legen. „Schlafen Sie sich aus, und Sie werden sehen, Ihre Gedanken werden klarer werden!“ Er drückte mir fest die Hand, aber er küßte mich nicht mehr. Ich gab ihm mein Wort, morgen abend zu ihm zu kommen, „und dann wollen wir uns aussprechen; es gibt jetzt so vieles, worüber wir noch sprechen müssen,“ sagte ich. Doch als Antwort auf meine Worte hatte er nur ein fatalistisches Lächeln.

Achtes Kapitel.
I.
Diese ganze Nacht träumte mir vom Roulette, vom Spiel, von Gold und von Berechnungen: ich mühte mich vergeblich, einen Einsatz oder eine besondere Chance zu berechnen, und dieser Traum quälte mich die ganze Nacht wie ein Alb. Um die Wahrheit zu sagen: ich hatte auch schon diesen ganzen Tag, trotz aller mich erschütternden Eindrücke, immer wieder an meinen großen Gewinn bei Serschtschikoff gedacht. Natürlich hatte ich diese Gedanken zu verscheuchen gesucht, aber der Eindruck ließ sich nun einmal nicht ausschalten, und schon bei der bloßen Erinnerung erzitterte etwas in mir. Ja, dieser Gewinn hatte sich wahrlich in mein Herz festgebissen. Sollte ich wirklich ein geborener Spieler sein? Eines wenigstens ist mir ganz klar: daß ich Eigenschaften eines Spielers habe. Selbst heute noch, wo ich das niederschreibe, liebe ich es, manchmal an das Spiel zu denken! Es ist schon vorgekommen, daß ich ganze Stunden damit verbringe, still dazusitzen und mich in Gedanken mit Spielberechnungen zu beschäftigen, mir vorzustellen, wie das alles vor sich geht, wie ich setze, und wie mein Einsatz gewinnt. Ja, ich habe gar viele „Eigenschaften“ in mir; ich habe eine unruhvolle Seele.

Es war gegen zehn Uhr, als ich beschloß, doch zu Stebelkoff zu gehen, und zwar zu Fuß. Mein Schlitten kam allerdings vorgefahren, aber ich schickte ihn nach Haus. Während ich meinen Morgenkaffee trank, versuchte ich, mir alles zu überlegen. Ich fühlte mich eigentlich sehr zufrieden; und wie mir das zu Bewußtsein kam und ich einen Augenblick nachdachte, erkannte ich sofort, daß ich hauptsächlich deshalb so zufrieden war, „weil ich heute im Hause meines alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch sein werde“. Aber dieser Tag war verhängnisvoll in meinem Leben; und unvorhergesehen, wie er war, begann er auch gleich mit einer Überraschung.

Es hatte gerade zehn geschlagen, als plötzlich meine Tür sperrangelweit aufflog, und ins Zimmer stürzte – Tatjana Pawlowna. Alles hätte ich noch erwartet, aber nicht ihr Erscheinen bei mir. Erschrocken sprang ich auf. Ihr Gesicht war grimmig anzusehen, ihre Bewegungen wild und aufgeregt, und ich glaube, wenn man sie gefragt hätte, weshalb sie zu mir geeilt war, hätte sie es vielleicht selbst nicht zu sagen gewußt. Ich muß hier im voraus bemerken, damit es nicht gar zu unverständlich ist, daß sie gerade eine ungeheuerliche, sie fast niederschmetternde Nachricht erhalten hatte und sich noch unter dem ersten erschütternden Eindruck befand. Und dieses Ereignis war zum Teil durch mich verursacht worden. Übrigens blieb sie nur eine halbe Minute, oder vielleicht eine ganze Minute, aber gewiß nicht länger bei mir.

„Da ist er! Also so bist du!“ schrie sie mich an – ganz krumm stand sie vor mir, in ihrer Wut. „Du junger Hund! Was hast du angerichtet? Oder weißt du’s etwa nicht? Da sitzt er und trinkt noch Kaffee! Ach du Klatschbase, du Lästerer, du Windbeutel! Du Liebhaber aus Papier …! Solche Lümmel muß man einfach peitschen, mit Ruten peitschen, jawohl, peitschen! peitschen!“

„Tatjana Pawlowna, was ist geschehen? Was ist denn los? Mama …?“

„Wirst’s erfahren!“ schrie sie drohend – und fort war sie, kaum daß ich sie gesehen hatte. Ich wäre ihr natürlich nachgelaufen, aber ein Gedanke hielt mich zurück oder nicht einmal ein Gedanke, sondern nur eine dunkle Unruhe: ich ahnte, daß der „Liebhaber aus Papier“ das wichtigste und bedeutsamste Wort von allen ihren gegen mich geschleuderten Schmähungen gewesen war; freilich, auf den ganzen Zusammenhang wäre ich nie und nimmer von selbst gekommen. Aber ich machte mich doch sogleich auf den Weg, um so schnell als möglich die Sache mit Stebelkoff zu erledigen und dann zum alten Fürsten zu eilen. „Dort ist der Schlüssel zu allem!“ dachte ich instinktiv.

Es war mir unbegreiflich, woher Stebelkoff von der heimlichen Verlobung Anna Andrejewnas bereits gehört haben konnte, aber er wußte schon die ganze Geschichte und sogar bis in die kleinsten Einzelheiten hinein. Ich will nicht alle seine Reden und Gebärden wiedergeben, aber er war entzückt, war ganz zappelig vor Entzücken über diesen „diplomatisch genialen Coup!“, wie er sich ausdrückte.

„Nein, das ist mir mal ein Frauenzimmer! Teufel noch eins! Nein, sehen Sie, das ist mal ein Frauenzimmer!“ rief er ein über das andere Mal. „Die ist uns über! Da sitzen wir nun und sitzen, und ’s kommt nichts dabei raus; sie aber, sie hatte mal Lust, das Wasser aus der Quelle selbst zu trinken, und da geht sie einfach hin und trinkt, trinkt’s auch wirklich! Das … das ist eine antike Statue! Das ist ja die antike Minerva selbst, bloß daß sie herumgeht und moderne Kleider trägt!“

Ich ersuchte ihn, zur Sache zu kommen. Es handelte sich, wie ich schon vermutet hatte, nur darum, daß ich dem jungen Fürsten zureden sollte, zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu fahren und ihn um seine Hilfe zu bitten. „Sonst wird es ihm, dem Fürsten Ssergei Petrowitsch, doch furchtbar schlecht ergehen! Das liegt doch jetzt nicht mehr in meiner Macht! Ist das so oder nicht?“

Er sah mir wieder in die Augen, aber ich glaube, er vermutete nicht einmal, daß ich inzwischen etwas erfahren haben konnte, was ich während unseres Gesprächs vor zwei Tagen noch nicht gewußt hatte. Aber wie hätte er das auch vermuten sollen, da ich mit keinem Wort, mit keiner Anspielung verriet, daß ich von den Aktien etwas wußte. Wir sprachen nicht lange; er begann mir sogleich Geld zu versprechen, und zwar „viel Geld, sehr viel Geld, wenn Sie nur dazu beitragen, daß der Fürst hinfährt und ihn bittet! Die Sache drängt, drängt fürchterlich, und das ist ja eben das Zwingende, daß sie so drängt!“

Ich hatte keine Lust, ihm zu widersprechen und mich lange mit ihm abzugeben. Ich sagte daher nur, ich würde es „versuchen“. Doch plötzlich setzte er mich maßlos in Erstaunen: ich ging bereits zur Tür, als er auf einmal schmeichelnd seinen Arm um meine Schulter legte und … die unverständlichsten Dinge zu reden anfing.

Ich übergehe die Einzelheiten und gebe nur den Sinn des Gespräches wieder, um nicht zu ermüden. Der Sinn war kurz gesagt der, daß er das Ansinnen an mich stellte, ihn mit – Dergatschoff bekannt zu machen, da ich, wie er meinte, „dort doch verkehre!“

Ich verstummte sofort und horchte auf, – gab mir aber die größte Mühe, ihn nichts merken zu lassen. Übrigens sagte ich ihm gleich darauf, daß ich dort keineswegs verkehrte und nur einmal, und auch damals nur zufällig, bei ihnen gewesen war.

„Aber wenn Sie schon einmal zugelassen worden sind, dann können Sie doch wieder hingehen, das ist doch so – oder nicht?“

Nun fragte ich ihn ganz offen, aber sehr kaltblütig, weshalb er das denn wünschte? Und wirklich, ich kann es noch immer nicht verstehen, wie die Naivität eines offenbar doch gar nicht dummen Menschen, dazu noch eines „Geschäftsmannes“, wie Wassin ihn bezeichnet hatte, in dieser Sache so weit gehen konnte! Er erklärte mir nämlich auf meine Frage ohne weiteres, daß er bei Dergatschoff „etwas Verbotenes, sogar streng Verbotenes“ vermute, und folglich könnte ich, wenn ich dahinterkäme, einen gewissen Vorteil für mich herausschlagen … Und er zwinkerte mir lächelnd mit dem linken Auge zu.

Ich antwortete ihm darauf so gut wie nichts Bestimmtes, tat aber, als erwöge ich den Vorschlag, und sagte schließlich, ich würde darüber noch „nachdenken“. Dann beeilte ich mich, fortzukommen. Die Sache wurde verwickelter. Ich fuhr schnell zu Wassin, den ich zum Glück zu Hause traf.

„Ah, auch Sie!“ sagte er rätselhaft, als er mich erblickte.

Ich schenkte diesem Ausruf weiter keine Beachtung, sondern erzählte ihm gleich diese letzte Geschichte mit Stebelkoff. Er war sichtlich verdutzt, doch verlor er deshalb keinen Augenblick seine Kaltblütigkeit. Er fragte mich eingehend nach den Einzelheiten, und ich mußte ihm alles ganz ausführlich wiedergeben.

„Ist es nicht doch möglich, daß Sie ihn falsch verstanden haben?“

„Nein, ich habe ihn ganz richtig verstanden; denn der Sinn seiner Worte war überhaupt nicht mißzuverstehen.“

„Jedenfalls bin ich Ihnen außerordentlich dankbar,“ sagte er aufrichtig. „Ja, in der Tat, wenn alles so war, dann hat er wohl gedacht, Sie würden einer gewissen Summe nicht widerstehen können.“

„Zumal er meine Lage sehr gut kennt: ich habe viel gespielt und habe mich schlecht aufgeführt, Wassin.“

„Ich habe davon gehört.“

„Am unverständlichsten ist mir aber,“ wagte ich, scheinbar unbefangen und wie beiläufig, zu bemerken, „daß er von Ihnen doch weiß, daß Sie zu diesen Leuten gehen.“

„Er weiß ganz genau,“ erwiderte Wassin einfach und selbstverständlich, „daß ich mit alledem nichts zu tun habe. Und eigentlich sind ja alle diese jungen Leute doch nur Schwätzer und nichts weiter; übrigens müssen Sie sich ja selbst noch am besten daran erinnern.“

Wie mir schien, traute er mir in irgendeiner Beziehung doch nicht ganz.

„Jedenfalls bin ich Ihnen außerordentlich dankbar,“ sagte er noch einmal.

„Man spricht davon, daß es Herrn Stebelkoff geschäftlich nicht gerade gut gehe,“ bemerkte ich wieder wie beiläufig, scheinbar ohne jeden Hintergedanken, „wenigstens habe ich von gewissen Aktien gehört …“

„Von was für Aktien?“ fragte er, und ich sah, wie er sofort aufhorchte.

Ich hatte mit Absicht die „gewissen Aktien“ erwähnt, aber selbstverständlich nicht deshalb, um ihm das Geheimnis des Fürsten mitzuteilen. Ich wollte nur eine Anspielung machen und aus seinem Gesicht, aus seinen Augen ersehen, ob er von diesen Aktien etwas wußte. Und ich erreichte meinen Zweck: aus einem unwillkürlichen, wenn auch kaum merklichen Zucken seines Gesichts erriet ich, daß er auch davon etwas wußte. Ich antwortete nicht auf seine Frage, was für Aktien das wären, sondern sprach von anderem weiter; aber auch er ging merkwürdigerweise auf anderes über.

„Wie geht es Lisaweta Makarowna?“ erkundigte er sich teilnehmend.

„Gut. Meine Schwester verehrt Sie sehr …“

Seine Augen erglänzten vor Freude; ich hatte schon längst bemerkt, daß Lisa ihm nicht gleichgültig war.

„Fürst Ssergei Petrowitsch Ssokolski war vor einiger Zeit bei mir,“ teilte er mir auf einmal mit.

„Wann?“ fragte ich erstaunt.

„Vor vier Tagen.“

„Nicht gestern?“

„Nein, gestern nicht.“

Er sah mich fragend an.

„Ich werde Ihnen vielleicht später einmal Näheres über diesen Besuch erzählen, jetzt aber möchte ich Sie nur darauf aufmerksam machen,“ sagte Wassin rätselhaft, „daß er sich, wie mir schien, in einem gewissermaßen unnormalen Gemüts- und sogar Geisteszustand befand. Übrigens ist noch jemand bei mir gewesen,“ sagte er plötzlich lächelnd, „soeben, kurz bevor Sie kamen, und auch bei diesem Besuch mußte ich auf einen nicht ganz normalen Zustand schließen.“

„War der Fürst soeben hier?“

„Nein, nicht der Fürst, ich rede jetzt nicht vom Fürsten. Bei mir war vorhin … Andrei Petrowitsch Werssiloff und … Wissen Sie nichts? Ist mit ihm nicht etwas Besonderes geschehen?“

„Vielleicht, es wäre möglich, – aber was ist mit ihm denn hier bei Ihnen geschehen?“ fragte ich gespannt.

„Eigentlich dürfte ich das nicht sagen … Wir führen heute eine etwas sonderbare Unterhaltung, über lauter Geheimnisse,“ setzte er mit einem Lächeln hinzu. „Andrei Petrowitsch hat übrigens Verschwiegenheit von mir nicht ausdrücklich verlangt. Aber da Sie sein Sohn sind, und ich Ihre Gefühle für ihn kenne, so dürfte es diesmal sogar geboten sein, Sie davon in Kenntnis zu setzen. Stellen Sie sich vor, er kam zu mir, um mich zu fragen, ob ich, wenn er sich in den nächsten Tagen duellieren müßte, – ob ich dann sein Sekundant sein würde. Ich habe natürlich abgelehnt.“

Ich war maßlos verwundert. Diese Neuigkeit war die beunruhigendste von allen: es mußte etwas geschehen, ihm etwas widerfahren sein, wovon ich noch nichts wußte! Und plötzlich, im Augenblick, fiel es mir ein, daß Werssiloff gestern zu mir gesagt hatte: ‚Nicht ich werde zu dir kommen, wohl aber wirst du zu mir stürzen.‘ Ich fuhr schnell zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch und fühlte nun noch mehr voraus, daß dort die Lösung des Rätsels zu finden war. Wassin dankte mir beim Abschied noch einmal.

II.
Der alte Fürst saß vor dem Kamin, die Füße mit einem Plaid warm zugedeckt. Er empfing mich mit einem eigentümlich fragenden Blick, ganz, als wundere er sich über mein Kommen, und doch hatte er fast jeden Tag nach mir geschickt. Übrigens begrüßte er mich freundlich, aber auf meine ersten Fragen antwortete er gleichsam mißmutig und merkwürdig zerstreut. Hin und wieder schien er über irgend etwas nachzudenken, und dann sah er mich fragend an, ganz als versuche er sich einer Sache zu erinnern, die er zum Teil vergessen hatte, und die sich zweifellos auf mich bezog. Ich sagte ihm ganz offen, daß ich schon alles gehört hätte und mich sehr freute. Ein freundliches und gutes Lächeln erschien sofort auf seinen Lippen, und er belebte sich förmlich; seine Zurückhaltung und sein Mißtrauen verschwanden im Nu, als hätte er sie plötzlich ganz vergessen. Und so war es wohl auch.

„Du bist mein lieber junger Freund, ich wußte es ja, daß du als erster kommen würdest. Weißt du, noch gestern dachte ich an dich. Ich fragte mich: ‚Wer wird sich darüber freuen? – Er wird sich freuen!‘ Nun und sonst auch niemand mehr; aber das tut ja nichts. Die Menschen haben böse Zungen, doch das ist belanglos. Cher enfant,[53] das ist ja alles so erhaben und so wundervoll … Aber du kennst sie ja selbst. Von dir hält Anna Andrejewna sehr viel. Sie – sie hat das strenge und schöne Gesicht einer englischen Gravüre. Sie ist wie der schönste englische Stahlstich, den man sich nur denken kann … Vor drei Jahren hatte ich eine ganze Sammlung solcher Stahlstiche … Ich habe schon von jeher, von jeher diese Absicht gehabt! Ich wundere mich nur, weshalb ich nicht von selbst darauf gekommen bin!“

„Sie haben ja Anna Andrejewna, soviel ich weiß, immer sehr geliebt und ausgezeichnet.“

„Mein Freund, wir wollen niemandem schaden. Das Leben mit Freunden, mit Verwandten, mit denen, die unserem Herzen lieb und teuer sind – das ist das Paradies. Alle Menschen sind Dichter … Das weiß man schon seit den ältesten Zeiten. Weißt du, wir werden im Sommer zuerst nach Bad Soden reisen und dann nach Bad Gastein. Aber du bist so lange nicht bei mir gewesen, wo warst du denn? Ich habe auf dich gewartet. Und nicht wahr, es ist doch inzwischen so viel geschehen! Schade nur, daß ich nicht ruhig bin: sobald ich allein bin, werde ich gleich unruhig. Und deshalb darf ich auch nicht allein bleiben, nicht wahr? Das ist doch klar wie’s Einmaleins. Das habe ich auch sofort eingesehen, schon nach ihren ersten Worten. Oh, mein Freund, sie hat ja im ganzen nur zwei Worte gesagt, aber die … die waren in ihrer Art so was wie die wunderbarste Poesie. Aber du bist ja ihr Bruder, ja, eigentlich ihr Bruder, nicht wahr? Mein Lieber, deshalb habe ich dich auch die ganze Zeit so geliebt. Ich schwöre dir, ich habe das alles vorausgefühlt. Ich habe ihr nur die Hand geküßt und dann geweint.“

Er zog sein Taschentuch hervor, als wolle er wieder zu weinen anfangen. Er war sehr erschüttert, und sein Zustand schien so schlecht zu sein, wie ich es bis dahin noch nie gesehen hatte. Gewöhnlich oder sogar fast immer war er frischer und aufgeräumter gewesen. „Ich würde allen verzeihen, mein Freund,“ stammelte er weiter. „Ich habe den Wunsch, allen zu verzeihen, und ich ärgere mich schon lange über niemand mehr. Mir bleibt die Liebe zur Kunst, la poésie dans la vie,[54] Wohltun den Armen, und sie – das ist biblische Schönheit. Quelle charmante personne, nicht wahr? Les chants de Salomon … non, ce n’est pas Salomon, c’est David qui mettait une jeune belle dans son lit pour se chauffer dans sa vieillesse. Enfin David, Salomon[55] – das dreht sich alles in meinem Kopf, das reine Chaos. Jedes Ding, cher enfant, kann erhaben und gleichzeitig lächerlich sein. Cette jeune belle de la vieillesse de David – c’est tout un poème,[56] aber bei einem Paul de Kock wäre daraus irgendeine scène de bassinoire[57] geworden, und wir würden alle darüber lachen. Paul de Kock hat weder Maß noch Geschmack, wenn er auch Talent hat … Katerina Nikolajewna lächelt … Ich sagte ihr, daß wir niemanden stören werden. Wir haben unseren Roman angefangen, und nun soll man uns ihn beenden lassen. Mag das ein Traum sein, aber man soll uns diesen Traum nicht nehmen!“

„Wieso denn ein Traum, Fürst?“

„Ein Traum? Wieso ein Traum? Nun, meinetwegen kann es auch nur ein Traum sein, aber man soll mich wenigstens mit diesem Traum sterben lassen.“

„Oh, Fürst, warum denn sterben? Leben müssen Sie, gerade jetzt leben!“

„Ja, was habe ich denn anderes gesagt? Ich sage doch die ganze Zeit nur das. Ich weiß wirklich nicht, weshalb das Leben so kurz ist. Damit es nicht langweilig werde, natürlich, denn das Leben ist ein Kunstwerk des Schöpfers selbst, ein Kunstwerk von der vollendeten und untadeligen Form eines Puschkinschen Gedichts. Kürze ist die erste Bedingung des Künstlerischen. Aber wenn jemand keine Langeweile fühlt, so könnte man den doch auch etwas länger leben lassen.“

„Sagen Sie, Fürst, ist die Verlobung schon offiziell?“

„Nein, mein Lieber, das ist sie keineswegs! Wir haben das nur so beschlossen. Es bleibt in der Familie, nur in der Familie, nur in der Familie. Vorläufig habe ich bloß Katerina Nikolajewna alles mitgeteilt, da ich mich ihr gegenüber schuldig fühle. Oh, Katerina Nikolajewna ist ein Engel, ein Engel!“

„Ja, ja, das ist sie!“

„Ja? Auch du sagst ‚ja‘? Und ich dachte, daß gerade du ihr Feind seist. Apropos, da fällt mir ein: sie bat mich doch, dich nicht mehr zu empfangen. Und stell dir vor: als du hereinkamst, hatte ich das ganz vergessen.“

„Was sagen Sie?“ Ich sprang auf. „Aber weswegen denn? Wann hat sie das gesagt?“

(Meine Ahnung hatte mich also nicht betrogen! Ja, gerade etwas von der Art hatte ich schon die ganze Zeit geahnt, seit dem überraschenden Erscheinen Tatjana Pawlownas bei mir!)

„Gestern, mein Lieber, gestern hat sie es mir gesagt, und ich verstehe gar nicht, wie du jetzt überhaupt hast hereinkommen können; denn es sind doch schon Anweisungen gegeben worden. Wie bist du hereingekommen?“

„Ich bin ganz einfach hereingegangen.“

„Das ist auch am wahrscheinlichsten. Wenn du dich mit vorsichtiger Schlauheit hereingestohlen hättest, würde man dich bestimmt aufgehalten haben, aber da du ganz einfach hereinkamst, haben sie dich durchgelassen. Die Einfachheit, mon cher, ist in Wirklichkeit die höchste Schlauheit.“

„Ich verstehe noch immer nicht: also auch Sie hatten beschlossen, mich nicht mehr zu empfangen?“

„Nein, mein Freund, ich habe gesagt, daß mich das nichts anginge … Das heißt, ich habe zu allem ja gesagt. Glaube mir, mein lieber Junge, ich habe dich viel zu lieb … Aber Katerina Nikolajewna hat das gar zu bestimmt verlangt … Ah, siehe da!“

In diesem Augenblick erschien Katerina Nikolajewna in der Tür. Sie war zum Ausgehen angezogen und kam, um ihrem Vater vor dem Fortgehen einen Kuß zu geben, wie sie das immer tat. Als sie mich erblickte, stutzte sie, wurde verlegen, drehte sich schnell um und ging hinaus.

„Voilà!“ rief der Fürst erschrocken und furchtbar aufgeregt.

„Das ist ein Mißverständnis!“ rief ich, „das muß ich im Augenblick … Ich … ich komme sofort zurück, Fürst!“

Und schon eilte ich Katerina Nikolajewna nach.

Was nun folgte, geschah alles so schnell, daß ich nicht nur keine Zeit hatte, zu überlegen, wie ich mich verhalten und vorgehen sollte, sondern daß ich überhaupt nicht zur Besinnung kam. Hätte ich auch nur ein wenig überlegen und mich vorbereiten können, so würde ich mich selbstverständlich ganz anders aufgeführt haben. So jedoch verlor ich wie ein kleiner Junge einfach den Kopf. Ich eilte zunächst zu ihren Zimmern, aber unterwegs stieß ich auf einen Diener, der mir sagte, daß Katerina Nikolajewna bereits hinausgegangen sei und sich in den Wagen setze. Da lief ich Hals über Kopf ins Treppenhaus. Katerina Nikolajewna hatte ihren Pelz schon umgenommen und stieg die Treppe hinunter, und neben ihr ging, oder vielmehr, es führte sie ein hochgewachsener wohlgestalteter Offizier in Uniform, ohne Mantel, den Säbel an der Seite; ein Diener trug ihm den Mantel nach. Das war Baron Bjoring. Er war Oberst, etwa fünfunddreißig Jahre alt, der Typ eines eleganten Offiziers: sehnig, mit einem etwas fast zu länglichen Gesicht, einem rötlich blonden Schnurrbart und beinahe ebensolchen Wimpern. Sein Gesicht war zwar gar nicht hübsch, aber es war von scharfem Schnitt und herausforderndem Ausdruck. Ich beschreibe ihn nur flüchtig, wie ich ihn in dem Augenblick sah. Bis dahin hatte ich ihn noch niemals gesehen. Ich eilte ihnen ohne Hut und Pelz nach. Katerina Nikolajewna bemerkte mich zuerst und flüsterte ihm schnell etwas zu. Er wollte schon den Kopf nach mir umwenden, gab aber dann nur dem Diener und dem Portier einen Wink. Der Diener machte schnell einen Schritt auf mich zu – das war schon an der Haustür –, doch ich schob ihn zur Seite und lief ihnen nach auf die Vorfahrt. Bjoring half Katerina Nikolajewna in die Equipage.

„Katerina Nikolajewna! Katerina Nikolajewna!“ rief ich sinnlos (wie ein Esel! Wie ein Esel! Oh, ich erinnere mich noch so genau, – ich war ohne Hut!).

Bjoring wandte sich wütend halb nach dem Diener um und rief ihm laut etwas zu, ein oder zwei Worte, ich weiß nicht, was. Ich fühlte nur, wie mich jemand am Ellenbogen packte. Da zogen die Pferde an, und die Equipage rollte davon – ich rief noch einmal und wollte ihr nachlaufen, doch ich sah nur noch, daß Katerina Nikolajewna zum Fenster hinausschaute und in großer Unruhe zu sein schien. Aber in meiner Hast, ihr nachzueilen, stieß ich plötzlich heftig an den Baron, ohne es zu gewahren, und ich glaube, ich trat ihm auf den Fuß. Er schrie leicht auf, knirschte mit den Zähnen, faßte mich mit starker Hand an der Schulter und stieß mich wütend fort, so daß ich gute drei Schritt zurückflog. In dem Augenblick reichte ihm der Diener den Mantel; er warf ihn sich um die Schultern, setzte sich in seinen Schlitten und rief im Fortfahren den Bedienten und dem Portier noch einmal drohend etwas zu, wobei er auf mich wies. Ich wurde von ihnen ergriffen und festgehalten: der eine warf mir meinen Pelz um, der andere reichte mir den Hut und – ich weiß nicht, was sie noch sagten; ich stand und hörte sie wohl sprechen, aber ich begriff nichts. Und auf einmal drehte ich ihnen den Rücken und eilte davon.

III.
Ich lief, ohne zu überlegen, ohne zu denken, ich stieß achtlos die Menschen an und sah kaum etwas, bis ich schließlich die Wohnung Tatjana Pawlownas erreichte. Ich verfiel auch nicht einmal darauf, mir unterwegs eine Droschke zu nehmen. Bjoring hatte mich vor ihren Augen zurückgestoßen! Nun ja, ich war ihm auf den Fuß getreten, und da mag er es ganz unwillkürlich getan haben, wie einer, dem jemand auf ein Hühnerauge tritt (und ich war ihm vielleicht wirklich auf ein Hühnerauge getreten!) Aber sie hatte es gesehen und hatte auch gesehen, wie die Diener mich ergriffen, und alles das war vor ihren Augen geschehen, vor ihren Augen! Als ich zu Tatjana Pawlowna hineinstürzte, konnte ich zunächst kein Wort hervorbringen. Mein Unterkiefer zitterte wie im Fieber. Aber ich war ja auch im Fieber, und außerdem weinte ich … Oh, man hatte mich so grausam gekränkt.

„Ah! Na was? Bist hinausgeworfen worden? Das ist recht, das ist recht!“ sagte Tatjana Pawlowna.

Ich sank stumm auf den Diwan und sah sie an.

„Aber was ist denn mit ihm?“ Sie betrachtete mich prüfend. „Er zittert ja! – Da, trink mal etwas Wasser, hier ist Wasser, trink! Und jetzt sag, was hast du dort noch angerichtet?“

Ich murmelte etwas davon, daß man mich hinausgeworfen und Bjoring mich auf der Straße gestoßen hatte.

„So? Kannst du jetzt schon etwas verstehen oder noch nicht? Dann nimm mal dies hier, – ließ und freue dich!“

Sie nahm einen Brief vom Tisch, gab ihn mir und blieb erwartungsvoll vor mir stehen. Ich erkannte sofort die Handschrift Werssiloffs: es war ein Brief von ihm an Katerina Nikolajewna. Ich fuhr zusammen, und im Augenblick war auch mein Verstand wieder klar, und ich begriff mit aller Schärfe. Der Inhalt dieses entsetzlichen, schändlichen, verrückten, räuberischen Briefes war buchstäblich folgender:

Sehr geehrte Katerina Nikolajewna!

Obschon ich weiß, wie verderbt Sie Ihrer Natur und Ihrer Anschauung nach sind, habe ich doch gedacht, daß Sie Ihre Leidenschaften manchmal etwas zügeln und es wenigstens nicht auf Kinder absehen würden. Aber Ihre Schamlosigkeit schreckt selbst davor nicht zurück. Ich teile Ihnen mit, daß das Ihnen bekannte Dokument bestimmt nicht verbrannt worden ist und sich auch niemals in den Händen des Herrn Krafft befunden hat, weshalb Sie auf diese Weise nichts erreichen werden. Verderben Sie deshalb nicht zwecklos einen Jüngling. Verschonen Sie ihn, er ist noch nicht volljährig, ist fast noch ein Knabe, ist sowohl geistig wie körperlich noch unentwickelt. Was hätten Sie an diesem Jungen? Ich aber nehme Anteil an ihm, und deshalb wage ich, Ihnen das zu schreiben, wenn ich auch nicht auf einen Erfolg hoffe. Ich habe die Ehre, Ihnen noch mitzuteilen, daß ich eine Abschrift dieses Briefes gleichzeitig an Baron Bjoring sende.

A. Werssiloff.

Ich erbleichte, als ich das las, dann aber schoß mir das Blut plötzlich heiß ins Gesicht, und meine Lippen bebten vor Empörung.

„Das sagt er ja von mir! Das ist das, was ich ihm vorgestern anvertraut habe!“ rief ich, zitternd vor Wut.

„Das ist’s ja, daß du’s ihm ‚anvertraut‘ hast!“ Tatjana Pawlowna riß mir den Brief aus der Hand.

„Aber … ich habe ja gar nicht das … so was hab ich ihm doch gar nicht gesagt! O Gott, was muß sie jetzt von mir denken! Aber er ist ja wahnsinnig! Er ist wirklich wahnsinnig … Ich habe ihn gestern gesehen. Wann ist der Brief abgesandt?“

„Gestern am Tage; am Abend hat sie ihn erhalten, und heute früh brachte sie ihn mir persönlich.“

„Ich habe ihn gestern gesehen, er ist wahnsinnig! Das hat Werssiloff nicht schreiben können, das hat ein Wahnsinniger geschrieben! Wer schreibt denn so etwas an eine Frau?“

„Eben solche Verrückte schreiben’s in ihrer Wut, wenn sie vor Eifersucht und Zorn blind und taub werden, und ihr Blut sich in Gift verwandelt … Du weißt noch gar nicht, was für einer er ist! Dafür wird man ihn jetzt so niederschlagen, daß überhaupt nichts mehr von ihm übrigbleibt. Er steckt ja selber seinen Kopf unter das Richtschwert! Er sollte doch lieber nachts auf die Nikolaibahnstrecke gehen und seinen Kopf auf die Schienen legen! Da würde er ihm so hübsch abgeschnitten werden, – wenn er ihm nun mal zum Tragen zu schwer geworden ist! Und was hat dich denn geplagt, ihm das zu erzählen? Wozu mußtest du ihn denn noch aufreizen? Wolltest dich wohl rühmen vor ihm?“

„Aber was ist das für ein Haß! Was für ein Haß!“ rief ich und schlug mir mit der Hand vor die Stirn. „Und weshalb, weshalb? Haß gegen eine Frau! Was hat sie ihm denn getan? Was hat es zwischen ihnen gegeben, daß er einen solchen Brief überhaupt hat schreiben können?“

„‚Was für ein Haß‘! Da höre doch einer!“ verhöhnte mich Tatjana Pawlowna mit beißendem Spott.

Wieder schoß mir das Blut ins Gesicht: es war mir, als hätte ich noch etwas ganz Neues zu begreifen; ich sah sie fragend an, jede Fiber in mir war gespannt.

„Scher dich weg! Geh mir aus den Augen!“ kreischte sie auf einmal und wandte sich schnell von mir ab. „Hab mich genug mit euch allen abgegeben! Bin es satt! Und wenn ihr auch alle umkommt …! Nur um deine Mutter täte es mir noch leid …“

Ich eilte von ihr natürlich zu Werssiloff. Nein, war das aber eine Niedertracht! So eine Niedertracht!

IV.
Werssiloff war nicht allein. Eines muß ich vorausschicken: da er nun einmal diesen verhängnisvollen Brief an Katerina Nikolajewna und eine Abschrift desselben tatsächlich an Baron Bjoring abgesandt hatte (und nur Gott mochte wissen, weshalb), war er selbstverständlich auch auf die Folgen seiner Handlungsweise gefaßt gewesen und hatte deshalb schon am Morgen gewisse Vorkehrungen getroffen. So waren auf seinen Wunsch hin Mama und Lisa (die, wie ich später erfuhr, an diesem Morgen nicht ganz wohl zurückgekehrt war und sich zu Bett gelegt hatte) nach oben in das Giebelstübchen, in den sogenannten „Sarg“, übergesiedelt; und die Zimmer unten, besonders unser „Wohnzimmer“, waren sorgfältig aufgeräumt und gesäubert worden. Und richtig: um zwei Uhr mittags erschien bei ihm ein Baron R., ein Oberst, etwa vierzig Jahre alt, gleichfalls deutscher Abstammung, von hohem Wuchs, hager, doch offenbar von großer körperlicher Kraft, und auch so rötlich blond wie Bjoring, nur zeigte sich bei ihm schon der Anfang einer Glatze. Er war einer von diesen Baronen R., deren es sehr viele in der russischen Armee gibt, die alle als „Barone“ ein übertriebenes Ehrgefühl haben, gar kein Vermögen besitzen und nur von ihrem Gehalt leben, dabei im Dienst unermüdlich und vortreffliche Frontoffiziere sind. Sie waren bereits mitten in ihrer Auseinandersetzung, als ich eintrat, und schienen beide sehr gereizt zu sein. Wie hätten sie es auch nicht sein sollen! Werssiloff saß auf dem Sofa hinter dem Tisch, der Baron seitlich in einem Sessel. Werssiloff war bleich, sprach jedoch sehr beherrscht und jedes Wort scharf durch die Zähne; der Baron dagegen sprach mit erhobener Stimme und war sichtlich zu heftigen Bewegungen geneigt, bezwang sich aber noch, wenn auch nur mit Mühe, blickte streng, hochmütig und sogar mit Verachtung drein, doch sah man ihm trotzdem eine gewisse Verwunderung an. Als er mich erblickte, verfinsterte sich sein Gesicht; Werssiloff aber schien sich über mein Erscheinen fast zu freuen.

„Guten Tag, mein Lieber. Baron, dieser noch sehr junge Mann ist derselbe, von dem in meinem Brief die Rede ist, aber ich versichere Sie, seine Anwesenheit wird uns nicht stören und uns vielleicht sogar zustatten kommen.“

Der Baron musterte mich mit Verachtung.

„Mein Lieber,“ fügte Werssiloff hinzu, indem er sich zu mir wandte, „es freut mich, daß du gekommen bist; du setzt dich vielleicht so lange dorthin in die Ecke, bis der Baron und ich unsere Auseinandersetzung beendet haben. Ich bitte dich darum. Beruhigen Sie sich, Baron, er wird uns nicht stören und nur dort in der Ecke sitzen.“

Mir war das schließlich einerlei; denn ich hatte meinen Vorsatz schon gefaßt, und außerdem war ich nicht wenig verwirrt. Ich setzte mich stumm in die Ecke, so weit wie möglich entfernt, und verharrte dort regungslos …

„Ich versichere Ihnen nochmals, Baron,“ sagte Werssiloff mit fester Stimme, „daß ich Katerina Nikolajewna Achmakoff, an die ich diesen unwürdigen und krankhaften Brief geschrieben habe, nicht nur für das edelste Wesen, sondern für den Gipfel aller Vollkommenheiten halte!“

„Eine solche Widerrufung Ihrer eigenen Worte ist aber, wie ich Ihnen bereits erklärt habe, fast eine Wiederholung derselben,“ erwiderte der Baron ungehalten. „Ihre Worte bezeugen entschieden nicht das, was man Ehrerbietung nennt.“

„Und doch kann ich Sie nur ersuchen, meine Worte in ihrem buchstäblichen Sinne aufzufassen. Ich leide an gewissen Anfällen und … muß deshalb auch eine Kur durchmachen. Und in einem solchen Augenblick habe ich leider …“

„Solche Erklärungen kann ich unter keinen Umständen gelten lassen. Ich mache Sie schon zum … ja, ich weiß nicht, zum wievielten Male darauf aufmerksam, daß Sie unentwegt fortfahren, auf Ihrer falschen Auffassung zu beharren, und das vielleicht sogar absichtlich! Ich habe Sie schon gleich zu Anfang darauf hingewiesen, daß diese Dame bei Behandlung der ganzen Frage, das heißt Ihres Schreibens an die Generalin Achmakoff, in unserer gegenwärtigen Auseinandersetzung ein für allemal ausgeschaltet werden muß; Sie aber kommen immer wieder darauf zurück. Baron Bjoring hat mich gebeten und mich beauftragt, ihm in dieser Angelegenheit nur darüber Klarheit zu verschaffen, was ihn allein und persönlich trifft, also über Ihre herausfordernde Zusendung einer Kopie jenes Briefes an ihn und ferner über Ihre Bemerkung, daß Sie zu jeder von ihm gewünschten Satisfaktion bereit seien.“

„Aber dieses letztere dürfte doch wohl, denke ich, ohne weiteres klar sein.“

„Ich verstehe, das haben Sie schon gesagt. Sie sprechen also nicht einmal Ihre Entschuldigung aus, sondern bestehen unverändert nur darauf, daß Sie zu jeder von ihm gewünschten Satisfaktion bereit sind. Aber das ist doch gar zu wohlfeil! Und deshalb halte ich mich schon jetzt für berechtigt, in Anbetracht der Wendung, die Sie dieser Auseinandersetzung hartnäckig zu geben suchen, Ihnen nun auch meinerseits alles, und zwar rückhaltlos, zu sagen: das heißt, ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß Baron Bjoring unter kei–nen Umständen mit Ihnen etwas zu tun haben kann … auf der Grundlage gesellschaftlicher Gleichstellung.“

„Eine solche Auffassung ist natürlich die vorteilhafteste für Ihren Freund, den Baron Bjoring, und ich kann Ihnen gestehen, Sie überraschen mich damit nicht im geringsten: ich war auf so etwas gefaßt.“

Nebenbei bemerkt: ich hatte schon aus den ersten Worten, ja, schon auf den ersten Blick erkannt, daß Werssiloff absichtlich auf einen Zusammenstoß lossteuerte, diesen reizbaren Baron geflissentlich reizte und herausforderte und seine Geduld vielleicht einer gar zu harten Probe aussetzte. Der Baron zuckte zusammen, konnte sich aber noch beherrschen.

„Ich habe gehört, daß Sie witzig sein können, aber Witz ist noch nicht Verstand.“

„Eine außerordentlich tiefe Bemerkung, Oberst.“

„Ich habe Sie nicht um Ihren Beifall gebeten,“ fuhr der Baron gereizt auf, „und bin nicht gekommen, um hier leeres Geschwätz zu führen! Ich ersuche Sie, mich anzuhören und zu Ende sprechen zu lassen: Baron Bjoring war sich keineswegs klar darüber, was er von Ihnen nach Ihrem Brief halten sollte, da ein solches Schreiben zweifellos Ihre Reife für eine Irrenanstalt bewies. Und selbstverständlich hätte man sofort Mittel finden können, um Sie … zu beruhigen. Aber aus gewissen besonderen Gründen entschloß man sich zur Nachsicht mit Ihnen, und es wurden Erkundigungen über Sie eingezogen. So stellte es sich heraus, daß Sie früher allerdings zur guten Gesellschaft gehört haben und Gardeoffizier gewesen sind, jetzt jedoch in der Gesellschaft nicht mehr empfangen werden und daß Ihr Ruf heute ein mehr als zweifelhafter ist. Trotzdem bin ich hergekommen, um mich persönlich zu unterrichten, und da erlauben Sie sich noch zum Überfluß, leere Worte zu machen und sich damit zu entschuldigen, daß Sie an Anfällen leiden. Das genügt! Baron Bjoring kann in diesem Fall sich und seinen Namen nicht so tief erniedrigen, daß er sich auf diese Geschichte überhaupt einläßt … Und deshalb, mein Herr, bin ich ermächtigt, Ihnen zu erklären: Sollten Sie sich noch einmal so etwas oder auch nur etwas Ähnliches erlauben, so werden unverzüglich Mittel gefunden werden, Sie zur Ruhe zu bringen, und zwar schnell und sicher wirkende, davon können Sie überzeugt sein. Wir leben nicht in einem Urwalde, sondern in einem wohlgeordneten Staat!“

„Sind Sie wirklich so fest davon überzeugt, mein guter Baron R.?“

„Zum Teufel!“ Der Baron sprang plötzlich auf. „Sie führen mich gar zu sehr in Versuchung, Ihnen unverzüglich zu beweisen, daß ich keineswegs ‚Ihr guter Baron R.‘ bin!“

„Ich möchte Sie noch einmal darauf aufmerksam machen,“ sagte Werssiloff und erhob sich gleichfalls, „daß meine Frau und meine Tochter sich hier in der Nähe befinden … und deshalb würde ich Sie bitten, nicht so laut zu sprechen, da Ihr Geschrei von ihnen gehört werden könnte.“

„Ihre Frau … Zum Teufel! Wenn ich hier gesessen und mit Ihnen gesprochen habe, so habe ich das nur getan, um Ihnen einen anderen Standpunkt in dieser widerlichen Geschichte beizubringen!“ fuhr der Baron laut und zornig fort und dachte nicht daran, seine Stimme zu dämpfen. „Ich habe aber genug davon!“ schrie er wütend. „Sie sind nicht nur aus dem Kreise anständiger Menschen ausgeschlossen, Sie sind überdies noch – ein Maniak, jawohl, sind mit fixen Ideen behaftet, und als solchen hat man Sie uns auch bezeichnet! Sie sind es nicht wert, daß man mit Ihnen Nachsicht hat, und ich erkläre Ihnen, heute noch werden die erforderlichen Schritte getan werden, und man wird Sie an einen Ort beordern, wo man es schon verstehen wird, Sie wieder zur Vernunft zu bringen … und Sie aus der Stadt zu schaffen!“ Er verließ das Zimmer mit großen, schnellen Schritten. Werssiloff geleitete ihn nicht hinaus: er stand da, sah mich zerstreut an, doch wie es schien, ohne mich zu sehen; auf einmal lächelte er, schüttelte seine Haare zurück, nahm dann seinen Hut und ging zur Tür. Ich faßte ihn am Arm.

„Ach, ja, auch du bist hier? Du … hast es gehört?“ Er war vor mir stehengeblieben.

„Wie haben Sie das tun können! Wie haben Sie es so entstellen und mir diese Schande antun können …! Und noch dazu mit solcher Arglist!“

Er sah mich die ganze Zeit unablässig an, aber sein Lächeln trat immer deutlicher hervor und schien geradezu in ein Lachen übergehen zu wollen.

„Man hat mir die Schmach angetan … vor ihren Augen! Vor ihren Augen! Man hat mich verspottet, und er … hat mich auf der Straße gestoßen!“ schrie ich außer mir.

„Wirklich? Ach, du armer Junge, wie ich dich bedauere … So hat man dich dort verspottet?“

„Sie lachen noch, Sie lachen noch über mich! Sie finden es lächerlich!“

Er riß seinen Arm aus meiner Hand, setzte den Hut auf und verließ lachend, bereits wirklich lachend, die Wohnung. Wozu sollte ich ihm nachlaufen, wozu jetzt noch? Ich hatte alles begriffen und – in einem Augenblick alles verloren! Auf einmal sah ich meine Mutter in der Tür; sie war von oben heruntergekommen und blickte sich ängstlich um.

„Ist er fortgegangen?“

Ich umfing sie schweigend, und sie drückte sich fest, fest an mich, schmiegte sich geradezu an mich.

„Mama, Liebste, können Sie denn wirklich noch bei ihm bleiben? Kommen Sie gleich mit mir, ich werde Sie verbergen und beschützen, ich werde für Sie wie ein Sträfling arbeiten, für Sie und für Lisa … Kommen Sie, verlassen wir sie alle, alle, und gehen wir fort! Leben wir ganz allein! Mama, wissen Sie noch, wie Sie mich bei Touchard besuchten und ich Sie nicht anerkennen wollte?“

„Ich weiß es noch, Liebling; ich bin mein Leben lang schuldig vor dir; ich habe dich geboren und dich nicht gekannt.“

„Daran ist nur er schuld, Mama, er allein ist an allem schuld; er hat Sie niemals geliebt!“

„Doch, er hat mich geliebt.“

„Gehen wir, kommen Sie, Mama!“

„Wohin soll ich denn von ihm fortgehen, ist er denn glücklich?“

„Wo ist Lisa?“

„Sie liegt zu Bett; als sie nach Haus kam, fühlte sie sich nicht wohl und legte sich hin. Ich habe solche Angst. Ist man denn dort sehr böse auf ihn? Was werden sie jetzt mit ihm tun? Wohin ist er gegangen? Womit hat dieser Offizier ihm hier gedroht?“

„Ach, widerfahren wird ihm ja deshalb doch nichts, beruhigen Sie sich, Mama; ihm widerfährt nie etwas, und ihm kann auch nichts widerfahren. Er ist schon einmal so ein Mensch! Da kommt Tatjana Pawlowna, fragen Sie die, wenn Sie mir nicht glauben, da ist sie!“ (Tatjana Pawlowna trat aus dem Korridor ins Zimmer.) „Auf Wiedersehen, Mama. Ich werde gleich zurückkommen, und dann werde ich Sie nochmals dasselbe fragen …“

Ich eilte hinaus; ich konnte keinen Menschen sehen, wer es auch sein mochte, nicht nur Tatjana Pawlowna; auch Mama quälte mich. Ich wollte allein sein, allein!

V.
Aber ich hatte kaum eine Straße durchschritten, als ich schon fühlte, daß ich nicht mehr gehen konnte, daß ich mich sinn- und zwecklos unter diesen fremden teilnahmslosen Menschen herumstieß. Doch wo sollte ich bleiben? Wer brauchte mich, und – was brauchte ich? Ich schleppte mich weiter und verfolgte ganz mechanisch den gewohnten Weg zum Fürsten Ssergei Petrowitsch. Dabei dachte ich aber gar nicht an ihn. Er war nicht zu Haus. Dem Pjotr (seinem Diener) sagte ich, ich würde im Kabinett auf ihn warten (was ich schon oft getan hatte). Das Kabinett war ein großer hoher Raum, in dem sehr viele Möbel standen. Ich suchte mir den dunkelsten Winkel aus, setzte mich dort auf einen Diwan, stützte die Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hände. Ja, das war die Frage: „Was brauchte ich jetzt?“ Wenn ich damals diese Frage bewußt hätte formulieren können, so wäre ich doch zu nichts weniger fähig gewesen, als sie zu beantworten.

Aber ich konnte weder vernünftig denken noch logische Fragen formulieren. Ich habe schon einmal gesagt, daß ich zu guter Letzt von den Ereignissen förmlich erdrückt war. Ich saß dort, und in meinem Kopf drehte sich alles. In mir war ein Chaos. „Ja, ich habe alles in ihm übersehen und nichts bemerkt, nichts begriffen,“ ging es mir flüchtig durch den Sinn. „Er hat mir soeben ins Gesicht gelacht; aber er lachte nicht über mich: er hat ja die ganze Zeit nur an Bjoring gedacht, nicht an mich. Vorgestern bei Tisch, als ich bei ihnen aß, da wußte er schon alles und war finster. Er hat meine dumme Beichte in jenem Kellerrestaurant aufgegriffen und sie auf Kosten der Wahrheit entstellt. Aber wozu? Er glaubt ja selbst nicht ein halbes Wort von dem, was er in seinem Brief an sie geschrieben hat. Ihm war es nur darum zu tun, sie zu beleidigen, sinnlos und grundlos zu beleidigen, ohne selbst zu wissen, wozu; er hat einfach den ersten besten Vorwand benutzt, und diesen Vorwand gab ich ihm mit meiner Beichte … Die Tat eines tollen Hundes! Will er jetzt etwa Bjoring totschießen? Warum? Sein Herz wird es schon wissen, warum! Ich aber habe keine Ahnung davon, was in seinem Herzen vorgeht … Nein, nein, auch jetzt weiß ich es nicht …! Sollte er sie denn wirklich bis zu solcher Leidenschaft lieben? Oder sie so leidenschaftlich hassen? Ich weiß es nicht; aber weiß er es denn selbst? Was sagte ich vorhin meiner Mutter, ‚daß ihm nichts widerfahren kann‘, – was wollte ich damit sagen? Habe ich ihn verloren, oder habe ich ihn noch nicht verloren?“

„… Sie hat gesehen, wie ich gestoßen wurde … Sie hat wohl gelacht! – oder sollte sie nicht gelacht haben? Ich hätte an ihrer Stelle gelacht! Der Spion wurde geschlagen, der Spion …!“

„Was hat er damit sagen wollen“ (das fiel mir ganz plötzlich ein), „was hat er damit sagen wollen, was er in diesen schändlichen Brief noch hineingeflochten hat, daß das Dokument, ihr Brief, gar nicht verbrannt worden ist und noch existiert …?“

„Er wird Bjoring nicht totschießen, er sitzt jetzt bestimmt in dem Kellerrestaurant und hört die ‚Lucia‘. Aber nach der ‚Lucia‘ wird er vielleicht hingehen und Bjoring erschießen. Bjoring hat mich gestoßen, das ist so gut wie geschlagen; hat er mich wirklich geschlagen? Bjoring ist sogar zu stolz, Werssiloff zu fordern, wie sollte er da eine Forderung von mir annehmen? Vielleicht bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn morgen auf der Straße niederzuschießen …“ Diesen letzten Gedanken ließ ich mir ganz mechanisch durch den Kopf gehen, ohne im geringsten dabei zu verweilen.

Hin und wieder war es mir aber, als müsse sogleich die Tür aufgehen und Katerina Nikolajewna tritt herein und reicht mir die Hand, und da lachen wir beide … Oh, mein Student, mein lieber Student!

So zogen die Bilder und Gedanken an mir vorüber, wie meine Wünsche sie heraufbeschworen, als es im Zimmer schon dunkel geworden war.

„Wie lange ist es denn her, daß ich noch vor ihr stand, mich verabschiedete, und sie reichte mir die Hand und lachte? Wie hat es geschehen können, daß wir in so kurzer Zeit so entsetzlich weit auseinandergekommen sind? Sollte ich nicht einfach zu ihr gehen und mich sofort mit ihr aussprechen, im Augenblick, und ganz einfach alles erklären, ganz einfach?! Mein Gott, wie ist denn das gekommen, daß so plötzlich eine ganz neue Welt angefangen hat! Ja, eine neue Welt, eine ganz, ganz neue Welt … Lisa und der Fürst, die sind noch aus der alten … Ich bin doch jetzt hier beim Fürsten. Und Mama, wie hat sie mit ihm leben können, wenn es so ist! Ich würde es gekonnt haben, ich könnte alles, aber sie? Was soll jetzt werden?“ Und in meinem kranken Hirn sah ich wie in einem Wirbelwinde die Gestalten Lisas, Anna Andrejewnas, Stebelkoffs, des Fürsten, Aferdoffs, aller meiner Bekannten, auftauchen und verschwinden. Meine Gedanken wurden immer formloser und ungreifbarer: ich war froh, wenn ich einen von ihnen ganz erfassen und mich an ihn klammern konnte.

„Ich habe meine ‚Idee‘!“ dachte ich auf einmal bewußt.

„Aber ist es auch so? Habe ich das nicht nur auswendig gelernt? Meine Idee ist – Finsternis und Einsamkeit, aber kann ich denn jetzt noch in die frühere Einsamkeit und Finsternis zurück, ist das für mich jetzt überhaupt noch möglich? Ach, Gott! – Da hab ich das ‚Dokument‘ doch noch nicht verbrannt! Ich habe es vorgestern richtig vergessen. Sobald ich nach Hause komme, verbrenne ich es am Licht, ja, ich zünde einfach ein Licht an und verbrenne den Brief … Ich weiß nur nicht, ob es das ist, woran ich jetzt denke …“

Es war schon längst dunkel geworden. Pjotr war einmal gekommen, hatte mir Licht gebracht und mich gefragt, ob ich zu essen wünschte. Ich hatte ihn fortgeschickt und nichts bestellt. Inzwischen war vielleicht eine Stunde vergangen, da kam er wieder und brachte mir Tee. Durstig trank ich ein ganzes Glas. Ich fragte ihn, wieviel Uhr es sei. Es war halb neun, und ich wunderte mich nicht einmal, daß ich schon fünf Stunden gesessen hatte.

„Ich bin dreimal eingetreten,“ berichtete Pjotr, „aber der Herr schienen zu schlafen.“

Ich erinnerte mich nicht, ihn gesehen zu haben; und plötzlich erschrak ich sehr darüber, daß ich „geschlafen“ hatte. Ich stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, um nicht wieder zu „schlafen“. Schließlich bekam ich heftige Kopfschmerzen. Es hatte gerade zehn geschlagen, als auf einmal der Fürst eintrat. Ich wunderte mich, daß ich im Glauben gewesen war, auf ihn zu warten: ich hatte ihn ganz vergessen und überhaupt nicht mehr an ihn gedacht.

„Sie sind hier, und ich bin zu Ihnen gefahren, um Sie abzuholen,“ sagte er zu mir.

Sein Gesicht war finster und streng; keine Spur von einem Lächeln war zu sehen. Sein Blick war wie ein einziger starrer Gedanke.

„Ich habe mich den ganzen Tag herumgeplagt, habe alles versucht,“ fuhr er mit reglosem Gesicht fort, „aber alles ist zusammengestürzt, und vor mir steht das Entsetzen …“

(NB. Zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch war er doch nicht gegangen.) „Ich habe Shibelski gesehen und gesprochen, das ist ein unmöglicher Mensch. Also: zuerst muß man das Geld haben, dann kann man weiter sehen. Wenn es aber auch mit dem Gelde nicht gelingt, dann … Aber ich habe schon beschlossen, vorläufig daran nicht mehr zu denken. Verschaffen wir uns heute nur das Geld, das weitere werden wir dann morgen sehen. Ihr Gewinn von vorgestern ist noch unangerührt. Es fehlten nur drei Rubel an dreitausend. Nach Abzug Ihrer Schuld bekommen Sie noch dreihundertundvierzig Rubel zurück. Nehmen Sie die, und dann noch siebenhundert, damit Sie tausend haben, und ich nehme die übrigen zweitausend. Und jetzt fahren wir zu Serschtschikoff, setzen uns jeder an ein anderes Ende des Tisches und versuchen, zehntausend Rubel zu gewinnen, – vielleicht gelingt uns etwas; wenn nicht – dann … Übrigens ist das das einzige, was uns noch bleibt.“

Er sah mich fatalistisch an.

„Ja! ja!“ rief ich plötzlich begeistert, und ich fühlte mich förmlich erlöst. „Fahren wir zu Serschtschikoff! Ich habe ja nur deshalb auf Sie gewartet …“

In Wirklichkeit hatte ich die ganze Zeit nicht einen Augenblick an das Roulette gedacht.

„Aber die Feigheit? Die Erbärmlichkeit dieses Versuchs?“ fragte auf einmal der Fürst.

„Sie meinen, daß wir’s mit dem Spiel versuchen? Aber das ist doch das einzige!“ rief ich. „Geld ist ja alles! Nur wir zwei sind solche Heilige, Bjoring hat sich doch verkauft, Anna Andrejewna hat sich verkauft, Werssiloff aber – haben Sie schon gehört, daß Werssiloff ein Maniak ist? Ein Maniak! Ein Maniak!“

„Sind Sie nicht krank, Arkadi Makarowitsch? Sie haben so sonderbare Augen.“

„Sagen Sie das etwa, weil Sie ohne mich hinfahren wollen? Nein, ich bleibe jetzt nicht zurück. Mir hat doch nicht umsonst die ganze Nacht vom Spiel geträumt! Fahren wir, fahren wir!“ rief ich, als hätte ich damit die Lösung aller Rätsel gefunden.

„Nun, so fahren wir, wenn Sie auch Fieber haben, dort aber …“

Er sprach den Satz nicht zu Ende. Ein schwerer unheimlicher Ausdruck lag in seinem Gesicht. Wir brachen auf.

„Wissen Sie auch,“ sagte er plötzlich, und blieb in der Tür stehen, „daß es für mich noch einen anderen Ausweg gibt, außer dem Spiel?“

„Was für einen denn?“

„Einen fürstlichen!“

„Was …? Was meinen Sie?“

„Das werden Sie später erfahren. Nur dieses eine lassen Sie sich gesagt sein: daß ich dieses Auswegs nicht mehr würdig bin, weil es zu spät ist. Fahren wir, aber behalten Sie meine Worte. Versuchen wir es mit dem lakaienhaften Ausweg … Als ob ich nicht wüßte, daß ich bewußt, aus freiem Willen hinfahre und handle wie ein – Lakai!“

VI.
Ich fuhr zum Roulette, als läge in ihr allein mein Heil, meine Rettung; dabei hatte ich doch, wie ich schon sagte, bis zur Ankunft des Fürsten überhaupt nicht an das Spiel gedacht. Und ich fuhr ja auch gar nicht hin, um für mich zu spielen, sondern um mit dem Gelde des Fürsten für den Fürsten zu spielen; deshalb begreife ich nicht, was mich so mächtig hinzog, aber es zog mich unwiderstehlich hin. Oh, noch niemals waren mir diese Menschen, diese Gesichter, diese Croupiers, diese ewig gleichen Ausrufe, dieser ganze widerliche Saal bei Serschtschikoff so ekelhaft erschienen, so düster, so roh und traurig, wie an diesem Abend! Ich erinnere mich nur zu gut des Wehs und der Traurigkeit, die in diesen Stunden am Spieltisch von Zeit zu Zeit mein Herz ergriffen. Aber weshalb ging ich nicht fort? Weshalb ertrug ich das wie mein Los, wie mein Verhängnis, wie ein Opfer, das ich auf mich nahm? Ich kann von mir nur eines sagen: daß ich damals wohl kaum zurechnungsfähig war. Und doch hatte ich noch nie zuvor so vernünftig gespielt wie an diesem Abend. Ich war schweigsam und hatte alle meine Gedanken beisammen, war aufmerksam und furchtbar berechnend; ich konnte geduldig ausharren und geizig sein und gleichzeitig schnell entschlossen in dem Augenblick, wo es zu handeln galt. Ich hatte mich wieder in der Nähe des Zero hingesetzt, also wieder zwischen Serschtschikoff und Aferdoff, der immer an Serschtschikoffs rechter Seite saß; der Platz zwischen ihnen war mir verleidet, aber ich wollte es unbedingt wieder mit Zero versuchen, und die übrigen Plätze in der Nähe von Zero waren alle besetzt. Wir spielten schon reichlich eine Stunde, als ich auf einmal von meinem Platze aus sah, wie der Fürst sich mit bleichem Gesicht erhob, zu uns herüberkam und meinem Platz gegenüber an der anderen Seite des Tisches stehenblieb: er hatte alles verspielt und sah schweigend meinem Spiel zu, doch wahrscheinlich ohne etwas davon zu verstehen oder überhaupt noch an das Spiel zu denken. Ich hatte gerade erst angefangen zu gewinnen, und Serschtschikoff zahlte mir das gewonnene Geld aus. Plötzlich sah ich, wie Aferdoff ruhig die Hand ausstreckte und vor meinen Augen mit der größten Gelassenheit einen meiner Hundertrubelscheine nahm und zu dem Geldhaufen legte, der vor ihm lag. Ich schrie auf und packte seine Hand. Das geschah alles so plötzlich, so unerwartet: ich zerriß mit einem Ruck gleichsam alle meine Ketten; es war, als ob alle Schrecken und Kränkungen dieses Tages sich plötzlich in diesem einen Augenblick zusammengeballt hätten mit dieser erneuten Kränkung des Bestohlenwerdens um hundert Rubel. Es war, als hätte alles, was sich in mir angesammelt hatte und von mir unterdrückt worden war, nur auf diesen Anstoß gewartet, um zu explodieren.

„Der hier ist ein Dieb! Er hat mir soeben einen Hundertrubelschein gestohlen!“ schrie ich und sah mich wild im Kreise um.

Ich vermag die Aufregung nicht zu beschreiben, die meine Worte hervorriefen: ein solcher Skandal war hier etwas ganz Neues. Bei Serschtschikoff führte man sich tadellos auf, sein Spielzirkel war dafür bekannt. Aber ich war außer mir. Und da hörte man auf einmal, mitten in dem Lärm und Geschrei, Serschtschikoffs Stimme:

„Tatsächlich, das Geld ist fort, während es noch vor einem Augenblick hier lag! Vierhundert Rubel!“

Da kam nun plötzlich noch diese andere Geschichte hinzu: auch aus der Bank war Geld verschwunden, ein Päckchen Banknoten von vierhundert Rubeln. Serschtschikoff wies auf die Stelle, wo das Geld gelegen hatte, „noch vor einem Augenblick“, und diese Stelle war gerade neben mir, ja, sie stieß fast an den Platz, wo mein Geld lag, und befand sich somit viel näher bei mir als bei Aferdoff.

„Hier ist der Dieb! Das hat er gleichfalls gestohlen, durchsuchen Sie ihn!“ rief ich und wies auf Aferdoff.

„Das kommt alles nur daher,“ übertönte eine mächtige Stimme das ganze erregte Stimmengewirr, „daß man hier Menschen zuläßt, die keiner kennt. Leute ohne Empfehlungen! Wer hat ihn eingeführt? Wer ist er überhaupt?“

„Ein gewisser Dolgoruki.“

„Fürst Dolgoruki?“

„Fürst Ssokolski hat ihn eingeführt!“ schrie jemand.

„Hören Sie, Fürst,“ schrie ich über den ganzen Tisch ihm zu, „jetzt hält man hier mich für den Dieb, während ich es bin, der hier bestohlen worden ist! Sagen Sie ihnen, sagen Sie ihnen doch, wer ich bin!“

Doch was nun geschah, war das Schrecklichste von allem, was mir an diesem Tage widerfahren war … ja, was mir in meinem ganzen Leben widerfahren ist: der Fürst verleugnete mich. Ich sah, wie er mit den Achseln zuckte und auf die Fragen, mit denen man ihn von allen Seiten bestürmte, scharf und deutlich zur Antwort gab:

„Ich stehe für keinen ein. Ich bitte, mich in Ruhe zu lassen.“

Währenddessen stand Aferdoff, umgeben von einem ganzen Kreise von Herren, und verlangte mit lauter Stimme, man solle ihn durchsuchen. Er drehte schon selbst alle seine Taschen um. Aber auf seine Forderung wurde ihm beschwichtigend zugerufen: „Nein, nein, nicht nötig, wir wissen schon, wer der Dieb ist!“ Zwei Diener, die man gerufen hatte, ergriffen mich und hielten meine Arme auf dem Rücken fest.

„Ich lasse mich nicht durchsuchen, ich erlaube es nicht!“ schrie ich empört und suchte mich loszureißen.

Aber ich wurde ins Nebenzimmer geschleppt und dort mitten in der mich umstehenden Menschenschar bis in die letzte Falte durchsucht. Ich schrie und widersetzte mich aus allen Kräften.

„Er hat das Geld wohl fortgeworfen, man muß auf dem Teppich suchen,“ meinte schließlich jemand.

„Wo denn jetzt noch auf dem Teppich suchen?“

„Vielleicht hat er es noch irgend wohin unter den Tisch werfen können!“

„Jetzt ist natürlich jede Spur verloren …“

Man führte mich hinaus, aber es gelang mir noch, in der Tür mich einmal zurückzuwenden und in wahnsinnigem Jähzorn über den ganzen Saal hin zu schreien:

„Das Roulette ist von der Polizei verboten! Heute noch werde ich Sie alle anzeigen!“

Ich wurde nach unten geführt, in meinen Pelz gesteckt, und … dann öffnete man vor mir die Haustür.

Neuntes Kapitel.
I.
Der Tag hatte mit einer Katastrophe geendet, aber es blieb noch die Nacht. Was ich von dieser Nacht im Gedächtnis behalten habe, ist folgendes.

Ich glaube, es wird kurz nach zwölf gewesen sein, als ich mich so plötzlich wieder auf der Straße befand. Es war eine klare, stille, frostige Nacht. Ich lief fast und beeilte mich sehr, aber – nicht auf dem Wege nach Hause.

„Wozu nach Hause? Kann es denn für mich jetzt noch ein Zuhause geben? Zuhause … da würde ich morgen aufwachen, um weiterzuleben! Aber ist denn das für mich jetzt noch möglich? Mein Leben ist zu Ende, jetzt kann ich doch unter keinen Umständen mehr leben!“ Und so irrte ich durch die Straßen, ohne darauf zu achten, wohin ich ging, ja, ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt ein Ziel hatte, wohin ich laufen wollte. Mir war sehr heiß und ich schlug fortwährend meinen schweren Pelz auf. „Jetzt hat für mich schon nichts mehr einen Zweck,“ dachte ich, und so schien es mir damals wirklich, „gleichviel, was ich noch unternehmen wollte.“ Und sonderbar: alles ringsum, selbst die Luft, die ich atmete, schien mir auf einmal von einem anderen Planeten zu sein, ganz, als befände ich mich jetzt auf dem Monde. Alles das – die Stadt, die Menschen, die noch vereinzelt gingen, das Trottoir, auf dem ich dahineilte – alles das gehörte schon nicht mehr zu mir. „Da ist der Schloßplatz, dort ist die Isaakskirche,“ sagte irgend etwas in mir, „aber jetzt gehen sie mich nichts mehr an.“ Alles hatte sich mir gleichsam entfremdet, alles war auf einmal nicht mehr mein. „Ich habe Mama, ich habe Lisa – aber was sind mir jetzt noch Lisa und Mama? Alles ist zu Ende, alles hat mit einem Schlage aufgehört, nur das eine ist und bleibt, was jetzt für ewig feststeht: daß ich ein – Dieb bin.“

„Wie soll ich beweisen, daß ich kein Dieb bin? Ist das jetzt überhaupt noch möglich? Nach Amerika gehen? Was beweist man damit? Werssiloff wird der erste sein, der glauben wird, ich hätte gestohlen! Meine ‚Idee‘? Was für eine ‚Idee‘? Was ist die ‚Idee‘ jetzt noch? Auch nach fünfzig, nach hundert Jahren wird sich immer noch einer finden, der auf mich weist und sagt: ‚Der da – ist ein Dieb. Er hat die Verwirklichung seiner „Idee“ damit begonnen, daß er am Spieltisch Geld stahl‘ …“

War damals Wut in mir? Ich weiß es nicht; vielleicht. Sonderbar, ich habe immer diesen eigentümlichen Charakterzug gehabt, vielleicht schon von meiner frühesten Kindheit an: wenn man mir Böses getan, mich beleidigt, bis zur letzten Demütigung erniedrigt hatte, so war in mir jedesmal sofort das unwiderstehliche Verlangen erwacht, mich passiv der Beleidigung zu unterwerfen oder womöglich den Wünschen der Beleidiger noch entgegenzukommen. „Da seht, ihr habt mich erniedrigt, ich aber erniedrige mich selbst noch mehr, seht und freut euch!“ Touchard schlug mich und wollte mich fühlen lassen, daß ich ein Bedienter wäre und nicht wie die anderen ein Senatorensohn, und da nahm ich sofort selbst die Rolle des Bedienten auf mich. Ich reichte ihm nicht nur die Kleider, sondern griff noch selber zur Bürste, um auch das letzte Stäubchen von ihm abzubürsten; und es geschah nicht auf seinen Wunsch oder Befehl hin, wenn ich im Eifer der Erfüllung meiner Bedientenpflicht ihm sogar nachlief, um noch ein Federchen von seinem Frack abzubürsten, so daß er mir schließlich selbst Einhalt gebot: „Schon gut, schon gut, Arkadi, es genügt.“ Oder er kam nach Hause und zog seinen Überrock aus: da nahm ich den Überrock und bürstete ihn gewissenhaft, legte ihn sorgfältig zusammen und bedeckte ihn noch mit einem bunten, seidenen Tuch. Ich wußte, daß die Kameraden mich deshalb verachteten und auslachten, – oh, das wußte ich ganz genau, aber auch das war mir recht: „Wenn man einmal will, daß ich Diener sei, nun gut, dann bin ich Diener. Ihr glaubt, ich sei ein geborener Knecht – nun gut, dann bin ich eben ein Knecht!“ Passiven Haß und untergründige Wut habe ich jahrelang mit mir herumtragen können. Und als ich bei Serschtschikoff wie ein Rasender schrie, ich würde sie alle anzeigen, das Roulette sei von der Polizei verboten, – da kam, ich schwöre es, in diesem Schrei eben nur jener erwähnte Charakterzug zum Ausdruck: man hatte mich erniedrigt, durchsucht, für einen Dieb erklärt, moralisch vernichtet, – „nun, so hört denn alle, daß ich nicht nur ein Dieb bin, sondern auch ein Denunziant!“ Wenn ich jetzt daran zurück denke, kann ich mir das nur so erklären; damals aber dachte ich natürlich durchaus nicht an eine Analyse meiner Gefühle. Ich schrie es einfach in den Saal hinein, ganz ohne vorgefaßte Absicht, noch eine Sekunde vorher wußte ich nicht, daß ich das schreien würde: es schrie aus mir, von selbst – denn es ist nun einmal ein solcher Zug in meiner Seele.

Zweifellos begann ich damals, als ich so durch die Straßen irrte, schon im Fieber zu phantasieren, aber trotzdem erinnere ich mich genau, daß ich noch bewußt handelte. Allerdings kann ich mit aller Bestimmtheit versichern, daß ein ganzer Kreis von Gedanken und Folgerungen für mich damals schon nicht mehr faßbar war; ich fühlte und wußte in den Augenblicken sogar selbst, daß ich „gewisse Gedanken noch denken kann, an andere aber schon gar nicht mehr herankomme“. Ebenso konnten manche meiner Entschlüsse, obschon ich sie mit klarem Bewußtsein faßte, an sich jeder Logik bar sein. Und nicht nur das: ich weiß noch ganz genau, daß ich in manchen Augenblicken die Unsinnigkeit eines Entschlusses vollkommen klar erkennen und doch in demselben Augenblick mit vollem Bewußtsein die Ausführung dieses Entschlusses beginnen konnte. Ja, ein Verbrechen drängte sich mir förmlich auf in jener Nacht, und nur ein Zufall war es, daß es nicht geschah.

Mir fiel auf einmal eine Bemerkung ein, die Tatjana Pawlowna höhnisch zu Werssiloffs Verhalten gemacht hatte: er hätte doch an die Nikolaibahn gehen und seinen Kopf auf die Schienen legen können, da wäre er ihm ohne weiteres abgeschnitten worden. Dieser Gedanke bemächtigte sich für einen Augenblick aller meiner Gefühle, aber ich wies ihn sofort und mit einem jähen Schmerz von mir. „Den Kopf auf die Schienen legen und sterben, und morgen sagt man von mir: das hat er deshalb getan, weil er gestohlen hat, aus Scham und Reue hat er das getan, – nein, um keinen Preis!“ Und in eben diesem Augenblick, das weiß ich noch, kam plötzlich eine furchtbare Wut über mich. „Nun was?“ dachte ich erbost, „rechtfertigen kann ich mich ja doch auf keine Weise, ein neues Leben anzufangen ist gleichfalls unmöglich, und deshalb – sollte ich mich da nicht dreinfügen, Bedienter, Hund, ein Käfer, den man zertritt, ein Denunziant, ein richtiger Denunziant werden, und dabei heimlich mich vorbereiten und dann auf einmal – alles plötzlich in die Luft sprengen, alles vernichten, alles und alle, Schuldige und Unschuldige, damit dann alle auf einmal erfahren, daß das derselbe getan hat, den sie einen Dieb genannt haben … und dann natürlich auch mich selbst umbringen!“

Ich weiß nicht mehr, auf welchem Wege ich in eine Querstraße in der Nähe des Gardekavallerieboulevards gelangt war. Zu beiden Seiten dieser Querstraße zogen sich hohe Steinmauern hin, wohl hundert Schritte weit, – die Mauern von Hinterhöfen. Hinter einer dieser Steinmauern an der linken Straßenseite gewahrte ich einen riesigen Holzstapel; der Stapel war lang und hoch, ganz wie auf einem Holzhof, und überragte die Mauer noch um gute zwei Meter. Ich blieb plötzlich stehen und überlegte. In meiner Tasche hatte ich Wachszündhölzer in einem kleinen silbernen Behälter. Ich sage noch einmal: ich war mir vollkommen dessen bewußt, was ich da überlegte, und erinnere mich noch ganz genau daran, was ich tun wollte; aber warum ich das tun wollte – das weiß ich nicht, das weiß ich wirklich nicht. Ich weiß nur, daß ich dazu plötzlich sehr große Lust hatte. „Auf die Mauer hinaufzuklettern ist nicht schwer,“ überlegte ich; zwei Schritte von mir war in der Mauer ein Tor, das wohl monatelang verschlossen blieb. „Wenn man unten auf den Vorsprung tritt,“ überlegte ich weiter, „so kann man mit der einen Hand den oberen Rand des Torflügels fassen und sich mit Leichtigkeit auf die Mauer hinaufschwingen, – und niemand wird es bemerken, ringsum keine Menschenseele, nichts, nur lautlose Stille! Und dann setze ich mich rittlings auf die Mauer und stecke das Holz in Brand, und dazu brauche ich nicht einmal in den Hof hinabzuspringen, ich kann das Holz auch von der Mauer aus anstecken; denn es stößt ja fast an die Mauer. Bei dieser Kälte wird es noch besser brennen. Ich brauche nur ein Scheit Birkenholz zu nehmen … und selbst das ist nicht einmal nötig: wenn man auf der Mauer sitzt, braucht man nur mit einer Hand etwas Birkenrinde von einem Scheit abzureißen, anzuzünden und dann zwischen die Scheite des Stapels zu stecken, und der Brand wäre da. Ich aber springe dann von der Mauer herab und gehe fort; ich brauche nicht einmal zu laufen; denn es wird ja noch lange nichts bemerkt werden.“ So überlegte ich mir das alles, und auf einmal war ich fest entschlossen. Ich empfand ein außerordentliches Vergnügen und eine große Lust und schickte mich sofort an, hinaufzuklettern. Ich war ein guter Turner: Turnen war schon auf dem Gymnasium mein Spezialfach gewesen, aber ich hatte jetzt hohe Galoschen an, und da war die Sache doch schwieriger, als ich gedacht hatte. Ich konnte mich freilich an einem kleinen, kaum fühlbaren Vorsprung oben mit einer Hand festhalten, und ich hob schon die andere Hand, um den Mauerrand zu fassen, aber da glitt ich auf einmal aus und fiel rücklings hinunter. Ich nehme an, daß ich mit dem Hinterkopf aufs Trottoir gefallen bin und wohl eine oder zwei Minuten bewußtlos dagelegen habe. Als ich wieder zu mir kam, zog ich mechanisch den Pelz fester um mich; denn ich empfand auf einmal eine unerträgliche Kälte; und nur halb dessen bewußt, was ich tat, schleppte ich mich zum Tor und setzte mich dort in der Vertiefung, im Winkel zwischen der Mauer und dem Torflügel, ganz zusammengekauert hin. Meine Gedanken verwirrten sich, und ich schlief wohl sehr schnell ein. Wie eines Traumes erinnere ich mich noch, daß in meinen Ohren auf einmal tiefer, schwerer Glockenklang ertönte und ich mit Lust auf ihn zu lauschen begann.

II.
Die Glocke schlug alle zwei oder drei Sekunden einmal fest und sicher an, aber das war keine Alarmglocke, sondern ein seltsam schöner, schwingender Klang, und schließlich kam er mir so bekannt vor, und da sagte ich mir auch schon, daß das ja der Glockenklang von der Nikolaikirche ist, der roten Kirche, fast gegenüber dem Hause von Touchard, – der altertümlichen Moskauer Kirche, deren ich mich noch so gut erinnere, die noch aus der Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch stammt und mit reichem Zierat, vielen Türmen und Säulen geschmückt ist. Und ich wußte auf einmal, daß die Osterwoche eben vorüber war, und an den schmächtigen Birken im Gärtchen hinter dem Hause von Touchard schon junge grüne Blättchen zitterten. Die grelle Vorabendsonne schickte ihre schrägen Strahlen in unser Klassenzimmer, bei mir aber, in meinem kleinen Zimmer links vom Vorraum, wohin Touchard mich schon vor einem Jahr aus dem gemeinsamen Raum der „Grafen- und Senatorenkinder“ verbannt hat, sitzt ein Gast. Ja, ich, der Elternlose, hatte ganz unerwartet Besuch bekommen, zum erstenmal, seitdem ich bei Touchard war. Ich hatte diesen Besuch sofort erkannt, schon in der Tür: es war Mama. Und doch hatte ich sie nur als Dreijähriger gesehen, als sie mich damals in die Dorfkirche gebracht hatte, wo ich die Taube durch die Kuppel fliegen sah. Wir saßen zusammen in meinem Zimmerchen, und ich musterte sie verstohlen. Erst später, viele Jahre nachher, erfuhr ich, daß sie damals – Werssiloff war ins Ausland gereist und hatte sie allein zurückgelassen – daß sie damals mit ihrem eigenen spärlichen Gelde und aus eigenem Wunsch und Willen nach Moskau gereist war, fast heimlich und gegen den Willen derer, in deren Obhut er sie zurückgelassen hatte, und das alles nur, um mich wiederzusehen. Sonderbar war auch, daß sie, nachdem sie mit Touchard gesprochen hatte und von ihm zu mir geführt worden war, mir selbst kein Wort davon sagte, daß sie meine Mutter sei. Sie saß neben mir, und ich weiß noch, es wunderte mich, daß sie so wenig sprach. Sie hatte ein Bündelchen bei sich und knüpfte es auf: darin waren sechs Orangen, einige Lebkuchen und zwei gewöhnliche Franzbrote. Diese Franzbrote beleidigten mich geradezu, und ich bemerkte mit gekränkter Miene, wir hätten hier eine sehr gute „Kost“, und zum Tee bekäme ein jeder von uns ein ganzes Franzbrot.

„Nimm schon vorlieb, Kindchen, ich hab’ ja nur so in meiner Einfalt gedacht: vielleicht gibt man ihnen da in ihrer Schule nicht gut zu essen. Nimm nun schon vorlieb, Kindchen.“

„Antonina Wassiljewna (Touchards Frau) wird es auch übelnehmen. Und die Mitschüler werden über mich lachen …“

„Dann willst du sie nicht annehmen? oder vielleicht ißt du sie doch?“

„Meinetwegen, lassen Sie sie hier …“

Aber ich rührte nichts an; die Orangen und Lebkuchen lagen vor mir auf dem Tischchen, ich aber saß da mit niedergeschlagenen Augen und einer Miene, die sehr viel persönliche Würde ausdrücken sollte. Wer weiß, vielleicht wollte ich es vor ihr auch gar nicht verbergen, daß ihr Besuch mich vor meinen Mitschülern bloßstellte; ich wollte sie das vielleicht doch ein wenig fühlen lassen, damit sie begriffe, was das heißt: „Siehst du, du blamierst mich und begreifst das nicht einmal selbst!“ Oh, ich lief schon damals mit der Bürste hinter Touchard her, um das letzte Stäubchen von seinem Rock zu entfernen! Ich stellte mir auch vor, wieviel Spott ich, wenn sie erst fortgegangen wäre, von den anderen Jungen zu ertragen haben würde und vielleicht auch von Touchard selbst, – deshalb war nicht das geringste gute Gefühl für sie in meinem Herzen. Nur heimlich betrachtete ich ihr dunkles, bescheidenes, wohl auch schon altes Kleid, ihre ziemlich derben, fast verarbeiteten Hände, ihre ganz einfachen Stiefel und ihr stark abgemagertes Gesicht; auf ihrer Stirn bildeten sich schon feine Falten; und doch sagte Antonina Wassiljewna am Abend zu mir, als meine Mutter schon wieder fortgegangen war: „Ihre maman muß einmal sehr gut ausgesehen haben.“

So saßen wir in meinem Zimmerchen, als auf einmal Agafja hereinkam und auf einem Präsentierteller eine Tasse Kaffee brachte. Es war nach dem Mittag, und Touchards pflegten um diese Zeit in ihrem Wohnzimmer Kaffee zu trinken. Aber Mama dankte und nahm die Tasse nicht: wie ich später erfuhr, trank sie damals überhaupt keinen Kaffee, weil sie davon Herzklopfen bekam. Nun hielten aber Touchards in ihren Herzen schon die Erlaubnis, daß meine Mutter mich sehen durfte, für eine ungeheure Gnade, so daß die Tasse Kaffee, die sie noch meiner Mutter schickten, in ihren Augen schon eine Art Großtat der Menschenliebe war, die ihre Herzensbildung und europäische Fortgeschrittenheit aufs schlagendste bewies. Und nun hatte Mama gerade diese Tasse Kaffee abgelehnt!

Ich wurde zu Touchard gerufen, und er sagte mir, ich solle alle meine Hefte und Bücher nehmen und sie meiner Mutter zeigen: „Damit sie sieht, wieviel Kenntnisse Sie in meiner Anstalt erworben haben“. Antonina Wassiljewna schob schmollend die Lippen vor und sagte gekränkt und spöttisch:

„Ihrer maman scheint unser Kaffee nicht zugesagt zu haben.“

Ich suchte meine Hefte zusammen und ging mit ihnen an allen „Grafen- und Senatorensöhnen“, die sich im Klassenzimmer zusammendrängten und meine Mutter und mich betrachteten, vorüber ins kleine Zimmer zu Mama, die mich erwartete. Und siehe da, ich fand sogar Gefallen daran, Touchards Befehl mit buchstäblicher Genauigkeit auszuführen. „Dies hier sind Lektionen aus der französischen Grammatik, dies hier sind Diktate, dies hier sind Konjugationen der Hilfszeitwörter avoir und être,[58] dies hier ist Geographie, Beschreibungen der Hauptstädte Europas und aller Weltteile“ usw. Ich erklärte ihr das alles wohl eine halbe Stunde lang oder noch länger, erklärte mit eintönigem Kinderstimmchen, den Blick sittsam gesenkt. Ich wußte, daß Mama von den Wissenschaften keine Ahnung hatte, vielleicht nicht einmal schreiben konnte, aber gerade deshalb gefiel ich mir in meiner Rolle. Doch ermüden konnte ich sie nicht: sie hörte mir die ganze Zeit unverändert zu, ohne mich zu unterbrechen, und sogar mit ungeheurer Aufmerksamkeit, ja fast Ehrfurcht, so daß es schließlich mir selbst langweilig wurde und ich aufhörte; übrigens war ihr Blick traurig, und in ihrem Gesicht lag etwas Schmerzliches.

Endlich erhob sie sich, um fortzugehen; da kam aber gerade Touchard herein und erkundigte sich bei ihr mit lächerlich wichtiger Miene, ob sie mit den Fortschritten ihres Sohnes zufrieden wäre. Mama wußte nicht, was sie sagen sollte, stammelte irgend etwas und dankte ihm dann, und als auch Antonina Wassiljewna herzukam, bat sie sie beide, mich, „den Waisenknaben“ doch nicht zu verlassen, „er ist doch so gut wie verwaist, seien Sie seine Wohltäter …“ Und mit Tränen in den Augen verneigte sie sich vor ihnen, vor jedem besonders und mit einer tiefen Verbeugung, ganz so, wie „einfache“ Leute sich verneigen, wenn sie stolze Herrschaften um irgend etwas bitten. Touchards hatten das offenbar nicht erwartet; Antonina Wassiljewna war sogar etwas gerührt und änderte wohl ihre Ansicht über die Ablehnung der Tasse Kaffee. Touchard dagegen erwiderte mit noch größerer Wichtigkeit und nahezu selbst ergriffen von so viel „Humanität“ seinerseits, daß er „zwischen den Kindern keinen Unterschied mache, hier seien alle seine Kinder und er ihr Vater, und ich stände bei ihm fast auf der gleichen Stufe mit Senatoren- und Grafensöhnen, und das dürfe man nicht unterschätzen“ usw. Mama verneigte sich nur, schien aber verwirrt zu sein; schließlich wandte sie sich an mich und sagte mit Tränen in den Augen: „Leb wohl, Jungchen!“

Und sie küßte mich, das heißt, ich erlaubte ihr, mich zu küssen. Sie hatte sichtlich das Vergnügen, mich immer wieder zu küssen, mich zu umfassen, an sich zu drücken, aber war es nun, daß sie sich vor den Menschen schämte, oder daß ein bitteres Gefühl sich ihrer bemächtigte, oder daß sie erriet, daß ich mich ihrer schämte, – jedenfalls ging sie, nachdem sie sich nochmals vor Touchards verneigt hatte, eilig zur Tür. Ich stand und rührte mich nicht.

„Mais suivez donc votre mère,“ sagte Antonina Wassiljewna zu mir, „il n’a pas de cœur cet enfant!“[59]

Touchard zuckte dazu nur mit den Achseln, was natürlich so viel sagte wie: „Du siehst, ich behandle ihn doch nicht ohne Grund wie einen Bedienten.“

Ich folgte gehorsam meiner Mutter; wir traten auf die Treppe hinaus. Ich wußte, daß sie jetzt alle durch das Fenster uns nachsahen. Mama wandte sich zur Kirche und bekreuzte und verneigte sich dreimal; ihre Lippen bebten. Vom Turm kam tiefer, volltönender Glockenklang, schlug sicher an und summte. Mama wandte sich zu mir zurück, und – da konnte sie sich nicht mehr bezwingen: sie legte beide Hände auf meinen Kopf und brach in Tränen aus und weinte über meinem Haupt.

„Mamachen, nicht … schämen Sie sich doch … Die anderen sehen durch das Fenster …“

Sie fuhr auf und sagte eilig, sich fast überstürzend:

„Ja, ich geh schon … Gott … Gott beschütze dich … mögen die Engel dich behüten, die heilige Mutter Gottes und der heilige Nikolai, der Gottesknecht … Gott, lieber Gott!“ murmelte sie schnell und bekreuzte mich immer wieder, immer wieder, als könne sie in der Eile mich nicht genug segnen. „Mein Jungchen, du mein Lieber! Wart, Jungchen …“

Sie griff schnell mit der Hand in ihre Kleidertasche und holte ein blaukariertes Tüchlein hervor, von dem ein Zipfel zu einem Knoten gebunden war, und sie versuchte eilig, diesen Knoten zu lösen … es gelang ihr aber nicht …

„Nun, tut nichts, nimm’s mit dem Tüchelchen: es ist ganz sauber, sieh, vielleicht kannst du’s brauchen, es sind vier Zwanziger drin, vielleicht hast du mal ein bißchen Geld nötig, verzeih, Jungchen, mehr hab’ ich gerade selber nicht … verzeih, Jungchen.“

Ich nahm das Tüchlein, wollte aber schon bemerken, daß wir von Herrn Touchard und Antonina Wassiljewna alles bekämen, was wir brauchten und ich folglich nichts nötig hätte, doch ich unterdrückte diese Bemerkung und nahm das Tüchlein mit dem Gelde von ihr an.

Sie bekreuzte mich noch einmal, flüsterte noch einmal ein Gebet, und auf einmal – auf einmal verneigte sie sich auch vor mir, ganz wie oben vor Touchards, – es war eine tiefe, langsame, lange Verneigung – nie werde ich das vergessen! Ich zuckte zusammen und wußte selbst nicht, warum. Was wollte sie mit dieser Verneigung sagen? Wollte sie vielleicht „ihre Schuld vor mir bekennen?“ wie ich mich später einmal fragte, lange nachher, – ich weiß es nicht. Damals aber schämte ich mich deshalb noch viel mehr; denn „die sehen doch alles durch das Fenster, und Lambert wird mich noch mehr hauen,“ dachte ich.

Endlich verließ sie mich. Die Orangen und Lebkuchen hatten die Grafen- und Senatorensöhne schon vor meiner Rückkehr verspeist, und die vier Zwanziger nahm mir sogleich Lambert weg: für diese achtzig Kopeken kauften sie in der Konditorei Kuchen und Schokolade und aßen alles allein auf; mir boten sie nicht einmal etwas an.

Es verging ein halbes Jahr, und der windige, regnerische Oktober war gekommen. An meine Mutter dachte ich gar nicht mehr. Oh, damals war bereits Haß, dumpfer Haß gegen alles in mein Herz gedrungen und hatte es ganz durchtränkt; zwar bürstete ich noch immer Touchards Kleider, aber ich haßte ihn schon aus aller Kraft, und mit jedem Tage wurde mein Haß noch größer. In dieser Zeit machte ich mich einmal an einem trübseligen Abend daran, ich weiß selbst nicht warum, in meiner Schublade zu kramen, und da erblickte ich plötzlich in einer Ecke ihr blaukariertes Batisttüchlein; es lag dort, wie ich es damals hineingeworfen hatte. Ich zog es hervor und betrachtete es mit einer gewissen Neugier: der eine Zipfel verriet noch deutlich den Knoten und hatte sogar noch einen glatten runden Abdruck von der Größe eines Zwanzigers; übrigens legte ich das Tüchlein wieder an dieselbe Stelle zurück und schob die Schublade zu. Es war am Abend vor einem Feiertage und die Glocke von der nahen St. Nikolaikirche läutete zur Messe. Die anderen Zöglinge waren schon nach dem Mittag nach Haus gefahren, nur Lambert war diesmal geblieben und blieb auch den ganzen Feiertag über da – aus irgendeinem bestimmten Grunde hatte man ihn nicht abgeholt. Zwar schlug er mich noch wie früher, aber er machte mich damals auch schon in vielen Dingen zu seinem Vertrauten, und als solchen hatte er mich nötig. Wir sprachen den ganzen Abend von Pistolen des Systems Lepage, von denen weder er noch ich jemals eine gesehen hatten, von tscherkessischen Säbeln und wie man mit ihnen dreinhaut, und dann, wie schön es doch wäre, eine Räuberbande zu gründen, und zu guter Letzt ging Lambert wieder auf sein Lieblingsthema über, auf die bewußten schändlichen Geschichten, die ich, obschon ich mich im geheimen darüber wunderte, doch sehr gern anhörte. An diesem Abend aber konnte ich sie nicht mehr ertragen, und ich sagte, ich hätte Kopfschmerzen. Um zehn Uhr gingen wir zu Bett. Ich zog meine Decke über den Kopf und holte dann unter dem Kissen ihr blaues Tüchlein hervor: eine Stunde vorher hatte ich es, ich weiß nicht weshalb, wieder aus der Schublade geholt und, da unsere Betten schon aufgedeckt waren, unter mein Kopfkissen gesteckt. Ich drückte es gleich an mein Gesicht, und plötzlich begann ich es zu küssen: „Mama, Mama,“ flüsterte ich, und die Erinnerung preßte mir wie ein Schraubstock die Brust zusammen. Ich schloß die Augen und sah ihr Gesicht mit den bebenden Lippen, als sie sich vor der Kirche bekreuzt und nachher über mir das Kreuz geschlagen hatte, und ich, ich hatte in diesem Augenblick zu ihr sagen können: „Schämen Sie sich doch … Die anderen sehen durch das Fenster!“ „Mamachen, liebe Mama, einmal im Leben bist du bei mir gewesen … Mamachen, wo bist du jetzt, du liebe, du mein lieber Gast aus der Ferne? Denkst du jetzt noch an deinen armen Jungen, zu dem du einmal gekommen bist? … Zeig dich mir doch noch einmal, erscheine mir wenigstens im Traum, nur damit ich dir sagen kann, wie ich dich liebe! Ich will dich nur umfassen und deine blauen Augen küssen, will dir nur sagen, daß ich mich deiner jetzt gar nicht mehr schäme, daß ich dich auch damals schon liebte und mein Herz mir weh tat, als ich so dasaß wie ein Bedienter! Niemals wirst du erfahren, Mama, wie ich dich damals geliebt habe! Mamachen, wo bist du jetzt? Hörst du mich? Mama, liebe Mama, weißt du noch, wie das Täubchen dort in der Dorfkirche durch die Kuppel flog?“

„Zum Teufel … Was fehlt ihm, daß er einen nicht schlafen läßt!“ brummte Lambert wütend in seinem Bett. „Wart nur, ich werde dich …!“ Er springt aus dem Bett, kommt zu mir gelaufen und will mir die Bettdecke wegreißen, ich aber habe mich ganz in sie hineingewickelt und halte sie krampfhaft fest.

„Er heult! Was weinst du, Dummkopf? So’n Schaf! Da hast du eins!“ – und er haut mich, haut mich immer stärker, auf den Rücken, in die Seite, die Schläge werden immer schmerzhafter und … und auf einmal schlage ich die Augen auf …

Der Morgen graut schon, auf dem Schnee und an der Mauer blitzen weiße Eisnadeln … Ich sitze zusammengekauert, halb noch bewußtlos, halb erfroren in meinem Pelz, und über mich beugt sich jemand, weckt mich, schimpft dabei laut und stößt mich mit der Fußspitze schmerzhaft in die Seite. Ich sehe auf: es ist ein Herr in einem kostbaren Bärenpelz, auf dem Kopf eine Zobelmütze; er hat schwarze Augen, einen pechschwarzen gepflegten Backenbart, eine gebogene Nase, blendend weiße Zähne, ein weißes Gesicht und rote Wangen: fast ein Maskengesicht … Er beugt sich ganz nah zu mir herab, und bei jedem Wort fliegt sein Atem in der Kälte wie Dampf.

„Erfroren! Teufel! Besoffene Fratze! Steh auf, erfrierst sonst wie ein Hund, steh auf! Steh auf!“

„Lambert!“ schreie ich.

„Wer bist du?“

„Dolgoruki!“

„Zum Teufel, was für ein Dolgoruki?“

„Einfach Dolgoruki! … Bei Touchard … Der, dem du im Restaurant die Gabel in den Schenkel gestoßen hast!“

„Ha–a–a!“ ruft er aus und lächelt, sich erinnernd, ein langes, verwundertes Lächeln (sollte er mich wirklich vergessen haben?) „Ha! also du bist es, du!“

Er hilft mir aufstehen, stellt mich auf die Füße; ich kann kaum stehen, kaum mich bewegen, er führt mich, stützt mich mit dem Arm. Er sieht mir in die Augen, scheint nachzudenken, um sich zu erinnern und horcht aufmerksam auf mein Gestammel, und ich stammle ununterbrochen und so schnell ich kann, und ich bin so froh, so froh, daß ich sprechen kann, und bin froh, daß es gerade Lambert ist. Erschien er mir nun als mein „Retter“, oder klammerte ich mich deshalb so an ihn, weil ich ihn in dem Augenblick für einen Menschen aus einer anderen Welt hielt, – ich weiß es nicht, ich dachte nicht darüber nach, – ich hielt mich an ihm fest, ohne mir Rechenschaft zu geben, warum und weshalb ich es tat. Ich weiß auch nicht, was ich sprach, ich erinnere mich keines Wortes, doch es wird wohl nichts Vernünftiges gewesen sein; denn ich konnte ja kaum ein Wort verständlich hervorbringen; aber er war ganz Ohr. Irgendwo erblickte er einen Schlitten, rief den Kutscher an, und wenige Minuten später saß ich in einem warmen Zimmer.

III.
Jeder Mensch, wer er auch sei, hat unter seinen Erinnerungen sicherlich eine an ein besonderes Erlebnis, das er für etwas mehr oder weniger Phantastisches, Außergewöhnliches, wenn nicht gar Wunderbares hält oder zu halten geneigt ist, gleichviel, ob das nun ein Traum, eine Begegnung, eine Weissagung oder eine Vorahnung oder sonst etwas von der Art ist. Ich für mein Teil bin auch heute noch geneigt, mein Zusammentreffen damals mit Lambert für ein Ereignis von nahezu mystischer Bedeutung zu halten … wenigstens was die Umstände und die Folgen des Zusammentreffens anbelangt. Übrigens war dabei von seiner Seite alles auf die natürlichste Weise zugegangen: er war ganz einfach von seiner nächtlichen Beschäftigung (welcher Art dieselbe war, soll später erklärt werden) halbbetrunken nach Hause gegangen, und als er in dieser Querstraße beim Tor einen Augenblick stehengeblieben war, hatte er mich erblickt. In Petersburg hielt er sich erst seit kurzer Zeit auf.

Das Zimmer, in das er mich gebracht hatte, war ein nicht großes, spärlich möbliertes Petersburger Chambre garnie[60] mittlerer Güte. Das stach insofern von ihm ab, als seine Kleider wirklich gut und teuer waren. Auf dem Fußboden standen zwei kleine Koffer, die erst zur Hälfte ausgepackt waren. Eine Ecke des Zimmers war durch einen Schirm abgeteilt, hinter dem ein Bett stand.

„Alphonsine!“ rief Lambert.

„Présente!“[61] antwortete hinter dem Schirm eine plärrende Frauenstimme mit deutlichem Pariser Akzent, und es dauerte nicht länger als höchstens zwei Minuten, da hüpfte hinter dem Schirm Mademoiselle Alphonsine hervor, die gerade aus dem Bett kam und schnell in ein paar Kleidungsstücke und in eine Morgenjacke geschlüpft war, – ein sonderbares Geschöpf, lang und mager wie ein Holzspan, brünett, mit einer langen Taille, einem langen Gesicht, unruhigen Augen und eingefallenen Wangen, – ein furchtbar verlebtes Frauenzimmer!

„Schnell!“ rief Lambert (ich übersetze, er sprach Französisch mit ihr), „die Leute hier müssen ihre Teemaschine schon aufgestellt haben, – schnell heißes Wasser, Rotwein und Zucker, auch ein Glas, aber schnell, er ist beinah erfroren … Er ist mein Schulkamerad … er hat die Nacht draußen im Schnee zugebracht …“

„Malheureux!“[62] rief sie aus und schlug mit einer theatralischen Gebärde die Hände zusammen.

„Still! Wirst du wohl …!“ schrie Lambert sie drohend an, wie einen Hund; sie unterließ sofort alle weiteren Gebärden und lief hinaus, um seinem Befehl nachzukommen.

Er besah und betastete mich, fühlte mir auch den Puls, legte die Hand auf meine Stirn, an meine Schläfen.

„Unbegreiflich ist mir,“ brummte er, „daß du nicht erfroren bist … Allerdings warst du ganz im Pelz, auch dein Kopf war zugedeckt, hocktest da wie in einer Pelzhöhle …“

Das heiße Getränk tat mir gut, ich schluckte gierig und fühlte mich sogleich wie neubelebt; ich begann auch gleich wieder zu sprechen, zusammenhanglos stammelnd. Ich saß halb liegend in der Diwanecke und sprach unaufhörlich, sprach atemlos, aber was ich sprach, dessen entsinne ich mich wiederum fast gar nicht, und manches habe ich sogar vollständig vergessen, weshalb in meiner Erinnerung an diese Stunden große Lücken sind. Wie gesagt: wieviel er von meinem Gerede verstanden hat, das weiß ich nicht, aber eines ist mir nachher doch ganz klar geworden: soviel wird er immerhin verstanden haben, daß er in der Begegnung mit mir sogleich die Möglichkeit eines Vorteils für sich erspäht hat … Ich werde später noch darauf zurückkommen, was für eine Berechnung er damals hat machen können.

Nach dem heißen Getränk wurde ich nicht nur sehr gesprächig, sondern zeitweise sogar fröhlich. Ich erinnere mich noch, wie die Sonne auf einmal ins Zimmer schien, als die Vorhänge weggezogen wurden, wie das Feuer im Ofen prasselte, nachdem jemand ihn angeheizt hatte – aber wer das getan hatte und wann und wie, das weiß ich alles nicht mehr. Auch erinnere ich mich eines auffallend kleinen schwarzen Bologneserhündchens, das Mademoiselle Alphonsine im Arm hielt und kokett an ihr Herz drückte. Dieses Hündchen gefiel mir so ausnehmend, daß ich sogar zu erzählen aufhörte und mich zweimal vorbeugte, ich glaube, um das Tierchen zu streicheln, aber das mißfiel Lambert, und auf einen Wink von ihm zog Alphonsina sich mitsamt dem Hündchen sofort hinter den Schirm zurück.

Er selbst war auffallend schweigsam, saß mir gegenüber, hatte sich sogar stark zu mir vorgebeugt und hörte mir gespannt zu; hin und wieder erschien langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht, und er lächelte lange und kniff dabei die Augen zusammen, als suche er hinter den Zusammenhang des Gehörten zu kommen; jedenfalls schien er angestrengt nachzudenken. Das einzige, wessen ich mich von meiner Erzählung noch ganz klar erinnere, ist, daß ich mich, als ich ihm von dem „Dokument“ erzählte, auf keine Weise verständlich auszudrücken und die Geschichte zusammenhängend wiederzugeben vermochte, und daß ich dabei an seinem Gesicht sah, wie gern er diese wirre Geschichte verstanden hätte, bis er mich schließlich sogar mit einer Frage unte